Kapitel XXX

Kapitel XXX

Es war ein Juniabend. Die Sonne war längst gesunken, aber alle Dinge schwammen noch in milder Klarheit. Der Vollmond hing im schimmerigen Abendhimmel, aber es ging kein Scheinen von ihm aus in den taghellen nordischen Abend.

Die breite, lichte Scheibe hatte etwas Geisterhaftes in dem geheimnisvoll stillen Abendlicht. Auf der lichten, spiegelnden Fläche waren Lars und Peter bei der Arbeit. Vom Ufer kam der Duft der glänzenden Hollunderblüten und ferner, weicher Vogelgesang. Unbewußt hatte die beiden der Frieden eingesponnen, daß sie kein Wort sprachen und manchmal in der Arbeit inne hielten und sich umsahen.

„Sieh, da kommt doch wahrhaftig von draußen ein Boot.“ Peter zog die Riemen ein und starrte vor Verwunderung.

Lars legte das Netzzeug aus der Hand und sah sich um. „Was will der bei dem Wetter?“ sagte er böse.

„Werden draußen wohl die besten Fischplätze belegt haben, da versucht er’s hier.“

„Ist aber gegen die Abmachung.“ —

„Sieh, jetzt da drüben, wo Kords fischt,der geht wieder Anker hoch und läuft quer über.“

„Er soll nur nicht wieder anfangen mit dem Vorlaufen, das ist nicht das Rechte.“

„Er tut’s aber doch und sieh, da muß der andere wieder Kurs ändern. — Nun geht er da auch noch vor. — Der andere muß ganz nach der andern Seite kreuzen.“

Lars nahm die Netze wieder hoch. „Heute hat er das Recht ja eigentlich auf seiner Seite. Aber so macht’s nur böses Blut. Das ist nicht das Rechte. Ich will’s ihm sagen.“ —

Am nächsten Tage ging Lars zu Kords hin. Und er warnte ihn, daß er es nicht wieder tun solle. Aber Kords fuhr auf und fragte, ob sich Lars jetzt als Herr aufspielen wolle. Er sei sein eigener Herr und wolle es bleiben. Und er schrie so laut, daß noch ein paar Männer, die beim Segelfärben standen, herankamen.

Und sie standen zu Lars und gaben Kords alle Unrecht. Lars blieb ganz ruhig dabei, aber es kam doch so weit, daß Kords Lars die Arbeit für den Winter aufsagte. —

Auf dem Heimwege kam Lars ins Sinnen. Es tat ihm leid, daß Kords mit ihm gebrochen hatte, aber all seine harten, wilden Worte hatten Lars darum nicht weiter getroffen.Und daß die andern zu ihm standen, fest und zornig wie zu ihrem Könige, darüber mußte er lächeln. Das hätte ihn früher alles durchschüttelt in Zorn und stolzer Freude. Jetzt war es so, als ginge es ihn nicht viel an. Er wußte jetzt, daß er etwas zu wirken hatte hier in seiner Welt, das kein anderer für ihn tun konnte. Aber er grübelte und sann nicht mehr darüber nach. Er ging nur Schritt vor Schritt und wußte, daß er irgendwo ein Ziel erreichen werde. Und es war ein stilles Freuen in ihm, wie er in den lichten Abend hineinsah.

***

Zum Winter hatte Lars einen Mann in sein Boot genommen, der im Sommer auf der Ziegelei, weiterhin im Lande, arbeitete. Die Ziegeleiherren dort in der Gegend waren Dänen, und sie übten ein strammes Regiment. Da hatten einige von Streiken geredet und waren Genossen geworden. Aber die stöhnten wieder über die Abgaben und das Dreinreden der fremden Führer; und es half den Arbeitern auch nichts.

Es waren aber im Winter unter den Fischern viele, die im Sommer Maurer oder Ziegeleiarbeiter waren. Und mit der Zeitkamen sie zu Lars und sprachen mit ihm. Sie sahen, wie sich die Fischereivereinigung untereinander schützte und half. Da meinten sie, die Arbeiter könnten auch so einen Halt finden und sich an die Fischer angliedern.

„Darüber muß ich erst nachdenken,“ sagte Lars. „Vielleicht kann ich euch dann raten.“

Und er saß lange und sprach mit Peter darüber. „Sieh, wenn das so aus ihnen herauswächst, der Wunsch, Peter, dann mag da was dran sein, ich habe ja immer an so was gedacht. Wenn sie auch gemeinsam Geld zurücklegten, wie wir, und ruhige, ordentliche Leute aus ihrer Mitte zu Führern hätten. — Was meinst du, Peter?“

„Ja, wozu eigentlich, Lars? Was soll es ihnen nützen?“

„Dann wüßten sie, wo ihr Geld bleibt, und wenn so eine große Menge fest zusammenhält, wagt sich die Parteihetzerei nicht so leicht heran.“

Peter nickte bedächtig vor sich hin. Dann saßen sie auch noch eine Weile und sannen, denn das Entschließen wuchs langsam bei ihnen aus schwerem, ernstem Denken heraus.

Der scharfe, harte Wind war in dem Herbst irgendwo in blauduftigen Fernen schlafen gegangen. Die gelben Blätter an den Buchenzweigen hoben sich an jedem Morgen wieder lautlos aus dem lichten Nebel und wiesen um Mittag wie goldene Finger in das durchsichtige Blau hinein. Ganz unmerklich breitete es sich wie ein abgelegtes Kleid von matten Wunderfarben um den moosig grünen Fuß. Und in den Knicks leuchtete an jedem Tage neue jauchzende Buntheit. Tiefrote Blätter und grelle Beerenbüschel, die in die Sonne hineinlachten wie ein heller Trompetenstoß. Daneben strebten späte, gelbe Blüten nach einer letzten, sonntäglichen Daseinsfeier. Aber im stillen, lauen Wasser hatten die Fischer mühsame Arbeit. Der Hering hielt sich in der Wärme nur kurze Zeit nach dem Fang, und der kleine Fischdampfer hätte an allen Enden zugleich sein sollen. Bis das Boot mit den Fischen zu den ausgemachten Sammelstellen kam, wo der Dampfer hielt, da drohte der Hering schon zu faulen. Denn manche Fischer hatten einen weiteren Weg, weil die Anlegestelle nach der Mehrzahl bestimmt war.

Kords hatte sich mit dem roten Trollsen zusammengetan, und die zwei Männer taten in zwei Booten die Arbeit von vieren. Nun verlangten sie, daß der Dampfer dicht bei ihrenFischplätzen anlegen solle. Aber sie bekamen den Bescheid, daß für zwei Männer der ganze Ertrag nicht benachteiligt werden könne. Da gerieten sie in Zorn und kamen zu Lars. Sie trafen ihn bei Mutter Stina. Und die kleine, alte Mutter Stina sank ganz in sich zusammen, als die lauten, zornigen Männer vor Lars hintraten. Der große, starke Fischer stand ganz still und fast gleichgültig, als sie ihm die Fäuste vors Gesicht hielten.

„Du wolltest bloß der Herr sein — nun hast du uns betrogen! Wir wollen unser Geld wieder haben,“ brüllten sie ihm ins Gesicht.

Es war nichts mit ihnen zu machen, und sie traten aus der Vereinigung aus und verlangten Zinsen für das Geld, das sie zum Fischdampfer gegeben hatten. Die Zinsen bekamen sie auch; aber das Ganze machte viel böses Blut unter den Fischern. Auch hielten sich Kords und Trollsen an keine Regel mehr und störten, wo sie konnten. Sie fuhren sogar außen vor die Bucht, um in das Fischwasser von Kords Todfeind zu kommen. Dazu mußten sie fast die ganze Nacht auf dem Wasser liegen. Aber es gelang ihnen doch oft, und bei dem warmen Wasser war der weitere Weg für den andern eine böse Sache.

Da kam der auch und beklagte sich. Und als die Vereinigung gegen die beiden Wilden nichts machen konnte, schimpfte er auch darauf und drohte mit dem Austritt.

Im Winter wurde alles wieder ruhiger, und die Verhandlungen mit den Ziegelei- und andern Landarbeitern fingen an. Sie wählten schon ruhige, verständige Männer aus ihrer Mitte, die sollten alles mit Lars bereden, und im nächsten Herbst, wenn die Ziegeleiarbeit zu Ende war, sollten feste Beschlüsse gefaßt werden.


Back to IndexNext