(Sie verlieren sich hinter dem Hause.)
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Zimmer in Prokops Hause. An der linken Seite ein Fenster. Gegenüber eine Türe. Im Hintergrunde zwei andere, worunter eine Glastüre, die nach dem Söller führt.
Lukrezia. (tritt aus der Seitentüre links).Es kommt der Tag, allein mein Vater nicht.Ich hörte schießen, schrein, Geklirr der WaffenUnd er verläßt sein Kind in dieser Not.O daß die Männer nur ins Weite streben!Sie nennen's Staat, das allgemeine Beste,Was doch ein Trachten nach dem Fernen nur.Gibt's denn ein Bestes, das nicht auch ein Nächstes?Mein Herz sagt nein, nächstpochend an die Brust.(Ans Fenster tretend.)Nun ist es ruhig und der graue ScheinVom Ziskaberg verkündet schon die Sonne.(Rasch umgewendet.)Hör ich Geräusch und kehrt mein Vater heim?
(Die Glastüre des Söllers öffnet sich und Don Cäsar tritt ein.)
Don Cäsar. Viel Glück ins Haus!
Lukrezia. O Gott, so schaut das Unglück!
Don Cäsar. Erschreckt nicht holde Maid! Ich bin es selbst;Und bin's auch nicht. Die Asche nur des Feuers,Das einst für Euch geglüht, Ihr wißt wie heiß;Der Schatten nur des Wesens das ich war.Und selbst der letzte Schimmer dieses Daseins,Der noch ins Dunkel strahlt, das Leben heißt,Kommt zu verlöschen mir in dieser Nacht.Ich geh in Kampf und weiß ich werde fallen,Die Ahnung trügt nicht wenn vom Wunsch erzeugt.Was soll ich auch in dieser wüsten Welt,Ein Zerrbild zwischen Niedrigkeit und Größe;Verleugnet von dem Manne der mein Vater,Mißachtet von dem Weib das ich geliebt.—Erzittert nicht! Davon ist nicht die Rede.Die Leidenschaften und die heißen Wünsche,Die mich bewegt, sie liegen hinter mir,Ich habe sie begraben, eingesargt.Was ist es auch—ein Weib? Halb Spiel, halb Tücke,Ein Etwas, das ein Etwas und ein Nichts,Je demnach ich mir's denke, ich, nur ich.Und Recht und Unrecht, Wesen, Wirklichkeit,Das ganze Spiel der buntbewegten Welt,Liegt eingehüllt in des Gehirnes Räumen,Das sie erzeugt und aufhebt wie es will.Ich plagte mich mit wirren Glaubenszweifeln,Ich pochte forschend an des Fremden Tür,Gelesen hab ich und gehört, verglichen,Und fand sie beide haltlos, beide leer.Vertilgt die Bilder solchen Schattenspiels,Blieb nur das Licht zurück, des Gauklers Lampe,Das sie als Wesen an die Wände malt,Als einz'ge Leidenschaft der Wunsch: zu wissen.Laßt mich erkennen Euch, nur deshalb kam ich;Zu wissen was Ihr seid, nicht was Ihr scheint.Denn wie's nur eine Tugend gibt: die Wahrheit,Gibt's auch ein Laster nur: die Heuchelei.
Lukrezia. Mir aber dünkt, der Heuchler, wie Ihr's nennt,Zeigt mindstens Ehrfurcht vor dem Heil'gen, Großen,Das Eure Wahrheit leugnet wenn sie's schmäht.
Don Cäsar. So seid Ihr Heuchlerin?
Lukrezia. Ich war es nie.
Don Cäsar. Ich fürchte doch: ein bißchen, holde Maid.Als ich, nun lang, zum erstenmal Euch sah,Da schien mir alle Reinheit, Unschuld, TugendVereint in Eurem jungfräulichen Selbst;Zeigt wieder Euch mir also, laßt mich glauben!Und wie der Mann der abends schlafen gehtVon eines holden Eindrucks Macht umfangen,Er träumt davon die selig lange Nacht,Und beim Erwachen tritt dasselbe BildIhm mit dem Sonnenstrahl zugleich vors Auge.So gebt mir Euch, Euch selber auf die ReiseVon der zurück der Wandrer nimmer kehrt.Kein Weib, ein Engel; nicht geliebt, verehrt.
Lukrezia. Wie ohne Grund Ihr mich zu hoch gestellt,So stellt Ihr mich zu tief nun ohne Grund.
Don Cäsar. Nicht doch, nicht doch!—Ihr stießet mich zurück.Ich mußt' es dulden, manchen Fehls bewußt.Doch seht, da war ein Mann, Belgioso hieß er,Ein Heuchler und ein Schurk'
Lukrezia. Er war es nicht.
Don Cäsar. Verteidigt Ihr ihn denn?
Lukrezia. Wer klagt ihn an?
Don Cäsar. Ich, der ich ihn gekannt.—Er hielt zu mir;In all dem Treiben das mit Recht man tadelt,Im wilden Toben war er mein Genoss'.Doch ging er hin und zeigt' es heimlich anUnd brachte mich um meines Vaters Liebe.
Lukrezia. Der laute Ruf erspart' ihm diese Müh'.
Don Cäsar. Die Welt hat Recht zum Tadel, nicht der Freund.Doch plötzlich kehrt' er sichtlich mir den Rücken,Zu gleicher Zeit betrat er Euer Haus.
Lukrezia. Er war der Freund des Vaters, nicht der meine.
Don Cäsar. Als Freund des Vaters denn nahmt Ihr ihn auf,Doch als der Eure, denk ich, kam er wieder,War Mitbewohner fast in diesem Haus,Bei Tag, bei Nacht.
Lukrezia. Zu Abend wollt Ihr sagen,Im Beisein meines Vaters, anders nie.
Don Cäsar. Ich aber stand genüber auf der StraßeMit Reif und Schnee bedeckt und sah emporZum Fenster, wo die Schatten GlücklicherWie Mücken flogen um den Strahl des Lichts.Da endlich kam der Tag, der ihn bestrafte.
Lukrezia. Erinnert Ihr mich noch an seinen Tod?
Don Cäsar. Nicht ich tat's, noch geschah's um meinetwillen,Das Euch zu sagen kam zumeist ich her.Feldmarschall Rußworm, zwar mein Freund und Lehrer,Doch Täter seiner Taten er allein,Im Streit, beim Spiel, was weiß ich? oder sonstHat ihn besiegt in ehrlichem GefechtWie's Edelleute pflegen und Soldaten.Und wißt Ihr welches Los ward meinem Freund?Der Kaiser ließ auf offnem Marktplatz ihmDas Haupt vom Rumpfe trennen, angesichtsDes ganzen Volks, beinah vor meinen Augen.Gedenk' ich jenes Tags, so gärt's in mir,Und blutige Gedanken werden wach.Stünd' er vor mir der heuchelnde Verräter,Nicht damals tat ich's, aber jetzt geschäh's:Das Schwert bis an das Heft in seiner Brust,Bezahlt' er mir die Schrecken jener Stunde.
Lukrezia. O Gott, wer rettet mich?
Don Cäsar. Seid nicht besorgt!Mir ist's, sagt' ich, um Wahrheit nur zu tun.Glaubt nicht auch, daß mich Eifersucht bewegt!Die Eifersucht ist Demut, ich bin stolz,Verachtung liegt mir näher als der Haß.Doch daß Ihr von erlogner Tugend HöheHerabseht auf die Welt, auf mich, auf alle,Den gleichen Fehl verhehlend in der Brust,Das soll nicht sein. Fluch aller Heuchelei!Sagt mir, ich liebt' ihn den geschiednen Freund,Ich liebt' ihn, weil sein Antlitz zart und weiß,Ich liebt' ihn, weil sein Haar von Salben duftend,Ich liebt' ihn, weil ich töricht, albern, schwach,Sagt's, und ich laß Euch frei.
Lukrezia. Ich liebt' ihn nicht;Nur Gott hat meine Liebe und mein Vater.
Don Cäsar. Recht gut, recht schön!—Doch wes ist dieses Bild—Ich bin vertraut mit Eures Hauses Räumen—(die Seitentüre öffnend)Wes ist das Bild das hängt an jener Wand,Vom Licht der Lampe buhlerisch beschienen?Ist's Belgiojosos nicht? Ertappt, ertappt!
Lukrezia. Mein Vater hängt' es hin.
Don Cäsar. Und Ihr Madonna,Ihr rücktet Euern Schemel zum GebetHart an das Bild, daß wenn die Lippen beten,Das Herz zugleich schwelgt in Erinnerungen,Erinnerungen die—Und wenn ich tot,Lacht an der Seite eines neuen BuhlenIhr mein und meiner Liebe, wie Ihr lachtetAn Belgiojosos Hand.
(Lukrezia entflieht ins Seitengemach.)
Cäsar. Nicht dort hinein!Nicht dort hinein vor meines Feindes Bild,Des Heuchlers, Heuchlerin!—Ringst du die HändeZu ihm als deinem Heil'gen?(Er hat eine Pistole aus dem Gürtel gezogen, die er jetzt in der Richtungder offnen Türe abschießt.)Folg ihm nach!—Was ist geschehn?(In die Türe blickend.)Weh mir!—O meine Taten!
(Er wirft sich auf ein Knie, die Augen mit den Händen bedeckend.—EinHauptmann kommt mit Soldaten.)
Hauptmann. Hier fiel ein Schuß und er ist in der Nähe.
Prokop (der sich durch die Soldaten drängt).Lukrezia mein Kind!(An der offenen Türe.)Oh! greulich, gräßlich!(Er stürzt hinein, die Türe schließt hinter ihm.)
Hauptmann (Don Cäsar emporrichtend).Wir suchten Euch!
Don Cäsar. Nun denn Ihr habt gefunden.Gibt's Richter noch in Prag?
Hauptmann. Es gibt sie wieder.Der Feind hinausgeschlagen aus der Stadt,Kehrt Ordnung und das Recht zurück von neuem.
Don Cäsar. So richtet mich! Erspart mir selbst die Müh'.(Er geht auf die Hintertüre zu, von den Soldaten gefolgt.)
Prokop (in der Seitentüre erscheinend).Hieher, hieher! Vielleicht ist Hilfe möglich.
(Einige Diener, die während des Vorigen gekommen sind, folgen ihm insSeitengemach.—Alle ab.)
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Garten im königlichen Schlosse auf dem Hradschin. In der Mitte desHintergrundes ein Ziehbrunnen mit einem Schöpfrade.
Heinrich Thurn und Graf Schlick kommen mit einigen bewaffneten Bürgern.
Thurn. Stellt Wachen aus, besetzt die äußern Pforten!Von hier aus ließ den Feind man in die Stadt,Darum bewahrt vor allem den Hradschin.
(Die Bürger gehen.)
Schlick. Scheint's doch ein Wunder fast, daß wir gerettet.
Thurn. Das Wunder war der Mut, die TapferkeitDer wackern Bürger unsrer Altstadt Prag.Der Feinde Plan war listig angelegt.Hier oben von Verrätern eingelassen,Drang ihre Schar nur langsam, zögernd vor,Als ob den Widerstand der Gegner scheuend;Doch desto schneller fliegt durch SeitengassenIhr Reitertrupp der Moldaubrücke zu,Die Altstadt, wohl im Schlaf noch, überfallend.Schon füllt die Brücke sich mit Roß und Mann,Schon dringen, die zuvörderst, in die Stadt;Da fällt mit eins das Gitter vor das TorUnd von dem Turm aus Büchsen und KartaunenErgießt sich Feuer auf die wilde Schar.Die Rosse bäumen und die Reiter stürzen,Der Vortrupp weicht, der Nachzug drängt nach vorn,Ein unentwirrter Knäuel füllt die BrückeEntladend in die Moldau sein Gedräng';Bis endlich Schrecken, mächt'ger als die Raubgier,Nach rückwärts treibt den lauten Menschenstrom,Sich überstürzend und den Nachbar schäd'gend,Ins eigne Fußvolk bricht die Reiterei,Daß unsern Bürgern, die im Ausfall folgen,Die Mühe nur des Schlachtens übrig bleibt.Die Wege die er kam, verfolgt der Rückzug,Und Bürgertreue schließt die Einbruchspforte,Die Rachsucht öffnete und der Verrat.
Schlick. Doch sind sie stark noch außen vor der Stadt.
Thurn. Seid unbesorgt! Der räuberische DurchzugVon Passau her durchs obre ÖsterreichBis fern nach Böhmen, blieb nicht unbewacht,So wie er unvorhergesehen nicht.Von ringsum sammeln sich die Garnisonen,Der Landmann greift zur Wehr, und der Erzherzog,Mathias, derzeit noch von Ungarn König,Und bald von Böhmen, denk ich, etwa auchEr ist zur Hand, rasch folgend ihrer Ferse.Ja nur, weil nicht gewachsen ihm im Feld,Versuchten sie heut nacht den Überfall.Von hier verdrängt, ihr Zufluchtsort verloren,Zerstäubt in alle Winde bald die Schar.
Schlick. Allein was tun wir selbst?
Thurn. Man wirbt um euch.Verhaltet euch wie die verschämte Braut,Der neue Freier bringt euch neue Gaben.
(Herzog Julius kommt mit einem Hauptmanne, der einen Schlüssel trägt.)
Julius. Ihr Herrn ist das wohl Fug und Recht? Man stelltIm Schlosse Wachen wie in Kerkermauern,Selbst vor des Kaisers fürstliches Gemach.Man fordert ab die Schlüssel aller Pforten,Des Eingangs Freiheit und des Ausgangs hemmend.Zuletzt noch diesen, der vor allem nötig.Er führt zum Turm, in den man rück Don CäsarDen unglückselig wildverworrnen brachte,Im Wahnsinnfieber gen sich selber wütend.Die Ärzte haben, Blut mit Blut bekämpfend,Die Adern ihm geöffnet an dem Arm.Er braucht des Beistands und des freien Zutritts,Drum fordr' ich diesen Schlüssel hier von Euch.
Thurn. Doch deucht mich, daß Don Cäsar, eben er,Verbunden mit den Räubern heute nacht,Teilnahm an all dem Greuel der geschah,Weshalb er in Gewahrsam nur mit Recht.
Julius. Der Richter wird erkennen seine Schuld.
Thurn. Man weiß noch nicht wer Richter hier im Land.
Julius. Doch wohl nicht Ihr?
Thurn. Verhüt' es Gott!Doch auch nicht jene, die des Unheils Stifter,Als schuldig etwa selber sich gezeigt.Wir harren eines Höhern, der schon naht.Allein damit Ihr seht, daß Euer WertAls Fürst des Reiches und als EhrenmannAuch hier im fernen Böhmen anerkannt;Nehmt diesen Schlüssel; ob zwar auf Bedingung:Daß nur der Eintritt und für Ärzte nur,Nicht auch der Austritt etwa gar für ihnGeknüpft an diesen Bürgen seiner Haft.
Julius. Ich dank Euch edler Graf, und bin erbötigZu gleichem Dienst, kommt Ihr in gleichen Fall.Doch jetzt nehmt Euern Abschied, wenn's beliebt.Von fern seh ich des Kaisers Majestät,Den Ihr vertrieben aus der Burg Gemächern,Gönnt ihm den Atem in der freien Luft.
Thurn. Die Luft ist frei für jeden, doch die BurgVerschließt man gern vor Untreu und Verrat.(Er entfernt sich mit seinem Begleiter.)
(Der Kaiser kommt, von Rumpf und einigen begleitet von der linken Seite.Er bleibt vor einem Blumenbeete stehen.)
Rumpf. Die Blumen sind zum guten Teil geknickt,Das tat der böse Sturm in heut'ger Nacht.
(Der Kaiser winkt bestätigend mit dem Kopfe.)
Rumpf. Den Sturmwind mein ich eben, Majestät.
(Der Kaiser hat sich nach vorn bewegt, jetzt bleibt er stehen und fährt mit dem Stabe einige Male über den Boden.)
Rumpf. Der Fußtritt vieler Kommenden und Geh'ndenHat arg gehaust in dieses Gartens Wegen.Des Gärtners Rechen gleicht es wieder aus.
Beliebt's Euch nun den Tieren nachzusehn,Die in den Käfigen der Füttrung harren?Der Löwe nimmt die Nahrung nur von Euch,Die Wärter sagen, daß gesenkten HauptsEr leise stöhnt, wie einer der betrübt.
(Der Kaiser hat den Herzog von Braunschweig bemerkt und hält ihm dieHand hin.)
Julius (auf ihn zugehend).Mein Kaiser und mein Herr!
(Er will ihm die Hand küssen, der Kaiser zieht sie zurück und hält sie, als zum Handschlag, wieder hin.)
Julius (des Kaisers Hand mit beiden fassend).Nun denn: willkommen!Mich freut das Wohlsein Eurer Majestät.
(Der Kaiser lacht höhnisch.)
Julius. Nach Wolken, sagt ein Sprichwort, kommt die Sonne,Die Sonne aller aber ist das Recht.
(Der Kaiser weist mit dem Stabe gen Himmel.)
Julius. Nicht nur dort oben, auch schon, Herr, hienieden.Denn selbst der Bösewicht will nur für sichAls einzeln ausgenommen sein vom Recht,Die andern wünscht er vom Gesetz gebunden,Damit vor Räuberhand bewahrt sein Raub.Die andern denken gleich in gleichem FalleUnd jeder Schurk' ist einzeln gegen alle;Die Mehrheit siegt und mit ihr siegt das Recht.Wär's anders, Herr, die Welt bestünde nichtUnd alle Bande des gemeinen WohlsSie wären längst gelöst von Eigennutz.In Eurem Fall: glaubt Ihr, des Reiches FürstenSie werden ruhig zusehn dem Verderben hier,Nicht böses Beispiel für sich selbst befürchten?Selbst Euer Volk—
(Ein Bürger, nachlässig bewaffnet, die Muskete auf der Schulter tritt von der linken Seite auf, betrachtet die Anwesenden und kehrt auf einen Wink Herzog Julius' wieder zurück. Der Kaiser fährt zusammen.)
Rumpf. Es sind die Wachen—Die Leibwacht freilich nicht der Königsburg—Vielmehr die Bürger, die man ausgestellt,Weil sie behaupten, daß hier vom HradschinDen Feind man eingelassen in die StadtUnd weil man Tor und Pforte will verwahren.
(Der Kaiser droht heftig mit dem Finger in die Ferne.)
Julius. O scheltet nicht den Neffen der Euch liebt!Erzherzog Leopold, glaubt mir o Herr,Er fühlt das Unglück tiefer als Ihr selbst.Er war bei mir als schon der Kampf entschiedenUnd bat mich, nassen Augs, ihn zu vertretenOb seiner Wagnis, die der Zufall nur,Ein mißverstandener Befehl vereitelt,Sonst wart Ihr frei und Herr in Euerm Land.Er geht nach Deutschland, um des Reiches StändeZum Schutze zu vereinen seines Herrn.Zugleich die andern Fürsten Eures Hauses—(Zu Rumpf.) Ward es gemeldet schon?(Auf eine entschuldigende Gebärde Rumpfs.)Sie sind uns nah.Sie kommen heut nach Prag um als VermittlerZu schlichten diesen unheilvollen Zwist,Dabei auch, wie Ihr früher selbst begehrt,Abbittend der verletzten Majestät,Genugzutun für alles was sie selbstIn guter Meinung früherhin gesündigt.Die Welt sie fühlt die Ordnung als BedürfnisUnd braucht nur ihr entsetzlich GegenteilIn voller Blöße nackt vor sich zu sehn,Um schaudernd rückzukehren in die Bahn.
(Der Kaiser zeigt auf die Erde, wiederholt mit dem Stabe auf den Boden stoßend und entfernt sich dann auf Rumpf gestützt nach dem Hintergrunde. —Ein Diener von der rechten Seite kommend, halblaut zu Herzog Julius.)
Diener. Um Gottes willen gebt den Schlüssel, Herr!
Julius. Was ist?
Diener. Die Ärzte fordern Einlaß zu Don Cäsar.
(Der Kaiser hat sich umgewendet und blickt forschend nach den Sprechenden.)
Rumpf. Der Kaiser wünscht zu wissen was die Sache.
Julius. Man hat Don Cäsar in den Turm gebracht,Wo als Erkranktem, der dem Wahnsinn nahe,Die Adern man geöffnet ihm am Arm.
Diener. Er aber tobte an dem EisengitterUnd rief nach einem Richter, um Gericht,Er wolle leben nicht; bis plötzlich, jetzt nur,Er den Verband sich von den Adern riß.Es strömt sein Blut und die verschloßne TürVerwehrt den Eintritt den berufnen Ärzten.Gibt man den Schlüssel nicht ist er verloren.
Julius (den Schlüssel aus dem Gürtel ziehend).Hier nimm und eil.
(Der Kaiser winkt mit dem Finger.)
Julius. Allein bedenkt, o Herr!
(Da der Kaiser den Schlüssel genommen hat und sich damit entfernt, ihm zur Seite folgend.)
Von einem Augenblick hängt ab sein Leben,Und nicht sein Leben nur, sein Ruf, sein Wert.Ihm selbst und jedem andern der ihm nah,Liegt nun daran, daß er vor seinen RichternErläutre was er tat und was ihn trieb,Daß nicht wie ein verzehrend, reißend Tier,Daß wie ein Mensch er aus dem Leben scheide,Wenn nicht gereinigt, doch entschuldigt mindstens.Ihm werde Spruch und Recht.
Der Kaiser (der auf den Stufen des Brunnens stehend, den Schlüssel hinabgeworfen hat, mit starker Stimme). Er ist gerichtet, Von mir, von seinem Kaiser, seinem— (mit zitternder, von Weinen erstickter Stimme) Herrn!
(Er wankt nach der linken Seite von Rumpf unterstützt, ab.)
Julius (auf die Stufen des Brunnens tretend und hinabsehend).Es ist umsonst! Don Cäsar ist verloren.Sprengt auf die Tür!—Und doch, es ziemt uns nichtDem Urteil vorzugreifen seines Richters.—O daß er doch mit gleicher FestigkeitDas Unrecht ausgetilgt in seinem Staat,Als er es austilgt nun in seinem Hause.Geht nur, es ist geschehn.
Hinder der Szene wird gerufen. Halt da! Zurück!
Julius. Was dort?Der Kaiser aufgehalten von den Wachen?Legst du die Hand an ihn, an den Gesalbten?Das soll nicht sein, so lang ich leb und atme.Mein letztes Blut für ihn. Zurück die Hände!Sonst zahlst du deine Frechheit mit dem Tod.
(Er geht, die Hand am Schwert, nach der linken Seite ab.)
VerwandlungGemach in der Burg wie zu Anfang des dritten Aufzuges. Die nischenartigeVertiefung rechts im Hintergrunde mit einem herabgelassenen Vorhangebedeckt.
Thurn und Schlick kommen, ein Arbeiter mit Schurzfell hinter ihnen.
Thurn. Ward jeder Ausgang nach Geheiß verschlossen?Hier ist noch eine Tür.
Arbeiter (den Vorhang wegziehend und an einer in der Mauer befestigtenSpange zurückschlagend).Sie ist nicht mehr.Mit starken Bohlen hat man sie verrammelt,Sie hält so fest nun als die feste Wand.
Thurn. Geht immer nur und seht nach außen zu.
(Arbeiter ab.)
Thurn. Vor allem liegt daran, daß unser König,Der aus sich selbst wohl Schlimmes nie begehrt,Nicht von Verrätern heimlich weggebrachtZur Fahne diene feindlichem Beginn.
Schlick. Allein, mein Freund, wir ehren unsern König,Und das geht weiter als die Absicht war.
Thurn. Die Absicht, Freund, ist ein vorsicht'ger ReiterAuf einem Renner feurig, der die Tat,Den spornt er an zu hastigem Vollzug.Hat er das Ziel erreicht, zieht er die ZügelUnd meint nun wär's genug. Allein das Tier,Von seiner edlen Art dahingerissenUnd von dem Wurf des Laufes und der Kraft,Es stürmt noch fort durch Feld und Busch und Korn,Bis endlich das Gebiß die Glut besiegt.Da kehrt man denn zurück.
Schlick. Wenn's dann noch möglich.
Thurn. Wenn nicht, dann nur kein Trost von Zweck und Absicht,All was geschehn das hast du auch gewollt.Doch nahen Tritte; wohl der Kaiser selbst,Laß uns noch sehen nach der äußern Pforte.
(Sie gehen durch die Türe links.)(Der Kaiser kommt auf Rumpf gestützt, Herzog Julius geht vor ihm her.)
Julius. Verzeiht o Herr, der Wachen Unverstand.Der Mann, den man zur Obhut hingestellt,Erkannt' Euch nicht.
(Der Kaiser nickt höhnisch mit dem Kopfe.)
Julius. Er folgte dem Befehl,Der jedermann den Zutritt untersagte.
(Der Kaiser erblickt den verschlossenen Eingang zum Laboratorium und zeigt mit dem Stocke darauf hin.)
Rumpf (den zurückgeschlagenen Vorhang herablassend).Besorgnis wohl für Eure Sicherheit,Man will den Eingang Unberufnen wehren.
Rudolf. Den Eingang? Sag den Ausgang! Mir. Dem Kaiser.Ich bin's und fühle mich als Herrn, obgleich in Haft.Drum fort von mir du menschlich naher Schmerz,Gib Raum dem Ingrimm der verletzten Würde.Und weißt du wer's getan? Nicht daß mein BruderDie Hand erhoben wider meine Krone;Ich hab ihn nie geliebt und er ist eitel,Er tat nach seinem Wesen, obgleich schlimm.(Ans Fenster tretend.)Doch diese Stadt. Schau wie sie üppig liegtGeziert mit Türmen und mit edlem BauVerschönt durch Kunst was Gott schon reich geschmückt.Und mein Werk ist's. Hier war mein Königssitz.Für Prag gab ich das lebensvolle Wien,Den Sitz der Ahnen seit des Reiches Wiege.Die heuchlerische Stille tat mir wohlWeil selbst ich still und heimisch gern in mir.Gehütet wie den Apfel meines AugesHab ich dies Land und diese arge Stadt,Und während alle Welt ringsum in Krieg,Lag einer blühenden Oase gleichEs in der Wüste von Gewalt und Mord.Doch bist du müde deiner HerrlichkeitUnd stehst in Waffen gegen deinen Freund?Ich aber sage dir: wie eine böse BeuleDie schlimmen Säfte all des Körpers anzieht,Zum Herde wird der Fäulnis und des Greuls,So wird der Zündstoff dieses Kriegs zu dir,Der lang verschonten nehmen seinen Weg,Nachdem du ihm gewiesen deine Straßen.In deinem Umfang kämpft er seine Schlachten,Nach deinen Kindern richtet er sein Schwert,Die Häupter deiner Edlen werden fallen,Und deine Jungfraun, losgebundnen Haars,Mit Schande zahlen ihrer Väter Schande.Das sei dein Los und also—fluch ich dir!—Die du die Wohltat zahlst mit bösen Taten.
Wo ist mein Stock? Die Kniee werden schwach,Laßt niemand ein! ich höre Stimmen drauß,Wer immer auch, ein Feind ist's und Verräter.
(Die Erzherzoge Maximilian und Ferdinand erscheinen in der Türe.)
Rumpf. Es sind die Herrn Erzherzoge. O Wonne!
Rudolf. Ihr seid es? Bruder du? Willkommen Vetter!Nehmt Sitz! Ihr kommt in wunderlicher Zeit.(Er hat sich gesetzt.)Was Neues in der Welt? Zwar stets dasselbe:Das Alte scheidet und das Neue wird.Kommt ihr zum Taufschmaus oder zum Begräbnis?
Ferdinand. Eh' wir uns setzen, so erlaubt daß knieendAbbitte wir für das Vergangne leisten,Den Willen unterstellend für die Tat.
(Die Erzherzoge knien.)
Rudolf. Vom Boden auf!—Und du mein guter BruderSprichst nicht?
Max. Mir ist das Weinen näher.Auch kniet sich's schwer mit meines Körpers Last.
Rudolf. Vom Boden auf! Soll unser edles HausVor jemand knieen als vor seinem Gott?Ist einer tot so liegt er auf dem Grund,Doch lebend kniet kein Mann und kein Erzherzog.
(Die beiden sind aufgestanden.)
Rudolf. Sollt' ich euch strenger richten als mich selbst?Wir haben's gut gemeint, doch kam es übel.Das macht: dem reinen Trachten eines Edlen,Kann er's nicht selbst vollführen, er allein,Mischt von der Leidenschaft, der bösen SelbstsuchtDer andern, die als Werkzeug ihm zur Hand,So viel sich bei, daß, hat er nun vollbracht,Ein Zerrbild vor ihm steht statt seiner Tat.Ich habe viel gefehlt, ich seh es ein,Seitdem ich aus den Nebeln, die am Gipfel,Herabgestiegen in das tiefe Tal,In dem das Grab liegt als die letzte Stufe.Ich hielt die Welt für klug, sie ist es nicht.Gemartert vom Gedanken droh'nder Zukunft,Dacht' ich die Zeit von gleicher Furcht bewegt,Im weisen Zögern seh'nd die einz'ge Rettung.Allein der Mensch lebt nur im Augenblick,Was heut ist kümmert ihn, es gibt kein morgen.So rannten sie hinein ins tolle Werk,Und ihr, ihr ranntet nicht, allein ihr gingt.Ich tadl' euch nicht, ihr wart besorgt ums Ganze,Nicht böse Selbstsucht hat euch irrgeführt.Nur einen tadl' ich, den ich hier nicht nenne;Den ich verachtet einst, alsdann gehaßt.Und nun bedaure als des Jammers Erben.Er hat nur seiner Eitelkeit gefrönt,Und dacht' er an die Welt, so war's als Bühne,Als Schauplatz für sein leeres Heldenspiel.
Max (vom Stuhle aufstehend).Gerade darum, Bruder, sind wir hier.Es muß der böse Zwist zum Abgrund kehren,Und Recht dir werden, der du rechtlich bist.
Rudolf. Davon kein Wort! Der König ist dahin.Ich geb ihn auf. Allein das KönigtumMöcht' ich der Welt erhalten, der's vonnöten.Mein Bruder herrscht in Ungarn und in Östreich,Er will's in Böhmen auch, nicht künftig, jetzt.Wohlan es sei darum; denn keine TeilungVerträgt was alle Teile eint zum Ganzen.Ich selbst, wie einst mein Oheim, Karl der Fünfte,Als er die Welt, wie sie nun mich, zurückstieß,Im Kloster von Sankt Justus in HispanienDen Tod erwartete, so will auch ich.Es währt nicht lang, ich fühl es wohl, denn UndankGräbt tiefer als des Totengräbers Spaten;Und Kloster sei und Zelle mir dies Schloß.Mathias herrsche denn. Er lerne fühlen,Daß tadeln leicht und Besserwissen trüglich,Da es mit bunten Möglichkeiten spielt;Doch handeln schwer, als eine Wirklichkeit,Die stimmen soll zum Kreis der Wirklichkeiten.Er sieht dann ein, daß Satzungen der MenschenEin Maß des Törichten notwendig beigemischt,Da sie für Menschen, die der Torheit Kinder.Daß an der Uhr, in der die Feder drängt,Das Kronrad wesentlich mit seiner Hemmung,Damit nicht abrollt eines Zugs das Werk,Und sie in ihrem Zögern weist die Stunde.Ihr selbst wart um mein Herrscheramt bemüht,Mehr fast als gut. Sorgt auch für ihn.Allein bedenkt: der auf dem Throne sitzt,Er ist die Fahne doch des Regiments,Zerrissen oder ganz, verdient sie Ehrfurcht.
Fernand, du glaubst dich stark, und bist es auch,Vor allem wenn du meinst für Gott zu streiten.Sei's gleicherweis auch sonst, und stark, nicht hart!Was dir als Höchstes gilt: die Überzeugung,Acht sie in andern auch, sie ist von Gott,Und er wird selbst die Irrenden belehren.Des Menschen Innres wie die AußenweltHat er geteilt in Tag und dunkle Nacht.Das Aug' ertrüge nicht beständ'ges Licht,Da führt er an dem Horizont heraufDie Dunkelheit mit ihrer holden Stille,Wo die Empfindung aufwacht, das GefühlUnd süße Schauer durch die Seele schreiten.Doch immer Nacht, wär' schlimmer noch als nie,Und was du weißt, weißt du durch Tag und Licht.
Ich selber war ein Mann der Dunkelheit.Von ihren Streitigkeiten angeekelt,Floh ich dahin allwo die frühsten MenschenZuerst erkannten ihres Lebens Meister.Vom Hügel auf zu den Gestirnen blickendUnd ihre stät'ge Wiederkehr betrachtend,Erscholl's in ihrer Brust: es ist ein GottUnd ewig die Gesetze seines Waltens.Seitdem hat er sich kundig offenbartUnd übertönt die Stimmen der Natur,Doch in der Stille klingen sie noch nach,Und als er selbst als Mensch zu Menschen kam,Da sandt' er einen Stern, und jene Weisen,Sie ließen ruhen ihrer Weisheit Dünkel,Und folgten jenem Zeichen bis zur Hütte,Wo schon die Hirten standen und die EngelAus weiter Ferne: Friede, Friede sangen.—Ist hier Musik?
Julius. Wir hören nichts, o Herr.
Rudolf. Nun denn, so ist's der Nachklang von der Weihnacht,Die mir herübertönt aus ferner Zeit,An die ich glaube und im Glauben sterbe.—Nicht Stern, nur Gott!—Wer bist denn du,Du flammender Komet? Nur Dunst und Nebel.—Nun Frieden auch mit dir, mit allen Frieden.—Wie hold es klingt und fort und fort und weiter!—
Max. Sein Geist beginnt zu schwärmen.
Ferdinand. Laßt uns gehn!Versöhnen was zu sühnen ist, und dannIhm schützend stehn zur Seite, Wächtern gleich.
Rumpf. Ach wir empfehlen Euch den frommen Herrn.
(Die Erzherzoge gehen.)
Rudolf. Und einig, einig seid! Das Neue drängt.Die alternden Geschlechter sterben aus,Das Band gelöst, bricht es die einzelnen.
Rumpf. Sie sind schon fort.
Rudolf. Schon fort? Nun, um so besser!Mir ist so leicht, so wohl. Gebt mir nur Luft!Ich will ans Fenster.
Rumpf. Herr, wir leiten Euch.
Rudolf. Was fällt dir ein? Ich fühle Jugendkraft.(Er versucht aufzustehen.)Doch ist's der Geist nur, meine Glieder wanken.Rückt einen Stuhl ins Fenster, ich will Luft.(Unterstützt ans Fenster gehend, zu Herzog Julius.)Siehst du? So lohnt die Welt für unsre Sorge.Sie saugt uns aus und findet uns dann welk,Indes sie prangt mit unsern besten Kräften.(Er sitzt.) Das Fenster auf!
Rumpf. Allein, o Herr, bedenkt!Ihr habt der Luft Euch sorglich stets verschlossen.
Rudolf. Nicht Kaiser bin ich mehr, ich bin ein MenschUnd will mich laben an dem Allgemeinen.Wie wohl, wie gut! Und unter mir die StadtMit ihren Straßen, Plätzen, voll von Menschen.
Julius. Und gabt Ihr erst den Fluch in Euerm Zorn.
Rudolf. Tat ich's? Nun ich bereu's. Mit jedem AtemzugSaug ich zurück ein vorschnell rasches Wort,Ich will allein das Weh für alle tragen.Und also segn' ich dich, verlockte Stadt,Was Böses du getan, es sei zum Guten.
Mein Geist verirrt sich in die Jugendzeit.Als ich aus Spanien kam, wo ich erzogen,Und man nun meldete, daß Deutschlands KüsteSich nebelgleich am Horizonte zeige,Da lief ich aufs Verdeck und offner ArmeRief ich: mein Vaterland! Mein teures Vaterland!—So dünkt mich nun ein Land in dem ein Vater—Am Rand der Ewigkeit emporzutauchen.—Ist es denn dunkel hier?—Dort seh ich LichtUnd flügelgleich umgibt es meinen Leib.—Aus Spanien komm ich, aus gar harter Zucht,Und eile dir entgegen,—nicht mehr deutsches,Nein himmlisch Vaterland.—Willst du?—Ich will!(Er sinkt zurück.)
Rumpf. Ruft Ärzte! Er hat öfter solchen Anfall.Der Herzschlag geht. Nach Ärzten, Hilfe, schnell!Und bringt ihn auf sein Bett in jene Kammer!Ich mag nicht denken, daß es Schlimmres wäre.
Julius (sich entfernend).Das Schlimmste kennt kein Schlimmres, er erlitt's.Der Kaiser starb, ob auch der Mensch genese.
Rumpf. Er lebt, ich fühl's. Faßt ihn nur sorglich an!
Julius (auf ihn zueilend).Mein edler, frommer, mildgesinnter Herr!
(Der Vorhang fällt.)
Fünfter Aufzug
Saal in der kaiserlichen Burg zu Wien.
Klesel steht wartend, Erzherzog Ferdinand tritt ein.
Ferdinand. Ist's endlich mir gegönnt, bei meinem Oheim,Mit dem ich sprechen muß, Gehör zu finden?
Klesel. Die Türe steht Euch offen jederzeit,Ihr seht ihn täglich, stündlich, wenn Ihr wollt.
Ferdinand. O ja, im Schwall des Hofs, bei Spiel, beim Tanz.Wohl auch im Kabinett, in Eurem Beisein.
Klesel. Er ist der Herr und ich sein Diener nur.Befiehlt er mir zu gehen, geh ich; bleibe,Wenn er mein Bleiben förderlich ermißt.
Ferdinand. Nur neulich sprach ich endlich ihn allein,Nur merkt' ich wohl aus den zerstreuten Blicken,Die stets er warf nach der Tapetentür,Daß jemand dort versteckt, der uns behorchte.Und Ihr wart's, mein ich; leugnet's wenn Ihr könnt.
Klesel. Wär' es geschehn, geschah es auf Befehl:Gehorchen schließt das Horchen selbst nicht aus.
Ferdinand. Wir aber wollen's länger nicht mehr dulden,Daß sich ein Fremder eindrängt zwischen unsUnd stört die Einigkeit von unserm Hause.War's darum daß wir uns Euch angeschlossenUnd gegen ihn den rechten güt'gen Herrn?So daß die Röte mir der Scham noch jetztIndem ich spreche aufsteigt bis zur Stirne.Da hieß es, daß ein Haupt dem Reich vonnöten,Daß nur mit festem Tritt und sicherm Aug'Der Ausweg sei zu finden aus den Wirren,In denen labyrinthisch geht die Zeit,Und wir, wir stimmten ein—wär's nie geschehn!Doch kaum erreicht das langersehnte Ziel,Gestillt die Gier des Herren und—des Dieners,Wankt man auf gleichem Irrweg durch den Wald,Und meint: sich regen sei schon weitergehn.
Klesel. Ihr irrt; ein fester Plan beherrscht das GanzeUnd jeder Schritt führt näher an das Ziel.
Ferdinand. Doch dieses Ziel, sag ich, es ist verderblich.Ausgleichung heißt's, Gleichgültigkeit für jedes;Vermengung des was Menschen ist und Gottes.Sagt selbst ob Euer Herr—
Klesel. Nur meiner?
Ferdinand. Meiner auch.Doch einen Abstand bildet wohl was nah und nächst.Sagt selbst: war er nicht heißer Tatendurst,Zu zügeln kaum und kaum zurückzuhalten,So lang die Krone lag im Reich der Hoffnung;Und nun, bedeckt mit ihr als einem HelmDen Szepter als ein Schwert in seiner HandSchläft er auf trägen Purpurkissen einUnd bringt die Zeiten Kaiser Rudolfs wieder.Ja schlimmer noch; denn jener war die WaageDie beide Teile hielt im Gleichgewicht;Ihr aber legt was Euch noch bleibt an SchwereDer einen Schale zu, und zwar der schlechten,Der gottverhaßten, der verderblichen.Ist nicht halb Österreich noch protestantisch,Mit Ketzern nicht besetzt ein jeglich Amt.Die hohe Schule, deren Rektor Ihr,Ertönt von Worten frecher Kirchenleugner.
Klesel. Wir suchen Wissen bei der Wissenschaft,Der Glaube wird gelehrt von gläub'gen Meistern.
Ferdinand. Fluch jedem Wissen, das nicht aufwärts gehtZu aller Wesen Herrn und einz'gem Ursprung.
Klesel. Von oben rinnt der Quell, doch rinnt er nicht zurück,Wo er das Licht betritt ist er schon Lauf, nicht Quelle.
Ferdinand. Seid Ihr derselbe der, ein Kirchenfürst,Berufen zur Verteid'gung ihrer Lehre?Der sie verteidigt auch, o ja ich weiß,Solang der Kirche Gold und Rang und AnsehnEuch noch ein Lohn schien, der des Strebens wert,Und habt, so sagt die Welt, nicht nur von Glaubensschätzen,Auch von den Schätzen dieser ird'schen WeltEin Artiges gehäuft in Euern Speichern.
Klesel. Man sieht sich vor; die Zeiten schlagen um.
Ferdinand. So mag der einzelne vielleicht sich trösten,Doch für den Staat gibt es kein einzelnes,Für ihn hängt alles an derselben Kette.Ja selbst die Mächte, die mit uns vereint,Die gleichen Wegs mit unsern ebnen Bahnen,Sie nehmen an der Lauheit ÄrgernisUnd ziehen sich zurück. Was bleibt uns dann?Hispanien, der Papst, das fromme Baiern.
Klesel. Von daher also kommt's? Mein hoher Herr,Es sorgt ein jeder doch zunächst für sich,Der Freund ist mehr als meiner noch sein eigner.Hispanien begehrt die NiederlandeDurch unsern Beistand und mit unserm Blut.Der Papst ist der Kompaß, des sichre NadelDie Richtung anzeigt uns zum fernen Pol;Allein die Segel stellen und das Ruder brauchen,Das überläßt er uns; wir hoffen so.Und endlich Baiern. Arglos frommer Herr,So seht ihr nicht wohin sein Streben geht?Ist Östreich erst verworren und geschwächt,Steht nichts in Weg ihm zu der Kaiserkrone.
Ferdinand. Der Baierfürst hegt gottesfürcht'gen Sinn,Das Wohl der Kirche sucht er, nicht sein eignes.
Klesel. Will einer erst die Herrschaft Gott verschaffen,Sieht er in sich gar leicht des Herren WerkzeugUnd strebt zu herrschen, damit jener herrsche,Auch ist der Seeleneifer und der EigennutzNicht gar so unvereinbar als man glaubt.Die Überspannung läßt zuweilen nach,Und wie der Adler, der der Sonne nächst,Holt er sich Kräftigung durch ird'sche Beute.Man meint's selbst von der Kurie in Rom.
Ferdinand. Ob Ihr nun sprecht was Euch und mir nicht ziemt,—Ihr nennt, ich weiß es, derlei Politik—Doch eins tut not in allen ernsten Dingen:Entschiedenheit; ob unser Ihr, ob nicht.
Klesel. Was nennt Ihr unser? Ich bin meines Herrn.Er ist mein Uns, mein Euch, mein Ich, mein Alles.Er ist entschieden und ich bin es auch.Doch wenn die Macht nicht einig wie der Wille,Wer trägt die Schuld als jene, die im DunkelnAm Hofe selbst sich bilden zur ParteiUnd die Parteiung in den Ländern nähren?In Böhmen selbst, wo man den MajestätsbriefErfüllen will, getreulich, ohne Hehl,Trifft jeder Auftrag Seiner MajestätAuf einen heimlich widersprechenden,Gegeben von den Nächsten seines Hauses.Die Utraquisten wollen Kirchen baun,Wozu sie Kaiser Rudolfs Brief berechtigt,Man hindert sie und stellt die Arbeit ein.
Ferdinand. Null ist der Majestätsbrief, als erzwungen.
Klesel. Erzwungen ist zuletzt ein jeder Friede;Der Schwächere gibt nach. Doch soll das SchwertNicht wüten bis zu völliger Vertilgung,Muß Friede werden, der nur Friede istWenn er gehalten wird, ob frei, ob nicht.Sie sollen Kirchen baun, so will's ihr König.
Ferdinand. Sagt doch vielmehr nur: Ihr.
Klesel. Nun also: Ich,Sofern mein Rat ein Teil von seinem Willen.Mich hat umsonst aus meiner NiedrigkeitDie Vorsicht nicht gestellt auf jene StufeZu der sonst nur Geburt und Gunst erhebt.Der Kirche Macht bekleidet mit dem Purpur,Der mich den Königen zur Seite stellt.Ich werde nicht vor Menschen feig erzittern,Und wären's Könige—im Land der Zukunft;Die nämlich kommen kann, nicht kommen muß.
Ferdinand. Da wär' zu zittern denn an mir?
Klesel. Niemand soll zittern!Vor allem der im Recht ist und der klug.
Ferdinand (auf die Kabinettstüre zugehend).Da ist denn einer nur der hier entscheidet.
Klesel (mit einer gleichen Bewegung).Ich bin bestellt.
Ferdinand. Und ich, ich bin berufen,Im Sinn der Schrift. Berufen und—erwählt,In Böhmen wenigstens als künft'ger König.
(Ein Kämmerling erscheint in der Kabinettstüre.)
Klesel. Sagt, daß wir warten hier, und sputet Euch!
(Der Kämmerling geht ins Kabinett zurück)(Klesel geht mit starken Schritten auf und nieder.)
Ferdinand (sich entfernend).Der Bauer steckt noch ganz in seinem LeibeMit des Emporgekommnen Übermut.
(Der Kämmerling kommt zurück.)
Ferdinand. Hat man gemeldet also?
Kämmerling (mit einer Einlaßbewegung).Eminenz.
(Klesel geht mit starkem Schritt ins Kabinett.)
Kämmerling. Entschuld'gen soll ich seine Majestät,Hochwicht'ge Nachricht sei aus Prag gekommen,Sie stehn zu Dienst wenn das Geschäft beendigt.
Ferdinand. Ich bin's gewohnt den Dienern nachzustehn.Wie ist's in Prag, vor allem mit dem Kaiser?
Kämmerling. Ein Anfall wie er öfter schon ihn traf,Nur stark wie nie, bedroht sein Leben, sagt man,Doch gibt man Hoffnung noch—für dieses Mal.
Ferdinand. Ich bete drum, denn er ist unsre Hoffnung,Der schutzlos selber, unser einziger Schutz.
(Kämmerling geht zurück.)
Ferdinand. Nun denn, der Augenblick der Tat, er kam.Stirbt Kaiser Rudolf, was wohl furchtbar nah,Und folgt Mathias auf dem deutschen Throne,Verdoppeln sich die furchtsamen Bedenken,Die ihm dies Schwanken in die Brust gelegt.Des Reiches Fürsten, ketzerisch zumeist,Hier Sachsen, Brandenburg, die böse Pfalz,Sie nötigen zu Schonung, schwachem DuldenUnd jene Spaltung setzt sich endlos fort,In der Gott selbst so wie sein Wort gespalten.
Vor allem jetzt muß dieser Priester fort,Des schlimme Schmeichelei, gehüllt in Derbheit,Ihn ehrlich nennt wo listig er zumeist.Des Leichtigkeit in Schrift und Wort und Tat,Ihn unentbehrlich macht, weil er bequemDie Herrschaft auflöst in die Unterschrift.
Jetzt oder nie! Seit Monden seh ich's kommen,Und der ich Festigkeit von andern fordre,Mir ringen Zweifel selber in der Brust.(Aus der Tasche seines Mantels Briefe hervorziehend.)Bin ich gewappnet nicht mit aller VollmachtVon Rom, von Spanien, dem kathol'schen Deutschland?Das böse Beispiel das ich etwa gebe,Es findet sich geheiliget im Zweck:Der Ehre Gottes und dem Sieg der Kirche.(Das Barett abnehmend.)So war dem Hohenpriester wohl zu MutAls er den Ahab tötete im Haus des Herrn.Er warf sich nieder vor der BundesladeWie ich jetzt beugen möchte hier mein KnieUnd Gottes Wink erflehn und seine Stimme.
Ich will noch einmal meinen Oheim sprechen,Ihm vor die Augen legen diese Briefe,Die alle fordern was das Heil von allen.Dann aber rasch, denn er ist wankelmütig!Der nächste Tag bringt einen andern SinnUnd die Gewohnheit ist das Band der Schwäche.(Die Türe im Hintergrunde öffnend.)Seyfried bist du bereit?
Seyfried Breuner (eintretend).Ich bin's seit lange.
Ferdinand. Nun diesmal gilt's. Besorg erst einen Wagen.
Seyfried. Des Klesel Kutsche, die ihn hergebracht,Hält unten noch im Hof.
Ferdinand. Um desto besser.Indes ich noch mit meinem Oheim spreche,Halt ihn zurück durch irgend einen Vorwand,Bis ich dir sage: jetzt! Dann schnell nach Kufstein.Merk wohl, er darf zurück nicht in sein Haus,Denn seine Schriften sind vor allem wichtig.Er kommt. Geh nur und sieh nach deinen Leuten.
(Seyfried ab.—Klesel kommt aus dem Kabinett.)
Ferdinand. Darf ich nun endlich meinem Oheim nahn?
Klesel. Er ging nur eben nach der Schloßkapelle,Doch kehrt er wieder, ehrt ihn der Besuch.
Ferdinand. Es ist kaum zehn, um eilf Uhr ist die Messe.
Klesel. Die Andacht bindet sich an keine Zeit.
Ferdinand. Nun das habt Ihr getan. Ich dank Euch drum.Ich forderte ein Zeichen erst vom Himmel,Ihr gebt das Zeichen selbst. Noch einmal: Dank!Das ist der Lohn der Schlauheit, daß sie feinDen Faden spinnt, bis er, am feinsten, bricht.Ihr sollt nach Kufstein, Herr!
Klesel. Nicht daß ich wüßte!Mir ist zu reisen weder Zeit noch Lust.
Ferdinand. Doch wenn Ihr müßt?
Klesel (sich dem Kabinette nähernd).Wer wagt hier zu gebieten?
Ferdinand. Ihr habt ja selbst den Schutz von Euch entfernt.Der König ist in seinen Zimmern nicht,Gesendet habt Ihr ihn nach der KapelleUnd seid gegeben nun in unsre Macht.Der Papst will Euch in Rom; deshalb nach Kufstein,Das annoch deutsch und auf dem Weg nach Welschland.
Klesel. Der König ruft zurück mich Augenblicks.
Ferdinand. Seid dessen wirklich Ihr so sicher?
Klesel.—Nein!Ihm hat die Herrschaft aufgedrückt die Makel,Die sie der Kön'ge besten nur erspart:Unsicherheit und Mangel an Entschluß.Doch später, wenn der Samen aufgegangen,Den man gesät in den entzweiten Landen,Verwirrung und Empörung, ja der KriegIn blutigroter Blüte wuchernd sprossen,Dann wird man pilgern hin zu Kufsteins Toren,Dann kehr ich heim in siegendem Triumph.
Seyfried (eintretend).Es drängt die Zeit.
Ferdinand. Sei immer ruhig, Freund,Er hat dafür gesorgt, daß uns sein HerrNicht vor der Zeit hier störe im Beginnen.Nun aber fort! Es ziemt nicht meiner WürdeDen Schergen hier zu spielen nebst dem Richter.Obwohl's mich freut, erquickt in meinem Sinn,—Nicht meinetwillen, nein um Gottes wegen—Im Staub zu sehn den Mann, der ihm getrotzt.Glück auf den Weg! Nach Kufstein also rasch!
(Durch die Mitteltüre ab.)
Klesel. Herr Seyfried, seht, ich war Euch stets ein Freund.
Seyfried. Drum habt Ihr meiner Schwester auch verweigertDie Pension, die ihr zu Recht gebührt.
Klesel. Sie soll sie haben, und verlangt ihr Gold,Nennt den Betrag bis dreißigtausend Kronen,Nur gönnt mir Aufschub, eine Viertelstunde.Laßt mich zu Hause ordnen noch Papiere,Man hat so viel was nicht für jeden taugt.
Seyfried. Ich bin vom selben Stoff wie meine Waffen:Die Faust von Eisen und die Brust von Erz.(Auf die Seitentüre links zeigend.)Dort unser Weg. Verlegt Euch nicht auf Bitten.
Klesel. Ihr mahnt mich recht. Ich habe hier gebotenUnd will nicht betteln um der Bettler Gnade.Vollführt denn die Befehle Eures Herrn,Der sich von Eisen fühlt, wie Euer HarnischSo oft ihn Glaubenseifer vorwärts treibt,Doch kommt's einmal zu menschlicher ZerwürfnisVor jedem zittern wird, der, starken SinnsSich dienend aufgedrungen ihm zum Herrn.Er wird mein Rächer sein. Ich ahn ihn schonUnd höre seine Tritte aus der Ferne.
Ein Diener (der die Mitteltüre öffnet, anmeldend).Herr Oberst Wallenstein.
Klesel. Hört Ihr den Namen?
Seyfried. Jetzt ist nicht Zeit zu sprechen. Dort hinaus!
(Aus der Seitentüre sind Trabanten herausgetreten.)
Klesel (zu Seyfried, der vorausgehen will).Zurück! Mir bleibt der Vorrang, wär's in Ketten.
(Er geht mitten durch die Trabanten ab. Seyfried folgt. OberstWallenstein ist eingetreten und sieht ihnen verwundert nach.Erzherzog Ferdinand kommt durch die Mitteltüre.)
Ferdinand. Wir freuen uns, Herr Oberst, Euch zu sehn.Ihr kommt aus Prag?
Wallenstein. Auf einem Umweg, ja.
Ferdinand. Wie steht's im Schloß?
Wallenstein. Verwirrung aller Orten.Man spricht von Krankheit, manche gar von Tod.
Ferdinand. Verhüt' es Gott!
Wallenstein. Er wird wohl etwa, denk ich.Allein im Land bedarf es unsre Sorge,Da ist das Unterste zuoberst, Herr.
Ferdinand. Vielleicht das Oberste zuunterst bald.
Wallenstein. Man hat den Bau der Kirchen eingestellt,Die ihnen zugesagt der Majestätsbrief.
Ferdinand. Das hat er nicht.
Wallenstein. Nun auch gut, also nicht.Allein sie glauben's und der Aufstand lodertIn Braunau, Pilsen, weit herum im Land.Schon bis nach Prag erstreckt sich die Bewegung.Der Mathes Thurn liegt dort im Hinterhalt.
Ferdinand. Und unsre Treuen, Martiniz, Slawata,Des Landes fromme Pfleger, dulden sie's?
Wallenstein. Sie haben Ärgeres bereits erduldet.Der Mathes Thurn ließ eben als ich abging,Nach einer alten Landessitte, sagt er,Sie aus den Fenstern werfen am Hradschin,Im vollen Landtag und im besten Sprechen.Doch sind sie unverletzt, seid unbesorgt.Sie haben noch gar höflich sich entschuldigtWeil nach dem Rang sie nicht zu liegen kamen,Zuoberst, weil zuletzt, der Sekretär.Betrachtet Böhmen drum als feindlich Land.
Ferdinand. Nun um so besser denn!
Wallenstein. Ihr seid mein Mann!Drum eben ist Gewalt Gewalt genannt,Weil sie entgegen tritt dem Widerstand.Und wie im Feld der Heeresfürst gebeut,Nicht fremde Meinung oder Tadel scheut,So sei auch in des Landes RegimentEin Gott, ein Herr, ein Wollen ungetrennt.Ich will nun noch zu Seiner Majestät.
Ferdinand. Laßt das auf später. Setzt für jetzt Euch hin,Schreibt die Befehle an die Garnisonen.
Wallenstein. Das ist bereits geschehn.
Ferdinand. Durch wen? und wann?
Wallenstein. Da auf den Stationen als ich herritt,Man mit den Pferden zögerte, wie's Brauch,Benutzt' ich jede Rast und schrieb die OrdersAn die entfernt gelegnen Truppen selbst,Sie teils nach Brünn, teils her nach Wien bescheidend.Erwartet heut noch die Dampierrschen Reiter,Kapraras Fußvolk auch ist wohl schon nah.Der Krieg hat Füße denn doch nur und HändeWenn er Geschwindigkeit mit Kraft vereint.
Ferdinand. Und das nahmt Ihr auf Euch?
Wallenstein. So sollt' ich nicht?
Ferdinand. Ich dank Euch, Herr; und denk Euch wohl zu brauchen,Wenn mich einst Gott auf diesen Thron gesetzt.Doch will ich mich auch hüten, nehmt's nicht übel,Daß Ihr nicht mehr mir dient, als lieb mir selbst.
Wallenstein. Wer kann wohl sagen, meint ein altes Sprichwort:Aus diesem Brunnen will ich niemals trinken!Die Zeit entscheidet da, Herr—und der Durst.
Erzherzog Ferdinand (die Mitteltüre öffnend).Herbei wer in den Vorgemächern draußenUnd treu es meint mit Östreichs edlem Haus.
(Mehrere treten ein.)
Ferdinand. In Prag hat sich der Pöbel, GlaubenspöbelErfrecht was nimmermehr zu dulden ziemt.Wer Christ und Edelmann ist aufgefordertZu ziehn mit uns für Gott und für das Recht.
Einige. Seht uns bereit!
Andere. Mit Gut und Blut und Leben!
Ferdinand. Besendet Tilly, schreibt an Baierns Herzog,Daß uns ihr Beistand sicher, wenn er not.
Obwohl für jedes Menschenleben gernIch einen Teil hingäbe meines Selbst,Will ich nicht ruhn, bis dieses böse SchlingkrautVertilgt in jeder Windung bis zum Kern.
(Trompeten in der Ferne.)
Wallenstein (ans Fenster eilend).Das sind, weiß Gott! schon die Dampierrschen Reiter.Die habt Ihr nun wie Würfel in der Hand.
(König Mathias kommt aus dem Kabinette.)
Mathias. Was sind das für Trompeten? und was soll's?
Ferdinand. Die Truppen, Herr, die sich nach Prag bewegen,Wo frecher Aufruhr uns die Stirne beut.
Mathias. Die Früchte das von dem geheimen Treiben,Das hinter unserm Rücken still bemüht.Schickt nach dem Kardinal!(Da die Angeredeten verlegen zurücktreten.)Was zögert ihr?
Ferdinand. Er ist nur eben abgereist nach Kufstein.
Mathias. In diesem Augenblick? Ist er von Sinnen?
Ferdinand. Gerad in diesem Augenblick, mein König.(Auf das Kabinett zeigend.)Gefällt's Euch hier ins Innre einzutreten,So leg ich Euch die Gründe dienstlich vor.
Mathias (streng).Sprecht öffentlich, damit ich offen richte.
Ferdinand (Schriften aus dem Mantel ziehend, halblaut).Die Briefe hier von Baiern, Spanien, Rom,Den einz'gen Stützen unsrer guten Sache,Die nur auf die Entfernung dieses MannsDen Beistand uns verheißen, den wir brauchen.Hier Oberst Wallenstein, er kommt aus PragUnd meldet uns, daß dort der Aufstand rege.Die Andersgläubigen der andern Länder,Erwarten nur das Zeichen solchen Ausbruchs,Um zu vereinen sich zu gleichem Trotz.Glaubt Ihr, daß wir mit unsern eignen Kräften(auf die Schriften zeigend)Nicht unterstützt von gleichgesinnten Mächten,Dem Sturm gewachsen der uns rings bedroht?
Mathias. Wär' Klesel hier er wüßte des wohl Rat.
Ferdinand. Er ist kaum auf dem Weg. Geliebt es Euch,So bringen Boten ihn noch heut zurück.Allein alsdann verzeiht, wenn ich mich selbstVereine mit den Schreibern dieser Briefe,Zurück mich ziehend in mein stilles Land.(Mit gebeugtem Knie die Schriften hinhaltend.)
Mathias (die Schriften ihm heftig aus der Hand nehmend).Wir wollen sehn!—Herr Oberst WallensteinIhr kommt von Prag. Wie steht es mit dem Kaiser?(Mit einem Seitenblicke auf Erzherzog Ferdinand.)Ich fühle mich nur jetzt an ihn gemahnt.
Wallenstein. Er ward so oft im Leben totgesagt,Daß nun auch kaum man den Gerüchten glaubt,Die unheilkündend sich vom Schloß verbreiten.Doch überholt' ich an der TaborbrückeEin Sechsgespann mit kaiserlichem WappenUnd Herren drin in Schwarz, vielleicht in Trauer.Hier sind sie deucht mich; hört die Antwort selbst.
(Herzog Julius von Braunschweig und einige Hofleute, die reichverzierteKleinodien-Gehäuse tragen, sämtlich in Trauer, treten ein.)
Mathias. Ich weiß genug. Es sprechen eure Kleider.Mein Bruder tot. Wär' ich es erst nur auch.(An der Türe des Kabinetts.)Und niemand folge mir! Ich will allein sein.(Er geht hinein.)
Ferdinand. Und ist es so?
Julius. Es ist. Ein jäher Anfall,Der noch der Hoffnung Raum ließ, weil er öfter,So sagen seine Diener, ihn ergriff.Doch diesmal war's der Tod. Er ist geschieden.
Ferdinand. O daß der Drang der Zeit mir Weile gönnteIhn zu beweinen wie er es verdient.Er war ein frommer Fürst.
Julius. Wohl, und ein Weisrer,Als ihm die Hast der Übereilung zugibt.
Ferdinand. Doch zeigt die Weisheit sich im Handeln meist.
Julius. Wo nichts zu wirken ist auch nicht zu handelnDie Zeit hilft selbst sich mehr als man ihr hilft.Wir bringen die Insignien des Reichs,Das einem andern nun zu Recht gehört,Ein Erbe, der die Erbschaft schon besitzt.Und so nun, meine Freundespflicht erfüllt,—Er war mein Freund, ich wenigstens der seine—Empfehl ich dieses Land in Gottes SchutzUnd kehre rück zu meinem das mich ruft.
Ferdinand. Vor allem noch nehmt unsers Hauses Dank,Herr, und erlaubt, daß bis zur äußern Tür—
Julius (ablehnend).Der Tod macht gleich. Wir alle müssen sterben.
(Er geht. Seine Begleiter setzen die Kapseln mit den Insignien auf einen rechts im Hintergrunde stehenden Tisch.—Militärmusik in der Ferne.)
Wallenstein (ans Fenster eilend).Das ist Kapraras Fußvolk, wie ich sagte.
Ferdinand. Laßt diese Töne schweigen, die den JubelIn unsers Herzens Trauer spottend mischen.—Auch stört es etwa Seine Majestät,Die jetzt wohl schwer von anderen Gedanken.
(Es ist jemand auf den Balkon getreten und hat mit dem Schnupftuch einZeichen gemacht. Die Musik schweigt.)
Ferdinand. Und so im Geist der Leichenfeier folgendDes hingeschiednen Herrn, laßt uns ihn rächen.Zwar Rache ziemt dem echten Christen nicht,Doch seine Feinde strafen die auch unsre;Und strafend sie, wär's mit dem Äußersten,Zugleich erretten von dem ew'gen Tod.Ein kurzer Feldzug nur steht uns bevor—
Wallenstein (in der Menge).Der Krieg ist gut, und währt' er dreißig Jahr.
Ferdinand. Wer sprach? Was fällt Euch ein? Und warum dreißig?Ist's doch als ob mit wiederholtem SchallDas Wort von allen Wänden widertönte.Ein kurzer Feldzug sagt' ich, und so ist's.Was fällt Euch ein? Und warum dreißig eben?
Wallenstein. Ei, Herr, man nennt so viel ein Menschenleben.Und eh' nicht, die nun Männer, faßt das Grab,Und die nun Kinder, Männer sind geworden,Legt sich die Gärung nicht, die jetzt im Blut.
Ferdinand. Wir achten Euch als wohlerprobten Krieger,Als tücht'gen Führer, wohl dereinst als Feldherrn,Doch zum Propheten seid Ihr noch zu jung.Und wenn Ihr, wie man sagt, in Sternen lest,So denkt an Kaiser Rudolfs traurig Wissen.
Nun laßt uns die Befehle noch bereiten,Daß jedem kundig wo sein wahrer Punkt.Denn gleich der Tat ehr ich die kluge Schrift;Die Feder schlägt oft sichrer als die Waffe.
Musik und Lärm auf der Straße. Vivat Mathias!
Ferdinand. Schweigt man nimmer denn?
Ein Diener (der eingetreten ist).Der Tod des Kaisers hat sich schon verbreitet.Man jauchzt dem neuen Herrn. Man will ihn sehn.
Auf der Straße. Vivat Mathias!
Ferdinand (auf das Kabinett zeigend).Geh denn einer hinUnd sage—Meldet Seiner MajestätDes Volkes Wunsch und der Getreuen Bitte.
(Der Diener geht ins Kabinett.)
Ferdinand. Man muß die Stimmung nützen wenn sie neu.Gealtert teilt sie gern des Alters ZweifelUnd frägt nach Gründen; endlos im Warum?
Mathias (aus dem Kabinette).Wird mir denn nimmer Ruh'? Was soll es noch?
Ferdinand. Das Volk von dem Ereignis unterrichtet,Das seinen Herrn beruft zum deutschen Thron,Dazu die Krieger, die ins Feld sich rüsten,Verlangen Euch zu sehn, erlauchter Herr.
Mathias. Nun denn, nur schnell.
Ferdinand (auf die Glastüre zeigend).Vielleicht hier vom Balkon.
Mathias. Geht Ihr mit mir und steht an meiner Seite,Vielleicht erkennt das Volk dann wer sein Herr.
(Erzherzog Ferdinand tritt mit einer ehrerbietigen Verbeugung zurück.)
Mathias. So öffnet denn die Tür!—Und— (mit einer Abschiedsbewegung) Gott befohlen!
(Er tritt auf den Balkon. Jubelgeschrei von außen.)
Ferdinand. Wir wollen denn nicht länger lästig fallen.Ich selber ziehe nicht mit Euch ins Feld,Doch will ich sorgen, daß, dieweil Ihr fernDie Feinde tilgt mit scharfgeschliffner Waffe,Die Gegner in dem Rücken Eures Heers,Die heimlichen, deshalb gefährlichsten,Gejätet und gesichtet und getilgt,Auf daß das Land ein wohlbestellter Garten,Ein Ährenfeld, zu Frucht dem höchsten Herrn.
(Indem die Anwesenden sich öffnen und einen Durchgang bilden.)
Ferdinand. Es geht in Krieg, seid froh Herr Wallenstein.
Wallenstein. Ich bin's.
Mehrere. Wir auch, und währt' es dreißig Jahr—Ja wären's dreißig—Dreißig!—Um so besser.
(Indem sie Wallenstein die Hand schütteln, alle ab.)
Mathias (der vom Balkon zurückkommt).Was sprechen sie von Krieg und dreißig Jahren?Ich werd es nicht erleben. Glück genug.Und übrall Lärm. Ich aber brauchte StilleTönt's doch in meinem Innern laut genug;Und wieder öde, daß kein WiderhallDes allgemeinen Jubels rückerklingt.Am Ziel ist nichts mir deutlich als der Weg,Der kein erlaubter war und kein gerechter.(Sein Blick trifft die Reichskleinodien, er wendet die Augen ab.)O Bruder, lebtest du und wär' ich tot!Gekostet hab ich was mir herrlich schien,Und das Gebein ist mir darob vertrocknet,Entschwunden jene Träume künft'ger Taten,Machtlos wie du wank ich der Grube zu.
Ich will ins Freie, mich zerstreun—und doch,Wie ein Magnet ziehts mir die Augen hinUnd täuscht mit Formen, die nicht sind, ich weiß.Reicht denn dein Haß herüber übers Grab,Selbst nach der Strafe noch?
(Lärm und Musik von neuem aus der Ferne.)
Mathias (gegen den Tisch gekehrt in einiger Entfernung niederkniend undwiederholt die Brust schlagend).Mea culpa, mea culpa,Mea maxima culpa
Von der Straße. Vivat Mathias!
(Indem das Vivatrufen fortwährt und Mathias das Gesicht mit beiden Händen bedeckt fällt der Vorhang.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ein Bruderzwist in Habsburg, von Franz Grillparzer.
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