[pg 143]Sechzehntes Kapitel.Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann’s auch nicht. Jetzt am wenigsten.«»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. – »Still: ich ahn’ es: wie ich alles Unglück ahne.« – »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« – »Er, – er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« – »Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand.»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja.Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem Bürgerkriege vor.Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne, was ihr gebühre.Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und rühmten:»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein so leichtes[pg 144]Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist’s ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron und Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben? Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn oder diese Felsen.«Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den Wällen.Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe wußten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer Königin war sie eingezogen.In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie!Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen ausgebrochen.Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen des Lagers schritten und bei ihrem[pg 145]Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend sie beim Namen nannten.Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück.»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s genug ist, werd’ ich’s dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin –»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja.»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu töten als Arahad die Hand zu reichen.«»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.«»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind. Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende böses Spiel machen.«»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe,« riet der Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’ ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.«Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte. Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden,[pg 146]wo wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten stattgefunden hatten, häufiger vor.Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen. Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all’ seiner Bewegungen in Italien machen.Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle, Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf griechisch nannte, abgefallen waren.Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich viele Schlösser und Städte an Belisar.Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um, falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund, solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig waren, auszusenden.[pg 147]Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen.Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen, das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder gegen Ravenna beschäftigen wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen züchtigenden Streich zu thun.Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager, die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena, diese wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der Richtung gegen Cäsena aufbrachen.Der Überfall gelang vollkommen.Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward überrascht und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den[pg 148]Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht.Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen.Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen Krieger zu, »dein Leben sichr’ ich dir.«Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten etwas zurück.Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu verwunden.«»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß sehen, ob er auch gegen Stein gefeit ist.«Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige, der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den Byzantiner.Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm und wie blitzgetroffen fiel der[pg 149]Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch hinzu und lösten ihm den Helm.»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.« »Und kein Italier,« sagte Gunthamund. »Sieh die Goldlocken – das war ein Gote!« meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen.»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach er finster, seinen Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am Hammerschaft.»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die Augen auf.«»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n die Götter nicht!« »Ja, er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann weh über ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach Hause!«Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für diesen Gefangenen rüsten sollten.»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und für morgen früh – einen Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und berichtete den Erfolg seines Zuges.»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, »einen gotischen Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr traurig,« sagte Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe das Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du[pg 150]den Vorsitz führen?« »Nein,« sagte Witichis, »erlaß mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner Statt.« »Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.« Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig und so kalt! Ist’s ein alter Feind deiner Sippe?« »Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« – »Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.«»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig »und er wird sterben.«Siebzehntes Kapitel.Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt auf eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten.»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte Hildebrand auf dem Dingplatz?«»Er ist das Haupt des Dings.«»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, Freund – ich schenke dir dafür diese purpurne Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm: ich wisse, daß ich sterben muß.Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem Geschlecht – hörst du? – meinem Geschlecht – die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich[pg 151]eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der das Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen feststellen, wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte.»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ ihm sagen: die Schmach für sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er fort: »Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des Hildegis!«Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringen. »Nur gerecht, aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde stoßend. »Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja.Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand.Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn. Er ließ sein Auge[pg 152]flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem Alten haften.»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer, kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine Römerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet wie seine Liebe. Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren meine Freunde, römisch von jeher meine Gedanken, römisch mein Leben. All meine Freunde gingen zu Belisar und Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr könnt’ es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen Römer. Denn römisch ist meine Seele.«Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese Verteidigung.Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben. Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.«Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. »So sei verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.«Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten[pg 153]wieder die Hülle ums Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller seiner Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse nahte.Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel Hildebrands: Gnade, Gnade!«Aber der Alte wies nach dem Hügel.»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh es jedem, der seines Volks vergißt. Erst kommt das Reich, König Witichis, und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.«Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, größer noch auf den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt jeder Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des Königs.Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art der Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, daß Hildebrand mit dem festen Entschluß eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis.Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des bevorstehenden Seelenringens durchschauert.»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe[pg 154]Hartes mit dem König zu reden. Es wird euch kränken, es zu hören.«Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, leise die Linke auf seine Schulter.»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte dieser Härte.«»Frau,« – mahnte der Alte nochmal.»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne Furcht: Wisse denn ...« –»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte, unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte alles, was dieser fordert und was du weigerst.«»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch, daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn: ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen.«Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir verloren –[pg 155]Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese Hand fassen oder nicht?«Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren! Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. Nie, niemals!«»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.«»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen, nicht mein Weib.«»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.«»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor Hildebrand, – »noch einmal geb’ ich euch und zum letztenmal die Krone zurück. – Ich habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – laßt König sein wer will und Mataswintha frein.«Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, das führt zum sichersten Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende würden Arahad nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles zusammenhält. Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?«»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach Teja näher tretend.»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?« »Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich[pg 156]ehre dich vor allen Frauen hoch, und Hohes fordre ich darum von dir.« –Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiß von einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des Meeres und sie rauschten zur Antwort:»Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.«Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und seit von Athalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’ ich, gäb’ ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie, »aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen – nein.«»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weißt du’s denn nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens schlägt? Hast du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht, wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reißt mir das Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser Seele. Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt nicht was ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wißt nicht, daß meine Liebe zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. Sie ist mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken ist, ihr allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie denk’ ich im Getümmel der Schlacht und ihr Bild stärkt[pg 157]meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele, klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das Edelste zu finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.«Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme. Sie war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott, für diese Schmerzenstunde,« flüsterte sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz, deine Seele sind ewig mein.«»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin heißt! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.«Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort, mit großen Augen auf Teja.Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu führen.»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne Glück und Kraft – das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als ein Schatte.«»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was hast du geschworen?«Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände.»Was hat er geschworen?« wiederholte sie.[pg 158]Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend. »Wenige Jahre sind’s. Da schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit vier Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser, dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage.Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe, Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der Goten. Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert, alles zu opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: – oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der Wind weht über die weite Welt.So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris Sohn.«Und – rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt. Aber der[pg 159]Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er damals, als er noch nicht König war.Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein Glück, mein alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das schwör ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue.« Nun, Witichis, Waltaris Sohn, König der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe drei Söhne verloren für dies Volk.Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines Geschlechts, geopfert, gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?«Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein. Laß ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. Er wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.«Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte man ihm sein Weib sogleich entreißen.»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich allein mit ihm.«Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte.»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf[pg 160]die Marmorurne legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.«»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht von mir, nie.«»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir. Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein Herz nie von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute mehr denn je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen Zeugen.«Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.«»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben: umsonst. Doch gilt’s die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.«Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein Schatten in der Nacht.Achtzehntes Kapitel.Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend. Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.[pg 161]Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen die Straße, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte.Da hielt das Weib den Zügel an.»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß sie dich frei und ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« »Eile nicht so hinweg von mir,« sagte er, ihre Hand drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht das Herz darob. Es mußsein.« –»Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du hast noch ein Leben vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger Eid.« – »Es war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb’ und Treu, und unsern süßen Knaben.«»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann hielt er’s nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr, paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihrnicht?«»Was kannst du raten?«»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch[pg 162]den ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s kein Glück gebracht: sie meinen’s nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch nur der Adler findet oder der Steinbock.«»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus der Mühle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: des Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rauthgundis. Leb wohl, du mein Leben!«Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg: Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: – nochmal winkte sie mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst als diese verhallt, wandte er sich.Aber es ließ ihn nicht von der Stelle.Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens ein großer moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem Schmerz.Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten vorüber, er hörte eskaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.Schon stand die Sonne im Mittag.[pg 163]Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit zurück und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand, kam’s gleich im ganzen Lager aus:duhabest, an Krone und Glück verzweifelnd, dich davon gemacht.Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.«»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll’n sie nicht entweihn. Komm, Teja, zurück ins Lager.«[pg 164]
[pg 143]Sechzehntes Kapitel.Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann’s auch nicht. Jetzt am wenigsten.«»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. – »Still: ich ahn’ es: wie ich alles Unglück ahne.« – »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« – »Er, – er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« – »Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand.»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja.Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem Bürgerkriege vor.Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne, was ihr gebühre.Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und rühmten:»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein so leichtes[pg 144]Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist’s ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron und Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben? Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn oder diese Felsen.«Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den Wällen.Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe wußten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer Königin war sie eingezogen.In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie!Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen ausgebrochen.Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen des Lagers schritten und bei ihrem[pg 145]Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend sie beim Namen nannten.Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück.»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s genug ist, werd’ ich’s dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin –»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja.»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu töten als Arahad die Hand zu reichen.«»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.«»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind. Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende böses Spiel machen.«»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe,« riet der Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’ ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.«Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte. Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden,[pg 146]wo wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten stattgefunden hatten, häufiger vor.Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen. Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all’ seiner Bewegungen in Italien machen.Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle, Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf griechisch nannte, abgefallen waren.Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich viele Schlösser und Städte an Belisar.Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um, falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund, solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig waren, auszusenden.[pg 147]Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen.Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen, das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder gegen Ravenna beschäftigen wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen züchtigenden Streich zu thun.Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager, die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena, diese wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der Richtung gegen Cäsena aufbrachen.Der Überfall gelang vollkommen.Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward überrascht und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den[pg 148]Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht.Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen.Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen Krieger zu, »dein Leben sichr’ ich dir.«Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten etwas zurück.Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu verwunden.«»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß sehen, ob er auch gegen Stein gefeit ist.«Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige, der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den Byzantiner.Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm und wie blitzgetroffen fiel der[pg 149]Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch hinzu und lösten ihm den Helm.»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.« »Und kein Italier,« sagte Gunthamund. »Sieh die Goldlocken – das war ein Gote!« meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen.»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach er finster, seinen Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am Hammerschaft.»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die Augen auf.«»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n die Götter nicht!« »Ja, er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann weh über ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach Hause!«Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für diesen Gefangenen rüsten sollten.»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und für morgen früh – einen Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und berichtete den Erfolg seines Zuges.»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, »einen gotischen Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr traurig,« sagte Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe das Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du[pg 150]den Vorsitz führen?« »Nein,« sagte Witichis, »erlaß mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner Statt.« »Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.« Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig und so kalt! Ist’s ein alter Feind deiner Sippe?« »Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« – »Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.«»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig »und er wird sterben.«Siebzehntes Kapitel.Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt auf eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten.»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte Hildebrand auf dem Dingplatz?«»Er ist das Haupt des Dings.«»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, Freund – ich schenke dir dafür diese purpurne Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm: ich wisse, daß ich sterben muß.Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem Geschlecht – hörst du? – meinem Geschlecht – die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich[pg 151]eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der das Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen feststellen, wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte.»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ ihm sagen: die Schmach für sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er fort: »Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des Hildegis!«Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringen. »Nur gerecht, aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde stoßend. »Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja.Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand.Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn. Er ließ sein Auge[pg 152]flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem Alten haften.»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer, kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine Römerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet wie seine Liebe. Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren meine Freunde, römisch von jeher meine Gedanken, römisch mein Leben. All meine Freunde gingen zu Belisar und Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr könnt’ es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen Römer. Denn römisch ist meine Seele.«Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese Verteidigung.Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben. Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.«Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. »So sei verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.«Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten[pg 153]wieder die Hülle ums Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller seiner Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse nahte.Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel Hildebrands: Gnade, Gnade!«Aber der Alte wies nach dem Hügel.»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh es jedem, der seines Volks vergißt. Erst kommt das Reich, König Witichis, und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.«Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, größer noch auf den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt jeder Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des Königs.Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art der Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, daß Hildebrand mit dem festen Entschluß eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis.Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des bevorstehenden Seelenringens durchschauert.»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe[pg 154]Hartes mit dem König zu reden. Es wird euch kränken, es zu hören.«Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, leise die Linke auf seine Schulter.»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte dieser Härte.«»Frau,« – mahnte der Alte nochmal.»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne Furcht: Wisse denn ...« –»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte, unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte alles, was dieser fordert und was du weigerst.«»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch, daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn: ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen.«Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir verloren –[pg 155]Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese Hand fassen oder nicht?«Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren! Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. Nie, niemals!«»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.«»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen, nicht mein Weib.«»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.«»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor Hildebrand, – »noch einmal geb’ ich euch und zum letztenmal die Krone zurück. – Ich habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – laßt König sein wer will und Mataswintha frein.«Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, das führt zum sichersten Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende würden Arahad nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles zusammenhält. Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?«»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach Teja näher tretend.»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?« »Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich[pg 156]ehre dich vor allen Frauen hoch, und Hohes fordre ich darum von dir.« –Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiß von einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des Meeres und sie rauschten zur Antwort:»Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.«Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und seit von Athalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’ ich, gäb’ ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie, »aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen – nein.«»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weißt du’s denn nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens schlägt? Hast du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht, wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reißt mir das Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser Seele. Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt nicht was ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wißt nicht, daß meine Liebe zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. Sie ist mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken ist, ihr allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie denk’ ich im Getümmel der Schlacht und ihr Bild stärkt[pg 157]meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele, klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das Edelste zu finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.«Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme. Sie war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott, für diese Schmerzenstunde,« flüsterte sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz, deine Seele sind ewig mein.«»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin heißt! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.«Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort, mit großen Augen auf Teja.Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu führen.»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne Glück und Kraft – das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als ein Schatte.«»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was hast du geschworen?«Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände.»Was hat er geschworen?« wiederholte sie.[pg 158]Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend. »Wenige Jahre sind’s. Da schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit vier Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser, dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage.Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe, Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der Goten. Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert, alles zu opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: – oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der Wind weht über die weite Welt.So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris Sohn.«Und – rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt. Aber der[pg 159]Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er damals, als er noch nicht König war.Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein Glück, mein alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das schwör ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue.« Nun, Witichis, Waltaris Sohn, König der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe drei Söhne verloren für dies Volk.Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines Geschlechts, geopfert, gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?«Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein. Laß ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. Er wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.«Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte man ihm sein Weib sogleich entreißen.»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich allein mit ihm.«Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte.»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf[pg 160]die Marmorurne legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.«»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht von mir, nie.«»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir. Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein Herz nie von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute mehr denn je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen Zeugen.«Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.«»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben: umsonst. Doch gilt’s die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.«Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein Schatten in der Nacht.Achtzehntes Kapitel.Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend. Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.[pg 161]Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen die Straße, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte.Da hielt das Weib den Zügel an.»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß sie dich frei und ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« »Eile nicht so hinweg von mir,« sagte er, ihre Hand drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht das Herz darob. Es mußsein.« –»Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du hast noch ein Leben vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger Eid.« – »Es war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb’ und Treu, und unsern süßen Knaben.«»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann hielt er’s nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr, paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihrnicht?«»Was kannst du raten?«»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch[pg 162]den ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s kein Glück gebracht: sie meinen’s nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch nur der Adler findet oder der Steinbock.«»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus der Mühle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: des Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rauthgundis. Leb wohl, du mein Leben!«Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg: Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: – nochmal winkte sie mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst als diese verhallt, wandte er sich.Aber es ließ ihn nicht von der Stelle.Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens ein großer moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem Schmerz.Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten vorüber, er hörte eskaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.Schon stand die Sonne im Mittag.[pg 163]Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit zurück und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand, kam’s gleich im ganzen Lager aus:duhabest, an Krone und Glück verzweifelnd, dich davon gemacht.Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.«»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll’n sie nicht entweihn. Komm, Teja, zurück ins Lager.«[pg 164]
[pg 143]Sechzehntes Kapitel.Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann’s auch nicht. Jetzt am wenigsten.«»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. – »Still: ich ahn’ es: wie ich alles Unglück ahne.« – »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« – »Er, – er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« – »Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand.»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja.Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem Bürgerkriege vor.Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne, was ihr gebühre.Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und rühmten:»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein so leichtes[pg 144]Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist’s ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron und Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben? Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn oder diese Felsen.«Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den Wällen.Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe wußten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer Königin war sie eingezogen.In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie!Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen ausgebrochen.Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen des Lagers schritten und bei ihrem[pg 145]Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend sie beim Namen nannten.Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück.»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s genug ist, werd’ ich’s dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin –»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja.»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu töten als Arahad die Hand zu reichen.«»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.«»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind. Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende böses Spiel machen.«»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe,« riet der Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’ ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.«Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte. Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden,[pg 146]wo wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten stattgefunden hatten, häufiger vor.Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen. Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all’ seiner Bewegungen in Italien machen.Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle, Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf griechisch nannte, abgefallen waren.Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich viele Schlösser und Städte an Belisar.Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um, falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund, solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig waren, auszusenden.[pg 147]Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen.Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen, das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder gegen Ravenna beschäftigen wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen züchtigenden Streich zu thun.Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager, die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena, diese wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der Richtung gegen Cäsena aufbrachen.Der Überfall gelang vollkommen.Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward überrascht und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den[pg 148]Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht.Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen.Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen Krieger zu, »dein Leben sichr’ ich dir.«Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten etwas zurück.Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu verwunden.«»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß sehen, ob er auch gegen Stein gefeit ist.«Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige, der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den Byzantiner.Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm und wie blitzgetroffen fiel der[pg 149]Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch hinzu und lösten ihm den Helm.»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.« »Und kein Italier,« sagte Gunthamund. »Sieh die Goldlocken – das war ein Gote!« meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen.»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach er finster, seinen Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am Hammerschaft.»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die Augen auf.«»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n die Götter nicht!« »Ja, er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann weh über ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach Hause!«Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für diesen Gefangenen rüsten sollten.»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und für morgen früh – einen Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und berichtete den Erfolg seines Zuges.»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, »einen gotischen Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr traurig,« sagte Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe das Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du[pg 150]den Vorsitz führen?« »Nein,« sagte Witichis, »erlaß mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner Statt.« »Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.« Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig und so kalt! Ist’s ein alter Feind deiner Sippe?« »Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« – »Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.«»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig »und er wird sterben.«Siebzehntes Kapitel.Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt auf eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten.»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte Hildebrand auf dem Dingplatz?«»Er ist das Haupt des Dings.«»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, Freund – ich schenke dir dafür diese purpurne Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm: ich wisse, daß ich sterben muß.Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem Geschlecht – hörst du? – meinem Geschlecht – die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich[pg 151]eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der das Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen feststellen, wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte.»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ ihm sagen: die Schmach für sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er fort: »Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des Hildegis!«Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringen. »Nur gerecht, aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde stoßend. »Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja.Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand.Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn. Er ließ sein Auge[pg 152]flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem Alten haften.»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer, kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine Römerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet wie seine Liebe. Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren meine Freunde, römisch von jeher meine Gedanken, römisch mein Leben. All meine Freunde gingen zu Belisar und Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr könnt’ es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen Römer. Denn römisch ist meine Seele.«Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese Verteidigung.Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben. Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.«Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. »So sei verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.«Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten[pg 153]wieder die Hülle ums Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller seiner Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse nahte.Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel Hildebrands: Gnade, Gnade!«Aber der Alte wies nach dem Hügel.»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh es jedem, der seines Volks vergißt. Erst kommt das Reich, König Witichis, und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.«Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, größer noch auf den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt jeder Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des Königs.Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art der Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, daß Hildebrand mit dem festen Entschluß eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis.Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des bevorstehenden Seelenringens durchschauert.»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe[pg 154]Hartes mit dem König zu reden. Es wird euch kränken, es zu hören.«Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, leise die Linke auf seine Schulter.»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte dieser Härte.«»Frau,« – mahnte der Alte nochmal.»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne Furcht: Wisse denn ...« –»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte, unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte alles, was dieser fordert und was du weigerst.«»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch, daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn: ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen.«Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir verloren –[pg 155]Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese Hand fassen oder nicht?«Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren! Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. Nie, niemals!«»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.«»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen, nicht mein Weib.«»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.«»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor Hildebrand, – »noch einmal geb’ ich euch und zum letztenmal die Krone zurück. – Ich habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – laßt König sein wer will und Mataswintha frein.«Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, das führt zum sichersten Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende würden Arahad nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles zusammenhält. Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?«»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach Teja näher tretend.»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?« »Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich[pg 156]ehre dich vor allen Frauen hoch, und Hohes fordre ich darum von dir.« –Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiß von einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des Meeres und sie rauschten zur Antwort:»Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.«Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und seit von Athalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’ ich, gäb’ ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie, »aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen – nein.«»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weißt du’s denn nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens schlägt? Hast du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht, wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reißt mir das Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser Seele. Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt nicht was ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wißt nicht, daß meine Liebe zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. Sie ist mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken ist, ihr allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie denk’ ich im Getümmel der Schlacht und ihr Bild stärkt[pg 157]meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele, klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das Edelste zu finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.«Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme. Sie war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott, für diese Schmerzenstunde,« flüsterte sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz, deine Seele sind ewig mein.«»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin heißt! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.«Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort, mit großen Augen auf Teja.Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu führen.»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne Glück und Kraft – das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als ein Schatte.«»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was hast du geschworen?«Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände.»Was hat er geschworen?« wiederholte sie.[pg 158]Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend. »Wenige Jahre sind’s. Da schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit vier Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser, dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage.Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe, Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der Goten. Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert, alles zu opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: – oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der Wind weht über die weite Welt.So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris Sohn.«Und – rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt. Aber der[pg 159]Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er damals, als er noch nicht König war.Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein Glück, mein alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das schwör ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue.« Nun, Witichis, Waltaris Sohn, König der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe drei Söhne verloren für dies Volk.Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines Geschlechts, geopfert, gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?«Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein. Laß ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. Er wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.«Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte man ihm sein Weib sogleich entreißen.»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich allein mit ihm.«Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte.»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf[pg 160]die Marmorurne legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.«»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht von mir, nie.«»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir. Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein Herz nie von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute mehr denn je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen Zeugen.«Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.«»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben: umsonst. Doch gilt’s die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.«Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein Schatten in der Nacht.Achtzehntes Kapitel.Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend. Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.[pg 161]Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen die Straße, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte.Da hielt das Weib den Zügel an.»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß sie dich frei und ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« »Eile nicht so hinweg von mir,« sagte er, ihre Hand drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht das Herz darob. Es mußsein.« –»Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du hast noch ein Leben vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger Eid.« – »Es war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb’ und Treu, und unsern süßen Knaben.«»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann hielt er’s nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr, paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihrnicht?«»Was kannst du raten?«»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch[pg 162]den ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s kein Glück gebracht: sie meinen’s nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch nur der Adler findet oder der Steinbock.«»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus der Mühle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: des Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rauthgundis. Leb wohl, du mein Leben!«Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg: Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: – nochmal winkte sie mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst als diese verhallt, wandte er sich.Aber es ließ ihn nicht von der Stelle.Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens ein großer moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem Schmerz.Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten vorüber, er hörte eskaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.Schon stand die Sonne im Mittag.[pg 163]Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit zurück und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand, kam’s gleich im ganzen Lager aus:duhabest, an Krone und Glück verzweifelnd, dich davon gemacht.Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.«»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll’n sie nicht entweihn. Komm, Teja, zurück ins Lager.«[pg 164]
[pg 143]Sechzehntes Kapitel.Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann’s auch nicht. Jetzt am wenigsten.«»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. – »Still: ich ahn’ es: wie ich alles Unglück ahne.« – »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« – »Er, – er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« – »Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand.»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja.Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem Bürgerkriege vor.Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne, was ihr gebühre.Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und rühmten:»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein so leichtes[pg 144]Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist’s ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron und Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben? Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn oder diese Felsen.«Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den Wällen.Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe wußten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer Königin war sie eingezogen.In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie!Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen ausgebrochen.Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen des Lagers schritten und bei ihrem[pg 145]Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend sie beim Namen nannten.Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück.»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s genug ist, werd’ ich’s dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin –»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja.»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu töten als Arahad die Hand zu reichen.«»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.«»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind. Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende böses Spiel machen.«»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe,« riet der Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’ ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.«Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte. Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden,[pg 146]wo wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten stattgefunden hatten, häufiger vor.Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen. Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all’ seiner Bewegungen in Italien machen.Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle, Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf griechisch nannte, abgefallen waren.Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich viele Schlösser und Städte an Belisar.Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um, falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund, solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig waren, auszusenden.[pg 147]Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen.Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen, das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder gegen Ravenna beschäftigen wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen züchtigenden Streich zu thun.Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager, die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena, diese wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der Richtung gegen Cäsena aufbrachen.Der Überfall gelang vollkommen.Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward überrascht und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den[pg 148]Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht.Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen.Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen Krieger zu, »dein Leben sichr’ ich dir.«Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten etwas zurück.Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu verwunden.«»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß sehen, ob er auch gegen Stein gefeit ist.«Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige, der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den Byzantiner.Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm und wie blitzgetroffen fiel der[pg 149]Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch hinzu und lösten ihm den Helm.»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.« »Und kein Italier,« sagte Gunthamund. »Sieh die Goldlocken – das war ein Gote!« meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen.»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach er finster, seinen Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am Hammerschaft.»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die Augen auf.«»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n die Götter nicht!« »Ja, er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann weh über ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach Hause!«Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für diesen Gefangenen rüsten sollten.»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und für morgen früh – einen Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und berichtete den Erfolg seines Zuges.»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, »einen gotischen Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr traurig,« sagte Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe das Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du[pg 150]den Vorsitz führen?« »Nein,« sagte Witichis, »erlaß mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner Statt.« »Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.« Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig und so kalt! Ist’s ein alter Feind deiner Sippe?« »Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« – »Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.«»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig »und er wird sterben.«
Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann’s auch nicht. Jetzt am wenigsten.«
»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. – »Still: ich ahn’ es: wie ich alles Unglück ahne.« – »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« – »Er, – er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« – »Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand.
»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja.
Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.
Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem Bürgerkriege vor.
Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne, was ihr gebühre.
Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und rühmten:
»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein so leichtes[pg 144]Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist’s ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron und Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben? Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn oder diese Felsen.«
Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den Wällen.
Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe wußten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer Königin war sie eingezogen.
In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie!
Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.
Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen ausgebrochen.
Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen des Lagers schritten und bei ihrem[pg 145]Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend sie beim Namen nannten.
Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück.
»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s genug ist, werd’ ich’s dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin –
»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja.
»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu töten als Arahad die Hand zu reichen.«
»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.«
»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind. Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende böses Spiel machen.«
»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe,« riet der Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’ ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.«
Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.
Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte. Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden,[pg 146]wo wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten stattgefunden hatten, häufiger vor.
Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.
Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.
Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen. Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all’ seiner Bewegungen in Italien machen.
Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle, Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf griechisch nannte, abgefallen waren.
Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich viele Schlösser und Städte an Belisar.
Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um, falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund, solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig waren, auszusenden.[pg 147]Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen.
Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen, das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder gegen Ravenna beschäftigen wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen züchtigenden Streich zu thun.
Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager, die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena, diese wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.
Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der Richtung gegen Cäsena aufbrachen.
Der Überfall gelang vollkommen.
Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward überrascht und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den[pg 148]Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht.
Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen.
Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.
Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen Krieger zu, »dein Leben sichr’ ich dir.«
Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten etwas zurück.
Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu verwunden.«
»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß sehen, ob er auch gegen Stein gefeit ist.«
Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige, der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den Byzantiner.
Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm und wie blitzgetroffen fiel der[pg 149]Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch hinzu und lösten ihm den Helm.
»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.« »Und kein Italier,« sagte Gunthamund. »Sieh die Goldlocken – das war ein Gote!« meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen.
»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach er finster, seinen Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am Hammerschaft.
»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die Augen auf.«
»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n die Götter nicht!« »Ja, er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann weh über ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach Hause!«
Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für diesen Gefangenen rüsten sollten.
»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und für morgen früh – einen Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und berichtete den Erfolg seines Zuges.
»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, »einen gotischen Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr traurig,« sagte Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe das Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du[pg 150]den Vorsitz führen?« »Nein,« sagte Witichis, »erlaß mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner Statt.« »Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.« Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig und so kalt! Ist’s ein alter Feind deiner Sippe?« »Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« – »Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.«
»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig »und er wird sterben.«
Siebzehntes Kapitel.Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt auf eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten.»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte Hildebrand auf dem Dingplatz?«»Er ist das Haupt des Dings.«»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, Freund – ich schenke dir dafür diese purpurne Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm: ich wisse, daß ich sterben muß.Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem Geschlecht – hörst du? – meinem Geschlecht – die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich[pg 151]eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der das Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen feststellen, wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte.»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ ihm sagen: die Schmach für sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er fort: »Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des Hildegis!«Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringen. »Nur gerecht, aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde stoßend. »Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja.Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand.Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn. Er ließ sein Auge[pg 152]flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem Alten haften.»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer, kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine Römerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet wie seine Liebe. Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren meine Freunde, römisch von jeher meine Gedanken, römisch mein Leben. All meine Freunde gingen zu Belisar und Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr könnt’ es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen Römer. Denn römisch ist meine Seele.«Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese Verteidigung.Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben. Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.«Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. »So sei verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.«Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten[pg 153]wieder die Hülle ums Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller seiner Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse nahte.Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel Hildebrands: Gnade, Gnade!«Aber der Alte wies nach dem Hügel.»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh es jedem, der seines Volks vergißt. Erst kommt das Reich, König Witichis, und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.«Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, größer noch auf den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt jeder Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des Königs.Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art der Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, daß Hildebrand mit dem festen Entschluß eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis.Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des bevorstehenden Seelenringens durchschauert.»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe[pg 154]Hartes mit dem König zu reden. Es wird euch kränken, es zu hören.«Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, leise die Linke auf seine Schulter.»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte dieser Härte.«»Frau,« – mahnte der Alte nochmal.»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne Furcht: Wisse denn ...« –»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte, unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte alles, was dieser fordert und was du weigerst.«»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch, daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn: ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen.«Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir verloren –[pg 155]Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese Hand fassen oder nicht?«Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren! Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. Nie, niemals!«»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.«»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen, nicht mein Weib.«»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.«»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor Hildebrand, – »noch einmal geb’ ich euch und zum letztenmal die Krone zurück. – Ich habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – laßt König sein wer will und Mataswintha frein.«Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, das führt zum sichersten Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende würden Arahad nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles zusammenhält. Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?«»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach Teja näher tretend.»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?« »Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich[pg 156]ehre dich vor allen Frauen hoch, und Hohes fordre ich darum von dir.« –Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiß von einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des Meeres und sie rauschten zur Antwort:»Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.«Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und seit von Athalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’ ich, gäb’ ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie, »aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen – nein.«»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weißt du’s denn nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens schlägt? Hast du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht, wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reißt mir das Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser Seele. Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt nicht was ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wißt nicht, daß meine Liebe zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. Sie ist mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken ist, ihr allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie denk’ ich im Getümmel der Schlacht und ihr Bild stärkt[pg 157]meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele, klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das Edelste zu finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.«Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme. Sie war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott, für diese Schmerzenstunde,« flüsterte sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz, deine Seele sind ewig mein.«»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin heißt! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.«Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort, mit großen Augen auf Teja.Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu führen.»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne Glück und Kraft – das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als ein Schatte.«»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was hast du geschworen?«Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände.»Was hat er geschworen?« wiederholte sie.[pg 158]Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend. »Wenige Jahre sind’s. Da schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit vier Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser, dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage.Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe, Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der Goten. Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert, alles zu opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: – oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der Wind weht über die weite Welt.So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris Sohn.«Und – rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt. Aber der[pg 159]Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er damals, als er noch nicht König war.Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein Glück, mein alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das schwör ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue.« Nun, Witichis, Waltaris Sohn, König der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe drei Söhne verloren für dies Volk.Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines Geschlechts, geopfert, gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?«Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein. Laß ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. Er wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.«Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte man ihm sein Weib sogleich entreißen.»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich allein mit ihm.«Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte.»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf[pg 160]die Marmorurne legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.«»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht von mir, nie.«»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir. Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein Herz nie von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute mehr denn je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen Zeugen.«Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.«»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben: umsonst. Doch gilt’s die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.«Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein Schatten in der Nacht.
Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt auf eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten.
»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte Hildebrand auf dem Dingplatz?«
»Er ist das Haupt des Dings.«
»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, Freund – ich schenke dir dafür diese purpurne Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm: ich wisse, daß ich sterben muß.
Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem Geschlecht – hörst du? – meinem Geschlecht – die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich[pg 151]eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der das Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen feststellen, wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte.
»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ ihm sagen: die Schmach für sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er fort: »Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des Hildegis!«
Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.
»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringen. »Nur gerecht, aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde stoßend. »Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja.
Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.
»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand.
Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn. Er ließ sein Auge[pg 152]flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem Alten haften.
»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer, kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine Römerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet wie seine Liebe. Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren meine Freunde, römisch von jeher meine Gedanken, römisch mein Leben. All meine Freunde gingen zu Belisar und Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr könnt’ es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen Römer. Denn römisch ist meine Seele.«
Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese Verteidigung.
Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben. Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.«
Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. »So sei verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.«
Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten[pg 153]wieder die Hülle ums Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller seiner Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse nahte.
Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel Hildebrands: Gnade, Gnade!«
Aber der Alte wies nach dem Hügel.
»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh es jedem, der seines Volks vergißt. Erst kommt das Reich, König Witichis, und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.«
Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, größer noch auf den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt jeder Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des Königs.
Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art der Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, daß Hildebrand mit dem festen Entschluß eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis.
Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des bevorstehenden Seelenringens durchschauert.
»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe[pg 154]Hartes mit dem König zu reden. Es wird euch kränken, es zu hören.«
Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, leise die Linke auf seine Schulter.
»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte dieser Härte.«
»Frau,« – mahnte der Alte nochmal.
»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne Furcht: Wisse denn ...« –
»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte, unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte alles, was dieser fordert und was du weigerst.«
»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch, daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn: ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen.«
Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.
Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir verloren –[pg 155]Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese Hand fassen oder nicht?«
Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren! Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. Nie, niemals!«
»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.«
»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen, nicht mein Weib.«
»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.«
»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor Hildebrand, – »noch einmal geb’ ich euch und zum letztenmal die Krone zurück. – Ich habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – laßt König sein wer will und Mataswintha frein.«
Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, das führt zum sichersten Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende würden Arahad nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles zusammenhält. Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?«
»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach Teja näher tretend.
»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?« »Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich[pg 156]ehre dich vor allen Frauen hoch, und Hohes fordre ich darum von dir.« –
Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiß von einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des Meeres und sie rauschten zur Antwort:
»Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«
»Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.
Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«
Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.«
Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und seit von Athalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’ ich, gäb’ ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie, »aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen – nein.«
»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weißt du’s denn nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens schlägt? Hast du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht, wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reißt mir das Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser Seele. Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt nicht was ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wißt nicht, daß meine Liebe zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. Sie ist mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken ist, ihr allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie denk’ ich im Getümmel der Schlacht und ihr Bild stärkt[pg 157]meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele, klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das Edelste zu finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.«
Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme. Sie war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.
Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott, für diese Schmerzenstunde,« flüsterte sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz, deine Seele sind ewig mein.«
»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin heißt! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.«
Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort, mit großen Augen auf Teja.
Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu führen.
»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne Glück und Kraft – das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als ein Schatte.«
»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was hast du geschworen?«
Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände.
»Was hat er geschworen?« wiederholte sie.
Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend. »Wenige Jahre sind’s. Da schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit vier Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser, dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage.
Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe, Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der Goten. Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert, alles zu opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: – oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der Wind weht über die weite Welt.
So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris Sohn.«
Und – rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt. Aber der[pg 159]Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er damals, als er noch nicht König war.
Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein Glück, mein alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das schwör ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue.« Nun, Witichis, Waltaris Sohn, König der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe drei Söhne verloren für dies Volk.
Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines Geschlechts, geopfert, gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?«
Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.
Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein. Laß ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. Er wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.«
Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte man ihm sein Weib sogleich entreißen.
»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich allein mit ihm.«
Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte.
»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf[pg 160]die Marmorurne legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.«
»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht von mir, nie.«
»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir. Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein Herz nie von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute mehr denn je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen Zeugen.«
Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.
»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.«
»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben: umsonst. Doch gilt’s die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.«
Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein Schatten in der Nacht.
Achtzehntes Kapitel.Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend. Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.[pg 161]Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen die Straße, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte.Da hielt das Weib den Zügel an.»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß sie dich frei und ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« »Eile nicht so hinweg von mir,« sagte er, ihre Hand drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht das Herz darob. Es mußsein.« –»Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du hast noch ein Leben vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger Eid.« – »Es war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb’ und Treu, und unsern süßen Knaben.«»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann hielt er’s nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr, paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihrnicht?«»Was kannst du raten?«»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch[pg 162]den ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s kein Glück gebracht: sie meinen’s nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch nur der Adler findet oder der Steinbock.«»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus der Mühle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: des Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rauthgundis. Leb wohl, du mein Leben!«Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg: Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: – nochmal winkte sie mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst als diese verhallt, wandte er sich.Aber es ließ ihn nicht von der Stelle.Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens ein großer moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem Schmerz.Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten vorüber, er hörte eskaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.Schon stand die Sonne im Mittag.[pg 163]Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit zurück und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand, kam’s gleich im ganzen Lager aus:duhabest, an Krone und Glück verzweifelnd, dich davon gemacht.Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.«»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll’n sie nicht entweihn. Komm, Teja, zurück ins Lager.«[pg 164]
Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend. Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.
Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.
Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen die Straße, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte.
Da hielt das Weib den Zügel an.
»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß sie dich frei und ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« »Eile nicht so hinweg von mir,« sagte er, ihre Hand drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht das Herz darob. Es mußsein.« –»Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du hast noch ein Leben vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger Eid.« – »Es war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb’ und Treu, und unsern süßen Knaben.«
»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.
Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann hielt er’s nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr, paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihrnicht?«
»Was kannst du raten?«
»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch[pg 162]den ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s kein Glück gebracht: sie meinen’s nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch nur der Adler findet oder der Steinbock.«
»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus der Mühle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: des Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rauthgundis. Leb wohl, du mein Leben!«
Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.
Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg: Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.
Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: – nochmal winkte sie mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.
Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst als diese verhallt, wandte er sich.
Aber es ließ ihn nicht von der Stelle.
Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens ein großer moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem Schmerz.
Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten vorüber, er hörte eskaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.
Schon stand die Sonne im Mittag.
Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.
»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit zurück und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand, kam’s gleich im ganzen Lager aus:duhabest, an Krone und Glück verzweifelnd, dich davon gemacht.
Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.«
»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll’n sie nicht entweihn. Komm, Teja, zurück ins Lager.«