Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von Bern ihrer warten sollte.Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vor[pg 395]bereitungen starkem Sinn gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz, »ist er tot?«»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer trennen können.»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der Hand.«»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle thun können? Nichts andres!«»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt geschehn?«»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.«Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.[pg 396]»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.«»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner nutzlosen Wacht.«»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm, wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil.Aber Rauthgundis irrte.Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken, die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.«»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.[pg 397]Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit Witichis war erzwungen und nichtig.«»Ich sagte dir schon: nein, niemals!«»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen.Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem Wege nach Byzanz.«»Niemals.«»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden. Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«Mataswintha schüttelte das Haupt.»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die Herrschaft lieben?«»Ich liebe nur ... –! Niemals!«»So muß ich dich zwingen!«Sie lachte: »Du? mich? zwingen?«»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen leergelassenen Namen ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich, der Sieger – er hatte noch kein[pg 398]Wort für mich. Nur das erste Mal, da erhielt ich einen Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren mußte.«»Nie giebt er nach.«»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber ich kann nicht lange mehr warten.Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht hält. Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich schwöre es dir beim Styx, – werd’ ich den Gefangenen –«Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch nicht töten?«»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann töten.«»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf.»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es Ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.«Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr Auge.[pg 399]Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.Achtundzwanzigstes Kapitel.Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das heftiger Wind an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht mit desto tieferem Dunkel wechselte.Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die Gangthür geheftet.»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof, im Mondlicht naht.« – »Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er Hunger leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen Abend?«»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich an seine[pg 400]Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ... – –« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis sie selbst Schmerz empfand.»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!«»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hieher! Was ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof.Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe, weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel das Mondlicht darauf.»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich und verhüllte das Haupt.»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits. Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch – da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was schimmert da rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an der Gangthür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!«»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!«»Siekönnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!«[pg 401]Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil in der Rechten, vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße.Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen und ihren Weg erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht erschloß sie auch diese.Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er saß, den Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die Hände gestützt, reglos auf einem Steinblock.Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob das Haupt. Aber er sah nicht um.»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich Mataswintha – »ich bin’s. Hörst du mich?«Aber der Gefragte rührte sich nicht.»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!«Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie trat ein. Gern hätte sie seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will dich töten – quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.«Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und[pg 402]Leben. Ich habe die Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie seinen Arm, wollte ihn emporreißen.Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den Steinblock festgeschlossen.»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee.»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich gehöre dem Tode. Und hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.«»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih mir. Denn auch ich habe dir gelogen.«»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.«»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben.Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe – o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir erstehlen. Vergieb mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.«Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. »O, ich flehe dich an – verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.«»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser, nicht schlimmer!«»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen! Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte kniend, flehend, beide Hände zu ihm empor.[pg 403]Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz. »Mataswintha,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir gethan – geh hin: – ich habe dir verziehn.«»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.Neunundzwanzigstes Kapitel.Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, nie soll er dir vergeben! Komm Witichis,meinWitichis. Folge mir! du bist frei.« Der König sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt. »Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab’ dich wieder.« Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide süße Thränen der Liebe und der Freude.Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, hell beleuchtete.»Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd’ er folgen in Freiheit und Leben. Aber er muß ja bleiben! Und sterben – mit mir.« –»Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkerthüre her die Stimme Dromons.»Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rauthgundis. Sie[pg 404]zog einen kleinen Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine Öffnung suchend.»Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der Gefangene, halb in seine Betäubung zurücksinkend.»Ja, hinaus in Luft und Freiheit,« rief Rauthgundis und warf die losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier Witichis, eine Waffe! Ein Beil! Nimm!«Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus: »Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!«»Das wußte ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rauthgundis, kniete nieder und schloß die Kette auf, die seinen linken Fuß an den Steinblock gefesselt hielt. »Nun schreite aus! Denn du bist frei.«Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen Schritt gegen die Thüre.»Undsiedarf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswintha.»Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ichwillfrei sein und mit dir gehen.«»Mit ihr will er gehen!« rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den Weg. »Witichis – leb wohl – geh! – Nur sage mir nochmal – daß du mir vergiebst.«»Dir vergeben?« rief Rauthgundis. »Nie! Niemals! Sie hat unser Reich zerstört. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels – ihre Hand hat deine Speicher verbrannt!«»O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser Schlange der Hölle!« Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er über die Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.»Witichis!« rief Mataswintha sich aufraffend. »Halt! Halt an! Höre mich nur noch einmal! Witichis!«[pg 405]»Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. »Du wirst ihn verderben.«Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mächtig, riß sich los und folgte, die Stufen hinauf in den Gang.»Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mußt mir verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu Boden.Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes geweckt.Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegürtet, aus seinem Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof blickten.»Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten waren merksam geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die Gangthüre durchschritten und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer Dromons erreicht, als sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang hineinstürmten.Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthür, sprang auf die schwere eiserne Gangthüre zu, warf sie klirrend ins Schloß, drehte den Schlüssel um, und zog ihn heraus. »Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie.Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem großen Ausgang zu, der aus dem Schloßhof auf die Straße führte. Mit gefälltem Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen entgegen. »Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? –«»Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den Speer den Flüchtigen nach: er durchbohrte den letzten der drei – Dromon.[pg 406]Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße hinabspringend, hörten die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthüre schlagen, auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein Pferd!«Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter flogen nach allen Thoren der Stadt.»Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen bringt!« rief Cethegus, – sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes schwingend. »Nun auf, ihr Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!«»Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem Palastthor sprengend.»Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.«»Zwei große Mauerbreschen sinds.«»Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir. Ist nicht dort –?«»Der Mauersturz am Turme des Aëtius.«»Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« – – –Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden. Wallada nahm die Gatten auf den Rücken. –Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein Weib! mit dir[pg 407]hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will ich’s noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir lassen, du Seele meiner Seele.«»Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen Nacken, o du mein alles.«»Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.«Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses war erreicht. Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht sehr tief, sehr reißend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht zu brauchen.Die Gäule müssen schwimmen und stark rechts abwärts wird’s uns reißen. Und es sind Felsen im Fluß. Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« – Ratlos prüfte er am Ufer hin und her.»Horch, was war das?« fragte Rauthgundis. »Das war nicht der Wind in den Steineichen.«»Pferde sind’s,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. Ja, wir sind verfolgt. Waffen klirren. Da – Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf Leben und Sterben. Aber leise!«Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut.»Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen.Halte dich fest an der Mähne, Rauthgundis. Vorwärts, Wallada!«Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut – die Mähne flog wirr kopfüber – die Vorderfüße vorgestreckt, den Hinterbug zurückgehemmt.»Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem treuen Roß ins Ohr: »Dietrich von Bern!« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig in die Flut.Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald,[pg 408]voran Cethegus, ihm zur Seite Syphax, eine Fackel hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die Spur, o Herr.«»Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!«Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht.»Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!«»Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fließend Wasser reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir müssen erst zu ihm beten.«»Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, nun aber –«Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluß und verlöschte alle Fackeln. – Hochauf rauschte die Flut.»Du siehst, o Herr, Phug zürnt.«»Still! saht ihr nichts? Da unten, links?«Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. – Er zeigte Rauthgundis helles Untergewand: – den braunen Mantel hatte sie verloren.»Zielt rasch, dorthin.«»Nein, Herr! Erst ausbeten.« –Da war es wieder dunkel am Himmel. – Mit einem Fluch riß dem Hunnenhäuptling Cethegus Bogen und Köcher von der Schulter.»Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer gewonnen hatte, zurück – »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.«»Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und sich an der Mähne haltend. »Da ist ein Fels! Stoße dich nicht, Rauthgundis.« –Roß, Mann und Weib stockten einen Augenblick an[pg 409]dem ragenden Stein, wo in gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reißend zog.Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und die Gruppe am Felsen.»Sie sind es!« rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit hielt, zielte und schoß. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte Pfeil von der Sehne.»Rauthgundis!« rief Witichis entsetzt. – Denn sie zuckte zusammen und sank nach vorwärts auf die Mähne des Rosses: aber sie klagte nicht.»Bist du getroffen?« – »Ich glaube. Laß mich hier. Und rette dich.« – »Niemals! Laß dich stützen.«»Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!«Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.»Laß mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« – »Nein, ich lasse dich nie mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In hellem Mondlicht stand die Gruppe.»Gieb dich gefangen, Witichis!« rief Cethegus, sein Roß bis an den Bug in das Wasser spornend.»Fluch über dich, du Lügner und Neiding.«Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Roß Theoderichs und versank für immer in die Tiefe.Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei dir!« – hauchte noch Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. – – »Mit dir!«Umschlungen verschwanden sie im Fluß.Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen. Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.[pg 410]»Schafft die Leichen ans Land!« befahl Cethegus düster, sein Roß wendend. Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie Meer.Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna zurückgekehrt, bereit, demnächst Mataswintha nach Byzanz zu führen.Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthür durchbrachen, die eingesperrten Söldner zu befreien. Man fand die Fürstin auf den Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber mit starr geöffneten Augen lag.Gegen Mittag ließ sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und drohend, sein Antlitz von eisiger Kälte. Er trat dicht an ihr Lager. Mataswintha sah ihm ins Auge.»Er ist tot!« sagte sie dann ruhig.»Er wollte es nicht anders. Er – und du. Dir Vorwürfe machen ist zwecklos. Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Sühne thun kannst, ist: meinen zweiten Wunsch erfüllen. Prinz Germanus ist gelandet, dich abzuholen. Du wirst ihm folgen.«»Wo ist die Leiche?«[pg 411]»Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und – das Weib.«Mataswinthens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie starb mit ihm?«»Laß diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen. Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begrüßen?«»Ich werde bereit sein.«»Gut. Wir wollen pünktlich sein.«»Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmücken: Diadem, Purpur, Seide.«»Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cethegus im Hinausgehen. »Aber die Weiber sind zäh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie können fortleben mit aus der Brust gerissenem Herzen.«Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten.Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Männer zur Königin zu entbieten.Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle ihres Gemaches. Aber gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schön, so prachtvoll hatte er die Gotenfürstin nie gesehen.Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das, gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern bis über den Rücken floß. Das Unterkleid, von schwerster weißer Seide mit goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war marmorweiß, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,« rief sie dem Eintretenden entgegen, »du hast mir von Liebe geredet? Aber weißt du, was du geredet? Lieben ist sterben.«Germanus sah fragend auf Cethegus.[pg 412]Dieser trat vor. Er wollte sprechen.Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:»Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof, wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung. Auch ich will dir eine Rätselfrage stellen: – sieh zu, ob du sie lösest. Laß dir nur helfen dabei von dem klugen Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter versteht. Was ist das? Weib und doch Mädchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur löst alle Rätsel.«Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert blitzte. Mit beiden Händen stieß sie sich’s tief in die Brust.Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rückwärts hinzu. Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst gesendet.Es war das Schwert des Königs Witichis.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von Bern ihrer warten sollte.Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vor[pg 395]bereitungen starkem Sinn gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz, »ist er tot?«»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer trennen können.»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der Hand.«»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle thun können? Nichts andres!«»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt geschehn?«»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.«Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.[pg 396]»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.«»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner nutzlosen Wacht.«»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm, wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil.Aber Rauthgundis irrte.Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken, die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.«»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.[pg 397]Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit Witichis war erzwungen und nichtig.«»Ich sagte dir schon: nein, niemals!«»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen.Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem Wege nach Byzanz.«»Niemals.«»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden. Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«Mataswintha schüttelte das Haupt.»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die Herrschaft lieben?«»Ich liebe nur ... –! Niemals!«»So muß ich dich zwingen!«Sie lachte: »Du? mich? zwingen?«»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen leergelassenen Namen ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich, der Sieger – er hatte noch kein[pg 398]Wort für mich. Nur das erste Mal, da erhielt ich einen Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren mußte.«»Nie giebt er nach.«»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber ich kann nicht lange mehr warten.Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht hält. Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich schwöre es dir beim Styx, – werd’ ich den Gefangenen –«Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch nicht töten?«»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann töten.«»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf.»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es Ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.«Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr Auge.[pg 399]Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.Achtundzwanzigstes Kapitel.Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das heftiger Wind an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht mit desto tieferem Dunkel wechselte.Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die Gangthür geheftet.»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof, im Mondlicht naht.« – »Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er Hunger leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen Abend?«»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich an seine[pg 400]Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ... – –« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis sie selbst Schmerz empfand.»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!«»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hieher! Was ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof.Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe, weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel das Mondlicht darauf.»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich und verhüllte das Haupt.»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits. Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch – da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was schimmert da rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an der Gangthür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!«»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!«»Siekönnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!«[pg 401]Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil in der Rechten, vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße.Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen und ihren Weg erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht erschloß sie auch diese.Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er saß, den Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die Hände gestützt, reglos auf einem Steinblock.Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob das Haupt. Aber er sah nicht um.»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich Mataswintha – »ich bin’s. Hörst du mich?«Aber der Gefragte rührte sich nicht.»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!«Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie trat ein. Gern hätte sie seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will dich töten – quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.«Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und[pg 402]Leben. Ich habe die Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie seinen Arm, wollte ihn emporreißen.Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den Steinblock festgeschlossen.»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee.»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich gehöre dem Tode. Und hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.«»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih mir. Denn auch ich habe dir gelogen.«»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.«»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben.Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe – o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir erstehlen. Vergieb mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.«Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. »O, ich flehe dich an – verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.«»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser, nicht schlimmer!«»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen! Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte kniend, flehend, beide Hände zu ihm empor.[pg 403]Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz. »Mataswintha,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir gethan – geh hin: – ich habe dir verziehn.«»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.Neunundzwanzigstes Kapitel.Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, nie soll er dir vergeben! Komm Witichis,meinWitichis. Folge mir! du bist frei.« Der König sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt. »Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab’ dich wieder.« Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide süße Thränen der Liebe und der Freude.Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, hell beleuchtete.»Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd’ er folgen in Freiheit und Leben. Aber er muß ja bleiben! Und sterben – mit mir.« –»Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkerthüre her die Stimme Dromons.»Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rauthgundis. Sie[pg 404]zog einen kleinen Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine Öffnung suchend.»Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der Gefangene, halb in seine Betäubung zurücksinkend.»Ja, hinaus in Luft und Freiheit,« rief Rauthgundis und warf die losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier Witichis, eine Waffe! Ein Beil! Nimm!«Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus: »Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!«»Das wußte ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rauthgundis, kniete nieder und schloß die Kette auf, die seinen linken Fuß an den Steinblock gefesselt hielt. »Nun schreite aus! Denn du bist frei.«Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen Schritt gegen die Thüre.»Undsiedarf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswintha.»Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ichwillfrei sein und mit dir gehen.«»Mit ihr will er gehen!« rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den Weg. »Witichis – leb wohl – geh! – Nur sage mir nochmal – daß du mir vergiebst.«»Dir vergeben?« rief Rauthgundis. »Nie! Niemals! Sie hat unser Reich zerstört. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels – ihre Hand hat deine Speicher verbrannt!«»O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser Schlange der Hölle!« Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er über die Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.»Witichis!« rief Mataswintha sich aufraffend. »Halt! Halt an! Höre mich nur noch einmal! Witichis!«[pg 405]»Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. »Du wirst ihn verderben.«Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mächtig, riß sich los und folgte, die Stufen hinauf in den Gang.»Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mußt mir verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu Boden.Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes geweckt.Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegürtet, aus seinem Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof blickten.»Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten waren merksam geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die Gangthüre durchschritten und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer Dromons erreicht, als sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang hineinstürmten.Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthür, sprang auf die schwere eiserne Gangthüre zu, warf sie klirrend ins Schloß, drehte den Schlüssel um, und zog ihn heraus. »Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie.Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem großen Ausgang zu, der aus dem Schloßhof auf die Straße führte. Mit gefälltem Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen entgegen. »Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? –«»Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den Speer den Flüchtigen nach: er durchbohrte den letzten der drei – Dromon.[pg 406]Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße hinabspringend, hörten die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthüre schlagen, auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein Pferd!«Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter flogen nach allen Thoren der Stadt.»Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen bringt!« rief Cethegus, – sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes schwingend. »Nun auf, ihr Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!«»Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem Palastthor sprengend.»Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.«»Zwei große Mauerbreschen sinds.«»Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir. Ist nicht dort –?«»Der Mauersturz am Turme des Aëtius.«»Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« – – –Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden. Wallada nahm die Gatten auf den Rücken. –Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein Weib! mit dir[pg 407]hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will ich’s noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir lassen, du Seele meiner Seele.«»Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen Nacken, o du mein alles.«»Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.«Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses war erreicht. Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht sehr tief, sehr reißend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht zu brauchen.Die Gäule müssen schwimmen und stark rechts abwärts wird’s uns reißen. Und es sind Felsen im Fluß. Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« – Ratlos prüfte er am Ufer hin und her.»Horch, was war das?« fragte Rauthgundis. »Das war nicht der Wind in den Steineichen.«»Pferde sind’s,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. Ja, wir sind verfolgt. Waffen klirren. Da – Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf Leben und Sterben. Aber leise!«Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut.»Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen.Halte dich fest an der Mähne, Rauthgundis. Vorwärts, Wallada!«Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut – die Mähne flog wirr kopfüber – die Vorderfüße vorgestreckt, den Hinterbug zurückgehemmt.»Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem treuen Roß ins Ohr: »Dietrich von Bern!« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig in die Flut.Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald,[pg 408]voran Cethegus, ihm zur Seite Syphax, eine Fackel hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die Spur, o Herr.«»Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!«Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht.»Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!«»Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fließend Wasser reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir müssen erst zu ihm beten.«»Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, nun aber –«Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluß und verlöschte alle Fackeln. – Hochauf rauschte die Flut.»Du siehst, o Herr, Phug zürnt.«»Still! saht ihr nichts? Da unten, links?«Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. – Er zeigte Rauthgundis helles Untergewand: – den braunen Mantel hatte sie verloren.»Zielt rasch, dorthin.«»Nein, Herr! Erst ausbeten.« –Da war es wieder dunkel am Himmel. – Mit einem Fluch riß dem Hunnenhäuptling Cethegus Bogen und Köcher von der Schulter.»Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer gewonnen hatte, zurück – »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.«»Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und sich an der Mähne haltend. »Da ist ein Fels! Stoße dich nicht, Rauthgundis.« –Roß, Mann und Weib stockten einen Augenblick an[pg 409]dem ragenden Stein, wo in gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reißend zog.Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und die Gruppe am Felsen.»Sie sind es!« rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit hielt, zielte und schoß. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte Pfeil von der Sehne.»Rauthgundis!« rief Witichis entsetzt. – Denn sie zuckte zusammen und sank nach vorwärts auf die Mähne des Rosses: aber sie klagte nicht.»Bist du getroffen?« – »Ich glaube. Laß mich hier. Und rette dich.« – »Niemals! Laß dich stützen.«»Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!«Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.»Laß mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« – »Nein, ich lasse dich nie mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In hellem Mondlicht stand die Gruppe.»Gieb dich gefangen, Witichis!« rief Cethegus, sein Roß bis an den Bug in das Wasser spornend.»Fluch über dich, du Lügner und Neiding.«Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Roß Theoderichs und versank für immer in die Tiefe.Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei dir!« – hauchte noch Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. – – »Mit dir!«Umschlungen verschwanden sie im Fluß.Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen. Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.[pg 410]»Schafft die Leichen ans Land!« befahl Cethegus düster, sein Roß wendend. Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie Meer.Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna zurückgekehrt, bereit, demnächst Mataswintha nach Byzanz zu führen.Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthür durchbrachen, die eingesperrten Söldner zu befreien. Man fand die Fürstin auf den Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber mit starr geöffneten Augen lag.Gegen Mittag ließ sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und drohend, sein Antlitz von eisiger Kälte. Er trat dicht an ihr Lager. Mataswintha sah ihm ins Auge.»Er ist tot!« sagte sie dann ruhig.»Er wollte es nicht anders. Er – und du. Dir Vorwürfe machen ist zwecklos. Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Sühne thun kannst, ist: meinen zweiten Wunsch erfüllen. Prinz Germanus ist gelandet, dich abzuholen. Du wirst ihm folgen.«»Wo ist die Leiche?«[pg 411]»Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und – das Weib.«Mataswinthens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie starb mit ihm?«»Laß diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen. Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begrüßen?«»Ich werde bereit sein.«»Gut. Wir wollen pünktlich sein.«»Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmücken: Diadem, Purpur, Seide.«»Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cethegus im Hinausgehen. »Aber die Weiber sind zäh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie können fortleben mit aus der Brust gerissenem Herzen.«Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten.Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Männer zur Königin zu entbieten.Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle ihres Gemaches. Aber gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schön, so prachtvoll hatte er die Gotenfürstin nie gesehen.Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das, gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern bis über den Rücken floß. Das Unterkleid, von schwerster weißer Seide mit goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war marmorweiß, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,« rief sie dem Eintretenden entgegen, »du hast mir von Liebe geredet? Aber weißt du, was du geredet? Lieben ist sterben.«Germanus sah fragend auf Cethegus.[pg 412]Dieser trat vor. Er wollte sprechen.Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:»Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof, wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung. Auch ich will dir eine Rätselfrage stellen: – sieh zu, ob du sie lösest. Laß dir nur helfen dabei von dem klugen Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter versteht. Was ist das? Weib und doch Mädchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur löst alle Rätsel.«Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert blitzte. Mit beiden Händen stieß sie sich’s tief in die Brust.Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rückwärts hinzu. Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst gesendet.Es war das Schwert des Königs Witichis.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von Bern ihrer warten sollte.Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vor[pg 395]bereitungen starkem Sinn gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz, »ist er tot?«»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer trennen können.»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der Hand.«»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle thun können? Nichts andres!«»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt geschehn?«»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.«Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.[pg 396]»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.«»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner nutzlosen Wacht.«»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm, wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil.Aber Rauthgundis irrte.Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken, die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.«»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.[pg 397]Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit Witichis war erzwungen und nichtig.«»Ich sagte dir schon: nein, niemals!«»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen.Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem Wege nach Byzanz.«»Niemals.«»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden. Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«Mataswintha schüttelte das Haupt.»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die Herrschaft lieben?«»Ich liebe nur ... –! Niemals!«»So muß ich dich zwingen!«Sie lachte: »Du? mich? zwingen?«»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen leergelassenen Namen ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich, der Sieger – er hatte noch kein[pg 398]Wort für mich. Nur das erste Mal, da erhielt ich einen Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren mußte.«»Nie giebt er nach.«»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber ich kann nicht lange mehr warten.Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht hält. Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich schwöre es dir beim Styx, – werd’ ich den Gefangenen –«Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch nicht töten?«»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann töten.«»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf.»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es Ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.«Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr Auge.[pg 399]Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.Achtundzwanzigstes Kapitel.Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das heftiger Wind an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht mit desto tieferem Dunkel wechselte.Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die Gangthür geheftet.»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof, im Mondlicht naht.« – »Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er Hunger leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen Abend?«»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich an seine[pg 400]Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ... – –« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis sie selbst Schmerz empfand.»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!«»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hieher! Was ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof.Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe, weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel das Mondlicht darauf.»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich und verhüllte das Haupt.»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits. Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch – da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was schimmert da rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an der Gangthür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!«»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!«»Siekönnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!«[pg 401]Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil in der Rechten, vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße.Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen und ihren Weg erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht erschloß sie auch diese.Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er saß, den Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die Hände gestützt, reglos auf einem Steinblock.Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob das Haupt. Aber er sah nicht um.»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich Mataswintha – »ich bin’s. Hörst du mich?«Aber der Gefragte rührte sich nicht.»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!«Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie trat ein. Gern hätte sie seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will dich töten – quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.«Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und[pg 402]Leben. Ich habe die Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie seinen Arm, wollte ihn emporreißen.Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den Steinblock festgeschlossen.»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee.»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich gehöre dem Tode. Und hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.«»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih mir. Denn auch ich habe dir gelogen.«»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.«»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben.Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe – o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir erstehlen. Vergieb mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.«Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. »O, ich flehe dich an – verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.«»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser, nicht schlimmer!«»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen! Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte kniend, flehend, beide Hände zu ihm empor.[pg 403]Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz. »Mataswintha,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir gethan – geh hin: – ich habe dir verziehn.«»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.Neunundzwanzigstes Kapitel.Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, nie soll er dir vergeben! Komm Witichis,meinWitichis. Folge mir! du bist frei.« Der König sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt. »Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab’ dich wieder.« Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide süße Thränen der Liebe und der Freude.Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, hell beleuchtete.»Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd’ er folgen in Freiheit und Leben. Aber er muß ja bleiben! Und sterben – mit mir.« –»Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkerthüre her die Stimme Dromons.»Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rauthgundis. Sie[pg 404]zog einen kleinen Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine Öffnung suchend.»Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der Gefangene, halb in seine Betäubung zurücksinkend.»Ja, hinaus in Luft und Freiheit,« rief Rauthgundis und warf die losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier Witichis, eine Waffe! Ein Beil! Nimm!«Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus: »Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!«»Das wußte ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rauthgundis, kniete nieder und schloß die Kette auf, die seinen linken Fuß an den Steinblock gefesselt hielt. »Nun schreite aus! Denn du bist frei.«Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen Schritt gegen die Thüre.»Undsiedarf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswintha.»Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ichwillfrei sein und mit dir gehen.«»Mit ihr will er gehen!« rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den Weg. »Witichis – leb wohl – geh! – Nur sage mir nochmal – daß du mir vergiebst.«»Dir vergeben?« rief Rauthgundis. »Nie! Niemals! Sie hat unser Reich zerstört. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels – ihre Hand hat deine Speicher verbrannt!«»O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser Schlange der Hölle!« Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er über die Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.»Witichis!« rief Mataswintha sich aufraffend. »Halt! Halt an! Höre mich nur noch einmal! Witichis!«[pg 405]»Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. »Du wirst ihn verderben.«Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mächtig, riß sich los und folgte, die Stufen hinauf in den Gang.»Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mußt mir verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu Boden.Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes geweckt.Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegürtet, aus seinem Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof blickten.»Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten waren merksam geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die Gangthüre durchschritten und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer Dromons erreicht, als sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang hineinstürmten.Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthür, sprang auf die schwere eiserne Gangthüre zu, warf sie klirrend ins Schloß, drehte den Schlüssel um, und zog ihn heraus. »Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie.Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem großen Ausgang zu, der aus dem Schloßhof auf die Straße führte. Mit gefälltem Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen entgegen. »Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? –«»Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den Speer den Flüchtigen nach: er durchbohrte den letzten der drei – Dromon.[pg 406]Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße hinabspringend, hörten die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthüre schlagen, auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein Pferd!«Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter flogen nach allen Thoren der Stadt.»Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen bringt!« rief Cethegus, – sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes schwingend. »Nun auf, ihr Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!«»Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem Palastthor sprengend.»Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.«»Zwei große Mauerbreschen sinds.«»Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir. Ist nicht dort –?«»Der Mauersturz am Turme des Aëtius.«»Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« – – –Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden. Wallada nahm die Gatten auf den Rücken. –Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein Weib! mit dir[pg 407]hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will ich’s noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir lassen, du Seele meiner Seele.«»Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen Nacken, o du mein alles.«»Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.«Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses war erreicht. Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht sehr tief, sehr reißend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht zu brauchen.Die Gäule müssen schwimmen und stark rechts abwärts wird’s uns reißen. Und es sind Felsen im Fluß. Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« – Ratlos prüfte er am Ufer hin und her.»Horch, was war das?« fragte Rauthgundis. »Das war nicht der Wind in den Steineichen.«»Pferde sind’s,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. Ja, wir sind verfolgt. Waffen klirren. Da – Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf Leben und Sterben. Aber leise!«Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut.»Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen.Halte dich fest an der Mähne, Rauthgundis. Vorwärts, Wallada!«Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut – die Mähne flog wirr kopfüber – die Vorderfüße vorgestreckt, den Hinterbug zurückgehemmt.»Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem treuen Roß ins Ohr: »Dietrich von Bern!« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig in die Flut.Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald,[pg 408]voran Cethegus, ihm zur Seite Syphax, eine Fackel hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die Spur, o Herr.«»Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!«Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht.»Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!«»Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fließend Wasser reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir müssen erst zu ihm beten.«»Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, nun aber –«Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluß und verlöschte alle Fackeln. – Hochauf rauschte die Flut.»Du siehst, o Herr, Phug zürnt.«»Still! saht ihr nichts? Da unten, links?«Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. – Er zeigte Rauthgundis helles Untergewand: – den braunen Mantel hatte sie verloren.»Zielt rasch, dorthin.«»Nein, Herr! Erst ausbeten.« –Da war es wieder dunkel am Himmel. – Mit einem Fluch riß dem Hunnenhäuptling Cethegus Bogen und Köcher von der Schulter.»Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer gewonnen hatte, zurück – »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.«»Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und sich an der Mähne haltend. »Da ist ein Fels! Stoße dich nicht, Rauthgundis.« –Roß, Mann und Weib stockten einen Augenblick an[pg 409]dem ragenden Stein, wo in gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reißend zog.Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und die Gruppe am Felsen.»Sie sind es!« rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit hielt, zielte und schoß. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte Pfeil von der Sehne.»Rauthgundis!« rief Witichis entsetzt. – Denn sie zuckte zusammen und sank nach vorwärts auf die Mähne des Rosses: aber sie klagte nicht.»Bist du getroffen?« – »Ich glaube. Laß mich hier. Und rette dich.« – »Niemals! Laß dich stützen.«»Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!«Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.»Laß mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« – »Nein, ich lasse dich nie mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In hellem Mondlicht stand die Gruppe.»Gieb dich gefangen, Witichis!« rief Cethegus, sein Roß bis an den Bug in das Wasser spornend.»Fluch über dich, du Lügner und Neiding.«Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Roß Theoderichs und versank für immer in die Tiefe.Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei dir!« – hauchte noch Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. – – »Mit dir!«Umschlungen verschwanden sie im Fluß.Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen. Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.[pg 410]»Schafft die Leichen ans Land!« befahl Cethegus düster, sein Roß wendend. Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie Meer.Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna zurückgekehrt, bereit, demnächst Mataswintha nach Byzanz zu führen.Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthür durchbrachen, die eingesperrten Söldner zu befreien. Man fand die Fürstin auf den Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber mit starr geöffneten Augen lag.Gegen Mittag ließ sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und drohend, sein Antlitz von eisiger Kälte. Er trat dicht an ihr Lager. Mataswintha sah ihm ins Auge.»Er ist tot!« sagte sie dann ruhig.»Er wollte es nicht anders. Er – und du. Dir Vorwürfe machen ist zwecklos. Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Sühne thun kannst, ist: meinen zweiten Wunsch erfüllen. Prinz Germanus ist gelandet, dich abzuholen. Du wirst ihm folgen.«»Wo ist die Leiche?«[pg 411]»Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und – das Weib.«Mataswinthens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie starb mit ihm?«»Laß diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen. Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begrüßen?«»Ich werde bereit sein.«»Gut. Wir wollen pünktlich sein.«»Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmücken: Diadem, Purpur, Seide.«»Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cethegus im Hinausgehen. »Aber die Weiber sind zäh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie können fortleben mit aus der Brust gerissenem Herzen.«Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten.Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Männer zur Königin zu entbieten.Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle ihres Gemaches. Aber gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schön, so prachtvoll hatte er die Gotenfürstin nie gesehen.Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das, gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern bis über den Rücken floß. Das Unterkleid, von schwerster weißer Seide mit goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war marmorweiß, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,« rief sie dem Eintretenden entgegen, »du hast mir von Liebe geredet? Aber weißt du, was du geredet? Lieben ist sterben.«Germanus sah fragend auf Cethegus.[pg 412]Dieser trat vor. Er wollte sprechen.Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:»Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof, wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung. Auch ich will dir eine Rätselfrage stellen: – sieh zu, ob du sie lösest. Laß dir nur helfen dabei von dem klugen Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter versteht. Was ist das? Weib und doch Mädchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur löst alle Rätsel.«Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert blitzte. Mit beiden Händen stieß sie sich’s tief in die Brust.Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rückwärts hinzu. Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst gesendet.Es war das Schwert des Königs Witichis.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von Bern ihrer warten sollte.Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vor[pg 395]bereitungen starkem Sinn gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz, »ist er tot?«»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer trennen können.»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der Hand.«»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle thun können? Nichts andres!«»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt geschehn?«»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.«Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.[pg 396]»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.«»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner nutzlosen Wacht.«»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm, wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil.Aber Rauthgundis irrte.Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken, die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.«»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.[pg 397]Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit Witichis war erzwungen und nichtig.«»Ich sagte dir schon: nein, niemals!«»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen.Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem Wege nach Byzanz.«»Niemals.«»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden. Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«Mataswintha schüttelte das Haupt.»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die Herrschaft lieben?«»Ich liebe nur ... –! Niemals!«»So muß ich dich zwingen!«Sie lachte: »Du? mich? zwingen?«»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen leergelassenen Namen ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich, der Sieger – er hatte noch kein[pg 398]Wort für mich. Nur das erste Mal, da erhielt ich einen Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren mußte.«»Nie giebt er nach.«»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber ich kann nicht lange mehr warten.Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht hält. Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich schwöre es dir beim Styx, – werd’ ich den Gefangenen –«Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch nicht töten?«»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann töten.«»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf.»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es Ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.«Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr Auge.[pg 399]Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.

Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.

Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von Bern ihrer warten sollte.

Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vor[pg 395]bereitungen starkem Sinn gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.

»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz, »ist er tot?«

»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer trennen können.

»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der Hand.«

»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«

»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle thun können? Nichts andres!«

»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt geschehn?«

»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«

»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«

»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.«

Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.

»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«

»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.«

»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner nutzlosen Wacht.«

»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm, wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil.

Aber Rauthgundis irrte.

Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.

»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken, die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«

»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.«

»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.

Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit Witichis war erzwungen und nichtig.«

»Ich sagte dir schon: nein, niemals!«

»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen.

Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem Wege nach Byzanz.«

»Niemals.«

»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden. Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«

Mataswintha schüttelte das Haupt.

»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die Herrschaft lieben?«

»Ich liebe nur ... –! Niemals!«

»So muß ich dich zwingen!«

Sie lachte: »Du? mich? zwingen?«

»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen leergelassenen Namen ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich, der Sieger – er hatte noch kein[pg 398]Wort für mich. Nur das erste Mal, da erhielt ich einen Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren mußte.«

»Nie giebt er nach.«

»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber ich kann nicht lange mehr warten.

Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht hält. Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich schwöre es dir beim Styx, – werd’ ich den Gefangenen –«

Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch nicht töten?«

»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann töten.«

»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf.

»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es Ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.«

Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr Auge.

Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.

Achtundzwanzigstes Kapitel.Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das heftiger Wind an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht mit desto tieferem Dunkel wechselte.Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die Gangthür geheftet.»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof, im Mondlicht naht.« – »Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er Hunger leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen Abend?«»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich an seine[pg 400]Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ... – –« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis sie selbst Schmerz empfand.»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!«»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hieher! Was ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof.Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe, weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel das Mondlicht darauf.»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich und verhüllte das Haupt.»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits. Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch – da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was schimmert da rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an der Gangthür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!«»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!«»Siekönnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!«[pg 401]Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil in der Rechten, vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße.Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen und ihren Weg erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht erschloß sie auch diese.Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er saß, den Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die Hände gestützt, reglos auf einem Steinblock.Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob das Haupt. Aber er sah nicht um.»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich Mataswintha – »ich bin’s. Hörst du mich?«Aber der Gefragte rührte sich nicht.»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!«Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie trat ein. Gern hätte sie seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will dich töten – quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.«Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und[pg 402]Leben. Ich habe die Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie seinen Arm, wollte ihn emporreißen.Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den Steinblock festgeschlossen.»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee.»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich gehöre dem Tode. Und hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.«»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih mir. Denn auch ich habe dir gelogen.«»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.«»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben.Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe – o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir erstehlen. Vergieb mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.«Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. »O, ich flehe dich an – verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.«»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser, nicht schlimmer!«»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen! Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte kniend, flehend, beide Hände zu ihm empor.[pg 403]Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz. »Mataswintha,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir gethan – geh hin: – ich habe dir verziehn.«»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.

Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das heftiger Wind an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht mit desto tieferem Dunkel wechselte.

Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die Gangthür geheftet.

»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof, im Mondlicht naht.« – »Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er Hunger leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen Abend?«

»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich an seine[pg 400]Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ... – –« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis sie selbst Schmerz empfand.

»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!«

»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hieher! Was ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof.

Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe, weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel das Mondlicht darauf.

»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich und verhüllte das Haupt.

»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits. Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch – da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was schimmert da rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an der Gangthür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!«

»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!«

»Siekönnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!«

Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil in der Rechten, vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße.

Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen und ihren Weg erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht erschloß sie auch diese.

Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er saß, den Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die Hände gestützt, reglos auf einem Steinblock.

Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.

Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob das Haupt. Aber er sah nicht um.

»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich Mataswintha – »ich bin’s. Hörst du mich?«

Aber der Gefragte rührte sich nicht.

»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!«

Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.

»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie trat ein. Gern hätte sie seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will dich töten – quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.«

Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und[pg 402]Leben. Ich habe die Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie seinen Arm, wollte ihn emporreißen.

Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den Steinblock festgeschlossen.

»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee.

»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich gehöre dem Tode. Und hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.«

»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih mir. Denn auch ich habe dir gelogen.«

»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.«

»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben.

Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe – o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir erstehlen. Vergieb mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.«

Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. »O, ich flehe dich an – verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.«

»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser, nicht schlimmer!«

»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen! Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte kniend, flehend, beide Hände zu ihm empor.

Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz. »Mataswintha,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir gethan – geh hin: – ich habe dir verziehn.«

»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.

Neunundzwanzigstes Kapitel.Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, nie soll er dir vergeben! Komm Witichis,meinWitichis. Folge mir! du bist frei.« Der König sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt. »Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab’ dich wieder.« Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide süße Thränen der Liebe und der Freude.Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, hell beleuchtete.»Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd’ er folgen in Freiheit und Leben. Aber er muß ja bleiben! Und sterben – mit mir.« –»Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkerthüre her die Stimme Dromons.»Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rauthgundis. Sie[pg 404]zog einen kleinen Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine Öffnung suchend.»Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der Gefangene, halb in seine Betäubung zurücksinkend.»Ja, hinaus in Luft und Freiheit,« rief Rauthgundis und warf die losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier Witichis, eine Waffe! Ein Beil! Nimm!«Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus: »Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!«»Das wußte ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rauthgundis, kniete nieder und schloß die Kette auf, die seinen linken Fuß an den Steinblock gefesselt hielt. »Nun schreite aus! Denn du bist frei.«Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen Schritt gegen die Thüre.»Undsiedarf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswintha.»Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ichwillfrei sein und mit dir gehen.«»Mit ihr will er gehen!« rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den Weg. »Witichis – leb wohl – geh! – Nur sage mir nochmal – daß du mir vergiebst.«»Dir vergeben?« rief Rauthgundis. »Nie! Niemals! Sie hat unser Reich zerstört. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels – ihre Hand hat deine Speicher verbrannt!«»O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser Schlange der Hölle!« Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er über die Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.»Witichis!« rief Mataswintha sich aufraffend. »Halt! Halt an! Höre mich nur noch einmal! Witichis!«[pg 405]»Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. »Du wirst ihn verderben.«Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mächtig, riß sich los und folgte, die Stufen hinauf in den Gang.»Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mußt mir verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu Boden.Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes geweckt.Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegürtet, aus seinem Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof blickten.»Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten waren merksam geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die Gangthüre durchschritten und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer Dromons erreicht, als sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang hineinstürmten.Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthür, sprang auf die schwere eiserne Gangthüre zu, warf sie klirrend ins Schloß, drehte den Schlüssel um, und zog ihn heraus. »Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie.Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem großen Ausgang zu, der aus dem Schloßhof auf die Straße führte. Mit gefälltem Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen entgegen. »Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? –«»Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den Speer den Flüchtigen nach: er durchbohrte den letzten der drei – Dromon.[pg 406]Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße hinabspringend, hörten die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthüre schlagen, auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein Pferd!«Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter flogen nach allen Thoren der Stadt.»Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen bringt!« rief Cethegus, – sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes schwingend. »Nun auf, ihr Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!«»Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem Palastthor sprengend.»Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.«»Zwei große Mauerbreschen sinds.«»Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir. Ist nicht dort –?«»Der Mauersturz am Turme des Aëtius.«»Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« – – –Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden. Wallada nahm die Gatten auf den Rücken. –Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein Weib! mit dir[pg 407]hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will ich’s noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir lassen, du Seele meiner Seele.«»Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen Nacken, o du mein alles.«»Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.«Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses war erreicht. Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht sehr tief, sehr reißend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht zu brauchen.Die Gäule müssen schwimmen und stark rechts abwärts wird’s uns reißen. Und es sind Felsen im Fluß. Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« – Ratlos prüfte er am Ufer hin und her.»Horch, was war das?« fragte Rauthgundis. »Das war nicht der Wind in den Steineichen.«»Pferde sind’s,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. Ja, wir sind verfolgt. Waffen klirren. Da – Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf Leben und Sterben. Aber leise!«Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut.»Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen.Halte dich fest an der Mähne, Rauthgundis. Vorwärts, Wallada!«Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut – die Mähne flog wirr kopfüber – die Vorderfüße vorgestreckt, den Hinterbug zurückgehemmt.»Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem treuen Roß ins Ohr: »Dietrich von Bern!« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig in die Flut.Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald,[pg 408]voran Cethegus, ihm zur Seite Syphax, eine Fackel hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die Spur, o Herr.«»Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!«Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht.»Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!«»Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fließend Wasser reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir müssen erst zu ihm beten.«»Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, nun aber –«Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluß und verlöschte alle Fackeln. – Hochauf rauschte die Flut.»Du siehst, o Herr, Phug zürnt.«»Still! saht ihr nichts? Da unten, links?«Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. – Er zeigte Rauthgundis helles Untergewand: – den braunen Mantel hatte sie verloren.»Zielt rasch, dorthin.«»Nein, Herr! Erst ausbeten.« –Da war es wieder dunkel am Himmel. – Mit einem Fluch riß dem Hunnenhäuptling Cethegus Bogen und Köcher von der Schulter.»Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer gewonnen hatte, zurück – »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.«»Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und sich an der Mähne haltend. »Da ist ein Fels! Stoße dich nicht, Rauthgundis.« –Roß, Mann und Weib stockten einen Augenblick an[pg 409]dem ragenden Stein, wo in gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reißend zog.Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und die Gruppe am Felsen.»Sie sind es!« rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit hielt, zielte und schoß. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte Pfeil von der Sehne.»Rauthgundis!« rief Witichis entsetzt. – Denn sie zuckte zusammen und sank nach vorwärts auf die Mähne des Rosses: aber sie klagte nicht.»Bist du getroffen?« – »Ich glaube. Laß mich hier. Und rette dich.« – »Niemals! Laß dich stützen.«»Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!«Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.»Laß mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« – »Nein, ich lasse dich nie mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In hellem Mondlicht stand die Gruppe.»Gieb dich gefangen, Witichis!« rief Cethegus, sein Roß bis an den Bug in das Wasser spornend.»Fluch über dich, du Lügner und Neiding.«Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Roß Theoderichs und versank für immer in die Tiefe.Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei dir!« – hauchte noch Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. – – »Mit dir!«Umschlungen verschwanden sie im Fluß.Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen. Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.[pg 410]»Schafft die Leichen ans Land!« befahl Cethegus düster, sein Roß wendend. Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie Meer.Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna zurückgekehrt, bereit, demnächst Mataswintha nach Byzanz zu führen.Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthür durchbrachen, die eingesperrten Söldner zu befreien. Man fand die Fürstin auf den Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber mit starr geöffneten Augen lag.Gegen Mittag ließ sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und drohend, sein Antlitz von eisiger Kälte. Er trat dicht an ihr Lager. Mataswintha sah ihm ins Auge.»Er ist tot!« sagte sie dann ruhig.»Er wollte es nicht anders. Er – und du. Dir Vorwürfe machen ist zwecklos. Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Sühne thun kannst, ist: meinen zweiten Wunsch erfüllen. Prinz Germanus ist gelandet, dich abzuholen. Du wirst ihm folgen.«»Wo ist die Leiche?«[pg 411]»Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und – das Weib.«Mataswinthens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie starb mit ihm?«»Laß diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen. Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begrüßen?«»Ich werde bereit sein.«»Gut. Wir wollen pünktlich sein.«»Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmücken: Diadem, Purpur, Seide.«»Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cethegus im Hinausgehen. »Aber die Weiber sind zäh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie können fortleben mit aus der Brust gerissenem Herzen.«Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten.Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Männer zur Königin zu entbieten.Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle ihres Gemaches. Aber gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schön, so prachtvoll hatte er die Gotenfürstin nie gesehen.Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das, gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern bis über den Rücken floß. Das Unterkleid, von schwerster weißer Seide mit goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war marmorweiß, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,« rief sie dem Eintretenden entgegen, »du hast mir von Liebe geredet? Aber weißt du, was du geredet? Lieben ist sterben.«Germanus sah fragend auf Cethegus.[pg 412]Dieser trat vor. Er wollte sprechen.Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:»Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof, wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung. Auch ich will dir eine Rätselfrage stellen: – sieh zu, ob du sie lösest. Laß dir nur helfen dabei von dem klugen Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter versteht. Was ist das? Weib und doch Mädchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur löst alle Rätsel.«Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert blitzte. Mit beiden Händen stieß sie sich’s tief in die Brust.Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rückwärts hinzu. Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst gesendet.Es war das Schwert des Königs Witichis.

Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, nie soll er dir vergeben! Komm Witichis,meinWitichis. Folge mir! du bist frei.« Der König sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt. »Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab’ dich wieder.« Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide süße Thränen der Liebe und der Freude.

Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, hell beleuchtete.

»Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd’ er folgen in Freiheit und Leben. Aber er muß ja bleiben! Und sterben – mit mir.« –

»Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkerthüre her die Stimme Dromons.

»Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rauthgundis. Sie[pg 404]zog einen kleinen Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine Öffnung suchend.

»Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der Gefangene, halb in seine Betäubung zurücksinkend.

»Ja, hinaus in Luft und Freiheit,« rief Rauthgundis und warf die losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier Witichis, eine Waffe! Ein Beil! Nimm!«

Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus: »Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!«

»Das wußte ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rauthgundis, kniete nieder und schloß die Kette auf, die seinen linken Fuß an den Steinblock gefesselt hielt. »Nun schreite aus! Denn du bist frei.«

Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen Schritt gegen die Thüre.

»Undsiedarf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswintha.

»Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ichwillfrei sein und mit dir gehen.«

»Mit ihr will er gehen!« rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den Weg. »Witichis – leb wohl – geh! – Nur sage mir nochmal – daß du mir vergiebst.«

»Dir vergeben?« rief Rauthgundis. »Nie! Niemals! Sie hat unser Reich zerstört. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels – ihre Hand hat deine Speicher verbrannt!«

»O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser Schlange der Hölle!« Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er über die Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.

»Witichis!« rief Mataswintha sich aufraffend. »Halt! Halt an! Höre mich nur noch einmal! Witichis!«

»Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. »Du wirst ihn verderben.«

Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mächtig, riß sich los und folgte, die Stufen hinauf in den Gang.

»Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mußt mir verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu Boden.

Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.

Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes geweckt.

Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegürtet, aus seinem Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof blickten.

»Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten waren merksam geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die Gangthüre durchschritten und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer Dromons erreicht, als sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang hineinstürmten.

Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthür, sprang auf die schwere eiserne Gangthüre zu, warf sie klirrend ins Schloß, drehte den Schlüssel um, und zog ihn heraus. »Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie.

Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem großen Ausgang zu, der aus dem Schloßhof auf die Straße führte. Mit gefälltem Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen entgegen. »Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? –«

»Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.

Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den Speer den Flüchtigen nach: er durchbohrte den letzten der drei – Dromon.

Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße hinabspringend, hörten die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthüre schlagen, auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein Pferd!«

Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.

Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter flogen nach allen Thoren der Stadt.

»Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen bringt!« rief Cethegus, – sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes schwingend. »Nun auf, ihr Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!«

»Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem Palastthor sprengend.

»Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.«

»Zwei große Mauerbreschen sinds.«

»Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir. Ist nicht dort –?«

»Der Mauersturz am Turme des Aëtius.«

»Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« – – –

Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden. Wallada nahm die Gatten auf den Rücken. –

Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein Weib! mit dir[pg 407]hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will ich’s noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir lassen, du Seele meiner Seele.«

»Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen Nacken, o du mein alles.«

»Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.«

Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses war erreicht. Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht sehr tief, sehr reißend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht zu brauchen.

Die Gäule müssen schwimmen und stark rechts abwärts wird’s uns reißen. Und es sind Felsen im Fluß. Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« – Ratlos prüfte er am Ufer hin und her.

»Horch, was war das?« fragte Rauthgundis. »Das war nicht der Wind in den Steineichen.«

»Pferde sind’s,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. Ja, wir sind verfolgt. Waffen klirren. Da – Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf Leben und Sterben. Aber leise!«

Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut.

»Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen.

Halte dich fest an der Mähne, Rauthgundis. Vorwärts, Wallada!«

Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut – die Mähne flog wirr kopfüber – die Vorderfüße vorgestreckt, den Hinterbug zurückgehemmt.

»Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem treuen Roß ins Ohr: »Dietrich von Bern!« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig in die Flut.

Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald,[pg 408]voran Cethegus, ihm zur Seite Syphax, eine Fackel hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die Spur, o Herr.«

»Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!«

Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht.

»Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!«

»Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fließend Wasser reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir müssen erst zu ihm beten.«

»Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, nun aber –«

Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluß und verlöschte alle Fackeln. – Hochauf rauschte die Flut.

»Du siehst, o Herr, Phug zürnt.«

»Still! saht ihr nichts? Da unten, links?«

Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. – Er zeigte Rauthgundis helles Untergewand: – den braunen Mantel hatte sie verloren.

»Zielt rasch, dorthin.«

»Nein, Herr! Erst ausbeten.« –

Da war es wieder dunkel am Himmel. – Mit einem Fluch riß dem Hunnenhäuptling Cethegus Bogen und Köcher von der Schulter.

»Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer gewonnen hatte, zurück – »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.«

»Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und sich an der Mähne haltend. »Da ist ein Fels! Stoße dich nicht, Rauthgundis.« –

Roß, Mann und Weib stockten einen Augenblick an[pg 409]dem ragenden Stein, wo in gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reißend zog.

Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und die Gruppe am Felsen.

»Sie sind es!« rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit hielt, zielte und schoß. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte Pfeil von der Sehne.

»Rauthgundis!« rief Witichis entsetzt. – Denn sie zuckte zusammen und sank nach vorwärts auf die Mähne des Rosses: aber sie klagte nicht.

»Bist du getroffen?« – »Ich glaube. Laß mich hier. Und rette dich.« – »Niemals! Laß dich stützen.«

»Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!«

Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.

»Laß mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« – »Nein, ich lasse dich nie mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In hellem Mondlicht stand die Gruppe.

»Gieb dich gefangen, Witichis!« rief Cethegus, sein Roß bis an den Bug in das Wasser spornend.

»Fluch über dich, du Lügner und Neiding.«

Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Roß Theoderichs und versank für immer in die Tiefe.

Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei dir!« – hauchte noch Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. – – »Mit dir!«

Umschlungen verschwanden sie im Fluß.

Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen. Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.

»Schafft die Leichen ans Land!« befahl Cethegus düster, sein Roß wendend. Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.

Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie Meer.

Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna zurückgekehrt, bereit, demnächst Mataswintha nach Byzanz zu führen.

Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthür durchbrachen, die eingesperrten Söldner zu befreien. Man fand die Fürstin auf den Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber mit starr geöffneten Augen lag.

Gegen Mittag ließ sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und drohend, sein Antlitz von eisiger Kälte. Er trat dicht an ihr Lager. Mataswintha sah ihm ins Auge.

»Er ist tot!« sagte sie dann ruhig.

»Er wollte es nicht anders. Er – und du. Dir Vorwürfe machen ist zwecklos. Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Sühne thun kannst, ist: meinen zweiten Wunsch erfüllen. Prinz Germanus ist gelandet, dich abzuholen. Du wirst ihm folgen.«

»Wo ist die Leiche?«

»Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und – das Weib.«

Mataswinthens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie starb mit ihm?«

»Laß diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen. Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begrüßen?«

»Ich werde bereit sein.«

»Gut. Wir wollen pünktlich sein.«

»Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmücken: Diadem, Purpur, Seide.«

»Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cethegus im Hinausgehen. »Aber die Weiber sind zäh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie können fortleben mit aus der Brust gerissenem Herzen.«

Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten.

Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Männer zur Königin zu entbieten.

Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle ihres Gemaches. Aber gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schön, so prachtvoll hatte er die Gotenfürstin nie gesehen.

Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das, gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern bis über den Rücken floß. Das Unterkleid, von schwerster weißer Seide mit goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war marmorweiß, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,« rief sie dem Eintretenden entgegen, »du hast mir von Liebe geredet? Aber weißt du, was du geredet? Lieben ist sterben.«

Germanus sah fragend auf Cethegus.

Dieser trat vor. Er wollte sprechen.

Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:

»Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof, wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung. Auch ich will dir eine Rätselfrage stellen: – sieh zu, ob du sie lösest. Laß dir nur helfen dabei von dem klugen Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter versteht. Was ist das? Weib und doch Mädchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur löst alle Rätsel.«

Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert blitzte. Mit beiden Händen stieß sie sich’s tief in die Brust.

Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rückwärts hinzu. Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst gesendet.

Es war das Schwert des Königs Witichis.


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