Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, Theoderich, Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitläufigen Palastes) unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm, wenn er die Wache am Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. Er hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen Zimmern allen königlichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern Eisenfüßen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden lagen, ein[pg 332]langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem einfachen Gelaß.Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, mit dem Rücken gegen die Thür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in beiden Händen auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt der Eintretenden nicht bemerkt.Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mächtig. Sie konnte ihn nicht ansprechen: sie konnte nicht näher treten.Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt an der Thüre stehen. »Du hier Königin?« sprach er staunend und trat ihr einen Schritt entgegen. »Was kann dich zu mir führen?«»Die Pflicht – das Mitleid« – sagte Mataswintha rasch.»Sonsthätte ich nicht – – ich habe eine Bitte an dich.«»Es ist die erste,« sagte Witichis. – »Sie betrifft nicht mich« – fiel sie schnell ein – »Ich bitte dich um Brot für Arme, Kranke, welche« –Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. –Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o wie gerne, gethan. So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht.»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich habe hart von dir gedacht.«»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es wäre vielleicht manches besser.«»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt – du hast ein Recht, es zu wissen – brach[pg 333]meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. Es bleibt nur noch ein letztes: ein freier Tod.«»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, und ihre Augen leuchteten. – »Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen meine Königin geworden .. – Du kannst dich laut daraufberufen.«»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert.Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern! Belisar hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: – eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich. Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, daß zweihundert Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluß herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.«»Ich will mit dir –, mit euch sterben.«»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen. Bis dahin reichen meine Speicher – der letzte Trost. Doch, das mahnt mich an deinen Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der Speicher. Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: – er verwahrt meine letzte Hoffnung.[pg 334]Er schließt das Leben von vielen Tausenden ein. Es war meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb.Michwundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht die Erde sich aufgethan hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu verschlingen.«Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt’ ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.«»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte sie, verbessernd, und griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend, – sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides – »du zitterst? Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu.»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so – so wie jetzt und wie heute morgen ... –« »Vergieb mir, Königin,« sagte Witichis, sich abwendend. »Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich all dies Unglück verdient haben könnte ...« – seine Stimme wurde weich.»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es nicht Strafe sei für eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen Geschöpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin.Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht zu halten, nach der Lehne des Stuhles neben ihr.[pg 335]»Endlich – endlich erweicht sein Herz und ich – was habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –«»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte sagen können.« – »Halt ein!« flüsterte sie so leise, daß er es nicht vernahm. »Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein Herz mit Macht: und Thränen drangen in meine Augen.« –»O Witichis!« hauchte Mataswintha.»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst mich dann so ganz, so herzerschütternd an –«»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß.»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib Rauthgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen.Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft verzerrte. Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern flogen.»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?«[pg 336]Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt vorbei: – leb wohl!« Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen bewußtlos in Aspas Arme.Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur noch gesteigert.Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen unbeweglich, wie Verderben brütend, über dem Meere stand und die Hälfte des Horizonts bedeckte.Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus dem unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich, bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schloßgarten standen regungslos.Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und Unruhe geraten. An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben, Möwen und Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den Ställen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich; kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode in wütenden Anstrengungen, zu entkommen. –[pg 337]Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont zu sinken.Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte Rebenzweig über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt vollends, was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht zerstampft haben.«»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde.»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten möchten vor Trockenheit.«Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter. Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und Rot seines Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes Ansehn.»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh![pg 338]Blitzjunge, hältst du’s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer – uf!«»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft.»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf dem Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – laß uns beide zu Munde führen.«Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich. »Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: – schicke mir einen Becher Wein herauf.«»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann’s ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann allein Allgunthens Minne trinken.«Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All Heil, Allgunthis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er, »das wehrt kein Dienst. Wann werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. –[pg 339]Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und mißmutig verließ der Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so schien es, an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. –Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden. Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden: er schob die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten jetzt dicht und schwer über der Stadt.Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land war jetzt ein schwarzes Gewölbe.Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii: »Noch immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert mich! Gute Wache!«In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heißen Sandwüsten Afrikas.Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken. Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht.[pg 340]Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Königin, mit todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit.Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder. Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! Mataswintha – Rauthgundis – Witichis!Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf dieser Worte unterbrechen zu können.Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über die bebende Stadt.Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen ihres Haares über die Schultern und lauschte.Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe führte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend.[pg 341]Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer geschlossenen Glaskugel brannte.»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine Lemure. Wie die Rachegöttin!«»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es war das erste Wort seit langen Stunden, – ohne den Blick vom Fenster zu wenden.Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloß das Fenster. »O Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt, das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch’ ein Blitz! Und noch kein Tropfen Regen. Nie hab’ ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen schwer.«»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder liebt.«»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme gerade zurück. Alles Volk strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich bete zu Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?«»Ich fluche! Das ist auch gebetet.«»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die Afrikanern.»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit!Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen[pg 342]vor Angst auf der Straße? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein Himmelsgott oder Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: um die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz! Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehn: und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! Ha, was war das?«Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte. Aspa fuhr vom Boden auf.»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber? Der Blitz hat wohl gezündet: – brennt es?«»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Königs.«»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch dieSterblichenführen den Blitz der Rache.«Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach war plötzlich dunkel.»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst nach ihrer Herrin.Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein frommer Zug.Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und Fahnen. Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:[pg 343]dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:malo mori quam foedari: major vis amoris est.Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:parce, judex, contristatis parce pecatoribus,qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus.Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der Speicher gegenüber, saß das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, die Hände nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der Sturmhaube stand neben ihr.Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?«»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm mit in die Kirche und bete mit uns.«»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?«»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme das Ende der Welt.«»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.«»Und bete für unsern guten König, der uns Brot giebt alle Tage.« – »Ich bete für ihn.«Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich an der Basilika kreuzten.»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber brumme mir nicht in meinen Befehl.Haltet an. Wisand, du bist’s? Wo ist der König? Auch in der Kirche?«»Nein, Hildebad, auf den Wällen.«[pg 344]»Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem König.« Und die Schritte verhallten.Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei. »Aber, Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, du wolltest in die Kirche? Warum führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?«»Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche! Ich sage dir, je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß, desto wohler ist mir. Ich führ’ euch auf die große, freie Wiese in der Vorstadt. Ich wollte, wir hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner Heimat, ich dächte, Ravenna werde heut’ ein zweites Herculaneum. Ich kenne solche Luft, wie sie heute weht – ich traue nicht!« Und sie gingen vorüber.»Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der Mann in der Sturmhaube zu der Gotin. »Ich muß sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.«»Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh’ nur, ich komme nach. Ich muß noch was zu Ende denken –, zu Ende beten.« Und die Frau blieb allein. Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, Galerien und Oberhallen des gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen und hin und wieder, auf und abwärts wandeln. Es mußte wohl eine Täuschung durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in den nach außen offenen Galerien verlöscht.[pg 345]Aber nein: es war doch ein Licht.Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die Frau nach dem wechselnden Licht und Schatten ... – –Aber plötzlich – o Entsetzen – fuhr sie empor.Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde – und schwankte, – stark, – von der Linken zur Rechten. –Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. –Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das Licht und verschwand plötzlich. –Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus. Denn jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! – Ein leises Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stöße: als hebe sich wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten.Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Thüren der Basilika stürzte in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die Frau hielt sich mit Mühe aufrecht.Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten.Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.[pg 346]Einundzwanzigstes Kapitel.Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises Seufzen zu vernehmen.»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?«»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber – vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er’s wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von Gewändern – und Stille.»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend.Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß – und zeigte, vor ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue Frauenkleider. – Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.[pg 347]Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad, Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: – was ist? wohin soll ich?« fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!«»Ich komme: – – armer Fridugern!«In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von selber ein.Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? was thust du in deinem Zelt? – –«»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe. Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber: stürme!«»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel!Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott der Herr spricht in diesen Wettern!«»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?«»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. – »Aber es ist finstre Nacht. – –«[pg 348]»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch leuchten die Blitze.«»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar.»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.«Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt. »Belisar,« meldete der erste, »der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« – »Hilfe, Hilfe! meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus dem Zelte. »Cethegus,« berichtete Marcus, »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten verschüttet.« Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd, frug der Präfekt: »was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Aëtiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?« – »Ja, das Wasser ist verschwunden – der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine Isaurier sind’s: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und schreien umHilfe.«»Laß sie schreien!« sprach Cethegus. – »Der Graben ist wirklich trocken? So laß zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.«Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte der Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionare und der Rest der Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wußte, daß ein günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde. »Lichter, Fackeln her!« rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner römischen Legionare. »Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter heraus!«[pg 349]Aber kein Arm rührte sich.Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als Mittel ansah zu seinem Zweck.»Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den Donner?« rief er.»Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. Denn die Erde bebt.«»Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht: der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen.Roma! Roma aeterna!«Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und die Waffen fortreißen.»Roma! Roma aeterna!« riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der römischen Jünglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und Donner und Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus der erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. – Im Finstern fand er den Weg. »Hierher, Licinius,« rief er, »mir nach! hier muß die Lücke sein.«Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte zurück. »Was ist das?« fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite Mauer?« – »Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber gotische Schilde.« – »Das ist der König Witichis,« sagte der Präfekt grimmig und maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung gezählt.[pg 350]Seine Hoffnung war getäuscht. »Hätt’ ich ihn,« sprach er grimmig in sich hinein, »er sollte nicht mehr schaden.«Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. Prokop erreichte den Präfekten: »Nun, was stockt ihr? Halten euch neue Wälle auf?«»Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt deutete mit dem Schwert. »Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!« –»Nun wahrlich!« rief Prokop: »si fractus illabatur orbis, impavidos ferientruinae!Das sind mutige Männer.«Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen heran. Einen Augenblick, – nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend hin und wieder, – einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mußte beginnen.Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule schoß hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom Himmel zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein furchtbar herrlicher Anblick.Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.»Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt ein Reiter, der von der Stadt her jagte, »es brennt.«»Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.«»Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in Myriaden Funken durch die Luft.«»Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner.Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz[pg 351]muß schon lange im Innern gezündet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da sieh, sieh hin. –«Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie riesengroß. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken empor. Es war ein Flammenmeer.Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – matt sank sein Arm herunter.Cethegus sah’s: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!«»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager – alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.«Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren Hauptwerken festzusetzen.Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden. Grollend führte er die Seinen zurück.Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.[pg 352]Zweiundzwanzigstes Kapitel.Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt.Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und dem Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Cirkus des Theodosius, starrten noch gen Himmel.Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein Ende machte.Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des Marmorrundbaus.Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal den Mantel auf[pg 353]der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es grabesstill in seinem Innern.Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus uns!« – »O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir jetzt essen?«»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König muß Rat schaffen.« – »Der König?«»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – »Hat er doch selbst nichts mehr.« – »Das ist seine Sache.« – »Er allein hat uns in all die Not gebracht.« – »Er ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!« – »Fluch den Barbaren!« – Sie sind an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König allein. Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – »Strafe? wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!« – »So wißt ihr’s nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib hat er verstoßen.«Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber sie erkannten seinen Schritt.»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr als seinen Zorn. Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. »Brot, König!« – »Guter König, Brot!«[pg 354]– »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild drängte sich die Menge um ihn.Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem Gemach.Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt.»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?«»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von höchster Wichtigkeit.«Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen Schreiber.«Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn eintreten.Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen Schritten auf und niederging, entgegen: »Das kömmt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen Künsten! von deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen kömmt Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, warum bin ich dir gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und Schande!«»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus seinen Freund.[pg 355]Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; lies.«Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen gethan:Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen Königs: eher fall’ ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’ Nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg: sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie deiner. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann[pg 356]mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.«Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine Blick beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich abermals. »Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche Versuchung! –«Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch die Verzweiflung führt.«»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn .. –«»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus.»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich es ihm doch selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet jetzt und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann ich nicht. Und sag’ ich nein: – darf ich des Kaisers Heer als vernichtet anseh’n. Und muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.«Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend. Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog verschönend über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge thun,« sagte er zaudernd.»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.«»Entweder wirklich annehmen –«»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert.[pg 357]Prokop hemmte erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb dir dein Leben.«»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich einziehn in Ravenna. Und – – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz schicken.«»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar.»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig.»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.«»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.«»Nein, nein, das thu’ ich nicht.«»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten Heeres loben!«»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar.Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?«Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop erstaunte.»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir, Belisarius?« Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter,[pg 358]bot ihm treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.«»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue.«»Das weiß der Himmel.«»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an beiden Händen – »herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen, sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in Ravenna ein, laß dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich, du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all’ dies in Händen hast, – du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue noch nie auf Erden erprobt.«Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ Dank. Das ist groß gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!«Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thüre.»ArmerWitichis,«flüsterte Prokop ihm zu: »er wird[pg 359]diesem Musterstück von Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er verloren.«»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und draußen vor dem Zelt warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch du selber, Belisar.«In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann geht’s zum Kampf?«»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen ab und gürte dich, zu reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?« – »An den Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, zum Glück sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal harrt auf deine Wiederkunft.«Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht, berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf den König blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd’ ich ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir blindlings folge.[pg 360]Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als einem Goten nachstehn. Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut und groß gehandelt.«»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!«»Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?« sagte Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten Könige und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser als Theoderich.«»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. »Nie unterwerf’ ich mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. – Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul gerannt?«»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. Es ist das Einzige, was mir an ihm gefallen hat.«»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind.«Und fast alle Versammelten stimmten bei.»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. – »Von je hab’ ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es deutlich: ihr habt[pg 361]unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier, der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s nie bereuen! Mir aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt: mit Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.«Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen lag. »Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.«»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt! Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne.Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja aber, denk’ ich, zieht mit mir davon.«Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese und segneten den König.[pg 362]Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß sie sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld: – sprach Witichis aufatmend – auch sie wird bald frei und meiner ledig.«Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. – Ein langer Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest der stark gerüsteten Männer.»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.«»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo willst du hin?«»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen.

Zwanzigstes Kapitel.Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, Theoderich, Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitläufigen Palastes) unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm, wenn er die Wache am Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. Er hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen Zimmern allen königlichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern Eisenfüßen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden lagen, ein[pg 332]langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem einfachen Gelaß.Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, mit dem Rücken gegen die Thür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in beiden Händen auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt der Eintretenden nicht bemerkt.Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mächtig. Sie konnte ihn nicht ansprechen: sie konnte nicht näher treten.Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt an der Thüre stehen. »Du hier Königin?« sprach er staunend und trat ihr einen Schritt entgegen. »Was kann dich zu mir führen?«»Die Pflicht – das Mitleid« – sagte Mataswintha rasch.»Sonsthätte ich nicht – – ich habe eine Bitte an dich.«»Es ist die erste,« sagte Witichis. – »Sie betrifft nicht mich« – fiel sie schnell ein – »Ich bitte dich um Brot für Arme, Kranke, welche« –Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. –Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o wie gerne, gethan. So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht.»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich habe hart von dir gedacht.«»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es wäre vielleicht manches besser.«»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt – du hast ein Recht, es zu wissen – brach[pg 333]meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. Es bleibt nur noch ein letztes: ein freier Tod.«»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, und ihre Augen leuchteten. – »Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen meine Königin geworden .. – Du kannst dich laut daraufberufen.«»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert.Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern! Belisar hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: – eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich. Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, daß zweihundert Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluß herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.«»Ich will mit dir –, mit euch sterben.«»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen. Bis dahin reichen meine Speicher – der letzte Trost. Doch, das mahnt mich an deinen Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der Speicher. Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: – er verwahrt meine letzte Hoffnung.[pg 334]Er schließt das Leben von vielen Tausenden ein. Es war meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb.Michwundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht die Erde sich aufgethan hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu verschlingen.«Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt’ ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.«»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte sie, verbessernd, und griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend, – sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides – »du zitterst? Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu.»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so – so wie jetzt und wie heute morgen ... –« »Vergieb mir, Königin,« sagte Witichis, sich abwendend. »Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich all dies Unglück verdient haben könnte ...« – seine Stimme wurde weich.»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es nicht Strafe sei für eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen Geschöpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin.Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht zu halten, nach der Lehne des Stuhles neben ihr.[pg 335]»Endlich – endlich erweicht sein Herz und ich – was habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –«»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte sagen können.« – »Halt ein!« flüsterte sie so leise, daß er es nicht vernahm. »Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein Herz mit Macht: und Thränen drangen in meine Augen.« –»O Witichis!« hauchte Mataswintha.»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst mich dann so ganz, so herzerschütternd an –«»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß.»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib Rauthgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen.Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft verzerrte. Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern flogen.»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?«[pg 336]Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt vorbei: – leb wohl!« Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen bewußtlos in Aspas Arme.Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur noch gesteigert.Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen unbeweglich, wie Verderben brütend, über dem Meere stand und die Hälfte des Horizonts bedeckte.Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus dem unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich, bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schloßgarten standen regungslos.Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und Unruhe geraten. An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben, Möwen und Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den Ställen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich; kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode in wütenden Anstrengungen, zu entkommen. –[pg 337]Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont zu sinken.Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte Rebenzweig über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt vollends, was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht zerstampft haben.«»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde.»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten möchten vor Trockenheit.«Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter. Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und Rot seines Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes Ansehn.»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh![pg 338]Blitzjunge, hältst du’s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer – uf!«»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft.»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf dem Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – laß uns beide zu Munde führen.«Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich. »Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: – schicke mir einen Becher Wein herauf.«»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann’s ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann allein Allgunthens Minne trinken.«Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All Heil, Allgunthis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er, »das wehrt kein Dienst. Wann werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. –[pg 339]Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und mißmutig verließ der Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so schien es, an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. –Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden. Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden: er schob die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten jetzt dicht und schwer über der Stadt.Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land war jetzt ein schwarzes Gewölbe.Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii: »Noch immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert mich! Gute Wache!«In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heißen Sandwüsten Afrikas.Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken. Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht.[pg 340]Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Königin, mit todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit.Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder. Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! Mataswintha – Rauthgundis – Witichis!Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf dieser Worte unterbrechen zu können.Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über die bebende Stadt.Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen ihres Haares über die Schultern und lauschte.Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe führte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend.[pg 341]Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer geschlossenen Glaskugel brannte.»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine Lemure. Wie die Rachegöttin!«»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es war das erste Wort seit langen Stunden, – ohne den Blick vom Fenster zu wenden.Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloß das Fenster. »O Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt, das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch’ ein Blitz! Und noch kein Tropfen Regen. Nie hab’ ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen schwer.«»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder liebt.«»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme gerade zurück. Alles Volk strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich bete zu Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?«»Ich fluche! Das ist auch gebetet.«»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die Afrikanern.»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit!Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen[pg 342]vor Angst auf der Straße? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein Himmelsgott oder Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: um die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz! Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehn: und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! Ha, was war das?«Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte. Aspa fuhr vom Boden auf.»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber? Der Blitz hat wohl gezündet: – brennt es?«»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Königs.«»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch dieSterblichenführen den Blitz der Rache.«Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach war plötzlich dunkel.»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst nach ihrer Herrin.Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein frommer Zug.Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und Fahnen. Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:[pg 343]dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:malo mori quam foedari: major vis amoris est.Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:parce, judex, contristatis parce pecatoribus,qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus.Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der Speicher gegenüber, saß das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, die Hände nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der Sturmhaube stand neben ihr.Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?«»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm mit in die Kirche und bete mit uns.«»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?«»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme das Ende der Welt.«»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.«»Und bete für unsern guten König, der uns Brot giebt alle Tage.« – »Ich bete für ihn.«Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich an der Basilika kreuzten.»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber brumme mir nicht in meinen Befehl.Haltet an. Wisand, du bist’s? Wo ist der König? Auch in der Kirche?«»Nein, Hildebad, auf den Wällen.«[pg 344]»Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem König.« Und die Schritte verhallten.Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei. »Aber, Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, du wolltest in die Kirche? Warum führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?«»Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche! Ich sage dir, je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß, desto wohler ist mir. Ich führ’ euch auf die große, freie Wiese in der Vorstadt. Ich wollte, wir hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner Heimat, ich dächte, Ravenna werde heut’ ein zweites Herculaneum. Ich kenne solche Luft, wie sie heute weht – ich traue nicht!« Und sie gingen vorüber.»Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der Mann in der Sturmhaube zu der Gotin. »Ich muß sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.«»Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh’ nur, ich komme nach. Ich muß noch was zu Ende denken –, zu Ende beten.« Und die Frau blieb allein. Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, Galerien und Oberhallen des gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen und hin und wieder, auf und abwärts wandeln. Es mußte wohl eine Täuschung durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in den nach außen offenen Galerien verlöscht.[pg 345]Aber nein: es war doch ein Licht.Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die Frau nach dem wechselnden Licht und Schatten ... – –Aber plötzlich – o Entsetzen – fuhr sie empor.Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde – und schwankte, – stark, – von der Linken zur Rechten. –Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. –Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das Licht und verschwand plötzlich. –Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus. Denn jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! – Ein leises Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stöße: als hebe sich wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten.Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Thüren der Basilika stürzte in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die Frau hielt sich mit Mühe aufrecht.Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten.Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.[pg 346]Einundzwanzigstes Kapitel.Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises Seufzen zu vernehmen.»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?«»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber – vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er’s wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von Gewändern – und Stille.»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend.Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß – und zeigte, vor ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue Frauenkleider. – Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.[pg 347]Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad, Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: – was ist? wohin soll ich?« fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!«»Ich komme: – – armer Fridugern!«In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von selber ein.Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? was thust du in deinem Zelt? – –«»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe. Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber: stürme!«»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel!Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott der Herr spricht in diesen Wettern!«»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?«»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. – »Aber es ist finstre Nacht. – –«[pg 348]»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch leuchten die Blitze.«»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar.»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.«Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt. »Belisar,« meldete der erste, »der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« – »Hilfe, Hilfe! meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus dem Zelte. »Cethegus,« berichtete Marcus, »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten verschüttet.« Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd, frug der Präfekt: »was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Aëtiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?« – »Ja, das Wasser ist verschwunden – der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine Isaurier sind’s: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und schreien umHilfe.«»Laß sie schreien!« sprach Cethegus. – »Der Graben ist wirklich trocken? So laß zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.«Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte der Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionare und der Rest der Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wußte, daß ein günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde. »Lichter, Fackeln her!« rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner römischen Legionare. »Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter heraus!«[pg 349]Aber kein Arm rührte sich.Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als Mittel ansah zu seinem Zweck.»Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den Donner?« rief er.»Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. Denn die Erde bebt.«»Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht: der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen.Roma! Roma aeterna!«Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und die Waffen fortreißen.»Roma! Roma aeterna!« riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der römischen Jünglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und Donner und Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus der erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. – Im Finstern fand er den Weg. »Hierher, Licinius,« rief er, »mir nach! hier muß die Lücke sein.«Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte zurück. »Was ist das?« fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite Mauer?« – »Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber gotische Schilde.« – »Das ist der König Witichis,« sagte der Präfekt grimmig und maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung gezählt.[pg 350]Seine Hoffnung war getäuscht. »Hätt’ ich ihn,« sprach er grimmig in sich hinein, »er sollte nicht mehr schaden.«Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. Prokop erreichte den Präfekten: »Nun, was stockt ihr? Halten euch neue Wälle auf?«»Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt deutete mit dem Schwert. »Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!« –»Nun wahrlich!« rief Prokop: »si fractus illabatur orbis, impavidos ferientruinae!Das sind mutige Männer.«Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen heran. Einen Augenblick, – nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend hin und wieder, – einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mußte beginnen.Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule schoß hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom Himmel zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein furchtbar herrlicher Anblick.Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.»Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt ein Reiter, der von der Stadt her jagte, »es brennt.«»Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.«»Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in Myriaden Funken durch die Luft.«»Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner.Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz[pg 351]muß schon lange im Innern gezündet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da sieh, sieh hin. –«Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie riesengroß. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken empor. Es war ein Flammenmeer.Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – matt sank sein Arm herunter.Cethegus sah’s: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!«»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager – alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.«Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren Hauptwerken festzusetzen.Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden. Grollend führte er die Seinen zurück.Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.[pg 352]Zweiundzwanzigstes Kapitel.Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt.Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und dem Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Cirkus des Theodosius, starrten noch gen Himmel.Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein Ende machte.Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des Marmorrundbaus.Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal den Mantel auf[pg 353]der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es grabesstill in seinem Innern.Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus uns!« – »O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir jetzt essen?«»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König muß Rat schaffen.« – »Der König?«»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – »Hat er doch selbst nichts mehr.« – »Das ist seine Sache.« – »Er allein hat uns in all die Not gebracht.« – »Er ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!« – »Fluch den Barbaren!« – Sie sind an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König allein. Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – »Strafe? wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!« – »So wißt ihr’s nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib hat er verstoßen.«Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber sie erkannten seinen Schritt.»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr als seinen Zorn. Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. »Brot, König!« – »Guter König, Brot!«[pg 354]– »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild drängte sich die Menge um ihn.Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem Gemach.Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt.»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?«»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von höchster Wichtigkeit.«Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen Schreiber.«Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn eintreten.Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen Schritten auf und niederging, entgegen: »Das kömmt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen Künsten! von deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen kömmt Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, warum bin ich dir gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und Schande!«»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus seinen Freund.[pg 355]Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; lies.«Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen gethan:Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen Königs: eher fall’ ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’ Nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg: sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie deiner. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann[pg 356]mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.«Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine Blick beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich abermals. »Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche Versuchung! –«Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch die Verzweiflung führt.«»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn .. –«»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus.»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich es ihm doch selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet jetzt und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann ich nicht. Und sag’ ich nein: – darf ich des Kaisers Heer als vernichtet anseh’n. Und muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.«Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend. Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog verschönend über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge thun,« sagte er zaudernd.»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.«»Entweder wirklich annehmen –«»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert.[pg 357]Prokop hemmte erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb dir dein Leben.«»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich einziehn in Ravenna. Und – – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz schicken.«»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar.»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig.»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.«»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.«»Nein, nein, das thu’ ich nicht.«»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten Heeres loben!«»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar.Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?«Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop erstaunte.»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir, Belisarius?« Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter,[pg 358]bot ihm treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.«»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue.«»Das weiß der Himmel.«»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an beiden Händen – »herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen, sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in Ravenna ein, laß dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich, du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all’ dies in Händen hast, – du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue noch nie auf Erden erprobt.«Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ Dank. Das ist groß gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!«Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thüre.»ArmerWitichis,«flüsterte Prokop ihm zu: »er wird[pg 359]diesem Musterstück von Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er verloren.«»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und draußen vor dem Zelt warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch du selber, Belisar.«In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann geht’s zum Kampf?«»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen ab und gürte dich, zu reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?« – »An den Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, zum Glück sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal harrt auf deine Wiederkunft.«Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht, berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf den König blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd’ ich ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir blindlings folge.[pg 360]Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als einem Goten nachstehn. Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut und groß gehandelt.«»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!«»Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?« sagte Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten Könige und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser als Theoderich.«»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. »Nie unterwerf’ ich mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. – Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul gerannt?«»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. Es ist das Einzige, was mir an ihm gefallen hat.«»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind.«Und fast alle Versammelten stimmten bei.»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. – »Von je hab’ ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es deutlich: ihr habt[pg 361]unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier, der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s nie bereuen! Mir aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt: mit Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.«Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen lag. »Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.«»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt! Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne.Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja aber, denk’ ich, zieht mit mir davon.«Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese und segneten den König.[pg 362]Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß sie sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld: – sprach Witichis aufatmend – auch sie wird bald frei und meiner ledig.«Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. – Ein langer Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest der stark gerüsteten Männer.»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.«»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo willst du hin?«»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen.

Zwanzigstes Kapitel.Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, Theoderich, Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitläufigen Palastes) unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm, wenn er die Wache am Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. Er hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen Zimmern allen königlichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern Eisenfüßen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden lagen, ein[pg 332]langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem einfachen Gelaß.Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, mit dem Rücken gegen die Thür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in beiden Händen auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt der Eintretenden nicht bemerkt.Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mächtig. Sie konnte ihn nicht ansprechen: sie konnte nicht näher treten.Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt an der Thüre stehen. »Du hier Königin?« sprach er staunend und trat ihr einen Schritt entgegen. »Was kann dich zu mir führen?«»Die Pflicht – das Mitleid« – sagte Mataswintha rasch.»Sonsthätte ich nicht – – ich habe eine Bitte an dich.«»Es ist die erste,« sagte Witichis. – »Sie betrifft nicht mich« – fiel sie schnell ein – »Ich bitte dich um Brot für Arme, Kranke, welche« –Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. –Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o wie gerne, gethan. So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht.»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich habe hart von dir gedacht.«»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es wäre vielleicht manches besser.«»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt – du hast ein Recht, es zu wissen – brach[pg 333]meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. Es bleibt nur noch ein letztes: ein freier Tod.«»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, und ihre Augen leuchteten. – »Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen meine Königin geworden .. – Du kannst dich laut daraufberufen.«»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert.Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern! Belisar hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: – eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich. Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, daß zweihundert Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluß herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.«»Ich will mit dir –, mit euch sterben.«»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen. Bis dahin reichen meine Speicher – der letzte Trost. Doch, das mahnt mich an deinen Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der Speicher. Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: – er verwahrt meine letzte Hoffnung.[pg 334]Er schließt das Leben von vielen Tausenden ein. Es war meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb.Michwundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht die Erde sich aufgethan hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu verschlingen.«Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt’ ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.«»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte sie, verbessernd, und griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend, – sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides – »du zitterst? Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu.»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so – so wie jetzt und wie heute morgen ... –« »Vergieb mir, Königin,« sagte Witichis, sich abwendend. »Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich all dies Unglück verdient haben könnte ...« – seine Stimme wurde weich.»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es nicht Strafe sei für eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen Geschöpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin.Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht zu halten, nach der Lehne des Stuhles neben ihr.[pg 335]»Endlich – endlich erweicht sein Herz und ich – was habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –«»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte sagen können.« – »Halt ein!« flüsterte sie so leise, daß er es nicht vernahm. »Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein Herz mit Macht: und Thränen drangen in meine Augen.« –»O Witichis!« hauchte Mataswintha.»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst mich dann so ganz, so herzerschütternd an –«»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß.»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib Rauthgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen.Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft verzerrte. Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern flogen.»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?«[pg 336]Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt vorbei: – leb wohl!« Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen bewußtlos in Aspas Arme.Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur noch gesteigert.Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen unbeweglich, wie Verderben brütend, über dem Meere stand und die Hälfte des Horizonts bedeckte.Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus dem unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich, bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schloßgarten standen regungslos.Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und Unruhe geraten. An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben, Möwen und Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den Ställen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich; kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode in wütenden Anstrengungen, zu entkommen. –[pg 337]Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont zu sinken.Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte Rebenzweig über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt vollends, was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht zerstampft haben.«»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde.»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten möchten vor Trockenheit.«Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter. Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und Rot seines Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes Ansehn.»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh![pg 338]Blitzjunge, hältst du’s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer – uf!«»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft.»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf dem Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – laß uns beide zu Munde führen.«Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich. »Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: – schicke mir einen Becher Wein herauf.«»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann’s ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann allein Allgunthens Minne trinken.«Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All Heil, Allgunthis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er, »das wehrt kein Dienst. Wann werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. –[pg 339]Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und mißmutig verließ der Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so schien es, an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. –Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden. Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden: er schob die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten jetzt dicht und schwer über der Stadt.Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land war jetzt ein schwarzes Gewölbe.Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii: »Noch immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert mich! Gute Wache!«In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heißen Sandwüsten Afrikas.Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken. Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht.[pg 340]Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Königin, mit todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit.Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder. Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! Mataswintha – Rauthgundis – Witichis!Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf dieser Worte unterbrechen zu können.Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über die bebende Stadt.Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen ihres Haares über die Schultern und lauschte.Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe führte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend.[pg 341]Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer geschlossenen Glaskugel brannte.»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine Lemure. Wie die Rachegöttin!«»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es war das erste Wort seit langen Stunden, – ohne den Blick vom Fenster zu wenden.Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloß das Fenster. »O Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt, das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch’ ein Blitz! Und noch kein Tropfen Regen. Nie hab’ ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen schwer.«»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder liebt.«»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme gerade zurück. Alles Volk strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich bete zu Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?«»Ich fluche! Das ist auch gebetet.«»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die Afrikanern.»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit!Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen[pg 342]vor Angst auf der Straße? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein Himmelsgott oder Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: um die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz! Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehn: und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! Ha, was war das?«Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte. Aspa fuhr vom Boden auf.»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber? Der Blitz hat wohl gezündet: – brennt es?«»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Königs.«»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch dieSterblichenführen den Blitz der Rache.«Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach war plötzlich dunkel.»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst nach ihrer Herrin.Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein frommer Zug.Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und Fahnen. Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:[pg 343]dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:malo mori quam foedari: major vis amoris est.Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:parce, judex, contristatis parce pecatoribus,qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus.Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der Speicher gegenüber, saß das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, die Hände nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der Sturmhaube stand neben ihr.Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?«»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm mit in die Kirche und bete mit uns.«»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?«»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme das Ende der Welt.«»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.«»Und bete für unsern guten König, der uns Brot giebt alle Tage.« – »Ich bete für ihn.«Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich an der Basilika kreuzten.»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber brumme mir nicht in meinen Befehl.Haltet an. Wisand, du bist’s? Wo ist der König? Auch in der Kirche?«»Nein, Hildebad, auf den Wällen.«[pg 344]»Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem König.« Und die Schritte verhallten.Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei. »Aber, Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, du wolltest in die Kirche? Warum führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?«»Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche! Ich sage dir, je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß, desto wohler ist mir. Ich führ’ euch auf die große, freie Wiese in der Vorstadt. Ich wollte, wir hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner Heimat, ich dächte, Ravenna werde heut’ ein zweites Herculaneum. Ich kenne solche Luft, wie sie heute weht – ich traue nicht!« Und sie gingen vorüber.»Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der Mann in der Sturmhaube zu der Gotin. »Ich muß sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.«»Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh’ nur, ich komme nach. Ich muß noch was zu Ende denken –, zu Ende beten.« Und die Frau blieb allein. Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, Galerien und Oberhallen des gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen und hin und wieder, auf und abwärts wandeln. Es mußte wohl eine Täuschung durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in den nach außen offenen Galerien verlöscht.[pg 345]Aber nein: es war doch ein Licht.Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die Frau nach dem wechselnden Licht und Schatten ... – –Aber plötzlich – o Entsetzen – fuhr sie empor.Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde – und schwankte, – stark, – von der Linken zur Rechten. –Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. –Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das Licht und verschwand plötzlich. –Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus. Denn jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! – Ein leises Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stöße: als hebe sich wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten.Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Thüren der Basilika stürzte in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die Frau hielt sich mit Mühe aufrecht.Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten.Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.[pg 346]Einundzwanzigstes Kapitel.Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises Seufzen zu vernehmen.»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?«»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber – vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er’s wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von Gewändern – und Stille.»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend.Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß – und zeigte, vor ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue Frauenkleider. – Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.[pg 347]Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad, Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: – was ist? wohin soll ich?« fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!«»Ich komme: – – armer Fridugern!«In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von selber ein.Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? was thust du in deinem Zelt? – –«»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe. Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber: stürme!«»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel!Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott der Herr spricht in diesen Wettern!«»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?«»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. – »Aber es ist finstre Nacht. – –«[pg 348]»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch leuchten die Blitze.«»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar.»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.«Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt. »Belisar,« meldete der erste, »der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« – »Hilfe, Hilfe! meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus dem Zelte. »Cethegus,« berichtete Marcus, »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten verschüttet.« Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd, frug der Präfekt: »was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Aëtiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?« – »Ja, das Wasser ist verschwunden – der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine Isaurier sind’s: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und schreien umHilfe.«»Laß sie schreien!« sprach Cethegus. – »Der Graben ist wirklich trocken? So laß zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.«Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte der Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionare und der Rest der Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wußte, daß ein günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde. »Lichter, Fackeln her!« rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner römischen Legionare. »Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter heraus!«[pg 349]Aber kein Arm rührte sich.Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als Mittel ansah zu seinem Zweck.»Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den Donner?« rief er.»Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. Denn die Erde bebt.«»Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht: der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen.Roma! Roma aeterna!«Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und die Waffen fortreißen.»Roma! Roma aeterna!« riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der römischen Jünglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und Donner und Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus der erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. – Im Finstern fand er den Weg. »Hierher, Licinius,« rief er, »mir nach! hier muß die Lücke sein.«Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte zurück. »Was ist das?« fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite Mauer?« – »Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber gotische Schilde.« – »Das ist der König Witichis,« sagte der Präfekt grimmig und maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung gezählt.[pg 350]Seine Hoffnung war getäuscht. »Hätt’ ich ihn,« sprach er grimmig in sich hinein, »er sollte nicht mehr schaden.«Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. Prokop erreichte den Präfekten: »Nun, was stockt ihr? Halten euch neue Wälle auf?«»Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt deutete mit dem Schwert. »Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!« –»Nun wahrlich!« rief Prokop: »si fractus illabatur orbis, impavidos ferientruinae!Das sind mutige Männer.«Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen heran. Einen Augenblick, – nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend hin und wieder, – einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mußte beginnen.Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule schoß hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom Himmel zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein furchtbar herrlicher Anblick.Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.»Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt ein Reiter, der von der Stadt her jagte, »es brennt.«»Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.«»Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in Myriaden Funken durch die Luft.«»Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner.Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz[pg 351]muß schon lange im Innern gezündet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da sieh, sieh hin. –«Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie riesengroß. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken empor. Es war ein Flammenmeer.Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – matt sank sein Arm herunter.Cethegus sah’s: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!«»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager – alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.«Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren Hauptwerken festzusetzen.Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden. Grollend führte er die Seinen zurück.Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.[pg 352]Zweiundzwanzigstes Kapitel.Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt.Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und dem Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Cirkus des Theodosius, starrten noch gen Himmel.Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein Ende machte.Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des Marmorrundbaus.Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal den Mantel auf[pg 353]der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es grabesstill in seinem Innern.Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus uns!« – »O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir jetzt essen?«»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König muß Rat schaffen.« – »Der König?«»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – »Hat er doch selbst nichts mehr.« – »Das ist seine Sache.« – »Er allein hat uns in all die Not gebracht.« – »Er ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!« – »Fluch den Barbaren!« – Sie sind an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König allein. Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – »Strafe? wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!« – »So wißt ihr’s nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib hat er verstoßen.«Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber sie erkannten seinen Schritt.»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr als seinen Zorn. Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. »Brot, König!« – »Guter König, Brot!«[pg 354]– »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild drängte sich die Menge um ihn.Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem Gemach.Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt.»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?«»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von höchster Wichtigkeit.«Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen Schreiber.«Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn eintreten.Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen Schritten auf und niederging, entgegen: »Das kömmt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen Künsten! von deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen kömmt Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, warum bin ich dir gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und Schande!«»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus seinen Freund.[pg 355]Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; lies.«Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen gethan:Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen Königs: eher fall’ ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’ Nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg: sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie deiner. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann[pg 356]mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.«Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine Blick beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich abermals. »Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche Versuchung! –«Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch die Verzweiflung führt.«»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn .. –«»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus.»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich es ihm doch selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet jetzt und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann ich nicht. Und sag’ ich nein: – darf ich des Kaisers Heer als vernichtet anseh’n. Und muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.«Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend. Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog verschönend über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge thun,« sagte er zaudernd.»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.«»Entweder wirklich annehmen –«»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert.[pg 357]Prokop hemmte erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb dir dein Leben.«»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich einziehn in Ravenna. Und – – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz schicken.«»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar.»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig.»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.«»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.«»Nein, nein, das thu’ ich nicht.«»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten Heeres loben!«»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar.Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?«Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop erstaunte.»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir, Belisarius?« Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter,[pg 358]bot ihm treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.«»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue.«»Das weiß der Himmel.«»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an beiden Händen – »herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen, sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in Ravenna ein, laß dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich, du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all’ dies in Händen hast, – du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue noch nie auf Erden erprobt.«Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ Dank. Das ist groß gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!«Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thüre.»ArmerWitichis,«flüsterte Prokop ihm zu: »er wird[pg 359]diesem Musterstück von Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er verloren.«»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und draußen vor dem Zelt warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch du selber, Belisar.«In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann geht’s zum Kampf?«»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen ab und gürte dich, zu reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?« – »An den Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, zum Glück sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal harrt auf deine Wiederkunft.«Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht, berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf den König blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd’ ich ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir blindlings folge.[pg 360]Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als einem Goten nachstehn. Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut und groß gehandelt.«»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!«»Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?« sagte Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten Könige und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser als Theoderich.«»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. »Nie unterwerf’ ich mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. – Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul gerannt?«»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. Es ist das Einzige, was mir an ihm gefallen hat.«»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind.«Und fast alle Versammelten stimmten bei.»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. – »Von je hab’ ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es deutlich: ihr habt[pg 361]unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier, der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s nie bereuen! Mir aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt: mit Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.«Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen lag. »Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.«»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt! Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne.Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja aber, denk’ ich, zieht mit mir davon.«Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese und segneten den König.[pg 362]Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß sie sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld: – sprach Witichis aufatmend – auch sie wird bald frei und meiner ledig.«Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. – Ein langer Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest der stark gerüsteten Männer.»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.«»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo willst du hin?«»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen.

Zwanzigstes Kapitel.Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, Theoderich, Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitläufigen Palastes) unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm, wenn er die Wache am Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. Er hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen Zimmern allen königlichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern Eisenfüßen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden lagen, ein[pg 332]langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem einfachen Gelaß.Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, mit dem Rücken gegen die Thür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in beiden Händen auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt der Eintretenden nicht bemerkt.Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mächtig. Sie konnte ihn nicht ansprechen: sie konnte nicht näher treten.Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt an der Thüre stehen. »Du hier Königin?« sprach er staunend und trat ihr einen Schritt entgegen. »Was kann dich zu mir führen?«»Die Pflicht – das Mitleid« – sagte Mataswintha rasch.»Sonsthätte ich nicht – – ich habe eine Bitte an dich.«»Es ist die erste,« sagte Witichis. – »Sie betrifft nicht mich« – fiel sie schnell ein – »Ich bitte dich um Brot für Arme, Kranke, welche« –Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. –Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o wie gerne, gethan. So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht.»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich habe hart von dir gedacht.«»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es wäre vielleicht manches besser.«»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt – du hast ein Recht, es zu wissen – brach[pg 333]meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. Es bleibt nur noch ein letztes: ein freier Tod.«»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, und ihre Augen leuchteten. – »Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen meine Königin geworden .. – Du kannst dich laut daraufberufen.«»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert.Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern! Belisar hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: – eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich. Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, daß zweihundert Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluß herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.«»Ich will mit dir –, mit euch sterben.«»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen. Bis dahin reichen meine Speicher – der letzte Trost. Doch, das mahnt mich an deinen Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der Speicher. Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: – er verwahrt meine letzte Hoffnung.[pg 334]Er schließt das Leben von vielen Tausenden ein. Es war meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb.Michwundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht die Erde sich aufgethan hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu verschlingen.«Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt’ ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.«»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte sie, verbessernd, und griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend, – sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides – »du zitterst? Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu.»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so – so wie jetzt und wie heute morgen ... –« »Vergieb mir, Königin,« sagte Witichis, sich abwendend. »Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich all dies Unglück verdient haben könnte ...« – seine Stimme wurde weich.»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es nicht Strafe sei für eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen Geschöpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin.Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht zu halten, nach der Lehne des Stuhles neben ihr.[pg 335]»Endlich – endlich erweicht sein Herz und ich – was habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –«»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte sagen können.« – »Halt ein!« flüsterte sie so leise, daß er es nicht vernahm. »Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein Herz mit Macht: und Thränen drangen in meine Augen.« –»O Witichis!« hauchte Mataswintha.»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst mich dann so ganz, so herzerschütternd an –«»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß.»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib Rauthgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen.Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft verzerrte. Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern flogen.»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?«[pg 336]Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt vorbei: – leb wohl!« Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen bewußtlos in Aspas Arme.Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur noch gesteigert.Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen unbeweglich, wie Verderben brütend, über dem Meere stand und die Hälfte des Horizonts bedeckte.Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus dem unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich, bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schloßgarten standen regungslos.Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und Unruhe geraten. An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben, Möwen und Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den Ställen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich; kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode in wütenden Anstrengungen, zu entkommen. –[pg 337]Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont zu sinken.Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte Rebenzweig über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt vollends, was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht zerstampft haben.«»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde.»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten möchten vor Trockenheit.«Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter. Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und Rot seines Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes Ansehn.»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh![pg 338]Blitzjunge, hältst du’s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer – uf!«»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft.»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf dem Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – laß uns beide zu Munde führen.«Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich. »Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: – schicke mir einen Becher Wein herauf.«»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann’s ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann allein Allgunthens Minne trinken.«Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All Heil, Allgunthis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er, »das wehrt kein Dienst. Wann werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. –[pg 339]Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und mißmutig verließ der Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so schien es, an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. –Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden. Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden: er schob die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten jetzt dicht und schwer über der Stadt.Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land war jetzt ein schwarzes Gewölbe.Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii: »Noch immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert mich! Gute Wache!«In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heißen Sandwüsten Afrikas.Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken. Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht.[pg 340]Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Königin, mit todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit.Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder. Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! Mataswintha – Rauthgundis – Witichis!Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf dieser Worte unterbrechen zu können.Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über die bebende Stadt.Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen ihres Haares über die Schultern und lauschte.Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe führte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend.[pg 341]Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer geschlossenen Glaskugel brannte.»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine Lemure. Wie die Rachegöttin!«»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es war das erste Wort seit langen Stunden, – ohne den Blick vom Fenster zu wenden.Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloß das Fenster. »O Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt, das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch’ ein Blitz! Und noch kein Tropfen Regen. Nie hab’ ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen schwer.«»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder liebt.«»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme gerade zurück. Alles Volk strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich bete zu Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?«»Ich fluche! Das ist auch gebetet.«»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die Afrikanern.»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit!Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen[pg 342]vor Angst auf der Straße? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein Himmelsgott oder Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: um die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz! Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehn: und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! Ha, was war das?«Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte. Aspa fuhr vom Boden auf.»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber? Der Blitz hat wohl gezündet: – brennt es?«»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Königs.«»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch dieSterblichenführen den Blitz der Rache.«Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach war plötzlich dunkel.»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst nach ihrer Herrin.Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein frommer Zug.Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und Fahnen. Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:[pg 343]dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:malo mori quam foedari: major vis amoris est.Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:parce, judex, contristatis parce pecatoribus,qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus.Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der Speicher gegenüber, saß das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, die Hände nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der Sturmhaube stand neben ihr.Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?«»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm mit in die Kirche und bete mit uns.«»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?«»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme das Ende der Welt.«»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.«»Und bete für unsern guten König, der uns Brot giebt alle Tage.« – »Ich bete für ihn.«Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich an der Basilika kreuzten.»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber brumme mir nicht in meinen Befehl.Haltet an. Wisand, du bist’s? Wo ist der König? Auch in der Kirche?«»Nein, Hildebad, auf den Wällen.«[pg 344]»Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem König.« Und die Schritte verhallten.Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei. »Aber, Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, du wolltest in die Kirche? Warum führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?«»Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche! Ich sage dir, je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß, desto wohler ist mir. Ich führ’ euch auf die große, freie Wiese in der Vorstadt. Ich wollte, wir hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner Heimat, ich dächte, Ravenna werde heut’ ein zweites Herculaneum. Ich kenne solche Luft, wie sie heute weht – ich traue nicht!« Und sie gingen vorüber.»Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der Mann in der Sturmhaube zu der Gotin. »Ich muß sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.«»Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh’ nur, ich komme nach. Ich muß noch was zu Ende denken –, zu Ende beten.« Und die Frau blieb allein. Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, Galerien und Oberhallen des gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen und hin und wieder, auf und abwärts wandeln. Es mußte wohl eine Täuschung durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in den nach außen offenen Galerien verlöscht.[pg 345]Aber nein: es war doch ein Licht.Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die Frau nach dem wechselnden Licht und Schatten ... – –Aber plötzlich – o Entsetzen – fuhr sie empor.Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde – und schwankte, – stark, – von der Linken zur Rechten. –Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. –Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das Licht und verschwand plötzlich. –Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus. Denn jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! – Ein leises Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stöße: als hebe sich wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten.Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Thüren der Basilika stürzte in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die Frau hielt sich mit Mühe aufrecht.Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten.Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.

Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.

Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, Theoderich, Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitläufigen Palastes) unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm, wenn er die Wache am Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. Er hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen Zimmern allen königlichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern Eisenfüßen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden lagen, ein[pg 332]langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem einfachen Gelaß.

Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, mit dem Rücken gegen die Thür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in beiden Händen auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt der Eintretenden nicht bemerkt.

Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mächtig. Sie konnte ihn nicht ansprechen: sie konnte nicht näher treten.

Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt an der Thüre stehen. »Du hier Königin?« sprach er staunend und trat ihr einen Schritt entgegen. »Was kann dich zu mir führen?«

»Die Pflicht – das Mitleid« – sagte Mataswintha rasch.»Sonsthätte ich nicht – – ich habe eine Bitte an dich.«

»Es ist die erste,« sagte Witichis. – »Sie betrifft nicht mich« – fiel sie schnell ein – »Ich bitte dich um Brot für Arme, Kranke, welche« –

Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. –

Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o wie gerne, gethan. So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht.

»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich habe hart von dir gedacht.«

»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es wäre vielleicht manches besser.«

»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt – du hast ein Recht, es zu wissen – brach[pg 333]meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. Es bleibt nur noch ein letztes: ein freier Tod.«

»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, und ihre Augen leuchteten. – »Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen meine Königin geworden .. – Du kannst dich laut daraufberufen.«

»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert.

Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern! Belisar hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: – eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich. Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, daß zweihundert Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluß herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!

Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.«

»Ich will mit dir –, mit euch sterben.«

»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen. Bis dahin reichen meine Speicher – der letzte Trost. Doch, das mahnt mich an deinen Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der Speicher. Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: – er verwahrt meine letzte Hoffnung.[pg 334]Er schließt das Leben von vielen Tausenden ein. Es war meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb.Michwundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht die Erde sich aufgethan hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu verschlingen.«

Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt’ ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.«

»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte sie, verbessernd, und griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.

»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend, – sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides – »du zitterst? Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu.

»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so – so wie jetzt und wie heute morgen ... –« »Vergieb mir, Königin,« sagte Witichis, sich abwendend. »Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich all dies Unglück verdient haben könnte ...« – seine Stimme wurde weich.

»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.

»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es nicht Strafe sei für eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen Geschöpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin.

Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht zu halten, nach der Lehne des Stuhles neben ihr.[pg 335]»Endlich – endlich erweicht sein Herz und ich – was habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –«

»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte sagen können.« – »Halt ein!« flüsterte sie so leise, daß er es nicht vernahm. »Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein Herz mit Macht: und Thränen drangen in meine Augen.« –

»O Witichis!« hauchte Mataswintha.

»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst mich dann so ganz, so herzerschütternd an –«

»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß.

»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib Rauthgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen.

Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft verzerrte. Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.

Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern flogen.

»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?«

Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt vorbei: – leb wohl!« Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen bewußtlos in Aspas Arme.

Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur noch gesteigert.

Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen unbeweglich, wie Verderben brütend, über dem Meere stand und die Hälfte des Horizonts bedeckte.

Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus dem unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich, bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schloßgarten standen regungslos.

Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und Unruhe geraten. An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben, Möwen und Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den Ställen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich; kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode in wütenden Anstrengungen, zu entkommen. –

Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont zu sinken.

Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte Rebenzweig über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt vollends, was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht zerstampft haben.«

»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde.

»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten möchten vor Trockenheit.«

Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter. Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und Rot seines Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes Ansehn.

»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh![pg 338]Blitzjunge, hältst du’s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer – uf!«

»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft.

»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf dem Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – laß uns beide zu Munde führen.«

Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich. »Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: – schicke mir einen Becher Wein herauf.«

»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann’s ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann allein Allgunthens Minne trinken.«

Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All Heil, Allgunthis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er, »das wehrt kein Dienst. Wann werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. –

Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und mißmutig verließ der Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so schien es, an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. –

Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden. Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden: er schob die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten jetzt dicht und schwer über der Stadt.

Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land war jetzt ein schwarzes Gewölbe.

Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii: »Noch immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert mich! Gute Wache!«

In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heißen Sandwüsten Afrikas.

Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken. Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht.

Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Königin, mit todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit.

Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.

Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder. Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! Mataswintha – Rauthgundis – Witichis!

Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf dieser Worte unterbrechen zu können.

Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über die bebende Stadt.

Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen ihres Haares über die Schultern und lauschte.

Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.

Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe führte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend.

Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer geschlossenen Glaskugel brannte.

»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine Lemure. Wie die Rachegöttin!«

»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es war das erste Wort seit langen Stunden, – ohne den Blick vom Fenster zu wenden.

Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloß das Fenster. »O Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt, das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch’ ein Blitz! Und noch kein Tropfen Regen. Nie hab’ ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen schwer.«

»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder liebt.«

»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme gerade zurück. Alles Volk strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich bete zu Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?«

»Ich fluche! Das ist auch gebetet.«

»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.

»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die Afrikanern.

»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit!

Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen[pg 342]vor Angst auf der Straße? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein Himmelsgott oder Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: um die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz! Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehn: und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! Ha, was war das?«

Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte. Aspa fuhr vom Boden auf.

»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber? Der Blitz hat wohl gezündet: – brennt es?«

»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Königs.«

»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch dieSterblichenführen den Blitz der Rache.«

Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach war plötzlich dunkel.

»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst nach ihrer Herrin.

Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein frommer Zug.

Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und Fahnen. Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:

dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:malo mori quam foedari: major vis amoris est.

dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:

malo mori quam foedari: major vis amoris est.

Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:

parce, judex, contristatis parce pecatoribus,qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus.

parce, judex, contristatis parce pecatoribus,

qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus.

Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.

Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der Speicher gegenüber, saß das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, die Hände nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der Sturmhaube stand neben ihr.

Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?«

»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm mit in die Kirche und bete mit uns.«

»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?«

»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme das Ende der Welt.«

»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.«

»Und bete für unsern guten König, der uns Brot giebt alle Tage.« – »Ich bete für ihn.«

Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich an der Basilika kreuzten.

»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber brumme mir nicht in meinen Befehl.

Haltet an. Wisand, du bist’s? Wo ist der König? Auch in der Kirche?«

»Nein, Hildebad, auf den Wällen.«

»Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem König.« Und die Schritte verhallten.

Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei. »Aber, Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, du wolltest in die Kirche? Warum führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?«

»Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche! Ich sage dir, je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß, desto wohler ist mir. Ich führ’ euch auf die große, freie Wiese in der Vorstadt. Ich wollte, wir hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner Heimat, ich dächte, Ravenna werde heut’ ein zweites Herculaneum. Ich kenne solche Luft, wie sie heute weht – ich traue nicht!« Und sie gingen vorüber.

»Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der Mann in der Sturmhaube zu der Gotin. »Ich muß sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.«

»Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh’ nur, ich komme nach. Ich muß noch was zu Ende denken –, zu Ende beten.« Und die Frau blieb allein. Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.

Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, Galerien und Oberhallen des gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen und hin und wieder, auf und abwärts wandeln. Es mußte wohl eine Täuschung durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in den nach außen offenen Galerien verlöscht.

Aber nein: es war doch ein Licht.

Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die Frau nach dem wechselnden Licht und Schatten ... – –

Aber plötzlich – o Entsetzen – fuhr sie empor.

Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde – und schwankte, – stark, – von der Linken zur Rechten. –

Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. –

Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das Licht und verschwand plötzlich. –

Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus. Denn jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! – Ein leises Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stöße: als hebe sich wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten.

Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Thüren der Basilika stürzte in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die Frau hielt sich mit Mühe aufrecht.

Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten.

Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.

[pg 346]Einundzwanzigstes Kapitel.Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises Seufzen zu vernehmen.»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?«»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber – vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er’s wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von Gewändern – und Stille.»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend.Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß – und zeigte, vor ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue Frauenkleider. – Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.[pg 347]Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad, Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: – was ist? wohin soll ich?« fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!«»Ich komme: – – armer Fridugern!«In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von selber ein.Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? was thust du in deinem Zelt? – –«»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe. Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber: stürme!«»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel!Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott der Herr spricht in diesen Wettern!«»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?«»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. – »Aber es ist finstre Nacht. – –«[pg 348]»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch leuchten die Blitze.«»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar.»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.«Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt. »Belisar,« meldete der erste, »der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« – »Hilfe, Hilfe! meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus dem Zelte. »Cethegus,« berichtete Marcus, »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten verschüttet.« Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd, frug der Präfekt: »was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Aëtiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?« – »Ja, das Wasser ist verschwunden – der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine Isaurier sind’s: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und schreien umHilfe.«»Laß sie schreien!« sprach Cethegus. – »Der Graben ist wirklich trocken? So laß zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.«Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte der Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionare und der Rest der Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wußte, daß ein günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde. »Lichter, Fackeln her!« rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner römischen Legionare. »Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter heraus!«[pg 349]Aber kein Arm rührte sich.Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als Mittel ansah zu seinem Zweck.»Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den Donner?« rief er.»Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. Denn die Erde bebt.«»Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht: der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen.Roma! Roma aeterna!«Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und die Waffen fortreißen.»Roma! Roma aeterna!« riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der römischen Jünglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und Donner und Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus der erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. – Im Finstern fand er den Weg. »Hierher, Licinius,« rief er, »mir nach! hier muß die Lücke sein.«Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte zurück. »Was ist das?« fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite Mauer?« – »Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber gotische Schilde.« – »Das ist der König Witichis,« sagte der Präfekt grimmig und maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung gezählt.[pg 350]Seine Hoffnung war getäuscht. »Hätt’ ich ihn,« sprach er grimmig in sich hinein, »er sollte nicht mehr schaden.«Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. Prokop erreichte den Präfekten: »Nun, was stockt ihr? Halten euch neue Wälle auf?«»Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt deutete mit dem Schwert. »Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!« –»Nun wahrlich!« rief Prokop: »si fractus illabatur orbis, impavidos ferientruinae!Das sind mutige Männer.«Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen heran. Einen Augenblick, – nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend hin und wieder, – einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mußte beginnen.Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule schoß hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom Himmel zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein furchtbar herrlicher Anblick.Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.»Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt ein Reiter, der von der Stadt her jagte, »es brennt.«»Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.«»Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in Myriaden Funken durch die Luft.«»Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner.Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz[pg 351]muß schon lange im Innern gezündet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da sieh, sieh hin. –«Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie riesengroß. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken empor. Es war ein Flammenmeer.Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – matt sank sein Arm herunter.Cethegus sah’s: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!«»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager – alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.«Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren Hauptwerken festzusetzen.Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden. Grollend führte er die Seinen zurück.Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.

Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises Seufzen zu vernehmen.

»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?«

»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber – vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er’s wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von Gewändern – und Stille.

»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend.

Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß – und zeigte, vor ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue Frauenkleider. – Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.

Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.

Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad, Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: – was ist? wohin soll ich?« fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!«

»Ich komme: – – armer Fridugern!«

In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von selber ein.

Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? was thust du in deinem Zelt? – –«

»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe. Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber: stürme!«

»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel!

Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott der Herr spricht in diesen Wettern!«

»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?«

»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. – »Aber es ist finstre Nacht. – –«

»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch leuchten die Blitze.«

»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar.

»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.

Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.«

Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt. »Belisar,« meldete der erste, »der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« – »Hilfe, Hilfe! meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus dem Zelte. »Cethegus,« berichtete Marcus, »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten verschüttet.« Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd, frug der Präfekt: »was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Aëtiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?« – »Ja, das Wasser ist verschwunden – der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine Isaurier sind’s: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und schreien umHilfe.«

»Laß sie schreien!« sprach Cethegus. – »Der Graben ist wirklich trocken? So laß zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.«

Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte der Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionare und der Rest der Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wußte, daß ein günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde. »Lichter, Fackeln her!« rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner römischen Legionare. »Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter heraus!«

Aber kein Arm rührte sich.

Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als Mittel ansah zu seinem Zweck.

»Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den Donner?« rief er.

»Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. Denn die Erde bebt.«

»Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht: der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen.Roma! Roma aeterna!«

Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und die Waffen fortreißen.

»Roma! Roma aeterna!« riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der römischen Jünglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und Donner und Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus der erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. – Im Finstern fand er den Weg. »Hierher, Licinius,« rief er, »mir nach! hier muß die Lücke sein.«

Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte zurück. »Was ist das?« fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite Mauer?« – »Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber gotische Schilde.« – »Das ist der König Witichis,« sagte der Präfekt grimmig und maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung gezählt.[pg 350]Seine Hoffnung war getäuscht. »Hätt’ ich ihn,« sprach er grimmig in sich hinein, »er sollte nicht mehr schaden.«

Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. Prokop erreichte den Präfekten: »Nun, was stockt ihr? Halten euch neue Wälle auf?«

»Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt deutete mit dem Schwert. »Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!« –

»Nun wahrlich!« rief Prokop: »si fractus illabatur orbis, impavidos ferientruinae!Das sind mutige Männer.«

Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen heran. Einen Augenblick, – nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend hin und wieder, – einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mußte beginnen.

Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule schoß hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom Himmel zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein furchtbar herrlicher Anblick.

Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.

»Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt ein Reiter, der von der Stadt her jagte, »es brennt.«

»Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.«

»Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in Myriaden Funken durch die Luft.«

»Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner.

Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz[pg 351]muß schon lange im Innern gezündet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da sieh, sieh hin. –«

Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie riesengroß. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken empor. Es war ein Flammenmeer.

Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – matt sank sein Arm herunter.

Cethegus sah’s: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!«

»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager – alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.«

Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren Hauptwerken festzusetzen.

Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden. Grollend führte er die Seinen zurück.

Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.

[pg 352]Zweiundzwanzigstes Kapitel.Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt.Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und dem Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Cirkus des Theodosius, starrten noch gen Himmel.Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein Ende machte.Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des Marmorrundbaus.Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal den Mantel auf[pg 353]der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es grabesstill in seinem Innern.Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus uns!« – »O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir jetzt essen?«»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König muß Rat schaffen.« – »Der König?«»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – »Hat er doch selbst nichts mehr.« – »Das ist seine Sache.« – »Er allein hat uns in all die Not gebracht.« – »Er ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!« – »Fluch den Barbaren!« – Sie sind an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König allein. Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – »Strafe? wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!« – »So wißt ihr’s nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib hat er verstoßen.«Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber sie erkannten seinen Schritt.»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr als seinen Zorn. Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. »Brot, König!« – »Guter König, Brot!«[pg 354]– »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild drängte sich die Menge um ihn.Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem Gemach.Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt.»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?«»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von höchster Wichtigkeit.«Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen Schreiber.«Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn eintreten.Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen Schritten auf und niederging, entgegen: »Das kömmt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen Künsten! von deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen kömmt Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, warum bin ich dir gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und Schande!«»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus seinen Freund.[pg 355]Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; lies.«Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen gethan:Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen Königs: eher fall’ ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’ Nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg: sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie deiner. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann[pg 356]mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.«Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine Blick beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich abermals. »Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche Versuchung! –«Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch die Verzweiflung führt.«»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn .. –«»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus.»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich es ihm doch selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet jetzt und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann ich nicht. Und sag’ ich nein: – darf ich des Kaisers Heer als vernichtet anseh’n. Und muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.«Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend. Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog verschönend über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge thun,« sagte er zaudernd.»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.«»Entweder wirklich annehmen –«»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert.[pg 357]Prokop hemmte erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb dir dein Leben.«»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich einziehn in Ravenna. Und – – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz schicken.«»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar.»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig.»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.«»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.«»Nein, nein, das thu’ ich nicht.«»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten Heeres loben!«»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar.Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?«Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop erstaunte.»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir, Belisarius?« Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter,[pg 358]bot ihm treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.«»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue.«»Das weiß der Himmel.«»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an beiden Händen – »herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen, sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in Ravenna ein, laß dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich, du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all’ dies in Händen hast, – du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue noch nie auf Erden erprobt.«Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ Dank. Das ist groß gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!«Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thüre.»ArmerWitichis,«flüsterte Prokop ihm zu: »er wird[pg 359]diesem Musterstück von Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er verloren.«»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und draußen vor dem Zelt warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch du selber, Belisar.«In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann geht’s zum Kampf?«»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen ab und gürte dich, zu reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?« – »An den Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, zum Glück sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal harrt auf deine Wiederkunft.«Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht, berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf den König blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd’ ich ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir blindlings folge.[pg 360]Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als einem Goten nachstehn. Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut und groß gehandelt.«»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!«»Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?« sagte Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten Könige und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser als Theoderich.«»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. »Nie unterwerf’ ich mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. – Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul gerannt?«»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. Es ist das Einzige, was mir an ihm gefallen hat.«»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind.«Und fast alle Versammelten stimmten bei.»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. – »Von je hab’ ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es deutlich: ihr habt[pg 361]unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier, der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s nie bereuen! Mir aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt: mit Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.«Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen lag. »Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.«»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt! Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne.Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja aber, denk’ ich, zieht mit mir davon.«Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese und segneten den König.[pg 362]Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß sie sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld: – sprach Witichis aufatmend – auch sie wird bald frei und meiner ledig.«Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. – Ein langer Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest der stark gerüsteten Männer.»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.«»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo willst du hin?«»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen.

Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt.

Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und dem Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Cirkus des Theodosius, starrten noch gen Himmel.

Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein Ende machte.

Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des Marmorrundbaus.

Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal den Mantel auf[pg 353]der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es grabesstill in seinem Innern.

Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus uns!« – »O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir jetzt essen?«

»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König muß Rat schaffen.« – »Der König?«

»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – »Hat er doch selbst nichts mehr.« – »Das ist seine Sache.« – »Er allein hat uns in all die Not gebracht.« – »Er ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!« – »Fluch den Barbaren!« – Sie sind an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König allein. Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – »Strafe? wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!« – »So wißt ihr’s nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib hat er verstoßen.«

Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber sie erkannten seinen Schritt.

»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr als seinen Zorn. Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. »Brot, König!« – »Guter König, Brot!«[pg 354]– »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild drängte sich die Menge um ihn.

Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem Gemach.

Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt.

»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?«

»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von höchster Wichtigkeit.«

Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen Schreiber.«

Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn eintreten.

Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen Schritten auf und niederging, entgegen: »Das kömmt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen Künsten! von deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen kömmt Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, warum bin ich dir gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und Schande!«

»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus seinen Freund.

Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; lies.«

Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen gethan:

Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.

Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen Königs: eher fall’ ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’ Nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg: sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie deiner. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann[pg 356]mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.«

Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine Blick beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich abermals. »Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche Versuchung! –«

Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch die Verzweiflung führt.«

»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn .. –«

»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus.

»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich es ihm doch selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet jetzt und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann ich nicht. Und sag’ ich nein: – darf ich des Kaisers Heer als vernichtet anseh’n. Und muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.«

Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend. Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog verschönend über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge thun,« sagte er zaudernd.

»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.«

»Entweder wirklich annehmen –«

»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert.[pg 357]Prokop hemmte erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb dir dein Leben.«

»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich einziehn in Ravenna. Und – – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz schicken.«

»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar.

»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig.

»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.«

»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.«

»Nein, nein, das thu’ ich nicht.«

»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten Heeres loben!«

»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar.

Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?«

Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop erstaunte.

»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir, Belisarius?« Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter,[pg 358]bot ihm treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.

»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.«

»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue.«

»Das weiß der Himmel.«

»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an beiden Händen – »herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen, sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in Ravenna ein, laß dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich, du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all’ dies in Händen hast, – du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue noch nie auf Erden erprobt.«

Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.

»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ Dank. Das ist groß gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!«

Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thüre.

»ArmerWitichis,«flüsterte Prokop ihm zu: »er wird[pg 359]diesem Musterstück von Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er verloren.«

»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und draußen vor dem Zelt warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch du selber, Belisar.«

In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.

»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann geht’s zum Kampf?«

»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen ab und gürte dich, zu reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?« – »An den Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, zum Glück sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal harrt auf deine Wiederkunft.«

Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht, berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.

Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf den König blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd’ ich ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir blindlings folge.[pg 360]Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als einem Goten nachstehn. Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut und groß gehandelt.«

»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!«

»Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?« sagte Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten Könige und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser als Theoderich.«

»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. »Nie unterwerf’ ich mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. – Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul gerannt?«

»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. Es ist das Einzige, was mir an ihm gefallen hat.«

»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind.«

Und fast alle Versammelten stimmten bei.

»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. – »Von je hab’ ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es deutlich: ihr habt[pg 361]unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier, der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s nie bereuen! Mir aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt: mit Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.«

Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen lag. »Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.«

»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt! Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne.

Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja aber, denk’ ich, zieht mit mir davon.«

Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese und segneten den König.

Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß sie sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld: – sprach Witichis aufatmend – auch sie wird bald frei und meiner ledig.«

Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. – Ein langer Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest der stark gerüsteten Männer.

»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.«

»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo willst du hin?«

»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen.


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