Chapter 4

EEinige Zeit nachher, während ich noch an meinem Schiffe baute, kam eines Tages das Geschrei zu mir auf die Baustelle: auf dem Pregel am Grünen Krahn stehe ein holländisches Schiff, mit hundertundzwanzig Lasten Hanf geladen, in lichtem Brande. Sofort machte ich mich, samt allen meinen Schiffszimmerleuten, deren jeder mit seiner Axt versehen war, auf den Platz und sah, wie das Feuer klafterlang, gleich einem Pferdeschweif, hinten durch die Kajüt-Porten emporflackerte. Alle Menschen, soviel sich deren bereits herbeigemacht hatten, waren damit beschäftigt, Löcher in das Verdeck zu hauen und von oben hinab Wasser in den brennenden Raum zu gießen. Offenbar aber gewann dadurch der Brand unterm Deck nur um so größeren Zug und war auf diese Weise mit nichten zu dämpfen.

Ein so widersinniges Verfahren konnte ich nicht lange gelassen mit anblicken. So packte ich denn flugs den Schifferam Arm und schrie ihm zu: »Ihr arbeitet Euch ja damit zum Unglück, daß Ihr dem Feuer noch mehr Luft macht.Versenkenmüßt Ihr das Schiff! Hört Ihr? Versenken! Was da lange Besinnens?«

Es lief aber alles verwirrt durcheinander und kein Mensch konnte oder wollte auf mich hören. Da griff ich einen von meinen Schiffszimmerleuten auf, sprang mit ihm in das Boot, welches zum brennenden Schiffe gehörte und zeigte ihm eine Planke, dicht über dem Wasser, wo er in Gottes Namen ein Loch ins Schiff hauen sollte. »Das lass' ich wohl bleiben!« war seine Antwort – »ich könnte schlimmen Lohn dafür haben!«

Dieser Widerstand erhitzte mich noch mehr. Ich riß ihm die Axt aus den Händen und bedachte mich keinen Augenblick, ein ganz hübsches Loch hart überm Wasserspiegel durchzukappen. Als ich den guten Erfolg sah, legte ich mich auf den Bauch und hieb immer tiefer einwärts, bis endlich das Wasser stromweise da durch und in den Schiffsraum drang. Das eben hatte ich gewollt, und nun eilte ich spornstreichs aus dem Boote auf das Verdeck, wo sich hundert und mehr Menschen drängten, und schrie: »Herunter vom Schiff, was nicht versaufen will! In der Minute wird's sinken!«

Anfangs hörte man mich nicht; da ich es aber immer und immer wiederholte und zugleich auch das Schiff begann, sich stark auf jene Seite zu neigen, so kam auf einmal der Schrecken unter die Leute; alles lief nach dem Lande, in banger Erwartung, was weiter geschehen würde. In der Tat legte sich das Schiff so gewaltig seitwärts, als ob es umfallen wollte; aber im Sinken richtete es sich plötzlich wieder empor und fuhr so, geraden Standes, plötzlich bis an die Gaffel-Klaue in die Tiefe, die hier zur Stelle wohl sechsunddreißig bis vierzig Fuß betragen mochte.

Das Feuer war gedämpft. Eine stille dumme Verwunderung folgte. Aber plötzlich auch ward jedes Gaffers Mund wieder laut: »Wer hat das getan? Wer hat das Schiff in den Grund gehauen?« Jeder hatte aber auch gleich diedurcheinandergeschriene Antwort bei der Hand: »Nettelbeck! Ei, das ist ein Stückchen von Nettelbeck!« – Nettelbeck aber kehrte sich an nichts, ging ruhig nach Hause und war in seinem Herzen überzeugt, daß er recht getan habe.

Gleich des andern Tages, vormittags neun Uhr, trat in voller Angst mein Schwiegervater zu mir ins Haus und fuhr auf mich ein: »Nun haben wir's! Ein schönes Unglück habt Ihr angerichtet mit dem in Grund gehauenen Schiffe! Da sind eben drei Kaufleute und der holländische Schiffer, samt einem Advokaten, auf der Admiralität und klagen wider Euch auf vollen Ersatz alles Schadens. Nun sitzt Ihr in der Brühe!« – Und noch hatte er seine Hiobspost kaum geendet, so war auch schon der Admiralitätsdiener zur Stelle, der mich auf den Lizent, gleich in dieser nämlichen Stunde, vor das Admiralitäts-Kollegium beschied. »Diesind rasch dahinter her,« dachte ich bei mir selbst, und mir ward doch nicht ganz wohl dabei zumute.

Als ich ankam, fand ich's ganz so, wie's mein Schwiegervater verkündigt hatte. Mir ward ein schon fertiges Protokoll vorgelesen, des Inhalts, daß ich es sei, der unberufenerweise das Schiff zum Sinken gebracht und dadurch einen Schaden von so vielen Tausenden angerichtet habe. Ich sollte jetzt die Wahrheit dieser Angaben anerkennen, von der Ursache Rede und Antwort geben und allenfalls anführen, was ich zu meiner Verteidigung vorzubringen wüßte.

»Tausend Augen« – sagte ich – »haben es mit angesehen, wie das Schiff hinten hinaus in hellem Feuer stand; und je mehr Luftlöcher die Leute ins Verdeck hieben, desto mehr Nahrung gaben sie dem inwendigen Brande. Hätte das nur noch eine halbe Viertelstunde so fortgedauert, so nahm die Flamme dergestalt überhand, daß es kein Mensch mehr auf dem Schiffe aushalten konnte und dieses mitsamt der Ladung preisgegeben werden mußte. Allein wenn und während es nun in voller Glut stand – wie sollte es da fehlen, daß nicht auch die Taue mitverbrannten, an denen es am Bollwerk befestigt lag; daß die flammende Masse stromabwärtsund unter die vielen andern dort liegenden Schiffe trieb und diese mit ins Verderben zog? – Ja, was leistete uns Bürgschaft, daß dieser Schiffsbrand nicht ebensowohl auch die dicht am Bollwerk befindlichen Speicher und die unzähligen Hanfwagen davor ergriff? und daß darüber nicht ganz Königsberg in Rauch und Asche aufging? – Jetzt ist großes und gewisses Unglück mit um so geringerem Schaden abgewandt, als Schiff und Ladung wohl noch wieder zu bergen sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, daß ich in keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine Bürgerpflicht geleistet habe.«

Der Direktor, Herr Schnell, diktierte diese meine Verantwortung selbst zu Protokoll, und der Advokat ermangelte nicht, dagegen allerlei Einrede zu tun. Darnach ward ich abermals befragt, ob ich weiter noch etwas zu meinen Gunsten vorzubringen habe? – »Nicht ein Wort!« erwiderte ich. – »Meine Sache muß für sich selber sprechen.« Die Verhandlung ward zu Papier gebracht, und dies mußten alle Parten unterzeichnen. Dann wurden wir bedeutet, einstweilen abzutreten, weil unser Handel klar genug sei, um noch in dieser nämlichen Sitzung zum Spruche zu kommen.

»Desto besser!« dachte ich. – »Wenn nur die gestrengen Herren drinnen auch Vernunft annehmen wollen!« und über diesem »Wenn« kam es denn doch bei mir zu einem Herzpochen, das mir diese halbe Stunde Verweilens sehr bänglich machte. Wer weiß, ob es meinen Gegenparten viel besser erging? – Endlich hieß es, daß wir wieder vortreten möchten; und nun gab man uns sogleich auch die gefällte Sentenz zu vernehmen, deren Inhalt der Hauptsache nach etwa dahin lautete:

»Die Admiralität erkenne, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht und löblich gehandelt, indem er durch schnelle Versenkung des in Rede stehenden brennenden Schiffes größeres Unglück von dem Handelsstande und der Stadt abgewandt. Nächstdem aber behalte sich das Kollegium vor, ihm dessen Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichenHandschlag zu bezeugen. Falls auch der Gegenpart mit diesem Erkenntnisse zufrieden sei, solle derselbe mit dargebotener Hand sich bei beregtem Nettelbeck bedanken, daß er Schiff und Ladung vor noch größerem Schaden bewahrt habe.«

Nach geschehener Vorlesung stand der Direktor, Herr Schnell, von seinem Sitze auf, schüttelte mir treuherzig die Hand und sagte: »Ich tue das als Erkenntlichkeitsbezeugung im Namen aller Schiffer, die auf dem Pregel liegen, und im Namen der Stadt, die durch Ihren Mut und Besonnenheit einem großen Unglücke entgangen ist. Sie sind ein wackerer Mann!«

Kaufleute, Schiffer und Advokat sahen einander an und gaben etwas verlegene Zuschauer bei dieser Szene ab. Endlich traten sie einer nach dem anderen zu mir und gaben mir ihre dankbare Hand. Die Vernünftigeren unter ihnen gaben zu gleicher Zeit zu verstehen, sie wären nur darum zur Klage gegen mich geschritten, um sich bei ihren Assüradeurs, Reedern und Korrespondenten hinlänglich zu decken.

Schon waren wir im Begriffe, aus der Gerichtsstube wieder abzutreten, als der Direktor mich zurückrief und anhub: »Schiffer Nettelbeck! Wie ist's? Haben Sie nicht im vorigen Jahre der Witwe Roloff ihren im Pregel versunkenen Bording glücklich wieder in die Höhe gebracht? – Ich dächte, Sie wären ebensowohl der Mann dazu, Ihr Kunststück auch an diesem Schiffe hier zu wiederholen? – Meine Herren!« sich zu den Kaufleuten wendend – »Sie sollten sich diesen Vorschlag überlegen! Was meinen Sie?«

Alsobald legten mir die Gefragten die Sache eindringlich vor. »Je nun,« erwiderte ich, »vieles in der Welt läßt sich machen, wenn es mit Vernunft und Geschick angegriffen wird. Wir beide, der Schiffsherr und ich, wollen hingehen, untersuchen und das Ding an Ort und Stelle reiflicher überlegen. Läßt sich was beginnen, so wollen wir in Gottes Namen Hand ans Werk legen.« – Sogleich auch machten wir uns auf den Platz, aber alsbald auch ward mir's klar,daß der Schiffer eine Schlafmütze war, von dem ich keinen erklecklichen Beistand erwarten durfte. Lieber also ließ ich ihn ganz aus dem Spiele, ging zu meinem guten, ehrlichen Freunde, dem Schiffszimmermeister Backer, und bat ihn, daß er mir bei meinem Vornehmen helfen möchte. Der war auch zu allem bereit und willig, und so schritt ich denn getrost an die Ausführung.

Nach dem Plane, den wir entworfen hatten, erbat ich mir von ein paar guten Freunden zwei Fahrzeuge zu meiner Verfügung, wobei denn natürlich alle Gefahr und der Ersatz des etwa zugefügten Schadens auf meine Rechnung ging, für den Gebrauch derselben aber eine billige Vergütung bedungen wurde. Indem ich nun diese Bordinge zu beiden Seiten des versenkten Schiffes postierte und meine Winden und Hebezeuge darauf anbrachte und in Bewegung setzte, ging die Arbeit rasch und glücklich vonstatten. Wir hoben die ungeheure Last unter dem Wasser aus dem tiefen Grunde so weit in die Höhe, daß man bereits auf das Verdeck etwas mehr als knietief treten konnte, und ich binnen kurzem den Augenblick erwartete, wo dieses vollends emportauchen würde.

Jetzt aber plötzlich stockten alle meine Maschinen. Ich hatte die beiden Bordinge durch die Winden dergestalt anstrengen lassen, daß sie vorn mit dem Bordrande dicht auf dem Wasser lagen, während die Hinterteile sich bis zum Kiel in die Höhe kehrten. Brach jetzt irgend etwas an den Tauen, die unter dem Schiffe durchgezogen waren, so waren Unglück und Schaden gar nicht zu berechnen. In dieser peinlichen Lage mußten demnach vor allen Dingen noch ein paar Ankertaue unter den Schiffskiel gebracht werden, in denen das Schiff nunmehr mit vollerer Sicherheit hing, und nun galt es ein Mittel, es noch um so viel zu erleichtern, damit nur die großen Luken auf dem Verdecke nicht mehr vom Strome überflossen würden und die anzubringenden Pumpen dann freies Spiel gewännen.

Da sich jedoch der Schiffskörper um keine Linie mehrrücken lassen wollte, so verfiel ich darauf, ich müßte jene Luken um so viel erhöhen, daß sie über dem Wasserspiegel emporragten. Das war zu bewerkstelligen, wenn ich ebensoviel Kasten oder Verschläge von wenigstens zwei Fuß Höhe und gleichem Umfange mit den Luken dergestalt wasserdicht auf denselben und dem Verdecke befestigte, daß sie gleichsam einen Brunnenrand vorstellten. Was nun aus diesen Kasten geschöpft wurde, war dann ebensogut, als sei es aus dem Raume geschöpft, in welchem auf diese Weise das Wasser endlich doch abnehmen mußte. Dann aber hob sich das Schiff von selbst, ohne daß es ferner meiner Maschinen bedurfte.

Kaum war dieser Gedanke zur Welt geboren, so ließ ich mir einen Zollstock geben, um unter dem Wasser das genaue Maß der Luken in Länge und Breite zu nehmen, rief meine Leute zu mir nach der Baustelle und gab ihnen an, was zu tun sei. In Zeit einer Stunde (während welcher alles in Erwartung dessen stand, was werden sollte) kam ich mit den fertigen Kasten und meinen Arbeitsleuten zurück und hatte die Freude, zu sehen, daß jene vollkommen wohl anschlossen.

Hunderte von müßigem Pöbel standen als Zuschauer am Bollwerke. Ich wandte mich zu ihnen und rief: »Heran mit Eimer und Gerät, wer Lust hat, mit Wasserschöpfen jede Stunde einen halben Gulden zu verdienen!« – Ho, das war, als hätte ich sie zur Hochzeit gebeten! Es stürzten gleich so viel Arbeiter herbei auf das nasse Verdeck, daß sie um die Kastenränder nicht alle Raum zum Hantieren hatten. Ich ließ sie ihr Wesen treiben und stieg derweilen ins Boot, um mit dem Bootshaken das Loch unter Wasser aufzusuchen, welches meine Hände hineingehauen hatten. Dann aber sah ich mich nach einem Sacke um (oder war es ein Stück altes Segeltuch, ich weiß es nicht), um jenes Loch zu stopfen und dadurch neuen Zufluß zu hindern.

Bei jedem Schöpfen, das so viele Eimer zugleich taten, wurden vielleicht fünfzig und mehr Kubikfuß Wasser – erst aus den Kästen, dann tiefer aus dem Schiffsraume hervorgefördert. In eben dem Maße nun, als durch diese Erleichterungdas Schiff wieder an eigener Hebekraft gewann, erlangten auch die beiden Fahrzeuge, zwischen denen es in der Schwebe hing, ihre verlorene Wirksamkeit wieder. Sie hoben sich vorn wieder; und so mit einem Rucke brachten sie nun das Schiff glücklich in die Höhe, daß es durch sich selber flott wurde und das Verdeck über Wasser zu stehen kam.

Jetzt konnten auch die Hanfgebinde an den Lastbändern aus dem Raume hervorgelangt werden. Mit der erleichterten Ladung aber trat auch immer mehr und mehr Bord hervor, bis endlich auch mein gehauenes Loch über dem Wasser zum Vorschein gelangte und sonach mein Werk für abgetan gelten konnte. Ich schlug also ein Kreuz darüber und ging, weil ich mich trefflich abgemattet fühlte, in des Herrn Namen nach Hause, während mein Freund Backer und der Schiffer das übrige besorgen mochten.

Einige Tage darauf ward ich abermals vor die Admiralität gefordert. Ich fand dort die Herren Kaufleute, die mir vorerst ihren Dank für mein glücklich gelöstes Versprechen bezeugten, dann aber auch sich für meine angewandte Bemühung mit mir abzufinden wünschten. Auf meiner Rechnung, die ich ihnen des Endes einreichte, standen bloß die beiden Bordinge, die ich gebraucht hatte, jeder mit zwanzig Talern angesetzt, samt einer Kleinigkeit für Abnutz an Tauen, Winden und anderen Gerätschaften, die denn auch sogleich und ohne allen Anstand bewilligt wurden. Da ich indes, was mich selbst betraf, keine Forderung machen wollte, so boten sie mir ein Douceur von hundert preußischen Gulden, samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund Zucker. Ich nahm, was mir gegeben wurde, und schenkte davon fünfundzwanzig Gulden für die Armen, um ihnen auch einmal einen guten Tag zu machen.

ZZu Ostern 1764 war ich endlich auch nach vieler Mühe und Sorge mit meinem Schiffbaue im reinen. Das Gebäude und alles, was dazu gehörte, war nun wohl ganz nach meinem Sinne geraten; aber Freude konnte ich dennochnur wenig daran haben, denn wie so ganz anders waren die Zeiten geworden, seit ich in vorigem Jahre den Kiel dazu legte! Mit den guten Zeiten für die Reederei hatte es ein plötzliches und betrübtes Ende genommen. Ich will nicht sagen, daß ich auf lauter solche Frachten, wie jene nach Riga, zu vierzig Rubel die Last, gerechnet hätte, allein noch im Jahre zuvor standen die Frachten auf Amsterdam zu fünfundvierzig holländischen Gulden und jetzt, wo beim Frieden in allen Verkehr eine Totenstille eintrat, galt es Mühe, eine Fracht dahin um elf Gulden zu finden. Erst im Oktober gelang es mir, auf den genannten Platz für sechzehn Gulden abzuschließen.

Während nun mein Schiff in der Ladung begriffen war, kam ich eines Tages von der Börse, um am Borde mit eigenen Augen nachzusehen. Das Schiff hatte sich etwas vom Bollwerke abgezogen; dennoch dachte ich den Sprung wohl hinüber zu tun, traf es aber so unglücklich, daß ich über ein Ankertau stolperte und mir den rechten Fuß aus dem Gelenke fiel. Da lag ich nun und mußte nach Hause getragen werden. Das Bein schwoll an und während daran gezogen, gesalbt und gepflastert wurde, hatte ich die grausamsten Schmerzen auszustehen. An ein Mitgehen mit meinem Schiffe, wie ich es willens gewesen, war nun gar nicht zu denken. Aberwennunmehr in meine Stelle setzen?

Zum Steuermanne unter mir hatte ich einen gewissen Martin Steinkraus angenommen, der zwar bereits selbst ein Schiff geführt, aber dabei eben keine Ehre eingelegt hatte. Er war gleich mir ein geborner Kolberger und mir von meinen übrigen Landsleuten, halb wider meinen Willen, angebettelt worden. Jetzt, da ich im Bette lag, ward ich abermals mit Fürbitten von allen Seiten dermaßen bestürmt, daß ich mich endlich in einer unglücklichen Stunde betören ließ, diesem Menschen mein Fahrzeug anzuvertrauen. An guten Ermahnungen und Instruktionen ließ ich es auf keine Weise ermangeln. Auch gab ich ihm sofort zweihundert Gulden bar in die Hände, um sich damit in Pillau frei in See zu bringen.

Desto verwunderlicher deuchte mir's, daß, als er kaum von Königsberg abgegangen und drei Tage vor Pillau gelegen, das Kontor von Seif und Kompagnie daselbst mir eine Anweisung von zweihundert Gulden präsentieren ließ, welche mein Schiffer auf meine Rechnung bezogen hatte. Gleich darauf war er Mitte November in See gegangen. Späterhin kamen noch verschiedene ähnliche Assignationen, zusammen im Belaufe von etwa dreihundert Gulden zum Vorschein, die er zum Teil bar aufgenommen, zum Teil auf allerlei Schiffsbedürfnisse verwandt hatte, als ob er mit lediger Tasche von mir gegangen wäre.

Alles dieses gestattete mir kaum noch einigen Zweifel, daß dieser Mensch es auf Betrug abgesehen habe und mußten mir vollends die Augen aufgehen, als ich, nachdem er anfangs Dezember den Sund passiert war, durch das Haus von Dorß eine neue Assignation, lautend auf fünfundachtzig Taler, empfing, die doch nur für Sundzoll und aufgelaufene Kosten verausgabt worden sein konnten, ungeachtet ich aus Erfahrung wußte, daß ein Schiff von der Tracht wie das meinige, dort nur zwölf bis fünfzehn Taler zu zahlen haben könne.

Im Januar 1765 liefen Briefe aus Gotenburg an mich ein mit der Hiobspost: Schiffer Steinkraus sei dort eingelaufen, habe die Einleitung zu einer Havarie gemacht und zu dem Ende gleich anfänglich zweitausend Gulden aufgenommen. Im Februar wiederum Briefe aus Gotenburg: Schiffer Steinkraus habe sich genötigt gesehen, die zur Ausbesserung nötigen Gelder bis auf sechstausend Gulden zu vermehren und sich auszahlen zu lassen!

Jetzt ward mir der unsaubere Handel denn doch zu bunt! Wollte ich nicht mit dem Stabe in der Hand mein Eigentum mit dem Rücken ansehen, so mußte ich eilen, dem unverschämten Räuber durch meine persönliche Gegenwart einen Zügel anzulegen. In dieser Absicht ging ich im März mit Schiffer Martin Blank als Passagier nach Amsterdam ab, wo ich meinen Urian entweder schon zu treffen,oder doch zu erwarten gedachte. Er hatte aber gar nicht die Eile gehabt, die ich bei ihm voraussetzte, sondern erst in den letzten Tagen des April, nachdem ich schon mehrere Wochen nach ihm ausgesehen, ließ mir Schiffer Johann Henke von Königsberg, der eben auch im Hafen lag, sagen: Steinkraus sei soeben angekommen und habe mit dem Schiffe vor der Lage geankert. Jetzt verlor ich keinen Augenblick, mich nach der Wasserseite zu begeben. Je üblere Dinge ich ahnte, um so sorgfältiger hatte ich auch bereits im voraus meine Maßregeln überlegt und mit meinen dortigen Korrespondenten, den Herren Kock und van Goens, die erforderlichen Abreden genommen.

In der Ferne sah ich mein Schiff liegen, das mir durch die arglistige Bosheit eines Taugenichts so teuer zu stehen kommen sollte. Ich ließ mich durch einen Schuitenfahrer an den Bord desselben übersetzen, fand aber beim Hinaufsteigen auf dem Verdecke keine lebendige Seele. Voll Sinnens ging ich auf demselben einige Minuten lang umher, und indem ich mir Masten, Taue, Segel, Anker – alles die alten wohlbekannten Gegenstände – genauer darauf ansah, konnte ich mit steigender Verwunderung immer weniger begreifen, was denn mit den aufgenommenen ungeheuren Summen daran verändert oder gebessert worden.

Endlich kam der Schiffsjunge aus dem Kabelgat zum Vorschein und machte trefflich große Augen, als er seinen Herrn und Meister so unverhofft erblickte. Ich säumte nicht, den Burschen in ein näheres Verhör zu nehmen; und nun erzählte er mir denn, halb aus Treuherzigkeit, halb aus Furcht, mehr als mir lieb war und ich zu wissen verlangte. Sein Schiffer samt den übrigen Leuten hatte sich sogleich nach der Ankunft im hellen Haufen ans Land begeben. Der neue Steuermann (denn der von Königsberg mitgegangene war – ein Unglück mehr für mich! – in Gotenburg gestorben) befand sich nur noch allein an Bord und verzehrte in der Kajüte sein Mittagsmahl. Dort suchte ich ihn mir auf, gab mich als seinen Reeder zu erkennen und wechselteeinige gleichgültige Worte mit ihm, bevor ich nach dem Lande zurückfuhr. Er war auf keine Weise der Mann dazu, mir die nähere Aufklärung, die ich brauchte, zu geben.

Da es nun aber einmal auf eine Überraschung abgesehen sein sollte, so postierte ich mich, dem Schiffe gegenüber, am Bollwerke und beschloß, hier geduldig zu warten, bis mein guter Freund, der dort notwendig passieren mußte, in eigener werter Person zum Vorschein kommen würde. Nach etwa zwei Stunden Harrens, die mir lang und sauer genug wurden, erschien auch ein Trupp ganz wilder und besoffener Matrosen, in denen ich unschwer mein Volk erkannte, und hinter ihnen her taumelte, in keinem besseren Zustande, der Schiffer Steinkraus an mir vorüber.

Ich folgte ihnen und wartete bis zu dem Augenblicke, wo sie sämtlich in die Schaluppe steigen wollten, um nach dem Schiffe überzusetzen. Hier klopfte ich dem Schiffer unversehens auf die Schulter und rief: »Willkommen in Amsterdam!« – Er blickte hinter sich, ward starr wie eine Bildsäule und auch so blaß, als er mich endlich erkannte. Ich änderte indes nichts in meiner höflichen Gelassenheit, wie bitter mir's auch ankam, meinen gerechten Groll zu verbeißen; denn ehe ich gegen ihn losfuhr, wie er's verdient hatte, mußte ich mir erst seine Gotenburger Havarierechnung haben vorlegen lassen, um zu wissen, ob und wie diese gegen meine Assekurateurs zu rechtfertigen wäre, die in Amsterdam zur Stelle waren und auf mein Schiff achttausend Gulden gezeichnet hatten. Jene Havarie aber betrug, soviel mir vorläufig bewußt war, noch etwas mehr sogar, als diese Summe.

Ich setzte mich nun, als ein schwerlich sehr willkommener Gast, mit in das Boot und begleitete ihn an Bord. Unmittelbar darauf holten wir das Schiff in die Lage zu den übrigen vor Anker, wo es, nach meinem Wunsche, neben dem vorbenannten Henke zu liegen kam. Dies gab mir die Bequemlichkeit, mich entweder an meinem eigenen Borde, oder bei diesem meinem Freunde in der Nähe zu verweilen und gute Aufsicht zu halten, während die Ladung gelöscht unddas Schiff bis auf den untersten Grund leer wurde. Hier vermißte ich denn nun zunächst achtzig eichene Planken, die ich in Königsberg zum Garnieren des Schiffbodens mitgegeben hatte. Wo konntendiegeblieben sein? Ich erhielt die Auskunft vom Schiffer, daß sie in Gotenburg, zugleich mit der übrigen gelöschten Ladung, ans Land gekommen und dort, ohne sein Wissen und Willen, vom Schiffsvolke von Zeit zu Zeit beiseite gebracht und heimlich verkauft worden. Das Volk hinwiederum wälzte alle Schuld von sich ab und behauptete, der Schiffer selbst habe die Planken verkauft.

Nicht besser stand es um einen Schiffsanker von achthundert Pfund, der mir auf meinem vorigen Schiffe und bei einer früheren Reise am Bollwerke zu Pillau in einem Sturme zerbrochen worden. Da die beiden Stücke in Königsberg nicht wieder zusammengeschmiedet werden konnten, so hatte ich sie dem Steinkraus mitgegeben, um dies in Amsterdam bewerkstelligen zu lassen. Aber auch dieser Anker war abhanden gekommen, und bei näherer Untersuchung ergab sich's, daß er das größere Stück und die Matrosen das kleinere an den Mann zu bringen gewußt und das Geld geteilt hatten.

Nunmehr kam die Reihe an die Gotenburger Papiere, die Havarie betreffend, und da standen mir denn wahrlich die Haare zu Berge! Alles befand sich in der greulichsten Unordnung, als ob es mit rechtem Vorbedachte verwirrt worden sei, um jede klare Einsicht unmöglich zu machen. Ich wußte nimmermehr, wie ich meinen Assekurateurs diese Rechnungen vorlegen sollte, ohne daß sie sie von Anfang bis zu Ende für nichtig erklärten. Selbst meinen Schuft beim Kopfe nehmen zu lassen, war nicht ratsam, wenn ich jene Versicherer nicht selber in Alarm setzen wollte, über gespielten Betrug bei der Havarie zu schreien und mich für meine eigene Person in das böse Spiel zu verwickeln.

Allein desto sorgfältiger mußte ich zu verhindern suchen, daß der Bube nicht heimlich das Weite suchte. Ich hatte ihn also bei Tag und Nacht wie meinen Augapfel zu hüten und durfte ihn gleichwohl mein Mißtrauen nicht merkenlassen. Nichtsdestoweniger mußte sich's fügen, daß, als ich zwei Tage später mit ihm die Börse besuchte, wo es immer ein dichtes Gewimmel gibt, er mir unter den Händen entschlüpfte. Die Börsenzeit ging zu Ende, aber kein Steinkraus war zu sehen! Meine schwache Hoffnung, daß er sich an Bord begeben haben könnte, spornte mich ihm dahin nach, aber sie schlug fehl. Er war und blieb für mich verschwunden.

War meine Lage vorhin schon kritisch, so schien sie nunmehr vollends rettungslos. Ich hatte meinen Assekurateurs des Schiffers Havarie-Rechnung notwendig vorlegen müssen, bei welcher sie, auch wenn alles in bester Ordnung war, dennoch nur zu guten Grund hatten, den Kopf zu schütteln und sich zu besinnen, ob sie zur Zahlung einer so enormen Summe verpflichtet wären. Jetzt, da jener sich unsichtbar gemacht hatte, wiesen sie jede Anforderung auf das bestimmteste zurück und verlangten, daß ich ihnen vor allen Dingen den Schiffer, der die Havarie gemacht hätte, zur Stelle schaffte, damit er selbst Rede und Antwort gäbe, denn mitihmund nicht mitmirhätten sie es zunächst zu tun. »Mein Gott!« entgegnete ich, »wenn er nun aber ins Wasser gefallen und ertrunken wäre?« Das könnte nur ein Kind glauben, war ihre höhnische Antwort, und es schiene nun nicht, daß sie nötig haben würden, um dieser achttausend Gulden willen den Beutel zu ziehen.

Dagegen war nun diese Summe auf das Schiff wirklich verbodmet, und die gesetzliche Zeit bereits verflossen. Der Bodmerei-Geber verlangt sein vorgeschossenes Geld, welches die Versicherer mit hinlänglichem Fug sich zu zahlen weigerten. Ich befand mich im entsetzlichsten Gedränge, denn was blieb mir übrig, als den Verkauf meines Schiffes geschehen zu lassen, damit die Bodmerei gedeckt werden könne? – Es schien unmöglich, daß noch irgend etwas mich armen geschlagenen Mann aus diesem Unglücke herausrisse!

So saß ich eines Tages im größten Herzenskummer in einem Wirtshause, wo vor mir auf dem Tische ein holländischesZeitungsblatt lag. In trübem Sinnen nahm ich es unwillkürlich zur Hand, aber ich wußte selbst nicht was ich las, bis meine Augen auf eine Anzeige fielen, des Inhalts: Es sei zu Schlinger-Want (ungefähr eine Meile von Amsterdam, jenseits des Y) ein ertrunkener Mann gefunden worden, dessen Kleidung und übrige Kennzeichen zugleich näher angegeben wurden. Der Prediger des Ortes, von welchem er dort begraben worden, forderte hier die etwaigen Angehörigen dieses Verunglückten auf, der Kirche die wenigen verursachten Begräbniskosten zu entrichten.

»Himmel!« dachte ich bei mir selbst, »wenn dieser Ertrunkene vielleicht dein Steinkraus sei sollte!« – Tag und Zeit und manche von den angegebenen Merkmalen trafen mit dieser Vermutung gut genug zusammen. Zwar konnte ich an seinem bösen Willen, mir zu entlaufen, nicht zweifeln: allein wie wenn ihn nun sein erwachtes Gewissen zu einer raschen Tat der Verzweiflung getrieben oder wenn Gottes rächende Hand ihn schnell ereilt? Immer erschien mir sein Tod unter diesen Umständen ein Glücksfall, und wie gerne glaubt man, was man wünscht? – Es kostete mir also auch wenig Mühe, mich zu überzeugen, daß hier von niemand anders als von meinem entwichenen Schiffer die Rede sei; und dieses Glaubens bin ich auch noch bis zur heutigen Stunde, da ich nie wieder in meinem ganzen Leben auch nur die entfernteste Spur seines Daseins aufgefunden habe.

Ließ sich nun auf die Art erweisen, daß der Mann, mit welchem meine Assekurateurs einzig und allein ihren streitigen Handel ausmachen konnten und wollten, nicht mehr unter den Lebendigen war, so mußten sie seine Rechnungen annehmen, wie sie dalagen und standen, oder den klaren Beweis über die Betrüglichkeit derselben führen, was ihnen schwer fallen durfte. Ich als Reeder hingegen war nun befugt, mich buchstäblich an meine Police zu halten und auf alle Entschädigung zu dringen. In derFormwar dann das Recht auf meiner Seite, nur ob auch demWesennach – darüber hatte ich bei mir selbst einige Bedenklichkeiten, die ich nicht sofortloswerden konnte. Daß Steinkraus bei der Havarie mit Lug und Trug umgegangen sein müsse, schien, wenn auch nicht klar erweislich, doch nur zu glaublich. Meine eigne Hand und Gewissen war gleichwohl rein und frei von jeder, auch der entferntesten Teilnahme an jeglichem Unrechte. Hatte ich seiner Ehrlichkeit nicht selbst mein Gut und Vermögen anvertraut? War ich nicht selbst von ihm schändlich betrogen worden? Konnteichausmitteln, wie groß oder klein der Betrug sein möchte, den er in Gotenburg gespielt? Undwemkonnte und sollte es dennoch zukommen, den Schaden desselben zu tragen?

Es mag vielleicht Moralisten geben, die imstande sind, Haare zu spalten und Recht und Unrecht auf der Goldwage abzuwägen. Ich gestehe, daß ich dies in meiner Einfalt nicht vermag und auch damals nicht vermochte; – ja,damalsvielleicht noch weniger, da Glück und Fortkommen in der Welt an meinem Entschlusse hingen und mein Gemüt ungestüm bewegt war. Doch wollte ich keinen Schritt in dieser Sache tun, ohne mich mit meinem wackeren und verständigen Freunde, dem Schiffer Johann Henke, beraten zu haben. Auch er schüttelte dabei anfangs den Kopf und äußerte mancherlei Bedenken, bis ich ihm meine Gründe und meinen Glauben näher auseinandersetzte, wo er mir dann endlich beistimmte und seinen treuen Beistand verhieß. Das Urteil eines so rechtlichen Mannes war bei mir von entscheidendem Gewichte.

Wir entschlossen uns demnach, sofort in meinem Boote nach Schlinger-Want hinüberzufahren und den Ortsprediger aufzusuchen. Indem ich diesem nun das Zeitungsblatt vorzeigte, machte ich ihm meine Anzeige, daß jener ertrunkene Mann, nach den angegebenen und von mir noch näher bestimmten Kennzeichen, mein Schiffer gewesen, und wie ich in der Absicht käme, ihm die aufgewandten Begräbniskosten dankbarlich zu vergüten. Diese letzteren nun, welche einundzwanzig Gulden betrugen, wurden sofort entrichtet und freundlich angenommen, wogegen ich eine Quittung in Form eines Totenscheines erhielt und nunmehr getrost meines Weges ging.

Gleich am anderen Tage nun wandte ich mich auf der Börse an meinen Schiffs-Makler, Herrn Schwartwant, durch dessen Vermittelung mein Geschäft mit den Assekurateurs war betrieben worden. »Nun sehen Sie, wie richtig meine Vermutung eingetroffen ist,« sagte ich, indem ich ihm meinen Schein vorzeigte. – »Der Steinkraus hat wirklich seinen Tod im Wasser gefunden. Seien Sie nun so gütig den Herren davon Mitteilung zu machen und anzufragen, was sie nunmehr in der Sache tun oder lassen wollen?« – Das ganze Gesicht des Mannes nahm sofort eine fröhliche Miene an. »Ich gratuliere Ihnen, lieber Kapitän Nettelbeck,« rief er mit einem Händedruck. – »So mißlich Ihr Spiel bisher stand, so halte ich es doch von jetzt an gewonnen.«

Nun ging er stehenden Fußes, um die beiden Herren Versicherer im Börsengewühle auszusuchen, während ich ihm von ferne folgte. Bald auch stieß er auf einen von ihnen, dem er mein Dokument mitteilte, indem er es mit einem angelegentlichen Vortrage begleitete. An der ganzen Physiognomie und Gebärdung des anderen nahm ich wahr, wie ihn diese Nachricht überraschte, aber auch, daß er wohl geneigt sein möchte, gelindere Saiten aufzuziehen. Dies bestätigte mir der Makler, indem er mir den Vorschlag brachte, morgen auf der Stadt-Herberge einer Konferenz beizuwohnen, wozu ich mir dann einen Assistenten mitbringen möchte.

Zu diesem Beistande konnte ich wohl keinen erfahreneren und geachteteren Mann erkiesen, als meinen alten Patron, den Kapitän Joachim Blank, mit welchem ich vormals wiederholte Reisen nach Surinam gemacht und der sich hier jetzt zur Ruhe gesetzt hatte. Er fügte sich auch freundlich meiner Bitte; und so erschienen wir zur bestimmten Zeit am gemeldeten Orte, während auch meine Gegenparteien beiderseits samt einem anderen Schiffskapitän und einem Advokaten zugegen waren. Nach einigem Hin- und Widerreden und Streiten kam es denn auch endlich zu einem Vergleiche, dessen Billigkeit wir samt und sonders erkannten. Ich ließ nämlich die Hälfte meiner Forderung nach und zeichnete viertausendGulden Bodmeierei auf mein Schiff, wogegen meine Herren Assekurateurs die andere Hälfte mit gleicher Summe an die Bodmerei-Geber in Gotenburg abzuzahlen auf sich nahmen.

SSo kam ich bei diesem schlimmen Handel noch mit einem blauen Auge davon, behielt mein Schiff als freies Eigentum und konnte damit fahren nach Lust und Belieben, um meine Scharte wieder auszuwetzen. Ich beschloß mit Ballast nach Noirmoutiers abzugehen, dort eine Ladung Salz für eigene Rechnung einzunehmen und in Königsberg loszuschlagen. Zum Ankaufe jener Ware wollten mir meine Amsterdamer Korrespondenten, die schon genannten Herren Kock und van Goens, gegen Bodmerei auf Schiff und Ladung die Gelder in Frankreich formieren.

Ehe ich jedoch zum Werke schreiten konnte, hatte ich zuvor noch reine Rechnung mit meinem Schiffsvolke zu machen, welches, außer dem neu hinzugekommenen Steuermanne und einem Jungen, aus sechs Matrosen bestand. Dies verwilderte Gezücht hatte nicht minder gottlos gelebt und hausgehalten, als der nichtsnutzige Schiffer selbst; und weil aucherin keinen reinen Schuhen steckte, hatte er's ihnen nicht abschlagen dürfen, während der Reise Vorschuß über Vorschuß zu zahlen. Dabei waren auch hierin seine Papiere so konfus, daß ich darnach den eigentlichen Betrag ihrer aufgenommenen Gelder auf keine Weise ausmitteln konnte. Auf jeden Fall aber waren sie so beträchtlich, daß sie sie in Jahren und Tagen nicht wieder abverdienen konnten.

Hier blieb mir nun nichts übrig, als bald den einen bald den anderen besonders vorzunehmen, sie durch gute Worte treuherzig und kordat zu machen, und dann wieder auch durch unversehene Zwischenfragen in die Klemme zu nehmen, so daß stets ein Spitzbube den andern verriet. Allein ebensowenig als sie gegenmichreinen Mund gehalten, konnte es unter ihnen selbst auf die Länge ein Geheimnis bleiben, wieich es darauf anlegte, ihnen hinter die Schliche zu kommen. Sie hielten es demnach nach einer gemeinschaftlichen Beredung für das Geratenste, mir allesamt auf einmal zu entlaufen, und diesen Vorsatz führten sie auch des anderen Tages richtig aus; doch nicht, ohne daß ich es sogleich erfahren und auch den Ort am Lande entdeckt hätte, wo sie sich aufhielten.

Dahin verfügte ich mich augenblicklich mit Gerichtsdienern und traf auch glücklich das ganze Nest beisammen, wo sie dann mit Gewalt aufgehoben und an Bord meines Schiffes begleitet wurden. Am besten hätte ich freilich getan, sie laufen zu lassen; allein so wenig sie auch übrigens taugten, so waren sie doch erfahren und tüchtige Kerle zur Arbeit, die hier in der Geschwindigkeit nicht wohl durch andere zu ersetzen waren. Zudem hoffte ich, daß wenn ich mich ihrer nur bis zur wirklichen Abfahrt versichern könnte, ich sie wohl wieder zu Zucht und Ordnung herumbringen wollte.

Mit diesem Plane beschäftigt, nahm ich also einige Matrosen von den neben mir liegenden Schiffen für Tagelohn zu Hilfe, um sofort die Anker zu lichten und von Amsterdam nach der Bucht bei Dirkerdam abzusegeln, die etwa eine Meile von dort entfernt liegt. Hier warf ich aufs neue Anker, entließ meine gemieteten Matrosen und hoffte, daß ich's nunmehr den meinigen schwer genug machen wollte, von Bord zu kommen, um ihretwegen auch in meiner Abwesenheit wohl sicher zu sein. Denn ich konnte es nicht vermeiden, für meine Person des nächsten Tages noch einmal nach dem verlassenen Hafen zurückzukehren, um neben meiner Ausklarierung noch eine Menge anderweitiger Geschäfte zu besorgen und einen Lotsen mitzubringen.

Vor der Abfahrt übergab ich dem Steuermann mein verdächtiges Volk in besondere sorgfältige Aufsicht. Das Boot ließ ich aufs Deck setzen und anschließen, damit sich dessen niemand bedienen könne, und mein Stellvertreter sollte nicht vom Deck weichen und die Nacht kein Auge schließen, um überall gleich bei der Hand zu sein, bis ich mit dem frühen Morgen mich wieder an Bord zeigen würde. Dann versammelteich die Ausreißer und stellte ihnen Himmel und Hölle vor, und wie schändlich sie handeln würden, Vater und Mutter und Freunde auf Nimmerwiedersehen im Stiche und sich zu Hause nie wieder dürfen blicken zu lassen. Zugleich versicherte ich ihnen, daß meinerseits alles Vorgegangene vergeben und vergessen sein und selbst ihre, vom vorigen Schiffer empfangene Vorschüsse in den Schornstein geschrieben sein sollten. Das alles schienen sie auch zu Herzen zu nehmen und versprachen mir eine gebührliche Aufführung.

Nunmehr rief ich eine vorbeifahrende Schuite an, die nach Amsterdam ging, und ließ mich von derselben an Bord nehmen. Es war nachmittags um drei Uhr, und des nächsten Morgens um acht Uhr befand ich mich, nach beendigten Verrichtungen, bereits wieder auf dem Rückwege und im Angesichte meines Schiffes. Es nahm mich sofort wunder, daß ich kein Boot darauf erblickte. Ebensowenig sah ich eine menschliche Seele auf dem Verdecke. Ich sprang endlich selbst hinauf, und mit steigender Bestürzung fand ich die Tür der Kajüte von außen mit einem Brecheisen gesperrt. Auf mein Rufen keine Antwort. Nun riß ich die Tür mit Gewalt auf, da lag mein Steuermann, mehr tot als lebendig, auf dem Boden längs ausgestreckt.

Stöhnend erzählte er mir, was während meiner Abwesenheit vorgegangen. Gleich nach meinem Abgange hatte er an dem Zusammenstecken der Köpfe und dem heimlichen Flüstern unter den Leuten deutlich wahrgenommen, daß sie etwas im Schilde führten. Endlich waren sie zu ihm herangetreten, um ihm zu erklären, daß sie mit dem Boote ans Land zu gehen verlangten; wollte er sich's beikommen lassen, bei den Vorüberfahrenden um Hilfe zu rufen, so gedächten sie ihn über Bord zu werfen und wie einen Hund zu ersäufen. Gleichwohl hatte er, mit Abmahnen, Drohen und endlich mit lautem Rufen über zugefügte Gewalt, getan, was seine Pflicht von ihm forderte; war aber auch augenblicklich von den Bösewichten ergriffen, geknebelt, gestoßen, geschlagen und mit verstopftem Munde trotz allem Sträuben in die Kajüte gesperrtworden, worauf sie sich des Bootes bemächtigt und davongemacht hatten.

In dieser ganzen Zeit nun hatte der arme zerschlagene Mann vor Schmerz und Ermattung sich kaum zu regen vermocht. Wie mir dabei zumute war, mag man sich leichtlich vorstellen. Das Schiff hier auf offener Reede vor Anker, kein Volk an Bord, der Steuermann krank und keines Gliedes mächtig, mein Boot geraubt.

Was war zu tun? Ich mußte mich entschließen, das Schiff unter der unzulänglichen Aufsicht des kranken Mannes zu lassen, um sowohl ihm selbst ärztliche Hilfe, als mir eine neue Mannschaft zu verschaffen. Also ging mein Weg nochmals nach Amsterdam, wo ich andere sechs Matrosen und einen Jungen, wie sie mir zuerst in den Wurf kamen, heuerte, dann einen Lotsen nahm und einen Wundarzt aufsuchte, der mir den Steuermann verbinden und bepflastern und sagen sollte, ob dieser die Reise ohne Lebensgefahr werde mitmachen können. Nachdem ihm der Doktor die Glieder etwas zurechtgesetzt und ihn mit Medikamenten reichlich versehen hatte, war jener der Meinung, es solle weiter keine Gefahr haben, wenn er sich nur schonen wolle, und nahm seinen Abschied.

Ich machte mich darauf mit meinem neuen Schiffsvolke an die Ankerwinde, um unter Segel zu gehen. Da sah ich denn nun klar, was für schlechten Kauf ich gemacht hatte. Nur zwei waren befahrene Matrosen, während die übrigen kaum wußten, was auf dem Schiffe hinten oder vorn war. Wahrlich, mir graute innerlich, die Reise anzutreten. Mein bestes Vertrauen mußte ich in mich selbst und in die günstige Jahreszeit setzen, denn es war jetzt zu Anfang Mai, da ich aus dem Texel lief. In der Mitte des Monats kam ich vor Noirmoutiers glücklich vor Anker.

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HHier fand ich drei Schiffe vor, deren Kapitäne zu meinen guten Freunden gehörten, nämlich Neste, mit einem Dreimaster aus Danzig, und Fries und Jantzen, beide Königsberger. Alsbald kamen sie sämtlich zu mir an Bord, allein so willkommen sie mir selbst waren, so unerwünscht war mir die Zeitung, daß schon sie drei Frühergekommenen hier ihre Ladung an Salz nicht völlig aufzubringen vermöchten, und gleichwohl das Muid mit fünfundachtzig Livres aufwiegen sollten. Nach längerer Beratschlagung fanden wir es für das dienlichste, uns nach den nächstgelegenen Salzhäfen Croisic, Bernif und Olonne zu verteilen, um anderswo, wenn möglich, besseren Markt zu finden, wobei das Los entscheiden sollte, wer hier zu bleiben und wohin ein jeder in seinem Boote zu gehen und vorläufig seinen Handel für alle abzuschließen hätte; letzteres jedoch nur mündlich, damit jeder Gelegenheit behielte, an dem wohlfeilsten Preise teilzunehmen.

Als nun die Lose gezogen wurden, traf mich die Fahrt nach Croisic, welche nicht nur die weiteste (da die Entfernung von Noirmoutiers zehn bis zwölf Meilen beträgt), sondern auch die gefährlichste war; denn sie geht durch den offenen Ozean, ohne durch Vorgebirge oder Inseln geschützt zu sein. Mein im Texel neu angeschafftes Boot stand auf Deck und ward nun sofort über Bord gesetzt, allein sowie es das Wasser berührte, drang dieses auch zu allen, durch die lang ausgestandene Hitze ausgetrockneten Nähten hinein. Es schien unmöglich, mich in diesem Zustande hineinzuwagen! Aber schon sah ich meine Freunde Neste und Fries in ihren Fahrzeugen abstoßen, um sich auf ihre ihnen zugefallenen Posten zu begeben. Ich zitterte vor Ehrbegierde, ihnen in Pünktlichkeit nicht nachzustehen!

Nun hatte ich außer jenem Boote noch eine kleine fichtene, sogenannte Berger Jölle. Flugs sah ich sie mir darauf an, ob sie mich in diesem Falle der Not nicht ebensowohl nach Croisic sollte tragen können? – Wozu längeres Bedenken? Es mußte gewagt sein! – Ich ließ Mast und Segelauf ihr einrichten und bestieg sie mit zwei Mann. Um mir jedoch nicht offenbar ein Tollmannsstückchen zuschulden kommen zu lassen, wollte ich es zuvor auf eine kleine Probe anlegen, segelte vom Schiffe abwärts, legte bei, machte diese und jene Wendungen und bestärkte mich solchergestalt in meiner Zuversicht, daß ich nichts Unmögliches wagte.

Eiligst versah ich mich nun noch an Bord mit einem durchgeschnittenen halben Oxhoft, welches ich zum sicheren Reisebehälter für einen Kompaß, Brot, Fleisch, einige Flaschen Wein und Branntwein und andere kleine Bedürfnisse bestimmte. Noch nahm ich einen Bootsanker, ein Tau und drei Regenröcke für uns ein, und so versehen trieb ich meine beiden Gefährten zum Einsteigen, rief ein herzhaftes: »Nun, mit Gott!« und stieß ab. Zwar ward mir's, ehe wir noch fünfzig Klafter gesegelt waren, hell und klar, daß ich meine Jolle mit all den Siebensachen zur Ungebühr überladen und daß ich den dümmsten Streich in meinem ganzen Leben begangen hatte, drei Menschenleben in die augenscheinlichste Gefahr zu setzen; aber sollte ich mir die Schande antun, noch einmal umzukehren? – Lieber wäre ich dem Tode in den offenen Rachen gesegelt!

Bis ich um die kleine Insel Piquonnier herumkam, ging auch alles gut. Hier aber rollte mir die spanische See von der Seite her in langen und hohen Wogen mächtig entgegen; der steife Wind stand von dorther gerade aufs Land und es sah ganz danach aus, daß wir hier mit Gemächlichkeit ersaufen könnten. Gleichwohl hätte man alles von mir fordern können, nur nicht, daß ich hier noch umsatteln sollte. »Du willst der Gefahr standhalten!« sagte ich zu mir selbst und faßte mein Steuer nur noch fester in die Faust.

Nach vier oder fünf Stunden begann indes der Einbruch der Nacht, und mit der Dunkelheit schien auch der Wind mehr Stärke zu gewinnen. Keiner von uns sprach ein Wort, aber meine Matrosen drängten sich immer näher an mich, der ich am Ruder saß und die Schote des Segels zugleich in der Hand gefaßt hielt. Allmählich fingen die beiden rohen Kerle,ergriffen vom Gefühl ihrer Lage, bitterlich an zu weinen. Ihre Todesangst ließ mich nicht ohne Mitgefühl, denn wie konnte ich die Schuld von mir abwälzen, ihnen samt mir durch meinen unzeitigen Ehrgeiz dieses nasse Grab gegraben zu haben? – Ich sagte ihnen zu ihrer Beruhigung, ich wolle vom Winde abhalten und, da wir an der Mündung der Loire schon vorüber wären, in die ich uns sonst geflüchtet haben würde, geradezu auf das Land steuern. Dort würde es freilich eine hohe Brandung geben, daher sie, sobald wir in diese hineingerieten, sogleich zu beiden Seiten der Jölle ins Wasser springen, sich an ihren Bord hängen und, sobald sie Grund unter den Füßen fühlten, das Fahrzeug mit der Spitze scharf gegen den Strand halten müßten, damit es nicht in die Quere unter die See käme. Wenn dann die letzten Sturzwellen vom Ufer zurückrollten und den Boden trocken lassen wollten, hätten sie sich mit aller Macht entgegenzustemmen, damit nicht auch das leichte Boot mit zurückgespült würde. Alles das und noch mehreres band ich ihnen fest auf die Seele und sie gelobten auch, es treu zu beobachten. Es kam aber anders.

Um ihnen nun Wort zu halten, steuerte ich gerade auf die Küste. Die Jölle schoß wie ein Pfeil durch die Wogen und nach einer guten halben Stunde drang uns auch schon das schreckliche Gebrüll der Brandung in die Ohren. Nun sahen wir angestrengt vor uns hin nach dem weißen Schaume; allein die Nacht ward so finster und unser Fahrzeug flog so schnell, daß wir uns plötzlich mitten darin befanden. Ehe wir uns auch nur besinnen konnten, erblickten wir kurz hinter uns den beschäumten Kamm einer Woge, die sich bis zur Höhe unseres Mastes aufbäumte, dann brausend über uns niederschoß und uns zu unterst zu oberst in ihren Abgrund mit sich fortriß.

Nun trat die See für ein paar Augenblicke zurück; ich bekam den Kopf in die Höhe und die Füße spürten Grund. Ehe die nächste brandende Welle wiederkehrte, hatte ich meine Sinne glücklich gesammelt; ich hielt stand, und da sie mirdiesmal nur bis unter die Arme reichte, so eilte ich guter Dinge dem Strande zu, wo ich mich in weniger als einer Minute in voller Sicherheit befand. Meine beiden Gefährten hatten ebenso gutes Glück. Wir fanden uns bald wieder zusammen, nur unsere Jölle war wieder mit in die See gerissen worden, bis sie endlich mit dem Kiel nach oben plötzlich an Land trieb. Aber alles, was darinnen gewesen war, ging uns verloren, ohne daß wir in der Dunkelheit etwas davon aufzufischen vermochten. Wir mußten uns also begnügen, unser Fahrzeug am Strande so hoch hinaufzuziehen, daß es gesichert war, von den Wellen nicht mehr erreicht zu werden.

Hierauf gingen wir landeinwärts, um zu Menschen zu kommen, sahen auch aus der Ferne ein Licht schimmern, auf welches wir freudig zutrabten und wo wir dann bei einem Bauern übernachteten und uns trockneten. Morgens begaben wir uns samt unserem Wirte nochmals zum Strande zurück, um nach unserer Jölle und dem verlorenen Gepäcke zu sehen. Jene fanden wir noch auf ihrer alten Stelle; aber auf dieses mußten wir, zu unserm Verdrusse, völlig verzichten. Zwar auch mit unserem Fahrzeuge gerieten wir in Verlegenheit, da die See noch nicht wieder fahrbar geworden, bis unser Bauer, dem ich mich durch einen meiner Matrosen verständlich machen konnte, uns aus der Verlegenheit half. Wir hatten bereits erfahren, daß wir uns hier anderthalb Meilen von Pollien (ebenfalls ein Salzhafen, wie das noch zwei Meilen weiter entfernte Croisic) befänden, und dahin erbot er sich, gegen gute Bezahlung, unser Puppenfahrzeug über Land zu transportieren, indem er es zwischen zwei seiner Esel hinge.

Wirklich hielten er und seine Esel redlich Wort! In dem lustigsten und niegesehenen Aufzuge zogen wir zu Pollien ein, und die ganze Stadt lief über dem seltsamen Schauspiele zusammen. Meine erste Erkundigung war sofort nach dem angesehensten Salzhändler des Ortes. Man nannte mir einen Kaufmann, namens Charault, und während ich zu ihm hineinging, ward die Jölle vor seiner Türe niedergelassen. Meine Aufnahme war freundlich; auch brachte ich sogleicheine Unterhandlung wegen des gesuchten Salzes in Gang, wobei es zu dem Ausschlage kam, daß ich volle Ladung für alle vier Schiffe, das Muid zu vierundfünfzig Livres, akkordierte und zwar dortigen Gemäßes, welches noch um fünf Prozent größer ist, als auf Noirmoutiers. Ich durfte mir also schmeicheln, einen vorteilhaften Handel abgeschlossen zu haben.

Nun ging meine nächste Sorge dahin, mein Boot wieder zuzutakeln und meine Rückfahrt damit anzutreten. »Wie? InderNußschale?« fragte Herr Charault, indem er es von allen Seiten verwundert ansah. »Lassen Sie das Dingelchen hier in Gottes Namen stehen, bis Sie mit Ihrem Schiffe kommen, es abzuholen. Ich gebe Ihnen meine Barke, die Sie mir dann ja wieder mitbringen können.« – Der Vorschlag war aller Ehren wert; allein dann wäre ich dem Manne fester verbunden gewesen, als ich wünschte, falls meine Freunde anderwärts vielleicht noch besser gemarktet haben sollten. Also schlug ich diese Güte dankbar aus und setzte mich, zwei Tage später, mit meinen Leuten guten Mutes wieder in dieNußschale, wie er's genannt hatte. Dadurch gab ich nun zwar den Müßiggängern im Orte ein neues Schauspiel, indem sie sich zu Hunderten auf den Sunddünen sammelten, um uns abfahren zu sehen; allein das Wetter war schön, der Wind günstig, und Noirmoutiers nach einer ruhigen Fahrt von zwölf bis vierzehn Stunden glücklich wieder erreicht.

Hier waren die beiden andern Abgeschickten schon vor mir angelangt und alles hatte uns so gut wie verloren gegeben. Daher mischten sich in ihren herzlichen Willkomm zugleich auch heftige Vorwürfe über meine Tollkühnheit, die sie sehr richtig dem wahren Grunde zuschrieben und worauf ich freilich nur wenig zu erwidern hatte, da ich vollkommen fühlte, wie sehr sie verdient waren. Bei alledem hatte ich doch, wie sich's nunmehr ergab, das vorteilhafteste Geschäft gemacht; nur waren die beiden Königsberger, da sie mich nicht mehr rechneten, kurz zuvor in Noirmoutiers eine neue Verbindlichkeit eingegangen, wodurch sie dort zurückgehaltenwurden, wiewohl sie das Muid mit achtzig Livres zu bezahlen genötigt waren. Und doch schlug diese Trennung wiederum zum Glücke für mich aus, denn als ich nun mit Kapitän Neste in Pollien anlangte, konnte Herr Charault kaum uns beide befriedigen. Ich zwar, als der erste, ward schnell genug befrachtet, dagegen aber mußte jener noch die nächste Springflut und das darauf folgende Salzerzeugnis abwarten, um seine volle Ladung zu bekommen.

UUnterm 12. Juni schrieb ich nunmehr an meine Korrespondenten, die Herren Kock und van Goens in Amsterdam, daß ich heute mit der Ladung meines Schiffes begänne und ihnen auftrüge, die Assekuranz auf dasselbe zu achttausend holländischen Gulden, für die Salzladung aber mit zweitausend Gulden, von hier auf Königsberg zu besorgen. Sechs Tage später wiederholte ich diese nämliche Order, mit dem Beifügen, daß ich bereits segelfertig läge und nur auf einen günstigen Wind wartete. Zum Überflusse aber ließ ich auch noch am 22. Juni ein drittes Avis abgehen, worin ich mich auf meine früheren Schreiben bezog und die geschehene Versicherung von Schiff und Ware als besorgt voraussetzte, oder auch neuerdings dringend aufgab, indem ich in diesem Augenblicke bereits in See sei und bloß zu größerer Sicherheit noch an mein Verlangen erinnern wolle.

Indes überfiel mich bereits am 24. Juni ein so harter Sturm, daß ich nur vor einem kleinen Sturmsegel unterm Winde liegen konnte. Eine besonders schwere Sturzwelle zertrümmerte mein Steuerruder acht Fuß über dem unteren Ende, so daß von diesem Augenblicke an alles Steuern damit ein Ende hatte und auch in offener See an kein Ausbessern zu denken war. Um gleichwohl das Schiff nach Möglichkeit bei einem regelmäßigen Gange zu erhalten, suchte ich es mit den Vorder- und Hintersegeln zu zwingen. Indem aber der Wind geradezu aufs Land stand, ward meine Lage dadurch noch wesentlich verschlimmert; denn nun war ichgenötigt, Segel über Segel aufzusetzen, um nur das Schiff hart an den Wind zu halten und vom Strande ferne zu bleiben. Demungeachtet liefen wir, des Schiffes nur unvollkommen mächtig, bald in den Wind, bald wieder fielen wir vor den Wind, und da wir eine solche Menge Segel machen mußten, so bekamen auch Stangen und Masten schier über ihre Kräfte zu tragen.

Wirklich geschah auch gar bald, was ich gefürchtet hatte, denn mit einer schweren Buy (Stoßwind), die sich plötzlich erhob, brach der große Mast, acht oder zwölf Fuß überm Deck, entzwei und stürzte samt der ganzen Takelage über Bord, und nicht nur das allein, sondern dies ganze Gewirre von Rundhölzern – Mast, Stangen und Raaen – stieß nun auch unaufhörlich und mit solcher Macht gegen die Seiten des Schiffes, daß wir uns auf dem Verdecke kaum stehend erhalten konnten und jeden Augenblick erwarten mußten, Planken und Fütterung zertrümmert zu sehen. Nichts blieb übrig, als schnell alles Tauwerk, das mit dem gestürzten Maste noch zusammenhing, zu kappen, um loszukommen.

Eigentlich aber hob unsere wahre Not jetzt erst an, da unser schwerbeladenes Schiff gleich einem Klotze auf dem Wasser trieb – ein Spiel der Wellen, die sich unaufhörlich drüber hin brachen und uns überspülten. Selbst die Kajüte schwamm beständig voll Wasser; unsere Lebensmittel wurden naß und unsere Ladung hatte kaum ein besseres Schicksal zu erwarten, da wir das eindringende Wasser mit beiden Pumpen kaum zu bewältigen vermochten. Über dies alles trieben wir augenscheinlich immer näher dem Lande zu, indem wir nachts um elf Uhr bereits in einer Tiefe von vierzig Faden Grund fanden. Ungesäumt ward jedoch der Anker ausgeworfen und ich ließ das Ankertau hundert Faden nachschießen. Nun lag das Schiff bequem gegen die hohe See, wie eine Ente, die auf ihrem Teiche schwimmt, und der Sturm ward glücklich ausgehalten.

Des andern Tages, sobald das Wetter sich abgestillt hatte, hoben wir unser Bugspriet aus, befestigten es, sogut esgehen wollte, an dem Stumpf des abgebrochenen Mastes, takelten diesen Notmast nach Möglichkeit zu und zogen daran ein paar Segel auf, die wir noch in Vorrat besaßen. Der Wind hatte sich gedreht und blies aus Ostsüdost, längs dem Lande hin, so daß wir hoffen durften, uns von diesem zu entfernen. Um aber auch das mangelnde Steuerruder durch irgend etwas zu ersetzen, ließ ich ein Ankertau, vom Hinterteil hinaus, etwa zwanzig Klafter lang an einem großen Klotze treiben, und indem von vorne gleichfalls an jeder Seite ein Tau mit diesem Klotze zusammenhing, ließ sich das Schiff daran zur Notdurft links oder rechts umholen, obwohl freilich nicht daran zu denken war, mittels eines so unzulänglichen Behelfs einen ordentlichen Kurs zu halten. Vielmehr trieben wir bei anhaltendem Ostwinde, auf Gottes Gnade, immer weiter in die spanische See und auf das atlantische Meer hinaus, und erkannten es für unser größtes Glück, daß wir noch ein dichtes Schiff behalten hatten.

In der Tat kann man sich unsere Lage nicht mißlich genug denken. Leben und Seele war gleichsam aus unserm Schiffe gewichen. Jeder Veränderung des Windes preisgegeben, trieben wir hierhin und dorthin auf dem unermeßlichen Ozean. An eine Berechnung von Kurs und Distanzen war gar nicht mehr zu denken. Zwar gaben mir meine Beobachtungen an Sonne und Sternen zuzeiten die Breitengrade an, unter welchen wir uns befanden; allein über unsere Länge war auch nicht einmal eine ungefähre Schätzung anzustellen, noch weniger richtige Rechnung zu führen. Es war aber sicher genug, daß wir uns in weiter Entfernung von allen europäischen Küsten befinden mußten, da die Winde meist östlich und südlich waren. Auch erblickten wir während dieses ratlosen Umhertreibens nur zweimal ein fremdes Segel; zuerst ein englisches und demnächst ein schwedisches Schiff, welche zwar beide uns beizukommen suchten, aber durch das schlechte Wetter daran verhindert wurden. Sie gereichten uns also zu keiner Hilfe, sondern mußten sich begnügen, uns durch das Sprachrohr zu beklagen und besseres Glückzu wünschen. Doch gewährte uns dieses Zusammentreffen den Trost, daß sie uns ihre beobachtete Länge mitteilten, so daß wir uns doch einigermaßen belehrten, auf welchem Punkte des Erdballes wir uns befänden.

Schon hatten wir auf diese Weise sechs Wochen lang nutz- und hilflos auf dem Weltmeere umhergekreuzt, als uns, unter der am 2. August beobachteten nördlichen Breite von achtundfünfzig Grad dreiunddreißig Minuten (so hoch hinauf nach Norden waren wir verschlagen) ein gewaltiger Sturm aus Südwesten ereilte. Am 6. August sprang der Wind nach Westen um und das Wetter ward so furchtbar, als ich es je erlebt habe. Alle unsere andere Not und Gefahr aber ward noch durch die Besorgnis vermehrt, daß wir bei Nacht gegen die Lewisinseln und die dort zahlreich umherliegenden Klippen geworfen werden könnten. Diese Furcht schwand erst dann, als wir uns am 9. August mitten zwischen den orkadischen Inseln und im Angesichte von Fairhill erblickten. Da auch zugleich der Wind nach Nordwesten ging und kräftig zu blasen fortfuhr, so wuchs uns der Mut, daß wir unser Schiff nach Ostsüdost zu treiben zwangen, um die norwegische Küste zu erreichen und dort Hilfe zu finden.

Am 13. trat uns diese gewünschte Küste auch wirklich zu Gesicht und am folgenden Tage abends kamen wir ihr so nahe, daß wir deutlich die zahllosen, teils emporragenden, teils blinden Klippen vor uns erkannten, an welchen die tobende See hoch in die Lüfte zerschäumte. Dieser Anblick schlug unsere Freudigkeit um ein großes nieder, ja diese verwandelte sich gar bald in eine peinliche Todesangst, da wir die Unmöglichkeit fühlten, unser unlenksames Schiff davon abzusteuern.

Doch nicht Untergang, sondern Rettung hatte der gütige Himmel diesmal über uns beschlossen! Mitten zwischen den grausigen steilen Klippenwänden trieb unser Schiff, wie von unsichtbaren Händen gelenkt, hindurch in eine Bucht, wo ich Ankergrund und stilles Wasser fand. Es war abends um neun Uhr, als ich hier den Anker fallen ließ und nun erst mitvoller Besinnung an die schreckliche Vergangenheit zu denken vermochte, der wir, in einem Fahrzeuge ohne Mast und Ruder, auf einem unermeßlichen Irrwege, unter Hunger, Durst, allem nur erdenklichen Drangsal und stetem Todeskampfe, nach sieben ewig langen Wochen endlich glücklich entronnen waren.

Unser Nothafen hieß Bommel-Sund, wie wir noch in der nämlichen Nacht von einigen Leuten erfuhren, die vom Lande zu uns an Bord kamen und mir behilflich waren, das Schiff noch tiefer in die Scheren hinein in Sicherheit zu bringen. Am Morgen fuhr ich selbst ans Land, um mir Hilfe zu suchen, denn es fehlte mir geradezu an allem, um weiter aus der Stelle zu kommen. Allein Mast, Ruder und Takelwerk, wie ich's brauchte, war in dieser ganzen Gegend nicht zu erlangen, und so mußte es mir genügen, daß ich hier Fahrzeuge und Leute annahm, die mich zwischen den Klippen entlang täglich eine kleine Strecke weiterbugsierten. So gelangte ich kümmerlich am 19. August in den Hafen von Fahresund.

HHier wandte ich mich unverzüglich an das Handelshaus Lund und Kompagnie, welches auch nicht ermangelte, mir schnellen und tätigen Beistand zu leisten, damit ich mein Schiff wieder in gehörigen Stand setzte. Um nichts zu versäumen, ließ ich vor allen Dingen mein Schiffsvolk eine gerichtliche Erklärung über unsere Unglücksfälle ablegen, versah mich mit allen übrigen erforderlichen Zeugnissen und übersandte dies alles an meine Korrespondenten nach Amsterdam, mit dem Auftrage, mir auf Grund der von ihnen bewirkten Versicherung meines Schiffes einen Kreditbrief zur Ausbesserung meines Schiffes zu übermachen.

Demnächst ging ich nun mit Eifer an dieses Werk selbst, wo es denn allerdings mehr zu schaffen gab, als ich vermutet hatte. Beim Ausladen des Schiffes fand sich's, daß zehn bis zwölf Lasten Salz verschmolzen waren. Ich ließ nun denBoden kielholen, ein neues Steuerruder einhängen, einen neuen Mast aufrichten, besorgte alle fehlenden Rundhölzer, Segel und Takelwerk, ersetzte, was gebrochen, verfault oder sonst verdorben war, und setzte mich so allmählich wieder instand, die offene See zu halten. Freilich war dies alles nicht möglich ohne den bedeutenden Aufwand von 4400 Talern dänisch Kurant, und ich konnte mich, um mich von meinem Schaden zu erholen, nur an die auf mein Schiff gezeichnete Assekuranz halten.

So weit war ich, als ich von den Herren Kock und van Goens ein Schreiben empfing, worin sie mir empfahlen, mich in meinen Ausgaben möglichst zu menagieren, indem es ihnen nicht möglich gewesen wäre, für mein Schiff und Ladung eine Versicherung zu bewirken. – Als hätte der Donner vor meinen Füßen eingeschlagen, so überraschte und erschütterte mich dieser trockene Bericht! Zugleich aber gingen mir auch plötzlich die Augen auf über das Schelmenstück, das man mir gespielt hatte. Wie? Auf drei, nacheinander folgende Avisos, in der sichersten Jahreszeit und auf einem Platze, wie Amsterdam, sollte für keine Prämie, hoch oder niedrig, eine mäßige Assekuranz zu beschaffen gewesen sein? Oder wenn in Holland kein Mensch sein Geld an eine so geringe Gefahr hätte setzen wollen, stand dann meinen Beauftragten nicht Hamburg, Kopenhagen oder London, oder jeder andere Handelsort frei und offen? – Allein es war klar (und in diesem Urteile hatte ich alle Sachverständigen auf meiner Seite), daß die feinen Herren es für zuträglicher gehalten hatten, die Assekuranz gar nicht auszubieten, sondern es immerhin im Vertrauen auf meine Tüchtigkeit und die anderweitigen günstigen Umstände zu wagen. Lief die Fahrt glücklich ab, wie zu hoffen war, so würden sie nicht vergessen haben, mir die Assekuranz-Prämie gehörig anzurechnen; nun aber, da ich Havarie hatte, entschuldigten sie sich als Schurken, wie es auch die Folge sattsam erwiesen hatte.

Was war nun zu tun? – Ich saß in der Klemme,und mußte abermals auf Schiff und Ladung Bodmerei zeichnen. Indes erhielt es mich noch einigermaßen bei gutem Mute, daß ich der gewissen Hoffnung lebte, das saubere Paar seiner Schelmerei zu überweisen und so wieder zu dem Meinigen zu gelangen. Ich ging also wieder in See und langte bald darauf glücklich in Königsberg an. Kaum aber hatte ich meine Ladung Salz dort gelöscht, so trat auch der Bodmereigeber auf und forderte sein auf das Schiff vorgestrecktes Geld zurück, welches sich, mit allen Nebenausgaben auf die Summe von 7000 Talern belief. Da ich nun auch noch in einigen andern Schulden steckte, so kam ich von Tag zu Tag immer mehr ins Gedränge, denn an ein Ende des Prozesses, den ich nun zunächst gegen Kock und van Goens in Amsterdam angestrengt hatte, war noch nicht zu denken.

Vielmehr ward hier nun ein Federfechten begonnen, das Jahr und Tag dauerte und immer bunter und verwickelter wurde. Endlich ward mir der Handel und die Rabulisterei für meinen armen schlichten Menschenverstand zu arg. Ich packte meine dicken Prozeßakten zusammen und legte sie, in tiefster Devotion, Sr. Majestät dem Könige vor, mit inständigster Bitte, Sich Ihres allergetreuesten Untertanen anzunehmen und diesen Prozeß gegen Kock und van Goens durch den Preußischen beglaubigten Minister im Haag ausmachen zu lassen.

Während aber nun meine Sache diesen gemächlichen Gang ging, mußte ich, um meine Gläubiger zu befriedigen, zuvörderst meine Ladung, dann aber auch mein schönes liebes Schiff, samt allem, was ich um und an mir hatte, soweit es langte, losschlagen. Das unschuldige Opfer eines schändlichen Betruges, stand ich da, und konnte kaum das Hemd mein nennen, das ich auf dem Leibe trug! Meine letzte Hoffnung beruhte auf dem Ausgange des Prozesses; und auch hier schwand mir mein anfänglicher Mut mehr und mehr, je tiefere Blicke ich in das Gewebe rechtlicher Schikane tat, das hier von meinen Gegnern angezettelt wurde, um womöglich Weiß in Schwarz zu verdrehen.

Dieser unselige Rechtshandel bedrohte aber nicht bloß mein geringes Vermögen, sondern griff zugleich tief in meinen ganzen Lebensgang ein und legte meinem aufstrebenden Geiste Hemmketten an, die ihm je länger je unerträglicher fielen. Nach der Einbuße meines eigenen Schiffes hätte ich wenigstens als Schiffer für fremde Rechnung fahren und meinen mäßigen Erwerb suchen können: allein allaugenblicklich gab es, des Prozesses wegen, in Königsberg gerichtliche Termine, wo ich zur Stelle sein und Rede und Antwort geben sollte. Gleichwohl wollten Frau und Kinder (denn auch der Ehesegen hatte sich nach und nach bei mir eingestellt) auf eine ehrliche Weise ernährt sein. Was blieb mir demnach übrig, als daß ich mich noch einmal unter das alte verhaßte Joch bequemte, und, als Setzschiffer, auf einem Leichter-Fahrzeuge, zwischen Königsberg, Pillau und Elbing hin und her tagelöhnerte, um nur mein kümmerliches Brot zu verdienen.

Drei mühselige Jahre blieb mein Schicksal in dieser Schwebe; und Gott weiß, wie sauer, ja bitter sie mir geworden sind! Endlich ging vom Preußischen Gesandten im Haag ein großes Schreiben an mich ein, mit der Verkündigung, mein Prozeß sei in letzter Instanz glücklich gewonnen. – Gottlob! hätte ich gerne aus tiefer erleichterter Brust gerufen, wäre nur nicht unmittelbar die Hiobspost damit verbunden gewesen: Kock, der eine meiner Widersacher, sei gestorben, nun sei der Bankerott des Hauses ausgebrochen, von den übrigen Gläubigern auf alle Effekten Beschlag gelegt worden und zur Befriedigung meiner Anforderung leider nichts übrig geblieben. – So war ich denn ein ruinierter Mann; hatte mir die schönsten Jahre meines Lebens gleichsam stehlen lassen, mir den Leib unaufhörlich voll geärgert, und mochte nun in Gottes Namen anfangen, zu meinem künftigen Glücke, wo ich wüßte und könnte, wieder den allerersten Grundstein zu legen!


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