Zwar nahm ich von diesem medizinischen Gutachten keine weitere Notiz; doch als ich am andern Morgen wieder an Land wollte, um die gedungenen Leute an Bord zu nehmen, fiel mir der Barbier und sein Heilmittel wieder ein. Mag es den Versuch gelten! dachte ich, und wandte mich in unbefangener Vertraulichkeit an die beiden Tollhäusler, die mir eben auf dem Verdeck in den Wurf kamen: »Hört, Kinder, ich will zum Aderlassen. Ihr beide seht mir beständig so rot und vollblütig aus, daß es euch gleichfalls wohl gut tun sollte. Kommt mit, dann machen wir das gleich in Gesellschaft ab.«
Die beiden Kerle schöpften kein Arges aus dem Vorschlage, der ihnen vielmehr ganz instinktmäßig zusagen mochte. Während sie nun nach meinem Geheiß auf der Hausflur des Barbiers verweilten, trat ich lachend in dessen Zimmer und verkündigte ihm die Gegenwart meiner hirnwütigen Patienten, an denen er nunmehr seine Kunst erproben möge. Sobald auch nur so viel Frist verlaufen war, als zur Vollendung einiger Aderlässe erforderlich scheinen mochte, kam ich wieder zum Vorschein, indem ich rief: »Das wäre fertig; nun, Jakob, ist die Reihe an dir! Herein!« – Der Bursche kam.
Jetzt ging aber die Operation an seinem Arme im Ernste vor sich. Eine große Schüssel füllte sich mit Blut, und der Jakob ward immer bleicher um die Nase. Ich gab dem Manne mit dem Schnepper einen verstohlenen Wink, daß es nun wohl Zeit sein dürfte, einzuhalten; allein er ließ auch die zweite Schüssel vollrinnen, bis Jakob endlich besinnungslos umsank und durch einen vorgehaltenen Spiritus wieder zu sich gebracht werden mußte. Das nämliche widerfuhr hiernächst auch seinem Zechkameraden, dem Peter; und beide schwankten dem Schiffe so matt und entkräftet wieder zu, daß sie geführt werden mußten und auch die folgenden vierzehn Tage hindurch auf ihren Füßen nicht stehen konnten.Zur Arbeit blieben sie mir also binnen dieser Zeit allerdings unbrauchbar; aber auch ihre Tollheit war gänzlich von ihnen gewichen, und des Barbiers Kunststück hatte sich als vollkommen probat erwiesen.
Ich brauche wohl nicht hinzuzusetzen, wie sehr ich, sobald ich Hamburg erreicht hatte, beeilt war, mir all dies widerspenstige Gesindel vom Halse zu schaffen. Es ist wahr, ich hätte sie vor den Seegerichten anklagen können, und Staupbesen und Brandmark würden ihrer gewartet haben. Das wollte ich aber nicht, weil einige darunter in und um Stettin zu Hause waren und Frau und Kinder hatten. Ich machte ihnen also nur die Hölle tüchtig heiß, gab ihnen eine scharfe Ermahnung mit auf den Weg und ließ sie in Gottes Namen laufen.
HHier in Hamburg fand sich eine neue Ladung für mich nach Lissabon, mit welcher ich jedoch erst am letzten August auf den Weg zu kommen vermochte. Die Reise selbst bietet mir nichts Erhebliches für die Erzählung; doch mag ich wohl eines Schrecks erwähnen, der mir noch ganz für das Ende derselben vorbehalten blieb. Als ich nämlich etwa sieben Meilen nördlich von der Mündung des Tajo gekommen war, sah ich ein Fahrzeug mir entgegensteuern, das mit ungewöhnlich vielen Menschen besetzt zu sein schien. Unter anderen Umständen würde mich diese Begegnung ziemlich gleichgültig gelassen haben, allein schon während unserer ganzen Reise spukte es mir und meinen Leuten im Kopfe herum, daß wir gegen die Barbaresken und Marokkaner eine unfreie Flagge hatten, und unser einziger Trost bestand darin, daß von einem Raubzuge derselben so weit nördlich hinauf doch seit geraumer Zeit nichts verlautet habe.
Jetzt schoß mir bei jenem Anblicke das Blut in den Kopf, denn wie leicht war es möglich, daß ein Korsar, verwegener als seine Genossen, sich hier, an einem so vielbesuchten Punkte, auf die Lauer gelegt haben möchte! Jegenauer ich mir das Segel durch mein Fernrohr ansah, desto mehr schöpfte ich Verdacht. Ich veränderte meinen Kurs, um mich näher am Lande zu halten; die Barke tat desgleichen. Ich setzte Segel über Segel auf; sie tat auch ihrerseits alles mögliche, um uns näher zu kommen.
In dieser kritischen Lage rief ich mein Schiffsvolk zusammen und sagte: »Kinder, ihr seht – da haben wir die Bescherung! Die türkischen Hunde haben es offenbar auf uns gemünzt und unsere Pässe helfen uns hier nicht durch. Was meint ihr? Sollen wir uns von ihnen so mir nichts dir nichts entern lassen und vor dem Pack zu Kreuze kriechen? Ich meinesteils zöge lieber den Tod vor, als mich zeitlebens in der Sklaverei unter die Peitsche zu ducken. Oder habtihrgrößere Lust dazu? Sprecht!« – Die Kerle sahen mir das Feuer aus den Augen leuchten und wurden selber warm. Sie meinten, es müßte wacker dreingeschlagen werden, und zugleich lief alles, die Gewehre, soviel wir deren hatten, zur Hand zu nehmen und instand zu setzen.
Unter diesen kriegerischen Vorbereitungen war uns aber auch das Fahrzeug so nahe auf den Leib gekommen, daß es uns zurufen konnte: ob wir keinen Lotsen nach Lissabon zu haben verlangten? – Da hatten wir nun auf einmal die Lösung des Rätsels! Es war eine portugiesische Fischerbarke, und wir hatten uns ganz umsonst gefürchtet. Wenigstens wurde unsere Bravour nun auf keine weitere Probe gestellt. Allein mit einem kleinen Reste von Besorgnis und Mißtrauen wollten wir uns diese dienstfertigen Leute lieber doch nicht gar zu nahe kommen lassen, lehnten ihr Anerbieten höflich ab, suchten mit guter Manier von ihnen abzukommen und warfen gleich darauf am letzten September im Tajo die Anker.
Kante
IIn Lissabon war ich an den alten Korrespondenten des Großschen Hauses, Herrn John Bulkeley, adressiert und eines Tages auf dem Wege, seiner Einladung zur Mittagstafel zu folgen. Ich mußte über einen großen Marktplatz, wo ich bereits aus der Ferne ein großes Gedränge von Menschen bemerkte. In der Meinung, daß es dort wohl eine öffentliche Hinrichtung geben möchte, trat ich näher, erkannte aber bald meinen Irrtum, da ich eines großen Zeltes ansichtig ward, von dessen Spitze, zu meiner Verwunderung, diepreußischeFlagge lustig im Winde wehte.
Nun mußte ich natürlich genauer zusehen. Ich drängte mich mit Mühe durch den dicksten Haufen, bis ich am Eingange des Zeltes stand, zu dessen beiden Seiten ein paar baumhohe preußische Grenadiere in ihren hohen blanken Spitzmützen stattlich schilderten. Fast hätte ich Lust gehabt, die braven Landsleute hier unter fremdem Himmel treuherzig zu begrüßen, als ich noch zu rechter Zeit inne ward, daß mich ein paar Wachspuppen getäuscht hatten und daß ich hier wahrscheinlich am Eingange eines Wachsfigurenkabinettes stand, dem diese martialischen Gesichter nur zu einem Aushängeschilde dienten. Indes, meine Neugier war nun einmal geweckt und ich beschloß, hineinzutreten; denn hinter solchen Türhütern, dachte ich, müsse wohl noch mehr stecken, woran ein preußisches Herz sich erlaben könne.
Und so war es auch wirklich! So getreu und natürlich, als ob er lebte, stand mitten inne der alte König Friedrich, mit einem Richterschwert in der Hand, und vor ihm lag ein Mann mit Weib und Kindern auf den Knien, die um Gerechtigkeit zu flehen schienen. Ihm zur Rechten war eine große Wage angebracht, in deren einer Schale eine Bildsäule der Gerechtigkeit thronte und die andere, die mit Papieren und Akten angefüllt war, hoch in die Höhe wog. Zur andern Seite eine Gruppe preußischer Generale und Justizpersonen, und im Hintergrunde in großen leuchtenden Buchstaben die portugiesische Inschrift: »Gerechtigkeitspflege desKönigs von Preußen«; – darunter aber der Name »Arnold«. – Man sieht also, daß hier der Prozeß des Müllers Arnold gemeint war, der damals als Neuigkeit des Tages durch ganz Europa das höchste Aufsehen erregte. Wem dennoch das Ganze hätte unverständlich bleiben mögen, dem half ein Ausrufer zurecht, der die Geschichte laut und pathetisch herzuerzählen wußte.
Alles horchte und schien tief ergriffen; auch mir armem Narren hämmerte das Herz unterm dritten Knopfloch, daß ich mich vor patriotischer, freudiger Wehmut kaum zu fassen wußte. Nein, es mußte heraus! Ich mußte mich in den innersten Kreis hervordrängen, und so gut oder übel ich die fremde Sprache zu radebrechen verstand, rief ich aus: »MeinKönig! Ich bin Preuße!« – Diese wenigen Worte fielen wie ein elektrisches Feuer in alle Herzen. Die ganze Schar umringte mich, sank um mich her auf die Kniee und hob gleichsam anbetende Hände zu mir empor. »Gloria dem Könige von Preußen!« rief der eine – »Heil ihm!« der andere – »Heil für die strenge Gerechtigkeit!« – »Leuchtendes Beispiel für alle Regenten der Erde! Heil ihm!« – Mit jedem Augenblicke vermehrte sich das Geschrei und Getümmel.
Die Tränen drängten sich mir aus den Augen. Ich neigte mich rings herum; ich legte die Hand aufs Herz; ich dankte stammelnd und suchte einen Ausweg durch die immer gedrängter zusammenstürzende Menge. Zwar machten sie mir willig Platz, aber sie folgten mir auch mit anhaltendem Freudengeschrei: »Vivat der gerechte König!« Nie in meinem Leben fühlte ich mich geehrter und glücklicher, ein Untertan des großen Friedrich zu sein. Mein Herz ward mir zu schwer, ich schwankte, konnte nicht weiter und mußte mich erschöpft an eine Straßenecke lehnen. Nur meine erhobenen Hände, die ich unwillkürlich, wie zum Segnen, nach dem Volke ausstreckte, vermochten meinen Dank auszusprechen.
Endlich wankte ich wieder die Gasse hinauf, aber miteinem Schweife von Menschen hinter mir, der sich mit jedem Augenblicke vergrößerte und den König von Preußen hochleben ließ. Im Hause meines Korrespondenten, in welches ich mit Mühe flüchtete, waren alle Türen und Fenster aufgerissen und mit verwunderten Zuschauern besetzt. Umsonst fragte man mich, was dies zu bedeuten habe. Mein bewegtes Gemüt fand keine Worte. Draußen aber stieg der freudige Tumult immer höher, und um das Volk zu beruhigen und vom Platze zu bringen, blieb mir nichts übrig, als auf den Balkon zu treten und mich noch einmal zu zeigen. Ich dankte mit Mund und Händen und allmählich verlief sich der Menschenstrom.
Hierauf erzählte ich meinen Tischgenossen die wundersame Begebenheit, welche ich soeben erlebt hatte, und die Arnoldsche Prozeßgeschichte, so gut sie mir bekannt war. Einer von den anwesenden Kontoristen versicherte jedoch, über diese noch genauere Auskunft geben zu können, ging hin und holte eine kleine portugiesische Flugschrift, die in einer treuen geschichtlichen Darstellung dem gerechteren der Könige auch bei einem entfernten Volke ein verdientes Ehrenmal setzte. – Hieran spiegelt euch, ihr Preußen!
EEinige Tage später sprach ein portugiesischer Kaufmann mich auf der Börse an und bat mich höflichst, zu Mittag sein Gast zu sein; nach Verlauf der Börsenzeit werde er mir einen Wink geben, mit ihm zu gehen. Ich sagte zu und hatte ihn im Gewühle kaum aus den Augen verloren, als mehrere Schiffskapitäne von meiner Bekanntschaft, die das mit angesehen hatten, mich mit Fragen bestürmten, ob dieser Mann mir etwa bekannter sei, als ihnen allen, die er gleichwohl, wie mich, zu Tische geladen habe. Ich mußte das schlechterdings verneinen und war, gleich ihnen, über seinen Einfall einigermaßen verwundert.
Das hinderte jedoch nicht, daß wir nach geendigter Börsenstunde zusammengerufen wurden. Es waren unser neunSchiffskapitäne, im buntesten Gemische, wie die Männer in der Pfingstepistel – Dänen, Hamburger, Lübecker, Schweden, Schwedisch-Pommern und Danziger. Auch fanden wir, als wir im Hause unseres Gastgebers anlangten, dort bereits mehrere Kaufleute versammelt und ein schmackhaftes Mahl bereitet, wobei zugleich tapfer getrunken wurde, denn unser Wirt verstand die Kunst des Zunötigens aus dem Grunde, und so artete es nach aufgehobener Tafel bald in ein Bacchanal aus, wo weder Maß noch Anstand mehr beobachtet wurde. Bei mir, der ich genau das Maß kannte, welches ich nicht überschreiten durfte, um bei Verstand und Ehren zu bleiben, ging jedoch bald jedes gute wie jedes böse Wort des Gastgebers verloren. »Basta, und keinen Tropfen mehr!« war und blieb mein letzter Trumpf, der endlich auch gelten mußte. Weniger gut kamen die übrigen Schiffskapitäne weg, die sich dergestalt übernahmen, daß sie zuletzt samt und sonders unter den Tisch sanken. Ich meinesteils hatte mich inzwischen mit den anwesenden Kaufleuten unterhalten, bis ich, des bestialischen Anblicks müde, mich empfahl und mich an Bord meines Schiffes begab.
Gleichwohl rieb ich mir am anderen Morgen etwas verdutzt die Augen aus, als ich unseren gestrigen Wirt in Begleitung jener Kaufleute, welche Teilnehmer des Gelages gewesen waren, bei mir eintreten sah. Sie schüttelten mir treuherzig die Hand und eröffneten mir lachend, das gestrige Trinkfest sei absichtlich von ihnen angestellt worden, um sich unter uns neunen den rechten Mann auszusuchen, dem sie, als dem solidesten und besonnensten, eine Ladung von Wert anvertrauen könnten. Einstimmig wäre ihre Wahl aufmichgefallen und so frügen sie mich, ob es mir anstände, eine volle Ladung Tee nach Amsterdam zu übernehmen? –
Leicht kann man denken, daß ich nicht »nein!« sagte. Tee war damals leicht eine der reichsten Frachten, die auf Brettern schwamm, und die nur einer neutralen Flagge, wie die meinige war, anvertraut werden konnte, da nach und nach auch Holland in den amerikanischen Freiheitskrieg verwickeltworden war und die Engländer alles kaperten, was die Bestimmung nach einem holländischen Hafen hatte und nicht eines solchen Freipasses genoß. Wir wurden zu beiderseitiger Zufriedenheit um ein Frachtgeld von fünfunddreißigtausend Talern, fünf Prozent Havarie und zehn Prozent Kapplakengelder einig. Sowie mein Schiff ledig war, fing ich an, den Tee einzuladen.
WWährend dieser Zeit suchte ein holländischer Schiffskapitän namens Klock mich an meinem Borde auf, um mich zu ersuchen, daß ich ihn samt seinem Schiffsvolk, aus vierzehn Köpfen bestehend, als Passagiere mit mir nach Holland nehmen möchte. Da ich sein gutes und rechtliches Wesen erkannte, so gestand ich ihm nicht nur sein Gesuch von Herzen gern zu, sondern erbot mich auch, da er mir unterwegs von mannigfachem Nutzen sein konnte, ihm und seinen Leuten von nun an bis zu unserer Ankunft in Amsterdam die freie Kost, so gut ich sie selber hätte, zu reichen. Freilich war das Menschen- und Christenpflicht, aber auch mein Patriotismus kam hier auf eine wunderliche Weise mit ins Spiel, weil ich nicht schlechter an den armen Leuten handeln wollte, als – der Kaiser von Marokko. Das war so gewesen:
Kapitän Klock, der in Amsterdam zu Hause und dessen Schiff nach den kanarischen Inseln bestimmt war, fand es wegen der politischen Konjunkturen für ratsamer unter der preußischen als unter seiner vaterländischen Flagge zu fahren. Er ging also zuvor nach Emden, gewann dort um eine Kleinigkeit das Bürgerrecht und genoß von dem Augenblicke an die Rechte und den Schutz eines preußischen Untertans. So gesichert, stach er in See, hatte aber das Unglück, sein Schiff an der marokkanischen Küste durch einen Sturm zu verlieren. Nur kümmerlich rettete er sich samt seinen Gefährten ans Land, wo sie freilich nur Ketten und Banden zu erwarten hatten. Ein schreckliches Loch war ihr Gefängnis, wo sie bei Maiskörnern und Wasser zwischen Tod und Leben in schrecklicherAngst über ihr Schicksal hinschmachteten. Denn soviel hatte man sie verständigt: man wisse nicht, was man aus ihnen und ihrer ans Land getriebenen Flagge machen solle. Es sei daher die letztere an das dreißig Meilen entfernte Hoflager des Kaisers gesandt worden und von dorther erwarte man eine Verfügung.
Nach neun Tagen endlich erschien vor ihrem Kerkerloche ein gewaltiger Trupp bewaffneter Mauren; ihre Banden lösten sich und sie wurden jeder auf einen Esel gesetzt, um eine Reise anzutreten, deren Ziel sie nicht zu erraten vermochten, wiewohl sie ahnten, daß man sie tiefer landeinwärts zu verkaufen gedenke. Diese Furcht endigte sich aber, als sie die Hauptstadt Marokko erreichten, wo ein deutscher Jude als Dolmetscher sich zu ihnen gesellte und sie, laut erhaltenem Befehl, alsbald vor den Kaiser Muley Ismael führte. Hier wurden sie aufgefordert, sich auszuweisen, ob sie Untertanen des Königs von Preußen wären. Sie standen nicht an, dies zu bejahen und sich auf ihre Flagge zu berufen.
»Wohl!« lautete die durch den Dolmetscher erteilte Antwort des Fürsten – »von eurem Monarchen, seiner Weisheit und seinen Kriegen sind so viele Wunderdinge zu meinen Ohren gekommen, daß es mich mit Liebe und Bewunderung gegen ihn erfüllt hat. Die Welt hat keinen größeren Mann als ihn, als Freund und Bruder habe ich ihn in mein Herz geschlossen. Ich will darum auch nicht, daß ihr, die ihr ihm angehört, in meinen Staaten als Gefangene angesehen werden sollt. Vielmehr habe ich beschlossen, euch frank und frei in euer Vaterland heimzuschicken, auch meinen Kreuzern anbefohlen, wo sie preußische Schiffe in See antreffen, ihre Flagge zu respektieren und sie selbst nach Möglichkeit zu beschützen.«
Des anderen Tages wurden sie auf kaiserlichen Befehl nach maurischer Weise (wie sie auch noch in Lissabon auftraten) neu gekleidet und ihnen eine anständige Wohnung angewiesen. Den Kapitän aber ließ Muley Ismael fast täglich zu sich fordern, um Fragen an ihn zu richten, die sich aufden großen Preußenkönig bezogen; z. B. von welcher Statur er sei? wie lange er schlafe? was er esse und trinke? wieviel Soldaten – auch wieviel Frauen er halte? und dergleichen mehr. Der gute Klock gestand, er habe lügen müssen, wie er nur immer gekonnt, um der kaiserlichen Neugierde nur einigermaßen zu genügen, da ihm von all diesen Dingen herzlich wenig bewußt gewesen.
So hielt es bis in die dritte Woche an, da endlich der Kapitän, durch jene Fragen immer mehr in die Enge gebracht, um seine Entlassung anhielt, da er eilen müsse, seinem Könige Rede und Antwort zu geben, wie gnädig der Kaiser seine schiffbrüchigen Untertanen behandelt habe und was für freundschaftliche Gesinnungen er gegen ihn hege. Muley Ismael entließ sie einige Tage darauf in Frieden und sandte sie unter sicherer Begleitung auf Eseln nach dem Hafen St. Croix, wo bereits dem maurischen Befehlshaber aufgegeben war, sie auf das erste abgehende europäische Fahrzeug zu verdingen und die Fracht für sie zu bezahlen, woneben sie zugleich mit Mund-Provisionen für einen Monat versehen wurden. So gelangten sie nach Lissabon und in meine Bekanntschaft.
Wer mich kennt, ermißt leicht, wie groß das Interesse sein mußte, welches ich an einem Ereignisse nahm, worin die Ehre meines geliebten Monarchen so eng verflochten war. Darum drang ich dann auch späterhin, auf der Reise nach Amsterdam, in den Kapitän Klock, sein ganzes marokkanisches Abenteuer in einen schriftlichen Bericht zu verfassen und nach unserer Ankunft samt seinen Gefährten auf dem Stadthause über die Wahrheit dieses Berichtes eine eidliche Versicherung abzugeben. Dies geschah auch wirklich und ich schickte die darüber aufgenommene gerichtliche Verhandlung an meinen Patron, Herrn Groß in Stettin, ein, mit dem Ersuchen, solche an Se. Majestät unmittelbar gelangen zu lassen. Auch hatte dies den Erfolg, daß ich, etwa nach vier Wochen, aus des Königs Kabinette ein Danksagungsschreiben erhielt, dem ein Berliner Zeitungsblatt beilag, worin diese ganze Begebenheit dem Publikum mitgeteilt worden.
DDoch ich kehre zu meinen eignen Erlebnissen zurück und bitte den geneigten Leser, sich zu erinnern, daß ich mich mit meinem Schiffe noch in Lissabon befinde.
Hier war es einige Tage vor meiner beschlossenen Ausreise, als der holländische Konsul mich von der Börse mit nach seiner Wohnung nahm, weil er mir etwas Hochwichtiges zu eröffnen habe. Nach geendigter Mahlzeit und unter vier Augen zeigte er mir ein kleines Päckchen vor und sagte, es sei mit rohen Diamanten angefüllt, die in Amsterdam geschliffen werden sollten. Sein Wunsch sei, mir diesen Schatz auf mein ehrliches Angesicht zur Überbringung dahin anzuvertrauen. Es seien dabei, nach Usance, hundertfünfzehn holländische Gulden Fracht für mich zu verdienen; ich müsse aber das Päckchen unablässig an meinem Leibe tragen und mein Schiffsvolk davon durchaus nichts ahnen lassen, sowie mir denn noch eine Menge anderer Vorsichtsmaßregeln eingeprägt wurden.
Die Sache schien mir leicht und der angebotene Gewinn wohl mitzunehmen. Ich versprach, den Tag vor meiner Abreise jenes kostbare Päckchen in Empfang zu nehmen. Demzufolge ward es mir denn auch angesichts des Konsuls in meine Uhrtasche eingenäht und sodann ein Konnossement über richtigen Empfang vorgelegt, das ich zu unterzeichnen hatte. Dies geschah auch mit leichtem Herzen; allein in eben dem Augenblicke, da ich über die Schwelle des Hauses meinen Rückweg nahm, ging auch meine heimliche Angst und Sorge an, die diese ganze Reise hindurch nicht von mir wich. Ich wähnte, jeder, der mich ansah, wisse um mein Geheimnis und gehe mit dem Gedanken um, mich zu berauben oder gar zu ermorden. Selbst im Schlafe griff ich, sowie oft auch unwillkürlich im Wachen, nach dem Päckchen, um mich zu überzeugen, daß es noch an seiner Stelle ruhte, und wohl kann ich sagen, daß ich nie ein Geld mit größerer Unruhe meines Herzens verdient habe.
NNachdem ich nun gegen Ende Oktober in See gegangen war, gab es eine zwar langsame, doch übrigens nicht ungünstige Fahrt, die mich am 23. November auf die Höhe des Texels führte. Hier hatten zwei englische Kreuzer ihre Station, bei deren einem ich mit meinen Schiffspapieren an Bord kommen mußte. Indessen konnte deren Untersuchung nicht anders als vorteilhaft für mich ausfallen, denn das Schiff war preußisch, die Ladung für portugiesische Rechnung, beide also neutral und frei. So ward mir also auch gestattet, in den Texel hineinzusegeln; zugleich aber gab mir der Kapitän des englischen Linienschiffes den Auftrag, dem holländischen Admiral Kinsberger, der dort mit einer Kriegsflotte von elf Segeln lag, mit seinem Gruße auch seinen Wunsch zu vermelden, sich mit ihm je eher je lieber in offener See zu besprechen. In der Tat war es unbegreiflich, wie dieser sonst so wackere Seemann sich von jenen beiden Schiffen im Texel dergestalt einsperren lassen konnte!
Inzwischen war der Wind nach Osten umgesprungen, und mir blieb nichts übrig, als mit der nächsten Flut gerade gegen ihn an in jenen Hafen hineinzulavieren. Indem ich mich nun bei diesem Manöver dem ersten holländischen Kriegsschiffe näherte, kam von diesem eine Schaluppe hinter mir dreingerudert, aus der man mir gebieterisch zurief: »Braßt auf! Braßt auf!« – Mein holländischer Lotse, den ich an Bord genommen, hatte Lust, dem Befehle zu gehorchen; ich hingegen bedeutete ihm, daß wir in diesem Augenblicke dem Oststrande zu nahe wären, um dergleichen wagen zu können; wir wollten aber das Schiff wenden, wo dann die Schaluppe füglicher bei uns an Bord kommen würde.
Noch waren wir in der Wendung begriffen, als letzteres schon geschah und ein Schiffsleutnant zu uns aufs Deck stieg, der mich ziemlich barsch und patzig zur Rede stellte, warum ich auf sein Kommando nicht aufgebraßt hätte? – »Mynheer,« erwiderte ich, »wenn Ihr ein Seemann seid, so seht doch da den nahen Oststrand und fragt Euch selbst,ob ich mich mutwillig auf den Grund setzen sollte?« – Darauf war wenig mehr zu antworten; er änderte also seine Fragen nach meinem Woher und Wohin, und erhielt darauf richtigen und gebührenden Bescheid, verlangte aber demungeachtet noch nähere Auskunft, wer ich sei und wie ich heiße. – »An meinem Namen,« versetzte ich, »kann wenig gelegen sein, und aus meiner Flagge, die uns über den Köpfen weht, ist zu ersehen, daß ich ein Preuße bin.« – Ob ich englische Kreuzer in See getroffen hätte? wollte er weiter wissen. – »Da mögt Ihr,« war meine Antwort, »Euere eigenen Augen brauchen. Ich bin ein neutraler Mann und mir kommt nicht zu, Euere Feinde an Euch zu verraten.«
Nun bestand er darauf, mit mir in meine Kajüte zu gehen, um mich unter vier Augen zu sprechen. – »Das kann ich jetzt nicht,« versetzte ich kurz angebunden. »Mein Schiff ist im Lavieren. Ich muß auf Deck bleiben und es im Auge behalten. Binnen einer Stunde gehe ich zwischen Eurer Flotte vor Anker, und dann wird es noch Zeit sein, Euch in allem, was not tut, Rede zu stehen.« – »Wie, Ihr wollt nicht gleich diesen Augenblick in die Kajüte kommen?« – »Jetzt sicherlich nicht.« – Da ward das Bürschchen hitzig, griff nach der Plempe, die es an der Seite hängen hatte, zog blank und versetzte mir damit flach einen Streich über die Schulter.
Hui! das war ein Funke in eine offene Pulvertonne! Denn in dem nämlichen Augenblicke auch packte meine Faust das Sprachrohr, das neben mir stand, und legte es ihm so unsanft zwischen Kopf und Schulter, daß das untere Ende desselben über Bord flog und ich das bloße Mundstück in der Hand behielt. Zugleich griff ich in das Gefäß seines Degens, rang ihm diesen aus der Hand, packte ihn am Kragen und schob ihn über Bord die Treppe hinab, so daß er schwerlich selbst gewußt hat, wie er in seine Schaluppe gekommen sein mag. Dann langte ich ihm seine vergessene Klinge nach, seine Leute stießen ab und die ferneren Komplimente hatten ein Ende.
Unmittelbar darauf kam ich unter die Flotte und ließ den Anker fallen. Eine andere Schaluppe kam zu mir herangerudert; der darauf befindliche Offizier war ein vernünftiger Mann, seine Fragen hatten Hand und Fuß und ebenso waren auch meine Antworten ausreichend und bescheiden.
Am anderen Morgen ging ich, da mir der Wind noch immer entgegenstand, mit der Flut abermals unter Segel, um noch weiter in den Texel hineinzulavieren. Mein Lotse wollte, daß wir unsere Flagge wieder aufhissen sollten; ich jedoch war anderer Meinung. Hatten wir doch den ganzen gestrigen Tag zwischen der holländischen Flotte umhergekreuzt und geankert und unsere Flagge wehen lassen, so daß ihnen unmöglich unbekannt sein konnte, wes Geistes Kinder wir wären. Eigentlich aber wollte ich meine Flagge schonen, die bei dem Wenden hin und wieder arg zerpeitscht wurde.
Wir waren darüber noch im Ratschlagen begriffen, als ein blinder Schuß nach meiner Seite her abgefeuert wurde – die gewöhnliche Mahnung, Wimpel und Flagge zu zeigen. Da ich nun sah, daß essogemeint sei, befahl ich stracks, ihnen den Willen zu tun; allein wie sehr meine Leute sich auch damit hasteten, erfolgte doch zu gleicher Zeit ein zweiter scharfer Schuß, dessen Kugel dicht vor mir ins Wasser aufschlug. Dann aber fand sich auch, ehe ich mich dessen versah, eine Schaluppe ein, deren Offizier mir einen Dukaten für den ersten und zwei für den andern Kugelschuß abforderte und hinzusetzte, daß dies auf Befehl des Admirals Kinsberger geschehe.
Ich gestehe, daß meine Antwort etwas unmanierlich lautete, denn ich ließ ihm sagen, er möchte sein Pulver und Blei auf seine Feinde und nicht auf eine respektable neutrale Flagge, die sich ihm genugsam kundgegeben, verschießen. Ich betrachtete seine Schüsse als einen meinem Souverän erwiesenen Affront, über welchen ich gehörigen Ortes Beschwerde zu führen wissen würde. Da ich jetzt nach Holland hinein- und nicht hinausginge, so würde er mich wie ich ihn in Amsterdam zu finden wissen, ohne daß ich um Redeund Antwort verlegen wäre.Hieraber gedächte ich auch nicht einen Stüber zu bezahlen.
Der Leutnant, der meinen entschlossenen Sinn sah, verlangte, daß ich ihm diese Antwort schriftlich geben sollte. Ich ging mit ihm in die Kajüte und tat ihm seinen Willen, fügte aber zugleich auch den Gruß hinzu, den mir der Kapitän des englischen Kreuzers an den Admiral aufgetragen hatte. Während des Schreibens musterte jener einen Berg Zitronen, die in einem Winkel der Kajüte lagen, mit lüsternen Augen. Ich bat ihn, sich davon auszuwählen, so viel er irgend zu lassen wüßte – eine Höflichkeit, die er mit Dank annahm und benutzte, und wonach wir beiderseits freundlich voneinander schieden. Aber auch späterhin ist von diesem Handel auf keine Weise wieder etwas zur Sprache gekommen.
Ich selbst vergaß diesen Vorgang alsbald über der Not, die ich hatte bei dem noch immer konträren Ostwinde, in dem engen Fahrwasser mit Lavieren in kurzen Schlägen und unter Beihilfe der jedesmaligen Flut langsam genug fortzurücken, hinwiederum aber mit jeder Ebbe die Anker fallen zu lassen. Hierbei fror es zu gleicher Zeit so heftig und es kam mir so viel Treibeis auf den Hals, daß ich mich oftmals vor zwei oder auch wohl drei Anker legen mußte, um dem Andrang gehörig zu widerstehen. So währte es drei Tage hintereinander, ohne daß es sich zum Besseren anließ; und ich mochte mich allein damit trösten, daß es vor und hinter mir noch eine Menge von Schiffen gab, die ebenso angestrengt und vergeblich trachteten, trotz dem Eise noch Amsterdam zu erreichen. Selbst aber als diese nach und nach die näheren Nothäfen Medemblyck, Enkhuizen und Staveren zu gewinnen suchten, beharrte ich bei meinem Vornehmen und hoffte, daß endlich doch Wind und Wetter sich zu meinem Vorteil ändern würden.
Als ich mich nun solchergestalt, von allen anderen verlassen, abmühte, dem Schicksale mein Reiseziel gleichsam abzutrotzen, traten mein Schiffsvolk und der eingenommeneLotse zu mir, um mir vorzustellen, wie die Gefahr des Eises wegen sich stündlich mehre und wie ratsam es sein werde, nach dem Beispiel unserer bisherigen Gefährten, in einen anderen nahen Hafen einzulaufen. »Jungens,« entgegnete ich ihnen, »wo denkt ihr hin? Haben wir nicht ein starkes, dichtes Schiff? Sind unsere Anker und Taue nicht haltbar? Fehlt es uns an Essen und Trinken? Und wenn die in den anderen Schiffen furchtsame Memmen sind, die gleich beim ersten Frostschauer zu Loche kriechen, wollenwiruns ihnen darin gleichstellen? Ich meine, wir sehen es noch eine Weile mit an, und wenn es dann immer noch keinen besseren Anschein gewinnt, so bleibt ja Zeit genug, uns nach einem Nothafen umzusehen.« – Diese Vorstellungen wirkten, und sie versprachen, auch ferner ihr Bestes zu tun.
DDes nämlichen Nachmittags kam mir ein kleines Fischerfahrzeug von Enkhuizen zur Seite. Drinnen saß ein alter Mann nebst seinem Jungen und rief mir zu: »Wie steht's, Kapitän, wollt Ihr auch Hilfe haben?« – Ich gab wenig auf sein Erbieten, denn seine Flunder-Schuite sah mir nicht danach aus, als ob sie mir sonderliches Heil bringen könnte oder das Eis über Seite schieben würde, wovon die Zuydersee vor uns vollstand. »Fahrt mit Gott!« rief ich ihm zu. »Mit Euerer Hilfe wird mir wenig gedient sein!«
Doch zu gleicher Zeit zog mich der Lotse beiseite und gab mir zu bedenken, daß es gleichwohl nicht übel getan sein würde, für den Fall, daß wir uns dennoch zu irgendeinem Nothafen bequemen müßten, einen Mann an Bord zu haben, der dieser Gewässer unbezweifelt noch besser als er selbst kundig wäre, und an welchem er dann eine um so gewissere Unterstützung finden würde. – »Immerhin!« versetzte ich, »wenn wir von dem alten Manne, der mir gar nicht danach aussieht, nur reellen Beistand zu erwarten haben.« – Dieser, der schon von uns abgestoßen hatte, ward also zurückgerufen, kam an Bord und wurde befragt, ob ihm dienächstgelegene nordholländische Küste hinreichend bekannt sei, um uns im Notfall als Lotse zu dienen?
Fast schien der alte Bursche mir meine Frage übel zu deuten. Er nahm eine pathetische Stellung an und beteuerte: von Jugend auf sei er hier in allen Winkeln herumgekrochen, kenne jeden Grund und jeden Stein und wolle hier wohl die ganze holländische Flotte bei stockdunkler Nacht sicher vor Anker bringen. – »Gut!« erwiderte ich. »So mögt Ihr an Bord bei mir bleiben! Allein auf welchen Vergleich soll ich mich mit Euch einigen? Dringen wir durch nach Amsterdam, wie ich's hoffe, so könnt Ihr mir keine Dienste tun; muß ich mich aber nach einer andern Zuflucht umsehen, so weiß ich wieder nicht, wie lange das währen kann und wie ich Eure Hilfe anschlagen soll? Darum schlage ich Euch vor, daß wir nach beendigter Fahrt vier Schiedsmänner, jeder zur Hälfte, erwählen und daß wir uns dem fügen, was diese als recht und billig beschließen werden. Seid Ihr das zufrieden?«
»Ja,« war seine Antwort, »aber gebt mir das schriftlich, Kapitän!« – Dies geschah auch sofort, worauf er das Papier dem Jungen einhändigte, um mit demselben und der Schuite wieder ans Land zu steuern. Er selbst aber war von dem Augenblicke an bei uns wie zu Hause, hatte tausend unnütze Dinge zu fragen und zu erzählen, so daß er meine Leute überall hinderte und mir selbst überaus lästig fiel. »Satt und genug, Alter!« fiel ich ihm endlich in die Rede. – »Euer Geplauder bringt mir mein Volk aus dem Texte. Da geht hinein in die Kombüse und raucht Euer Pfeifchen in Frieden, bis ich Euch rufen lassen werde.« – Murrend tat er meines Gebotes, hüllte sich in eine Schmauchwolke und legte sich endlich aufs Ohr, ohne zu wissen oder zu fragen, was weiter um ihn her vorging.
Inzwischen trieb während der Nacht und Ebbezeit, wo wir vor Anker lagen, so ungeheuer viel Eis auf uns zu, daß wir das Schiff kaum vor drei Kabeltauen halten konnten, indem die Schollen sich immer höher emportürmtenund auf den Bug eindrangen, daß das Schiff vorn auf eine bedenkliche Weise niedertauchte und jeden Augenblick zu erwarten stand, es werde von den Eismassen überwältigt werden und untergehen. Doch gab Gott Gnade, daß wir uns in dieser gefährlichen Lage erhielten, bis endlich die Flut eintrat und das Schiff sich wieder erholte, während auch das Tageslicht eintrat und die Gegenstände sicherer erkennen ließ.
Nach einer solchen Erfahrung wäre es vermessen gewesen, wenn ich auf meinem Vorsatze noch hätte bestehen wollen. Vielmehr wurden wir schlüssig, in den nächsten besten Hafen einzulaufen, und so war es jetzt an der Zeit, unseren alten Lotsen hervorzurufen, der sich die Augen wischte und die Gefahr, die uns drohte, glücklich verschlafen hatte. Ich befragte ihn, welcher Hafen nach seiner Meinung am bequemsten zu erreichen sein möchte? Er entschied sich für Enkhuizen und stellte sich ans Steuer, hielt aber einen so verkehrten Kurs, daß mir und dem Lotsen aus dem Texel die Haare zu Berge standen und wir dachten, der alte Kerl werde das Schiff binnen weniger als fünf Minuten auf die Sandbänke setzen und uns alle ins Unglück bringen, um vielleicht seinen Landsleuten an dem gestrandeten Wrack eine erwünschte Prise zuzuführen.
Ihm sein Konzept zu verrücken, erklärte ich also, die Gewässer von Medemblyck wären mir einigermaßen bekannt und ich zöge es vor, meinen Weg dorthin zu nehmen und das Nötige selbst anzuordnen. Dem ersten Lotsen gebot ich, das Bleilot zur Hand zu nehmen, dem Alten aber, der immer noch des Plauderns kein Ende fand, sich flugs vom Verdecke nach der Kombüse zu scheren. Andere Segel wurden aufgesetzt, das Schiff umgelegt, und so gelang es uns, nachmittags glücklich vor Medemblyck anzulangen.
Kaum hatte ich hier einen Fuß ans Land gesetzt, so bat ich die umstehenden Leute, mir den angesehensten und wohlberufensten Kaufmann im Orte nachzuweisen. Sie nannten mir einen Herrn Schweiger, der allgemein für einen Ehrenmanngelte und ehedem auch ein Schiff geführt habe. Ich ließ mich auf der Stelle zu ihm führen, gewann auch flugs das Vertrauen, daß er der Mann sein werde, wie ich ihn suchte, und trug ihm mit Darlegung meiner Umstände den Wunsch vor, meine beiden Lotsen namens meiner nach Recht und Gebühr zu befriedigen. Denn obwohl der Enkhuizer meines Bedünkens nicht den mindesten Anspruch für seine unverständige und verkehrte Dienstleistung zu machen hatte, so hatte ich ihm dennoch aus Mitleid mit seinen grauen Haaren ein Geschenk von zehn bis fünfzehn Gulden zugedacht.
Beide wurden sofort gerufen und es bedurfte nur, daß der Lotse vom Texel seine Ordonnanz vorwies, um danach seine Forderung nach Fug und Billigkeit auszumitteln. Er strich sein Geld ein, und als er dann auf eine bescheidene Weise bemerkte, daß er während mehrerer Tage so viel Not und Mühe an meinen Bord ausgestanden, um sich vielleicht Rechnung auf eine außerordentliche Vergütung machen zu können, unterbrach ich ihn durch die Erklärung: »Das ist allerdings wahr, Herr Schweiger. Geben Sie dem Manne noch zwei Dukaten als williges Anerkenntnis seiner Treue und angestrengten Fleißes.« – Der Lotse bedankte sich, und das war abgetan.
Nun aber kam auch die Reihe an den alten Fischer von Enkhuizen. »Sagt an, Vater, was habt Ihr verdient?« fragte mein Bevollmächtigter. Der Kerl setzte sich nunmehr in Positur und ließ sich vernehmen: »Mynheer, ich habe ein Schiff gerettet, das, wie ich weiß, eine Million wert ist und dessen Kapitän eine Fracht von hunderttausend Gulden macht. Derowegen verlange ich nicht mehr und nicht weniger, alsfünfzehnhundertGulden an Lotsengebühr, und ich hoffe,diesollen mir werden.«
Ich lachte dem alten Knaben ins Angesicht und fragte, ob er sich vielleicht nur versprochen und fünf oder fünfzehn Gulden gemeint habe? – Er aber verneinte ernsthaft und meinte, daß er wohl ein Narr sein müßte, sich damit abspeisen zu lassen. – »Nun,« fiel ich ihm ein, »an EurerNarrheit hat es wohl keinen Zweifel, denndiehabt Ihr bei mir an Bord durch all Eure Handlungen klar genug erwiesen. Laut unserem schriftlichen Akkorde mag der Ausspruch auf vier Schiedsmännern beruhen, oder Ihr mögt mich, wenn es Euch beliebt, verklagen.« – Polternd und scheltend verließ er auf diese Erklärung das Zimmer.
Um jedoch meine gute Sache zu wahren, säumte ich nicht, des nächsten Tages mich und meine Schiffsmannschaft über die letzten Ereignisse unserer Reise nach allen Einzelheiten gerichtlich und eidlich vernehmen zu lassen, und insonderheit, wie ungeschickt und widersinnig sich der vorgebliche Lotse angestellt und zu allem untauglich erwiesen. Dies getan, brannte mir der Boden unter den Füßen, den Weg nach Amsterdam zu Lande vollends zurückzulegen, daß ich mein Diamantenpäckchen los würde. Sobald ich es dort in die rechten Hände abgeliefert hatte, war ich wie ein neugeborener Mensch, und da ich zugleich alle Konnossements von meiner Ladung mit mir genommen, ließ ich es meinen nächsten Gang sein, den Kaufmann Floris de Kinder aufzusuchen, dem ich mich aus einer früheren Lebensperiode dankbar verpflichtet hielt und mir daher auch jetzt zum Kommissionär ersehen hatte. Ihm übergab ich meine Papiere, um sie den Empfängern meiner Ladung vorzulegen, bei denen des anderen Tages auf der Börse über meine glückliche Ankunft in Medemblyck große Freude war.
Nach Verlauf einiger Tage, die ich in Amsterdam zubrachte, meldete mir Herr Schweiger, daß der Alte aus Enkhuizen wirklich geklagt habe und daß ein Termin zur Vernehmung angesetzt sei, wo meine Gegenwart erforderlich werden möchte. Ich hatte diese wunderliche Geschichte schon meinem Korrespondenten zum besten gegeben, der sie, gleich mir, als eine Kinderei betrachtete. Indes ging ich doch nach Medemblyck ab und fand dort eine Gerichts-Versammlung, aus fünf Personen bestehend, wobei auch mein Widersacher nicht fehlte und seine Klage anhängig machte. Meinerseits übergab ich die schon aufgenommene und eidlich bekräftigteVerhandlung über den wahren Hergang der Sache, mit der Erklärung, daß, wie wenig mir dieser Mensch auch irgend einige Dienste geleistet, ich dennoch einer billigen Festsetzung seines Lohnes nicht entgegen sein wolle. Man fragte mich, wie viel ich dem Manne gutwillig zu verabreichen gedächte? – und ich wiederholte, daß ich, bloß in Erwägung seines hohen Alters, zehn Gulden um nichts und wieder nichts an ihn verlieren wolle. – Der alte durchtriebene Fuchs hingegen beharrte ursinnig auf seiner ersten ausschweifenden Forderung.
Nach langem Hin- und Widerreden mußten wir abtreten und der richterlichen Versammlung Zeit und Ruhe zum Deliberieren lassen. Das dauerte länger als eine Stunde, wo endlich Kläger und Beklagter wieder vorgefordert wurden, um das in hoher Weisheit ausgeheckte Urteil zu vernehmen. Es lautete dahin, daß letzterer schuldig sein solle, dem angenommenen Lotsen von Enkhuizen, sowohl für seinen dem Schiffe geleisteten Beistand, als wegen unverzagter Daranwagung seines Leibes und Lebens die volle Summe von eintausendfünfhundert Gulden bar auszuzahlen, überdem aber so lange, bis diese Zahlung wirklich geleistet worden, für jeden Tag eine Buße von zwei Gulden zu entrichten. Alles von Rechtes wegen.
Ich berief mich auf meinen, mit dem alten Schelme ausdrücklich getroffenen Vergleich und wollte die Sache an vier gewählte Schiedsrichter gebracht wissen. Allein man bedeutete mir, mein Gegenpart habe jenen Akkord nicht mit unterzeichnet, daher demselben auch alle gesetzliche Gültigkeit ermangle. Wolle ich jedoch mich in die Sentenz des Gerichts nicht fügen, so bleibe mir allerdings unbenommen, an den Hof von Holland zu appellieren.
In der Tat aber kannte ich dieses Gericht, das sich so unvermutet zum Herrn meines Beutels aufwarf, gar noch nicht einmal, und es schien mir doch der Mühe wert, deshalb ein wenig genauer nachzufragen. So erfuhr ich denn, daß die vier Bürgermeister von Hoorn, von Enkhuizen, vonMedemblyck, von Edam, und noch ein Prokurator sich die Mühe genommen, diesen hochwichtigen Fall in ihrer Weisheit zu entscheiden. Je weniger mir aber von dieser Weisheit einleuchten wollte, desto minder konnte ich mich auch enthalten, ihnen zu erwidern: »Ihr Herren insgesamt versteht vom Seewesen keinen Pfifferling und hättet also immer zu Hause bleiben mögen. In Enkhuizen liegt aber, wie ich höre, ein holländisches Kriegsschiff, warum habt ihr dessen Kapitän zu eueren Ratschlagungen nicht mit zugezogen? In euerer Entscheidung vermisse ich alle Billigkeit und Gerechtigkeit, und darum werde ich an erleuchtetere Richter appellieren!« – Das gesagt, kehrte ich ihnen den Rücken und schied von dannen.
Allernächst aber schrieb ich an Herrn Floris de Kinder nach Amsterdam, machte ihn mit der sauberen Sentenz bekannt und trug ihm auf, die Sache mit den Empfängern der Ladung, welche nach Usance vornehmlich den Beutel würden haben ziehen müssen, in genauere Überlegung zu nehmen und mir wegen der Appellation nähere Instruktion zuzufertigen. Mochte es nun aber sein, daß diese an ihrem Tee einen so erklecklichen Gewinn hatten, um eintausendfünfhundert Gulden mit leichtem Sinn ans Bein zu binden, oder daß sie Gang und Weise der holländischen Rechtspflege besser kannten; – genug, sie erteilten mir den Bescheid, ich sollte nur in Gottes Namen die geforderte Summe zahlen, indem sie sich ihresteils die Sentenz gefallen ließen. So war denn also das Lied am Ende.
Nach geleisteter Zahlung drückte mir's gleichwohl auf dem Herzen, mich bei den gestrengen Herren zu befragen, auf welch Gesetz, rechtlichen Grund oder Herkommen ihre gefällige Entscheidung sich denn eigentlich stütze? – Mir ward die Antwort: Es habe also und nicht anders gesprochen werden müssen, damit, wenn hinfüro Schiffe in Not kämen, bei anderen Leuten Mut und Wille erweckt werde, den Unglücklichen mit Hilfe beizuspringen. – »Hol' euch der Teufel mit eurer Hilfe!« dachte ich, und schüttelte den Staub von meinenFüßen. – Indes schlug das Frostwetter im Dezember wieder um, so daß ich am 29. von Medemblyck abgehen konnte, den 2. Januar 1781 vor Amsterdam anlangte und den Anfang machte, meine Ladung zu löschen.
GGegen den 24. Januar, den Geburtstag unseres großen Monarchen, trieb es mich, diesen Tag von allen preußischen, im Hafen ankernden Schiffen durch Aufziehung aller Flaggen und Wimpel und Abfeuerung der Geschütze feierlich begangen zu sehen. Mein Vorschlag fand bei allen wackeren Landsleuten freudigen Eingang. Aber einen Strauß gab es mit dem holländischen Kurantschreiber auszufechten, der die Ankündigung dieser Feier in seinem Zeitungsblatt, entweder aus echt holländischem Phlegma oder aus unvernünftiger Abneigung gegen den König, auf eine so beleidigende Weise verweigerte, daß ich mit dem Grobian schier handgemein geworden wäre, endlich aber mit Hilfe des preußischen Konsuls ihn zur Räson bringen und für seine Lästerungen zur Strafe ziehen ließ.
Diese widrige Stimmung, die sich damals in Holland so allgemein äußerte, empörte mein treues Preußenherz um so mehr, als die preußische neutrale Flagge in dem Kriege mit England der Nation die entschiedensten Vorteile für ihren Handel darbot, und selbst die holländischen Schiffs-Kapitäne, welche sich dieser Flagge bedienten, durch nichts zu bewegen waren, unserem Beispiele zu folgen und ihren Beschützer nach Würden zu ehren. Solch ein Urian lag mir unmittelbar zur Seite vor Anker, und daß er sich preußische Zertifikate zu verschaffen gewußt hatte, lag klar am Tage, da er zuzeiten unseren schwarzen Adler von seinem Hinterteile hatte wehen lassen.
Am Morgen des königlichen Geburtstages war bei diesem meinem Nachbar alles in tiefster Ruhe und weder Flagge noch Wimpel bei ihm zu verspüren. Erst spät hatte er sich den Schlaf aus den Augen gerieben, aber sobald er sich aufdem Verdeck zeigte, warf ich ihm die Frage in den Bart, ob er gleich mir und so vielen anderen rings um uns her, den König von Preußen nicht auf herkömmliche Weise wolle hochleben lassen? – »Das werd' ich wohl bleiben lassen!« gab er zur Antwort, »was geht mich euer König an?« – Meine Erwiderung fiel, wie sich leicht denken läßt, deutsch und derb aus, allein ohne etwas darauf zu geben, wandte er mir den Rücken und ließ sich ans Land setzen.
»Topp!« gelobte ich mir selbst, »was der Schuft zu tun nicht Lust hat, soll dennoch von mir und in seinem Namen geschehen!« – Ich besaß zwei Gestelle Flaggen und Wimpel, wovon das seidene bereits seit Sonnenaufgang in meinem Tauwerke prangte und flatterte; das andere baumwollene nahm ich jetzt zur Hand, stieg mit ein paar Leuten an Bord des Holländers um es an seinen Masten aufzuziehen, ohne daß das Schiffsvolk, das sich an einfältigem Maulaufsperren begnügte, meiner Keckheit Einhalt zu tun versuchte. Und so wehten meine Flaggen den ganzen Tag, ohne daß jemand sich unterstanden hätte, sie herabzureißen, oder daß der Kapitän sich hätte sehen lassen.
Indes war nicht nur meine eingebrachte Ladung in der Mitte Februars gelöscht, sondern vier Wochen später hatte ich auch bereits wieder eine neue Fracht nach Lissabon eingenommen, die in hundert Last Weizen, zweihundert Tonnen schwedischen Tees und einigen tausend Edamer Käsen, von fünf bis sechs Pfund an Gewicht, bestand. Gleich darauf machte ich Anstalten, in See zu gehen, und war eben im Begriff, meine Anker emporzuwinden, als ich mich gegen den Steuermann äußerte: »Nun, Gott sei gedankt, daß wir hier los sind, denn nie habe ich nach schon vollendeter Reise so viel Verdruß und Unannehmlichkeit erfahren, als diesmal unter den Holländern!« – Aber wie wenig ahnte ich, daß mir schon in der nächsten halben Stunde eine weit größere Widerwärtigkeit begegnen sollte, als alle früheren.
Indem ich nämlich eben meine Segel aufgezogen, die Anker aber nur soweit emporgewunden hatte, daß sie nochvor dem Bug unter Wasser hingen, das Schiff aber in die fließende Fahrt gelangte, kam eine ledige T'Gelke [flaches Fahrzeug, auf der Zuider-See gebräuchlich] gegen meine Seite in einer Richtung angesegelt, daß wir unausbleiblich zusammenstoßen mußten, wofern sie nicht noch beizeiten absteuerte. Ich machte meine Leute aufmerksam, ergriff aber zugleich auch das Sprachrohr, lief damit nach vorn und rief dem Fahrzeuge zu: »Haltet ab! Holt euer Ruder nach Steuerbord!« – Auf dies Rufen sahen sich endlich die beiden Menschen auf der T'Gelke, die mir bisher den Rücken gekehrt, nach meinem Schiffe um, erkannten die Gefahr, worin sie schwebten, holten aber in der Bestürzung das Ruder auf die Backbordseite, wodurch sie, anstatt mir auszuweichen, gerade auf meinen Bug gerieten.
Jetzt ward das Unglück mit jedem Augenblick größer. Mein Bugspriet verwickelte sich in das Segel und die Takelage der T'Gelke; meine Anker, die noch unter Wasser waren, mochten wohl unter ihre Kimmung geraten, und da mein Schiff sich bereits in ziemlichem Schusse befand, so drückte es jenes kleinere Fahrzeug auf die Seite, übersegelte es endlich und fuhr rumpelnd darüber hin, als ob es über eine Klippe hinweggestreift wäre. Eine halbe Minute später kam die T'Gelke hinten in meinem Kielwasser wieder zum Vorschein, aber gekantert und das Unterste zu oberst schwimmend.
Ich war von Herzen erschrocken, und das um so mehr, da ich fürchten mußte, daß mein Schiff an seinem Boden beträchtlichen Schaden gelitten haben möchte. Sofort ließ ich zu den Pumpen greifen, doch alles war und blieb dicht und gut, nur an meinem Bugspriet und dessen Takelage war eine so arge Verwüstung angerichtet, daß ich auf der Stelle wieder den Anker fallen lassen mußte, um zur Ausbesserung zu schreiten. Inzwischen waren auch von allen herumliegenden Schiffen Boote und Fahrzeuge abgestoßen, um die beiden Menschen zu bergen und nach der verunglückten T'Gelke zu sehen. Ich aber konnte mich, mit meinem eigenen Schadenbeschäftigt, danach nicht aufhalten, sondern eilte, wieder unter Segel zu kommen.
Als ich nun einige Tage nachher im Texel anlangte, fand ich einen Brief von meinem Korrespondenten, Herrn Floris de Kinder, vor, worin mir berichtet wurde, daß der verunglückte T'Gelken-Schiffer gegen mich klagbar geworden und Schadenersatz von mir verlange. Er riet mir also, vor dem Gerichte im Texel zu erscheinen und samt meiner Mannschaft eine eidliche Erklärung über den ganzen Hergang abzulegen, diese aber an ihn einzusenden, damit jenen Ansprüchen gehörig begegnet würde. Dies geschah, und aus der gerichtlichen Vernehmung ging genüglich hervor, daß jener Schiffer nicht nur sein Unglück sich selbst zugezogen, sondern auch mir selbst Not und Schaden verursacht habe. Der endliche Erfolg war, daß jener seine Ansprüche weiter nicht verfolgte, daß ich aber auch meine eigene erlittene Einbuße verschmerzen mußte.
IIch ging inzwischen aus dem Texel in See und hatte in den ersten drei Wochen mit widrigen und stürmischen Winden zu schaffen, die mich in der Nordsee umherwarfen. Als ich jedoch Dover passiert hatte, wurden sie mir günstiger, obwohl sie bald in den stärksten anhaltenden Sturm ausarteten. Mein Schiff lief vor demselben in fliegender Fahrt mit so unglaublicher Schnelle einher, daß ich – was vielleicht zuvor nie erhört worden – den Weg von Dover nach Lissabon binnen vier Tagen zurücklegte und also in jeder Stunde im Durchschnitt vierthalb Meilen zurücklegte. Ein portugiesischer Kapitän, den ich als Passagier an Bord hatte und der wegen Unpäßlichkeit während dieser ganzen Zeit nicht aus der Kajüte hervorgekommen war, wollte seinen Augen nicht trauen, als er das Verdeck bestieg und die Ufer seines vaterländischen Tajo blühend vor sich liegen sah. Nur in unserer Eigenschaft als Ketzer und unserer daraus hergeleiteten näheren Verbindung mit dem Fürsten der Finsternis,vermochte er sich eine Fahrt zu erklären, die nicht durch die Wellen, sondern durch die Luft bewerkstelligt sein müsse.
Das mochte einem Manne verziehen werden, dem früh eingesogene religiöse Vorurteile den Sinn befingen; allein was sollte ich sagen, als ich des anderen Tages an der Tafel meines Korrespondenten, Herrn John Bulkeley, mit mehreren englischen und amerikanischen Schiffs-Kapitänen zusammentraf, denen ich von dieser Schnelligkeit meiner letzten Reise erzählte und dabei deutlich an ihren verzogenen Gesichtern und blinzelnden Blicken bemerkte, wie wenig sie zumal in Erwägung der schweren Befrachtung meines Schiffes, Glauben in meine Versicherung setzten? Im stillen Ärger konnte ich kaum den nächsten Tag erwarten, wo wir wiederum beisammen waren, um diesen schnöden Zweiflern mein mitgebrachtes Schiffsjournal vorzulegen.
Bald darauf kam ich ans Ausladen, und nachdem ich des Tees ledig geworden, traf nunmehr die Reihe meinen bedeutenden Käsevorrat. Hierbei aber mischte sich die Hafenpolizei von Lissabon auf eine mir unbegreifliche Weise ein, indem sich zwei portugiesische Barken, deren eine mit Militär besetzt war, mir zu beiden Seiten legten. Der Käse ward, Stück für Stück, von den bestellten Aufsehern befühlt und berochen, ob sich nicht irgendwo eine faule oder verdächtige Stelle zeigte. Jedes derartige Stück warf man sofort in die bewaffnete Barke, und als ich erstaunt nach der Ursache eines so wunderlichen Verfahrens forschte, ward mir der Bescheid: Kein Käse, der auch nur einen gedrückten Fleck an sich habe, werde, als der Gesundheit nachteilig, zugelassen, sondern sofort ins Wasser geworfen. Vergebens erwiderte ich, daß in aller übrigen Welt gerade der angefaulte Käse seine besonderen und häufigen Liebhaber finde; man meinte aber, dazu gehöre auch ein ketzerischer Magen, in Portugal hingegen müsse aus solchem Genusse alsobald die Pest entstehen.
Allmählich hatte sich die als verdächtig ausgemerzte Ware in der Kriegsbarke zu einem ansehnlichen Haufen angesammelt.Diese machte sich demnach von meinem Borde los, entfernte sich einige hundert Klafter abwärts und begann nun, den konfiszierten Käse ins Wasser zu werfen. Überall trieben die Stücke umher, aber ebenso bald auch machten alle Schaluppen und Fahrzeuge in der Nähe Jagd auf eine so willkommene Beute. Die Soldaten in der Barke suchten zwar diese Kapereien zu verhindern, schrieen, schimpften, und machten sogar Miene, Feuer zu geben; doch demungeachtet ward ein großer Teil von diesem Pestkäse glücklich wieder aufgefischt und hoffentlich auch ohne weiteren Nachteil für Leben und Gesundheit verzehrt.
Aber auch mein Weizen machte den Polizei-Offizianten Besorgnis. Denn ihrer sieben fanden sich ein, um seine Beschaffenheit zu untersuchen. Unglücklicherweise fanden sich nun einige zwanzig Weizensäcke, die zu äußerst an den Seiten gelegen hatten und von dem feuchten Dunst im Raume auswendig beschimmelt waren. Sofort war auch ihnen das Todesurteil gesprochen. Sie wurden aufgeschnitten und der Inhalt kurzweg über Bord geschüttet. Ich bewies durch den Augenschein, daß der Weizen in diesen Säcken nicht den mindesten Schaden gelitten, ich klopfte ihnen sogar auf ihre Schubsäcke, die sie mit diesem nämlichen, für verpestet ausgeschrienen Korne dick auszustopfen nicht verabsäumt hatten. Sie schüttelten bloß die Köpfe und entgegneten, die eingesackten Pröbchen seien nur zum Futter für ihre Hühner bestimmt, die sich ja als ein unvernünftiges Vieh den Tod nicht daran fressen würden.
Überhaupt sollte mein diesmaliger Aufenthalt in Lissabon nicht so geeignet als jener frühere sein, mir eine vorteilhafte Meinung von den Portugiesen beizubringen. Als ich eines Tages mit meinem Sohne, der mich auf dieser Fahrt begleitete, durch eine abgelegene Gasse ging, erblickten wir unter einem Bogengewölbe ein Muttergottesbild, vor welchem mehrere Lichter brannten. Vor dergleichen pflegt kein guter Katholik vorüberzugehen, ohne seine Kniee zu beugen und seinen Rosenkranz abzubeten. Zu beidem spürten wir keineLust in uns. Ich blickte daher sorgsam vor und hinter mich, und da ich nirgends eine menschliche Seele gewahrte, rief ich meinem kleinen Begleiter zu, tapfer mit mir fortzuschreiten, bevor uns jemand hier erblickte und uns vielleicht ein böses Spiel bereitete.
Doch in dem nämlichen Augenblicke führte unser Unstern einen liederlichen Gassenbuben herbei, der unsern Mangel an Andacht wahrgenommen haben mochte, und sofort mit Hallo und Geschrei hinter uns drein lief, Steine aus dem Pflaster aufriß und uns mit Würfen verfolgte. Gleich in der nächsten Minute hatte sich ein ganzer Menschenschwarm gesammelt, der auf uns einstürmte, uns mit Unflat bewarf und aus vollem Halse den Ausruf »Ketzer! Ketzer!« hinter uns her ertönen ließ. Glücklicherweise konnten wir um eine Straßenecke und dann wieder um eine Ecke einbiegen, wodurch wir dem rasenden Pöbel aus dem Gesichte kamen. Zu noch besserer Sicherheit traten wir in einen, uns eben aufstoßenden Gewürzladen, wo ich eine Kleinigkeit kaufte und den aufgeregten Sturm vollends vorüberziehen ließ.
Alles dies vermehrte meinen Wunsch, diesen Hafen je eher je lieber wieder zu verlassen. Auch fand ich binnen kurzem eine anderweitige Ladung, aus Zucker, Kaffee, Wein bestehend, die nach Hamburg bestimmt war und mit deren Einnehmung ich mich sofort aufs fleißigste beschäftigte. Hier aber traf mich alsbald ein Verdruß anderer Art, der mich um all meine gute Laune zu bringen drohte. Es gab nämlich eine Menge von dänischen, schwedischen und holländischen Schiffen auf dem Platze, welche mich um diese vorteilhafte Fracht beneideten und sie womöglich gerne rückgängig gemacht hätten. Da sie nun allesamt mit den Barbaresken in Frieden lebten, ich aber als Preuße keine Türkenpässe aufzuweisen hatte, so sprengten sie an der Börse die lügenhafte Zeitung aus, daß zwei Algierer vor der Mündung des Tajo kreuzten und auf gute Beute lauerten.
In der Tat erreichten sie insofern ihren Zweck, daß meinen Auftraggebern unheimlich bei der Sache wurde, dasie bei mir auf keine freie Flagge zu rechnen hatten, und einer von ihnen, der mir bereits zwei Kisten mit spanischen Talern, als Frachtgut, in meine Kajüte gegeben hatte, ließ sie zurückfordern, und zog es vor, sich mit mir auf Erlegung der halben bedungenen Fracht zu einigen. Dagegen wußte ich die übrige, schon eingenommene Ladung standhaft zu behaupten, stach mit Ausgang des Juli in See, ohne einen Korsaren zu erblicken, und erreichte, sonder alles weitere Abenteuer, die Elbe glücklich und wohlbehalten.
IIndes schien es mir gleichwohl vom Schicksal bestimmt, daß ich immer aufs neue mit Lissabon zu schaffen haben sollte; denn gleich meine nächste Fahrt, mit allerlei Stückgütern von Hamburg, war wieder auf diesen Platz gerichtet. Ich ging dahin im September ab, konnte aber erst Mitte November im Tajo Anker werfen. Desto hurtiger ging es aber mit meiner nächsten wiederum nach Hamburg bestimmten Rückreise, wo ich bereits nach Verlauf von vier Wochen anlangte, aber nun auch, des inzwischen eingetretenen starken Frostes wegen, mich entschließen mußte, zu überwintern.
Im nächsten Frühling 1782 neigte sich der amerikanische Krieg immer mehr zum Ende. – Ein Ereignis, welches sofort auch einen sehr bemerkbaren ungünstigen Einfluß auf den bisher so lebhaft betriebenen Handel der Neutralen äußerte, und wovon ich selbst unmittelbar die Folgen spürte, indem ich beinahe den ganzen Sommer auf der Elbe liegen blieb, ohne irgendeine mir konvenable Fracht zu finden. Diesen mir aufgedrungenen Müßiggang benutzte ich dazu, meine Papiere in Ordnung zu bringen und mich mit meinem Patron, Herrn Groß in Stettin, über sämtliche Reisen, die ich bisher für ihn getan hatte, zu berechnen. Sobald dies Stück Arbeit fertig war, schickte ich es, mit sämtlichen Belegen über Einnahme und Ausgabe, an ihn ein, und machte ihm bemerklich, wie ich mit seinem Schiffe, nach Abzug allerAusrüstungs- und Unterhaltungskosten, aller Volkslöhnungen, angeschafften und verbrauchten Provisionen, Assekuranz-Prämien und außerordentlichen Kosten reine fünfunddreißigtausend Taler für ihn verdient habe. Was jedoch den letzteren Artikel der »extraordinären Ausgaben« betreffe, so beruhigte ich mich mit seiner eigenen langen Erfahrung im Schiffswesen, daß er den Unterschied der Zeiten nicht übersehen werde.
Diesen Rechnungen schloß ich zugleich eine Übersicht meiner eigenen Forderungen an ihn bei, die sich auf tausendsiebenhundertundeinundsiebzig Taler und einige Groschen beliefen, mit der Bitte, mir darüber einen Revers zukommen zu lassen, den ich, um Lebens und Sterbens willen, bei Johann Daniel Klefecker in Hamburg niederzulegen gedächte. Meine Papiere aber wünschte ich, nachdem sie von ihm durchgesehen und gutgeheißen worden, von seiner Güte zurückzuempfangen.
Herr Groß schien jedoch bei diesem allem keineswegs die Eile zu haben, welche meine Ungeduld bei ihm voraussetzte. Seine Antwort blieb mir bald gar zu lange aus. Alles was mir früher von seiner unverträglichen Gemütsart gesagt worden, stieg mir wieder zu Kopf, und da ich noch verschiedene Posttage wieder vergeblich geharrt hatte, konnte ich mich länger nicht enthalten, ihm schriftlich mein Befremden zu äußern, daß er mich in dieser peinigenden Ungewißheit lasse. Erregten ihm meine Rechnungen Mißtrauen, und zweifle er an meiner Redlichkeit, so möge er hier in Hamburg einen anderen Schiffer bestellen, damit ich mich in Stettin persönlich ausweisen und meine Ehre sicherstellen könne.
Kaum war dies Dokument meines Unmuts auf den Weg gegeben, als mit nächster Post ein Schreiben von Herrn Groß einlief, das mich in der innersten Seele beschämte. Er äußerte sich darin: »Mein lieber Sohn, ich bin mit Ihnen, wie mit Ihren Rechnungen und Handlungen, herzlich zufrieden. Für Ihre treuen und ehrlichen Dienste übersende ich Ihnen hierneben als Geschenk einen Wechsel von tausend Mark Hamburger Banko, den Sie sogleich ziehen mögen, damit Sie Geld für sich in Händen haben. Demnächst erhalten Sieden verlangten Revers über tausendachthundertundeinundsechzig Taler, die Sie bei mir zugute haben.«
Hier gab es jedoch eine Differenz von neunzig Talern in dem letzteren Posten, die, so sehr auch alles übrige mich freute, nur in einem Rechnungsfehler meines Patrons ihren Grund haben konnte und also ehebaldigst ausgeglichen werden mußte. Indem ich mein Buch zu Hilfe nahm, konnte ich ihm sogar auch die Gelegenheit nachweisen, wo ich diesen sich doppelt angerechneten Vorschuß von neunzig Talern in Stettin verausgabt hatte. Ich machte ihn also schriftlich hierauf aufmerksam, und bat, mir einen anderen, um soviel niedriger gestellten Revers zu behändigen. Er aber antwortete mir: »Allerdings habe ich mich in meiner Rechnung versehen, allein nicht in Ihrer Rechtschaffenheit; und so soll es mit meinem zuerst ausgestellten Revers sein Bewenden behalten.«
IInzwischen hatte ich diesem Ehrenmanne, als bereits der Juli herangelaufen war, gemeldet, daß mir's unerträglich fiele, mit seinem Schiffe hier noch länger untätig auf der Bärenhaut zu liegen und es im Hafen verfaulen zu sehen. Er möchte mir demnach gestatten, Ballast einzunehmen und nach Memel zu gehen, wo ich eine Ladung fichtener Balken für eigene Rechnung einzunehmen und diese in Lissabon abzusetzen gedächte, die dort, meiner Erfahrung nach, mit Vorteil abzusetzen sein würde. Als Rückfracht ließe sich, im schlimmsten Falle, wiederum eine Ladung Seesalz einnehmen und nach Riga verführen.
Herr Groß stand nicht an, diese Vorschläge zu genehmigen. Ich nahm, da ich meine Leute schon im Winter entlassen, neues Hamburger Schiffsvolk an und trat, Mitte August, die Reise nach Memel an. Als wir zur Elbe hinaus und gegen Helgoland kamen, ging der Wind in Westnordwest, und es war regnerisches und stürmisches Wetter. Mein Steuermann hatte, wie ich mit Leidwesen bemerkte, etwaszu tief in die Flasche gesehen. Ich wollte dem Ding abhelfen, ließ einen Teekessel mit Wasser und Wein aufsetzen und reichte ihm davon einige Tassen zur Ernüchterung: allein das schien ihn fast noch mehr zu benebeln. Um 8 Uhr abends teilte ich die Wachen ein, demzufolge der Steuermann und das halbe Volk die erste bis Mitternacht übernehmen sollten, und wobei ich den ersteren anwies, auf keinen Fall östlicher als Nordost zu steuern, um nicht auf Land zu geraten, bei dem allermindesten Vorfall aber, der sich ereignen könnte, mich sofort zu wecken.
Zwar begab ich mich hierauf in meine Kajüte zur Ruhe, doch war mein Gemüt zu voll von Unruhe und böser Ahnung, als daß ich hätte Schlaf finden können. Ich warf mich hin und her im Bette; horchte nach jedem Geräusche, das auf dem Verdeck über mir laut ward, und hörte endlich den Mann am Ruder in die Worte ausbrechen: »Nein, es geht doch toll auf diesem Schiffe her! Kein Licht beim Kompaß; kein Steuermann auf dem Deck. – Ich weiß selbst nicht mehr in der Finsternis, welchen Strich ich halten soll.«
Es war mir bei diesen angehörten Stoßseufzern, als ob mich der Donner rührte. Ich fuhr mit gleichen Füßen aus dem Bette und sprang aufs Verdeck. »Was steuert Ihr auf dem Kompaß?« fragte ich den Menschen und erhielt eine konfuse Antwort, aus welcher ich jedoch vernahm, daß ihm der Wind das Licht, welches sonst regelmäßig neben dem Kompaß in einer Laterne brennt, ausgeweht habe. Daneben spürte ich deutlich, daß uns der Wind von hinten kam, anstatt er höchstens den Backbord hätte treffen sollen. – »Wo ist der Steuermann?« – Der lag in seiner Koje, schnarchte und wußte von seinen Sinnen nichts!
Fast hätte eine so rasende Unordnung mich auch um die meinigen gebracht! Ich machte Lärm unter dem Volk; es mußte Licht gebracht werden, und als ich damit den Kompaß beleuchtete, ersah ich mit Todesschrecken, daß das Schiff gegen Südosten, gerade auf die Küste zu, anlag. Ohne einen Augenblick zu verlieren, griff ich zur Ruderpinne, wandtedas Schiff durch Süden nach Westen und ließ gleich darauf das Bleilot auswerfen, welches nicht mehr als vier Klafter Tiefe anzeigte. So lag es denn am Tage, daß wir nur noch ein paar Minuten länger in jenem verkehrten Kurs hätten fortsteuern dürfen, und wir wären ohne Rettung auf den Strand gegangen, wo wir vielleicht Schiff und Leben eingebüßt hätten.
Aber auch jetzt noch blieb es für die ersten Augenblicke zweifelhaft, ob alle unsere Anstrengungen uns aus dieser Gefahr wieder loshelfen würden. Sobald ich endlich diese Überzeugung gewonnen hatte, schien es mir nötig, ein Beispiel zu statuieren. Ich holte den Taugenichts von Steuermann bei den Haaren aus seiner Kammer hervor, gab ihm ein paar Fußtritte, wie er's verdient hatte, und hielt zugleich auch der übrigen Mannschaft eine Strafpredigt, woran sie meinen Ernst abnehmen mochte.
Von jetzt an gab es nichts als widrige Winde, die uns volle vierzehn Tage hindurch nötigten, in der Nordsee und bei Skagerrak umherzukreuzen. Was aber meinen Unmut noch höher steigerte, war der widerspenstige Sinn meines Schiffsvolks, der sich, je länger je ungescheuter, offenbarte. Kam es zu verdienten Verweisen und Ermahnungen, so hieß es immer: »Pah! Wir sind Hamburger und keine Preußen! Wir kennen unsere Rechte; so muß man uns nicht kommen!« – Was mich jedoch am meisten verschnupfte, war eine gegen allen Seemannsbrauch streitende Gewohnheit, die sie gegen meinen Willen in Gang zu bringen suchten. Sie lagen nämlich bei Tag und Nacht über ihren Tee- und Kaffeekesseln, und so oft ich in die Kombüse sah, hingen oder standen acht oder zehn solcher Maschinen bei einem Feuer, woran man vielleicht einen Ochsen hätte braten können – ein Unwesen, wobei nicht nur unser Kohlenvorrat unnütz verschwendet, sondern auch dem Schiffe beständige Gefahr durch verwahrlostes Feuer drohte.
Als mir dieser Unfug endlich zu arg ward, tat ich ihnen ernstliche Vorhaltung, daß dies gegen alle gute Ordnungsei und fortan abgestellt bleiben müsse. Es solle dagegen mein eigener großer Kessel fortwährend am Feuer stehen, und was ich selbst nicht gebrauchte, möchten sie nehmen und unter sich einteilen. Allein auch das war in den Wind geredet, und mit dem Tee- und Kaffeegesöff blieb es beim alten. Fast gewann es den Anschein, als ob man Lust habe, sich um meine Anordnungen gar nicht mehr zu kümmern.
Eines Abends, nach Endigung des Gebets, hieß ich der Mannschaft noch etwas sitzen zu bleiben, und mit ebensoviel Ernst als Güte deutete ich ihnen meinen festen Willen an, daß das Kunkeln mit den vielen Teekesseln von Stund an ein Ende haben müsse. Sie hingegen pochten, unter Lärm und Geschrei, nach gewohnter Weise, daß sie Hamburger wären und keine Preußen, und sich ihr Recht nicht nehmen lassen würden. Ich hielt jedoch an mich und sagte mit möglichster Ruhe: »Ihr wißt nun meinen Willen, und das ist genug!«
Am nächsten Morgen um 8 Uhr stieg ich, meiner Gewohnheit gemäß, in den Mastkorb, mich umzusehen. Indem ich dabei meine Blicke zufällig nach unten richtete, nahm ich wahr, daß mein ganzes Volk, den Bootsmann und den Koch an der Spitze, wie verabredet, in einer Reihe, und jeder seinen Teekessel in der Hand, von hinten nach der vorderen Luke zuschritten, um sich im Raume mit frischem Wasser zu versehen. Dies sehen und mich am nächsten besten Tau an den Händen herunterlassen, war das Werk eines Augenblicks. Glücklich gelangte ich so aufs Verdeck, bevor sie noch die Luke erreichten, und mit fester Stimme rief ich: »Was ist das? Was soll das?« – indem ich zugleich dem Bootsmann wie dem Koch die Teekessel aus den Händen riß und weit hinaus über Bord ins Meer schleuderte.
Hui, das hieß in ein Wespennest gestochen! Die Kerle schlossen einen dichten Kreis um mich her, und schrien wie unsinnig: »Schlagt zu! Schlagt zu!« – doch keiner hatte das Herz, der erste zu sein. Diese Unschlüssigkeit gab mir Zeit, mich durch sie hindurchzuwinden und mit starken Schritten nach meiner Kajüte zu eilen, wiewohl alsobald auch derhelle Haufe mit einem fürchterlichen »Halt auf! Schlag zu! Halt fest!« mich auf dem Fuße dahin verfolgte. Doch gelang mir's, die Kajütentür hinter mir zuzuschlagen und den Riegel von innen vorzuschieben.
In der Tat war nun meine Lage bedenklich genug: mein Leben sowohl wie die Erhaltung des Schiffes standen hier auf dem Spiele. Sinnend und in stürmischer Bewegung ging ich auf und nieder, um über irgendeine durchgreifende Maßregel zu meiner Rettung mit mir einig zu werden. Ich erinnerte mich endlich, daß ich, einige Reisen früherhin, in Hamburg einen Abdruck des dort geltenden Schiffs- und Seerechts gekauft und bei mir an Bord hatte, sowie, daß ich dasselbe zum öftern durchblättert und mir mehrere Punkte angestrichen hatte, worüber Volk und Schiffer am leichtesten und gewöhnlichsten miteinander zu zerfallen pflegen, falls ich irgend einmal in einen ähnlichen Zwist geraten sollte.
Ungesäumt holte ich dies Buch aus seinem Winkel hervor, schlug den gesuchten Artikel nach, und fand folgendes verzeichnet: