Chapter 10

Die Geschichte der kleinasiatischen Baumwollcultur gleicht in sehr vielem der des Landes selbst. Wie diese ist auch sie ein fortwährendes Auf und Nieder von weltbeherrschender Blüthe zum Verfalle in beinahe völlige Vergessenheit. Zwei-, dreimal im Laufe der Jahrtausende standen die kleinasiatischen Staaten allen anderen voran, und ihre Schicksale schienen die der Welt zu sein. Dazwischen liegen lange Perioden der Verwüstung und Unbedeutendheit, wo kaum ihre Ruinen übrig blieben. Und ähnlich so ist das, was heute der Baumwollpflanze hier wird, die Wiederholung einer glänzenden Rolle, die sie schon einige Male nach Zwischenfällen völliger Vernachlässigung auf diesen Feldern gespielt hat.

Die Heimath der Baumwolle ist vielleicht für die Production der ganzen Welt, jedenfalls aber für die kleinasiatische, Indien. Dort, so erzählt zuerst Herodot, trugen schon zur Zeit, als Indier dem ersten Darius Tribut brachten, also ungefähr um das Jahr523 v. Chr., die wilden Bäume als Frucht eine Wolle, die an Feinheit und Güte weit über die Schafwolle kam; wie denn auch die Indier von diesen Bäumen ihre Kleider hatten. Daß Herodot hiebei unterläßt, diese Neuigkeit durch eine Hindeutung als auf etwas seinen Landsleuten auch schon Bekanntes zu erläutern, beweist, daß auch später noch, da er schrieb, 450 Jahre v. Chr., die Baumwollenstaude und das Gewebe daraus in Griechenland und Kleinasien unbekannt gewesen sein müsse. Der Handel hat also den Griechen die feinen indischen Stoffe, welche dann ebenso wie heute als etwas Außerordentliches geschätzt wurden, erst in verhältnißmäßig neuer Zeit zugeführt. Indische Schiffe brachten sie nach dem Hafen Moscha, dem heutigen Maskat auf der arabischen Küste, und phönicische Kaufleute weiter nach den kleinasiatischen, ägyptischen und europäischen Märkten. Den Geweben wird, da sie erst einmal diese große Nachfrage gefunden hatten, die Pflanze und die Productionsmethode bald nachgefolgt und so die Baumwollencultur in Kleinasien heimisch geworden sein. Babylon, das im Alterthume die größten und geschicktesten Webereien hatte, lieferte der ganzen damaligen Welt Baumwollenstoffe und realisirte dabei Gewinne, welche die Phönicier, die ursprünglich nur den Handel besorgt hatten, auf den Gedanken brachten, in ihren syrischen Küstenstädten die Production selbst nachzuahmen. Später, besonders in der Glanzzeit des römischen Luxus, war die Insel Kos um ihrer feinen Baumwollengewebe berühmt.

Im byzantinischen Constantinopel bestanden förmliche Baumwollenfabriken und andere in den griechischen Küstenstädten des mittelländischen und des schwarzen Meeres. Wo im Innern des Landes diese Production den Kriegen erlegen war, da frischten sie die Araber wieder auf; die bauten, spannen, woben und färbten die Baumwolle noch fleißiger als die Griechen, und suchten ihren Anbau nach Spanien, Sicilien und Italien zu verpflanzen. Aber auch diese Blüthe zerstörten wieder Kriege, die blutigen, langen, welche Europa und Asien um den Glauben und die Weltherrschaft kämpften. Doch muß im vorigen Jahrhundert noch so viel davonübrig gewesen sein, daß der Orient außer seinem eigenen Bedarf, den bedeutendsten Theil der damals freilich sehr kleinen Nachfrage der europäischen Industrie mit seiner Baumwollenproduction decken konnte. 1784 wurde sogar aus Smyrna der Same zu der heute weltüberschwemmenden Produktion nach Amerika gebracht.

Völlig ausgerottet, oder doch beinahe so gut als das, hat erst das laufende Jahrhundert die Baumwollstaude aus dem hiesigen Boden. Nur an wenigen Orten erhielt sich kümmerlich eine dürftige Production, um der inländischen Manufactur den Rohstoff zu liefern, und auch an diesen nur so lange, bis die englischen Garne erschienen, und mit ihren wohlfeileren Preisen die türkischen Spinnereien zu Grunde richteten. So z. B. in Syrien, wo vor zwanzig Jahren die Baumwollcultur mehr als 2 Millionen Pfunde Rohstoff producirte und sie die jüngsten Wiederbelebungsversuche von der englischen Einfuhr erdrückt, auf eine Production von nicht 700.000 Pfunden herabgesunken fanden. In anderen Theilen Kleinasiens überlebte nicht einmal so viel den Verfall, ja kaum die Erinnerung an die Möglichkeit in diesem Boden die Pflanze zu erziehen; daß einmal hier die Baumwolle geblüht und reiche Frucht getragen, war aus dem Gedächtnisse der meisten Menschen entschwunden. Unglauben und Zweifel antworteten daher den Vorschlägen, welche beim Ausbruche der Baumwollkrisis auch auf Kleinasien als auf einen möglichen Helfer wiesen.

Unter den rührigsten, welche so riethen, war Missude Bey, von Geburt ein Belgier, durch dienstlichen und religiösen Verband aber ein Türke. Schon zur Zeit der ersten Londoner Industrie-Ausstellung, der er als türkischer Regierungscommissär beigewohnt, hatte er in einer ausführlichen Rede den Liverpoolern die Wahrscheinlichkeit eines Ausbleibens der amerikanischen Baumwolllieferungen und die Möglichkeit, für diesen Fall einen Ersatz in den türkischen Ländern vorzubereiten, vorgehalten; damals ohne jede Theilnahme. Ein ganzes Decennium später, da er eben in Bagdad mit der Einführung der Dampfschifffahrt auf dem Euphrat beschäftigt war, schickten ihm einige Engländer, die sich an seineprophetischen Rathschläge erinnerten, das Anerbieten nach, dem englischen Publicum dieselben noch einmal vorzutragen. Die türkische Regierung bewilligte ihm den Urlaub, ernannte ihn sogar förmlich zu ihrem Bevollmächtigten in dieser Sache. In Liverpool hatte Missude Bey nichts zu thun, als seine frühere Rede vorzulesen, an seine Prophezeiung zu erinnern und den Antrag zu wiederholen: es solle sich eine eigene Gesellschaft bilden, um den Anbau der Baumwollstaude in den türkischen Ländern anzuregen, und den Einkauf und die Ausfuhr des türkischen Productes als kaufmännisches Geschäft im Großen zu betreiben. Im Namen der türkischen Regierung konnte er deren eifrige Unterstützung versprechen. Eine Stunde nach dem Schlusse seiner Rede war eine solche Gesellschaft gebildet und das Unternehmen durch die Subscriptionen verwirklicht. Jede Actie zahlt nur so viel von ihrem Nominalwerthe ein, als der Betrieb des Geschäftes erfordert. Das war bis jetzt so wenig und der Ertrag des Unternehmens ein so reichlicher, daß die bisherigen Einzahlungen den Actionären bald durch die Superdividenden zurück erstattet sein werden. Missude Bey wurde zu einem der Bevollmächtigten der Gesellschaft ernannt; Andere wurden aus England gesandt, meistens junge Leute, die sich früher in Amerika bei demselben Geschäfte umgethan hatten.

Die türkische Regierung blieb dabei nicht gleichgiltig. Rasch und ohne die erste Kraft des Entschlusses in dem Scheindienste büreaukratischer Begutachtungen zu erschöpfen, mehr durch individuelle Initiative ordnete sie ein ganzes System zusammengreifender Maßregeln an, die alle Organe der Verwaltung in derselben Richtung thätig und alle Stadien der Production begünstigt sein lassen.

Sie gewährte jenen Grundstücken, die früher brach gelegen und künftig zum Baumwollbau verwendet werden, für die fünf ersten Jahre ihrer neuen Cultur Freiheit von der Grundsteuer.

Sie überläßt den ihr eigenthümlichen Boden der unentgeltlichen Benutzung zur Baumwollproduction.

Sie verwandelt bei dem zum Baumwollbau verwendeten Boden den Zehenten, welchen er bisher vom Ertrage hatte abgebenmüssen, in eine feste Grundsteuer, welche dem räumlichen Umfange des Feldes nach seinem Durchschnittserträgniß der letzten sechs Jahre zugemessen wird, und verspricht diesem Zugeständnis eine zehnjährige Dauer.

Sie vertheilte 90.000 Okas, das sind 205.625 Pfunde Baumwollsamen gratis unter das Landvolk.

Sie ließ in allen üblichen Landessprachen Broschüren schreiben, drucken und unter das Volk ausstreuen, um Belehrung über die Baumwollcultur, die Wahl des dazu tauglichen Bodens, die Bestellung der Felder, der Aussaat, die Pflege der Pflanze, über die Ernte und den Gebrauch der Maschinen zu verbreiten.

Sie selbst ließ Maschinen als Modelle für die Ackerbauer und die Fabrikanten kommen, und die, welche die Privaten einführen, befreit sie von jeder Zollpflichtigkeit.

Sie reducirt den Ausgangszoll der jetzt so sehr verfeinerten Baumwolle auf den Werth der früher viel weniger guten und auch diese Gewährung mit zehnjähriger Giltigkeit.

Sie hat endlich an allen Hauptproductionsorten Commissionen aus Eingebornen und Fremden mit dem Auftrage eingesetzt, die wirksamsten Mittel zur Förderung der Baumwollcultur zu finden und vorzuschlagen.

So haben sich staatliche und privatliche Bemühungen die Hände gereicht. Ihren Erfolg erzählt das letzte Capitel der Geschichte kleinasiatischer Baumwollcultur mit den Zahlen, die ich hier im Folgenden gebe:

1861, wo nach langem Winterschlafe die ersten Wiederbelebungsversuche gemacht wurden, betrug die türkische Baumwollproduction nicht mehr als 171.000 Ctr. im Werthe von ungefähr 1,300.000 Pfd. Sterling. 1863 brachte sie schon 890.000 Ctr., und in diesem Jahre 1864 erwartet man wenigstens 2,000.000 Ctr. und blos für die Ausfuhr einen Werth von 15 Mill. Pfd. Sterl. In diesen summarischen Zahlen steht unter den einzelnen Posten die Ausfuhr von Smyrna als der überraschendste Erfolg da; 1860 nicht mehr als 42.750 Ctr., war sie 1863 300.000 Ctr. und wirdsie in diesem Jahre 500.000 Ctr. im Werthe von 4 Mill. Pfd. Sterl. sein. In Macedonien bestand 1861 keine Production; 1863 führte sein Hafen Salonik 125.468 Ctr. und der andere, Kawala, 13.784 Centner Baumwolle aus. Ebenso bedeutend ist die Entwickelung in Syrien. Nur in Rhodus, dessen Erde die ersten Versuche derCotton supply associationals sehr geeignet zur Baumwollproduction erwiesen hatten, verfällt sie, weil Hände zu ihrer Bestellung fehlen.

Die Productionszahlen der Jahre 1861 und 1864 nebeneinander gestellt, 171.000 Ctr. Baumwolle neben 2 Millionen Ctr., zeigt das einen Fortschritt, der in drei Jahren die Production verzwanzigfacht hat, und der seines Gleichen nur bei der ägyptischen Baumwollproduction findet, die 1860 für 2,770.000 Francs, 1863 für 234 Mill. Frcs. und in diesem Jahre für wenigstens 400 Mill. Frcs. ausführt, denn selbst Amerika, das Land der Sieben-Meilenstiefel, kann nichts Aehnliches daneben setzen.

Auch in Oesterreich nahm die Regierung die Einführung der Baumwollproduction unter ihre Pläne auf. Bis heute sind aber im Banate und in Dalmatien nur jene Stauden gepflanzt worden, durch welche versuchsweise die Tauglichkeit des Bodens und des Klimas bewiesen worden ist. Desto ansehnlicher sind die Resultate, welche durch diese Proben für die Archive erreicht wurden; Handelskammern, Bezirksämter und Statthaltereien haben ihnen und den Aktenwürmern mit „erleuchteten Gutachten“ und „gefälligen Meinungsäußerungen“ ein reichliches Futter geliefert. Ueber die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Nützlichkeit oder Schädlichkeit einer dalmatinischen Baumwollcultur sind alle Zweifel gehört und entschieden worden. Daß dem armen Dalmatiner damit eine neue Erwerbs-, dem Staate eine neue Steuerquelle flüssig gemacht werden könne, gestanden die meisten Federn zu; aber gethan ist darum nichts worden. Jedes Jahr schloß mit der Ausrede ab, daß es zu spät war, um mit der Ausführung der Absichten zu beginnen. Das muß überall so sein, wo statt der Willenskraft eines egoistischen Interesses die Uneigennützigkeit einer Maschine eingestellt ist. Inder Türkei ist das Räderwerk nicht immer so gut geschmiert, auch nicht so künstlich construirt wie bei uns und es bleibt mehr dem Willen und der Einsicht des Leitenden überlassen, so daß, wenn dieser faul ist, allerdings überhaupt nichts geschieht, aber auch das allgemeine Interesse nicht durch das geistlose Weiterarbeiten rein mechanischer Kräfte geschädigt wird; wenn aber der Machtbegabte geistig stark und willenskräftig ist, dann werden auch die staatlichen Dinge mit jener ausschließlichen Rücksichtnahme auf praktische Vortheile gethan, welche sonst nur den Bestrebungen des Privatlebens eigen ist. Unsere Amtsleute halten indeß immer die Theile in der Hand, lassen auch nicht ab sie zu kutschiren, es fehlt ihnen leider nur oft das geistige Band.

Ich will übrigens nicht behaupten, daß der Verlust, der Oesterreich durch diese Verzögerung wird, ein sehr schwerer sei, weil ich nicht daran glaube, daß die Baumwolle in Oesterreich eine glückliche Heimath finden werde. Ich wollte nur an einem Beispiele zeigen, wie unsere officiellen Schreibstuben die Volkswirthschaft betreiben, und wie nicht alles Türkische schlechter als das Europäische sei. Wer so wie ich eben erst von dorten kömmt, die Mängel der Heimath immer erkannt und auch noch frisch im Gedächtnisse hat, so daß er nicht den selbst erfundenen Maßstab eingebildeter Vollkommenheit mitbringt, der wird gewöhnlich dieses günstigere Urtheil für die fremden Dinge haben. Mir will es scheinen, daß er damit nicht nur der Billigkeit, sondern auch der Wahrheit näher stehe als diejenigen, welche bei ihrer Kritik die längere Bekanntschaft der Dinge ihm voraus, aber vielleicht auch den Nachtheil haben, die Uebelstände ihrer ehemaligen Heimath zu vergessen, und alles was hinter ihnen liegt als rosige Felder des Blühens und Gedeihens zu betrachten. Dazu neigt die Natur des Menschen. Mit der Gegenwart immer unzufrieden und auch von der Hoffnung nur selten völlig getröstet, weil selbst der Leichtsinnigste die Zweifel der Ungewißheit nicht ganz überwindet, vergoldet er sich die Erinnerung um so verschwenderischer, damit er wenigstens ein Feld habe, sich Blumen für die steinige Wanderungdes Lebens zu pflücken. Denn selbst das Unangenehme, das ihm dort erzählt wird, klingt eben, weil es von dem Siegerbewußtsein des Ueberstandenen begleitet ist, versöhnlich und trostreich. Die Wehmuth, und sie ist ja dieses schmerzliche Fühlen der Erinnerung, wird die blasse Rose in diesem Blumenstrauße, die weit aufgeblüht und dem Entblättern nahe immer noch sticht aber auch durch balsamisch lindernden Wohlgeruch heilt.

Ich mußte meine europäischen Landsleute, die hier in den Diensten der Türkei leben, an die vielen Unerträglichkeiten ihrer früheren Vaterländer erinnern, und wie sie ja gerade durch den Kampf mit diesen in das Exil getrieben worden seien, um ihr Urtheil über die türkische Regierung gerechter und ihre Klagen über das Traurige ihrer Lage weniger unzufrieden zu machen. Es war das große Wort des großen deutschen Dichters Franz Bacherl, den ich blos um dieses Einen willen unter die Ersten unseres Stammes reihe, das ich ihnen zurief:

Ja! So sind sie! So ist ihr Verlangen!Was sie wirklich schon haben, das wollen sie nicht;Was sie dünkelhaft wollen, das haben sie nicht!

Ja! So sind sie! So ist ihr Verlangen!Was sie wirklich schon haben, das wollen sie nicht;Was sie dünkelhaft wollen, das haben sie nicht!

Ja! So sind sie! So ist ihr Verlangen!Was sie wirklich schon haben, das wollen sie nicht;Was sie dünkelhaft wollen, das haben sie nicht!

Ja! So sind sie! So ist ihr Verlangen!

Was sie wirklich schon haben, das wollen sie nicht;

Was sie dünkelhaft wollen, das haben sie nicht!

Wie ein Donnerschlag hatte mich das einmal aus der heiteren Komik einer Trauerspielsvorstellung des Münchener Schweiger-Theaters geweckt, als Thusnelda mit hochtragischem Pathos diesen Vorwurf dem Häuptlinge Narisko, dem Repräsentanten der Deutschen, entgegenschleuderte, und seitdem klingt er mir aller Orten wieder, ähnlich den Sprüchen der sieben Weltweisen, welche die Griechen ja auch überall hin mit sich trugen. Dieselben Männer, welche sich in Europa nicht mit dem Zuviel des Regierens vertragen hatten, klagen hier über das Zuwenig, über den Mangel des Eingreifens und der Hilfe. Indessen scheint leider wirklich das alte Lied, wo es auch hier über den kleinlichen Sinn, den nationalökonomischen Unverstand der Bureaux jammert, nicht immer ganz im Unrechte zu sein. So soll die Regierung z. B. nicht zu bewegen sein, derjenigen Baumwolle, welche zur weiteren Ausfuhr durch Dampfpreßmaschinen zusammengedrückt werden muß, weildie englischen Dampfer der Raumersparniß wegen sie nur in diesem verminderten Volumen aufnehmen, die zollfreie Ausschiffung im Hafen von Constantinopel, wo diese Maschinen aufgestellt sind, zu gestatten.

In nationalökonomischen Dingen mehr als in allen anderen ist zu wirklichen Erfolgen ein oberster, leitender Grundsatz Bedingung. Um seinen Kern muß sich die ganze Politik krystallisiren, so daß er allem Ursprung, daß seiner Rücksicht jede andere untergeordnet werde. Es ist das keine zu herrische Forderung, weil zuletzt doch nur auf der wohlbestellten Wirthschaft das Haus und die Familie sicher steht. Die absolute Monarchie ist zumeist darum der Geduld der Völker unerträglich und der Zukunft der Staaten unmöglich geworden, weil sie es versäumt hat, ihre Wirthschaft durch ein solches Princip leiten, Ordnung durch dasselbe in ihren Haushalt und Zweckmäßigkeit in ihre Politik bringen zu lassen. An den nationalökonomischen Irrthümern geht eine Staatsform nach der anderen unter, soweit wir in der Geschichte zurückschauen können. Taucht die demokratische aus diesen Trümmern immer am öftesten und mächtigsten wieder hervor, so ist das, weil in ihr vermöge ihrer vielköpfigen Bildung ein Vergessen und Verläugnen der volkswirthschaftlichen Interessen schwerer als in jeder anderen ist. Die Nationalökonomie duldet eben wie der Magen kein Verkennen der angeborenen Rechte; sie verlangt Nahrung und die richtige, damit der Körper des Staates und des Volkes lebe.

Daß die türkische Regierung solche Forderungen nicht immer genügend befriedige, haben Andere und hat sie selbst erkannt, und hat sie darum auch einige der Rathschläge, welche ihr verschieden von Engländern und Franzosen, als Leitsterne ihrer wirthschaftlichen Politik, gegeben wurden, versucht, aber immer mit dem übelsten Erfolge. Natürlich, denn nichts als fremder Eigennutz hatte sie gerathen. Das hat die Türken mißtrauisch gemacht, und nicht zu ihrem Nachtheile. Der Europäer glaubt den Türken sein geborenes Opfer. Bei sich selbst sollen die Türken das Princip ihrer Politik suchen. Der Entschluß, der aus der eigenen Erfahrungaufwächst, ist immer der nutzbringendste, und gerade die letzten Erfahrungen bei der Baumwollcultur sind dazu geeignet, einem solchen als Material zu dienen. Sowohl die überraschenden Erfolge, als die Maßregeln, wodurch sie errungen worden, aber auch die Klagen, welche die Producenten und die Handelsleute immer noch erheben, weisen die Wege. Was erreicht, was angeordnet worden und was begehrt wird, liegt alles in der Richtung der Rohproduction, und dort liegt auch der Keim der Kräftigung und der nächsten Zukunft der Türkei. Diesen Gedanken wird die türkische Regierung zum Principe aller ihrer Handlungen erheben, ihm in der äußeren wie in der inneren Politik alle anderen Absichten unterordnen müssen. Ist das einmal klar verstanden, dann werden sich von selbst die Aenderungen anmelden, die in allen Zweigen der Verwaltung nothwendig sind. Der türkische Volksgeist wird sie bald verträglicher erkennen mit den Grundlagen seines Glaubens, als dieses die Unformen Mahmud’s und seiner im Respecte vor allem Europäischen erzogenen Nachfolger waren. Die Pflege des Ackerbaues, der Viehzucht und des Handels, überhaupt der Production, liegt so sehr im Willen des Korans, den ja ein Kaufmann gegeben hat, daß kaum von irgend einer Maßregel, welche die Wirthschaft des Volkes zu unterstützen beabsichtigt, Widerspruch gegen die Lehre der Religion zu befürchten ist.

Einiges wird vielleicht im Schulwesen nothwendig sein, das meiste aber im Steuer- und Zollwesen. Im Steuerwesen wird eine gleichmäßigere Vertheilung der Lasten und die Einhebung des Zehnten in eigener Regie, oder doch wenigstens bessere Wahl der Steuerpächter nothwendig sein. In den Städten werden die Häuser mehr zur Steuerpflichtigkeit verhalten werden müssen. Straßen und Wege sind nach Möglichkeit im Stande zu halten und neu anzulegen. An vielen Küstenpunkten müssen die Häfen sorgfältiger gereinigt und sicherer angelegt werden. Die Erwerbung des Grundbesitzes muß möglichst erleichtert und, was ich für das Nothwendigste halte, dem Fremden, d. i. dem Europäer, frei gestellt werden. Das wird die meisten Capitalien in das Land hereinbringen, undnicht blos wie im Handel zu flüchtigem, nur vorübergehendem Arbeiten, sondern zu fester, bleibender Anlage. Das Capital zieht sich dort am meisten hin, wo ihm Sicherheit in unzerstörbar körperlicher Gestalt zugleich mit Gewinnen geboten wird, wie sie sonst nur die precären Speculationen der Börse, der Industrie und des Handels geben. Das bietet ihm dermalen noch die Landwirthschaft der Türkei. Es kann ihr daher eine massenhafte Einwanderung europäischer Capitalien aus dem übersättigten, an einzelnen Stellen oft nicht mehr drei Procente tragenden europäischen Boden versprochen werden, wenn nur erst der Einlaß geöffnet und der unbewegliche Besitz gesichert sein wird. Daß dieses geschehe, liegt aber nicht blos in der Hand der türkischen Regierung, auch in der Befugniß der übrigen Großmächte, denn die sogenannten Capitulationen, die Verträge, durch welche sich die europäischen Regierungen die Exemptionen ihrer Unterthanen von allen türkischen Pflichtigkeiten zugestehen ließen, sind das Hinderniß. Sie bilden einen Staat im Staate. Alle diese Franzosen, Engländer, Oesterreicher, Russen u. s. w., und darunter sind Viele, die zu den reichsten Leuten der Welt gehören, genießen neben anderen außerordentlichen Vortheilen auch den der völligen Steuerfreiheit. Ihrem betreffenden Vaterlande zahlen sie keinerlei Staats- oder Gemeinde-Abgaben, weil sie nie dort leben und nichts dort besitzen, und hier, wo sie leben, wo sie erwerben und besitzen, sind sie befreit davon durch den Schutz einer Regierung, der sie keinen Dank, keinen Zoll dafür leisten. Unter dem Deckmantel dieses Schutzes eigneten sie sich nach und nach immer bedeutendere Besitzstände an, in den Städten: Häuser, auf dem Lande: Felder, Waldungen, Bergwerke u. s. w., bis der türkischen Regierung der Steuerentgang allzu fühlbar wurde. Es war und ist ein Zustand ähnlich dem der Steuerexemption des französischen Adels und Clerus vor der großen französischen Revolution. Die türkische Regierung antwortete endlich der fremden Anmaßung, die diese Rechte überdies nur durch eine willkürliche überspannte Auslegung der Verträge behaupten kann, mit dem Gesetze, daß zum Erwerbe jederlei festenEigenthumes die türkische Unterthansschaft nothwendig sei. Darüber erhob und erhebt man noch ein gewaltiges Geschrei, beschuldigt die Regierung einer Unduldsamkeit, die den Fremden nicht im Lande haben wolle. Und doch, was blieb ihr übrig der Anmaßung der fremden Unterthanen und der Widerspänstigkeit der fremden Regierungen gegenüber? Wo ist der Staat, der sich auf die Dauer eine solche Schmälerung seiner Einkünfte, seiner Machtbefugnisse über einen zahlreichen Theil seiner Bewohner gefallen ließe? Man hält der türkischen Regierung immer Aegypten als Muster vor und daß dort der Islam den Verkauf der festen Güter an Fremde nicht hindere. Als ob nicht Millionen Griechen und Armenier und auch andere Christen Grund und Boden unter dem Scepter des Sultans besäßen, und als ob die türkische Regierung überhaupt ein Muster brauche das Wünschenswerthe zu finden. In Aegypten ist der Fremde nicht steuerfrei; er leistet dem Staate so gut wie jeder Eingeborene die Pflichtigkeit, welche an der Scholle haftet. Von seinen fremden Staatsbürgerrechten geht ihm darum keines verloren.

Wollen die europäischen Großmächte, welche immer schöne Reden für das Wohlergehen des kranken Mannes im Munde führen, wirklich sein Bestes, so sollen sie vor Allem von den Forderungen ablassen, die sie aus den Capitulationen geltend machen. Türkische Justiz ist nicht mehr wie früher, war vielleicht auch für ehrliche Leute, was eben nicht alle fränkische Kaufleute sind, nie so wie man sie verläumdet hat, und steht heute jedenfalls so sehr unter dem Machtbereiche der europäischen Großmächte, daß ihr, so gut als den Gerichtshöfen anderer Staaten, die Fremden überlassen werden können. Die türkische Regierung wird ihnen dagegen den Eigenthumserwerb aller Gattungen von Gütern zugestehen; ein Zugeständniß, das, wenn man es nach dem Lärm mißt, womit es begehrt wird, auch in seinen Folgen für die Fremden als ein nicht unvortheilhaftes geschätzt werden darf.

Das wäre eine der erfolgreichsten Maßregeln in jener Richtung, in welcher ich die Wirthschaftspolitik der türkischen Regierungthätig zu sehen wünsche. Ein anderer demselben obersten Grundsatze entspringender Entschluß müßte das Zollwesen umgestalten. Das ist in der Türkei beinahe ohne eigene Absichten, mehr zufällig durch die von außen kommenden Forderungen der Handelsverträge gebildet worden. Das der Türkei Eigenthümliche daran haben engherzige Vorurtheile veranlaßt, welche die Zölle nur vom fiskalischen Standpunkte ansahen. Daß sie diesen heute noch nicht überwunden habe, glaube ich in der Bemerkung zu lesen, womit der Finanzminister bei der Vorlegung des Budgets für 1863–1864 dem Großvezier das Zurückbleiben der Zolleinnahmen hinter dem Voranschlage durch das jährliche Herabsinken des Ausfuhrzollsatzes erklärt und hierbei kein Wort dafür hat, einen Ersatz dieses Ausfalles aus dem reichlicheren Ertrage der anderen Steuern zu versprechen, denn die Production, der die Ausfuhr erleichtert wird, kann nicht müßig auf dem früheren Flecke bleiben. Die Handelsverträge aber, welche die Großmächte mit den Türken abgeschlossen haben, sind immer die schamlosesten Ausbeutungen gewesen, wie sie sich nur Wucherer bei ihren hilflosesten Gläubigern erlauben. Ganz einseitig, d. h. nachtheilig für die Türkei, gestehen sie den europäischen Waaren an den türkischen Grenzen beinahe völlige Zollfreiheit zu, lassen aber die türkischen Waaren von den europäischen Märkten ausgeschlossen sein, in einigen Ländern, wie bis vor kurzem in Frankreich, durch offen eingestandene Prohibition, in anderen wie dermalen noch in Frankreich und Oesterreich durch angebliche Finanzzölle. Die Türkei, die aber als der Wärwolf aller Barbarei, aller Finsterniß und alles Zurückbleibens in der Cultur geschildert wird, ist der einzige Staat der Welt, der an der Natur der Dinge, am Freihandel festgehalten hat; wahrscheinlich unabsichtlich und unbewußt ihrer Verdienstlichkeit, auch hier mehr als eine Folge des dem Orientalen angeborenen Natursinnes, aber darum nicht weniger zum Vortheile der Anderen.

Das türkische Zollsystem hat keine anderen als Finanzzölle, d. h. die Zölle, welche die Türkei einhebt, beabsichtigen nichts, als eine Einnahme für den Staatssäckel. Nach den Waaren, von denensie erhoben werden, sondern sie sich in Eingangs-, Ausgangs- und Durchfuhrszölle.

Als Eingangszoll erhebt die Regierung von dem Werthe jeder eingehenden Waare acht Procente; sie gleichen die Steuer aus, welche die heimische Production an den Staat zu leisten hat. Schutz wird der türkischen Production damit keiner gegeben. Aber diese hat vor der fremden Einfuhr den Vortheil des so sehr verschiedenen Geschmackes voraus, den besonders bei den kostbareren Waarengattungen selbst die Bemühungen der Belgier, Schweizer, und Engländer nicht ganz befriedigen können. Dadurch erhält sie sich auf dem Standpunkte, der späteren Zeit, wenn das Volk den Fortschritt zum Großbetriebe der Gewerbe machen kann und will, die Findigkeit, die Arbeitstechnik, überhaupt das Vermögen zu solcher Leistung zu überliefern. Denn für alle Zeiten soll die Türkei nicht auf den Fleck gebannt bleiben, auf dem sie heute steht. Es liegt kein Hinderniß vor, daß sie nicht einmal, so gut als ihre Vorgänger auf diesem Boden, Europa mit Manufactur- und Kunstprodukten versehe. Nur so lange sie ist, was sie heute ist, soll sie ihre Kräfte nicht an solche Wagnisse verschwenden; Capitals- und Arbeitskräfte, deren Ueberfluß einem Großbetriebe der Industrie ganz unentbehrlich ist, fehlen ihr dazu viel zu sehr. Sie muß diesen Mangel durch die angemessene Benutzung des anderen Ueberflusses, den sie einstweilen noch hat, des freien Productionsfactors der Naturkraft ersetzen. Ob dann in späterer Zeit, wenn das Volk diesen wirthschaftlichen Fortschritt macht, nicht auch das türkische Zollsystem in dem Theile, welcher diese achtprocentigen Eingangszölle normirt, eine Umwandlung benöthigen wird, das zu beurtheilen, muß jener Zeit überlassen bleiben. Jede hat so eigenthümliche Bedingungen und Bedürfnisse, und es arbeiten so wechselnde Elemente an der Bildung ihrer Verhältnisse, daß es mir immer als die allerunsinnigste Ueberhebung erschienen ist, allen Zeiten voraus, indem man das sogenannte absolut Beste aufstellt, ihre Gesetze und Formen dictiren zu wollen. Das, was im Augenblicke das Brauchbarste und Mögliche ist, wird immer auch das Beste sein, denndas Wünschenswerthe wird, bei der Unvollkommenheit aller irdischen Zustände, immer vom Besten unterschieden werden müssen.

Den Ausgangszoll haben die Verträge der Jahre 1861–62 in der Weise festgesetzt, daß die türkischen Zollämter von jeder ausgehenden Waare ursprünglich acht Procente des Werthes, seitdem aber mit jedem Jahre um eines weniger einheben, bis diese Minderung bei dem letzten Procente angelangt sein wird, welches fortwährend als Beitrag zu den zollämtlichen Kosten bestehen soll. In diesem Jahre ist die Scala des türkischen Ausgangszolles schon auf fünf Procent herabgesunken. Bei diesem Theile des türkischen Zollsystems beginne ich die Sünden zu finden, um deren Willen ich oben seine Umgestaltung verlangte zu Gunsten der türkischen Volkswirthschaft und ausgehend von jenem Principe, welches ich oben ihrer Politik als oberstes und leitendes angerathen habe. Ausgangszölle belasten mit einer besonderen Steuer den Theil der Production, der sich das Verdienst erwerben will, im Auslande Güter einzukaufen, welche dem heimischen Bedürfnisse nothwendiger und werthvoller sind, als der unverwendbare Ueberfluß der daheim erzeugten. Ist es nun schon an und für sich grundlos, die Producte je nach dem Orte ihrer Bestimmung verschieden zu besteuern, so erscheint diese Ungerechtigkeit noch unbilliger, wenn man die ausgeführten Güter auf den fremden Märkten neben den dort producirten ohnedies schon durch die weiteren Transportkosten und die fremden Eingangszölle ungleich belastet sieht. Die Unklugheit, welche aber auch darin liegt, die Ausfuhr, d. h. die Entwicklung der eigenen Production zu schädigen, zeigt sich hier in der Türkei bei den hiesigen Ausgangszöllen am allerauffälligsten. Denn sie treffen meistens Waaren, welche beim Transporte nicht nur durch die Kosten für die weitere Entfernung an und für sich, sondern auch durch das schwerere Gewicht benachtheiligt werden, und welche dabei doch ziemlich die einzigen sind, die dem türkischen Volke zur Verfügung stehen, sich die Mittel einer verfeinerten Gesittung einzutauschen. So vereinigen sich alle Rücksichten einer wohlmeinenden Politik, die der Gleichheit, der Billigkeit, der Gerechtigkeit und Klugheit, um die Abschaffung dieser Zölle zu befürworten. Dafür sind keine anderen, als die des Staatssäckels anzuführen, und das sind irrthümliche, in der Unwissenheit über jede Nationalökonomik aufgefundene. Denn was dem Zolleinnehmer durch den Wegfall der Ausgangszölle entgeht, das fließt schon nach einigen Uebergangsjahren dem Steuereinnehmer durch höhere Zehnten und andere Steuer-Erträgnisse, endlich auch durch den Eingangszoll verdoppelt zu. Die zum Zwecke der Ausfuhr gesteigerte Production bringt sich selbst und auch dem Staate neue Gewinne, und die größere Ausfuhr muß mit einer neuen Einfuhr bezahlt werden, die statt dem einen Procent des Ausgangszolles die acht Procente des Eingangszolles abliefert. Im Wirthschaftsleben producirt der Mensch nur um zu kaufen; an der Production aber wie an dem Verkaufe hindern ihn Ausgangszölle. Ihre Politik wirkt gerade wie das Erziehungsmittel eines Schulmeisters, der den Fleiß statt der Faulheit bestrafen wollte.

Und dasselbe gilt gegen die Durchfuhrzölle, welche die Türkei auch vermöge ihrer Verträge dermalen noch mit zwei Procent, vom Jahre 1869 nur mehr mit einem Procent vom Werthe jeder ihr Gebiet passirenden Waare einhebt. Sie werden, wenn einmal aufgehoben, durch die Vortheile des gesteigerten Verkehres bald ersetzt werden, besonders wenn die Türkei einmal größere Eisenbahnen gebaut haben wird.

Am allerdrängendsten erhebe ich aber meine Einwendungen gegen die Zwischenzölle, welche noch immer die einzelnen Provinzen der Türkei trennt. Die schädigen die Production zum Nachtheile des ganzen Staatswesens. Es ist mir immer ein Räthsel geblieben, wie es eine Zeit geben konnte so blind für den offenkundigen Vortheil, daß alle Staaten in einer Fesselung der Natur ihr Wohl zu fördern glaubten.

Zu einer solchen Umgestaltung ihres Zollsystemes wird die Türkei — wenn sie sich nicht schon eigenmächtig hierzu berechtigt glaubt — leicht die Zustimmung der Vertragsmächte erhalten, weil England, Frankreich, Oesterreich und Italien nur Vortheileaus dem Wegfalle der türkischen Ausgangs-, Durchfuhr- und Zwischenzölle zu erwarten haben durch den billigeren Bezug der Rohproducte, die, wie die Baumwolle und Seide, ihren Industrien unentbehrlich sind. Sollten einige indeß doch widersprechen und die Türkei ihnen dazu aus den Verträgen wirklich die Berechtigung einräumen, so könnte vielleicht im Jahre 1868, wo das Recht zur Revision des Zolltarifes einfällt, das Zugeständniß zu solcher Umgestaltung vor Ablauf der 28 Jahre, für welche lange Dauer die Handelsverträge abgeschlossen sind, erlangt werden.

Sind aber jene Verträge abgelaufen, oder bricht sie vor ihrer Zeit der eine oder andere Zufall, dann soll die Türkei ja keine neuen mehr schließen. Dann regle sie frei und ungebunden, nur nach den Forderungen ihres eigenen Bedarfes ihr Zollwesen, gleich für Alle, wenn sie es nämlich sich noch immer angemessen glaubt, am Freihandelsprincipe festzuhalten. Will die Türkei aber dann doch wieder, oder ist sie durch Verhältnisse genöthigt, ihre Handelsbeziehungen mit den einzelnen Staaten durch Verträge zu regeln, so thue sie dieses wenigstens nur gegen das Zugeständniß der vollen Gegenseitigkeit. Wer ihr seine Glas-, seine Eisen-, seine Calicot-Waaren zollfrei zuführen will, der lasse auch unter denselben Bedingungen nicht nur türkische Rohproducte, die ihm ohnedies unentbehrlich sind, sondern auch Smyrnaer Teppiche, damasische Seiden-, Brussaer Gazestoffe und jene weichen Hand- und Badetücher, die alle der Luxusgebrauch in Europa so sehr liebt, in seine Grenzen. Und wer ihr das weigert, wer sie fort und fort mit Zöllen von 20, 30 und 50 Procenten von sich weist, dem schließe sie eben so zu Gunsten des gerechteren und billigeren Nachbars die Thüre. Es wäre eine verdiente Beschämung für Europa, wenn auf diese Weise die uncivilisirte Türkei der wirksamste Apostel des Freihandels würde. Die Möglichkeit, daß sie das mit Repressaille-Maßregeln erlange, liegt nahe, weil unseren überindustriellen Staaten die Ausfuhr nach dem großen und reichen Becken des Orientes immer unentbehrlicher wird. England und die Schweizkonnten ihre freihändlerische Duldsamkeit nicht zu demselben Zwecke verwenden, weil beide daheim keine Käufer, nur Concurrenten der anderen Industrien auf den auswärtigen Märkten sind. Der Türkei aber gegenüber sind alle Industrien ausfuhrsfähige; ihre Bedingungen haben daher einen gewissen Zwang.

Wie neulich in Brussa die Seidenproduction, habe ich auch hier die Baumwollproduction mit besonderer Rücksicht auf Oesterreich betrachtet. Oesterreich brauchte für seine Baumwollmanufactur

Davon hat es in jedem Jahre den weit überwiegenden Theil auf dem Landwege eingeführt, also meist durch den indirecten Bezug von Zwischenhändlern aus Hamburg und Bremen, nämlich

In Zahlen ausgedrückt stellt das ein Stück der letzten Geschichte der Baumwollcultur dar. Die österreichische Einfuhr hängt mit der Production des Orients zusammen. Je mehr jene den Seeweg wählt, desto ergiebiger entwickelt sich diese. Dem österreichischen Consumo lieferte 1861

Das war nur der fünfte Theil der österreichischen Seeeinfuhr und der einundzwanzigste der ganzen österreichischen Einfuhr.

1862

der

Das war mehr als die Hälfte der österreichischen Seeeinfuhr und der siebente Theil der ganzen österreichischen Baumwolleinfuhr.

1863

der

Das war beinahe die ganze österreichische Seeeinfuhr und der vierte Theil der gesammten österreichischen Baumwolleinfuhr.

Das sind erfreuliche Resultate, die auch nach dem Vergleiche mit dem, was die anderen Hauptbaumwollen-Consumenten von der Türkei bezogen haben, ansehnliche bleiben. Denn England hat 1862 nicht mehr als 37.334 Centner und Frankreich 77.270 Ctr. türkische Baumwolle gekauft, das läßt hoffen, daß der österreichische Handel sich endlich wieder in seine natürlichen ihm nächstliegenden Wege finden und sie fleißiger benutzen werde. Es kann nur mit dem besten Erfolge für die österreichische Schifffahrt, die Kaufmannschaft und die Industrie geschehen, denn endlich müssen solche Bezüge türkischer Rohproducte durch österreichische Waaren bezahlt werden. Und so hat denn wirklich auch Oesterreich den dritten Theil seiner ganzen Baumwollwaaren-Ausfuhr der Türkei verkauft; an kein anderes Land auch nur annähernd so viel. Diesen auswärtigen Absatz zu vermehren liegt ganz im freien Belieben und Fleiße der österreichischen Producenten, der allerdings im Genusse eines sicheren und einbringlichen inländischen Marktes kein allzu williger und angestrengter ist. Aufmerksam muß ich auch machen, daß Oesterreich ebensoviel Gelegenheit und Veranlassung habe wie seinem eigenen Consumo, so dem Süddeutschlands und der Schweiz die Baumwolle zu liefern. In diesem Zwischenverkehre könnten seine Rheder, seine Handelsleute, und selbst seine Industriellen, denn auch diese Bezüge könnten der Türkei mit österreichischen Producten bezahlt werden, schöne Gewinne verdienen. Allerdings ist auch hierzu wieder die direkte und kürzeste von Triest durch Tirol zum Bodensee hinführende Eisenbahn Bedingung. Sie würde dort die fabriksreichsten Cantone: Glarus, St. Gallen, Appenzell, Zürich und selbst Basel zu Hinterländern des adriatischen Meeres machen. So lange diese Bahnnicht ist, werden die Schweiz und Süddeutschland fortwährend Marseille als ihren Einfuhrshafen halten. Ein neuer Grund, wie ich einen schon neulich bei dem Seidenhandel gefunden, daß die österreichische Regierung ihrem Handelsstande gegenüber diesen Gefälligkeitsdienst thue.

An Bord des Dampfers „Brussa“, 4. Juni, Mitternacht.

Um 11 Uhr haben wir uns eingeschifft. Jetzt höre ich das Brodeln der Kessel, das Zeichen, daß sich die Abfahrt vorbereite. Um mich herum auf den Divans und in den Schlafstellen, und über mir auf dem Verdecke ruht Alles. Eine Stunde war ich oben, aber auf einem Flecke stehend, nicht auf und ab gehend, weil der Raum für meine Sohle der einzige war, den ich frei fand. Was ich bisher von türkischer Ungenirtheit gesehen, so in Constantinopel, wenn die Officiere und Beamten in voller Uniform, wie sie aus den Bureaux zu den kleinen Localdampfern kommen, selbst das Gemüse, den Salat und das Fleisch nach Hause tragen, wird weit durch das überboten, wie man sich auf dem Verdecke gebettet hat. Der Türke kennt nur eine Ordnung seiner Lebensweise, die erlaubt ihm, sich jedemöglicheBequemlichkeit auch zu gewähren. Die hundert Rücksichten einer oft geradezu unschicklichen Schicklichkeit, womit wir unser Leben binden, bestehen für ihn nicht, und dasqu’en dira-t-on? hindert keine seiner Launen. Was ihm genehm und von dem Gesetze erlaubt ist, das sind die einzigen Grenzen seiner Lebensart. Nach diesem Grundsatze haben die Passagiere das Verdeck des Dampfers umgestaltet. Da liegt einer neben dem anderen in seinem besonderen Bette, entkleidet und in buntfarbige Nachtkleider angethan. Das Bett ist verschieden, je nach dem Stande des Reisenden, aus Decken und Polstern oder nur aus Teppichen, aber auch ganz ordentlich aus Matratzen und allem Zugehör gebildet. Der Eine hält die Decke fest bis an die Nase heraufgezogen, daß man, da sein Kopf unter dem Turban verschwindet, zweifeln kann, ob etwas Lebendiges unter diesem Kattunbündelsei; ein Anderer hat sich so dicht eingewickelt, daß er wie ein Schlangenleib erscheint, und ein Dritter, offenbar in der Erregtheit eines Traumes, denn er schnarcht, daß man ihn über die Länge des ganzen Schiffes hört, die Hüllen vollständig abgeworfen, unter denen zu oberst eine rosenfarbene Nachtjacke zum Vorscheine kömmt. Diese freundliche Farbe scheint überhaupt für diese Gewänder die beliebteste zu sein, denn die meisten Schläfer sind darein gekleidet. Ein Theil des Hinterdeckes ist, wie das hier auf den meisten Dampfern üblich, durch eine Bretterwand für die Frauen abgesondert; die schlafen dort gerade so wie die Männer gebettet. Ueber das ganze Lager ist zeltartig ein Segel gespannt, so nieder, daß ich nur gebückt darunter durchkomme; beleuchtet ist es von dem matten Lichte einer Laterne, die in halber Manneshöhe an dem hinteren Mastbaume festgebunden ist. Neben der Lampe hängt ein Käfig; der Vogel, der darinnen, hat den Kopf unter die Flügel gesteckt, und schläft fest, wie die übrigen Passagiere. Ich habe selten eine originellere Scene gesehen. Ein Genremaler, der wie der Niederländer Peter van Schedel auch die Lichteffecte sucht, fände hier endlich einen anderen Gegenstand als die ewigen „nächtlichen Marktscenen im Lichte einer Laterne“ und den effectvollen Namen: „die Nacht auf einem türkischen Dampfer“ — dazu.

Constantinopel, den 5. Juni.

Bei nichts mehr als beim Schlafe ist die Qualität im Stande, die Quantität zu ersetzen. Vier Stunden der heutigen Nacht gaben mir nach ermüdenden Ritten die ganze Körper- und Geisteskraft wieder. Schon um 5 Uhr verließ ich meine Cabine, die — denn auch das muß ich zur Rettung türkischer Reinlichkeit anmerken — frei von Flöhen und Wanzen war. Auf dem Verdecke war das Nachtlager im Aufbruche begriffen, großer Lärm und gewaltthätiges Zusammenschnüren des Bettzeuges und der Teppiche; an seiner Stelle ließen sich Kaffeetrinker und brodelnde Nargilehsraucher nieder. Ich entwich dem allen nach vorne auf die Prora desSchiffes, um den Morgen zu genießen, der voll Frische und rosigen Lichtes war. Von dort aus sah ich auch unsere Einfahrt in den Bosporus und in das goldene Horn. So beleuchtet ist es das herrlichste, das farbenprächtigste Bild und der Augenblick, der es gibt, der glückseligste. Wir schwammen in einem glatten silbernen Meere einem Halbkreise in die Arme, der mit Gebäuden bedeckt so groß ist, daß er zuletzt an seinen Endpunkten in der Undeutlichkeit der Entfernung verschwindet. Daß links Europa und rechts Asien, kann das Auge nicht unterscheiden, und sagt man es ihm, so wird es doch wieder ungläubig, weil es nirgends die Spur einer Trennung findet. Zwei Welttheile scheinen zusammengewachsen zu sein und zu dem Feste ihrer Vereinigung den kostbarsten Schmuck angelegt zu haben. Erst wenn man schon zwischen ihren Ufern, zu seiner Linken Stambul mit dem Cypressenwalde seiner Minarete und dem Olympe seiner Kuppeln, der allgewaltig überragenden Aja Sophia, die kleine Irenenkirche davor und ganz zu vorderst die smaragdgrün geschmückte Seraispitze hat, zur Rechten Skutari mit seinem dunkeln Gräberhaine und den einsiedlerischen Pinien vor der großen Caserne Selims: erkennt man die Täuschung und auch vor sich noch die dritte Küste, die Spitze von Top-Hane, die dort aus dem goldenen Horne und aus dem Bosporus kommend ausläuft. Noch einige Ruderschläge der Schaufelräder weiter, thut sich rechts zur Seite der Bosporus auf, von Häusern und Gärten eingefaßt, als wolle die ungeheuere Stadt sich auch dorthin endlos fortsetzen. Dann werfen wir inmitten all der Pracht, der grünen Hügel, der vergoldeten Kuppeldächer, der buntangestrichenen Häusermauern und des Lebens, das sich lärmend und drängend auf den Schiffen und Ufern regt, den Anker in die Fluth, die auch hier rein und blau wie der Himmel über ihr ist.

Es lagen so viele Dampfer an der ersten Hafenbrücke, daß es unmöglich war, uns dort auszuschiffen. Da unser Dampfer ohne Seitentreppen ist, wurde das auf freier See keine erquickliche Aufgabe. An Stricken ließ man uns und unser Gepäck neben den Schiffswänden in die Boote hinab, die sich unter unseren in derLuft schwebenden Füßen den Platz und die Passagiere streitig machten. Das Geschrei und Gedränge unterhielt mich; es ist hier alles trotz überschäumender Lebendigkeit ohne jene grobe Rohheit des Nordens, die vom Menschen nur das Thierische fühlbar macht.

Mittags ging ich in die Peragasse, Einkäufe zu machen. Ich fand sie von bunten Schleiern überspannt, mit Teppichen behängt und von türkischem Militär, das Spalier bildete, besetzt. Dann kam die Procession, und die Soldaten im türkischen Kleide, den grünen Turban auf dem Kopfe, präsentirten die Waffen vor dem Allerheiligsten. Man wage mir jemals wieder ein Wort über Unduldsamkeit des türkischen Volkes und Unbildung seiner Regierung! Dieses eine Beispiel will ich dem gesammten Europa entgegen halten, und sehen wo ein ehrlicher Christ ist, der nicht beschämt an die Brust schlüge undmea culpa, mea maxima culpa!eingestünde.


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