Chapter 18

21. Juli.

In dem Thale von Bujuk-Dere, das sich als Fortsetzung der Bucht zwischen den Hügeln bis zur darüber gespannten Wasserleitung des Sultan Mahmud zurückzieht, stehen hart am Meere ein paar mächtige Terebinthenbäume und etwas weiter zurück im Lande eine riesige Platane, von der heute die Sage erzählt, daß Gottfried von Bouillon mit einem Theile seines kreuzfahrenden Heeres unter ihrem Schatten geruht. Anna Comnena, die verläßliche Chronistin, dementirt dies zwar und läßt hier nur den weniger bekannten französischen Grafen Roul lagern, aber warum dem Baume die poetische Weihe nehmen? Was gewinnt die Wahrheit dadurch und wieviel verliert nicht das Gefühl?! Mir kömmt solche historische Wahrheitsliebe wie das barbarische Abschlagen der Hände und Füße an antiken Statuen vor, das auch Alterthumsfreunde und Forscherüben. Das Werden der Sage ist auch ein gottgewordenes und gottgewolltes Werk, und wie vor allen Werken göttlichen Ursprungs soll man auch vor diesem mit einer gewissen Zurückhaltung der Achtung stehen.

Oftmals wandere ich zu diesen Bäumen und setzte mich mit einem Buche Fallmerayer’s oder Finlay’s unter die Platane Gottfrieds von Bouillon: die Schatten der Geschichte über mir und ihr Licht in meiner Seele.

Heute hatte ich Finlay’s Chronik des mittelalterlichen Griechenlands mitgebracht. Es ist ein verzehrender Boden, dieses schöne, reiche Land am Bosporus. Salz scheint darein gestreut, daß das Leben der Menschen aussterbe; kürzer, als es anderswo bemessen ist, dauert es hier für die beherrschenden Völker. Wüste und öde, sowie es die Umgebungen dieser sonst so farbenprächtig umgebenen Stadt in das Festland hinein sind, ist die Geschichte der Nationen, die hier ihren Sitz aufgeschlagen haben; kein Gedeihen, immer nur rascher Untergang nach einem Leben, das seine Blüthe schon anderswo gehabt hatte. Volk um Volk kömmt mit frischen Kräften gezogen, unterwirft sich das Bestehende und geht wie dieses nach kurzer Zeit zu Grunde. Es ist als sauge ihnen der wollüstige Boden die Kraft aus. Die Menschen verlieren hier den Sporn der Thätigkeit; nicht der Ueberfluß an Sonne wie im äußersten Süden, der alles verdorrt, und nicht der Mangel an Wärme wie im Norden, der die Reife hindert, zwingen sie, das Zuviel und Zuwenig der Natur durch ein Einsetzen ihrer Kräfte auszugleichen. So recht in der glücklichen Mitte gelegen gibt der Boden Alles von selbst, und was ihm fehlt, führen die von allen Seiten hier zusammenlaufenden Wasserstraßen auf das müheloseste und wohlfeilste zu. Frisch und rege hat sich kein Volk lange auf diesen Küsten erhalten; wie Schichten der Erdbildung liegen sie übereinander, die Griechen, die Römer, die Gothen, Slaven, Bulgaren, Albanesen, die kreuzfahrenden Lateiner, die Byzantiner und heute auch schon beinahe die Türken. Die Griechen erhielten sich am längsten, eigentlich die Byzantiner, denn sie sind anders als die alten Hellenen. Wie eingewurzelt undfertig in seiner Weise der Culturzustand dieses Volkes war, sein Rechts-, Moral- und Religionswesen, beweist am besten, daß es trotz seiner Verkommenheit und Schwäche ihn gegen die Mischung der hereinströmenden Elemente zu bewahren wußte. Nichts vom Feudalsystem der lateinischen Ritter nahmen die Byzantiner an; fremd wie am ersten Tage konnte diese Pflanze, auch nachdem sie zweihundert Jahre in dem eroberten Lande gewuchert hatte, keine Wurzel greifen. Das Feudalsystem zeigt sich überall als das am meisten exclusive. Es weiß sich nirgends Fremdes zu assimiliren oder sich dem Fremden zu verbinden; es ist eine vorzüglich französische Institution und schon als solche nicht zur Colonisirung tauglich. Wie heute in Algier, so im 13. Jahrhundert in Byzanz, Attika und dem Pelopones zeigen sich gerade die Franzosen, welche die Anmaßung haben, die Culturträger der Welt zu sein, als die am wenigsten zur Colonisationsarbeit Befähigten. Sie bilden sich die anderen Völker nicht zu und bilden sich nicht nach ihnen. So kömmt es, daß diese Länder, die sie eroberten, heute wieder sind, was sie schon so oft waren, Uebungslager der Colonisation, die jedem Abenteurer offen stehen, ihm Glück verheißen. Es kommt nur darauf an, daß er die Seefahrt wage, Widerstand der Regierung findet er keinen und der Einwohner nur geringen. Die Länder des ägeischen Meeres, der Propontis waren der mittelalterlichen Welt, was der Neuzeit Ostindien, Amerika und Australien sind; nur daß die Lockung damals noch größer war, weil das oströmische Kaiserthum die Reste der alten Kunstwelt und die Reichthümer eines schon lange bestehenden Handels besaß. Der Vorwand ward, wie er es schon den alten Hellenen gewesen und heute den Beutegierigen wieder ist, das Culturträgeramt von dem Westen nach dem Osten hin. So wiederholen sich selbst in der Geschichte der Einzelländer die Dinge, und das „Ist Alles schon da gewesen“ des Rabbi Ben Akiba findet nicht blos in dem Weltgang, auch in dem engeren Kreise der Specialgeschichte seine Bestätigung. Man begreift oft kaum, warum der dazwischen liegende Tod und neue Geburten erfolgen mußten, so ähnlich sieht eine Fortsetzung der anderen. Nurein mikroskopisches Auge erkennt die kleinen Unterschiede, welche wir dann selbstgefällig Fortschritte nennen, und um deren Willen all’ der Brand und Untergang erfolgt sein soll.

Solche fortschrittfeindliche Gedanken entstanden und begleiteten mich auf meinem Spaziergange in das Innere des Thales. Glühende Sonnenhitze trieb mich von dem offenen Wege in die Felder hinein, wo ein Wäldchen, Kühlung versprechend, steht. Ich vermuthete Wasser als die Ursache des dort vereinzelten und so reich blühenden Wachsthums, und hinter Bäumen und Büschen fand ich in der That einen mäßig großen Teich versteckt. So dicht steht das Grün, daß man kaum dem braunen Wasser zudringen kann, und auch aus dessen Mitte ragen silbergraue Weiden auf, die Stämme tief in das Wasser versenkt, die Aeste oben in die benachbarten Wipfel verflochten, die wie eine Laube über den ganzen Tümpel gebreitet sind. Lebendes und Abgestorbenes: Lianen, die dürr vom vorigen Winter sind, und andere, die im Reichthume des heutigen Sommers prangen, Alles steht und hängt wild und ungebunden, wie es die freie Hand der Natur geordnet hat. Prächtige Kastanienbüsche mit ihrem frischen Goldgrün drängen sich vor, überhängend in den Teich, dazwischen Feigenbäume mit der humorvollen Krümmung ihrer Aeste, und Alles umschlungen, verbunden, vermählt durch hochaufstrebende wilde Reben, durch blasse Nachtschatten und anderes Schlinggewächs, das betäubend duftet und in allen Farben blüht. Und damit kein Mensch die Einsamkeit entweihe, steht Schilf in Manneshöhe abschließend an den Ufern. Schildkröten, klein wie eine Hand und andere mäßig groß, schwammen im freien Wasserspiegel, die Füße aus der Schale herausgestreckt und den Kopf luftschnappend in die Höhe gereckt. Sobald sie mich gewahr wurden, tauchten sie unter, zuerst den Kopf hinabsenkend und dann, wie mit einem Purzelbaume, den übrigen Körper ihm nach. Es ist ein Winkel, so still, regungslos, lauschig und kühl, als hätten ihn die Götter der altgriechischen Mythologie sich eigens erschaffen, um dort eines ihrer verliebten Abenteuer zu feiern.

Bujuk-Dere, den 22. Juli, Freitag.

Ich fuhr Nachmittags nach Asien hinüber, bei Chunkjar Iskelessi (der Landungstreppe des Sultans) anlegend. Es ist dort jene Bucht, auf deren einem Vorgebirge das Schloß der Aegyptierin steht, mit seinen weißen und rothen Marmorwänden das Abendsonnenlicht haltend, und auf deren anderem Vorsprunge jener Obelisk die Erinnerungen bewahrt an die Hilfe, welche 1833 russische Truppen dem Sultan gegen einen Glaubensgenossen, den aufständischen Vicekönig von Aegypten, geleistet haben.Timeo Danaos dona ferentes, so sollten die Türken diesen Warnungsfinger lesen. Ich sehe ihn seinen Schatten auf die Uhr der Zukunft werfen.

Die große Bucht von Bejkos, berühmt als Lagerplatz der französischen und englischen Flotten während des letzten Krimkrieges, liegt hart neben der von Chunkjar Iskelessi. So nahe stehen in dieser sonderbaren Welt des Wechsels die Contraste oft nebeneinander: hier die Russen als Freunde, dort ihre Gegner den Türken verbündet.

Gleich beim Ufer empfangen prachtvolle Platanen-Alleen den auf Chunkjar Iskelessi Landenden. Es sind herrliche, uralte Bäume, und unter ihnen und weit bis zu den Bergen hingezogen grüne saftige Wiesen. Einen der Bäume hat der Blitz getroffen; es steht nur noch der ausgehöhlte Stumpf, kaum viel mehr als Manneshöhe, die Rinde hat sich oben kegelförmig zusammengezogen, und aus ihr wie aus den weitverbreiteten Wurzeln sproßt das immer noch rege Leben mit hundert neuen Zweigen und grünen Trieben. In dieser befiederten Hütte hat ein Kaffeegi seine Werkstätte aufgeschlagen, und vor ihr sitzend trank eine Gruppe Türken den schwarzen Kaffee, rauchte und spielte Lange-Puff. Schon durch seine Seltenheit wäre dieser in ein Zelt umgewandelte Baumstamm eine wirkungsvolle Staffage für ein Bild.

Ein Bach schlängelt sich durch die Wiesen hart an dem Fuße des hier in das Thal abfallenden Riesenberges her. Weiber saßen auf seinen Ufern, bunt in ihren türkischen Kleidern und dicht gereiht, als seien es Weiden, die das Wasser einfassen. Kinder tummelten sich auf den Wiesen und ein paar Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren Waarenlager auf den hier üblichen Dreifüßen aufgestellt. Langsam und beschwerlich kamen mir vergoldete Arabats entgegen, von Ochsen gezogen und mit verschleierten Frauen überfüllt. Sie stiegen vom Riesenberge herab, wohin man mit solchen Mitteln die Ausflüge zu machen pflegt. Gerade so müssen die Wagen der Alten ausgesehen haben, die von Aegypten nach Babylon die große Landstraße befuhren.

Ich ging immer dem Bache entlang, tiefer in das Thal hinein, auch an Feldern und Meierhöfen, einer Tenne vorüber, wo das Getreide in antiker Weise gedroschen ward und die Lehre Christi ihre Befolgung fand: denn dem Viehe, welches darauf herumlief, war das Maul nicht verbunden.

Die Hügel zu beiden Seiten des Thales sind dicht und mannigfaltig bewaldet. Der Wald hat in seinem äußeren Ansehen sogar etwas Feuchtes, Undurchdringliches. Je weiter man kömmt, desto enger wird das Thal und desto fruchtbarer sein Wachsthum. In Tokat, einem lieblichen Punkte, sind riesige Bäume über ein Wasserbecken geneigt. Türken und auch ein Neger ruhten in ihrem Schatten. Einer, da die Gebetstunde gekommen war, breitete den Teppich aus und verrichtete sein Gebet, gegen Mekka gewandt sich niederwerfend und den Boden küssend. So stille sind die Vergnügungen dieses Volkes; wie dort am Bache die Frauen, so hier die Männer: Sitzen, Schauen und Schweigen; nirgends ein Streitender und nirgends ein Betrunkener. Es ließe sich nach diesem Eindrücke auch „Ein Tag des Herrn“ dichten und sich zum Gegenstücke des Reinick’schen „Sonntag Morgens am Rheine“ — das Lied „Ein Feiertagsabend am Bosporus“ nennen.

Da ich zurück ging in werdender Nacht, lag die Wiese von Chunkiar Iskelessi schon ganz im Schatten der nachbarlichen Berge; nirgends ein Lichtlein mehr und kein Lebendiges auf der weiten Flur, — da befiel auch mich ein „süßes Grau’n, geheimes Weh’n“, und anbetend das Uhland’sche Sonntagslied murmelnd fuhr ich über den Bosporus.

Bujuk-Dere, den 23. Juli, Samstags.

Seit mehreren Monaten hat der Sultan sieben- bis achttausend Mann seiner Truppen ein Lager bei Maslak beziehen lassen. Es ist das ein Meierhof ziemlich halbwegs auf der Landstraße von Constantinopel nach Bujuk-Dere. Er selbst besucht es wöchentlich mehrere Male, gibt seinen Soldaten dort Feste, und erst neulich sahen wir den Himmel von einem Feuerwerke erleuchtet, das dort abgebrannt wurde, als der Sultan die Nacht in seinem Zelte zubrachte. Er sieht es gerne, wenn Fremde das Lager besuchen, und so fuhren wir heute auf dem Landwege dorthin. Die Straße ist schlecht nach unseren Begriffen, gut nach den hiesigen. Von der Wiese, wo der französische Graf Roul gerastet, steigt sie steil aufwärts, läuft dann oben auf den Höhen der Hügel eben fort; rechts und links eine gelbrothe Sandwüste, die sich scheinbar endlos in das Innere des Landes fortzieht. Es ist wie die Campagna di Roma; das Tageslicht leuchtet erfolglos darauf, aber die Farben des Sonnen-Auf- und -Unterganges erglühen um so lebhafter auf dieser leblosen Unterlage. Dabei ist der Boden nicht unfruchtbar; wo ihm etwas eingepflanzt ist, trägt er Früchte und lohnt reichlich. Es fehlt nur die Hand, die sich darum bemüht. Sonderbar, daß die großen Schicksalsstätten der Geschichte, Rom, Jerusalem und Constantinopel, alle — obwohl noch immer fortlebend — von solchen Friedhöfen der Natur umgeben sind. Will der Mensch dort die Geschichte begraben sein lassen und sollen wir diese Städte als ihre Denkmale achten, oder verliert er dort nur in dem sonst so verzehrenden Leben den Trieb zur Arbeit?

Ab und zu, wenn eine der höchsten Höhen des wellig auf- und niedersteigenden Weges erreicht ist, fällt der Blick zurück auf das schwarze Meer und einmal auch zugleich vorwärts auf die Kuppeln und Minarete von Constantinopel; noch öfters zur Seite hinab links auf eine der Buchten des vielgewundenen Bosporus. Θάλαττα! Θάλαττα! ruft dann das ausgetrocknete Auge, das vom Staube und Widerscheine der Sonne ermüdet ist.

Auf einer dieser Höhen stiegen wir aus. Vor uns ausgebreitet in den Thälern, die sich dort hinabziehen, liegt das Lager; grüne und weiße Zelte, die weißen kleinen um die Gewehre zu bewahren. Je 10 Mann schlafen in einem Zelte. Wir sahen uns das Ganze aus dem Zelte des Sultans an; herbeigerufene Officiere machten artig die Erklärer. Das Meiste der Mannschaft, Cavallerie, Artillerie und Infanterie, hatten wir früher schon auf Uebungsmärschen begegnet und beobachtet. Die Leute sahen gut aus. Bestaubt, beschmutzt und sonnenverbrannt schien ihnen nichts zu fehlen, als der zündende Funke, das kriegerische Spiel in Ernst zu verwandeln. Ich zweifle, daß ohne diesen Funken, der nur der religiöse Fanatismus ist, die türkische Armee je wieder etwas Weltbewegendes wird leisten können. Diesen Funken aber anzufachen halte ich jeden Augenblick möglich, denn der Glaube ist hier reger, als ihn das ungläubige Europa glaubt. Es gilt also, damit die Türkei wieder werde was sie einstens war: eine erobernde und jedenfalls nicht erbebende Macht, nur, daß ihre Machthaber den Muth haben, sich der europäischen Strömung zu widersetzen. Seit Mahmud richten Reformationen und die Beihilfe der Großmächte die Türkei zu Grunde. Es war ein im Wesentlichen richtiger Gedanke, als Mahmud die Vorschläge des Wiener Congresses zurückwies, in das Concert der europäischen Großmächte einzutreten. Die Türkei ist nur groß und mächtig, wenn sie auf ihren eigenen Füßen steht, aber rechts und links wich man von diesem Grundsatze ab und folgte, ohne das Entgegengesetzte ganz zu ergreifen, in den Details fremden Rathschlägen. Das sind die Abwege, auf die man geräth, wenn man die Ursachen seines Anfanges verleugnet. Kein Staat hat sich noch ungestraft von der ihm ursprünglich gesteckten Aufgabe abgewendet, und nicht fraglicher als für die übrigen europäischen Völkerfamilien erscheint es mir für die türkische, ob ihr von dieser Verirrung eine Umkehr zu sich selbst möglich sei.

Der Anblick der vielen tausend Wohnstätten lebender Menschen in dieser dürren, unfruchtbaren Gegend eigens aufgerichtet, mahnte mich an die Zeit, wenn erobernde Schaaren in diesen Gegenden belagernd hausen werden. Auch das wird kommen, wie ja Ilion sank und die ewige Roma.

Ehe wir wieder in den Wagen einstiegen, führte man uns zu unterirdischen Gängen, die man eben jetzt bei den Lagerbauten entdeckt hat. Es sind breite, hochgewölbte Corridore, die in größere Hallen münden und sich dort mit anderen Gängen kreuzen. Es scheint ein ganzes unterirdisches System geheimer Wege oder Canäle zu sein. Späteren Forschern bleibt es vorbehalten, ausfindig zu machen, wozu sie gedient und wohin sie geführt; die Hirten, die einstweilen darinnen nisten, erzählen, bis nach Constantinopel, und sie mögen wohl das richtige errathen. Ist es so, dann dürfen diese unterirdischen Wege des byzantinischen Constantinopel als wirkungsvolles Lösungsmittel in dem Romane nicht fehlen, der einmal den Glanz und den Untergang des oströmischen Reiches schildern wird. Denn byzantinisch ist dieses Gemäuer jedenfalls; es stellt dieselbe sorgsame Ziegelfügung dar, wie an der hohen Pforte des Genueser Schlosses. Der aufgehäufte Unrath der Heerden und die Stickluft, die unsere Fackeln löschte, hinderten weiteres Eindringen. Der Sultan baut gerade darüber ein Landhaus, und die Sage geht, daß dort in alten Zeiten schon ein fürstliches Schloß gestanden habe. Ein paar hochstämmige Pinien, die um den viereckigen Platz stehen, könnten vielleicht als Zeugen von verschwundener Pracht citirt werden. Dann haben die Canäle auch von der kaiserlichen Villa nach der Stadt geführt.

Bujuk-Dere, den 24. Juli, Sonntag.

Nachmittags, da noch die Sonne warm am Himmel stand, fuhr ich im Schatten der europäischen Küste hinaus nach dem schwarzen Meere. Dort wendeten wir und ruderten zur roth beglänzten asiatischen Küste hinüber. In einer kleinen Bucht legten wir an. Ein schmales Thal mündet dort; Monastir Deressi heißt es von den Klosterruinen, die versteckt darin hinter Büschen und Schlinggewächsen liegen. Ich hatte sie schon öfters bei der Fahrtnach dem schwarzen Meere bemerkt und mir einen Besuch hier vorgenommen. Es sind nur ärmliche Ruinen aus spät byzantinischer Zeit; aber das Ganze ist durch die Umgebung, durch das Grün, das darüber wuchert, und durch die Einsamkeit eine Idylle geworden, wie sie poetischer und malerischer keine rheinische Ritterburg und keine altdeutsche Sage darstellt. Wer mag in der Kirche gebetet, wer in dem Kloster gelebt, gefühlt und vielleicht geliebt und dann auch gelitten haben? Es brauchte nur eines kühnen Sinnes, der das erfände, um diesen Ort zu einem Wallfahrtsort der Romantiker zu machen.

Was von dem Baue heute noch steht, wird wohl die Kirche mit einer Kuppel und der Apsis gewesen sein; das Kloster lag dort, wo an der linken Thalwand die Mauerreste aus dem Boden hervorquellen. Auch diese Ruinen der Vergangenheit kränzt der Lorbeer. Vor dem Eingange der Kirche wölbt sich ein Hügel von Schlinggewächsen; ich vermuthe einen Haufen Mauertrümmer darunter, wie sie einzeln weitum zerstreut liegen. Der Arbutus steht in hohen Sträuchen und bedeckt mit runden Früchten; daneben blühende Erika in weit über Manneshöhe ragenden Stauden, und Sparti, der seine gelben Sporen aus dem Grün herausstreckt. Das Schlinggewächs ist an einigen Stellen undurchdringlich und wehrt mit stacheligen Dornen ab, als lägen dort besondere Schätze begraben, die ihm ein Zauber zu hüten aufgetragen.

In goldig wolkenlosem Abende rudern wir zurück, mein Sinnen vollgefüllt mit Phantasiebildern der Vergangenheit.

Dienstag, den 26. Juli.

Es ist ein altes Beiwort, das den Bosporus fischreich nennt. Ein ähnliches sollte seinen Ufern von der Menge der Vögel geworden sein. Wo ein schattiger Busch und ein kühler Quell, dort schlägt auch die Nachtigall, und das Käuzchen wartet hier nicht einmal den Verfall und die Einsamkeit ab, in die belebtesten Ortschaften wagt es sich und stört die Nacht durch seinen prophetischen Ruf. Aber nicht blos das Land, auch das Wasser des Bosporus ist in solcher Weise befiedert und bevölkert. Ein sonderbarer Vogel, den ich nirgends sonst sah aber der Schwalbe verwandt glaube, wenigstens gleicht er am meisten durch die Flugart dieser, belebt den Tag über in großen und dichten Schaaren den Strom. Nie sah ich ihn einzeln, nie auch bei Nacht, und gewöhnlich so dicht über dem Wasser schwebend, daß es den Anschein hat, als streife er es und tauche von Zeit zu Zeit darin ein. Sein Flug hat etwas elektrisch zitterndes, die Flügel hastig auf- und abschlagendes, bis er plötzlich wieder regungslos gespannt eine Strecke weit wie ein abgeschossener Pfeil dahin gleitet; immer ist er so schnell, daß kein menschliches Auge im Stande ist, dem Körper die Form und Farbe abzumerken. Man sieht ihn nie auf den bewohnten Ufern des Bosporus einkehren und es ist mir auch nur eine unerwiesene Sage, die die Kaïkgi’s erzählen, daß er in den schwarzen, rauhen Felsen, an der Mündung des Stromes in den Pontus Euxinus, niste. Endlos und ruhelos, wie zur ewigen Bewegung auf dieser kurzen Straße verurtheilt, erscheint sein Flug und seine Existenz, daß der Name, den man hier diesen Vögeln gibt, gar wohl als ihnen angeboren gelten kann.Ames damnées, arme Seelen, nennt man sie und läßt damit vielleicht nur den uralten Wahn wieder aufleben, der die Vögel als Bewahrer der Geister der Verstorbenen verehrte. Die Aegyptier setzten jeder Mumie einen kleinen thönernen Vogel auf die Brust, die sich heute noch so in ihren Särgen wiederfinden, und die Mohammedaner, die es den heidnischen Arabern zuerst wehren wollten, das Käuzchen für einen Todtenvogel zu halten, der auf dem Grabe des Erschlagenen schreiend die Blutrache fordert, lassen heute die Seelen frommer Moslims in den Kehlen grüner Vögel aufbewahrt den Tag des jüngsten Gerichtes erwarten. Der Aberglaube participirt eben auch an dem allgemeinen Gute der Unsterblichkeit, und wie oft ihn die sogenannte Aufklärung ausgerottet zu haben behauptet, es taucht immer derselbe wieder auf.

Bujuk-Dere, den 27 Juli.

Der heutige Abend war noch schöner als sie hier alle sind. Ich ging, um ihn völlig zu genießen, nach dem russischen Gesandtschaftsgarten. Dort tritt man zuerst durch ein Blumenparterre ein, in dem der Orangenduft betäubend die Luft versüßt, dann unter acht Pinien hin, den hochstämmigsten und breitkuppligsten die ich je gesehen. Sie stehen im Kreise, und fügen sich zusammen wie das Gewölbesystem einer der sultanischen Moscheen auf den sieben Hügeln Stambuls. Auf ihren Kronen leuchtete noch das Sonnenlicht; unter ihnen lagen schon abendliche Schatten. Und so auch in den Eichen- und Kastaniengängen, die ich jetzt hinaufstieg über moosige Marmorstufen und feuchtes Erdreich zu derAllée des roses, einer herrlichen Terrasse, die schon den Bosporus überschaut. Ich aber drängte höher hinauf, um auch nach dem schwarzen Meere den Blick frei zu haben. Ich kam durch eine Pinien-Allee; der Boden ist von jenem eisenhältigen Erdreiche, das hier so oft verrätherisch für die ursprüngliche Bildung dieser Gegenden zu Tage tritt, und in den Wipfeln lag auch nicht mehr das Gold des Sonnenglanzes, sondern das Roth des geschiedenen Tageslichtes. Es war als sei Alles, Boden und Himmel, von jenem Purpur übergossen, dessen Farbe die Alten so sehr rühmten und dessen Fabrication uns verloren gegangen ist.

Eine feierliche Stimmung übermannte mich. Noch einige Schritte aufwärts und bis zum schwarzen Meere hinaus lag der Strom des Bosporus vor mir. Schiffe über Schiffe, die hinaus und herein wollten, der Abendwind trieb sie und blähte ihre Segel; dazwischen mächtige Dampfer, Schraubenschiffe, die weit ihre Rauchwolken nach sich zogen. Ein großer russischer fuhr hart unter mir her.

Ich dachte, was Alles diese Straße gegangen und welche Schicksale noch darüber hinwandeln würden. Meine Rückschau stieß auf Jason, den ersten, der der Menschheit diesen Weg gebahnt hat. Ein sonderbarer Einfall kam mir dabei, den ich meine Phantasie fortspinnen ließ, bis es tiefe Nacht geworden war, daß ich dannmühsam und vielfältig verirrt zwischen gespenstigen Lorbeerbüschen hindurch den Rückweg nach Hause suchen mußte.

Jason ist das Kind eines Königsgeschlechtes der Minyer, die lange über Thessalien herrschten; das ist die verbürgte Ueberlieferung der ältesten Sage. Die Thessalier galten von allem Anfange an als eine seegeübte, meerliebende Nation. Der Handel hatte sie reich gemacht und darum nannte man sie „von Poseidon gesegnet“ und ihre Landschaft von ihm besonders beschützt. Das benachbarte Lemnos hatten sie frühzeitig besetzt und durch das ägäische Meer nach dem asiatischen Troja ihre Fahrten ausgedehnt, wahrscheinlich aber auch in das mittelländische bis zur phönicischen Küste und dem reichen Sidon sich gewagt.

In jener allerersten Zeit, als die Welt der griechischen Vorstellungen noch gar klein war, muß ihnen schon das schwarze Meer als ein außerordentlich lohnendes Gebiet ihrer Gewinnsucht, zugleich aber auch ihrer Ungeübtheit durch seine Ungeberdigkeit als ein unfreundliches Feld (axenos) ihrer Schifffahrt erschienen sein. Dorthin zu dringen mag ein sehnsüchtiger Wunsch aller Abenteurer gewesen sein, so wie im 15. Jahrhundert die längst geahnte, immer aber noch nicht erreichte Fahrt um das Cap der guten Hoffnung und die noch sehnsüchtiger begehrte Entdeckung der fabelhaften Insel Atlantis. Ganze Jahrhunderte werden von solchen Wünschen bewegt und von den Versuchen sie zu realisiren erfüllt. Das Vorahnen ihrer Erfüllung liegt in der Luft, wie das Kommen des neuen Frühlings schon in einem warmen Februartage. Man lasse diese Entdeckungen in einer uns ferner liegenden Zeit geschehen und nicht gleichzeitig damit die alles feststellende Buchdruckerkunst erfunden worden sein, und wir würden sie wohl heute in Fabeln nicht weniger kraus und bunt als die des Phrixos und des Jason verkleidet sehen.

Phrixos ist einer der vielen Abenteurer, die vor dem glücklichen Jason diese Entdeckung gesucht, die Anknüpfung von Handelsverbindungen zwischen dem Mutterlande und dem reichen Kolchis angestrebt haben. Da er nicht zurückkam, mag sich die Phantasie,die sich nun einmal von ihren Plänen nicht abbringen lassen wollte, über sein Schicksal mit den Bildern von dem glücklichen Wohlleben getröstet haben, das er in Kolchis fand. Vielleicht brachten auch wirklich Abkömmlinge von ihm die Kunde von der behäbigen Existenz des Vaters nach der Heimath zurück.

Danach scheint der Wunsch, neue und regelmäßige Verbindungen nach jenen Küsten anzuknüpfen, ein immer regerer, ein unwiderstehlicher geworden zu sein; ganz Griechenland wurde davon erfaßt und betheiligte sich an der Expedition, die das thessalische Königsgeschlecht ausrüstete. Thessalien, das nach jenen Himmelsgegenden hin jedenfalls die geübteste Schifffahrt hatte, behielt nur die Führung. Und daß diese Argofahrt wirklich als ein weltumgestaltendes Ereigniß betrachtet ward, beweist der Name, der ihrem Führer entweder vor- oder nachher beigelegt ward: Jason, der nichts geringeres als unser Jesus, der „Helfer und Erlöser“ bedeutet. Also erlöst vom bisherigen Zwange und eingeführt in eine neue Welt hat er sein Volk und darum diese Auszeichnung und die Glorification in der Sage.

Daß sein Wagniß wirklich bleibende Verbindungen anknüpfte, das schwarze Meer für alle Zeiten erschloß, beweist der Euxinos, in welchen sich der Axenos, der ungastliche Pontos mit seiner Fahrt verwandelte.

Die verschiedenen Landungen, die die Sage den Jason an den Küsten der Propontis und des Bosporus vornehmen und wo sie ihn regelmäßig einen seiner Gefährten verlieren läßt, mögen die Colonien bedeuten, die dann in späterer Zeit durch diesen Handelszug auf diesen Küsten von den gewinnsüchtigen, weltdurchstreifenden Griechen errichtet wurden. Bekannt ist, daß dort nirgends ein Ort, wo nicht heute noch Spuren ihres Seins zu finden wären. Erst kürzlich die Münze wieder, die, auf dem Sigäischen Cap gefunden, unter dem eingeborenen ΣΙΓΕ (Sige) die Eule von Athen und — was die Verbindung nach der anderen Seite hin notirt — daneben den Halbmond, auf der Rückseite den Kopf der kolchischen Artemis zeigt.

Das goldene Vließ, das Jason holte und heimbrachte, ist nur das Sinnbild jenes Wollhandels, der für die damalige Industriewelt dieselbe Bedeutung hatte, wie für die heutige der Baumwollhandel mit Südamerika; das Palladium der Macht und der Stärke Griechenlands war nur der angeborenen Natur des Volkes gemäß ein etwas poetischeres Symbol als der Wollsack des englischen Lord Oberkanzlers, der auch das bedeutet, was England war, ist und sein wird. Die Wolle hatte damals schon wie heute noch ihre berühmtesten Züchter im Innern von Asien, in seinen bergigen Theilen. Von dort ging sie ursprünglich auf der alten Karavanenstraße über Babylon und Ninive nach dem industriereichen Phönicien und Aegypten. Tyrus und Sidon hatten die berühmtesten Tuch- und Teppichfabriken. Für die Griechen mußte es von unberechenbarem Vortheile sein, diesen Landhandel abzuschneiden und zur See auf kürzeren Wegen den Phöniciern ihr Rohmaterial wohlfeiler und rascher zuzuführen. Im Zwischenhandel waren sie immer groß und wußten dabei ihre besten Gewinne herauszuschlagen.

Daß Kolchis aber ein reiches Culturland gewesen, beweist schon die Abstammung seiner Völker, welche die griechische Sage von den Assyriern und Herodot gar von den Aegyptiern herrühren läßt, also von den Völkern, welche der heutigen Wissenschaft, unzweifelbar Griechenland alle seine Bildung und Erziehung gegeben haben. Kolchis lag, wie Trapezus später und Trapezunt heute noch, geborgen in seinen dichten Wäldern auf dem Endpunkte der Handelsstraße, die dort, vom Inneren Asiens kommend, nordwärts ausläuft.

Es ist dieses Motiv, welches ich der Argofahrt unterschiebe, kein Grund, daß nicht zugleich mit der Wolle von Kolchis aus auch jener religiöse Cultus nach Griechenland gekommen sei, wegen dessen Jason nach der bisher gewöhnlichen Anschauung allein das Wagniß unternommen haben soll. Im Gegentheil, das gemeinsame Kommen der beiden Culturelemente ist das Wahrscheinlichste; materielle und geistige Früchte bringt der Handel gewöhnlich zugleich von seinen Entdeckungsfahrten heim.

Kolchis war ein berühmter Sitz des Artemis-Cultus; dorthinwar er wohl mit den übrigen Culturelementen aus dem Inneren von Asien eingewandert. Der Mond- wie der Sonnendienst stammt aus jenen alten Ursprungsstätten der Menschheit, wo die Astrologie ihre eifrigsten Verehrer hat und immer hatte. Dem Alterthume galt das Gebiet des Pontos als die Heimath der jungfräulichen Artemis, der mondsüchtigen Hekate, derDiana phosphora, und von dort soll ihr Dienst nach dem lichten Griechenlande gekommen sein. Der ganze Bosporus, die Bahn dieser Wanderung, war mit den Standbildern der geheimnißvollen Göttin besetzt. Gleich das erste seiner asiatischen Vorgebirge, das noch in das schwarze Meer hinaussieht, trug eines; ein anderes das „heilige“ Cap, das zu Füßen des heutigen Genueser Schlosses liegt; ein drittes die stille, bewaldete Bucht von Bebeck, und auf der Landzunge des goldenen Hornes selbst stationirte dieser Cultus lange. Der mächtige Halbmond auf der Aja Sophia ist heute noch ein Ueberbleibsel jener uralten Vergangenheit; er wurde von der Stadt her das Wappen des Reiches und die Türken haben nur den aufgehenden Morgenstern darein gesetzt.

Medea, die Gattin, das gelehrte, in geheimen Künsten vielerfahrene Weib, das Jason mitbringt, vertritt in der Sage das wissenschaftliche Element, wie die andere Frucht der Reise, der volkswirthschaftliche Erfolg, in dem goldenen Vließe vertreten ist.

Ein späterer Theil der Sage greift durch das Kind der Medea mit dem attischen Aegeus wieder nach dem Oriente zurück. Jener Knabe hieß Medes und soll der Stammvater des medischen Königsgeschlechtes geworden sein, sowie Perseus mit dem Perses seiner Andromeda das persische Fürstenhaus gezeugt haben soll. Orient und Occident erscheinen so in fortwährender Wechselbeziehung. Die Befreiung der Andromeda, kann sie nicht die Erlösung irgend eines asiatischen Reiches aus einer großen Gefahr gewesen sein?

Man wird mich steinigen, weil ich solch’ handelspolitische Auslegung einem bisher so poetisch verehrten Mährchen zu geben wage. Aber ich frage: ist die eine Deutung nicht die andere werth? Worinliegt der Grund, daß die, welche Alles auf einen Naturdienst, auf eine Personification der Naturkräfte zurückführen will, mehr Wahrscheinlichkeit für sich habe, als diese, welche einen Hauptcharakterzug der Griechen zu Hilfe nimmt, ihre Handelsliebe, ihre Weitschweifigkeit, die zu allen Zeiten ihr materielles und ihr geschichtliches Leben zumeist geregelt haben? Man hat überhaupt in der bisherigen Weise des Vortrages der alten Geschichte den Handel nicht hoch genug gewerthet. Daß er mit Allem was darum und daran hing nicht verachtet war, beweist der Glaube der Phönicier, der sich den Herakles als den Erfinder des Purpurs vorstellte. Ueberhaupt kein orientalisches Volk wird den Handel und die übrigen Industriezweige geringe achten; sie sind durch die Natur ihres Himmelsstriches viel zu sehr auf die praktische Richtung des Lebens angewiesen. Ganz unpraktische Leute gibt es nur im Norden.

Bujuk-Dere, den 28. Juli.

Ich machte in Therapia einen Besuch. Ein Theil der europäischen Gesandten wohnt dort. Es ist kühler, aber auch stürmischer gelegen als Bujuk-Dere, weil es den vollen Windanprall aus der Mündung des schwarzen Meeres erhält. Der schönste Garten dort ist der der französischen Botschaft. Durch hohe Alleen im Style desle Notresteigt man zu einer Terrasse empor, die pinienüberdeckt den herrlichsten Aussichtspunkt des ganzen Bosporus gewährt. Zwischen den vorgeschobenen Bergen der beiden Welttheile durch sieht man auf das schwarze Meer hinaus; heute zogen finstere Wolken darüber und das Meer selbst lag dunkel fast wie sein Name. Ich dachte wieder an Jason und wie er vielleicht bei solchem Wetter die erste Ausfahrt hatte wagen müssen. — Unmittelbar vor mir peitschten die Wellen den weißen Schaum in langen Zungen den Quai und die Häuser hinauf, und weiter draußen im Bosporus erschütterten die Wogen sogar den Gang der Dampfer. Die Heimfahrt im kleinen Kaïk wurde ein förmliches Wagestück.

Bujuk-Dere, den 29. Juli, Freitag.

Die „süßen Wasser von Europa“ sind mir vor Wochen, da ich sie besuchte, als eine vollständige Enttäuschung ihres Namens erschienen; dürr, kahl zwischen sandigen Hügeln an einem dürftigen Wasser gelegen, fand ich nichts sehenswerth als das Treiben der Menschen, das aber nicht buntfarbiger erschien als hier an allen Orten. Um so gleichartiger ihrem Namen fand ich die süßen Wasser von Asien, Göcksu, das Himmelswasser. Es ist ein Thal, das hinter einer Bucht des Bosporus gelegen diesen Namen führt; Constantinopel näher als Bujuk-Dere, muß man, wenn man von dem letzteren kommt, an den beiden Schlössern des Bosporus vorüber. Sie bleiben von Göcksu aus immer im Bilde. Anatoli Hissar, das Schloß von Asien, krönt das rechtsseitige Vorgebirge, Rumili Hissar das europäische. Die Bucht selbst wird auf dem einen Arme durch Anatoli Hissar, auf dem anderen durch Kandili, ein großes Dorf mit blühenden Landhäusern, begrenzt. In ihrem innersten Busen rinnt Göcksu, das Himmelswasser, zum Thale und zur salzigen Meerfluth herab, noch eine Menge Grün zeugend, ehe es diese gemeine Mengung eingeht. Ein köstlicher Köschk des Sultans, wie aus Zucker gebaut, ein Schlößchen, das sich in die Fabeln von Tausend und Einer Nacht fügen läßt, steht an seiner Mündung. Wie eine Perle aus der Muschel der Venus, die das leichtsinnige Meer dorthin geworfen, erscheint es dem Vorüberschiffenden, und der Bewohner sieht — ein prächtiges Bild — aus seinen Fenstern auf die gegenüberliegenden Hügelgärten der Villa Ali Pascha’s zu Bebeck. Der letzte, der in diesem Hause die Gastfreundschaft des Sultans genoß, war Fürst Cusa; einer seiner Vorgänger der heutige König der Belgier.

Auf dem Ufersaume von Göcksu saß eine buntgekleidete Menge, die vornehmsten Türkinnen darunter, zwei von außerordentlicher Schönheit in wahrhaft verschwenderischen Luxus gekleidet. Schöner noch erschien mir später eine Frau, die in einem mit Tigerfellen überdeckten Kaïk an uns vorbeiruderte. Jede dieser Damen hatteein zahlreiches Gefolge dienender Weiber hinter sich; die breiteten, wo sich die Herrin niederlassen wollte, Teppiche und Polster aus, saßen dann aber ungeschieden mit ihr zusammen. Die Kinder spielten vor der Gruppe, Eunuchen hielten die Wache, die Niemand bedroht, Bärentreiber, Zuckerverkäufer, Obsthändler drängten sich zu, boten ihre Waaren an; einige Geigen fiedelten, und das orientalische Jahrmarktsfest zu Plundersweilern war fertig. Doch muß ich anmerken, daß ich hier zum ersten Male etwas von der Coquetterie europäischer Festplätze sich beimischen sah. Es war ersichtlich, derselbe Trieb zu gefallen waltete hier wie dort.

Noch mehr Vergnügen als der Spaziergang in dem Thale von Göcksu bot die Rückfahrt auf dem Bosporus. Die Sonne sank hinter den europäischen Hügeln, die grau und düster waren; den asiatischen ließ sie Farben von solcher Gluth, daß selbst hier, wo die Augen doch an Buntes gewöhnt worden sind, Staunen sie erregen mußte. Wie in Flammen aufzulodern schienen die Felsen, und von den Pinien troff es wie Blutstropfen. Die Landhäuser leuchteten wie Edelsteine und überall thaten sich die vergoldeten Gitter auf, daß man von der See aus den Einblick in die reiche Häuslichkeit hatte; die niederen Tische wurden gedeckt und Lichter hereingebracht; ruhend auf den Stufen, die zu dem Wasser hinabführen, saßen rauchende Neger, die Diener der reichen Häuser. Und über dem allen lag ein Gottessegen und ein Genießen, das durch jede Pore des Körpers in die Seele drang.

Bujuk-Dere, den 31. Juli.

Ich hatte den Abend im russischen Gesandtschafts-Palais zugebracht. Es war Mitternacht längst vorüber als ich aus geistvoller Gesellschaft allein auf den Quai trat. Die Nacht war noch wärmer als es der Tag gewesen, wie mit körperlicher Schwere lastete die Luft auf den Sinnen. Aus den Gärten drang der Orangenduft und kein Luftzug entführte ihn auf die See hinaus; der Bosporus lag schwarz und unbeweglich. Eine Menge Menschen drängte sich noch auf dem Quai und die ärmliche Musikbande des Ortes spielte ihre italienischen Melodien. Die Frauen, die meisten sehr elegant und viele ausdrucksvoll schön, trugen den Kopf frei oder nur einen Schleier übergeworfen; sie betrachten den Quai als zu ihrem Hause gehörig. Das Ganze in dichte Finsterniß gehüllt, die nur in der nächsten Nähe zu sehen erlaubt oder wo die Papierlaternen eines Limonade- und Gefrornes-Händlers einigen Lichtschein verbreiten. Da, plötzlich flammte von der gegenüberliegenden Küste ein Feuerwerk auf; in Therapia feierten sie das Namensfest irgend eines griechischen Heiligen. Man hatte diesen Effect erwartet, und nun ging der Lärm der Stimmen noch mehr los als er bisher schon gewesen.

Das ist derQuai de Bujuk-Dere, der in der Schätzung der Levantiner nicht weniger gilt als dieGrande rue de Pera, und so sieht er aus beinahe jeden Abend, wenn Gott ihm einen wolkenlosen Himmel oder gar einen vollen Mondenschein gibt. Diese Abende freilich sind hier reizend, aber noch schöner sind sie, im einsamen Boote hinaus in die See zu fahren.

Bujuk-Dere, den 1. August, Montag.

Es war eine Wallfahrt der Ritt, den ich heute nach Belgrad machte. Lady Montague schrieb dort zwei ihrer reizenden Briefe, und ich habe die Frau, seitdem ich dieseLetters written during her travels in Europe, Asia and Afrikagelesen, auf den Parnaß meines literarischen Glaubens erhoben. Es gibt wenige Bücher, die so wie das ihrige mit zarter Frauenhand geschrieben, die Dinge wahrheitsgetreu gesehen, unbefangen aufgenommen, muthvoll dem Vorurtheile der ganzen übrigen Welt gegenüber bekannt und ausdrucksvoll geschildert haben. Dabei gibt sich das Ganze als etwas Einfaches, in so bescheidener Form, daß man nicht nur das Buch, daß man auch den schöpferischen Geist, der dahinter steht, lieb gewinnt. Man muß sich erinnern, was die Türkei und die Türken zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in den Begriffen der öffentlichen Meinung waren, wie sie noch weit mehr, als dies heute bei Vielen noch immer der Fall ist, als Vertreter aller Barbarei, Rohheit und Unduldsamkeit galten: um vorgeschrittene Briefe wie den 29. und 30. der Sammlung nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Dem landläufigen Glauben entgegen schildert eine Frau hierin die Türken als andere denn bloße Christenfresser und ihre Weiber nicht als jene freudelosen Sklavinnen, als welche sie von dem ganzen weiberfreundlichen Europa bedauert werden. Besonders wirkungsvoll in dieser Beziehung ist der Brief vom 1. April aus Adrianopel, der in die Schilderung eines türkischen Frauenbades die richtige Bemerkung eingeflochten hat, „daß, wenn wir den ganzen Körper unbekleidet ließen, man das Gesicht kaum mehr bemerken würde“. Das ist zierlich und anständig gesagt, in reiner Sprache, daß ich diese Briefe blos als Stylmuster in unserer stylverwilderten Zeit immer wieder lese. So sind auch noch von ganz besonderer Vollendung der 36. und der 41. Brief, der letztere in Pera, der erstere in Belgrad geschrieben, beide über die Sklavenfrage eine Freundin in artiger Weise belehrend, daß nicht alle türkischen Griechen Sklaven aber die meisten türkischen Sklaven im Durchschnitte besser gestellt seien als europäische Dienstboten. Wie mundtodt die Wahrheit sein kann, beweist der Umstand, daß dies heute noch dem „gebildeten Europa“ als eine Neuigkeit erzählt werden muß.

Die Stätte, die man mir als Wohnort der Lady wies, zeigt heute kaum mehr Trümmer; nur die Fundamente eines Hauses ragen noch stellenweise aus der Erde hervor, das Meiste ist durch Feigengebüsche verborgen. Ich nahm ein Blatt mit, es als Reliquie in das Buch der Engländerin zu legen.

Belgrad ist ein kleines hölzernes Dorf, heute von ärmlichem Aussehen, zwar grün und still gelegen, aber der Wunsch, getrennt vom Bosporus zu leben, zu wissen, daß er so nahe vorüberfließt, ohne daß man ihn sieht, wird mir immer unbegreiflich sein. So schön diese runden, dichtbelaubten Hügel das Becken von Belgrad umschließen, schönere Bergformen gibt es anderswo, und dasGrün von Brussa z. B. ist ein tausendfältig reicheres, den Bosporus aber hat die Welt nur einmal und das Meer ist nirgends schöner als dort, wo es durch die Ufergelände von Europa und Asien nach Kiredsch Burun hereinsieht. Erreichbar nahe diesen Gestaden und doch davon geschieden zu sein, erscheint mir jeder andere Aufenthalt wie ein Ort der Verbannung.

Streckenweise in starkem Regen war ich nach Belgrad hinausgeritten. Die Mischung mit dem nassen Elemente hatte die rothe Erde noch röther gefärbt; wo die Sonne sie durch das Dickicht der Bäume traf, glühte sie wie Purpur. Das Laub war durch den Regen grün wie im Frühling geworden und das der Kastanienbäume, leicht im Winde bewegt, leuchtete dazwischen wie flüssiges Gold. Rechts von der Straße ab liegen die Bends, große Wasserbehälter, welche die Cisternen von Constantinopel speisen. Ich kann nicht die Bewunderung theilen, welche für diese Schöpfungen der Sultane herkömmlich ist. Es sind Thäler vom Buschwerke umspannt, aber in ihrer Höhlung davon gereinigt und beim Ausgange von einer Mauer gesperrt, welche das Regenwasser sammeln und es theils oberirdisch durch Viaducte, theils unterirdisch durch Röhrenleitungen nach der Hauptstadt abführen. Ich kann sie nicht besser bezeichnen, als wenn ich sie künstliche Seen nenne, und so gehörte denn auch nicht viel Erfindungsgeist dazu, um diese Wasserspeisungsmittel zu erschaffen. Die Mauern aber, sowohl die, welche die Thäler sperren, als die das Wasser zur Stadt tragen, sind durch die Bauwerke unserer Eisenbahnen längst übertroffen.

Den Rückweg nahm ich nicht über Baghtsche Köi, ein Dorf, das umringt von diesen künstlichen Seen steht und woher ich gekommen, sondern rechts auf den Höhen nach einem Punkte, derquattro stradiheißt, weil dort vier Pfade zusammenlaufen. Von diesem Kreuzungspunkte, der ziemlich hoch gelegen, sieht man zugleich Constantinopel und das schwarze Meer, eine der schönsten Aussichten, die ich hier wenig gekannt und gewürdigt finde. Alle diese Höhen, die man dann passirt, sind mit niederem Buschwerke überzogen, meistens Steineiche, Arbutus, Kastanie, ab und zu auchein hilfeflehender Lorbeerstrauch, wie denn hier nirgends, selbst in dem jungfräulichen Walde von Belgrad nicht, der mit den härtesten Strafen gegen Holzschläger geschützt ist, der Baum sich hochstämmig auswächst.

Dienstag, den 2. August.

Schon da ich neulich in der tausendsäuligen Cisterne des großen Constantin das Bild des römischen Reichsapfels, das Kreuz auf der weltbedeutenden Erdkugel, in einem Säulenschafte eingemeißelt fand, signalisirte ich die Drohung, es könnten einmal aus dem hiesigen Besitzstande die Russen auch Ansprüche auf das Imperium über die anderen Theile des ehemals römischen Weltreiches ableiten. Heute fand ich noch einen anderen Titel für diese neue Gefahr der orientalischen Frage.

Wie beinahe alltäglich ließ ich mich Morgens über die Bucht von Bujuk-Dere hinüberrudern, um unter den Platanen von Kiredsch Baron, die ich zu meiner Studirstube ernannt, einen Beitrag zu der Geschichte dieser Gegenden zu lesen. Ich nahm heute „Des Freiherrn von Wratislaw merkwürdige Gesandtschaftreise von Wien nach Constantinopel“ mit mir, ein wirklich bemerkenswerthes Buch, das von einer früheren Zeit der Ottomanen die Sitten beinahe mit derselben Anschaulichkeit schildert, wie die nur etwas graziösere Feder der Lady Montague die türkischen des 18. Jahrhunderts. So wie diese Nachfolgerin und der noch spätere Fallmerayer, ging auch dieser ältere Fragmentist die Donau hinab nach Constantinopel. Seinem eigenen Berichte nach hatte er kaum aufgehört Kind zu sein, und war, noch ein Knabe von 16 Jahren, dem Herrn Friedrich Kregwitz als Page in das Gefolge gegeben, das dieser als außerordentlicher Gesandter Kaiser Rudolf II. 1591 zu dem türkischen Sultan Amurath III. führte.

Bei einem Dispute, welchen Wratislaw von dem Vorgänger im Amte des Herrn Kregwitz mit dem Großvezier berichtet, läßt er diesen den Kaiser einen Wiener König nennen und macht hierzudie folgende Bemerkung: „Der Großvezier nannte nach dem Gebrauche aller Türken mit Bedacht den römischen Kaiser einen Wiener König, weil die Türken darauf beharren, daß nur blos ihrem Großsultan der Titel eines römischen Kaisers wegen der Eroberung von Constantinopel, als wohin das römische Kaiserthum übertragen worden wäre, gebühre.“ — Also die Türken hatten dasimperium mundibei der Eroberung der Hauptstadt der constantinischen Weltordnung aufgegriffen und festgehalten; die Tradition dieses Rechtes lebte Ende des 16. Jahrhunderts noch bei ihnen; lebte nicht nur, sondern war im Gebrauche beiallenTürken und wurdemit Bedachtvon den Ministern gegenüber den fremden Diplomaten hervorgekehrt. Mir scheint das ein historisches Factum der größten Bedeutung zu sein, welches ich bisher nirgends genug hervorgehoben und gewürdigt fand. Wenn nun andere künftige Eroberer auf diesem Schauplatze erscheinen, werden sie bescheidener in ihren Ansprüchen sein und sich nicht auch mit diesen Rechtstiteln schmücken? Liegt es in der Art derer, die wir fürchten, sich zu bescheiden, und ist es nicht zu fürchten, daß, wenn sie einmal hier stehen, sie auch die Mittel haben werden, sich die Unterlagen zu diesen Titeln zu erkämpfen? Der Drang der Russen wie der der Deutschen geht fortwährend gegen den syrenisch verlockenden Süden. Wie mit der Kraft eines jener Naturgesetze, die den einmal in’s Fallen gekommenen Körper nicht mehr zur Ruhe gelangen lassen und die Meteore zur Erde hinabzwingen, treibt er sie südwärts, die beiden sonst in Allem so verschieden gearteten Völker durch diesen einen Wunsch ähnlich erscheinen lassend; und wenn sie dort auch zunächst getrennte Zielpunkte haben, die Einen Rom und die Andern Constantinopel begehren, so bleibt doch ihr letztes, äußerstes Ziel ein gemeinsames und darum, um die Herrschaft der Welt wird endlich der unausweichliche Vernichtungskampf zwischen Germanenthum und Slaventhum entbrennen. In Europa leidet heute schon Oesterreich, das wie ein Keil zwischen diese beiden Elemente geschoben und durch die Ungunst dieser Lage, wie durch den traditionellen Fingerzeig seinerGeschichte nach den beiden Stationspunkten dieser Ehrgeizigen, zugleich zum Besitze und zur Vertheidigung nach Constantinopel und Rom gezogen und gewiesen ist, unter dem Fluche und dem Verhängnisse dieses vorausbestimmten Geschickes; in Asien bereitet sich der Streit um die Oberherrschaft über das reiche Indien mit den Engländern als eine Episode dieses Weltkampfes vor, und Amerika, das noch nicht den Bann der weiteren Zukunft ahnt, der auch es zu einem Existenzkriege mit den Russen verurtheilt, rüstet sich, durch seine Beihilfe seinem künftigen Gegner zum Siege zu verhelfen. So wird überall, in großen wie in kleinen Dingen die Zukunft um vorübergehender Vortheile willen an die Gegenwart verkauft, damit sich die Geschicke erfüllen, so wie Gott ihnen von allem Anfange an die Würfel geworfen hat.


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