Chapter 4

Schon um 7 Uhr ist es vollkommen Nacht. Ich harre aus auf dem Verdecke. Das Unmögliche wird möglich, das Unwetter steigert sich noch, und scheint selbst da seine Grenzen noch nicht gefunden zu haben. Mir ist auch das nicht unangenehm. Etwas wie stolzes Selbstbewußtsein erhebt mich, daß der Mensch das Alles ertragen, daß der Geist, das Göttliche in ihm, diese Elemente bemeistern kann. Im Sturme, im wilden Drange der Gefahr, erkennt erst der Mensch seine Kräfte; die Windstille erschlafft, und der Soldat wie der Seemann handelt erst, wenn der Tod ihm vor den Augen steht. Und wie der Mensch, so die ganze Natur; ihre größten Thaten, die Alpen und die Wüsten, hat sie durchRevolutionen erzeugt; Gletscher und Helden wollen riesige Geburtswehen haben, zu Grunde geht dabei nur, was schon angefressen von der Fäulniß ist. Daher dann die sonderbare Erscheinung, daß oft körperlich starke und gesunde Menschen unter dem ersten Angriffe zusammenbrechen, während scheinbar gebrechliche und was man nervöse Naturen nennt, widerstehen und siegen. Die Einen haben in der Gewohnheit der Unthätigkeit den Willen und die Fähigkeit verloren, während die Anderen in der Aufregung ihres inneren Lebens den Geist, der endlich doch das Entscheidende ist, nicht blos erhalten sondern sogar gestärkt haben.

Ein Element aber, das man liebt, wie ich das Meer liebe, kann einem nichts zu Leide thun. Die Natur ist nicht wie die Menschen, die unsere edelsten Gefühle mit Undank vergelten.

An Bord des „Stadium“, 19. Mai.

Trotz des höllischen Lärmens, denn die Balken und das Getäfel krachten um und über meinem Bette auf das jämmerlichste, muß ich gestern Abend bald und fest eingeschlafen sein, denn was die Nacht über geschehen, mußte ich mir heute Morgens auf dem Verdecke erzählen lassen. Erst um 9 Uhr war ich erwacht, und das nur, weil ich plötzlich das Stillestehen der Maschine fühlte. Ich vermuthete uns vor den Dardanellenschlössern, wo irgend eine gesetzliche Förmlichkeit den Capitän zum Beilegen zwinge; doch rief ich dem Diener und frug nach der Ursache. Es sei nichts, man sehe nach der Maschine. Oben aber fand ich, statt der nachbarlichen Küsten der Dardanellen, links unbegrenztes Meer, rechts, und das auch dort nur in weiter Ferne, niederes Festland und tief drinnen einen hohen, dunklen, einsam aufragenden Gebirgszug; vor uns eine Insel; die Luft kalt und farblos. Wo fuhren wir? War das schon die Propontis, dieses Eiland die steinerne Marmora? Man lachte meine Frage aus; die Fahrt eines ganzen Tages liege noch zwischen uns und jenen Zielen; das rechts sei allerdings Asien, aber die Stätte von Troja, und die Insel vor uns Tenedos.So haben uns der Sturm und die Wellen, die gegen uns waren, aufgehalten. Ihre Gewalt war gewachsen über das Widerwärtigste hinaus, was sie sonst nur im Winter vermögen, bis sie dem Dampfer das rechte Schaufelrad zertrümmerten. Die Maschine mühte sich danach vergebens ab. Sie mußte stille und das Schiff mit Hilfe der Segel so gestellt werden, daß das Rad nothdürftig ausgebessert werden konnte. Das Schiff lag auf seiner linken Seite und soll von den empfindlichsten Stößen gepeitscht worden sein. Alle waren wach, auf und quälten sich und die Officiere der Bemannung mit ihren Besorgnissen. Nur ich schlief. Auch jetzt noch kommen wir nur langsam vorwärts, die See ist noch immer gegen uns.

Nach 10 Uhr sind wir bei Tenedos, links zeigt es sich mit nackten, niederen Bergen; Imbros daneben höher und mit Umrissen, wie ich sie dem Auge wohlgefälliger noch nicht gesehen, das Mächtige ist dem Zierlichen gepaart. Ob das dahinterliegende Samothrace ihnen beigemischt ist, kann ich nicht unterscheiden und von der unwissenden Umgebung auf dem Dampfer nicht erfahren. Auf der anderen Seite, also rechts wo das Festland, breitet sich die Ebene von Troja aus. So zeigt sich mir Asien gleich zuerst mit einem der denkwürdigsten seiner Felder. Grüne Grabhügel kennzeichnen unverkennbar die geweihte Stelle. Auch hier also Gräber, die die Wärter der Erinnerung sind. Alles um sie herum scheint verlassen, ausgestorben, keine andere Spur von Priamos’ Stadt, der ragenden Ilion und dem Kampfe der Götter und Menschen.

Es ist diese Sprache der Gräber vielleicht noch niemals ganz verstanden worden. Das ganze Leben über sehen wir den Menschen mit der Wahl seiner Grabstätte beschäftigt, und nach seinem Tode wird es der erste Gedanke des Trostes für seine Hinterbliebenen, ihm ein schönes Denkmal zu errichten. Die anderen Geschöpfe kennen diesen Wunsch nicht; die Menschheit aber durchzieht er so weit sie lebt und bis in ihr höchstes Alterthum zurück. Ueberall findet sich, bei dem einen Volke nur deutlicher als bei dem anderen, der Glaube ausgesprochen, daß die Ruhe der Todtenund der Genuß der Unsterblichkeit an die Erhaltung eines Grabes gebunden sei. Man hat diesen Wahn durch das Motiv der Eitelkeit erklären wollen, die sich über den Tod hinaus zu verewigen trachte; aber hat diese Erklärung die Menschheit nicht vielleicht zu strenge gerichtet, und widerspruchsvoll einen häßlichen Trieb einer Handlung unterschoben, die doch an und für sich nur schön und edel ist? Kann dieser Todtencultus nicht vielmehr ein instinctives Verstehen, das Ahnen einer Wahrheit sein, die noch verschlossen und vielfach bezweifelt doch die Grundlage unseres ganzen Wesens ausmacht? Solch’ ein Hügel, eine Säule, ein einfacher Stein, eine Inschrift wahren dem Menschen über Jahrtausende hinaus das Andenken bei seinen Nachfolgern; in ihrer Erinnerung lebt er wieder auf, lebt er geläutert fort. Immer reiner, immer makelloser werden dabei seine Züge, alle Schlacken fallen ab, daß zuletzt nur noch ein ideales Bild von ihm bleibt. Warum aber soll diese Unsterblichkeit, die ihm auf Erden wird, nicht auch in einer andern Welt möglich sein; warum für den geistigern Theil unseres Wesens, für die Seele, nicht das gelten, was unserem irdischen Andenken zu Theil wird; warum nicht vielleicht gerade dieses immer sich vervollkommnende Bild der Erinnerung der gleichzeitige Abdruck des inzwischen erlösten und verklärten Geistes sein? — Jedenfalls muß es überraschen, daß je weiter man reist, man überall diesem selben Gräberglauben begegnet, und daß gerade die feinst gebildeten Völker des Alterthums, die Aegyptier und die Griechen, die Ruhe des Todten durch sein Begräbniß bedingt sein ließen. Auch daß die Kunst zu allen Zeiten neben der Gottesverehrung zuerst dem Todtencultus gedient hat, ist kein geringes Zeichen für dessen geistige Bedeutung. Diese Hügel waren dabei ihre erste entwickeltere Form. Das Muster dazu hatte die Natur gegeben. Ob lästig oder bewundert, mächtig werden die Berge der Phantasie des Menschen immer erschienen sein, und sie nachzuahmen, Hügel hinzustellen wo keine waren, immer als ein Werk gegolten haben, das groß und rühmlich war. Die Pyramiden, diese alten Räthsel, sind für mich nichts als mit anderem Materiale und mit größererKunstfertigkeit ausgeführt die Kinder dieses selben Gedankens. Mit den asiatischen Grabhügeln haben sie vielleicht ihre Heimath in dem ältern Indien gemein, und die Obelisken wieder sind nur ihre schwindsüchtigen Abkömmlinge.

So sehr bin ich von der Allgemeinherrschaft dieser Kegelform überzeugt, daß ich geradezu die ganze Baukunst der Alten über sie construirt erklären möchte. Die beiden oben zusammenlaufenden Linien sind dem Auge das Wohlgefälligste, und, da das Nachahmen in der Natur des Menschen liegt, so wiederholte er diese Bildung mit mehr oder weniger Variationen, wo sie ihm nur immer möglich war. Die ägyptischen Tempelwände stehen nach Innen geneigt, die Kanten der Thüren und Fenster wachsen gegen oben zusammen und das Löwenthor zu Mykenä wie das am Schatzhause des Atreus sind oben enger als unten geöffnet. Aber mehr noch, auch die Säulen des Parthenon und des Theseustempels stehen nicht senkrecht auf ihren Basen, sondern leicht nach dem Centrum des Gebäudes zu geneigt. Der Grieche hatte im Auslande die Vorzüge eines eigentlich durch die Natur schon angedeuteten Gesetzes erkannt und wußte es in der Bauweise seiner eigenen Kunst zu verwerthen. Unsere Zeit freilich, die sich indessen auf dem Klimax aller Bildung glaubt, konnte den Entdeckern dieser Eigenthümlichkeit sogar ihr Vorhandensein bestreiten, weil sie nicht das Auge hat, die Gründe dafür zu begreifen.

Kein Blick auf eine andere Stätte der Welt hat mich mehr bewegt, als der auf dieses Feld von Troja. Es ist nicht Gefallen an der Landschaft, denn die Luft ist kalt und farblos; es ist auch nicht jenes unbedachte Entzücken, das sich in Selbstvergessenheit verliert, denn mir bleiben hundert betrachtungsvolle Gedanken; es ist vielmehr etwas wie Staunen und Grauen, daß die Fabeln wahr gewesen und daß Meer und Land die Schicksale der Helden überdauert haben. Welche Thaten spielten auf diesem Boden! So ungeheuer und herrlich, daß die spätere Anwesenheit eines Xerxes, Alexander und Cäsar, die hier alle der ältern Erinnerung gehuldigt, gebetet und geopfert haben, vergessen werden kann. Es war dieorientalische Frage, die auf diesem Flecke Europa und Asien zum ersten Male einander gegenüber stellte, und die dann jene späteren Eroberer fortgesetzt haben. Kein anderes Wort war prophetischer als das des Homer:

Drüber sodann ein großes, bewunderungswürdiges GrabmalHäuften wir heiliges Heer der Danaer, fertig im Speerwurf,Am vorlaufenden Strande des breiten Hellespontos;Daß es fern sichtbar aus der Meerfluth wäre den MännernAllen, die jetzt mitleben und die sein werden in Zukunft.OdysseeXXIV, 80.

Drüber sodann ein großes, bewunderungswürdiges GrabmalHäuften wir heiliges Heer der Danaer, fertig im Speerwurf,Am vorlaufenden Strande des breiten Hellespontos;Daß es fern sichtbar aus der Meerfluth wäre den MännernAllen, die jetzt mitleben und die sein werden in Zukunft.OdysseeXXIV, 80.

Drüber sodann ein großes, bewunderungswürdiges GrabmalHäuften wir heiliges Heer der Danaer, fertig im Speerwurf,Am vorlaufenden Strande des breiten Hellespontos;Daß es fern sichtbar aus der Meerfluth wäre den MännernAllen, die jetzt mitleben und die sein werden in Zukunft.

Drüber sodann ein großes, bewunderungswürdiges Grabmal

Häuften wir heiliges Heer der Danaer, fertig im Speerwurf,

Am vorlaufenden Strande des breiten Hellespontos;

Daß es fern sichtbar aus der Meerfluth wäre den Männern

Allen, die jetzt mitleben und die sein werden in Zukunft.

OdysseeXXIV, 80.

OdysseeXXIV, 80.

Und es bemerke wer hier vorüberfährt, wie richtig das Wort auch die Gegend zeichnet. DervorlaufendeStrand des Hellespontos ist das sigäische Cap, und die Hügel sind fernhinsichtbareauf die Meerfluth hinaus. Und so wie sie aufragen über Myrthen und Tamariskenholz, das um sie wuchert, prägen sie sich meinem Gedächtnisse ein. Daß sie die Natur nicht erschaffen, daß sie Menschenhände aufgeworfen haben, das muß auch das ungläubigste Auge begreifen. Zuerst, wenn man das troische Cap umschifft und beinahe auf seiner Höhe selbst, erscheint der des Peneleus; weiter im Lande drinnen der älteste und höchste, der des Aisyetes; der des Antilochus wieder näher dem Meere, und zwischen ihm und jenem mag ein kaum mehr merkbarer Erdaufwurf der des Hector sein. Die Hügel des Achilleus und des Patroklus sieht man, wenn das sigäische Cap umschifft ist, und dort innerhalb der Dardanellen auf dem Strande der Bucht, die sich gleich neben dem Cap einbeugt, auch den höheren des Ajax. Bei diesem und bei dem des Achilleus fand noch Strabo Tempel, in welchen die Ilier den Helden Todtenopfer darbrachten. Aus dem Tempel des Ajax soll erst Antonius das Standbild genommen haben, um der Cleopatra damit ein Geschenk zu machen, wenn nicht Schmeichelei auf Kosten des todten Feindes dieses Lob des regierenden Kaisers erfunden hat, denn derselbe Bericht erzählt, daß Augustus sich beeilt habe, nach der Gefangennehmung der Aegyptierin dieses Bild von Alexandrien nach seinem ursprünglichen Tempel zurückzusenden.

Hinter diesen Gräbern und der Ebene, sie und das Meer beherrschend, erhebt sich der Ida. Langgestreckt von der Küste des ägäischen bis zu dem Meere von Marmora reichen seine Arme, und quellenströmend, wie ihn Homer genannt, rieseln ihm Bäche von allen Seiten hinab. Auch „vielgewunden“ finde ich ihn; wie über Stufen steigen seine Höhen zu der höchsten, dem Gargarus, hinauf. Dort haben Schnee und Eis ihr winterliches Nest aufgeschlagen und finstere Wolken kriechen empor, als wolle sich der Vater Zeus wieder einmal droben zu liebender Kurzweil verbergen, vielleicht aber auch um neue Blitze und neues Unwetter gegen uns zu schmieden. Den Geistern der Erschlagenen ähnlich, die den Kampf der Lebenden wiederholen, ringen die Spiegelungen der Wolken unten auf der weiten Ebene.

Die Küste theilen drei Vorgebirge ab. Auf dem ersten, dem troischen Cap, stand einstens Antigonia Troas; später, als der große Macedonier nach dem Siege am Granikus hierher gekommen war, und das Dorf durch Weihegeschenke geehrt und zur Stadt erhoben hatte, Alexandria Troas; jetzt stehen nur mehr wenige elende Holzhütten darauf, die sich aber wieder mit stolzem Namen Eski Stambul, Alt-Constantinopel, ausgezeichnet haben. Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, das auch gestürzte Familien mit dem Schein den Glanz der verlorenen Größe zu retten treibt, das diesen Selbstbetrug veranlaßt hat. Seit dem Sturze der ersten Stadt war dieser Boden, wie auch jener andere in Kleinasien, wo die Geburtsstätte unserer Religion ist, verurtheilt, nur Ruinen und Erinnerungen zu tragen. Es scheint, daß mit dem einen Werke der eine an die Kunst, der andere an den Glauben alle seine Zeugungskraft hingegeben hat.

Das zweite Vorgebirge ist das achäische. Hinter ihm, aber tief im Lande, am Skamander, stand Ilion und die Burg des Priamus. Es deckt die Beschika Bay, wo die englischen und französischen Flotten den Befehl zu der neuen Argofahrt, dem letzten Krimkriege, erwarteten. So reichen sich über Jahrtausende weg die Ereignisse die Hände.

Hoch und weit ins Meer vorspringend ist nur das dritte Vorgebirge, das sigäische. Seine Ufer fallen steil und weißkreidig ab. Aus dem ägäischen Meere treibt der Südwind und aus dem Hellespont der Nordwind die Wellen mit vollen Breitseiten dagegen. Der Tempel der Athene und die Stadt, welche einmal darauf lagen, waren schon zu Strabo’s Zeit zerstört. Auch eine Colonie der Athener, vielleicht eine der Pisistratiden, und der Dienst der Hekate müssen hier einmal heimisch gewesen sein. Eine Münze, die man jetzt eben hier gefunden, zeigt den Kopf der Hekate und auf der Rückseite den Halbmond dieser Göttin neben der Eule von Athen, und die Umschrift σιγε. Ich sehe heute auf dem Giebel des Caps eine türkische Ortschaft halb in Büschen verborgen, und neun Windmühlen, die der Nordwind in arbeitsamer Bewegung erhält.

Gegenüber dem asiatischen Lande greift das europäische nicht weniger entschieden in die See hinaus. Es ist die Spitze des thracischen Chersones, das Cap Mastusia der Alten, Elles Cap der Heutigen. Mit dem sigäischen Vorgebirge sperrt es den Zugang zu neuen Meeren und zu anderen Reichen. Hier ist die Grenze, welche die europäischen Mächte selbst ihren Kriegsschiffen gesetzt haben. Von den weißen, abgewaschenen Uferwänden herab vertheidigen sie die neuen Dardanellenschlösser mit festen Mauern, Kanonen und türkischen Soldaten gerade den Einfahrenden entgegen.

Unter diesem und dem sigäischen Cap bis zur Beschika Bay zurück hatte eine ganze Flotte von Handelsschiffen Schutz gesucht. Wir zählten ihrer neunzig. Die Segel waren eingezogen, so daß, als wir zwischen ihnen durchdampften, die Fahrt der in einem gefüllten Hafen glich. Der Nordwind wehrte ihnen immer noch das Einlaufen in die Dardanellen. Eben da uns dieses gelang, rannte an uns vorbei ein Schraubendampfer des Lloyd. Er ging schneller als unser Boot, der Wind, der mit ihm war, blähte ihm die Segel. Es war das Wochenschiff nach Smyrna.

Gleich nach dem Eintritte in die Dardanellen verschließt das sigäische Cap den Rückblick auf das freie Meer; der Hellespont biegt tief nach Asien ein; das Feld von Troja bleibt sichtbar undzwar von dieser Seite aus mit seinem malerischsten Anblick. Der Ida zeigt sich in seiner Profilstellung weit entwickelt, wie um das ganze Bild zu umfassen; der Mittelgrund ist durch Hügelzüge, die vom Vorgebirge aus ins Flachland zurücklaufen, belebt, die Küste durch Gebäude und Bäume, die um die Mündung des Skamander stehen. Die Grabhügel sind erkennbar, der des Aisyetes insbesondere auch dann noch, wenn alle übrigen verschwunden sind und das Auge nur mehr den Ida unterscheidet. So bleibt dem Bilde immer noch sein Heiligenschein.

Auf dem europäischen Ufer, dem sich unser Schiff näher hielt, folgen fünf Pfeiler einer Wasserleitung, Cypressen und Pinien darum; dann in einsamer Lage ein Bethaus und neben ihm das erste Minaret, das ich sehe. Aber umsonst ist ihr Bestreben, mir den Süden zu heucheln; die Kälte enttäuscht Alles und auch die Farben sind solche, daß die Landschaften mehr denen des Nordens als den geträumten des Südens gleichen.

Obwohl sich das Auge in den letzten Tagen an größere Entfernungen gewöhnt hat, erscheinen ihm die Ufer des Hellespont noch immer weit genug auseinander. Breite Wellen treiben zwischen ihnen uns gerade entgegen; nach den gestrigen aber bleiben sie unempfunden. So dauert der ganze Tag fort, licht-, sonnen- und eigentlich auch poesielos. Keine anderen Eindrücke als Enttäuschungen; nur die alten Dardanellenschlösser überraschen. Sie sind romantisch schon durch ihre Formen. Das asiatische, das meiner Besichtigung näher kam, besteht aus alten grauen Thürmen, die Mohamed der Eroberer gebaut. Eine große, gelb angestrichene Caserne haben sie daneben gestellt, Batterien davor und in der Bucht, die sich tief einschneidet, ankerten zur besseren Vertheidigung türkische Kriegsschiffe, zwei Dampfer darunter. Das Land springt an keiner andern Stelle mehr als hier in den Hellespont vor, zuerst flach und eben von grünen Wiesen überzogen, wo es aber in die Fluth abfällt zu einem plötzlichen Hügel aufgewachsen. Ohne Zusammenhang mit den Bergketten des inneren Festlandes macht dieser Höcker den Eindruck, als sei er für sich allein ausdem Wasser aufgestiegen; und es hat ihn wohl auch erst eine spätere Eruption geschaffen, vielleicht im Zusammenhange mit den Goldlagern, welche einmal nahebei von den Abydenern betrieben worden sind. So hätte doch die Sage ein Theilchen der Wahrheit getroffen, wenn sie erzählt, daß dieser sonderbare Hügel von Menschenhänden aufgeworfen sei, um Schätze zu verbergen, und ihn deshalb Mal tepe, das Grab der Schätze, nennt.

Unbegreiflich ist es mir übrigens, wie man diesen Hügel vor Augen, den Herodot und den Strabo in Händen, über die Lage der Brücke des Xerxes streiten kann. Wollte heute wieder ein Eroberer über den Hellespont von Asien nach Europa hinüber, er könnte zur Ueberschau des Heeres nur den Mal tepe und zur Auslegung des Brückenkopfes in Asien nur die Spitze dieses Vorgebirges, dort, wo es sich schon dem Marmora-Meere zuwendet, wählen. Abydos lag neben daran in der Bucht, die gegen den Propontos hinsieht, und Sestos ihm gegenüber, also östlich neben dem Brückenkopfe in Europa, dort, wo jetzt grüne Wälder das Ufer decken. Von dem Thurme, den die Leandersage verherrlicht und den Reisende dort gefunden haben wollen, sah ich aus dieser Entfernung nichts; aber Grillparzer’s gedachte ich mit dankbarem Herzen. Es gleicht die Fahrt auf dieser Stelle des Hellespont der auf den lieblichen Fluthen des Rheines, wo Sänger und Sagen sich verbunden haben, die Ufer mit ewig blühenden Kränzen zu schmücken. Auf der einen Seite die Liebesklage der Hero um den Geliebten, auf der andern Seite die des Xerxes über die Vergänglichkeit und die Nichtigkeit des menschlichen Lebens. Denn dort auf dem Mal tepe muß der Altan gewesen sein, den ihm die Baumeister aus weißen Steinen errichtet hatten, und von dort herab muß er das Land und das Meer voller Menschen und Schiffe gesehen, sich gefreut und dann geweint haben. Ich konnte nie, schon als Knabe nicht, da mir mein griechischer Meister den Herodot übersetzte, das darauf folgende Gespräch des Königs mit dem Artabanus ohne die tiefste Rührung lesen; heute, den Schauplatz vor Augen, erschüttert es mich bis zu Thränen. Es ist etwaswie von den Klagen, die hier ausgesprochen wurden, in der Luft geblieben, und das athmet mit ein, wer heute nach tausend Jahren hier Athem holt.

Alexander der Große, die Hunnen, die Türken zweimal, unter Soleimann und unter Murad, gingen dem Xerxes nach auf derselben Straße über den Hellespont. Was auf Troja begann, wenigstens für unsere Geschichtskenntniß, die orientalische Frage ward an dieser Stelle fortgesetzt. Und wer darf sagen, daß es heute schon für diesen Boden sein Ende erreicht habe? Die Bestimmung einzelner Erdenflecke ist wie die der großen Männer, uns Heldenthaten zu liefern.

Ein paar Stunden später passiren wir Gallipoli, die erste türkische Stadt, die ich sehe. Es sind niedrige Holzhäuser unter Bäumen versteckt und Minarete, die daraus hervorragen.

Um halb 5 Uhr trat das Schiff in den Propontos hinaus. Glatt und ruhig, aber schwarzblau von dem Widerschein drohender Wolkenmassen lag er vor uns. Ein französischer Dampfer kam uns aus der Dämmerung, die im Osten schon nächtig war, entgegen; die Sonne ging hinter den thracischen Bergen in Farben unter, wie sie bei uns nur kalten Wintertagen eigenthümlich sind. Um halb 9 Uhr fuhren wir der Marmora-Insel vorbei. Ein großer gewaltiger Klotz zu unserer Rechten ist sie von regenhältigen Nebeln entstellt. Ankommen sollen wir erst morgen früh.

An Bord des „Stadium“, 20. Mai, Morgens.

Ich hatte den Auftrag gegeben, daß man mich bei Zeiten vor der Einfahrt in den Hafen wecke. Ueberflüssige Sorgfalt! Schlaflos, so wie uns in der Erwartung des fünften Actes eines Trauerspieles der Athem ausgeht, war mir die Nacht geworden; Stunde um Stunde erwachte ich. Lange sah ich nur schwarze Finsterniß, dann das matte Licht der Dämmerung, endlich die grauen Farben eines nebeligen Morgens. Das gleichmäßige Arbeiten der Maschine und Räder währte immer noch fort. Als man mich rief, hielten wir schonim Hafen. Aber welche Ueberraschung! Ein Sturz von bergehoher Hoffnung in bodenlose Enttäuschung, ein Fall, wie man ihn manchmal im Traume thut. Nicht im Bosporus, in der Themse mußte ich mich glauben. So dicht engten uns die Nebel ein, daß ich nicht einmal von den beiden Ufern des goldenen Hornes, zwischen denen ich uns nach der Karte wußte, viel weniger von dem asiatischen etwas sah. Und jetzt, wo sie sich endlich theilen und verziehen und auf den Hügeln zur Rechten Theile von Pera und Galata, auf denen zur Linken die Seraispitze und Stambul, vor uns die erste Hafenbrücke und hinter uns in weiterer Entfernung das asiatische Skutari sichtbar wird, ist Alles so sonnen- und glanzlos, so ganz ohne Licht und Farbe, daß das Gefühl der Unbefriedigung mit jeder schwindenden Wolke, mit jeder neuen Stunde wächst. Verstimmt sitze ich auf dem Verdecke und lasse die anderen Passagiere sich ausschiffen. Erstaunlich erscheint mir nur die große Zahl von Schiffen, welche im Hafen liegen und der lebendige Verkehr von Dampfern, der sich um uns regt. Zwei große sind zugleich mit uns angekommen, ein dritter ist in Bewegung nach dem schwarzen Meere abzugehen, und hundert andere ruhen an ihren Ankern. Dazwischen schieben sich eine Menge kleiner Hafendampfer durch, die nach und von allen Seiten, dem Marmora-Meere, Skutari, dem Bosporus etc. gehen und kommen; die, welche nahe genug an dem unserigen vorbeidampfen, sehe ich mit Menschen überfüllt. Sich und den Ruderbooten geben sie mit fortwährendem Pfeifen Warnungszeichen, um einen Zusammenstoß und das Ueberfahren zu verhüten. Das ist mir neu, denn so großartig habe ich den Verkehr in keinem andern Hafen gefunden.

Das Geschrei der sich Ausschiffenden und die Aufdringlichkeit jüdischer Agenten, die mir ihre Führerschaft anboten, trieben mich in die Kajüte hinab. Nicht ohne Bedauern nehme ich Abschied von den vier engen Holzwänden. Wie genügsam unser Leben sein kann, begreift der Mensch erst, wenn ihn die Gewohnheit des Wenigen von dem Ueberflüssigen des Mehreren überzeugt hat.


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