Chapter 8

Besteigung des Olymp.

Besteigung des Olymp.

Brussa, den 24. Mai.

Es war noch völlige Nacht als wir aufstanden; die Pferde ließen warten. In der Stadt regte sich kaum einiges Leben. Wir ritten durch sie über einen Gießbach, der in einer tiefen Felsschlucht vom Olymp dem Thale zufließt. Gleich hinter den letzten Häusern steigt der Weg steil an und wird immer steiler. Der dichte Reichthum dieses üppigen Bodens, Platanen, Eichen, Maulbeer-, Nuß- und Kastanienbäume beschatten ihn. Männliche und weiblicheCypressen, oft beide einander nahe wie zu ehelichem Bunde, bringen mit ihrer dunkleren Farbe Wechsel in das hellere Grün des Laubes. Darunter sprießen in wundervoller Farbenpracht Anemonen, Hyacinthen und Tulpen, und Quellen geben dem geblümten Boden Frische und Kraft, wie das Blut sie dem menschlichen Körper gibt. Wo sie aus der Erde herauswollen und nicht sollen, weil sie weiter geleitet sind, da beweisen Steine, die schützend über die offene Stelle gelegt sind, die Achtung des Türken für dieses Leben gebende Element.

Nach beinahe zweistündigem Ritte hatten wir das erste Plateau erstiegen. Blumen fanden wir dort noch mehr und schönere als im Thale unten. Die großen Bäume schrumpfen immer mehr in niedere Sträuche zusammen; die Zwergeiche, früher nur vereinzelt, füllt jetzt beinahe ausschließlich das Feld. Die Kastanie kömmt nur noch in seltenen Büschen vor und auch an diesen sind die Blätter kleiner und in der Entwicklung zurück. Allmälig geschieht diese Wandlung an allem Laubholze, bis es ganz ausbleibt und Nadelholz an seine Stelle tritt; selbst auf solcher Höhe zeigt sich an diesem der Einfluß der wärmeren Sonne. Die Tanne und Fichte ist reicher bezweigt und jeder Zweig reicher mit Nadeln besteckt, so daß die Bäume voller und weicher als die des deutschen Waldes erscheinen. Inzwischen ist der Weg an einzelnen Stellen sogar gefährlich geworden, weil sich zu seiner Rechten ein steiler Abgrund in eine Schlucht senkt, die der Ebene zustrebt mit demselben Goldgrün gefüllt, das auch uns umgab, und das den Blick erfreut soweit er das Land überschauen kann. Getrennt durch solche Schluchten stützen herausspringende kleinere Berge, wie die Strebepfeiler an den gothischen Domen, den Hauptstock des Olymp’s, als müßten sie den Koloß vom Ausweichen und Ausgleiten nach der Stadt, die sich vertrauensvoll zu seinen Füßen gebettet, zurückhalten.

Mit der höheren Höhe war auch die Aussicht gewachsen. Schon sahen wir ziemlich das Beste, was der Olymp überhaupt sehen läßt. Im Westen die silberglänzende Fläche des Apollonia-See’s mit einer größern und einer kleinern Insel darauf. DerSpiegel des See’s schließt nach dieser Richtung den Horizont. Im Nordwesten über dem Katerlü-Gebirge den Golf von Mudania, welchen im Osten die Arganthonischen Berge von dem Busen von Ismid trennen, bis sie mit Bos-burun in die offene See fallen, welche darüber hinaus in zarten Düften lag. Die Ferne war überhaupt durch die Schleier, wie sie sich nach den ersten Stunden des Sonnenaufgangs bilden, unkenntlich. So auch ahnte ich mehr den nikomedischen Golf, als daß ich behaupten dürfte, ihn gesehen zu haben. Brussa selbst, das während des Aufsteigens lange und oft mit seinen malerischen Formen und Farben, wie die unterste der Berglilien, womit wir die Höhen des Olymp geschmückt fanden, sichtbar ist, Brussa war und blieb nunmehr dem Auge verborgen. Wir ritten in eine eigenthümliche Welt, in ein wahres Schattenreich der abgestorbenen Natur ein. Lemuren starrten uns von allen Seiten an und streckten uns die kahlen grauen Aeste lebloser Stämme entgegen; Laub und Rinde waren ihnen abgefallen, nur die knochigen Körper aufrecht geblieben. Ganze Wälder umgaben uns in dieser skeletartigen Gestalt. Ein Brand, der vor einigen Jahren durch drei Wochen den Olymp verheert hatte, hat sie so zugerichtet. Abstechend und unvermittelt, so wie das Leben überall neben dem Tode steht, blühten unter diesen saftlosen Gespenstern ganze Felder von Stiefmütterchen, so weit verbreitet und so blau gefärbt, daß es wie Wolkenschatten auf den Abhängen des Berges lag. Die Asche der Bäume hatte die natürliche Zeugungskraft des Bodens noch gemehrt; die Zerstörung des Einen war das Leben des Andern geworden. Es ist derselbe Vertilgungskampf, der auch die Menschenwelt durchzieht. Alles wird und ist nur durch den Tod des Gewesenen. Wie sollte da der Egoismus nicht der vorlauteste Trieb unseres Willens sein?

Nach der dritten Stunde kamen wir auf eine ebene Wiese. Zwergtannen, Zwergkiefern begannen den Boden zu überziehen, aber immer noch wuchsen auch baumhohe Nadelhölzer dazwischen. Durch ihre Zweige schimmerte von nahen Höhen der Schnee herab; Felsen stellen sich in den Weg, der eben weiter geht. Da thutsich plötzlich eine Gruppe von Bäumen, die uns aufgenommen hatte, auf, und eingerahmt von riesigen Föhren, hinter einem kleinen Tümpel und einem großen Steinfelde, zeigt sich überwältigend nahe die langgezogene, in Schnee erstarrte Kette der obersten Gipfel des Olymp’s. Schöner als von diesem Punkte aus sahen wir sie nicht wieder. Der Vordergrund, der vom Wasser, von den Steinblöcken, von den Tannen und Büschen vielfältig belebt ist, gestaltet im Contraste mit der ruhigen Einförmigkeit des gewaltigen Hintergrundes das Bild zu einem der außerordentlichsten und stimmungsvollsten.

Was Olymp heißt, ist nicht eine Bergspitze, sondern ein starker Gebirgsstock, ein Nebeneinander von Bergen. Keiner hat steile spitze Formen. Von diesem Plateau aus gesehen schwingen sie sich von rechts nach links, d. i. von Nordwest gegen Südost in sechs Rundbogen; dann steigt eine langsame aber beinahe gerade Linie zur obersten Höhe. Auf der anderen Seite fällt sie in einen tief und scharf eingeschnittenen Sattel, und wächst zu einer zweiten aber weniger hohen Kuppe empor. Die Fortsetzung des Zuges verschwindet im Osten hinter niedrigeren aber vorliegenden Höhen. Das der Umriß des Berges. Sein Körper fällt von den beiden obersten Gipfeln in einen großen Kessel hinab, den nur ein niederer Rücken von dem Thale trennt, in dem wir ritten. Schnee lag schon auf jenem Rücken, füllte den Kessel ganz und bedeckte weiter hinauf bis zu den Spitzen den Berg so dicht, daß der Wind, der doch dort ungehemmt genug ist, das Erdreich nirgends hatte zu Tage kehren können. Es ist dieselbe ungeheure weiße Wüste wie auf unseren deutschen Alpen, und wie dort empfand ich auch hier dasselbe Gefühl der Befremdung, des Losgelöstseins von allem irdischen Verbande. Ist man so hoch, dem Himmel wirklich näher, oder ist es nur die freiere Luft, die uns die Sorgen vergessen und in der Vergessenheit einen Vorgeschmack des Jenseits kosten macht? Fremd scheinen sich hier oben übrigens auch die Eingebornen des Landes zu fühlen. Keiner von denen, die mit uns waren, wollte sich zu dem Wagniß hergeben, mich höher hinauf zu führen. Dernoch allzutiefe Schnee war der Grund ihrer Weigerung; diesem ungewohnten Elemente gegenüber sind sie ängstlich wie Kinder vor ungekannten Gespenstern. Mir, der an unsere Alpen gewöhnt ist, imponirte dieses Hinderniß nicht und schien die weitere Besteigung leicht möglich. Strebsamer als die Anderen, die auf einem großen Felsblocke gelagert blieben, versuchte ich sie. Nur durch Felsen und Zwergkiefern manchmal aufgehalten und zu Umgehungen genöthigt, im Ganzen aber leichter als bei der Ersteigung unserer Berge ging ich eine Stunde, die mich eine weite Strecke aufwärts förderte. Der letzte Stock des Olymp’s mit den zwei Gipfeln stieg aus der letzten Thalsohle vor mir auf. Ueber Schneefelder, die von buntfarbigen Blumen umkränzt waren, drang ich zu ihm vorwärts, dann wieder hinauf, als mir der Wind schwache Flintenschüsse zutrug, die die Besorgniß meiner Freunde mir nachgesandt hatte. Auch Gewitterwolken, die aus dem Innern Asiens kamen, mahnten zur Umkehr. So mußte ich denn auch das, wie so manches Andere, vor dem letzten Schritte zum Erfolge aufgeben, resignirt zwar, aber doch nicht ohne eine Wolke von Verstimmung. Der Schweiß lastet schwer in der Erinnerung, wenn er an unfertige Arbeiten vergeudet worden ist.

Wie hoch ich gewesen und wie hoch der Olymp sei? Ich wage keine Zahl zu behaupten, weil ich auf den Karten und in den Handbüchern zu verschiedene angegeben finde. Vergleiche ich ihn mit anderen Bergen und lasse ich bei dieser Messung nicht außer Rechnung, daß das Thal von Brussa dem Meere nahe und nicht viel über dessen Fläche liegt, so werde ich 8000 Fuß rathen. Viel darüber oder darunter erhebt er sich gewiß nicht. Daß ihm bei einer verhältnißmäßig so niederen Höhe unter so warmer Sonne der Schnee fortwährend wie auf unseren kälteren Alpen liegen bleibt, ist eine Naturerscheinung, die mich schon bei dem Taygetus überrascht hat. Es müssen da Factoren unabhängig von jeder Sonne bestimmend sein.

Um 2 Uhr traten wir den Rückweg an. Bevölkert wie das Thal von Brussa mit Störchen und Nachtigallen ist, sind es seineBerge mit Adlern. In Schaaren kreisten sie über unseren Häuptern und ließen sich nahebei auf die Büsche und Bäume nieder. Den Zeus hat der Unglaube und die Weisheit einer anderen Zeit von seinem olympischen Göttersitze herabgestürzt, aber seinen Lieblingsvogel, den königlichen Adler, konnten sie nicht von dieser heiligen Stätte vertreiben. Einen Versuch das zu thun, strafte uns der Olympier mit drohender Donnerstimme. Es kam nicht mehr zu einem zweiten Schusse. Aber so ist der Mensch, immer undankbar; dem Gotte, der uns Sonne und Licht in solchem Ueberflusse gegeben hatte, daß seine besondere Gunst nicht zu verkennen war, wollten wir eines seiner Thiere rauben.

Die Lichter und Schatten des Abends schmückten die Gegend noch schöner als sie es des Morgens gewesen war. In ihrem Anblicke wurde das Gefährliche des Hinabsteigens vergessen. An den abschüssigsten Stellen gingen wir aber doch zu Fuße und führten die Pferde. Vom letzten Plateau geleitete man uns einen anderen Weg durch eine andere Schlucht zur Stadt hinab. Wir kamen über eine große Wiese, wo sich Kinder und Frauen, darunter viele Negerinnen, alle in den buntfarbigen, faltenreichen Kleidern des Orients, in der Kühle frischer Quellen und im Schatten mächtiger Platanen mit allerlei Scherzen ergötzten. Es war ein Bild, in seinen Farben, Tönen und Gestalten wieder ganz jenen Eindrücken der Bibel verwandt, und wir selbst, die wir in Schleier und Mantel gehüllt, mit Blumen aufgeputzt den steilen Zickzack des Berges hinabzogen, paßten ganz wohl hinein.

Die Stadt betraten wir an ihrem östlichsten Ende. Sie ist dort noch ein weites Trümmerfeld, in das sie das Erdbeben vom Jahre 1855 verwandelt hat. Achmed Veffick Effendi arbeitet seit einigen Monaten eifrig am Wiederaufbaue. Die Straßen sollen breit und gerade und canalisirt werden, wie nur irgendwo im civilisirten Europa. Um 8 Uhr kehrten wir in unseren Gasthof zurück. Die Wanderung auf den Olymp ist nicht immer so sicher und gefahrlos gewesen, wie sie es uns heute war. In den Zeiten des Kaisers Augustus hausten organisirte Räuberbanden in seinenWäldern; es kam damals so weit, daß sie sich feste Plätze darin bauten und als beherrschende Zwingherren über das niedere Land auftraten. Kleon, einer dieser Räuberhauptleute, war, durch Geschenke gewonnen, der Verbündete des Antonius, bis er das Glück sich von dem ehemaligen Lieblinge der wankelmüthigen Göttin abwenden sah und im aktischen Kriege den Augustus gegen den Antonius unterstützte. Das machte ihn dann vom Räuber zum Fürsten avanciren, ein Sprung, den die Geschichte so oft glücken gesehen, daß der trennende Graben nicht allzu breit sein kann. Glaubt man unseren Journalen, so herrscht auch jetzt noch im Olymp dieselbe Gewaltherrschaft, die die türkische Regierung dulde, weil sie keine Mittel finde, ihr zu wehren. Das ist unwahr oder doch übertrieben. Das Unrecht und die Gesetzlosigkeit wird sich ab und zu in diesen weitläufigen Bergen festsetzen, wie es darin zu Römerzeiten saß, als diese Länder doch übermäßig bevölkert und die Träger einer ausgebildeten Cultur waren, und wie es mitten in unseren civilisirten Städten am Herde der polizeilichen Oriflamme sitzt; aber unangefochten, geduldet, den Verkehr der Geschäfts- oder Vergnügungsreisenden hemmend, lassen es die Türken nicht.

Brussa, den 26. Mai.

Kein Regen mehr, der die Nacht über gefallen war; aber immer noch Wolken, die den Himmel trüben und die Sonne bergen. Ich blieb und ging den ganzen Tag allein. Im Westen der Stadt, eine halbe Stunde vor ihr, liegt der Ort Tschekirdsche inmitten uralter Platanen, Cypressen und Feigenbäume, hoch von einer Stufe des Berges das ganze Land überschauend. Heilkräftige Schwefelquellen entspringen dort in Menge; Bad ist an Bad mit massiven steinernen Kuppeln darüber gebaut. Bemerkenswerther aber ist die Moschee Murad I. Auch jetzt noch, wo sie beinahe eine Ruine und — schlimmer als das — vom Ungeschmacke der Menschen mit Tünche und Farbe entstellt ist, wirken ihre zierlichen Spitzbogen und das Massive des Ganzen im dichten Grün derPlatanen auf das gefälligste. Von dem Minarete rief eben der Muezzin zum Gebete. Auf der Terrasse, die davor ist, waren einige wilde Hunde in festen Schlaf und einige Türken in stummes Schauen versunken. Von Ost nach West hatten sie das ganze Thal vor sich ausgebreitet, die Kuppeln kleiner Gräber im unmittelbaren Vordergrunde, einige davon geborsten, alle aber zugleich vom Wetter altersgebräunt und vom Epheu jugendgrün gefärbt. Mich zog’s noch weiter, auch in ungebahnte Wege, in Felder hinein, die von Maulbeer- und Feigenbäumen umgrenzt und durchschnitten, am prächtigsten aber durch Granatbäume geziert sind. Glühenderes Roth in zarterem Grün läßt die Natur an keinem anderen Stamme blühen. Von einem, der besonders reich damit gesegnet war, brach ich so viele Zweige, bis der Kopf meines Strohhutes mit rothen Blumen umflochten war. Scheu und mich umschauend, ob Niemand den Raub bemerkte, hatte ich es gethan und dann mich unter dem Baume niedergeworfen um zu ruhen, zu zeichnen, zu lesen und selbst zu schreiben. Halb in die Arbeit, halb in unthätiges Schauen nach den Wolkenschatten, die hell und dunkel wechselnd über die Fläche des Thales und die Felsenhänge des gegenüberliegenden Katerlü-Gebirges zogen, versunken, fühlte ich mich plötzlich berührt, geweckt. Erschrocken, wie man es durch jedes Unerwartete ist, fuhr ich auf. Ein kleiner Türkenjunge stand vor mir. Mit treuherzigen Augen bot er mir einen Strohschemel zu bequemerem Ausruhen an. Nahebei, hinter den Bäumen und durch sie mir verborgen, war ein Tschiflick, ein Bauernhof. Der Eigenthümer, ein rüstiger Greis, groß und ziemlich wohlbeleibt, in einen gelbseidenen Kaftan gekleidet, war herausgekommen und hatte mich bemerkt. Ich sah ihn in den Büschen stehen, eine Gestalt, so würdig und einladend, wie der alte Abraham, da er im Haine Mamre vor seiner Hütte die drei Männer zu Gaste empfängt. Der Knabe hatte gefunden, daß mir noch ein zweiter Sessel für meine Bücher und Schreibmaterialien nothwendig sei. Ich belohnte seine Gefälligkeit mit einigem Zuckerwerke, das ich gegen plötzlichen Hungerüberfall eingesteckt hatte. Erstaunt sah er michund dann den Großvater an — denn das konnte der alte Mann von dem Kinde nur sein — und lief dann zu diesem, um ihm das Geschenk zu zeigen. Jetzt erst rührte sich der Alte und trat mir näher um zu danken. Indeß ich weiter schrieb, nahm er das Buch, worin ich gelesen hatte, zur Hand und blätterte darin. Es war der dritte Band der Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aus dem Orient des Freiherrn von Prokesch. Nach einer Weile, da ich eben wieder sinnend auf das Land blickte, frug er mich, ob darinnen etwas von dem Kriege stehe, der in Europa geführt werde. So hatte mich denn die unglückselige Schleswig-Holsteinische Frage auf dem Olympe wieder eingeholt.

Ich habe seitdem gehört, daß Erkundigungen nach den politischen Dingen die gewöhnlichen Gespräche der Eingeborenen mit den Franken sind. Sie halten jeden Europäer für vorzüglich zur Politik berufen, vielleicht daß sie von der Sündfluth unserer Zeitungen gehört haben. Mein Alter wollte noch verschiedenes über den Krieg mit den Dänen wissen, zuletzt auch, ob dieser Krieg nicht der Türkei Schaden bringen könne. „Wie wäre das möglich, da ihr Türken doch gar nichts damit zu thun habt?“ „Nun, weil es doch schon vorgekommen ist, daß ein Dritter ganz Unbetheiligter die Zeche für zwei Streitende zahlen mußte.“ Wie klug von dem unwissenden Manne und wie nahe vielleicht sogar in diesem Falle der Wahrheit!

Nachmittags begegnete ich dem Aquarellmaler Pretiozi, der aus Pera hier ist, um Studien zu einem Album von Kleinasien zu sammeln, wie er die von Constantinopel und Kairo in Farbendruck publicirt hat. Die Straße, in der wir uns trafen, ist durch das Grün, das zu beiden Seiten dicht und hoch wie Mauern steht, ein wahrer Hohlweg; darüber schließen sich mächtige Baumkronen zusammen. Uns entgegen auf einem Esel kam eine Türkin, den Kopf in den weißen Jaschmack vermummt, daß nur die schwarzen Augen sichtbar waren, den Körper in einen hellblauen Mantel, den Feredje, gewickelt, vor sich auf dem Halse des Esels ein gesundes aber zart gefärbtes Kind und zu beiden Seiten in zweiKörben zwei kräftige Buben. Ihre Köpfe guckten neugierig aus den Nestern wie junge Störche hervor, und das Mädchen, das die Frau an ihrer Brust hielt, streckte uns ein Mohnblumenbouquet entgegen, so groß, daß es nur beide Händchen halten konnten. Entzückt blieb der Künstler stehen, und rief der Frau zu das Gleiche zu thun. Ohne Erstaunen, gleichmüthig und gutwillig, wie Alles, Wort und Geberde, bei diesem Volke ist, that sie es. In wenigen Minuten war das Bild fertig, eines der glücklichsten, wie es der Meister selbst lobt, das ihm seit Wochen gelungen. „Die Flucht nach Aegypten“ würde ich es nennen, wenn ich ihm für eine Gemälde-Ausstellung den Namen finden sollte. Solche Begebnisse nenne ich die guten Einfälle des Schicksals; sie geben uns mehr, als alles mühsame Suchen.

Auf dem Rückwege hielt mich das Grab eines Türken lange auf. Es ist an die Außenwand einer verfallenen Moschee gelehnt und ein Lorbeerbaum wächst aus seinem Hügel empor, so hoch und mächtig, daß er die geborstene Kuppel der Djami überragt und ihre stürzende Mauer auf die Seite drängt. Ein Schwarm lustiger Singvögel nistet in seinen Zweigen, und flog über meinem Kopfe zwitschernd ab und zu. Wie mich das packte, gleich bei dem ersten Blicke, die ganze Bedeutung dieses Bildes, das menschliche und natürliche Kräfte in vereintem Bemühen gestaltet haben; die Ruhe, die da herum war und die leisen Stimmen der Vögel, die sie noch merkbarer machten. Was erst nur blitzartig geweckte, nebelhafte Empfindung war, festigte sich in der Betrachtung zu klaren Gedanken. Ja, ich verstand es dieses Gedicht ohne Worte, das der größte aller Meister, die unbefangen zeugende, die absichtslos waltende Natur hier erschaffen. Verkörpert, wie auch die Sprache ihre besten Gedanken in Bildern gibt, spricht es eines der ernstesten, der entschiedensten Gesetze unseres Weltendaseins aus: daß aus der Verwesung sich das Leben mäste, um selbst wieder die Speise neuer Existenzen zu werden; daß Alles hinfällig und sterblich sei, und daß doch nichts zu sein aufhöre. Es ist nur ein ewiges Auf und Nieder des Werdens, ein endloser Proceß der Wiedererzeugung, in den die Dinge dieser Welt geordnet sind; es ist nicht das Vernichtungs-, es ist nur das Zerstörungsprincip, das sie regiert. Im Grunde lebt alles einmal Geborene ewig fort, und der Gedanke wie die Blume, die vor tausend Jahren blühten, sind heute in der einen oder anderen Form immer noch vorhanden. Der Vielen so schwer faßbare und als übernatürlich verworfene Begriff der Auferstehung spricht also nur ein einfaches und allgemein giltiges Naturgesetz aus. Darum durfte denn auch dieser Lorbeer, das Zeichen der Unsterblichkeit, in das, was wir den Tod nennen, seine Wurzeln heften. Beschattend und beschützend, wie er seine Zweige über dieses Grab breitet, schwebt der Glaube an ihn und seine Bedeutung über allem Ringen und Leiden der Sterblichen. Da ihr Staub und sein Stamm fortdauert, kann das, was belebend und beseelend, kann der Geist nicht endlich sein. Auch der Türke scheint dieses reizende Spiel der Natur als ein bedeutungsvolles Denkmal zu erkennen; ein vergoldetes Gitter ist um den Baum und das Grab gezogen.

Den 26. Nachts.

Wir unterbrachen Abends, als wir durch die Gassen der Stadt heimkehrten, einen grimmigen Kampf. Schon heute Morgens hatte ich auf meinen einsamen Spaziergängen erfahren, daß der hiesige wilde Hund unfreundlicher und feindseliger, als der von Constantinopel ist. Mit so energischen Anfällen hatten sie mir den Einlaß in Nebengassen verwehrt, daß ich, nachdem sich mein weißer Sonnenschirm als zu schwache Waffe erwiesen hatte, den Rückzug antreten mußte. Ich bezog damals diese übelwollende Gesinnung auf meine fremdartige Kleidung, nun aber sah ich Abends, daß sich diese Stimmung auch gegen Türkisches äußert. Ein junger Türke war mit zwei Kameraden gegen die Mauer eines Thorweges gelehnt gewesen. Ohne Veranlassung, so wenigstens erklärte er nachher, sprang ihm einer dieser Hunde an die Brust. Nur weil er sich gleich über den Hund auf den Boden warf, und dieZähne des Thieres sich in den Stickereien der Jacke verbissen, entging er schweren Verwundungen. So fanden wir die Scene, den Rest des Hundeschwarmes mit wüthendem Bellen gegen die beiden anderen Burschen gestellt, daß sie ihrem Genossen keine Hilfe bringen konnten. Das thaten erst mit schnellem Erfolge die großen Peitschen meiner Freunde, die sie zu solchem Zwecke mit sich führen; von den Pferden aus trafen sie rechts und links die Meute, auch den böswilligsten, der sich mit dem jungen Menschen auf der Erde wälzte, so kräftig, daß sie heulend die Flucht ergriffen und nur aus gesicherter Ferne einen Stillstand und entrüstete Drohung wagten. Der Bursche war bleich und zitternd; so kurz der Kampf, war er doch so erbittert gewesen, daß er alle Kräfte des nicht schwächlich aussehenden Mannes erschöpft hatte. Wir suchten ihn mit einigen Piastern zu trösten und trugen seinen Freunden auf, das Uebrige zu thun.

Dieser wilde Hund ist eine ebenso eigenthümliche als häßliche und widrige Beigabe der türkischen Länder. In den Städten kömmt er besonders zahlreich vor, weil ihm die vielen Abfälle der Haushaltungen bequemen Lebensunterhalt gewähren. Einer gleicht dem Andern an Gestalt, wie an Charakter; alle sind mager, daß ihnen die Knochen hervorstehen, haben struppiges blondgelbes Haar, die Augen scheu und kriechend, ohne einen Blick jener Treuherzigkeit, der sonst die Anhänglichkeit des Hundes sprichwörtlich gemacht, und jene faule langsame Gangart mit geducktem Rücken und eingekniffenem Schwanze, welche Jean Paul’s Feldprediger Schmelzle für ein gesetzlich festzustellendes Zeichen der Wuth erklärt. Aus dem Wege gehen sie nur, wenn er ihnen auf energische Weise gewiesen wird; sonst lassen sie Fußgänger und Reiter über sich steigen, vergelten aber jeden unvorsichtigen Tritt mit unwirrschem Knurren, auch wohl mit einem bösgemeinten Bisse. Um mit ihren vielen Geschlechtsgenossen verträglich und in Frieden zu leben, haben sie in den Städten, ganz ähnlich den civilisirten Menschen, ihre angeborene Freiheit gewissen Beschränkungen unterworfen. Genau begrenzte Viertel haben ihre eigenen Bürger, ihre Hunderechte undHundepflichten; dort kennt und duldet sich jeder Einheimische, aber jeder Fremde wird dafür auchviribus unitishinausgebissen. Mag ihn nun Hunger oder Liebessehnsucht in das fremde Gebiet geführt haben, rücksichtslos ruft das Bellen des Ersten, der den Uebertreter bemerkt hat, die ganze Gemeindegenossenschaft zusammen und hat die ihn einmal umstellt, dann gibt es nur eilige Flucht mit zerrissenem Felle oder jämmerlichen Untergang auf einem blutigen und lärmenden Schlachtfelde. Ich habe manche solcher Scenen gesehen, die wahrhaft furchtbar waren. Daß solch ein Uebel ertragen werde, hat seine Ursache in der Achtung des Türken für den Buchstaben seines Religionsbuches. So hat jedes, auch das edelste Bestreben neben seinen guten seine schlimmen Folgen. Der Koran lehrt die Gleichberechtigung des Thieres, und befiehlt die Achtung seiner Rechte; das ist schön und gewiß auch richtig im Principe, und in einigen Fällen, wie bei den Singvögeln, die hier unbelästigt und genußbringend leben, wohlthätig selbst in seiner buchstäblichen Erfüllung; in anderen aber, wie eben bei den Hunden, zeigt sich, daß die Theorie, wenn sie sich in das Extrem verliert, zum Uebel werden kann. Um ihm in Constantinopel abzuhelfen, wo es die Klagen der anders gewöhnten Europäer am grellsten erscheinen lassen, schlug man wiederholt vor, alle dortigen wilden Hunde auf eine Insel zu deportiren, die man ihnen zu ausschließlichem Besitze überlassen würde. Das würde freilich den Ausgewiesenen ein baldiges Ende bereiten — sie könnten sich nur selbst auffressen — nicht aber der Hundefrage von Constantinopel. Der Duft seines Gassenunrathes würde bald wieder neue Bewohner in die entvölkerte Stadt aus der Umgebung hereinlocken. Auch ist der Vorschlag nie ernstlich in Ausführung genommen worden; vielleicht versucht dasselbe einmal ein anderer, mehr civilisatorischer, auf das Wohlergehen der Hunde selbst gerichteter. Die Cultur, die alle Welt beleckt, muß sich doch endlich auch auf die türkischen Straßenhunde erstrecken.

Brussa, den 27. Mai.

Ueber die Geschichte der Stadt finde ich nur Weniges aufgezeichnet. Ihr Alter ist nicht so hoch als das der meisten anderen Städte auf diesem ehrwürdigen Boden, den die Sage schon die Geburt der Menschheit sehen läßt. Erst Hannibal hat sie gegründet, also 200 Jahre vor Chr.; so erzählt Plinius, der sie später als römischer Statthalter verwaltete. Wo heute die Ruinen der Burg die Stadt überschauend und beherrschend stehen, baute sich der Punier vielleicht jenes Schloß, von dem uns Cornelius Nepos schon in der ersten Lateinschule erzählt, daß es auf allen Seiten Ausgänge gehabt, damit dem Verfolgten die weitere Flucht offen bliebe, wenn das geschehe, was dann wirklich geschah. Den Römern war sie nach dem Falle des Mithridatischen Reiches eine gehorsame Provincialstadt. 259 Jahre nach Chr. wurde sie von den Gothen, die vom schwarzen Meere und von der Donau gekommen waren, geplündert und verwüstet, ein Loos, das ihr 941 die Perser wieder bereiteten. Größere Bedeutung aber erhält sie erst durch ihre heutigen Besitzer, als sie die erste Residenz des Osmanischen Reiches ward. Aus ihren Thoren führten die sieben ersten Sultane jene Raubzüge nach dem erstaunten Europa, welche die Christenheit wie Wetterstrahle trafen, und hieher kehrten die Sieger lebendig oder todt zurück, bis der achte des Geschlechtes, Mohammed II., sich und seinen Nachfolgern die stolzeren Gräber auf den byzantinischen Kaiserhügeln bereitete.

Was diese Männer ihrem Glauben an Moscheen und die Nachkommen ihrem Andenken an Grabmälern gebaut, das besuchten wir heute. Da die Stadt, die zwar nicht breit, stundenlang um den Fuß des Berges gezogen ist, und diese Bauten weit auseinander liegen, beschlossen wir, ihnen ausschließlich den ganzen Tag zu widmen und den Umgang zu Pferde zu machen.

Auf schroffen Felswänden erhebt, oder wahrer erhob sich — denn seit dem letzten Erdbeben stehen nur noch Ruinen dort, — das feste Schloß, die Akropolis von Brussa. Mauern und Felsensind in der jahrhundertalten Verbindung ein Körper geworden; der Epheu hat sie von oben bis unten überzogen, und die Wunden der Zeit und der Gewalt mit seinem heilenden Grün geschlossen. Wo ein Stein aus der senkrechten Neigung vorspringt, da sind Gärten darauf angelegt, da blüht die Rose und der Lorbeer und reifen Nüsse und Feigen. Vor dem Berge und fest um ihn geschlungen sind die Häuser der Stadt, und hinter ihm setzt sich der Olymp fort, aus dem er wie eine Altane zum bequemen Ueberblicke des Thales vorgeschoben ist. Zu allen Zeiten, auch da die Gebäude dort oben noch nicht so malerisch verfallen waren, muß dieser Schloßberg das charakteristische Merkmal der Gegend gewesen sein. Bei der Ankunft und bei jedem Ausgange hatte ich ihn besonders neugierig in’s Auge gefaßt, und so ritten wir denn auch heute zuerst zu ihm hinauf. Oben ruhen die beiden ersten Sultane, Osman und Orchan. Durch alte Thore und Mauern, die aus den Resten einer älteren Zeit gebaut sind, kamen wir auf die Stätte, die ihre Gebeine begraben hält. Bis zum Jahre 1855 stand eine byzantinische Kirche darüber; das Erdbeben hat sie so vollständig niedergeworfen, daß auch nicht eine Mauer, keine Säule mehr aufrecht steht. Der Boden aber ist mit Bruchstücken von Porphyr, Verde antico, Marmor in allen Farben, auch mit Mosaiken so übermäßig und unordentlich bedeckt, daß man sich in der Wildniß eines Steinbruches glauben könnte. Bei näherer Besichtigung fand ich an manchem Blocke den Schmuck zierlicher Sculpturen und beinahe an allen Säulenknäufen das Kreuz in die Zierathen geflochten. So hatten sie sogar hier, wo sie doch die ersten und am höchsten verehrten Fürsten ihres Stammes begruben, das Zeichen eines anderen Glaubens unberührt gelassen! Ich frage die Leute, die in Europa über die Unduldsamkeit der Türken schreien, ob sie, wenn es ihnen glückte, in Moscheen die Messe zu lesen und Predigten zu declamiren, den Halbmond und die Tuhgra so unverletzt lassen würden? Ich sage nicht, daß es der Respect sei, der das Kreuzeszeichen so lange erhalten hat; aber daß derTürke nicht eine Verpflichtung seiner Religion darin erkennt, es zu vernichten, scheint mir des Lobenswerthen genug.

Zwischen den Trümmern fand ich eine Menge offener Gräber. Sie müssen ehemals in dem Fußboden der Kirche gelegen haben. Alle sind türkische. Die Construction, die ich genau untersuchte, ist einfach eine Gruft ganz in der Gestalt und Größe unseres Sarges aus Ziegeln in die Erde gemauert, in den Fugen sorgfältig verschmiert und mit einer Lage Tünche ausgefüttert. Aus dem Boden ragt nur der Deckel hervor. Erst über diesen unansehnlichen Bau ist das Holzgerüste gestellt, das ähnlich unseren Katafalken auch mit der Macht und der Bedeutung des Verstorbenen wächst. Solche Gerüste sind denn auch über den Gräbern Osmans und Orchans aufgeschlagen, die einzigen der vielen, die man aus dem Schutte wiederhergestellt hat. Ob man dabei wirklich die Rechten gewählt, wird dem Zweifler freilich zweifelhaft erscheinen können; den Gläubigen aber — und für diesen sind solche Orte doch zumeist bestimmt — überzeugt das Gebotene und befriedigt diese Ueberzeugung. Die Tempel, die man darüber an Stelle der kirchlichen Wölbungen errichtet hat, sind ärmlich und geschmacklos. Aus Brettern und in antiken Formen aufgeführt, beleidigen sie durch den Widerspruch des Materials und der Gestalt. Reicher ist der Eindruck ihres Innern. Es ist rein gehalten und mit den kostbarsten Teppichen belegt. An dem Turban Osmans, der so wie er ihn zu Lebzeiten trug an dem Kopfende seines Katafalkes geschlungen ist, hat der jetzige Sultan, als er kurze Zeit nach seinem Regierungsantritte, im Frühjahre 1862, Brussa besuchte, den Osmanije-Orden, welchen er eben erst gestiftet hatte, aufgehängt. Es muß der plötzliche Einfall eines begeisterten Augenblicks gewesen sein, denn er mußte den Orden, weil kein anderer zur Hand war, von der Brust seines Großveziers, Fuad Pascha, entlehnen. Ich erinnere mich, daß die europäische Journalistik, die für alles Türkische nur Verachtung hat, diese That damals mit ihren Witzen begleitete. Und doch, was war sie anderes, als was wir täglich thun, ein Zeichen der Treue und Dankbarkeitund ein Beweis zugleich, daß die Vergangenheit unserem Leben nicht weniger als die Gegenwart ist. Wo aber ist das Volk, — denn in solchen Fragen zählt nur die Menge, nicht der Einzelne, — das entartet genug wäre, in solchem Cultus ein Zeichen geistiger Schwäche zu sehen?

Auf dem engen Platze vor den Mauern, die diese Grabstätten umschließen, arbeiteten Sträflinge an der Grabung von Canälen; lauter junge Bursche, eifersüchtige Liebe soll die meisten zum Verbrechen verleitet haben. Trotz der Ketten und Kugeln, die an ihren Füßen hängen, schienen sie lebensmuthig und rührig. Sie drängten sich zu, uns die Pferde zu halten, von denen wir abgestiegen waren, und diesen Dienst und schlechte byzantinische Münzen, die sie ausgegraben hatten, mit einigen Piastern vergelten zu lassen; die Aufseher, menschenfreundlicher als ihre Pflicht, ließen das lächelnd zu. In den Kastellmauern, zwischen denen wir weiter ritten, erkannte ich wohl eine Menge römischer Reste, Säulenschäfte und Knäufe, auch Friese auf das unbarmherzigste verwendet, aber nirgends römische Arbeit; Vieles ist sogar erst aus türkischer Zeit, denn der saracenische Spitzbogen steht oft über dem byzantinischen Rundbogen.

In die Stadt hinabgestiegen, besuchten wir die Ulu-Djami, d. i. die große, wie sie vor allen anderen heißt. Drei Geschlechter, Murad I., Bajasid I. und Mohamed I., haben sie gebaut. Es war die erste Moschee, deren Inneres ich sah, und mir, wie es überspannten Erwartungen unvermeidlich ist, eine Enttäuschung. Warum? — ich weiß es nicht; aber meine Phantasie hatte sich Alles größer und prachtvoller vorgestellt als unsere Kirchen sind. Statt dessen fand ich nichts, was nicht von den Domen der romanischen, gothischen, toskanischen und lombardischen Architektur übertroffen würde. Zwanzig Kuppeln in ein Quadrat zusammengestellt ruhen auf dicken viereckigen Pfeilern. Was diese dem Baue noch von Leichtigkeit lassen, nimmt die abscheuliche Malerei, womit die Wände übertüncht sind. Wo sie nicht riesige Schriftzüge hingezeichnet hat, die in dieser Größe und schwarz auf weißem Grundebedrohlich wie Schlangenwindungen aussehen, sind es Draperien im Style der Fenstergardinen aus der sogenannten Kaiserzeit. Jede Thüre, jeder Bogen, jedes Fenster hat so seine eigenen Vorhänge. Es ist das Unübertrefflichste des Ungeschmackes, das auch den wohlgeformtesten Bau entstellen müßte, und an diesem gefiel mir eigentlich nur der Einfall, die Mittelkuppel, die zwanzigste, ohne Wölbung und offen zu lassen, und darunter einen plätschernden Springbrunnen und ein Wasserbecken so groß wie das ganze Quadrat anzulegen. Sogar Fische leben darinnen; das bringt frische Luft in den Raum, der sonst moderig wie unsere Kirchen wäre. Es ist der glückliche Natursinn des Orientalen, der das erfunden hat. Er weiß, daß kein Kunstwerk so schön gebildet sein kann, daß es nicht durch die Beimischung der natürlichen Gaben noch verbessert würde. An der Form des Baues störte mich, daß sie gleichseitig und daß ihm daher die Tiefe fehle. Diese ist der Moschee wie unserer Kirche nothwendig, weil beide einen Punkt haben, dem sich die Aufmerksamkeit besonders zuwenden soll und dorthin die Augen eher durch die Richtung der Mauern als durch das Kennzeichen des Altars oder des Mihrab gelenkt werden. Uebrigens ist es nicht blos dieser praktische Grund, auch nicht die Anhänglichkeit an die Gewohnheit allein, die mich solche Forderung stellen lassen. Von jedem Baue begehre ich, daß mir schon der Anblick den Zweck und die Bedeutung verrathe. Beim Gotteshause sind diese das Gebet und die Gottesverehrung, und wird sie die weitere Entfernung, die ehrwürdig zwischen dem Eingange und dem Hochaltare, wie ja auch zwischen uns und unseren höchsten Idealen liegt, am deutlichsten ausprägen. Wo solche Verständlichkeit einem Gebäude fehlt, werde ich es auch als ein verfehltes tadeln.

Wir Fremde hatten Ueberschuhe angezogen; ein einheimischer Grieche aber, der mit uns ging, wies die Babuschen, welche ihm unsere Kawassen, die ein ganzes Bündel solcher leichter Lederpantoffeln eingekauft hatten, anboten, zurück und patschte in der Einbildung seiner christlichen Ueberlegenheit mit seinen schmutzigen Stiefeln auf die reinen Strohmatten und Teppiche, die der Mohammedaner nur mit abgezogenen Schuhen betritt, weil er bei seinen Gebeten den Boden mit dem Munde und mit der Stirne küßt. Mich juckte die Hand, dem übermüthigen Kerle eine Ohrfeige ins Gesicht zu schlagen. Ist mir jede Rohheit verhaßt, so ist mir doch diejenige die verhaßteste, welche sich gegen den Glauben der Andersgläubigen kehrt. Ich trage über Gott und die Welt meine ganz besonderen Ansichten in mir, habe aber nur Achtung für die der Anderen, wie einfältig und kindisch sie mir auch erscheinen mögen. Das Factum, daß sie sind und einem bekümmerten Gemüthe Trost und Befriedigung gewähren, genügt, um sie als existenzberechtigt meiner Duldung zu empfehlen. Ich habe die Bildung nie erreicht, welche verächtlich auf den Fetischanbeter herabsieht, weil er Hilfe oder Strafe von einem Holzklotze hofft oder fürchtet. Was bürgt uns denn, daß über tausend Jahren die Zukunftstheologen nicht ebenso verächtlich auf unsere Religionen herabblicken werden, wie die heutigen auf die Götzendienste der Griechen und Römer? In Athen und in Rom glaubte sich die damalige Menschheit dem Himmel gewiß nicht ferner, als in Berlin und Paris sich die heutige hinaufgestiegen wähnt.

Christliche Ungezogenheiten gleich der, welche vor uns gespielt hatte, kommen im Oriente täglich vor. Kann man sich danach wundern, wenn dem Türken, wie sehr auch die Duldsamkeit seiner Natur und Religion eingebürgert ist, doch manchmal der Faden reißt und er solch Ungezogene zur Thüre hinauswirft, dem Fremden überhaupt aber sie versperrt? Würde der deutsche Bürger es dem Lümmel anders thun, der ihm in seiner Staatsstube die kothigen Stiefel auf das sammetne Canapee legte? Und katholische oder protestantische Christen würden sie den Mohammedaner, der in der Kirche das Fezz oder den Turban aufbehielte, bei ihrem Gottesdienste dulden? Und doch hat die eine Sitte so viele Berechtigung als die andere, ja das Niederwerfen und das Bodenküssen scheint mir bedeutungsvoller, als das Hutabziehen vor dem lieben Herrgott. Hier läßt der Mohammedaner den Europäer mit dem Hute auf dem Kopfe in seiner Moschee herumgehen; er begehrtnicht, daß der Fremde niederfalle und den Boden küsse, und einem fremden Glauben mit fremden Zeichen lügenhafte Verehrung heuchle, er begehrt nur, daß ihm die Stelle, die er mit seinen Lippen berühren muß, nicht verunreinigt werde. Ob wir dem Muselmanne so viel zugestehen, und ob ihn nicht, wenn ihn die Nachsicht des Küsters in die Kirche eingelassen hätte, das ungezogene Erstaunen unseres Pöbels daraus verdrängen würde, ist eine Frage, die ich zur Wahrung christlicher Ueberlegenheit lieber nicht auf die Probe gestellt sehen möchte. Wenn im Oriente ganze Städte, auch ganze Provinzen, wo Jahrzehnte lang Griechen, Armenier und alle übrigen Christen in Frieden neben den Mohammedanern gearbeitet und geschlafen haben, mächtig und reich geworden sind, plötzlich vom Christenhasse erregt werden, so ist die erste Veranlassung nur selten beim Türken zu finden, gewöhnlich irgend ein bübischer Streich jenes sonderbaren Geistes, der die Religion, welche ursprünglich das eifrigste Bekenntniß der Liebe und Demuth gewesen war, in eine Parteileidenschaft des Hochmuths verwandelt hat. Es ist ein Zeichen der Verderbtheit, welche ich dem Menschen angeboren glaube, daß er nichts berühren kann, ohne es nicht auch zu beflecken; das ist der Fluch der Erbsünde, der an unseren Händen haftet. So ist auch der Gedanke gut und rein nur in dem Augenblicke seiner Empfängniß; da gehört er noch Gott an, dem er entstammt, kaum aber für diese Welt geboren und in der Berührung mit neuen Generationen gealtert, wird er seinem Ursprunge und seiner Absicht immer mehr entfremdet.

Jeschil-Djami, d. i. die grüne, welche Mohammed I. ziemlich außerhalb der Stadt und auf einem Hügel gebaut hat, war die nächste, welche wir besuchten, und nach der Enttäuschung der Ulu-Djami eine doppelte erfreuliche Ueberraschung. Von innen und außen bildet sie ein köstliches Kleinod mohammedanischen Baustyls. Nicht groß, eher klein, ist ihr Rauminhalt nicht viel mehr, als der einer Capelle. Vor ihr stehen uralte verwitterte Platanen, und zwischen den Stämmen durch sieht das Auge den östlichen Theil des Brussaer Thales. Das Material des Baues ist größtentheilsMarmor; die Einfassung, die an jedem Fenster und an der Thüre verschieden ist, sind Arabesken und Schriftzüge, wie in den Stein damascirt, so wenig erhaben und so deutlich. Im Inneren sind drei Kuppeln in einer Linie nebeneinander und, um die Richtung gegen Osten zu markiren, eine vierte vor die mittlere gestellt, so daß man beim einzigen Eingange eintretend und unter der Mittelkuppel stehen bleibend auf jeder Seite und auch vor sich eine Capelle hat. Daß der Boden unter der mittleren Kuppel tiefer als unter den umliegenden sei, ward erst vor wenigen Tagen entdeckt. Aus dem Schutte, der ihn den anderen Abtheilungen gleich gemacht hatte, kam ein Marmorbrunnen in den Formen der Renaissance heraus und so wohl erhalten, daß er gleich wieder frisches Wasser gab.

Die Restauration des Baues, der vom Erdbeben stark gelitten hat, ist von Achmed Veffick Effendi angeordnet. Nach und nach, so will es wenigstens sein Plan, soll dasselbe an allen hiesigen Moscheen geschehen, und wird dazu bei jeder derselbe Geschmack und dieselbe Freigebigkeit verwendet werden, so wird Brussa um seiner Moscheen nicht weniger sehenswerth, als um die Schönheit seiner Gegend willen sein. Ich habe kaum irgendwo sonst eine Restaurirung glücklicher projectirt und ausgeführt gesehen, das Ganze entsprechend dem Grundgedanken und jedes Einzelne in Uebereinstimmung mit diesem Ganzen. Nach dem Vielen, was ich von türkischer Unfähigkeit gehört, überraschte mich das nicht wenig. Ich frug nach dem Baumeister. Man stellte mir einen Italiener vor; der Mann erschien jung, aber reich begabt mit dem besonderen Talente, welches seinem Volke für alle bildenden Künste eigenthümlich ist. Er lobte mir die Arbeiter, sie seien genau und folgsam. Allmälig kamen wir auch auf den Bauplan zu sprechen; den habe nicht er eigentlich gemacht. Achmed Veffick Effendi habe namhaften Gelehrten seine Ideen mitgetheilt, die hätten sie zusammengestellt, er in die Pläne wieder hineincorrigirt und so sei das entstanden, was wir nun vor uns sähen. Um jede Kleinigkeit kümmere sich Achmed Veffick Effendi; Jeden, der ihm verständig erscheine, ziehe er darüber zu Rathe, und seine Entscheidungenbewiesen dann eben so viel angebornes Urtheil, als kluge Verwerthung des in Europa Gesehenen. So sei die Idee, das einfallende Licht verschiedenartig zu färben, die so gut zu dem Reichthume der orientalischen Bauformen paßt, ganz sein Eigenthum. Es ist nämlich jede Abtheilung des inneren Raumes in anderen Farben gehalten, unten gemalt und mit Porzellantafeln inkrustirt und oben in der Kuppel durch bunte Scheiben erleuchtet; der Mittelbau weiß, der rechtsseitige grün, der linke orange und der östliche, wo der Mihrab und Minber stehen, roth. Dasselbe anmuthige Spiel wird mit dem Lichte in den Logen des Sultans und seiner Frauen getrieben, die über dem Eingange in der Höhe eines ersten Stockwerkes liegen. Sie sind mit jenen prachtvollen Porzellanplatten austapezirt, deren Fabricationsmethode erst kürzlich wieder entdeckt worden ist. Ebenso geziert sind die zwei anderen, die unten zu beiden Seiten der Thüre, ich möchte sie Parterrelogen nennen, einige Stufen höher, als der Boden angebracht sind. Ein Türke, der zufällig darinnen saß, den Arm auf die durchbrochene Porzellanbrüstung gelegt, fügte sich in das Bild, wie die künstlerisch gewählte Staffage in die Composition eines Malers.

Hinter der Djami liegt das Grabmal Mohammed I., ein achteckiger Tempel. Vom Erdbeben gewaltig zerstört und noch in der ersten Restauration begriffen, zeigte uns das Aeußere nicht mehr als Ruinen und das Innere Bretterwände, die schützend gegen den Staub und die Arbeiter um die Särge des Sultans und seiner Familie geschlagen sind.

Noch weiter von der Stadt und noch schöner gelegen sind Moschee und Grab Sultan Bajasid I. Das Erdbeben hat sie am ärgsten getroffen. Wie bei allen Moscheen hat es die Minarete geknickt, daß sie gleich geköpften Lilienstengeln aufragen, hier aber auch aus den Wölbungen ganze Blöcke herabgeworfen, daß der blaue Himmel in die verödeten Räume herabsieht. Die heilende Hand hat noch nichts berührt; Herrliches kann wieder hergestellt werden. Die Moschee hat einen Porticus aus weißem Marmor in sarazenischen Formen von solcher Einfachheit, aber sogroßer Mächtigkeit, daß mein Geschmack sie dessenwegen die schönste von Brussa nennt. Der innere Plan gleicht, wenn erst alle späteren Zwischenwände durchgebrochen sein werden, in so manchem der Jeschil-Djami, daß ich auch hier den ursprünglichen Boden des Mittelbaues wie dort tiefer und einen Brunnen darinnen liegend vermuthe.

Im Westen der Stadt, eigentlich in der Vorstadt, ist die Muradje, d. i. die Djami Murad II. und die zehn Grabcapellen seiner Familie. Die Moschee steht auf einer Terrasse erhöht über einem großen Platze. Prachtvolle Cypressen, durch Alter, Größe und Verknorpelung ihrer Stämme die schönsten, die ich gesehen habe, sind davor auf der Terrasse. Die Vorhalle, die zu dem Haupteingange führt, ist aus fünf luftigen Rundbogen und breiten Gewölben so machtvoll gebildet, daß von dem hinteren Theile des Baues nur die Kuppel darüber emporragt. Dieser Porticus mahnt mich an die Feldherrnhalle zu München; der Vergleich enthüllt mir aber auch endlich die Fehler jenes Gärtnerischen Baues, von denen ich immer gehört, die ich aber nie hatte begreifen wollen. Jetzt erkenne ich ihn neben der harmonischen Vollendung des türkischen Kunstwerkes schuldig der Anmaßung in der Absicht und kleinlich in dem, was er geworden ist. Aber so steht in allen bildenden Künsten die Neuzeit neben der Vergangenheit, nicht blos erfindungsarm, auch unvermögend in der Nachahmung und selbst mit türkischer Vergangenheit nicht zu vergleichen. Die Gräber sind neben der Moschee, von dem Platze in einem Hofe abgeschlossen. Ein kuppelgedecktes Thor führt zwischen den hohen Umfassungsmauern hinein; es ist ein Garten lauschig und still, kühl und wohlriechend, wie sie der Koran denen verspricht „so da glauben und das Gute thun“. Große Platanen, größer als die größten, die ich bisher gesehen, beschatten die grünen Wiesen, und blasse Rosen färben und umduften Alles, was ihren Ranken Wände und Stämme bietet; Nachtigallen singen und wiegen sich in den Zweigen, und fromme Männer mit ehrwürdigen Bärten, in langwallenden Kaftanen tragen andächtigen Jünglingen die Lehren des Korans vor.Zwischen den Bäumen und Büschen stehen die Mausoleen, ihre Thüren weit geöffnet, wie die Tempel geheimnißvoller Grade bereit, die Geprüften und Müden zu den seligen Freuden zu empfangen, die sie sich im Kampfe mit dem Leben verdient haben. So gebettet, wenn das Grab selbst schon mit den Reizen der anderen Welt geschmückt ist, wo bleiben denn dann die Schrecken des Todes?

Gleich das erste nach dem Thore, wenn man von Mudania in Brussa einzieht, ist dieser Platz der Muradje; die grünen Hänge und Schluchten des Olymps steigen so nahe hinter ihr empor, daß man sie zu ihrem Gräbergarten gehörig glauben könnte. Auf dem Platze vor ihr war das zerlumpte Zelt eines Kaffeegi aufgeschlagen, eine malerische Staffage, die in den Skizzen, welche meine Freunde versuchten, nicht wegbleiben durfte. Sonst war er leer. Ab und zu sammelte sich in den Stunden, die wir dort lagerten, eine gaffende aber niemals unfreundliche Menge um uns. Selbst die Schuljugend war weniger muthwillig, als das sonst ihre Art. Indeß die Anderen mit dem Bleistifte beschäftigt waren, machte ich mir mit der näheren Besichtigung der Gebäude zu thun. Auch diese Moschee ist durch die Folgen des Erdbebens dem kirchlichen Dienste unbrauchbar geworden. Achmed Veffick Effendi ließ eben in der Vorhalle die Gerüste zu den Restaurationsarbeiten aufschlagen. Eines der Gräber ist schon hergestellt; Pracht der Farben, der Steine, des Porzellans und schöner Schriftzüge ist daran auf das großartigste verwendet. An den anderen sah ich, daß bei diesen Bauten nicht blos zu flicken ist, was die Gewalt der Elemente zerstört hat, daß auch weggeräumt werden muß, was der Ungeschmack des vorigen Jahrhunderts, das der Türkei wie unseren Ländern den Zopf angehängt hatte, über das Werk einer früheren Zeit geklext hat. In allen fand ich dieselbe Tünche und dieselbe Malerei, wie sie die Ulu-Djami entstellt. Betrachte ich die Bemühungen, die hier an diesem einzigen Orte in dieser Richtung thätig sind, und erinnere ich mich an den Tadel, der bei uns von dem Verfalle der türkischen Kunstdenkmale erzählt, so fühle ich mich unwillkürlich verpflichtet nach dem zu fragen, was denn z. B. dasKaiserthum Oesterreich für die Restaurirung seiner kirchlichen Bauten gethan habe? Ich finde unter den vielen, denen sie nothwendig wäre, nur den Stephansdom in Wien und die Marcuskirche zu Venedig, die von einer helfenden Künstlerhand berührt worden sind. Das nur jenen Leuten zur Entgegnung, welche die Türkei immer mit Vergleichen richten.

An den äußeren Mauern dieser Grabcapellen ist das Baumaterial nackt gelassen. Es sind feste gelbe Kalksteine, abwechselnd mit größeren schwarzen vulcanischen Blöcken zwischen die vorstehenden Kanten rother Ziegel gemauert. Ab und zu unterbrechen diese Zeichnung sechs- und achteckige Figuren durch Ziegel geformt, zwischen welche ein mit Kiesel gemengter Kalk gelegt ist. Oben, unter den vorspringenden Dächern, schließen bunte verglaste Ziegeltafeln friesartig die Mauern ab. Der innere Aufbau gefiel mir besonders bei dem Thore, das in den Gräbergarten führt. Es ist eine viereckige Halle, gekrönt durch einen Tambour und eine hohe Kuppel; den Tambour tragen große Postamente, die in die vier Ecken geschoben sind. Sie sind stalaktitartig wie aus einer Menge kleiner Postamente gebildet. Im Friese sind neben runden Arabesken dreieckige Körper zu Verzierungen gruppirt, die mir vorzüglich wirkungsvoll erfunden und leicht für unsere moderne Bauweise brauchbar erscheinen.

Ein alter Türke machte bei all’ dem meinen Führer. Nicht größer als ein Bube gewachsen, war ihm auch noch die Haut bis auf die Magerkeit der Knochen zusammengeschrumpft. Seine Pantomimik, mir alles deutlicher zu erklären, war ebenso komisch als bereitwillig. Was in unserer Zeichensprache ungefähr Rasiren bedeuten würde, das sollte bei ihm eine Frau vorstellen, d. h. die Schleier, mit denen sie sich das Gesicht unter den Augen verhüllt. So sind die Völker nicht nur durch die Sprachen der Zungen, auch durch die der Hände und Mienen verschieden. Die paar Piaster, womit ich ihn schließlich belohnte, nahm er mit so großem Danke auf, wie mir in Europa nie ein Trinkgeld vergolten wordenist. Die Genügsamkeit dieses Volkes hat ihr Rührendes und Angenehmes zugleich.

Fasse ich mit zurück- und überschauendem Blicke das Resultat meiner heutigen Wanderung durch die kaiserlichen Moscheen Brussa’s als ein Ganzes zusammen, so finde ich, daß ich zugleich auch einen Cursus durch die erste Periode der mohammedanischen Kunstgeschichte gemacht habe. Die Reihenfolge der Entwicklung, die sie repräsentiren, ist lückenlos und jede Moschee schon durch ihre eigene Eigenthümlichkeit, auch ohne den zeitbestimmenden Namen ihrer Erbauer, auf eine besondere Stufe gestellt. Ulu-Djami, die Große, knüpft beinahe unmittelbar an die ersten Anfänge an, wie sie zu Mekka in dem mit kleinen Kuppeln gedeckten Säulengange um die Kaaba gereiht stehen. Was dort freier Hof geblieben, ist hier mit einem Nebeneinander von Kuppeln gedeckt; ein Rest der ursprünglichen Anlage blieb in dem mittleren offenen Quadrate erhalten. Die Erfindung dieses Planes kann — da das erste, der hallenumfaßte Hof, einmal erfunden war, — keine große Mühe mehr gekostet haben. Was dadurch geschaffen ward, ist übrigens auch — wenigstens für meinen Geschmack — arm genug geworden. Ich kann an diesem einförmigen, sinnlosen Nebeneinander gleich großer und gleich gestalteter Kuppeln keinen Gefallen finden. Daß es nicht unberechtigt ist diese Verwandtschaft zu behaupten, beweist auch das Aeußere der Moschee; es gleicht ganz dem jener Höfe. Hohe nackte Wände nach allen Seiten und auf jeder, nur auf der gegen Osten gekehrten nicht, eine Eingangsthüre; kein Porticus vor der Hauptfronte, nirgends etwas Außerordentliches. Die zweite Stufe vertritt die Djami Bajasid I. mit ausgebildet saracenischen Formen. So ist wenigstens der Porticus gestaltet mit hohen schmalen Bogen, welche luftig und aufstrebend wirken trotz der lastenden Schwere des festen Baumaterials, das heller Marmor ist. Das Innere hat schon die byzantinische Kuppel aufgenommen; das, was heute so recht eigentlich die Form des mohammedanischen Kirchenthums ist, die breite und nieder gespannte Kuppel, hat es vom Christenthume entlehnt. Freier und selbstständiger ist danndieses fremde Eigenthum in Jeschil-Djami verwendet worden. Ein eigener Styl hat sich aus dem fremden herausgebildet. Kuppel ist neben Kuppel gelegt, aber so, daß jede über einem auch in dem untern Bau besonders gestalteten Raume liegt, und daher im Eindrucke des Ganzen gleich ihre eigenthümliche Bedeutung erhält. Uebrigens wurde hier wieder der prachtvollen Ornamentirung, wie sie der reiche Orient seit je geliebt, freie Entfaltung gelassen. Auf der letzten Stufe, schon nach Europa die Hand hinüberreichend, steht die Muradje. In Venedig oder Florenz würde sie durch nichts Fremdartiges überraschen. Daß diese Wirkung von dort hierher nach Asien gereicht haben sollte, wie unsere Kunstgeschichte gewöhnlich annimmt, hat mir nichts wahrscheinliches. Es müßte entgegen aller sonstigen Bildungsströmung geschehen sein, die von Asien nach Europa ging.

Den späten Abend verbrachten wir in Burnabaschi — Quellenhaupt — einem der beliebtesten Vergnügungsorte des Brussaer Volkes. Er ist zwischen die Stadt und die Abhänge des Olymp eingeklemmt. Die Quelle ist so wasserreich, daß sie gleich beim Ursprunge das Bett eines ansehnlichen Baches füllt. In die Felswände, die darum emporsteigen, sind Bänke gehauen, die als auszeichnende Ehrenplätze zu gelten scheinen, denn kaum bemerkt wurden sie uns mit artigen Verbeugungen eingeräumt. Kaffee und Nargileh fehlten nicht lange und bald fühlten wir uns auf den steinernen Sitzen, das Wasser unter den Füßen, ganz heimlich. Nur die Kühle wurde in dem eingeengten Winkel, der auch den Tag über im Schatten bleibt, allzu fühlbar; draußen, wo sonst die Sonne waltet, sind grüne Wiesen und große Bäume darauf. Ein Kameel lagerte dort und bunte Menschengruppen waren darum zerstreut. Ein paar ernste Perser mit ihren hohen Pelzmützen und in der ganzen Besonderheit ihrer Nationaltracht gehörten unter die auffälligsten und schönsten Gestalten, die mir bisher im Oriente begegneten. Die Menschen sind es, die Burnabaschi seinen Reiz verleihen, denn um der Landschaft willen würde ich andere Puncte wählen. Gleich der Friedhof, über den wir dahin ritten, bietet inseiner Umgebung und in seiner Aussicht weit schöneres. Er liegt hinter der Stadt auf den Abhängen des Olymp’s. Zwischen ihm und dem Walde ist keine Mauer, die das Leben von dem Tode abzusperren versuchte; Gräber und Bäume umschlingen sich mit ihren Wurzeln und oben auf der Decke hat die Wildniß, die unter den mächtigen Cypressen den Boden überwuchert, an einzelnen Stellen den besondern Zweck dieses Erdenfleckes schon wieder ausgelöscht. Dieses Zurückgeben des Grabes in den freien Besitz der Natur ist wie das Zeugniß eines instinctiven Verstehens des Bundes, der zwischen allem Menschlichen und Natürlichen besteht. Schon das Begräbniß drückt ihn sichtbar aus, wie er unsichtbar und gefühlt, wenn auch nur selten begriffen, die ganze Lebenszeit über besteht. Was der Natur gehört, die Schlacken unseres Geistes, den irdischen Körper überläßt ihr der Orientale zu ungebundenem Walten. Danach ist die Ordnung seiner Friedhöfe bestellt, die wir oft beinahe feindselig gegen jeden Einfluß der Natur richten.

Als wir durch diesen schönen Hain ritten, war er leer. Nur auf einem Grabe saß ein Türke, ein Mann stark und in den besten Jahren, aber das Auge müde und alt; er sah und hörte uns nicht. Sein Ohr war wohl von Erinnerungen betäubt und sein Blick in die weite Ferne verloren. Ueber die Stadt weg, die unter den Bäumen geborgen zu seinen Füßen lag, und über das Thal, das schon die Schatten der Nacht deckten, nach den rothglühenden Felsengipfeln des Katerlü-Gebirges schien er hinzudringen. Ob er dort noch das letzte Leuchten der Sonne bemerkte, ob seinem umdüsterten Leben noch so viel Hoffenskraft geblieben war?

Brussa, den 28. Mai.

Ich beginne den Tag mit einem türkischen Bade, das ich in Kökürdli nehme. Die Quellen dort sind außerordentlich heiß, so daß man Eier darinnen siedet, und so schwefelhaltig, daß ich die Wände ihrer künstlichen und natürlichen Flußbetten mit gelbenKrystallen überzogen und schon nach diesem einen Bade meine Haut und Wäsche schwefelig riechend fand. Es ist etwas ganz anderes das türkische Bad, als ich es nach den vielen überschwänglichen Beschreibungen erwartet hatte; System und Wesen dem russischen Dampfbade sehr ähnlich, von Pracht keine Spur, aber viel Bequemlichkeit und Reinlichkeit darinnen. Rein ist der große Saal, wo man sich entkleidet und nach dem Bade auf Betten ruht; rein sind die marmornen Badehallen und rein ist die Wäsche, die im Ueberflusse und in köstlicher Feinheit gereicht wird.

Ueberhaupt enthält der Vorwurf der Unreinlichkeit, den man dem Süden schon an der italienischen Grenze zu machen beginnt, ebenso viel Uebertriebenes als Unbilliges. Ohne Berücksichtigung der angebornen Eigenschaften dieser Himmelsstriche haben ihn nordländische Theoretiker, welche die ganze Welt über den Leisten ihrer Studierstube zu construiren versuchen, erfunden und so lange drucken lassen, bis ihn das ganze allem Gedruckten gläubige Europa unter seine Dogmen aufgenommen hat und nunmehr um so eifriger nachbetet, als der Schmutz, den man vor der Thüre des fremden Hauses zusammenkehrt, das eigene nur um so reiner erscheinen läßt. Daß eine Sonne, die in Feld und Wald die Blüthen und die Früchte schneller reifen und des Menschen Geist und Körper früher zeugungskräftig macht als die unserige, auf die Thierwelt nicht weniger wirksam, und daß diese Wirkung nicht blos auf Kameele, Pferde, Hunde, Krokodile, Schlangen beschränkt bleiben könne, daß sie das ganze große Geschlecht der kleinen Insecten, Mücken, Flöhe und leider auch Wanzen in ihrer Entwicklung und Vermehrung ebenso begünstigen müsse, sind so leichtgreifliche Folgen einer offenkundigen Ursache, daß sie gerade die europäische Gelehrsamkeit, die alles zu wissen behauptet, nicht hätte übersehen und damit einigermaßen erklären sollen, warum der Reisende in Italien und im Oriente mehr vom Ungeziefer heimgesucht werde als im Norden. Bei uns freilich lassen ihn Flöhe und Wanzen ungeschoren, weil das viel zu gescheidte Thiere sind, um sich gleich den Menschen die kostbaren und zu ihrer Existenz so nothwendigen Extremitäten erfrieren zulassen; ehe es so schlimm wird, verbeißen sie sich in einen Commis voyageur und lassen sich bequem placirt über den Karst oder die Via mala nach dem Süden befördern. Wenn nun bei dem Baue und bei der Einrichtung des Hauses auch noch wie hier im Oriente viel Holz, Tapeten und Teppiche verwendet sind, so macht das diesen Thieren die südliche Existenz noch heimlicher, wärmer und furchtbarer. Bei solchen Umständen sie ganz ferne zu halten ist eine völlige Unmöglichkeit, an der ich die Versuche der propersten deutschen Hausfrauen scheitern sah. Darum aber zu behaupten, daß die Gewohnheiten der hiesigen Völker unreinlicher seien als die der Nordländer, ist ein Tadel, der ebenso unverdient trifft, als das Lob, welches die Tugend einer Frau rühmen will, die nie in Versuchung geführt worden ist. Auf dem Leibe glaube ich den Orientalen sogar reiner, und gerade der Mann der unteren Stände wird bei diesem Vergleiche mit seinem nordischen Genossen am meisten gewinnen. Von den Türken insbesondere kann ich wie Herodot von den alten Aegyptiern berichten, „daß sie es für höher achten rein zu sein als wohlanständig“, wenigstens als das, was unseren Begriffen gewöhnlich als anständig gilt. Denn in Stambul sah ich, wie an den öffentlichen Brunnen der Moscheen Hamale, Surugi’s und andere arme Leute dieser Volksclasse ihre Kleider ablegen und sich vom Kopfe bis zu den Füßen waschen. An dem Brunnen der prächtigen Suleimanije, der zu beiden Seiten der Djami einige Stufen tief aus den Marmormauern hervorquillt, fand ich so die sämmtlichen Pipen besetzt.

Bäder laden beinahe in jeder Gasse mit offenen Thüren ein und wo ich eintrat, traf ich Gäste darinnen. Das Herkommen hat diesen Brauch, wie auch bei uns so manchen, längst dem freien Willen entzogen; er unterliegt einem Zwange so gut als ein in gesetzlicher Form gebotener. Die öffentliche Badehalle aber dient Männern und Frauen als Zusammenkunftsort, wo man sich sieht, politischen und andern Tratsch betreibt, wie der Franzose im Salon, der Deutsche in seiner Ressource und der Italiener im Opernhause. Der Eintrittspreis ist, da die meisten wohlthätige Stiftungen sind,so wohlfeil, nicht mehr als einige Para’s, daß sich Jeder dieses Vergnügen gewähren kann, und das geschieht denn auch wenigstens ein bis zwei Mal in der Woche. In Oesterreich kannte ich Dienstboten von solcher Wasserscheu, daß sie ein ganzes Jahr und auch darüber ungebadet blieben.

Und so wie die Menschen habe ich im Durchschnitte auch die orientalischen Häuser gefunden; Treppen, Vorsäle und Stuben, wenn sie nur einigermaßen vermöglichen Leuten gehörten, rein und die weißen Strohmatten, die doch so leicht Spuren festhalten, fleckenlos. Daß sie darum auch frei von Wanzen, Flöhen und anderem Ungeziefer gewesen, soll damit nicht behauptet werden; im Gegentheil, ich fand sie überall, weil sie Unvermeidlichkeiten des Klima’s sind. Aber der äußere Anblick der Räume, das, was die Bemühungen der Menschen herstellen können, erschien mir tadellos. Es ist auch im Südländer zu viel Schönheitssinn lebendig, als daß dieses anders sein könnte. Zum Sclaven der Reinlichkeit, wie das der Holländer thut, wird er sich freilich nie degradiren; dazu ist sein Sinn zu maßvoll und auch zu bedacht, daß das, was von Natur aus Mittel ist, nicht durch das Uebermaß der Fürsorge Zweck des Lebens werde. Im großen Ganzen fand ich den Süden sauberer und netter als den Norden. Wollen dem andere Reisende ihre unangenehmen Erfahrungen, die sie in Italien oder im Oriente erduldet haben, entgegen halten, so kann auch meine Erinnerung mit einigen nördlichen Beispielen dienen, die nicht weniger Schmutziges zu erzählen haben. So ist Prag, gewiß eine nordische Stadt, in seinen Gassen und selbst in den Treppenhäusern seiner Paläste das unsauberste, was ich auf meinen Reisen gesehen.

Der Gouverneur von Brussa sandte gestern einen seiner Beamten zu unserer Begrüßung in den Gasthof. Wir erwiderten ihm heute die Artigkeit durch unseren Besuch. Seit Achmed Veffick Effendi als kaiserlicher Commissär hier eingezogen, will die Stellung des Pascha’s nicht viel mehr als die eines ausführenden Bureauchefs bedeuten. Alle organisatorischen und schaffenden Maßregeln werden von dem kaiserlichen Commissär angeordnet, dessenBefugnisse noch über ihre nominellen Grenzen geachtet werden, weil er als einer der beliebtesten Günstlinge des Sultans bekannt ist. Er sollte wie die anderen Commissäre, welche nach den Provinzen geschickt wurden, zusehen, in wiefern die kaiserlichen Befehle vollzogen worden seien, und die Vollziehung der dermaligen überwachen. Diesen Auftrag übt er im weitesten Maße. Was seit dem Erdbeben vom Jahre 1855 darnieder lag, und allen kaiserlichen Erlässen zum Trotze liegen blieb, hat er in wenigen Monaten wieder aufgerichtet, oder doch so in Angriff genommen, daß dessen Herstellung gesichert erscheint. Dabei ist sein Eifer dem Nützlichen wie dem Schönen in gleicher Weise zugewendet. Was er für die Moscheen und Gräber thut, habe ich gestern gesehen; heute sah ich, wie er die engen Gassen Brussa’s erweitert, wie er ganze Stadttheile, die in Trümmer gesunken waren, aufbaut, mit geraden Straßen, mit Canälen durchzieht und wie er größere Plätze dazwischen legt, damit dem Verkehre und der frischen Luft mehr Raum zu ihrer Ausbreitung sei. Nach Gemleck baut er eine Straße, die so gerade, so praktisch und leider auch so häßlich wird, als nur irgend eine unserer Chausseen. Bis auf eine kleine in der Mitte liegende Strecke ist sie fertig. Von Brussa nach dem Hafen von Gemleck wird man dann die Waaren nicht mehr auf Kameelen und Pferden, sondern bequemer und rascher auf Wagen transportiren. Für die Beförderung der Personen bildet sich ein eigener Omnibusdienst, den auch Achmed Veffick Effendi unter seinen besondern Schutz genommen. So ist er überall helfend und widerlegt das Vorurtheil, welches die türkische Verwaltung zu jedem energischen und reformatorischen Handeln unbedingt unfähig schildert. In Europa löst vielleicht nur der Präfect von Paris, Herr Haußmann, seine Aufgaben noch schneller. Von ihm hat sich Achmed Veffick Effendi gewiß manches angeeignet, vielleicht auch zu viel von jener Rücksichtslosigkeit, welche, weil ihr ein Einfall nutzbringend erscheint, ohne jede Schonung des Privateigenthums dessen Ausführung betreibt. Achmed Veffick Effendi ist keiner jener unverständigen Reformatoren, die in der Bewunderung fürdas Fremde die eigenen Eigenthümlichkeiten vergessen und die fremden Schößlinge ohne jede weitere Vorbereitung auf die heimischen Stämme pfropfen wollen; dazu ist er zu strenger Mohammedaner. Er hält fest am Koran und findet nur das zulässig, was mit den Vorschriften seines Glaubens verträglich ist; worauf das Reich, das Volk, die Religion und der Sultan von Alters her stehen, der Boden ihres Wachsthums, muß nach seiner Ansicht vor allem Andern gesichert bleiben. Aber er hat im Auslande gelernt, daß für die Türkei, seitdem sie in den Bund der europäischen Staaten eingetreten, ein schnelleres Weiterschreiten unvermeidlich geworden ist, weil alle Anderen um sie herum in Bewegung sind. Er hat aber auch von den fremden Fortschritten genug gesehen, um sich zu sputen, seinem Vaterlande, ehe es blinde Nachahmungssucht in die fremden Wege lenket, die eigenen nach den selbstgewählten Zielpunkten zu bereiten. Manches mag ihm dazu unbedingt übertragbar, anders nur in so ferne beachtenswerth erschienen sein, als es lehrt, wie mannigfaltig die Mittel sein können, um die Bedürfnisse der Völker zu befriedigen. Seine Grundsätze und Pläne, welche er sich so gebildet hat, scheinen mir gut gemeint, ihre Ausführung aber oft zu überstürzt, zu eigenwillig, zu rücksichtslos zu sein. Wenn ihm jemand mit herkömmlicher Phrase sein Haus zur Verfügung stellt und sagt: „Es ist Dein und des Padischah’s, schalte und walte darinnen nach Belieben!“ — so dankt er mit dem Befehle, die Fronte des Hauses um einige Schuhe zu verkürzen und zurückzuschieben, damit das nächste Eck nicht so scharf und die Gasse breiter sei. Diese Fälle und ähnliche erzählt man hier viel. Das streift an die Art unserer Bureaukratie, die auch nur die Rücksicht ihres eigenen Willens kennt. In der Türkei, wo die persönliche Freiheit mehr als eine bloße Phrase, wo sie eine Gewohnheit ist, erträgt sich das schwerer als irgendwo anders. Daher mag es kommen, daß Achmed Veffick Effendi mit den besten Intentionen hier so wenige Lobredner seiner Thaten hat. Die Form, die Weise, in der er sie vollzieht, der Ton, der die Musik macht, beeinträchtigen sie; vielleicht schleiftdas Leben, die Erfahrung diese Schärfe an ihm stumpf. Er ist noch ein junger Mann. Uebrigens hat er sich so auch in seinem Vorleben gezeigt und viel geschadet. Napoleon, dem er als türkischer Botschafter zugesandt worden war, vertrug ihn deshalb nicht und forderte seine Abberufung, und als Minister, wozu ihn Abdul Aziz bald nach seiner Thronbesteigung erhob, dauerte darum sein Amt nicht länger. Man schob ihn aus dem Wege hierher nach Brussa; daß er wieder in das Ministerium treten, sogar das Großvezierat übernehmen werde, ist eine Möglichkeit, welche die europäischen Diplomaten voraussehen und sehr fürchten. Für Europa könnte er Brände entzünden, insbesondere weil er sich zu scharf gegen Rußland kehren, wie er überhaupt den Einfluß der fremden Gesandtschaften zu beschränken trachten würde.

Nicht nur die Machtbefugniß, auch der Verwaltungsbezirk dieses außerordentlichen Commissärs ist ein viel weiterer, als der des Pascha’s, der auf das eine Vilayet von Khodawendkjar beschränkt ist. Uebrigens ist auch dieses, das in acht Livas zerfällt, immer noch größer, als manches Königreich der antiken Weltordnung, denn es umfaßt zugleich das bithinische, misische und einen Theil des phrygischen Landes.

Brussa, das einmal die Hauptstadt des ganzen türkischen Reiches war, ist es von dieser Statthalterschaft geblieben. Betrachtet man die Stadt von oben und schätzt sie nach dem Maßstabe, den sich das Auge an dem Umfange unserer Städte gebildet, so wird man ihr eine Bevölkerung von weit über 100,000 Menschen zusprechen; verläßliche Mittheilungen geben mir nur 80,000 Einwohner an. Dieses eigenthümliche Verhältniß stellt sich bei allen orientalischen Städten so, weil nicht wie bei uns ein paar Dutzend Miethsleute zusammen in einem Hause wohnen, sondern jeder der Bewohner seiner eigenen Mauern ist und dabei gewöhnlich noch einen Fleck Gartenland besitzt. In den meisten Häusern leben daher nicht mehr als zwei bis fünf Personen; denn der Glaube, daß jeder Türke ein ganzes Balletcorps luftzufächelnder Sclavinnen um sich versammelt halte, ist eine von den vielen Fabeln, die mandem leichtgläubigen Europa aufgebunden hat. Um nur eine Sclavin im Hause halten zu können, muß der Mann wohlhabend sein; den Meisten ist eben wie bei uns ihr einziges Weib zugleich Gattin, Köchin, Dienerin und, was nicht das seltenste ist, Herrin. Denn auch das ist eine Fabel, was wir von der untergeordneten, leidenden Stellung der türkischen Frau glauben. In der ist sie so wenig gebunden, als es die Frau der antiken Welt war, und als dieses überhaupt bei irgend einer Frau möglich ist. Wo ist das Glied des weiblichen Geschlechtes, das sich auf die Dauer und in den Hauptsachen das Regiment im Hause aus der Hand nehmen ließe? und nun gar erst ein ganzes Volk von Weibern, das sich solcher Herrschaft unterwürfe! Der Gedanke ist so naturwidrig, und jeder sieht ihn so oft in seiner nächsten Nähe widerlegt, daß man wahrhaftig nicht erst hierher zu reisen braucht, um Zweifel gegen jene trübgefärbten Schilderungen der türkischen Frauenschicksale zu finden. Es sind da einige Capitel der gegenwärtigen wie der vergangenen Geschichte gefälscht worden, weil man wie so oft Aeußerlichkeiten für das Wesentliche, Symptome für die Sache selbst nahm. Weil die Frauen nicht anders als verschleiert außer dem Hause erscheinen dürfen, weil sie nicht Männer zum Besuche empfangen, nicht Diners, Soiréen, Bälle mit jungen und alten Herren mitmachen, überhaupt nicht mehr mit dem anderen als mit dem eigenen Geschlechte verkehren dürfen, hat man sie geknechtet, ihrer Menschenrechte beraubt und das Land, wo solche Sclaverei üblich, zumeist darum einen Schandflecken der Menschheit genannt. Harems und Nonnenklöster werden als die verschwisterten Feinde des Fortschrittes ausgerufen, und selbst der alten griechischen Republik das Prädicat der Freiheit bestritten, weil sie ihre Frauen in gleicher Knechtschaft abgesperrt hatte. So sehr ist die europäische Mildherzigkeit bemüht, ihre alleinseligmachenden Begriffe in die Weibergemächer aller Nationen zu übertragen! Daß das unerreichbar und, wenn es je erreicht würde, nur zum Uebel wäre, wird nicht geglaubt, weil sich der Eifer, der sich einmal tugendhaft proclamirt hat, auch für unfehlbar hält.

So wie die Türkin ist, hat sie in der gesellschaftlichen Ordnung den Platz inne, der für sie der richtige ist: mehr gebührt ihr nicht, und mehr wird das Weib im Oriente nie werden, wie seine dortige jahrtausendalte Geschichte beweist. Geknechtet, unglücklich ist sie darum nicht, ja ihre Rechte gehen in manchem weiter als die der europäischen Frau; jedenfalls thun das die Rücksichten, welche der Mann ihr erweist. Zu fragen, wenn er sie nicht zu Hause findet, wo sie hingegangen, oder in das Harem einzutreten, wenn er Schuhe vor der Thüre sieht und also Gäste darinnen weiß, wäre eine Beleidigung so außer aller Art, daß sie auch den Thäter entehren würde. Daß der Schleier zwischen die Frau und die fremde Männerwelt gehängt, ihr überhaupt der Verkehr mit dieser untersagt ist, das muß Jeder, der in dem Lande selbst gelebt hat, als eine nothwendige Vorsicht gegen die sinnlichere Entzündbarkeit des hiesigen Klima’s erkennen. Ohne nöthigenden Grund würde auch ein für beide Geschlechter so lästiger Zwang gewiß nicht durch Jahrtausende ertragen worden sein. Daß dieser Grund nicht die tyrannische Willkür der Männer und nicht der unwissende Sclavensinn der Frauen, auch nicht irgend eine Caprice der Religion, sondern eben eine Bedingung des anderen Himmelsstriches sei, das hätten selbst in ihren Studirstuben unsere Gelehrten entdecken können, wenn sie in den alten Büchern verzeichnet fanden, wie schon die Königin Vasthi die Trennung von ihrem Gatten, dem Könige Ahasveros, einer Verletzung der strengen Haremssitte, welche er begehrt hatte, vorzog, und wie dann Jahrtausende später im byzantinischen Constantinopel, wo das Christenthum seine eitelsten Pfauenräder schlug, das Eunuchenwesen dieselben Wächterdienste thun mußte, die es 500 Jahre vor Chr. am Hofe des persischen Königs Cambyses gethan hatte. Besondere Klöster bestanden in Aegypten, um gewerbsmäßig für die christliche Kaiserstadt die Knaben zu diesem Dienste zu entstellen und zu erziehen. Von ihr erst hat, als die Sultane griechische Prinzessinen heimführten, das mohammedanische Türkenvolk diese christliche Hofmode unter seine Gebräuche aufgenommen.

Was so zu verschiedenen Zeiten aber immer auf demselben Flecke gleich gestaltet erscheint, das kann nicht blos in einem Irrthume, das muß in einem berechtigteren Grunde seine Wurzeln haben. Und angemessen dieser natürlichen Begründung ist heute wieder das türkische Haus constituirt, wie es ehemals das babylonische und das persische und das griechische war. Das ist nicht so, wie man es sich in Europa vorstellt; das ist entsprechend den Verhältnissen und Bedürfnissen des so ganz anders gearteten Landes und Volkes, von denen die richtige Vorstellung uns erst an Ort und Stelle wird.


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