V. Die Prinzen-Inseln.
Prinkipo, den 30. Juni.
Es zog mich neuerdings nach den Inseln. Die Fahrt machte ich diesesmal in einem Boote, einem sechsruderigen Kaïk; der Reis steuerte quer durch die zwischenliegende See auf Proti zu und dann Antigone, Pytys und Chalki entlängs direct zur Landungsbrücke des Hôtel Giacomo auf Prinkipo hin. Um 8 Uhr Abends stiegen wir dort aus, nicht mehr als zwei Stunden auf der See. Weich und schwer wie Oel legte sie sich in dicken, runden Wellen unter den Kiel und troff in langen Tropfen von den Rudern; die Luft war warm und doch frisch, lau und lind, wie sie die Dichter von diesen Küsten rühmen. Schiffe überall und Farben, dunkelroth an den nahen, violett an den fernen Inseln, so Oxia und Plati. Die Berge des Festlandes aber lagen in weichen blauen Schatten, die sie gerundeter erscheinen ließen, als ihre Körper es an und für sich schon sind; der Boden, die Luft und die Sonne dulden hier nichts Scharfes, Eckiges, Alles soll ausgeglichen, versöhnt sein, nichts verletzen. Der Blick fällt nicht, er gleitet die Berge herab, und auf halber Höhe, wo sie sich wie zu einem Schooße abstufen, sind hell schimmernde Ortschaften geborgen, die Ueberbleibsel kriegerischer Zeiten, als der Bauer sich vor den landenden Arabern von dem Ufer die Berge hinauf flüchten mußte. Für das Auge sind es Länder des Friedens, des Segens; man genießt, ohne zu arbeiten. Solch’ ein müheloser Genuß war diese ganze Kahnfahrt, belebender, erfrischender und poesievoller, als ich jemals eine gemacht. Man empfindet den Orient und saugt die Luft des Seelenfriedens ein, daß man sich zuletzt ein eingeborenes Kind dieses Landes glaubt.
Prinkipo, den 1. Juli.
Schon um fünf Uhr Morgens frühstücken wir im Freien auf der Terrasse vor dem Gasthofe, eine Platane über uns, die See goldig im frischen Frühkleide des Morgens vor uns. Alles noch klar, daß wir Fener-Bagdsche, die Leuchtthürme, die Minarete und die Kuppeln der kaiserlichen Stadt erkennen, gesammelt und gehäuft wie die Blüthen in einem großen Blumenkorbe. Zur Rechten sind die Berge des Festlandes in reinen Linien vom blauen Himmel abgehoben, unmittelbar vor uns Chalki, dessen Felsen und Cypressen noch näher erscheinen als sie wirklich sind. Zwischen dem Sattel, den seine Berge bilden, und links durch die Straße, welche die beiden Inseln, die unsere und Chalki, trennt, schaut das freie Meer mit Farben, frisch und geröthet wie die Wangen eines Kindes, das eben erwacht ist, herein. Prinkipo ist mir die liebste dieser Inseln, weil sie diesen Aussichtspunkt hat, und dieser Punkt mir auf Prinkipo der liebste, weil er nahe dem Anspülen des Wassers, dem ich so gerne lausche, zugleich die anderen Inseln, Asien und Europa, die weite See und das geliebte Constantinopel sehen läßt. Europa, das alte, gewohnte, erscheint nur noch wie eine entfernte Erinnerung, die man liebt und hätschelt, weil das Herz eigentlich ohne Sorge doch nicht sein kann, und das Uebelste, wenn esgewesenist, uns den Stolz läßt, es überstanden zu haben. So hilft auch hier die Eitelkeit zu guten Zwecken. Gegenwart, wie sie uns im gewöhnlichen Leben wird, unangenehme und von kleinen Nadelstichen zerrissene, haben diese Inseln keine, wenigstens für mich nicht. Man lebt wie auf einem Schiffe, das sich ruhig auf hoher See vor Anker gelegt hat und dem nichts Irdisches beikommen kann. Es ist ein Paradies, in das von der Erde nur die Sehnsucht mit eingewandert ist.
Wie verabredet rudern wir um 7 Uhr nach Chalki hinüber. Durch den Ort und dann rechts um den Berg stiegen wir nach dem Kloster St. Nikolaus hinauf. Pinien wölben ihre Schatten über uns; Pytys und Antigone, zwei andere Inseln, scheinen hart unter unseren Füßen zu liegen. Links hinab thut sich eine reizende kleine Bucht auf, einsam, still und friedlich wie ein Hafen, an dem Odysseus gestrandet, und sich aus bekannter in eine fremde zauberische Welt versetzt fand. Ich selbst glaubte mich so, da ich dort hinabstieg. Oliven und Pinien, aus den Mastixsträuchern emporstrebend, decken die Hänge der Thalschlucht; unten liegt weit hinein bunter Kiesel auf dem flachen Ufer. Ein paar Fischerhütten künden dort das einzige Menschenleben, und zwei vereinzelte Pinien, so nahe dem Meere, daß ihre Schatten die Brandung kühlen, stehen wie Zeugen da, als stelle auch die Natur nach durchdachten Schönheitsgesetzen ihre Werke auf. Wie um den Frieden vor einem plötzlichen Ueberfalle zu schützen, streckt sich das Land mit zwei felsigen Armen weit in das Meer hinaus. Mich hielt’s in diesem Thale unwiderstehlich fest, länger als an irgend einem anderen Orte. Geschieden und losgelöst von der übrigen Welt lagerten wir den ganzen Tag unter einer Pinie, uns, einer mit dem andern abwechselnd, Schopenhauer’s Farbenlehre vorlesend. Es ist sonderbar, daß man was er und Göthe lehren so wenig glaublich findet. Nicht die Dinge sollen die Farben haben, sondern erst dadurch, daß sie gesehen werden, sollen sie ihnen kommen. Und ist es denn überhaupt mit irgend einer Sache in der Welt anders bestellt? Jedes Object wird erst durch sein Subject, und das Urtheil wieder wechselt mit jedem Standpunkte und jeder Minute. Das Subjective ist das allein Entscheidende in der Welt.
Auf dem Rückwege, den wir erst Abends nahmen, hatten wir immer die See zur Rechten unter den Felsen, auf denen wir weiter stiegen. Das Wasser tief blau, die Felsen braunroth und die Cypressen dunkelgrün, die auf dieser Seite der Insel in langen, himmelhohen Reihen stehen, mahnten mich an Bilder, die ich von Poussin gesehen.
In später Nacht und da es stockfinster war, ging ich noch auf Prinkipo spazieren. Eine Melodie, die eine einfache Harmonika spielte, grub sich mir unauslöschlich in’s Gedächtniß ein und wird mir immer den Tag und seine Glückseligkeit wieder lebendig machen. Es ist überhaupt wunderbar, wie unvergeßlich uns Töne werden, die wir in einem bedeutungsvollen Augenblicke gehört haben und wie ein Laut davon angeschlagen uns die ganze Erinnerung aufweckt.
Prinkipo, den 2. Juli.
Nachmittags zogen wir, eine heitere Gesellschaft, die Männer zu Fuße und die Frauen auf Eseln, die Höhen hinauf, zuerst über kahles Erdreich, dann unter Pinien hin, den Sonnenuntergang von einem übersichtlichen Standpunkte aus zu genießen. Thüren und Fenster der vielen Landhäuser, an denen man vorüberkömmt, stehen vertrauensvoll offen; es gibt das einen erfreulichen Eindruck, als gehöre dies Alles communistisch einer Gemeinde und halte hier doch Jeder das Eigenthum des Andern wirklich heilig. Gewöhnlich liegt zu unterst und in der Mitte des Hauses der Speisesaal. Kehrt man dann nach Sonnenuntergang zurück, so sieht man durch die offene Thüre, wie dort der Tisch zu der Hauptmahlzeit gedeckt ist und die Lampe eben darauf gestellt wird. Das weckt eine hungerige Sehnsucht möglichst bald dieselbe Bequemlichkeit zu genießen, besonders wenn man sich müde gegangen hat durch einen stundenlangen Spaziergang und aus dem Naturgenusse — dem Schauen in die Landschaft und dem Athmen der frischen stärkenden Seeluft — einen fröhlichen Sinn mitbringt. Man kehrt nie lieber in die Stube zurück, als wenn die Nerven gesund sind. Die Essensstunde der Orientalen wechselt mit dem Tagesende; je nachdem die Sonne früher oder später untergeht, speisen sie um 5 oder auch erst um 9 Uhr Abends. Sie fassen das Essen in der That als den Lohn für die gethane Arbeit. Mir fiel ein, wie sich Christus, als es Abend geworden war, mit den „Zwölfen“ zu Tische setzte und wie uns der Ausdruck Abendmahl geblieben ist.Der conservative Sinn des Orientalen hat sich auch diese Sitte erhalten.
Wir lagerten uns oben, seitab von dem Georgskloster, in einem Pinienwäldchen. Sechs der neun Prinzen-Inseln, darunter Chalki mit der Seite, die es uns zukehrte, im vollen Schatten, hatten wir unmittelbar vor uns. Das Wasser zwischen den Inseln war goldig, sie selbst wie in Purpur getaucht; der Türke nennt sie ihrer Natur getreuer „die rothen Inseln“ (Kisil Adalar), denn es ist nicht blos das ihnen erst gegebene Sonnenlicht, das sie so färbt, der röthliche Farbenschimmer geht von ihnen selbst aus durch das viele Eisen, das ihrer Erde beigemischt ist. Einmal wurden hier auf Prinkipo bedeutende Erzbergwerke betrieben, und auf Chalki fand ich gestern förmliche Blöcke grünen Kupfers. Die ganze Gruppe dieser Inseln ist im Zusammenhange mit dem Festlande das Product einer vulkanischen Hebung. In feurigen Wolken versank die Sonne und wie entzündet blieb der Himmel noch lange.
Während wir schauend dort ruhten, gesellte sich ein Fremder, ein Grieche, der anständig gekleidet war und sich durch seine Reden bald als einen Seemann kund gab, zu uns. Der Mann überraschte durch das Verständige seiner Bemerkungen und durch die Poesie, womit er sie gab. Auf einmal aber und ohne jeden Zusammenhang mit dem Vorausgegangenen begann er zu behaupten, und dabei schnell hintereinander mit stierem Blicke dieselben Worte wiederholend, es drohe uns ein Gewitter. Zuerst lachten wir ihn aus; der Himmel über uns war klar, die Luft nicht schwer und die Temperatur eher gekühlt; woher sollte uns diese Störung kommen? Als wir aber merkten, daß der Mann ein Narr sei und dieses seine fixe Idee, stimmten wir ihr bei. Er beruhigte sich, sobald er uns überzeugt sah und seine Höflichkeit kehrte zurück; er empfahl sich nach einer Weile und verschwand in dem Kloster. Später erfuhren wir, daß er einer der zahmen Narren sei, die dort verpflegt werden und denen das Ausgehen gestattet ist. Der Unglückliche sah in einem Sturme an den kyaneeischen Inseln, draußen vor dem Eingange des Bosporus aus dem SchwarzenMeere, sein Schiff scheitern und sein junges Weib mit dem erst einige Monate alten Kinde vor seinen Augen ertrinken. Er selbst klammerte sich an den Mastbaum und fristete so durch anderthalb Tage in tobender See das Leben. Man fand ihn, da man ihn auffischte, körperlich gesund und geistig sogar heiter, so daß zuerst die Erklärung und Entschuldigung dafür fehlte. Erst nach und nach erkannte man, daß dem Armen gleich in den ersten Augenblicken seines Unglücks der Verstand verloren gegangen sein mußte; schon als ein Wahnsinniger scheint er sich durch den bloßen lebenswilligen Instinkt das Dasein gerettet zu haben. Dieser unschädliche Wahnsinn blieb ihm; sein Bestreben geht sogar dahin, mit den kargen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, Gutes zu thun. Wo er einen Armen sieht, da gibt er ihm. Nur ab und zu brechen seine fixen Ideen gewaltsam hervor, die dann immer von Sturm und Gewitter phantasiren. Was uns heute wie mit Grauen erfüllte, war, daß wir kaum getrennt von dem Narren auf halbem Heimwege von einem furchtbaren Orkane überfallen wurden. Zuerst rabenschwarze Wolken, die sich gerade über uns sammelten; ein tosender Wirbelwind, der sich successive in einzelnen Riesentropfen, dann in strömenden Güßen und in zuckenden Blitzen löste. So schnell folgten die Donnerschläge auf die Blitzesstrahlen, daß wir oft nicht drei dazwischen zählen konnten, ein Zeichen, wie nahe uns das Unwetter auf den Fersen saß. Die Frauen mußten von den Eseln absteigen, weil die Thiere zu unsicher wurden und die Kinder mußten getragen werden. Triefend und bis auf die Haut naß kamen wir nach dem Gasthofe zurück. Bei dem Essen, das uns später servirt wurde, gab es nun ein allgemeines Fragen, wer eben der Genarrte gewesen sei? wir, die Ungläubigen, oder unser Prophet? Offenbar hatten seine sensitiver gewordenen Nerven das Gewitter geahnt.
Prinkipo, den 3. Juli.
Die ganze Nacht hindurch dauerte das Gewitter und heute den Vormittag über löst eines das andere ab. Die See wechseltdie Färbung mit jeder Minute. Ihrem Grollen und Branden lauschte ich mit Wohlbehagen; zuweilen in den ärgsten Güßen eilte ich auf die Terrasse und von dort die Treppen zu dem Felsenufer hinab. Die übrige Zeit saß ich an dem offenen Fenster, abwechselnd beschäftigt hinaus auf das wogende Schauspiel zu sehen, mit der eigentlichen Absicht aber, in einem Geschichtswerke, das ich mitgenommen habe, die Schicksale dieser Inseln zu lesen. Sie gleichen außerordentlich denen, welche die Klippen im Tyrener Meere gehabt haben. Auch jene liegen im Angesichte des verlorenen Glückes und waren, wie die Prinzen-Inseln, Verbannungsorte für die gestürzte Herrrschergröße: wahre tantalische Felsen, die die Qual der Entbehrung um so unerträglicher machten, als die begehrte Frucht schon einmal gekostet worden war. Unbegreiflich bleibt es, wenn man einmal von diesen Inseln aus Constantinopel gesehen, wie sich die byzantinischen Usurpatoren einbilden konnten, daß ihre Opfer mit diesem Bilde vor Augen sich zur Ruhe geben würden; Eva im Paradiese wurde durch den Apfel nicht mehr versucht. Und so brach denn auch einer nach dem andern der vielen entthronten Fürsten, die hierher verwiesen worden waren, aus seinem lieblichen Gefängnisse wieder hervor, um sich die herrliche Stadt noch einmal zu erobern. Dann kamen sie mit ausgestochenen Augen, mit abgeschnittener Zunge, ohne Nase und Ohren, mit abgehackten Händen wieder zurück, oder sie schickten, wenn sie glücklicher wurden, den, der sie zuerst vertrieben, in solch’ verstümmeltem Zustande hierher, in einem der Klöster seine Usurpation abzubüßen. Keine der Inseln außer Chalki, die selbst diesen Wütherichen zu schön für solche Henkerdienste zu sein schien, blieb von diesem traurigen Amte verschont. Es gab Epochen in der byzantinischen Geschichte, wo ganze Reihen von Kaisern einer um den andern in dieser unnatürlichen Weise den Thron quittirten. Alles Spätere, was die Türken auf diesem Boden an Blutthaten in der Herrscherfamilie begingen, reicht nicht hinauf zu dem, was ihre Vorgänger verbrochen. Das Verbrechen war zur Gewohnheit geworden und hatte seine Scham und seine Schrecken verloren. Keine andere Geschichte ist so mitMord und Blut gefüllt als die der oströmischen Kaiser, und wenn man bisher die der italienischen Fürsten als unübertrefflich in dieser Beziehung citirte, so war das nur ein Irrthum der Unwissenheit. Hätte Macchiavelli die Chronik des kurz vor seiner Geburt erst verstorbenen byzantinischen Hofes so gekannt, wie sie uns seitdem Gibbon und Lebeau beschrieben haben, das Urbild seines Prinzen wäre gewiß ein noch gräßlicheres als das des Cäsar Borgia geworden.
Eine der kraftvollsten Gestalten, aus dieser Reihe mörderischer Regenten hervorragend durch Macht des Willens und durch Grausamkeit des Herzens, war ein Weib, die Kaiserin Irene. Daß sie von der griechischen Kirche als Heilige verehrt wird, blos weil sie den Bilderdienst unterstützte, könnte den Glauben an alle Kirchensatzungen erschüttern. Dieses furchtbare Weib ließ ihrem Sohne, Constantin VI., beide Augen ausstechen, nur aus dem Grunde, weil er, ihrer Vormundschaft müde, Versuche gemacht hatte, selbst die Leitung des Reiches in die Hand zu nehmen. Der Sohn siechte vergessen und verachtet dahin; die Mutter regierte noch eine Weile weiter, neben dem deutschen Kaiser Karl und Harun al Raschid die größte Erscheinung des Jahrhunderts. Die zeitgenössische Geschichte erzählt sogar von einem Plane, der bestanden, den Osten und den Westen Europa’s wieder zu einem Weltreiche durch die Heirath Irene’s und Karl des Großen zu verbinden. Eben als die deutschen Gesandten in Constantinopel waren, brach eine Palastrevolution aus, welche die Kaiserin Irene ihres Thrones entsetzte. Vielleicht glückte sie gerade darum dem Großschatzmeister Nicephorus, weil an dem Hofe Manche waren, die eine solche Vereinigung mit dem Westen ihren persönlichen Interessen wenig günstig erachteten. Dieser Plan ist mir immer als einer der großartigsten in der Geschichte erschienen, von dessen Bedeutung weitaus nicht genug gesprochen wird. Er zeigt, wie lebendig noch immer in den Leuten der Gedanke von der Zusammengehörigkeit des Westens und des Ostens des römischen Reiches war, wie sehr der Begriff dieses Reiches noch immer den Glauben der Menschheitfür sich hatte, und wie Karl der Große, trotz der Salbung durch den Papst, sein Kaiserthum doch wenig begründet und der Ergänzung durch den byzantinischen Kaiserreif bedürftig hielt. Es kann sich eben Keiner von dem Ueberkommenen ganz loslösen, so daß auch unwillkürlich schon von den Vätern über einen Theil der Zukunft ihrer Kinder verfügt wird.Tabula rasain den Begriffen hatte nicht einmal die Völkerwanderung zu Stande gebracht, und in Amerika, wo zuerst die Einwanderer sie herstellten, ist heute schon wieder Alles durch Burgen und Erinnerungen gebunden.
Daß die Kaiserin Irene im Stande war einen solchen Gedanken zu fassen, und bereit war ihm einen Theil ihrer Unabhängigkeit zu opfern, an die sie doch den Mord des eigenen Kindes gewagt hatte, nöthigt uns einen gewissen Grad von Achtung für dieses sonst so verächtliche Weib ab. Die Größe besticht eben selbst im Gewande des Verbrechens.
Eben hierher nach Prinkipo wurde sie von dem neuen Kaiser in die Verbannung geschickt. Nicephorus I. meinte, sie solle das Kloster bevölkern helfen, das sie hier erbaut. Später verwies er sie von diesem Elba auf ein entlegeneres St. Helena, die Insel Lesbos im ägäischen Meere. Wahrscheinlich war ein Landungsversuch nach der früheren Herrschaft die Veranlassung zu dieser Strafverschärfung. Glücklicher als der Prometheus des 19. Jahrhunderts überlebte sie ihren Sturz nur um ein Jahr; sie hatte sich das tägliche Brod während dessen durch Spinnen verdienen müssen, so wenigstens will es die Sage; 803 starb sie. Das Grab gönnte ihr Nicephorus auf Prinkipo, und ich war heute Vormittags auf der Stelle, die man mit dieser Erinnerung geschmückt hat. Auch diese Geschichte ist schon Fabel, so zerbröckelnd ist alles Byzantinische.
Nachmittags hörte der Regen zwar auf, der Sturm aber tobte fort und jagte graue, drohende Wolken über den Himmel. Am meisten begehrte ich, seitdem wir hier sind, nach einer Umfahrung der Insel. Wir wagen sie mit raschem Entschlusse. Die See ging hoch; die Wellen brandeten weit hinauf an den gelben Uferwänden, sie leckten sich dort in die ausgewaschenen Höhlen hinein,daß die Fluth erst nach einer Weile wie mit Wasserfällen in die See zurückstürzte. Die Bootsleute konnten nur mühsam einen bestimmten Cours und die nothwendige Entfernung von den Felsen behaupten. Außerhalb der Straße, die zwischen Prinkipo und Chalki liegt, wurde der Wogendrang noch ärger; die freie See stürmte mit vollen Breitseiten auf uns ein. Ruhig und unbeängstigt blieb nur der Steuermann; in seinem rothen Prachtkleide, mit Gold gestickt, einen bunten Turban auf dem Haupte, saß er hinten beim Steuer auf einem Teppiche, mit seinem befehlenden Auge gleichmüthig ernst, als sei kein Unterschied zwischen der heutigen Sturm- und der neulichen ruhigen Abendfahrt. Ich fand zuletzt ein außerordentliches Behagen selbst an der Gefahr der Situation. Sie weckte aus der Trägheit, von der sich sonst auch die sogenannten bewegten Augenblicke unseres gewöhnlichen Lebens nicht ganz loswinden; Schläge sind nothwendig, der einen oder der anderen Art, damit die Menschheit vorwärts komme; statt zu erniedrigen heben sie vielmehr das menschliche Gefühl.
Erst da wir wieder in eine Straße, die zwischen Prinkipo und der Insel Niandro, eingelaufen waren, wurde die Fahrt etwas ruhiger, und so blieb sie es auch, als wir die Südspitze von Prinkipo umschifft hatten und der Insel auf ihrer Ostseite entlang ruderten, wo diese nach dem Innern des nikomedischen Meerbusens zugekehrt ist und ihr die Kaninchen-Insel Antirobidus vorliegt, weil der Sturm aus Süden kam und wir nach dieser Seite gedeckt waren. Gerade dort, wo uns die See am ärgsten angefallen hatte, ist die Insel am felsigsten. Oben auf den Bergen, die beinahe senkrecht zum Meere hinabfallen, steht das St. Georgskloster; unten herum liegen weit in die See hinaus Klippen, die einmal wohl von diesem höheren Stocke abgebrochen sein mögen. Der Stein ist gelb und zerwaschen, kein Lebenszeichen der Menschen weit umher. An der anderen Küste, die in den Busen hinein und der Kaninchen-Insel gegenüber, ist sie wirthlicher, und auch Menschen leben dort. In einer Thalschlucht, wo sie auf das Ufer mündet, liegt das Kloster des heil. Nikolaus. Wir landeten inder Nähe, um selbst etwas zu ruhen und der Mannschaft des Bootes Erholung zu gewähren. Die Mönche des Klosters nahmen uns freundlich auf; ein Tisch ward schnell im Freien gedeckt, uns vor Allem Cliquot servirt, und indeß man Fische und Salat bereitete — es war heute einer der vielen griechischen Fasttage — wurden wir in die Kirche geführt, ein häßlicher, außen nackter, innen überladener Bau. Gräberplatten sind um ihn in die Erde eingelassen, und manchen Namen zeigte man uns darauf, den man als einen berühmten der griechischen Kirche rühmte, der sich aber hierher zurückgezogen, um Ruhe und Frieden und zuletzt das Grab zu finden. Hohes, verwildertes Gras wächst darum, und der Wind blies in die langen Halme, daß sie sich wie Wellen darüber legten. Einmal stand hier ein großes Dorf; diese Gräber sind die letzten Spuren davon. Das ganze Thal war finster; der Abend hatte schon begonnen; die Sonne, die hier hinter den Bergen untergeht, kann um diese Tageszeit hierher kein Licht mehr geben und war heute auch noch umwölkt. Die dunkeln Hügelwände mit ihren Pinien und Oelbäumen darauf machten die Landschaft noch düsterer; unsere Stimmung aber war heiter; das Ueberstandene freute uns; der Appetit war groß und daß wir tüchtig zugriffen, erfreute die Wirthe. Nur weil die Nacht schon kam, schieden wir. Wir setzten die Fahrt um die Insel weiter fort, an dem Orte Prinkipo vorüber und landeten gegen 10 Uhr an der Treppe des Hôtel Giacomo. Das Klösterchen von San Nikolo steht mir in der Erinnerung wie die fröhlichen, welche Walter Scott so anschaulich gezeichnet hat.
Die sämmtlichen Prinzen-Inseln werden nur von Griechen bewohnt und sind von den Türken diesen wie zum ausschließlichen Eigenthume überlassen. Es ist kein Gesetz, welches das so regelte, es ist die Gewohnheit, die seit Alters her das so ließ.
Bujuk-Dere, den 4. Juli.
Auf Prinkipo sah ich von meinem Bette die Sonne aufgehen. Wunderbare Ruhe. Weiße Segel zogen durch die blaue Fluth.So müssen die Gottesgedanken über die Welt hingleiten, und so auch sind unsere Erinnerungen, leidenschaftlos und friedlich. Daß einstens Jammer und Gram sie bewegten, merkt man ihnen so wenig an, als jenen Segeln, daß dort Menschen arbeiten, mühsam und qualvoll vielleicht arbeiten, und daß ein Herrenwort sie zu solchem Dienste befiehlt. Die Entfernung ist die eigentliche Schöpferin des Trostes und der Poesie; in der Nähe besehen sind die Dinge reiz- und poesielos und der Schmerz wird unerträglich.
Die Inseln strahlten in allen Farben; roth, blau und goldig schillernd wie Chamäleons. Die See war noch bewegt von dem gestrigen Sturme und die Sonne hatte vom Himmel noch einige Wolken zu vertreiben. Um 8 Uhr fuhren wir fort. Die Luft war frisch, beinahe kühl, der Wind gegen uns; das Boot flog auf und ab. Wir hatten einen Band der Gedichte Lermontoff’s bei uns, die wir uns abwechselnd vorlasen, so daß wir gar bald in eine andere Welt entrückt waren. Die Fahrt bis Top-Hane dauerte vier Stunden, den Bootsleuten viel zu lang, mir vergingen sie wie ein Augenblick. So eingeschifft auf ruhig wogender See sollte das ganze Leben vergehen. Es gibt eine Melodie, die in Weber’s Oberon, wenn Hüon mit seiner Geliebten im Kahne liegend an der Wandeldecoration vorüberziehen, die wie naturgeschaffen dazu erklingen müßte.
Den Nachmittag rasteten wir in Pera und des Abends setzten wir die Fahrt hierher durch den Bosporus fort. Alles schien bewegt uns zu erfreuen, während wir im Boote kaum der eigenen Bewegung gewahr wurden. Die Bucht von Bujuk-Dere erinnert mich an die Schweizer Landseen, am meisten an den von Zürich, nur daß hier die Farben etwas glühender und doch nicht so scharf contrastirend sind. Die Luft ist köstlich frisch, Abends 10 Uhr nach dem Essen im Gegensatze zu der perotischen Hitze so angenehm kühl, daß ich einen Ueberrock umnehmen muß.