18. Der letzte Abend beim Kronprinzen.

Ordonnanzen.

Ordonnanzen.

Kaffeeküche im Felde.

Kaffeeküche im Felde.

Die Kirche in Longwy mit durchschossenem Gewölbe und erhaltener Kanzel.(Vgl.Seite 68.)

Die Kirche in Longwy mit durchschossenem Gewölbe und erhaltener Kanzel.(Vgl.Seite 68.)

So folgt die Barmherzigkeit in Gestalt der Heilkunst den Spuren des grauenvollen Krieges. Was sind all diese Ärzte, Assistenten, Sanitätssoldaten, Schwestern anderes als rettende Engel, die mit dem Engel des Todes um das Leben der Verwundeten kämpfen! Was sind die Krankenautomobile, Bahren und die eifrigen Schäferhunde anderes als der Verblutenden Freunde und Bundesgenossen, die die Ernte auf den blutigen Feldern bergen. Hier geht die Versöhnung getreulich mit dem Krieg Hand in Hand, wie das Symbol des Roten Kreuzes die Farben des Bluts mit dem Sinnbild der christlichen Liebe vereint.

23. September.Den Tag verbrachte ich in Dun an der Maas, das durch die Beschießung besonders seitens der Franzosen sehr gelitten hatte. Gegen ½6 Uhr kehrte der Kronprinz mit seinen Herren von Romagne zurück; ich sollte ihn in Dun erwarten. Ich ging über die Brücke zur Stadt hinaus, als eben die vornehmen Automobile mit der Bezeichnung »Generaloberkommando der fünften Armee« in voller Fahrt dahergerast kamen. Beim Chauffeur auf dem ersten saß der Kronprinz im Mantel mit rotem Kragen. Er gab mir ein Zeichen, aufzusteigen, und ich nahm hinter ihm Platz. Er unterhielt sich eine Weile mit den Offizieren; dann ging es weiter. Aber langsam, denn wir begegneten gerade einem Infanterieregiment. Die Mannschaften faßten ihre Helme an der Spitze, hoben sie in die Höhe und stimmten ein Hurra an, als gelte es einen Bajonettangriff auf einen französischen Schützengraben; es galt aber dem Chef der fünften Armee und dem Erben des Reichs. Wir fuhren wie durch ein brausendes Meer von donnernden Hurrarufen, bis zu den letzten kleinen Gruppen von zwei und drei Mann. Zuletzt stand noch ein einsamer Wachtposten an der Straße; auch er schrie aus Leibeskräften! Als dann der Kronprinz wieder seine Automobilbrille aufsetzte und den Mantelkragen hochschlug, war er nicht mehr zu erkennen, am wenigsten von den Reitern, die auf ihre Pferdeaufzupassen hatten. Aber, so versicherte er mir, nichts freue ihn mehr, als sich so von den Soldaten geschätzt und verstanden zu sehen; sei es doch die vornehmste Pflicht eines Fürsten, sich des Vertrauens seines Volkes würdig zu zeigen, und für ihn kein größeres Glück, als so zum deutschen Volk zu stehen.

Bei Tisch war die Stimmung so fröhlich und ungezwungen wie gewöhnlich, trotzdem man begeisterte Reden, Trinksprüche und Hurrarufe hätte erwarten können. Varennes war genommen worden, und die Nachricht von Weddigens Tat auf dem Meer war eingelaufen. Aber man hielt keine Reden und rief auch nicht Hurra. Der Kronprinz nahm die Neuigkeiten mit derselben würdigen Ruhe auf, er freute sich, verzog aber keine Miene, nur seine Augen bekamen einen feuchteren Glanz. Die Unterhaltung drehte sich dann eine Weile um die Frage, ob die Unterseeboote gegenüber den schwimmenden Festungen die gleiche Bedeutung erhalten würden wie die 42-cm-Mörser gegenüber den Landbefestigungen. Dann sprach man von andern Dingen, und die Stimmung war kameradschaftlich und gemütlich wie immer an diesem Tisch. Die unerschütterliche Ruhe der Deutschen, besonders der Oberbefehlshaber, gegenüber den Erfolgen hat mich oft in Erstaunen und Bewunderung versetzt. Sie nehmen die Erfolge als die natürlichste Sache von der Welt, und wenn ein Erfolg Woche für Woche ausbleibt, so bewahren sie dieselbe Ruhe in dem Bewußtsein, daß er kommen wird und kommen muß! Die Oberleitung weiß, was sie zu tun hat, um das Ziel zu erreichen; alle andern, vom Feldmarschall bis zum Rekruten, hegen blindes Vertrauen zu ihr, und das ganze deutsche Volk vertraut ebenso blind dem Heer und der Flotte. Solch ein Volk kann nicht besiegt werden! Alles geht mit mathematischer Genauigkeit und Notwendigkeit. Daher diese Sicherheit und Ruhe, und daher war am Tisch des Kronprinzen die Stimmung nicht aufgeräumter als sonst.

Gleich vor Dun, auf der nördlichen Seite der Straße nach Romagne, liegt ein einsames Grab, das Kreuz mit Kränzen überschüttet.Dort ruht ein Hauptmann, der mit seiner kleinen Schar inmitten des Feuers aushielt, als die Franzosen ihre eigene Stadt beschossen, und schließlich auf seinem Posten fiel. Sein Andenken war unter der Besatzung von Dun ebenso frisch wie die Blumen auf seinem Grab, die stets erneuert wurden. Und er war bloß einer unter Millionen! Dem Deutschen scheint es die einfachste Sache von der Welt, sein Blut hinzugeben und zu sterben. Nein, ein solches Volk kann nicht besiegt werden!

Während des Essens kam der Generaloberarzt Professor Widenmann; er hatte im Lazarett nach unserm Freunde Freiherrn von Maltzahn gesehen, dem ein Automobilunglück zugestoßen war. Das Auto war an einer Straßenwendung gestürzt und kam mit seiner ganzen Schwere auf von Maltzahns Brust zu liegen. Ein paar Rippen waren ihm gebrochen, dazu ein Beinbruch, eine Gehirnerschütterung und der allgemeine Chock. Sein Zustand war sehr beunruhigend, aber der Arzt hoffte auf seine Wiederherstellung. Professor Widenmann wird mir unvergeßlich sein. Er hatte die ganze Welt bereist, war wohlbekannt in Afrika und nahe am Gipfel des Kilimandscharo gewesen, als Wind und Wetter ihn zwangen, umzukehren. Wir hatten gemeinsame Freunde nah und fern und unterhielten uns noch lange, nachdem die andern ihre Zimmer aufgesucht hatten, an diesem letzten Abend, den ich beim Kronprinzen des Deutschen Reichs verlebte.

Bei der Ausfahrt hatte ich Longwy nicht besichtigen können, dessen oberer Teil, in Vaubans Festung gelegen, so furchtbar durch den Krieg gelitten hat, während die Fabrikstadt im Tal der Chiers unbeschädigt blieb. Ich fuhr also bei der Rückkehr ins Große Hauptquartier am 24. September hinauf und über die beiden Festungsgräben und bis zu dem Tor, das eine Erinnerungstafel an Vauban schmückt. Jetzt wehte darüber die deutsche Flagge.

Der Wachtposten forderte meinen Ausweis. In den Tunnelgängen schulterten mehrere Posten ihr Gewehr; nach innen zuhaben sie ihre Wohnungen und ihre Küche. An den Mauern kleben große Plakate: »Armée de Terre et armée de Mer« und darunter zwei sich kreuzende Trikoloren; »Ordre de mobilisation générale« mit allem, was dazu gehört, und schließlich die Bekanntgabe, daß Sonntag den 2. August 1914 der erste Mobilisierungstag sei. Diese Order kostet Frankreich Ströme seines edelsten Blutes, zerstört seine nordöstlichen Provinzen und hat die kleine Stadt innerhalb der Mauern in einen einzigen Schutthaufen verwandelt.

Am Anfang der Hauptstraße, die Longwy durchschneidet, standen einige französische Arbeiter und nahmen das Pulver aus französischen Handgranaten heraus, um sie unschädlich zu machen. Kein Erdbeben hätte diese Straße in ihrer ganzen Länge schlimmer verwüsten können als die Granaten. Nicht ein einziges Haus ist stehengeblieben. Als die Artillerie des Invasionsheers Longwy zu beschießen begann, wurde den Einwohnern befohlen, den Ort zu verlassen, und die meisten zogen ihres Wegs. Einige jedoch wollten bleiben; von ihnen wurden etwa sechzig, darunter mehrere Frauen, unter den Ruinen begraben.

In der Kirche eine Verwüstung ohnegleichen: die Wölbungen des Seitenschiffs eingestürzt, an den übrigen klafften gewaltige Löcher von Granaten, deren Splitter über die Säulen herabgeregnet sind und tiefe Furchen in sie gerissen haben. Von den bunten Glasfenstern sind kaum einige Splitter übrig; nur von den Bleieinfassungen sieht man hier und da noch Spuren. Aber die Kanzel, von der aus die christlichen Wahrheiten verkündet wurden, ist unberührt geblieben, und hätte ein Priester dort während der Beschießung gestanden, wie der griechische Patriarch in Konstantinopel, als die Türken die Hagia Sophia stürmten, so wäre ihm nicht ein Haar gekrümmt worden, und man würde von einem Wunder gesprochen haben. Vor dem Frieden des Hochaltars schreckten die Granaten nicht zurück; er war ein Trümmerhaufen auf dem Boden des Chors, und eine dicke Schicht Kalkstaub bedeckte ihn. Im Langschiff war es nicht möglich, vorwärtszu dringen, denn die Orgel mit ihren abgeplatteten Pfeifen und die Chöre mit ihren Bänken und Brüstungen bildeten einen einzigen Haufen von Gerümpel, Brettern, Bewurf, Ornamentbruchstücken, Betstühlen und kirchlichen Geräten, alles fast bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert.

Der untere Teil der festen Kirchenmauern ist verhältnismäßig verschont geblieben, und gerade hier sind die rechteckigen Bilder in Hochrelief aus der Leidensgeschichte Jesu. Unter einem, das vollständig unbeschädigt geblieben ist, standen die Worte: »Jésus tombe pour la deuxième fois.« Das Gesicht des Erlösers drückt unsagbaren Schmerz aus, wie unter der Last des Kreuzes und der Sünden der Menschen. O Eitelkeit der Welt! Auf einer Steintafel liest man die gut erhaltene Inschrift: »Hanc ecclesiam Ludovici XIV jussu et pecunia procurante Vauban erectam primar. benedixit lapidem 22 martii 1683« ... usw. Nun waren die Orgeltöne verstummt, und von der Kanzel erklangen keine Trostworte mehr; durch die offenen Wölbungen klagte nur noch der Wind: »Alles ist eitel.«

Draußen war die Verwüstung ebenso. Hier stand das Skelett eines Automobils, dort lag das Gerippe eines Zweirads ohne Räder unter Haufen von Tornistern und Uniformstücken, zerbeulten Blechtöpfen, Säbelscheiden, Gewehrkolben und — Pfeifen, Kinderspielsachen, Farbenkästen und Holztieren, Leitungsrohren, Balkongeländern und Gittern, Stühlen und Tischen, alles in einem Wirrwarr von Steinen, Ziegeln und Schutt. Pompeji ist weniger verwüstet als diese Stadt, und mein altes Lou-lan im Herzen der Wüste, wo die Vernichtung ebenso viele Jahrhunderte ihre Ernte gehalten hat wie in Longwy Tage, sieht weniger trostlos aus als Vaubans befestigte Stadt!

In den Straßen war es spukhaft still, nur hier und da tickte es in den Fugen, und mit einem scharrenden Laut fielen kleine Steine von den Mauern. Der Wind rumorte in den aufgerissenen flachen Dächern, und die herunterhängenden Dachrinnen nickten wie festgebundene Schlangen. Hier und da an einer Ecke warnoch ein Straßennamen zu lesen: »Rue des Ecoles« oder »Rue Stanislas«.

Im Schutt lagen noch Postkarten, gebleicht und zermürbt von Sonne und Regen. Ich hob eine auf und las die Adresse: »Monsieur Crombez, Subsistant au 164 de Ligne, Longwy-haut.« Die Karte enthielt nur die Worte: »Le Mans, 22. August. Lieber Kamerad. Ich bin glücklich nach Mans gekommen und habe meine Zeugnisse dem Chef direkt geschickt. Hoffentlich habe ich bald das Vergnügen, Dich wiederzusehen. H....« Ob dieser Crombez jemals den Gruß seines Kameraden erhalten und das schöne Bild auf der Karte gesehen hat, das den Zusammenfluß der Huisne und Sarthe darstellt? Oder steht er in den Verlustlisten als tot oder vermißt?

Den kleinen Markt vor der Kirche bekränzt ein Viereck von Bäumen. Viele von ihnen waren niedergeschlagen und lagen nun da, ein Haufen Reisig und Brennholz. Auf diesen Markt hinaus ging auch die hohle, zertrümmerte Fassade eines Hauses, über dessen Portal man die Worte »Hôtel de Ville« zu erkennen glaubte und die Jahreszahl 1731. Sein Vestibül mit Eingang zumBureau de Policewar ein einziger Kehrichthaufen von Kleiderfetzen, Möbeln und Papier. Das Polizeiarchiv lag umhergestreut; darunter die ganze Auflage einer kleinen Schrift: »Traité pour l'éclairage au gaz de la ville de Longwy, du 9 Janvier 1912 au 23 décembre 1961.« Sie sollte also für ganze fünfzig Jahre gelten. Bei der Drucklegung des Heftes ahnte noch niemand, daß das Gas schon 1914 verlöschen würde. Die Blätter raschelten, wenn der Wind durch die öden Räume strich.

Der untere Stadtteil zeigte dagegen keine andern Spuren vom Krieg als wenige deutsche Uniformen. Das deutsche Militär wanderte seelenruhig durch die Straßen der eroberten Stadt, in deren Zentrum die Zivilbevölkerung ganz zahlreich war.

Kurze Zeit darauf fuhr ich über die Grenze nach Luxemburg und erreichte bei Sonnenuntergang wieder die Hauptstadt des kleinen Großherzogtums.

Durch den Hofmarschall Freiherrn von Reischach erhielt ich am 25. September eine Einladung zur Mittagstafel des Kaisers für 1 Uhr. Unter den Anwesenden waren außer dem Hofmarschall die Herren von Plessen, von Gontard und von Buch, letzterer deutscher Gesandter in Luxemburg; ferner der Feldprediger des Kaisers und einige Adjutanten. Am Vormittag war die Nachricht von Prinz Oskars Krankheit eingetroffen; er hatte sich durch Überanstrengung eine Art Herzkrampf zugezogen. Ich erwartete daher, den Kaiser niedergeschlagen zu finden, aber keine Spur davon. In jugendlicher, militärischer Haltung trat er herein, hieß mich wieder mit kräftigem Händedruck willkommen und nahm einen Brief aus der Tasche, den er mich aufmerksam zu lesen bat, während er sich mit seinen Herren unterhielt. Der Brief war direkt an den Kaiser gerichtet; ein Feldwebel, der neben Prinz Joachim gestanden hatte, als dieser verwundet wurde, schilderte darin, wie tapfer und vorbildlich sich der Prinz benommen hatte. Der Bericht war einfach und ohne jeden Wortprunk, aber er zeigte, wie fest und tief die Treue wurzelt, die das deutsche Heer mit seinem obersten Kriegsherrn verbindet; sie macht die beiden zu dem festen und unerschütterlichen Felsen, auf dem das Deutsche Reich erbaut ist. Als der Kaiser zurückkam und mich fragte, was ich von dem Briefe dächte, antwortete ich bloß: »Es muß Ew. Majestät eine Freude sein, solche Grüße aus den breiten Schichten des Volks zu erhalten.«

»Ja,« antwortete er, »nichts freut mich so sehr wie die Beweise von der Treue des Volks und seinem unmittelbaren Zusammenhang mit meiner Armee. Einen Brief wie diesen verwahre ich unter meinen wertvollsten Papieren.«

Dann sprachen wir von Prinz Oskars Krankheit. Im Zusammenhang damit äußerte der Kaiser: »Nun ist auch Hohenzollernblut geflossen. Ich habe sechs Söhne und einen Schwiegersohn im Krieg, und von den vielen deutschen Fürsten, die an derFront kämpfen, haben schon mehrere ihr Leben für Deutschlands Sache geopfert.« Im übrigen drehte sich die Unterhaltung um meine Erlebnisse bei der fünften Armee und die Kriegsereignisse.

Den Beschluß des Tages bildete ein Abendessen beim Reichskanzler von Bethmann-Hollweg.

26. September.Kurz vor 9 sollte ich auf dem Bahnhof sein und den Zug benutzen, der ein Weimarer Landsturmbataillon nach Charleville beförderte. Aber über Nacht war der Fahrplan geändert worden, der Landsturmzug ging erst später; dagegen stand ein Munitionszug zur Abfahrt nach Sedan bereit, zweiundzwanzig offene, mit Planen bedeckte Wagen und ein paar geschlossene. In dem einen der letzteren nahm ich Platz. Meine Nachbarn waren Bedeckungsmannschaften, zehn oder zwölf Mann Ersatzreserve; sie kamen von Mainz und hatten in diesem Zug acht Tage und acht Nächte zugebracht! Unser Wagen hatte sich aus dem Nordosten Deutschlands hierher verirrt; er trug die Bezeichnung: »Preuß.-Hess. Staatseisenbahnen, Nord-Ost«, und in meinem Abteil hing eine Karte über die Bahnstrecke Berlin-Memel.

Eine menschenfreundliche Seele im Hotel Staar hatte mir geraten, Proviant mitzunehmen, da es mehr als zweifelhaft sei, ob ich unterwegs etwas Eßbares auftreiben könnte. Also wurden mir mit dem übrigen Gepäck vier tüchtige Butterbrote mit Schinken und Käse, drei Eier und zwei Flaschen Mineralwasser ins Kupee gebracht.

Dann ging es hübsch langsam los, aus dem Luxemburger Bahnhof heraus, an einem stehenden Zug vorüber, der mit plaudernden, rauchenden, lachenden Soldaten vollbepackt war, die ausgezeichneter Stimmung zu sein schienen. Die Fahrt ging an gemütlichen Dörfern, Höfen und Wäldern vorüber, an Wiesen mit grasenden Rindern, Feldern mit pflügenden Bauern, an Landstraßen und Chausseen mit langen Baumreihen. In Luxemburg gab's keine zusammengeschossenen Häuser, keine obdachlosen Menschen.Wohl war die Einquartierung deutscher Truppen wenig angenehm, aber die Luxemburger haben alles bei Heller und Pfennig ersetzt bekommen.

Auf den Straßen keine Truppen, keine knarrenden Kolonnen. Wie das kommt, so nahe der Front? Nun, soweit die Eisenbahnen gehen und in Zusammenhang mit dem deutschen Eisenbahnnetz stehen, besorgensieden ganzen Transport bis zum Beginn der Etappenstraßen, wo es keine Eisenbahnen gibt. Deshalb sieht das Land zu beiden Seiten der Bahn so idyllisch aus, und das einzige, was an den Krieg erinnert, ist der Trubel an den Haltestellen und die Posten, die die Bahn bewachen und oft so dicht stehen, daß der eine den andern sehen kann. Deutsche Eisenbahntruppen besorgen den Betrieb und Landsturm die Bewachung.

Unser Gleis führt über Mamer und Kapellen. Das Gelände ist schwach gewellt, nach allen Seiten breiten sich flache, sonnenbestrahlte Felder. Zwischen zwei Stationen halten wir. Warum? Auf dem Nebengleis kommt ein gewaltiger Zug mit lauter leeren Güterwagen; keine Menschenseele ist darin, manhört, wie leer sie sind; mit hohler Resonanz rasseln sie vorüber; sie haben irgendeiner Armee Verstärkungen gebracht und gehen nun nach Luxemburg zurück, um neue Mannschaften zu holen. —

Sterpenich! Wir sind also in Belgien. Die Landschaft ist die gleiche, auch hier deutsche Wachtposten, auch hier pflügende Bauern auf den Äckern wie in Luxemburg. Nicht einmal die Zollrevision erinnert uns daran, daß wir ein neues Land betreten: der Krieg reißt alle Schranken nieder.

In Arlon halten wir länger. Im Südwesten hört man Kanonendonner; ob er aber von Verdun oder vom Argonner Wald herkommt, können meine Reisekameraden nicht entscheiden; er klingt dumpf, aber deutlich.

Zuweilen fährt der Zug mit gewöhnlicher Geschwindigkeit, aber bald bereut er das und fährt wieder langsam, als ob die Last von Toten, die er in Form von Geschossen mit sich führt, die Erschütterung nicht vertrüge. Der Bahnkörper liegt nun hoch,und wir fahren auf einer Brücke über eine Landstraße. Unten steht ein Soldat mit einem Gewehr und sieht zum Zug hinauf.

Da plötzlich ein Dorf, zusammengeschossen und eingeäschert, nur noch aus kahlen Mauern bestehend, die zwischen Bäumen hervorlugen. Eine Allee ist zum Teil umgehauen, auch die Bäume am Rande eines Gehölzes in der Nähe der Bahn sind gefällt. Wohl um die Bewachung zu erleichtern und Attentaten vorzubeugen? Nein; weiterhin sind die Stämme aufgestapelt, ein Güterzug wartet auf sie; sie sollen als Bahnschwellen dienen.

»Langsam fahren!« steht an scharfen Kurven auf großen Schildern; die deutschen Lokomotivführer fühlen sich noch nicht so heimisch. Doch ist der Verkehr nicht besonders lebhaft; man begegnet nur wenigen Zügen auf dieser zweispurigen Bahn.

Lavaux — Cousteumont — Hamipre, kleine Stationen; die Soldaten sitzen in guter Ruh, rauchen Zigarren und lesen die neuesten Zeitungen. Longlier-Neufchateau, eine größere Station; vom Kupeefenster aus werden einige zerstörte Häuser sichtbar. Bei Libramont geraten wir dicht neben einen gewaltigen Truppenzug, der wie wir Sedan zum Ziel hat. Der ganze Zug ist laubgeschmückt, als ging es zu einem Sommerfest. Draußen zwischen den Wagenfenstern liest man mit Kreide geschriebene Sprüchlein, die von der guten Laune der Passagiere zeugen, z. B. »Auf zum Mittagessen nach Paris; steht schon bereit«, und andere derartige Scherze. Unter fröhlichem Singen und Lachen rollt der Zug seinem unbekannten Schicksal zu.

Nach einstündigem Aufenthalt kommt die Reihe wieder an uns, und wir fahren über Felder, auf denen duftende Hafergarben wie Soldaten in Reih' und Glied stehen. Eine Brücke ist zu Beginn der Invasion gesprengt worden, offenbar um den Bahnverkehr zu stören, der unter ihrem Bogen hindurchführt. Nun sind Eisenbahnbautruppen damit beschäftigt, sie wieder herzustellen. Sonst sieht man von der Bahn aus in Belgisch-Luxemburg nicht viel von den Wirkungen des Kriegs.

Von Libramont aus geht die Fahrt endlich nach Südwesten.Auf einer kleinen Station halten wir wiederum unmittelbar neben einem Truppenzug und gleiten langsam an ihm vorüber. Im Wagen dritter Klasse haben die Soldaten Tornister, Gewehre, Waffenröcke und Patronentaschen aufgehängt, alles in malerischer, kriegerischer Unordnung. Einige Leute liegen auf den Bänken und schlafen, andere sitzen, die Beine übereinandergeschlagen, rauchen, lesen, plaudern oder betrachten das Leben draußen. In den Kupees erster und zweiter Klasse fahren Offiziere und Unteroffiziere. Es ist Kavallerie; den Schluß des Zuges bilden die Güterwagen mit den Pferden, in jedem Wagen sechs, je drei und drei mit den Köpfen gegeneinander; von der mittleren Wagenöffnung mit den Schiebetüren sind sie durch Balken getrennt, die an kurzen Ketten hängen; an den Balken sind ihre Halfter festgemacht. Zwischen den Balken, also in der Mitte des Wagens, steht auf Böcken ein Tisch mit zwei Bänken. Hier sitzen ein paar Leute, die gerade mit ihrem Mittagessen beschäftigt sind.

Bertrix! Wieder eine Stunde Aufenthalt. Ein leerer Zug aus Sedan verursacht die Verzögerung. Durch das Fenster fängt man unfreiwillig kleine Brocken von der Unterhaltung der Soldaten auf. »Hast du gehört, daß die Belgier in der Nähe von Arlon eine geheime Funkenstation haben sollen, der man noch nicht auf die Spur gekommen ist?« — »Auf alle Fälle war das eine Glanzleistung von Weddigen.« — »Aber die Verluste zu Land sind viel größer als die zur See. Der Untergang eines Unterseebootes bedeutet zwanzig Mann, ein Sturm zu Land aber zehn- oder hundertmal mehr.« — »Ist es wahr, daß Reims erobert ist?« — »Der rechte Flügel scheint ein gutes Stück zurückgegangen zu sein.« — Alle Gerüchte gedeihen üppig an den Bahnstationen.

Der Stationsvorsteher kommt in mein Abteil, um mir Gesellschaft zu leisten. Er erzählt mir, daß die Steinbrücke, über die wir vorher gefahren sind, am 19. August von den Belgiern gesprengt worden sei, als hier heiß gekämpft wurde. »Wir Eisenbahner,« fügt er hinzu, »wir müssen hier sitzen und dürfen denKanonendonner nur aus der Ferne anhören. Ins Feuer, wie die andern, dürfen wir nicht.« — »Aber Ihre Arbeit ist doch ebenso wichtig; wie stände es mit dem Feuer an der Front, mit der Verpflegung und den Ersatztruppen, wenn Sie nicht den Eisenbahnbetrieb in Ordnung hielten!« — »Gewiß, aber es ist eine fürchterliche Geduldprobe.«

Endlich kommt der erwartete Zug heran. »Haben Sie keine neuen Zeitungen?« rufen Wachtposten und Eisenbahnarbeiter, als wir langsam vorüberfahren. »Ich habe schon alle weggegeben, die ich hatte«, antworte ich. Aber ich finde noch eine Nummer der Trierischen Zeitung, und am nächsten Ort, wo mehrere Soldaten beieinander stehen, werfe ich sie hinaus. Wie eifrig die Leute die Neuigkeiten verschlingen; einer liest vor, die andern hören zu.

Hier begegnen wir einem lustigen Zug: einige Wagen sind als Reparaturwerkstätten eingerichtet. Da stehen Hobelbänke und Schleifsteine, da liegen Sägen, Meißel, Äxte und Hämmer herum. Andere Wagen sind gestopft voll von Zweirädern, Schubkarren, Spaten, Spießen, Äxten und Hacken und andern Werkzeugen, die man bei Pionierarbeiten, Barrikaden und Schützengräben braucht. Hinter einem langen Tunnel öffnet sich eine herrliche Landschaft, stärker gewellt als die bisherige; unter uns kreuzen sich mehrere große Landstraßen. An der nächsten senkt sich der Bahnkörper jäh herab. Unten ist eine Wachtstube, in der mehrere Landstürmer nach der Arbeit ausruhen und die Stunde abwarten, wo ihre Kameraden abgelöst werden sollen. Eine Schar graugekleideter Arbeiter geht, den Spaten auf der Schulter, die Strecke entlang. An einer kleinen Haltestelle stehen etwa vierzig graue und blaue Soldaten um ihre Gewehre herum. Es nimmt auch nie ein Ende mit den Soldaten! Welche Massen werden nicht allein an den Eisenbahnlinien verbraucht.

Die Sonne geht unter. Hinter einem neuen Tunnel öffnet sich im Tal unter uns die Aussicht auf den gewundenen Flußlauf der Semois. Neue Scharen zurückkehrender Arbeiter. »Nochzwanzig Kilometer bis zur französischen Grenze«, erklärt der eine; ein anderer zeigt in der Nähe eines zerstörten Dorfes auf eine Anhöhe, wo mehrere Massengräber zu liegen scheinen. Die Dämmerung schreitet weiter und geht in Nacht über. Schade, daß man die Aussicht auf dieses herrliche Land verliert. Die Bahn wendet sich in vielen Kurven, bald steigend, bald fallend. Beim Ansteigen geht es hoffnungslos langsam, der Zug quält sich, und das Holz der Wagen seufzt unter der Schwere seiner Last.

Wieder ein Tunnel in Sicht; an seinem Eingang eine kleine Hütte, in der einige Landstürmer sich eben ihr Abendbrot bereiten. Der Zug fährt so langsam, daß wir einige Worte mit ihnen wechseln können. Dann geht's hübsch sachte in die dunkle Öffnung hinein. Die Lokomotive stöhnt und keucht aus Leibeskräften, der Tunnel füllt sich mit Rauch, und man schließt die Fenster. Es geht immer langsamer. Nun kann die Maschine es nicht mehr schaffen, da stehen wir!

Einer meiner Reisekameraden holt in der Finsternis eine kleine Lampe hervor, die die Stimmung erhöht. Der Rauch wird kompakter und dringt in das Kupee herein; wenn das noch lange dauert, ersticken wir alle. Ich öffne einen Augenblick das Fenster und sehe hinaus — nur Nacht und Rauch, aber durch den Rauch sieht man die Funken, die von der Lokomotive sprühen, die neue Kraft zu sammeln scheint. Unser Zug ist mit Munition beladen, und sollte sie gerade hier im Tunnel in die Luft fliegen, dann bekommen die Eisenbahntruppen in den nächsten Tagen viel zu tun!

Die Lokomotive prustet wieder und fängt an, sich zu bewegen. Vorn wird ein Licht sichtbar, vermutlich die Mündung des Tunnels. Nein, nur eine Laterne, deren Schein vom Rauch gedämpft wird. Eine Weile später wieder ein Licht, als ob es endlich tagen wollte; es ist aber nur der Feuerschein der Maschine. Hört denn dieser ewige Tunnel niemals auf? Mehr als eine halbe Stunde sind wir darin. Da wird es endlich heller, und wir atmen wieder frische Luft. Aber vom Tag ist nicht mehr viel übrig;die Dämmerung verwischt die Umrisse der Landschaft, und über der Erde schwebt der Halbmond gelb und spöttisch.

Gegen 8 Uhr ist der Mond weiß geworden und sitzt in den Baumwipfeln. Die Nacht ist hell und kalt. Wie leicht wäre es für Franktireurs, aus den Schlupfwinkeln des Waldes heraus ihre Kugeln in die schwach erleuchteten Fenster des Zugs zu senden. Aber kein Schuß erschallt, es ist lautlos still draußen, nichts erinnert an den Krieg, man ist wie im tiefsten Frieden.

Um Mitternacht verschlief ich den Rest unserer Fahrt. Um 3 Uhr morgens weckte mich einer meiner Nachbarn: wir waren in Sedan. Achtzehn Stunden waren wir unterwegs gewesen. Der Chef der Kommandantur, Major von Plato, war bereits um diese frühe Morgenstunde auf den Beinen, heiter und guter Dinge, hieß mich herzlich willkommen und stellte mir ein Zimmer im Bahnhof zur Verfügung. Bevor ich aber meine neue Wohnung in Besitz nahm, mußte ich mit dem Major und ein paar andern Offizieren, die ebenso munter und lebhaft waren wie er, Tee trinken. Das zeitige Frühstück lieferte die Kriegsverpflegungsanstalt, in der sechzehn freiwillige Helferinnen bis zu viertausend Verwundete an einem Tag beköstigt hatten. In einer Küche brodelten beständig gewaltige Kessel mit kräftiger Suppe. Neben der Station hatte man gleich nach der Besitznahme in zwei Tagen einen Holzschuppen gebaut, in dem die Truppen, Verwundete und Unverwundete durcheinander, ihre Mahlzeiten an langen Tischen einnehmen konnten. Auch jetzt waren viele Plätze besetzt, und draußen stand ein ganzer Trupp Landwehr zweiten Aufgebots und wartete auf den Morgenkaffee mit Brötchen. Jeder sollte auch seine Portion Brot und Fleisch auf die Fahrt an die Front mitnehmen. Alle waren heiter und guter Dinge, und niemand konnte vermuten, daß diese Männer binnen kurzem vor dem Feind stehen würden, um zu siegen oder zu sterben. Im Durchschnitt hatten täglich fünftausend Mann Sedan auf dem Wege zur Front passiert. Fleisch und Gemüse für ihren Unterhalt liefert das besetzte Land, der Bürgermeister muß es herbeischaffen — das istso Kriegsgesetz, und man sieht daher leicht ein, wie vorteilhaft es für eine Armee ist, in Feindesland zu kämpfen. Das besetzte Land muß ja nicht nur seine eigene Armee, sondern auch die des Gegners ernähren. Solange es Getreide gab, wurde auch das eingefordert, aber Ende September mußte für den Brotbedarf der Soldaten Mehl aus Deutschland beschafft werden. In der Kaffeeküche brodelte ein Dutzend große Kessel, und eine alte Französin rumorte zwischen ihnen unterhaltungs- und lachlustig. —

Das Zimmer, das mir nun zugeteilt wurde, war ursprünglich für Major Plato und seinen Adjutanten bestimmt; sie sollten sich abwechselnd darin ausruhen. Aber bisher hatten sie es noch nicht benutzen können, da sie Tag und Nacht durcharbeiteten und zwischendurch oft in den Kleidern in der Bahnhofswirtschaft schliefen, die als Kommandanturbureau diente. Im WartesaalIII.Klasse war das Quartier der Stationswache. Die Leute lagen auf dem Boden und machten sich gerade für die Arbeit des neuen Tages bereit.

Unsere Runde führte uns auch in die Wartesäle und Magazine, die als Lazarett eingerichtet waren. In einem lagen nur schwerverwundete Franzosen, die von Schwestern des Roten Kreuzes und Ärzten gepflegt wurden. Ein anderer Saal war den Deutschen überlassen, die bald den Transport nach Osten ertragen konnten. Auch hier bekam ich einen lebhaften Eindruck davon, wie wichtig es ist, so schnell als möglich die Krankensäle, die zur Verfügung stehen, zu räumen. Eben war die Mitteilung eingegangen, daß ein Zug mit Verwundeten auf dem Weg nach Sedan sei, und daß fünfhundert Krankenwagen von der Front angefordert würden — was auf heftige Kämpfe und blutige Ereignisse schließen ließ. Als der gemeldete Zug ankam, entstand auf dem Bahnsteig Leben und Bewegung. Die Schwestern und ihre freiwilligen Träger eilten von Wagen zu Wagen mit Eimern und Kannen voll rauchenden Kaffees und großen, runden Körben voll Brot; Sanitätssoldaten standen mit ihren Bahren bereit, um die Schwerverwundeten zu den Autobussen und damit in dasStädtische Lazarett zu schaffen. Alles geht wie geschmiert, es ist Lust und Leben in diesem Liebeswerk. Wieviel auch kommen, so reicht das Essen doch immer zu, die Bahren und Betten gehen nicht aus, und die hilfreichen Hände werden nie müde. Den verwundeten Franzosen wird dieselbe freundliche Behandlung zuteil wie den Deutschen, vielleicht eine noch freundlichere, denn fast alle haben ein Gefühl von Mitleid gegenüber denen, die in Feindeshand gefallen sind und außer ihren eigenen Wunden noch fühlen müssen, wie ihr Vaterland blutet. Die Station Sedan ist wie ein summender Bienenkorb. Hier kommen Züge mit frischen Truppen herein, und dort halten Transporte von Gefangenen und Verwundeten. Zwar liegt die Nacht kalt und sternenhell auf der Stadt, aber für die, die im Dienst der Krankenpflege auf der Station arbeiten, gibt es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, und es ist mir ein Rätsel, wie sie dieses Leben aushalten. Die Kraft, die sie aufrecht erhält und vor Müdigkeit bewahrt, ist die Liebe zum Vaterland, das seinen größten und schicksalsschwersten Kampf ausficht.

Am Nachmittag machte ich mit Major Heyn und ein paar andern Offizieren, von denen einer Richter in Frankfurt a. M. war und jetzt Kriegsgerichtsrat, eine Automobilfahrt zu geschichtlich berühmten Orten außerhalb Sedans, Plätzen, deren bloßer Name bei allen Franzosen Gefühle der Trauer weckt.

Das Weberhaus bei Donchery, wo am 2. Sept. 1870 Napoleon und Bismarck ihre Unterredung hatten.(Vgl.Seite 82.)

Das Weberhaus bei Donchery, wo am 2. Sept. 1870 Napoleon und Bismarck ihre Unterredung hatten.(Vgl.Seite 82.)

Landstürmer am Grabe eines Kameraden.

Landstürmer am Grabe eines Kameraden.

In der Nähe des Dorfes Frénois, wo am Vormittag des 2. September 1870 die Kapitulation unterzeichnet wurde, besuchen wir das kleine Schloß Bellevue, wo König Wilhelm am selben Tage seine Zusammenkunft mit Kaiser NapoleonIII.hatte. Die beiden Monarchen trafen sich in der kleinen Glasveranda im Erdgeschoß, die eine Art Vorhalle bildet. Die Möbel von damals sind alle verschwunden, und kein Andenken aus jener Zeit ist erhalten. Doch nein! Die alte, würdige und vornehme Dame, die noch jetzt das Schloß besitzt und, von Alter und Kummergebeugt, jetzt zum zweitenmal nach vierundvierzig Jahren alle Phasen eines französisch-deutschen Krieges erlebt hat! Ihr Haar war schneeweiß, und sie ging gebückt, aber sie trug ihr Haupt hoch und war stolz und ehrfurchtgebietend. Wir fragten sie, ob wir das Innere des Schlosses besichtigen könnten, aber sie bat uns, davon abzustehen, und wir achteten diesen Wunsch natürlich. Daß die Soldaten, die ihr Weg an Bellevue vorüberführt, gern die berühmte Veranda sehen wollen, ist ja weiter nicht zu verwundern, aber die alte Dame bat, man möge diese Besuche einstellen. Sie wolle Frieden haben und mit ihrem Kummer allein sein. »C'est bien malheureux, c'est très, très triste«, sagte sie ein ums andere Mal, und sie selber wie ihre Worte erweckten das tiefste Mitgefühl. Bellevue erhebt seinen runden Turm wie eine Klippe, die von den Sturmwogen der beiden größten Kriege der neueren Geschichte umspült ist.

Ärzte in einer Soldatenhütte hinter den Schützenlinien bei Rouvroy.(Vgl.Seite 88.)

Ärzte in einer Soldatenhütte hinter den Schützenlinien bei Rouvroy.(Vgl.Seite 88.)

Unser nächstes Ziel ist die kleine Stadt Donchery, die jetzt einen doppelt traurigen Eindruck macht. Hier verhandelten am Spätabend des 1. September 1870 die Generäle Moltke und Wimpffen über die Kapitulation. Auch Bismarck war dabei und mehrere Offiziere von beiden Seiten. Das Haus, in dem die Verhandlung stattfand, wurde in dem jetzigen Krieg zerstört. Aber Anton von Werners Gemälde existiert noch. Es wirkt auf den Beschauer fast erschütternd. Rechts die germanische Eisenkraft, die Entschlossenheit, die keine Kompromisse duldet, links das geschlagene Frankreich in seinem tiefsten Unglück. Wohl zieht Moltke unsere Blicke auf sich, wie er, die Hand auf den Tisch gestützt, dasteht und kategorisch verlangt, daß sich das ganze französische Heer gefangen geben soll, und wohl betrachten wir mit gespannter Aufmerksamkeit den eisernen Kanzler, wie er, die Hände am Säbelknauf, dasitzt und auf die Antwort wartet. Die Hauptfigur des Bildes ist aber doch Wimpffen. Er ist gerade von dem Schlag getroffen, den die Übergabebedingungen für ihn und ganz Frankreich bedeuten. Er hält es nicht mehr aus, er ist aufgestanden, um zu gehen. Aber er schwankt und muß sich auf denTisch und einen Stuhl stützen. Das Licht der Lampe fällt auf sein Gesicht, das den tiefsten Schmerz und Kummer verrät. Weshalb hat er sich zum Oberbefehl über die Armee gedrängt, nachdem Mac Mahon verwundet worden war und Ducrot zu seinem Stellvertreter ausersehen hatte? Nun wird sein Name in der Erinnerung auf ewig mit diesem Unglückstag verbunden bleiben. Ein Bild Bonapartes hängt an der Wand; der große Kaiser scheint dem unglücklichen General einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Die Gesichter seiner Begleiter verraten tiefsten Schmerz und Demütigung. Nicht weniger ernst stehen die Preußen auf der andern Seite des Zimmers. Ihre Züge zeigen Bewunderung für die glänzende Tapferkeit des französischen Heers und für eine Todesverachtung, die eines besseren Geschicks würdig gewesen wäre. Der Künstler hat eine Stimmung hervorgerufen, die uns ahnen läßt: alle Anwesende sind sich dessen bewußt, daß dieser Tag in der Erinnerung als einer der unglücklichsten in Frankreichs, als einer der größten in Preußens Geschichte fortleben wird.

Auf der Rückkehr nach Sedan besuchten wir auch das Haus, in dem am frühen Morgen des 2. September Napoleon und Bismarck ihre Unterredung hatten. Von seinem Gefolge und ein paar Reitern begleitet, kam der Kaiser in einem Landauer nach Sedan gefahren. Er war ausgestiegen und stand, gebrochen und vorzeitig gealtert, auf seinen Stock gestützt, als Bismarck heranritt. Auch diesen Augenblick hat Werner auf einem seiner Gemälde verewigt. Sie gingen dann ins Haus, stiegen die schmale, halsbrecherische Treppe hinauf und nahmen im hintersten der beiden größeren Zimmer Platz. Der Wirt, der Weber Fournaise, wurde entfernt, aber seine siebenundzwanzigjährige Frau hielt sich im Vorderzimmer auf. Und Madame Fournaise ist noch am Leben, eine freundliche alte Frau, die das Leben mit philosophischer Ruhe betrachtet, das doch so schlimm mit ihrem Eigentum verfahren ist. Das einzige, was sie empörte, war, daß zwei Gewehrkugeln durch ihr Fenster gegangen waren und sich in die Deckegebohrt hatten. Sie hielt uns im übrigen einen richtigen Vortrag über den denkwürdigen Tag vor vierundvierzig Jahren und entsann sich jeder Kleinigkeit. Der Kaiser war freundlich und herablassend, Bismarck lustig und scherzhaft zu ihr gewesen. Und als die Unterhaltung zu Ende war und die beiden Herren ihrer Wege gingen, hatte der Kaiser ihr vier Zwanzigfrankstücke geschenkt, die sie noch unter Glas und Rahmen und mit folgender Unterschrift aufbewahrt: »Donnés par sa Majesté l'Empereur Napoléon III à Madame Fournaise le 2 Septembre 1870.« Zur Erinnerung an unsern Besuch sollten wir den Stempel bewahren, den sie in unsere Notizbücher drückte: »Maison de la 1reentrevue Donchery.« Das Haus selbst ist bekannt unter dem NamenMaison du Tisserandoder das Weberhaus.

Wir fuhren auf einer andern Straße nach Sedan zurück, um einen flüchtigen Blick auf die Festungswerke zu werfen, die seit 1870 geschleift sind, und von den Höhen der Umgebung die schöne Aussicht auf die unglückliche Stadt zu genießen. In Sedan kann man nicht fröhlich sein. Es liegt einem bleischwer auf der Brust. Da ist ein Volk, das gelitten hat und leidet, ein edles, fleißiges und sparsames Volk, das am Gängelband der republikanischen Demokratie an einen Abgrund von Unglück geführt wurde, ein Volk, das eines besseren Schicksals würdig wäre als für eigennützige Freunde zu verbluten, dessen Kinder vergebens die anscheinend stolzen, in Wirklichkeit aber leeren und hohlen Worte stammeln: »Liberté, Egalité, Fraternité!« Was ist das für eine Brüderlichkeit, die nie an etwas anderes denkt als an Rache! Was ist das für eine Gleichheit, die politischen Zwecken die Ersparnisse des Volks aufopfert! Und was ist das für eine Freiheit, die dieses selbe Volk der am despotischsten regierten Macht der Erde in die Arme treibt!

Im Hotel Croix d'Or in Sedan wohnte Exzellenz General Freiherr von Seckendorff, der Etappeninspektor der vierten Armee. Der Chef seines Stabs ist Oberst von Kemnitz; er hateine gewaltige Schar Offiziere unter sich, dazu die schwere Verantwortung für die Verbindungslinien der vierten Armee. Man kann wohl sagen, daß durch seine Hände ganze Armeen und endlose Reihen von Kolonnen gehen. Er muß Ankunft und Marsch der Ersatztruppen kontrollieren und ist dafür verantwortlich, daß sie zur rechten Zeit ankommen. Er hat dafür zu sorgen, daß Kleider, Waffen, Munition und Verpflegung in genügender Menge vorhanden sind. Er hat einen Generaloberarzt bei der Etappeninspektion unter sich, und dieser ist wieder verantwortlich für jedes Lazarett an den achtundzwanzig Etappenorten wie für Beförderung und Behandlung der Verwundeten im allgemeinen. Die Bewegungen der Sanitätskolonnen fallen also auch unter die Etappeninspektion. Der vielseitige General hat außerdem die Gefangenentransporte und die ewig hin und her rollenden Motorwagen der Feldposten zu überwachen.

General Seckendorff hatte demnach alle Hände voll zu tun und arbeitete auch wie ein Pferd; des war ich Zeuge. Er hielt tadellose Disziplin auf seinen Straßen und inspizierte sie täglich in eigener Person. Er war schon zwölftausend Kilometer in seinem eleganten gedeckten Automobil gefahren. Auf den Landstraßen führte er strenges Regiment und konnte, wenn es nötig war, Soldaten und Offiziere anfahren wie ein Löwe. Zu mir war er liebenswürdig und freundlich wie lauer Zephirwind. Er nahm mich mit offenen Armen auf und lud mich ein, zum Abendessen im großen Saal des Hotels zu bleiben.

Hier versammelten sich etwa vierzig von den dreihundert Offizieren, die damals in Sedan wohnten, unter ihnen ein Fürst Hohenlohe, der beim Roten Kreuz beschäftigt war. Bei unserm Eintreten standen die Herren schon an ihren Plätzen vor dem langen Tisch und den kleinen Nebentischen, und der General stellte mich gleich allen mit einigen ebenso kräftigen wie liebenswürdigen Worten vor. Es gab dieselbe Kost wie für die Soldaten, Reissuppe, Hammelfleisch mit Bohnen und Kartoffeln und gefüllte Pfannkuchen — das letzte Gericht ein Sonntagsluxus.

Nach einem angenehm verbrachten Abend und nachdem mich der General eingeladen hatte, ihn am nächsten Tage nach Vouziers zu begleiten, ging ich um Mitternacht durch das stille, menschenleere Sedan. Der Weg von der Place Turenne bis zum Bahnhof, wo ich wohnte, ist ziemlich lang, und er wurde von den sechs Wachtposten nicht verkürzt, die einer nach dem andern aus dem Dunkel auftauchten und mich anhielten als einen verdächtigen Nachtwanderer, der vielleicht in ungesetzlichen Geschäften unterwegs war. Jeder mußte General Moltkes Brief lesen und mich dann meinem Schicksal und dem nächsten Wachtposten überlassen. Aber alle waren ruhig und höflich, und sie taten ihre Pflicht. Als ich an den letzten kam, kurz vor dem Bahnhof, trat ich auf ihn zu und fragte ihn, ob er etwas dagegen hätte, meinen Ausweis zu lesen. Er antwortete lächelnd: »Ich vermute, der ist schon oft genug gelesen worden; übrigens hab' ich Sie in Gesellschaft des Chefs der Kommandantur gesehen.«

Am 28. September begab ich mich frühmorgens in den Gasthof »Zum goldenen Kreuz« und war bald darauf mit General Seckendorff und seinem Adjutanten auf dem Weg an die Front der vierten Armee. Die Straße führt nach Südwesten in der Nähe des Ardenner Kanals, der ein paarmal gekreuzt wird. Unser erstes Ziel war die Stadt Vouziers, bis wohin die Eisenbahn ging. Trotzdem benutzen zahlreiche Kolonnen die Chaussee, neben der auf den Feldern malerische Biwaks sichtbar werden. Hier und da raucht es noch von einem Lagerfeuer, über dessen Glut die Soldaten ihr Frühstück zubereitet haben. Zwischen den Kastanien und Ahornen, deren Laub sich schon verfärbt, bewegt sich das bunte, kriegerische Landstraßenleben, an das wir schon gewöhnt sind: Soldaten und Fuhrwerk einer großen Etappenlinie, Proviant- und Munitionswagen, Lazarettautos und ganze Reihen altmodischer gelber Postwagen, die Feldpostbriefe befördern und nach Deutschland über Trier fahren, wo die erste Sortierung geschieht. Die unentbehrlichen Feldgendarmen in ihren grünen Uniformen reiten auf und ab und passen auf. Ein ausgedientes Pferd hatseinen Gnadenschuß erhalten und wird eben beiseite geschleppt; ein Blutstrom fließt aus seinen Nüstern und rötet den Staub der Landstraße.

Wir fahren durch mehrere Dörfer, darunter Tannay und Lechesne am Ardenner Kanal, und halten kurze Zeit in Vouziers am Westufer der Aisne. Der General nimmt von ein paar Offizieren der Etappenkommandantur die Berichte entgegen über das, was sich seit gestern zugetragen hat. Dann geht die Fahrt weiter nach Süden auf der Chaussee, die nach Séchault und Cernay führt. In dem zuletzt genannten Dorf sind wir zwanzig Kilometer westlich von Varennes. Aber zwischen diesen beiden Orten breitet sich der Argonner Wald aus, in dem noch heiß gekämpft wird. Von Cernay geht nach Westen die große Landstraße nach Reims. Auf den ersten sechzehn Kilometern dieser Straße, d. h. bis zum Dorf Somme Py, hatte ich Gelegenheit, einige höchst interessante Punkte zu besichtigen. Denn diese Straße war Ende September die letzte nach Süden, die in dieser Gegend vom deutschen Heer besetzt worden war.

Das erste Dorf westlich von Cernay ist Rouvroy, und weiter wollten wir heute nicht fahren. Wir machten einen kurzen Aufenthalt und aßen unser einfaches, feldmäßiges Frühstück, lange, schmale Scheiben von Kommißbrot mit Butter und Schinken und ein Glas Rotwein. Der General hatte ein besonderes Automobil mit voll Weinflaschen, die er an die Soldaten verteilen ließ. Mit dem Wein braucht man in diesen Gegenden, wo auch die Bauern ihre wohlversehenen Weinkeller haben, nicht zu sparen. Aber nichts wird ohne weiteres genommen, alles wird den Eigentümern nach dem Krieg ersetzt, und es gehört zu den Friedensbedingungen, daß der verlierende Teil jede Quittung über Sachen bezahlt, die während der Besetzung requiriert worden sind. Der einzelne darf nicht Schaden leiden unter dem Krieg; es ist Pflicht des Staats, die persönlichen Verluste zu ersetzen, wenn er das Eigentum des einzelnen nicht gegen die Invasion zu schützen vermocht hat. Und wenn die Invasionsmacht den Kriegverliert, so ist es ihre rechtmäßige Strafe, für die Verluste aufzukommen.

Vielleicht wird jemand sagen, es sei nicht recht, die Soldaten Wein trinken zu lassen. Im Osten haben ja die Russen den Versuch gemacht, während des Kriegs ein Generalverbot einzuführen, und sie sind mit dem Ergebnis zufrieden. Ohne Zweifel ist diese Kraftäußerung an und für sich bewundernswert. Aber ich glaube doch, daß ein Schluck Rot- oder Weißwein hier und da den Soldaten nur guttut. Absolute Enthaltsamkeit zu predigen, ist keine Kunst für den, der nicht die Nächte in kalten, feuchten Schützengräben zu frieren braucht, in denen man nicht das kleinste Feuer anzünden darf.

In Rouvroy stiegen wir aus und gingen das sacht ansteigende Gelände zu Fuß weiter über Felder, Gräben und durch Wälder. Hier war das Land voller Granatlöcher, und man konnte nicht wissen, wo der nächste Feuerregen niedergehen würde. Zahlreiche Geschosse lagen rings verstreut, und ich nahm einen sogenannten »Ausbläser« mit, der beim Krepieren nicht geplatzt war.

Weiter oben hatten wir Gelegenheit, zu sehen, wie die Ersatztruppen sich auf der Linie eingerichtet hatten, auf der sie warten, bis sie ihre Kameraden in den Schützengräben ablösen. Sie lagen teils am Waldrand, teils im Wald selbst, wo sie sich halb unterirdische, mit Ästen, Zweigen und Laub gedeckte Höhlen gegraben hatten, die nicht nur als Wohnstätten dienten, sondern auch zur Deckung vor den Fliegern. Diese Lager sind immer nach Norden verlegt, damit sie vom Wald gedeckt sind und von den französischen Stellungen aus nicht gesehen werden. Da sie so gut maskiert sind, darf man in den Höhlen kleine Feuer anzünden.

An einer Stelle des Waldrandes hatte ein Sanitätswagen im Schutz einiger dunklen Fichten haltgemacht. Er war beladen mit Verbandzeug, Heilmitteln, Bahren und andern Sachen, die zur ersten Behandlung der Verwundeten nötig sind. Das Gespann verfügte über ein Reservepferd, das gut zu brauchen war, falls eins der gewöhnlichen Wagenpferde erschossen werden mußte. Einanderer Wagen, der zur selben Sanitätskolonne gehörte, war mit einem graugelben Verdeck überspannt. Beide führten Flagge und Zeichen des Roten Kreuzes. Über die Pferde waren graue Decken gebreitet, um ihnen einen Farbton zu geben, der soviel als möglich mit dem des Landes übereinstimmte, alles zum Schutz gegen Flieger.

In einer kleinen Soldatenhütte in der Nähe hatten sich vier Ärzte der Kolonne eingerichtet. Sie hatten eben ihr Frühstück beendet, das aus der nächsten Feldküche geholt wurde, wo auch ich die ebenso kräftige als wohlschmeckende Kost versuchte. Oben auf der Höhe, von wo aus sich eine Aussicht über die französischen Stellungen darbot, trafen wir mehrere Offiziere, und unter einem mächtigen Strohdach eine Anzahl Soldaten verschiedener Waffengattungen. In der Nähe hatte man zwei Soldaten im Schatten eines kleinen Wäldchens beerdigt. An den Querarmen der Kreuze hingen frische Kränze, die verrieten, daß die Tapfern, die hier ruhten, erst kürzlich dem französischen Feuer zum Opfer gefallen waren. Ihre Helme schmückten die einfachen Grabhügel.

Auf der Rückfahrt, die auf einer östlicher gelegenen Straße über die Dörfer Condé, Autry und Grand Pré führte, holten wir vier Kompagnien Landsturm ein, an deren Spitze ein Musikkorps marschierte. Es ist ungewöhnlich, so nahe der Front Regimentsmusik zu hören, wo alles so still wie möglich sein soll und nur die Kanonen und Gewehre ihre laute Sprache sprechen. Der General ließ unser Auto die ganze Truppe entlangfahren; dann ließ er neben dem Weg halten, stieg aus und wir folgten ihm. Die ganze Schar mußte nun vorüberziehen; als die erste Kompagnie kam, rief er: »Guten Tag, erste Kompagnie!« Ebenso begrüßte er die übrigen und wurde von ihnen wieder gegrüßt. Es war ein schöner Anblick, diese kräftigen Männer und ihren elastischen Gang zu sehen und ihre dunkelblauen Uniformen, die sich scharf von dem gelblichen Laub der Bäume abhoben, und ebenso prächtig war der General mit dem energischen, aber freundlichen Blick, dem weißen, wohlgepflegten Schnurrbart und dem stahlgrauen Haar. Gerade und aufrecht stand er in seinemgrauen Mantel da, die Hände auf dem Rücken. Er hätte sich nicht die Mühe zu machen brauchen, auszusteigen und zu grüßen, aber es freute seine Kriegerseele, diese Männer zu betrachten, die Haus und Heim, Frau und Kind verlassen hatten, um für das Vaterland zu siegen oder zu sterben. Dann fuhren wir an ihnen zum zweitenmal vorüber und lauschten wieder dem anfeuernden Parademarsch, der schließlich hinter uns verklang.

Bei der Rückkehr nach Vouziers übergab mich der General dem Rittmeister von Behr, einem Bruder des Kammerherrn, einem lebhaften, fröhlichen Herrn, der dem General versprach, daß mir nichts abgehen solle. Und er hielt Wort, denn die reichliche Woche, die ich bei ihm und seinen Kameraden zubrachte, hatte ich Gelegenheit, viel zu sehen und zu lernen und mit vielen tüchtigen Männern bekannt zu werden; von Behr hatte schon längst seinen Abschied genommen, aber bei Kriegsausbruch trat er wieder bei den Kürassieren ein und führte eine Reserveschwadron.

Am 29. September war ich zum Abendbrot bei dem Chef der vierten Armee Herzog Albrecht von Württemberg eingeladen. Unter den Gästen waren auch der Kriegsminister Exzellenz von Falkenhayn, der Stabschef General Ilse und die drei jungen Söhne des Herzogs, alle drei prächtige, schöne und begabte Jünglinge. Sie taten Dienst an der Front und hatten sich schon bei mehreren Gelegenheiten durch Tüchtigkeit und Tapferkeit ausgezeichnet. Gegen Schluß der Tafel erhob sich der jüngste von ihnen; er stand an einem andern Teil der Front und mußte dorthin zurück. Er ging um den Tisch herum, nahm von allen Abschied und kam schließlich zu seinem Vater. Der Herzog nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn, sagte aber kein Wort. Keine Szene, keine Tränen, keine Ermahnungen, sich nicht unnötig dem Feuer und andern Gefahren auszusetzen. Es war wie ein gewöhnliches »Gute Nacht, morgen sehen wir uns wieder«. Und doch, für wie viele Offiziere und Soldaten gibt es in diesem Krieg kein »morgen«! Wie viele Familien sehen beim Abschied von ihren Lieben diese zum letztenmal! Wie viele Bande werden für immerzerrissen! Eine Schwester vom Roten Kreuz hatte vierundzwanzig Verwandte im Feld, und man sprach von einem Vater, der acht Söhne draußen hatte und einen neunten sechzehnjährigen, der sich darnach sehnte, ihrem Beispiel zu folgen. Das ganze deutsche Volk hat in den letzten Monaten eine Seelenstärke und -größe an den Tag gelegt, die in unserer Zeit nicht ihresgleichen hat!

Als ich »nach Hause« kam, saßen Rittmeister von Behr und seine Freunde Graf Eichstätt und Freiherr von Tschammer noch plaudernd beisammen, und ich gesellte mich zu ihnen. Wir sprachen eben von den Ereignissen des Tages, als ein Rittmeister hereintrat und meldete, Einwohner von zwei etwa zwölf Kilometer entfernten Dörfern, die schon anderthalb Monate in den Händen der Deutschen waren, hätten auf Soldaten geschossen. Aus dem einen Dorf sollten daher alle Männer, aus dem andern alle Männer, Frauen und Kinder gefangen in die Stadt gebracht werden. Der Unterschied schien darauf zu beruhen, daß man in dem einen Dorf auf Flieger geschossen hatte, in dem andern auf Truppen. Hundert Mann Landsturm und eine Schwadron berittener Landsturm sollten sich nachts 1 Uhr nach den beiden Dörfern begeben. Während die Reiter an allen Straßenecken Posto faßten und jeden Fluchtversuch verhinderten, sollten Haus für Haus von der Infanterie durchsucht und alle Einwohner gefangen genommen werden. In der Stadt sollten sie dann vor das Kriegsgericht gestellt und die Schuldigen erschossen werden. So verlangt es das strenge Kriegsgesetz. Es gibt keine Gnade, keine Rettung. Die armen Leute taten mir unendlich leid. Was konnten sie mit einigen armseligen Schüssen gegen eine ganze Armee ausrichten! Glaubten sie vielleicht den törichten Gerüchten, die Brücken der Pioniere seien nur gebaut, um den Rückzug der deutschen Heere vorzubereiten, und das Kriegsglück sei in der letzten Zeit ganz umgeschlagen? Und woher hatten sie diese Neuigkeiten? Natürlich nur von der Zivilbevölkerung selbst. Wer aber solcheGerüchte in die Welt setzte, nahm eine ungeheure Verantwortung für das Leben seiner Landsleute auf sich und gewann dabei nichts.

»Wie erging es nun den Unglücklichen?« wird man fragen. Schon am nächsten Tag hatte ich Gelegenheit, sie auf der Anklagebank zu sehen: lauter alte Leute, Bauern und ihre Frauen; die letzteren weinten und sahen verwundert drein, die Männer zeigten ein ganz gleichgültiges Aussehen. Der Krieg hatte ihnen schon alles genommen, das Leben hatte für sie keinen besonderen Wert mehr. In den wenigen Tagen, die das Verhör dauerte, litten sie keine Not. Ich sah sie einmal in einem Hof an einem großen Tisch beim Mittagessen sitzen. Das Herz drängte mich, für sie Fürbitte einzulegen und an die Barmherzigkeit zu appellieren; der Verstand aber sagte mir, daß man sich nicht in die vom Kriegsgesetz befohlenen Beschlüsse der militärischen Obrigkeit mischen kann und darf. Deshalb muß man sein Herz hart werden lassen und kalt wie Eis. Aber wie ging es ihnen nun? Wurden sie wirklich an einen Baum gebunden und erschossen? Nach ein paar Tagen fragte ich einen meiner Freunde nach ihrem Geschick. »Sie wurden alle freigesprochen,« sagte er, »aus Mangel an Beweisen. Die Täter waren offenbar schon geflüchtet, als unser Landsturm kam; die Verdächtigen wurden alle in ihre Häuser und Gehöfte zurückgeführt.«

Man soll nicht meinen, daß die deutschen Kriegsgerichte solche Fälle leichthin und im Handumdrehen erledigen, als wenn ein Menschenleben in dem eroberten Lande keinen Wert hätte. Nein, die Kriegsgerichte der »Barbaren« sind höchst gewissenhaft, unparteiisch und human.

Eine der Fahrten, die ich von Sedan aus mit Rittmeister von Behr unternahm, führte mich über Cernay, Condé und Challerange. In dem ersten Dorf nahm ich ein paar Bilder von einer Munitionskolonne auf, einigen Soldaten, die sich auf einem Hof ihr Mittagbrot zubereiten, und einer marschbereiten Kompagnie, die ihreInstruktion erhält, bevor sie an die Front geht. Im nächsten Dorf sahen wir eine Schar prächtiger Landsturmleute, gleichfalls zur Instruktion aufgestellt, und ein Biwak von überdeckten Wagen und Pferden. Am schönsten war aber doch die Munitionskolonne, deren Wagen unter die überhängenden Zweige des Waldrandes neben dem Weg gefahren und außerdem mit Laubbüschen bedeckt waren, um gegen französische Flieger geschützt zu sein. Eine Kolonne Feldlazarettwagen war womöglich noch gründlicher maskiert und wartete unter den Bäumen, nachdem die Pferde abgespannt waren. Etwas weiterhin hatte sich eine Sanitätsabteilung im Laubwald selbst niedergelassen, um in der Nähe zu sein, falls Verwundete die ersten Verbände brauchten. Ihre Flaggen, das Rote Kreuz auf weißem Grund, schimmerten aus dem Laubwerk hervor. Dieselbe Vorsichtsmaßregel hatte man für die Feldküchen getroffen, die ebenfalls unter den Bäumen Deckung gesucht hatten.

Die französischen Flieger waren jeden Nachmittag zwischen 5 und 6 Uhr in Tätigkeit. Sie haben eine doppelte Mission: teils mit ihren Bomben Schaden anzurichten, teils Truppenbewegungen und Artilleriestellungen zu beobachten. Die Brücke über die Dormoise in Autry war vor zwei Tagen einem Bombenattentat ausgesetzt gewesen, das zwei Mann tötete, die Brücke aber unbeschädigt ließ. An einem andern Platz in unserer Nähe wurde ein Soldat von einem der scheußlichen eisernen Pfeile getroffen, die die Flieger aus einer Höhe von etwa 2500 Metern herabwerfen. Sie gehen noch durch das Pferd hindurch, nachdem sie einen Mann am Kopf getroffen haben. Sie fallen nämlich mit der Geschwindigkeit einer Flintenkugel und sind schwerer als diese. In Grand Pré wurde vor einigen Tagen ein Hauptmann von einem Pfeil getötet und siebenundzwanzig Mann wurden von einer Bombe desselben Aeroplans verwundet. Als vorige Woche in einer kleinen Stadt hier in der Nähe der Bau einer Eisenbahnlinie beendet wurde, fielen drei Bomben in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs nieder, ohne jedoch Schaden anzurichten. Der Flieger wurde mit Schrapnells aus einer sogenannten Ballonabwehrkanonebeschossen, aber nicht getroffen. An wichtigen Stellen in Deutschland stehen ständig Wachen gegen feindliche Flieger. Wenn einer nachts über einer Stadt schwebt, werden mehrere Scheinwerfer auf ihn eingestellt; er wird vom Licht geblendet und verliert die Möglichkeit, sich zu orientieren. Im nächsten Kirchturm beginnen die Maschinengewehre zu singen und ihn mit einem Regen von Kugeln zu überschütten.

Truppen, Batterien und Kolonnen suchen die Deckung, die das Gelände bietet, nicht nur, um Bomben und Pfeilen zu entgehen, sondern auch und vor allem, um ihre Stellungen und Bewegungen geheimzuhalten. Der Flieger hat verschiedene Methoden, den Seinen Mitteilungen zugehen zu lassen. Er gibt vermutlich teils direkte Signale, z. B. mit Flaggen oder elektrischen Lampen, deren Licht man mit dem Fernrohr von der Erde aus deutlich sehen kann. Wenn ein Flieger Kolonnen oder Truppen am Rand eines kleinen Wäldchens liegen sieht oder sie dort vermutet, zeichnet er am Himmelsgewölbe durch seinen Flug die Umrisse des fraglichen Gebietes ab, und sofort werden Granaten dorthin geschleudert. Eine der wichtigsten Aufgaben der Flieger ist es also, das Artilleriefeuer zu lenken. Wenn eine französische Batterie sich die Aufgabe gestellt hat, eine deutsche Batterie zu beschießen und womöglich zu zerstören, deren ungefähre Lage dem Flieger bekannt ist, so steigt dieser in der Nähe des Ziels auf und lenkt das französische Feuer. Wenn die Granaten zu kurz niedergehen, beschreibt der Flieger einen Kreis mit kleinen Durchmessern. Dann wird der Abstand verlängert. Wird dieser zu groß, so daß die Granate hinter das Ziel fällt, dann beschreibt der Flieger einen Kreis mit großem Durchmesser. Fallen die Granaten links vom Ziel, dann macht er eine Schwenkung nach rechts, fallen sie rechts vom Ziel, dann macht er eine Schwenkung nach links. Auf diese Weise stellt er das Feuer immer näher auf das Ziel ein und erreicht das allein durch seine Bewegungen in der Luft. Es versteht sich von selbst, daß alle diese Kunstgriffe ebenso geschickt von den Deutschen pariert werden. Merkt eine Batterie, daß ein feindlicherFlieger sie beobachtet und das Feuer näher kommt, dann hört sie mit Schießen auf und verändert in der Nacht ihren Standort.

Das im übrigen so unglückliche Verhängnis, daß der Kriegsschauplatz in ihr eigenes Land verlegt ist, bietet den Franzosen den Vorteil, daß sie von der Zivilbevölkerung wertvolle Erkundigungen einziehen können. Unter ihr können natürlich leicht Personen verborgen werden, die durch gewisse Zeichen oder durch nächtliche Lichtsignale die Bewegungen der Deutschen verraten. Hat sich ein Stab oder ein Oberkommando in einem Ort niedergelassen, dann werden die französischen Beobachter durch vereinbarte Signale davon unterrichtet, und daß diese richtig aufgefaßt werden, merkt man bald am Artilleriefeuer. Signale können auch tagsüber gegeben werden, z. B. dadurch, daß ein Bauer seine Herde an eine gewisse Stelle treibt. Über die Moral einer solchen Auskundschaftung mögen die Ansichten geteilt sein. Aber es ist sicher, daß jedes Volk, das ein Invasionsheer in seinem Lande dulden muß, mit denselben Mitteln dem Feinde zu schaden suchen würde.

Fortdauernde Bewegungen sind das beste Mittel gegen Spionage und direkte Auskundschaftung. Diese Bewegungen werden in der Nacht vorgenommen. Am Tag hält man sich still unter den Bäumen verborgen. Und die Deutschen sind Meister in der Verlegung ihrer Truppen. Die große Beweglichkeit der deutschen Armee, die Schnelligkeit, mit der ihre verschiedenen Einheiten hin und her geworfen werden, und die hoch gesteigerte Marschfähigkeit der Infanterie, das sind so einige Ursachen, die diese Armee zu der ersten der Welt gemacht haben.

Später fuhr ich mit Rittmeister von Behr auf den deutschen Flugplatz bei X., wo sechs Gotha-Tauben mit Mercedes-Motoren in großen gelben Zelten standen. Der einen Taube hatten Schrapnellkugeln einen Flügel durchbohrt, und der Schwanz war mit kleinen Lappen geflickt; solche »Pflaster« werden fast als Medaillen für Tapferkeit im Felde angesehen. Je mehr Narben der Aeroplan hat, desto mehr Gefahren war der Flieger ausgesetzt, desto mehr hat er über dem Feuer der Feinde aufs Spiel gesetzt. Ichweiß nicht, welches Gefühl am unangenehmsten ist: einen fremden Flieger gerade über sich zu haben oder zu wissen, daß eine Ballonabwehrkanone gerade unter einem steht und zielt!

Während wir auf dem Flugplatz waren, stiegen zwei Tauben auf. Es ist unendlich schön, ihre weichen, leichten Bewegungen zu sehen. Ehe man weiß, wie es geschieht, verlassen die feinen Räder den Erdboden, die Taube steigt langsam über das Feld empor und gleitet über die Baumwipfel dahin. Dann erhebt sie sich in Spiralen immer mehr über die Erde, und die zwei gewaltigen Eisernen Kreuze unter ihren Flügeln werden immer kleiner. Sie macht es wie die Brieftaube, die erst bis zu einer gewissen Höhe ansteigt, um einen orientierenden Überblick über das Land zu gewinnen, und dann in gerader Linie auf ihr Ziel losschießt. Denn als unsere erste Gotha-Taube genügend hoch gestiegen war, ging sie aus der letzten Spirale direkt nach Süden auf die französischen Stellungen zu und weit über diese hin. Dort muß der Beobachter, der mit Karte, Notizbuch und Fernrohr vorn sitzt, seine Beobachtungen machen und dann mit seinen Berichten zurückkommen, wenn er nicht während der Fahrt heruntergeschossen wird. Über der feindlichen Stellung geht man in eine Höhe von 2000 oder 2500 Metern, um einigermaßen vor dem Feuer von unten sicher zu sein. Aber schon 600 Meter hoch bekommen der Flieger und sein Kamerad ein Gefühl von Ruhe, das dann mit jeden weiteren hundert Metern zunimmt. Nach einer Weile stieg die zweite Taube auf und folgte der Spur der ersten. —

Ein deutscher Flieger in Bapaume hat mir später mancherlei von seinen Erfahrungen erzählt. Er braucht gewöhnlich dreiviertel Stunden, um in eine Höhe von 2000 Metern zu gelangen, und erst wenn er so hoch gekommen ist, fliegt er über die französischen Linien. Die Aussicht ist brillant. Er hat die Landschaft, in der der Kampf ausgefochten wird, direkt unter sich. Bei klarem, schönem Wetter sieht er alles, die marschierenden Truppen, die Munitionskolonnen und die Trainwagen, auch wenn sie mit Laub gedeckt sind. Er sieht die Artilleriestellungen, wenn sie auch nochso gut in Hecken und Büschen versteckt sind; ja er sieht auch einzelne Reiter und Wanderer auf den Landstraßen.

Aber noch anderes sieht er auf seiner luftigen Fahrt: das Feuer und die Rauchwolken aus den deutschen und französischen Kanonen, die Niederschläge und Explosionen. Es donnert und blitzt unter ihm von allen Seiten, und nicht genug damit: die Franzosen richten ihre Abwehrkanonen gegen ihn, um seine Flugmaschine zu zerstören und ihn zu töten. Ein Schrapnell nach dem andern krepiert in seiner Nähe. Er ist in ungeheurer Spannung, das gestand er gern zu. Noch war er nicht verwundet worden, aber die Flügel seines Aeroplans zeigten mehrere Schrapnellöcher, die mit kleinen Pflastern ausgebessert waren. Er hört die Maschinengewehre und die Gewehre knattern und weiß, daß sie auf ihn gerichtet sind, und daß er mit dem Fernrohr von allen Seiten beobachtet wird. Wenn er dies ewige Donnern hört und weiß, daß er jeden Augenblick getroffen werden und fallen kann, muß er sich zusammennehmen, um nicht seine Kaltblütigkeit zu verlieren, denn in einer solchen Situation geben auch die stärksten Nerven nach.


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