43. An der Front bei Lille.

Schiffsgeschütze bei Ostende.

Schiffsgeschütze bei Ostende.

Ein Blick in den zerschossenen Speisesaal des Hotels Majestic in Ostende.

Ein Blick in den zerschossenen Speisesaal des Hotels Majestic in Ostende.

Noch einer von den vier Parlamentären war zugegen, der Freiwillige Carl Clewing, Mitglied des Königlichen Schauspielhauses zu Berlin, ein entzückender Mensch voll Humor, Schauspieler und Sänger zugleich. Ein Schauspieler mit dem Eisernen Kreuz ist nicht gerade etwas Alltägliches; aber was sieht man dieser Art nicht an der endlos langen deutschen Front! Clewing ist ein Lautensänger im Stil Sven Scholanders; die beiden Troubadours hatten gerade im Herbst eine gemeinsame Sängerfahrt unternehmen wollen. Aber in Clewings Ohren solltenandere Töne klingen, die der Schrapnells, und auf einer andern Bühne sollte er auftreten als auf der des Schauspielhauses! Er klagte nicht über den Tausch; früher hatte er als Schauspieler und Sänger Freude verbreitet, nun ging von ihm auch der Glanz des Kriegers aus, der tapfer für sein Vaterland gekämpft hat.

StabsarztDr.Schönfelder und der Verfasser in den Dünen.

StabsarztDr.Schönfelder und der Verfasser in den Dünen.

Artilleriestellung bei Ostende.

Artilleriestellung bei Ostende.

Von der Laute hatte ihn aber nicht einmal der Krieg ganz zu trennen vermocht. Er hatte sein Saitenspiel bei sich, setzte sich mitten unter uns auf einen Stuhl, sah sein Publikum an und lachte schelmisch. Er sang französische Chansons, sang deutsche Soldatenlieder aus alter Zeit, sang Winterweisen aus dem Jahre 1530 und »Die goldene Kugel«, komponiert von ihm selbst. Aber das Beste war doch, daß er mich mit Bellmann überraschte. Er sang ein paar von Fredmans Episteln in Niedners Übersetzung:

Weile an dieser Quelle!Sieh! Unser Frühstück ist zur Stelle:Rotwein und PimpinelleUnd Bekassinchen zart und fein!

Weile an dieser Quelle!Sieh! Unser Frühstück ist zur Stelle:Rotwein und PimpinelleUnd Bekassinchen zart und fein!

Und dann sang er ein frisches, hinreißendes Soldatenlied; der Text war vermutlich von ihm selbst, die Melodie aber die unseres bekannten Liedes: »Es gingen drei Mädchen im Sonnenschein«, und in den Refrain: »Trarallalalala«, stimmten alle deutschen Offiziere mit so wildem Entzücken ein, daß die Leuchter klirrten und die Ofenklappen rasselten.

So ging der Abend hin, unmerklich überschritt die Zeit die Mitternachtsstunde, und sie war in die Nähe des zweiten Glockenschlags gerückt, als wir zum letztenmal in den Refrain einstimmten: »Trarallalalala, trarallalalala, trarallallallallallallallalla«.

Am Morgen des 30. Oktober bestiegen wir das Auto des Herzogs, um zur Feuerlinie zwischen Lille und Armentières hinauszufahren. Wir waren zu viert: Am Steuer der Chauffeur des Herzogs, neben ihm der Erbprinz von Hohenzollern, das Signalhorn besorgend, der Herzog und ich. Es hatte geregnet. DieLandwege waren schrecklich, die Chausseen schlüpfrig und gefährlich, und über dem nordöstlichen Frankreich lag kühler Nebel.

Zunächst bogen wir auf die große Landstraße nach Arras ein und behielten diesen Kurs bei, solange man ruhig fahren konnte, ohne gerade totgeschossen zu werden. Bei dem zusammengeschossenen und verbrannten Boiry bogen wir rechts ab, verloren aber in dem Gewirr von Dorfstraßen den Kurs. In Croisilles waren wir wieder auf dem rechten Weg. Hier zeigten sich Flaggen des Roten Kreuzes, Schwerverwundete wurden in die Krankenhäuser getragen. Eine Kolonne leichte Feldhaubitzen rollte nach Arras. Auf dem Felde nahmen Soldaten friedlich Kartoffeln aus, und in ihrer Nähe waren alte Männer, Frauen und Kinder mit der Ernte von Zuckerrüben beschäftigt, die hier viel angebaut werden.

Endlich sind wir auf der großen Straße zwischen Cambrai und Douai. Über Pont-à-Marcq kommen wir bis an den äußeren Fortgürtel von Lille heran und dann nach wenigen Minuten durch die Porte Douai in die Stadt hinein. Der Stadtteil in der Nähe dieses Tores liegt in Trümmern.

Im übrigen ist Lille ganz unversehrt. Man kann straßauf, straßab fahren, ohne irgendwo eine Wirkung des Granatfeuers zu sehen. In der Mitte der Stadt sind die Straßen obendrein belebt, und viel Volk ist unterwegs. Junge Damen von unzweifelhaftem Ruf schweben in modernen Kostümen über die Fußsteige wie Schmetterlinge. Viele Geschäfte und Hotels sind offen und in Betrieb, als wenn nichts geschehen wäre. Das einzige, was an den Krieg erinnert, ist außer den zerstörten Stadtteilen das deutsche Militär — Reiter, Wagen und Kolonnen.

Hinter dem Dorf Lomme fahren wir weiter in der Richtung nach Armentières. Rechts und links Wäldchen, Gärten, Parks, Gehöfte und Dörfer; der Weg ist schmal und aufgeweicht. Eine gut maskierte Batterie ist in voller Tätigkeit. Von der feindlichen Seite kommt der Kanonendonner immer näher, wird aber meist von dem steten Surren des Automobils übertönt. Nur wenn wir die Fahrt verlangsamen oder halten, scheint der Donnerbeunruhigend nahe zu sein. Bei einem Landgut, vielleicht einem Herrensitz, lag etwa 100 Meter nördlich der Straße ein Wäldchen kaum bis zur Hälfte entlaubter Bäume. In voller Schnelligkeit fuhren wir, sahen aber glücklicherweise einen jungen Leutnant und zwei oder drei Soldaten, die unter den Bäumen standen, uns verzweifelte Zeichen machten und so laut als ihre Lungen es vermochten, »Halt!« riefen.

Wir hielten sofort, so schnell das bei der raschen Fahrt möglich war, und gingen über eine sumpfige Wiese zu dem Leutnant hin, der an einem Tisch mit Karten, Schmiegen, Federn, Ferngläsern usw. stand, und hörten, jeder Schritt weiter in dieser Richtung sei lebensgefährlich. Und er schien recht zu haben: es klang, als wären wir von allen Seiten vom Feuer umgeben! Vor uns, auf einer Linie von Nordnordost nach Südsüdwest, lagen die nächsten deutschen Schützengräben; deutsche Artilleriestellungen waren vor, hinter und neben uns. Die Batterie, an der wir eben vorübergefahren waren, entsandte ihre vollen Ladungen, ihre Geschosse pfiffen nur so über die Baumwipfel. Vor uns im Norden, Westen und Südwesten donnerten französische Batterien. Wir waren wie in einem Ring von Kanonen, die einander laute Liebenswürdigkeiten zuriefen.

In nächster Nähe des Wäldchens stand eine Batterie von 15-cm-Haubitzen, zwischen Bäumen und Büschen vortrefflich versteckt; man sah sie erst aus nächster Nähe. Die Kanonen waren zum Teil mit Laub bedeckt, damit sie nicht von obenher erkannt würden; Munitionsvorrat, Hütten und Proviant der Bedienung war ebenso sorgfältig verborgen. Zum Schutz gegen feindliches Feuer hatten die Leute unterirdische Höhlen. Aber jetzt saßen sie oben bei ihren Geschützen in voller Bereitschaft. »Warum schießen Sie nicht?« fragte ich. »Dort über dem Wäldchen«, antwortete der Leutnant und zeigte nach Südwesten, »kreist ein französischer Flieger, jedenfalls will er unsere Batterie feststellen. Wir haben wahrscheinlich auf der französischen Seite Schaden angerichtet, und nun suchen sie uns, bisher aber vergeblich. Diefeindlichen Granaten krepieren südwestlich von hier in einem Abstand von nur 500 Metern. Noch gehen sie nicht bis hierhin, aber sie kommen näher und können die Batterie jeden Augenblick erreichen. Wenn wir jetzt schießen, während der Flieger in der Luft ist, dann hätten wir bald das feindliche Feuer über uns.«

Der Flieger zog ein ums andere Mal seine Kreise rings um das Wäldchen. Solange wir an dem Beobachtungsplatz des Leutnants verweilten, kreiste er über demselben Fleck; er suchte offenbar die Antwort auf eine ganz bestimmte Frage. Jedenfalls sollte die Projektion seiner Flugbahn auf dem Erdboden das Ziel für die feindlichen Granaten angeben; auch schien er mit Flaggen und mit weißem und rotem Licht Signale zu geben. Die Batterien, die an diesem Teil der Front den Deutschen gegenüberstanden, sollten alle englische sein.

Der Leutnant und die Soldaten auf dem Beobachtungsplatz und an der Batterie verfolgten die Bewegungen des Fliegers mit größter Aufmerksamkeit, und unter den Bäumen standen besondere Wachen, die »Halt!« rufen mußten, falls jemand in der Nähe ging oder sich rührte, während der Flieger seinen Aeroplan so steuerte, daß er freie Übersicht auf dieser Seite hatte. Wenn er aber langsam umgekehrt war und uns den Rücken wandte, durften wir uns wieder frei bewegen. Doch war sein Kreis nur klein, und wer von der Batterie zum Beobachtungsplatz ging, mußte sich beeilen, denn bald war der Feind wieder da, und man lief Gefahr, entdeckt zu werden.

Bei den Haubitzen hatten die Artilleristen jetzt nichts zu tun. Bei der einen frühstückten sie, bei einer andern las ein Soldat laut aus der Zeitung vor. Zu ihrem großen Vergnügen machte ich ein paar Aufnahmen von ihnen. Als der Flieger uns dann wieder den Rücken zukehrte, gingen wir schnell im Schutz der Bäume über die Wiese zum Auto zurück.

Um nach Hause zu fahren, war es noch zu früh; wir konnten noch der Front im Nordwesten einen Besuch abstatten. Deshalb kehrten wir nach der Außenlinie von Lille zurück und schlugen dann die Straße nach St. André, Verlinghem und Quesnoy ein. InSt. André lag das Oberkommando des Korps; hier machten wir halt, und der Herzog fragte den kommandierenden General, wie weit wir in dieser Richtung fahren könnten. Bis Quesnoy und noch ein Stück weiter; vielleicht könnten wir auch die österreichischen 30,5-cm-Kanonen in Tätigkeit sehen!

Wir fuhren in der angegebenen Richtung und überholten verschiedene große Kolonnen, die die Front mit immer neuem Material und neuem Proviant versehen. Wachtposten wiesen uns auf die Straße zur österreichischen Batterie. Die Straße war nicht gerade breit; in der Mitte war sie gepflastert, zu beiden Seiten aber lief ein ungepflasterter, etwa drei Meter breiter Streifen, der bei dem jetzigen Wetter einem Schlammbad glich. Der Verkehr war lebhaft, schnelles Fahren also unmöglich. Ein Stück weiter vorn erreichten wir die hintersten Automobile von der gewaltigen Kolonne der Mörserbatterie. Die beiden Mörser waren am weitesten vorn, der Zug hielt und nahm die rechte Hälfte des Weges ein. Wir stiegen daher hinter der Kolonne aus und gingen zu Fuß weiter.

Der Weg lag gut einen Meter höher als das Feld rechts. Von links her, von Südwesten, wurde tüchtig in der Richtung auf uns geschossen. Ein ums andere Mal krepierten Schrapnells in unserer Nähe, und unaufhörlich bildeten die Explosionen am Himmel kleine weiße Wölkchen, aus deren Kern ein Blitz aufflammte. Dann wußten wir, daß der Schrotkegel unterwegs war. In Hockstellung suchten wir daher Schutz hinter dem Weg und den Automobilen der Batterie. Wir waren mitten im Feuer und konnten jeden Augenblick getroffen werden. Unsere Deckung war durchaus ungenügend, denn die Wagen standen einige Meter voneinander entfernt, und im übrigen hätte ein Schuß bequem durch mehrere von ihnen hindurchgehen können.

Je weiter wir vorkamen, desto häufiger schienen die Explosionen zu werden. Da trafen wir einen Offizier, der uns mitteilte, die österreichische Batterie sei nicht in Tätigkeit, und weiterzugehen sei mehr als gefährlich. Wahrscheinlich hatte man durch Flieger die Kolonne festgestellt und sie zum Ziel für das Feuer mehrererBatterien genommen. Das häßliche Pfeifen durchschnitt die Luft, man schoß sich auf die Mörser und ihre Wagen ein. Wir hielten es daher für das klügste, diese gefährliche Stelle zu verlassen.

Wie wir eben zu unserm Automobil auf die Landstraße hinaufgekommen waren, erhielten wir von der englischen Batterie eine ganze Salve. Die vier Schüsse erfolgten in kurzen Zwischenräumen, alle vier schienen unser Auto zu suchen. Das erste Schrapnell krepierte etwa zwanzig Meter hoch über dem Felde und gerade vor uns und dem Automobil. Ich hatte das deutliche Gefühl, mich mitten in seinem Schrotkegel zu befinden und war erstaunt, daß ich nicht plötzlich irgendwo in meinem Körper einen Schmerz fühlte. Die zwei folgenden Schüsse krepierten etwas seitwärts von dem ersten. Der vierte kam besonders nahe. Es ist, als hörte man den Tod pfeifen, wenn ein solches Dings gerade auf einen zukommt. Wir hörten ihn — er kam von Südwesten. Wo er flog, schien die Luft zu zischen und zu brennen. Das Pfeifen kam näher, ging über uns weg und verklang hinter uns. Wir bückten uns alle drei. Die Bewegung macht man ganz unwillkürlich, und auch Offiziere, die schon im Feuer gewesen sind, wenden diese Vorsichtsmaßregel an. Mit der Zeit aber gewöhnt man sich das ab, wenn man sich klar gemacht hat, wie nutzlos es ist, Schrapnells aus dem Wege gehen zu wollen. Ich hörte später Artillerieoffiziere sagen, wenn man das Pfeifen ganz in der Nähe vernähme und das Geschoß unmittelbar vor sich glaube, dann sei es bereits vorüber.

In welcher Höhe wohl das Geschoß über uns hingegangen war? Der Herzog schätzte den Abstand auf etwa 8 oder 10 Meter, der Erbprinz auf höchstens 15. Mir schien es so nahe gewesen zu sein, daß es meine Mütze hätte streifen können. Das Merkwürdigste aber an diesem freundlichen Gruß der Engländer war, daß, während die drei ersten Geschosse explodiert waren, das vierte gar nicht krepierte. Wäre das geschehen, dann hätten wir aller Wahrscheinlichkeit nach alle drei dagelegen! Das Geschoß ging in einiger Entfernung hinter uns in den weichen Boden hinein und,wie ich zu hören glaubte, mit einem Laut, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft.

Gewöhnlich ist es eine Weile still, wenn eine Batterie ihre vier Schüsse abgegeben hat. Hat man ein Auto oder ein Pferd zur Hand, so sucht man einen sichereren Platz, wenn man nicht von der ersten Feuertaufe so abgehärtet ist, daß man sich nicht weiter darum kümmert. Wir konnten als sicher annehmen, daß wir so lange Zeit Ruhe hatten, als die Engländer brauchten, um zu laden, und hielten es für das beste, uns etwas zurückzuziehen. Der Herzog, ein ungewöhnlich kaltblütiger Mensch, meinte doch, er wolle mein Leben nicht auf dem Gewissen haben, zum allerwenigsten jetzt, wo ich sein Gast sei.

Wir nahmen also wieder unsere Plätze ein und fuhren zurück. Rechts von uns pfiff es zuweilen in den Baumwipfeln und eine Explosion erfolgte wie von einem Feuerwerkskörper. Dann begegneten wir einer Munitionskolonne, der wir in den Schlamm hinein ausweichen mußten. Solange wir geradeaus fuhren, ging das; als wir aber hinter der Kolonne wieder auf das Pflaster hinaufwollten, schleifte das Rad, und das Auto fuhr sich in dem Morast fest! Seine Absicht schien zu sein, uns noch mehrere englische Grüße zu verschaffen! Schließlich war nichts anderes zu tun, als auszusteigen, bis das erleichterte Auto wieder aufs Pflaster hinaufkam. Dann ging es weiter nach Lille und von da nach Bapaume zurück, wo wir bei Einbruch der Dunkelheit ankamen.

Bapaume hat auf seinem kleinen Marktplatz ein Rathaus, das für ein Landstädtchen eine ganz prächtige, auf einer Arkade in gotischem Stil errichtete Fassade hat. An einer Säule hängt eine Anschlagtafel, auf der täglich die letzten Kriegsnachrichten zu lesen sind. In Bapaume erscheint nämlich eine am Orte gesetzte und gedruckte Zeitung, die »B(apaumer) Z(eitung) am Mittag«, deren Redakteur Herr Clewing ist. Sie erscheint in einer Auflagevon 600 Exemplaren, immer nur eine Seite mit großen Lettern auf gelbem, dünnen Papier.

Die »Bapaumer Zeitung am Mittag« befolgt die gleichen ehrlichen Grundsätze wie die ganze deutsche Presse, die ihre große Verantwortung gegenüber der Nation und der kämpfenden Armee wohl erkannt hat. Für die Soldaten, die Tag und Nacht die schwerste Last zu tragen haben und fürs Vaterland ihr Leben hingeben, ist nur die Wahrheit, die reine, klare Wahrheit gut genug. In den Ländern der Entente hat die Presse noch eine besondere und sehr wichtige Aufgabe, die der deutschen Presse nicht obliegt, nämlich die, den Mut der Soldaten anzufeuern und die Hoffnungen der Masse des Volkes aufrechtzuerhalten. Da nun frohe Nachrichten dort sehr dünn gesät sind, werden sie in den Redaktionen der verschiedenen Zeitungen fabriziert. Die deutsche Pressebrauchtnicht den Mut der Nation anzufeuern, er brennt in klarer, reiner Flamme! Das deutsche Volk verlangt von seiner Presse, die ganze Wahrheit zu erfahren, sei sie nun gut oder schlimm. Gute Nachrichten werden nicht aufgebauscht, schlimme nicht unterschätzt. Die ganze Nation will über alle Kriegsschauplätze gut orientiert sein und ihre Zukunftspläne nicht auf einem auf die Dauer doch unhaltbaren Gewebe von Lügen aufbauen. Ist es verkehrt gegangen, so ist es am besten, man erfährt das Unglück in seinem ganzen Umfang, um die Schäden wieder gutmachen und sie in Zukunft vermeiden zu können. In Deutschland verläßt sich das Volk auf die Wahrhaftigkeit und das Verantwortlichkeitsgefühl der Presse. Da strömen die Freiwilligen zu Hunderttausenden unter die Fahnen, ohne daß Künste und Fälschungen angewandt werden müssen. Sie treibt der germanische Geist, Nationalstolz, Pflichtgefühl und Ehrgeiz. NichteinWaffenfähiger zaudert, hinauszuziehen und zu sterben; denn das ist allen klar: will die Vorsehung, daß Deutschland untergeht, so soll wenigstens der letzte Deutsche auf der letzten Schanze gefallen sein, wenn die Wellen über dem Wrack zusammenschlagen. Deshalb hat in diesem Krieg die Presse der Zentralmächte eine vielleichtere Aufgabe als die Presse der feindlichen Länder. Sie hat nur den Verlauf der Ereignisse zu registrieren und die Neuigkeiten aus Ost und West und von fernen fremden Meeren mitzuteilen; sie braucht aber nicht zu dem ehrlosen Mittel zu greifen, ihre Leser zu betrügen und mit erdichteten Siegesnachrichten neue Scharen in die Werbelokale zu treiben.

Jeden Tag, sobald die »B. Z. am Mittag« erschienen ist, versammelt sich vor der Anschlagstafel des Bapaumer Rathauses eine Gruppe eifrig lesender Soldaten. Es ist erfrischend, sie zu beobachten. Zigaretten oder Pfeifen im Munde, die Hände in den Hosentaschen, lesen sie langsam und genau. Noch sind kaum andere als frohe Nachrichten zu melden gewesen, aber die Soldaten bewahren ihre Ruhe. Höchstens kann man ein schwaches Lächeln bemerken oder ein Aufblitzen in den Augen. Dieselbe Ruhe zeigen sie, wenn einmal eine betrübende Nachricht gebracht wird, zum Beispiel daß ein Kriegsschiff verloren gegangen ist.

Zuweilen sieht man Soldaten, die sich nicht damit begnügen, zu lesen — sie schreiben gleich die ganze Zeitung in ihre Notizbücher ab. Weshalb? Wahrscheinlich sind sie nach der vordersten Front unterwegs, nach den Schützengräben, wo sie ihren von der Welt abgeschlossenen Kameraden den Inhalt der Telegramme mitteilen wollen. —

In der letzten Oktobernacht war es unmöglich, die Besatzungen der Schützengräben bei dem Dorfe Monchy-au-Bois, nicht weit von Bapaume, in der üblichen Weise zu wechseln. Bloß ein Mann oder ein paar konnten auf einmal zu den Gräben kriechen. Wenn der Mond nicht scheint oder die Gegend in Nebel gehüllt ist, können die Soldaten truppweise vorgehen; heute nacht aber waren sie der Gefahr ausgesetzt wie am Tage und mußten die größte Vorsicht beobachten.

Auch dem kaltblütigsten Soldaten muß es seltsam vorkommen, wenn er auf Fußspitzen und Ellenbogen durchs Gras kriechen soll,zumal da er noch das Gewehr zu schleppen hat. Er muß zuweilen haltmachen, teils weil er müde wird, teils um nach dem Graben auszuschauen und zu lauschen. Dann kriecht er wieder ein Stück vorwärts und lauscht wieder. Alles ist still, aber jeden Augenblick kann ein Schuß knallen, können die Kugeln pfeifen. Schließlich liegt der Schützengraben vor ihm wie eine dunkle Linie. Wird er hinkommen, ohne von den Franzosen entdeckt zu werden? Er drückt sich immer näher an den Boden heran und bewegt sich immer vorsichtiger und langsamer. Jetzt fehlen noch 20 Meter — jetzt nur noch 10. Der Graben liegt scharf gezeichnet vor ihm, noch ein Katzensprung trennt ihn davon. Und doch ist der Abstand ungeheuer, denn hier ist die Gefahr am größten! Auf den Graben selbst halten die französischen Wachtposten und Patrouillen vor allem ihre Aufmerksamkeit gerichtet. Diese zwei Meter tief und einen Meter breit ins Feld gegrabene Furche ist voll von bewaffneten, wachenden Männern — aber kein Laut ist zu hören, kein lebendes Wesen, kein Schein eines vorsichtig abgeblendeten Feuers zu sehen. Kein Duft einer Zigarette, wohl aber andere Gerüche, die Menschen anzeigen. Endlich hat der Soldat bloß noch einen Meter. Es ist still auf der französischen Seite — lautlos wie eine Katze schlüpft er über den Rand und ist gerettet. Nun kann einer seiner Kameraden seinen Platz verlassen und unter denselben Vorsichtsmaßregeln in die unterirdischen Höhlen hinter den Schützengräben zurückkriechen, wo er seine warme Suppe erhält und dann schlafen, schlafen, schlafen kann wie ein Toter!

Der Abgelöste hat 48 schwere Stunden hinter sich. Nachts oder bei Nebel müssen er und seine Kameraden sich wachhalten, denn dann ist die Gefahr eines Überfalls am größten. Der eine oder der andere kann wohl eine Weile schlummern, aber mancher Wachtposten darf überhaupt nicht schlafen, wenn ihm das Leben lieb ist. Tagsüber kann die Mehrzahl in ihren Höhlen schlafen, aber auch da sind immer Wachen ausgestellt.

In die dem Feind zugekehrte Wand des Grabens sind schalenförmige Aushöhlungen oder Nischen eingegraben, die gegen dasFeuer Schutz gewähren. Es kann aber vorkommen, daß eine Granate in die andere Wand einschlägt, und dann sind die Soldaten verloren. Deshalb gräbt man auch hier und da Grotten, ja geradezu unterirdische Zimmer, die zuweilen so luxuriös eingerichtet sind, daß sie Vorhänge vor dem Eingang haben. An den Wänden der Kammern ist Stroh für Schlafplätze aufgeschichtet, und nicht selten wird der kleine Zeltstreifen, den jeder Soldat bei sich hat, als Decke benutzt. Ist der Abstand zwischen den Schützengräben, wie hier, nur achtzig Meter, so darf, selbst in den unterirdischen Höhlen, kein Licht angezündet werden, noch weniger Feuer, weshalb die Luft recht kalt und feucht wird. Beträgt aber der Abstand drei- oder vierhundert Meter, dann darf Licht brennen.

Die Soldaten haben Proviant bei sich, aber es kann vorkommen, daß sie durch heftiges Feuer von aller Verbindung abgeschnitten werden und dann einen oder mehrere Tage hungern müssen. Aber auch dieses Unglück nehmen sie mit gutem Humor hin.

Bei Regen werden die Schützengräben entsetzlich. In Belgien sah ich das schon. Das Regenwasser sammelte sich in ihnen an; halb angefüllt mit graugelbem Wasser und Lehmschlamm, ähnelten sie Abzugsgräben neben einem Acker. General von Winckler erzählte, seine Leute hätten 24 Stunden bis ans Knie im Wasser gestanden, ohne zu klagen und ohne krank zu werden. Wenn sie zurückkehrten, schildern sie ihren Kameraden ihre Erlebnisse mit unverwüstlichem Humor. Man sollte meinen, die Leute würden mißmutig, wenn sie 24 Stunden lang im Wasser liegen. Aber bei den deutschen Soldaten kommen verdrießliche Mienen nicht vor. Um der Überschwemmung abzuhelfen, ließ der General Ablaufgräben graben, durch die das Regenwasser nach Zisternen geleitet wurde.

An manchen Stellen wird die Verbindung mit den Schützengräben durch Laufgräben erleichtert, die von einem geeigneten, im Gelände verborgenen Punkt im Zickzack dorthin führen und den Mannschaftswechsel in hohem Maße erleichtern.

Die Schützengräben verlaufen nicht in geraden Linien, wenn nicht etwa, wie südlich von Antwerpen, das Land völlig eben ist.Sonst richten sie sich nach den Formen des Bodens. Im allgemeinen werden sie so angelegt, daß sie nach dem Feinde zu freie Aussicht haben und Überrumpelungsversuche erschweren. Ein Schützengraben hat daher gewöhnlich eine sehr unregelmäßige Form, er gleicht einer Kurve mit Ausbuchtungen nach vorn und hinten. Oft zerfällt er auch in mehrere kleine Sektionen. Den Zwischenraum zwischen den verschiedenen Teilen füllen Stacheldrahtnetze und andere Hindernisse aus. Oft ist ein Schützengraben dem Artilleriefeuer besonders ausgesetzt; wenn er in einer stark gewellten Linie verläuft, können einzelne Strecken den Bahnen der feindlichen Geschosse parallel liegen und von dem Artilleriefeuer buchstäblich reingefegt werden. Um sich dagegen zu schützen, graben die Soldaten sogenannte Traversen, ganz kurze Zweiggräben, die sich von dem großen Schützengraben im rechten Winkel abzweigen. Zu diesen Schutzgängen nehmen die Soldaten ihre Zuflucht, wenn das Feuer auf den Hauptgraben eingestellt ist.

Wenn man wie bei Monchy-au-Bois auf Grund des allgemeinen strategischen Plans lange Zeit stillgelegen hat — hier seit dem 6. Oktober —, so hat man Zeit und Gelegenheit, an den Schützengräben, Traversen und den unterirdischen Höhlen Verbesserungen und Erweiterungen vorzunehmen.

Auf der dem Feinde zugewandten Seite der deutschen Schützengräben bei Monchy-au-Bois laufen breite Gürtel von Stacheldrahtnetzen und tiefe Wolfsgruben mit spitzen Pfählen auf dem Grund. Solche Verteidigungswerke, die bloß an einigen Stellen von offenen Passagen unterbrochen werden, lassen sich nur im Dunkel der Nacht oder bei Nebel errichten, aber auch unter günstigen Verhältnissen ist die Arbeit mit Lebensgefahr verbunden, nicht zum wenigsten wegen der Patrouillen, die des Nachts umherstreifen und sich natürlich gerade auf dem schmalen Streifen zwischen den deutschen und den französischen Schützengräben bewegen. Ihre Aufgabe ist, sich über die Verteidigungswerke der Feinde zu orientieren. Erst wenn die Patrouillen erfolgreiche nächtliche Streifzüge unternommen haben, läßt sich ein Angriffwagen. Bei Monchy sollen die Franzosen mehr Angriffe gemacht haben als die Deutschen, und die Massen von Leichen, die zwischen den Schützengräben lagen und einen unerträglichen Geruch verbreiteten, waren daher zum größten Teil Franzosen. Oft geschieht es, daß sich Patrouillen beider Parteien begegnen, dann entsteht sofort ein Kampf auf Leben und Tod, bis die eine Partei zurückgeht. Den Verwundeten helfen ihre Kameraden, sich in den Schützengraben zu retten, aber die Toten bleiben liegen und verpesten die Luft, denn niemand kann sich ihnen ohne Lebensgefahr nähern. Solche kleine Scharmützel fanden bei Monchy jede Nacht statt.

An einer Stelle, nahe von Monchy, sollen Franzosen und Deutsche in einem und demselben Graben liegen. Eine französische Patrouille hatte sich im Dunkel der Nacht verirrt und zu einem zufällig leeren Teil eines deutschen Schützengrabens ihre Zuflucht genommen. Als sie ihren Irrtum bemerkte, errichtete sie in dem Graben selbst nach beiden Seiten Erdwälle, und von diesen Wällen aus hatten sich die Gegner in einem Abstand von wenigen Schritten beschossen. Ich weiß nicht, wie es den Franzosen zuletzt ergangen ist; wahrscheinlich waren sie verloren. Ihre Stellung war absolut unhaltbar, und bestenfalls mußten sie sich gefangen geben, wenn der Proviant ausblieb.

Natürlich sind die Verhältnisse in den Schützengräben sehr verschieden. Liegen sie weit voneinander entfernt, so sind die Verbindungen leichter und das Leben ist in ihnen erträglicher, nicht zum wenigsten deshalb, weil man sie leichter reinhalten kann. Bei Monchy-au-Bois sollten die Zustände in diesen unterirdischen Wohnungen unbeschreiblich sein. Um so mehr ist der frohe, frische Mut, die Bereitwilligkeit und die Opferwilligkeit der Soldaten zu bewundern. Wenn sich einer über Kälte oder Verpflegung unter der Erde beklagen wollte, würde er von seinen Kameraden ausgelacht und gescholten werden, aber ich hörte nicht, daß sich solch ein Fall ereignet hätte.

In einem Dorf in der Nähe hatte Prinz Eitel Friedrich seinQuartier. Man erzählte, er wohne in einem ziemlich zusammengeschossenen Bauerngut und lebe nachts auf dem Felde, immer dem Feuer ausgesetzt. Alle priesen seinen Mut, seine Energie und seine hervorragenden Eigenschaften als Mensch und Soldat.

Seit tausend Jahren wird in der katholischen Kirche am 2. November das Allerseelenfest gefeiert zur Erinnerung an die Toten und als Mahnung für die Lebenden, zu Gottes Thron Fürbitten für die Seelen hinaufzuschicken, die im Fegefeuer schmachten. In den Kirchen wird eine Messe für die Verstorbenen gelesen, und auf den Kirchhöfen werden die Gräber mit Kränzen und Blumen geschmückt.

In der Stadtkirche von Bapaume wurde am Sonntag, 1. November, eine deutsche Allerseelenfeier zur Erinnerung an die gefallenen Soldaten abgehalten. Der Herzog und ich begaben uns rechtzeitig zum Gottesdienst. Wir fanden aber die Kirche bereits gedrängt voll von 4000 Soldaten. Wir bahnten uns einen Weg zum Chor, wo uns zwei Stühle in einer Gruppe von Offizieren angewiesen wurden.

Die alte Kirche macht einen wahrhaft großartigen und prächtigen Eindruck. Wenn man Platz genommen hat, betrachtet man zunächst das Gotteshaus mit seinen hohen, gotischen Wölbungen und seinen schönen Fenstern. Zu beiden Seiten des mächtigen Langschiffs werden schmale Seitenschiffe von soliden Säulen getragen. Die Wände sind mit großen Gemälden, wahrscheinlich von zweifelhaftem Kunstwert, geschmückt. Durch die gemalten Fenster sickert das Sonnenlicht herein und fällt in allen Farben des Regenbogens auf die weißen Säulen. Man ist erstaunt darüber, daß eine Stadt von wenig mehr als 3000 Einwohnern eine Kirche braucht, die 4000 Mann faßt! Aber an den großen Festen versammelt dieses Gotteshaus die Bevölkerung der ganzen Umgegend.

Alle Bänke sind überfüllt, in allen Gängen stehen die Soldaten dicht gedrängt, die Helme im Arm. Man sieht katholische Schwesternin ihren schwarzen Trachten, weißen Hauben und Rote-Kreuz-Binden. Das Militär ist ohne Waffen, man hört keine Säbel rasseln. Niemand wird zum Gottesdienst kommandiert, es steht den Soldaten frei, die Kirchzeit zu verbringen, wie sie wollen. Und doch ist die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Diese abgehärteten Krieger fühlen das Bedürfnis, Gottes Wort zu hören, bevor sie dem Tode entgegengehen.

Als ich meine Blicke von dem erhöhten Platz auf dem Chor über das Langschiff schweifen ließ, fühlte ich mein Herz im Takt mit den 4000 Südgermanen schlagen. Rotbäckig und sonnenverbrannt standen sie da, ein Bild gesammelter Manneskraft, eisenharten Willens und demütigen Glaubens an Gottes Hilfe. Ihre feldgrauen Uniformen hatten meist durch die Berührung mit der Erde in den Schützengräben und unterirdischen Wohnungen einen Ton erhöhter Echtheit erhalten; hier und da sah man auch die dunkelblauen Uniformen der bayrischen Landsturmleute.

Der festliche Schmuck der Kirche war das Verdienst dieser Landsturmleute. Der Chor bildete eine einzige Laube von Blattpflanzen, und an allen Pfeilern hingen große, grüne, zum Gedächtnis der Gefallenen gewundene Kränze. Das Merkwürdigste war aber doch die Achtung, die die guten Bayern einer kleinen Statue der Jeanne d'Arc gewidmet hatten, die links am Chor stand, innerhalb des Triumphbogens. An und für sich hatte dieses Gipsbild der 17jährigen Jungfrau von Orleans gar nichts Merkwürdiges an sich. Sie war so, wie man sie an vielen andern Orten sieht. Sie stand königlich aufgerichtet in ihrer Rüstung und hielt in ihrer Hand die weiße, liliengeschmückte Fahne, und doch konnte ich meine Blicke nicht von ihr wenden. Sie schien die deutschen Soldaten im Langschiff zu betrachten, und ihre Lippen umspielte ein ironisches Lächeln.

Wie war sie hierher gekommen? Zwar war sie von LeoXIII.vor 20 Jahren selig gesprochen worden. War sie unterdes auch in die Schar der Heiligen aufgenommen? Jedenfalls war sie in diesem Teil Frankreichs Gegenstand tiefster Verehrung. Daß sienicht zum Schmuck der Kirche selbst gehörte, konnte man sehen, denn sie stand auf einem dürftig mit einen Tuch drapierten Kasten. Als der Krieg wie eine finstere Gewitterwolke über Frankreich hing, hatte man sie in die Kirche getragen, und die Gläubigen waren vor ihr niedergekniet und hatten sie gebeten, ihren Geist und ihre siegreiche Hilfe den Franzosen zu schenken. Die Bürger von Bapaume hatten ihr, um sie zu gewinnen, zahlreiche Lichter geschenkt, die vor dem Bild befestigt waren. Und nun kommt das Merkwürdigste: Die guten Bayern hatten ihr einen Hintergrund von hohen Topfpflanzen gegeben und alle Lichter angezündet, dieselben Lichter, die brennende Gebete um Sieg über die Deutschen sein sollten!

Die Jungfrau hatte sicher einen anderen und tieferen Grund, über die Torheit der Menschen zu lächeln. Zu ihrer Zeit war halb Frankreich von den Engländern und ihren Verbündeten überschwemmt worden. Gegen diese Engländer kämpfte sie, die besiegte sie, und als man sie schließlich den Engländern auslieferte, wurde sie von ihnen als ketzerische Hexe der Inquisition übergeben! Sie wurde beschimpft, mit rohen Soldaten eingesperrt und schließlich verbrannt — alles das von diesen Engländern, denen gegen die Deutschen zu helfen sie nun mit brennenden Gebeten und Lichtern angefleht wurde! Man wird ihr verzeihen, daß sie den Mund verzog und sich etwas verwirrt fühlte.

Nun steigen die Töne der Orgel machtvoll und klar zur Wölbung empor, und volltönende Stimmen aus den Kehlen von 4000 jungen Kriegern singen:

O Haupt voll Blut und Wunden,Voll Schmerz und voller Hohn,O Haupt, zum Spott gebundenMit einer Dornenkron'!O Haupt, sonst schön gekrönetMit höchster Ehr' und Zier,Jetzt aber höchst verhöhnet,Gegrüßet seist du mir ...Erscheine mir zum Schilde,Zum Trost in meinem Todund laß mich sehn dein BildeIn deiner Kreuzesnot;Da will ich nach dir blicken,Da will ich glaubensvollDich fest an mein Herz drücken:Wer so stirbt, der stirbt wohl.

O Haupt voll Blut und Wunden,Voll Schmerz und voller Hohn,O Haupt, zum Spott gebundenMit einer Dornenkron'!O Haupt, sonst schön gekrönetMit höchster Ehr' und Zier,Jetzt aber höchst verhöhnet,Gegrüßet seist du mir ...

Erscheine mir zum Schilde,Zum Trost in meinem Todund laß mich sehn dein BildeIn deiner Kreuzesnot;Da will ich nach dir blicken,Da will ich glaubensvollDich fest an mein Herz drücken:Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Markt in Bapaume.Rathaus mit Anschlag der»B(apaumer) Z(eitung) am Mittag«.Denkmal Faidherbes.

Markt in Bapaume.Rathaus mit Anschlag der»B(apaumer) Z(eitung) am Mittag«.Denkmal Faidherbes.

Englische Gefangene mit ihrer französischen Wirtin in Lille.(Vgl.Seite 184.)

Englische Gefangene mit ihrer französischen Wirtin in Lille.(Vgl.Seite 184.)

Nachdem Clewing, von unserm Platz aus unsichtbar, aber überall vernehmbar, seine klangvolle Stimme hatte hören lassen, betrat der Divisionspfarrer Franz Xaver Münch die Kanzel. Mit würdiger Autorität sah er auf seine Gemeinde herab, Soldaten aller Grade und Waffengattungen, barmherzige Schwestern, Protestanten und Katholiken. Der Gottesdienst war interkonfessionell, der Prediger selbst Katholik. Aber jetzt, in der größten Zeit des deutschen Volkes, sind alle konfessionellen Schranken zusammengebrochen, es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Protestanten, Katholiken und Juden, es gibt nur noch Deutsche! »Jetzt sind wir alle ein Mann geworden, und alle haben wir einen Gott.«

Die ergreifenden Worte des Priesters vollständig wiederzugeben, muß ich mir hier versagen; meine Leser werden sie in der großen Ausgabe meines Buches finden. Nur eine besonders erschütternde Stelle der Predigt möge hier folgen:

»Und ein zweiter Ruf tönt aus den Massengräbern: ‚Vergesset unsere Leiden und unsere Wunden nicht!‛ Meine lieben Kameraden. Der große Völkerapostel hat einmal seiner Gemeinde in stolzer Liebe zum Gekreuzigten zugerufen: ‚Ich trage die Wunden des Herrn an meinem Leibe.‛ Wer von unserem Volke sich noch etwas sittlichen Ernst bewahrt hat, wird die Wunden und die Leiden dieses Krieges zeitlebens in seiner Gesinnung tragen. Der Preis unserer Befreiung und unserer Siege war der teuerste und kostbarste, den eine Nation zu zahlen hat: das Blut der Jugend! Kommt und schauet, wie wir sie begraben! Nicht einmal einen armen Sarg können wir ihnen gewähren. Wir können sie nicht wie die Germanen auf die Schultern heben und über die Berge in die deutsche Heimat tragen. Aber, meine lieben Brüder, ich kenne einen Sarg, der kostbarer ist als der Sarg, gezimmert von einem fremden Meister: das ist der Sarg des deutschen Herzens! Dahinein, tief und verborgen, wollen wir unsere teuren Toten betten; ihn führen wir heimwärts in die deutsche Heimat. Und wenn einmal — was Gott, der Schirmherr unserer deutschen Sache verhüten möge — die Zeitkommen sollte, wo eine Generation, unsere Jünglinge, unsere Töchter und Frauen nicht mehr wissen, was uns der Friede und eine neue Blüte des Reiches gekostet hat, wo man nur der Früchte in einem erschlaffenden Genußleben sich freut, wo man entnervenden und zersetzenden Sitten wie fremden Göttern zu huldigen beginnt — dann, meine lieben Brüder, ist für uns, die wir heute hier an den Massengräbern trauern, die Stunde gekommen, wo wir die Särge öffnen und einer nur genießenden Nation unsere Toten, ihre Wunden und ihre letzten Stunden zeigen werden, dann zeigt, ihr Väter, eure gefallenen Söhne. Dann mögen die Geister der Gefallenen den schwersten Kampf gegen das eigene Volk führen, das die Wunden des Kriegs nicht mehr in seiner Seele trägt.

So ist der heutige Tag, der unsern Toten gilt, im Grunde ein Tag quellenden Lebens, neuer Hoffnung, machtvollster Aufgaben. Für unsere Gegner sind die Gräber eine gigantische Anklage, für uns ein heiliger Hinweis auf die Zukunft. Sie haben Sturm gesät, sie werden auch Sturm ernten. Und dieser Sturm sind wir. Aus kleinlichen Motiven und geführt und verleitet von selbstsüchtigen kleinen Gruppen, haben sie auf das Fleisch gesät und sie werden Verderben ernten. Wir dürfen vor Gott beschwören, daß wir auf den Geist der Gerechtigkeit und des Friedens gesät haben. Der Krieg ist für uns eine monumental-geistige Sache einer einheitlich auferstandenen, in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten und zur Gegenwehr gezwungenen Nation. Diese Nation wird aber auch vom Geiste der Gerechtigkeit und des Friedens ewiges Leben ernten. Amen.«

Das Musikkorps spielte eine Hymne, deren prachtvolle, festliche Töne in der Kirche widerhallten. Ein Quartett stimmte dasAve verum corpus natuman, und schließlich sang die Gemeinde den Choral:

Großer Gott, wir loben dich.Herr, wir preisen deine Stärke.Vor dir neigt die Erde sichUnd bewundert deine Werke.Wie du warst vor aller Zeit,So bleibst du in Ewigkeit. —

Großer Gott, wir loben dich.Herr, wir preisen deine Stärke.Vor dir neigt die Erde sichUnd bewundert deine Werke.Wie du warst vor aller Zeit,So bleibst du in Ewigkeit. —

Der Gottesdienst war zu Ende, und die Soldaten gingen hinaus, an der kleinen Jungfrau von Orleans vorüber, die ihnen dank Schillers herrlichem Gedicht keine Fremde war. Gewiß durften die Lichter vor ihr brennen — sie hatte ja die Engländer besiegt. Jetzt wurden sie schnell ausgelöscht, und sie stand wieder einsam träumend und still.

Eine blutige Erinnerung aus dem Französisch-Deutschen Krieg ist mit Bapaume verknüpft. Am 3. Januar 1871 griff General Faidherbe an der Spitze desXXII.undXXIII.Armeekorps General Goeben an, der die 15. Division kommandierte, die 3. Kavalleriedivision und ein kombiniertes Detachement unter Prinz Albrecht. Die deutsche Truppenstärke, wenig mehr als 15000 Mann und 84 Kanonen, war kaum halb so groß wie die französische, zwang jedoch Faidherbe nach neunstündigem Kampf, sich auf Arras und Douai zurückzuziehen.

Nun waren seitdem 44 Jahre vergangen, und Bapaume war wieder in den Händen der Deutschen. Mitten auf dem Markt hatten die Franzosen eine Statue Faidherbes errichtet, ein würdiges Denkmal einer glänzenden Laufbahn. Mehrere Male hatte ihm sein Vaterland die Lösung dringender Aufgaben anvertraut, daheim auf Guadeloupe, in Algier, Senegal, Kabylien, und schließlich war er im November 1870 von Gambetta zum Chef der Nordarmee ernannt worden. Mut, Zuversicht, Initiative und glühender Eifer fehlten ihm nicht, aber gegen die systematisch ausgebildete deutsche Armee vermochte er mit seinen Miliztruppen nichts auszurichten.

Faidherbe überlebte seine Mißerfolge lange, er starb in Paris erst 1889, nach achtzehn Jahren des Grams darüber, daß sein Feldherrntalent nutzlos vergeudet worden war, und zwar durch Verblendung und Unkenntnis der Volksvertreter, die ihr Land an den tiefsten Abgrund nationalen Unglücks führten, dessen unsere Zeit Zeuge gewesen ist.

Da steht er nun in Bronze auf seinem weißen Sockel, eins der Opfer der Verblendung seines Volks. Und um ihn herum stehen die Söhne des Volks, das ihn besiegte, und das nun wieder in den Spuren seiner Väter gesiegt hat. Trotzig und entschlossen steht er da, die Arme gekreuzt; mit der rechten Hand packt er den Griff des Degens. Seine ganze Haltung scheint den unerschütterlichen Entschluß zu verraten, keinen Schritt zurück, nur vorwärts zu gehen; sein Uniformmantel flattert im Winde, seine Mütze sitzt keck und schief. Den Kopf trägt er hoch und stolz. Sein Blick ist auf — deutsche Truppen gerichtet, jetzt wie damals! Viele von denen, die eben in der Kirche waren, haben sich auf dem Markt versammelt. Das Musikkorps bildet einen Halbkreis vor Faidherbes Denkmal. Der Kapellmeister hebt den Taktstock, und nun schallt die »Wacht am Rhein« über den Markt. Zündend umbrausen die Töne der Messinginstrumente den Helden oben auf seinem Sockel. Er scheint trotziger denn je. Er steht da mit gezogenem Degen, auf seinem Gesicht ruht der Ausdruck tiefer Tragik.

Ruhig und sicher stehen die deutschen Musikanten und ihre Kameraden, die sich in Gruppen um sie versammelt haben. Eine Stimmung von Siegessicherheit erfüllt all diese Krieger. Clewing beginnt zu singen, andere folgen seinem Beispiel, und machtvoll wogt der Gesang über den Markt:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein,Wer will des Stromes Hüter sein?Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,Fest steht und treu die Wacht,Die Wacht am Rhein!

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein,Wer will des Stromes Hüter sein?Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,Fest steht und treu die Wacht,Die Wacht am Rhein!

Am Abend des 1. November fuhr ich um 7 Uhr mit dem Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg von Bapaume nach Douai, wo wir um 8 Uhr zum Abendessen beim Chef der sechsten Armee,Kronprinz Rupprecht von Bayern, eingeladen waren. Die Entfernung beträgt gegen 34 Kilometer und wird bequem in dreiviertel Stunden zurückgelegt. Aber die Wachtposten kosten auch Zeit, und es war 5 Minuten vor 8, als wir endlich ankamen. Ein Adjutant führte uns in einen Salon, und dort hatten wir kaum eine halbe Minute gewartet, als Kronprinz Rupprecht schon hereintrat.

Er gehört zu den seltenen Menschen, die alle lieben und bewundern, die Engländer vielleicht ausgenommen, doch ich glaube, die Franzosen würden nicht umhin können, ihm Achtung zu zollen. In der deutschen Armee gilt er als ein ganz hervorragender Heerführer und gründlich geschulter Soldat. Aussehen, Haltung und Sprache sind im höchsten Grade gewinnend und sympathisch. Er ist weder stolz noch herablassend, sondern prunklos und einfach wie ein gewöhnlicher Mensch. Wenn man weiß, daß ihn kürzlich der schlimmste Schlag getroffen hat, der ihn treffen konnte, dann glaubt man vielleicht Spuren davon auf seinem Gesicht zu entdecken, einen Zug von Wehmut, sonst aber verrät weder eine Miene noch ein Seufzer, wie tief er den Tod seines 13jährigen Sohnes betrauert. Wo es Vaterland und Reich gilt, muß alle private Trauer zunächst zurücktreten. Der Kronprinz hat auch keine Zeit, zu trauern oder an den Verlust und die Leere zu denken, die er bei seinem siegreichen Einzug in München fühlen wird. Er lebt für und mit seiner Armee und ist jedem Soldaten ein Vater. Seine ganze Denkkraft, seine ganze physische Stärke, seine ganze Zeit opfert er diesem einzigen großen Ziel.

Kronprinz Rupprecht kommt schnell und ungezwungen herein, streckt uns seine Hände entgegen und heißt uns herzlich willkommen. Dann fügt er mit scherzhaftem Tonfall in der Stimme hinzu: »Ich habe heute abend an meinem Tisch noch andere vornehme Gäste.«

»Wen denn?« fragt der Herzog.

»Den Kaiser«, antwortet der Kronprinz und schlägt die Hände zusammen.

»Den Kaiser?« rufen wir. Wir hatten keine Ahnung, daß er sich überhaupt in dieser Gegend befand.

»Ja, der Kaiser hat heute hier verschiedene Truppenteile besucht und versprochen ..... Doch still, ich höre sein Automobil«, und damit eilte der Kronprinz hinaus.

Inzwischen kam das Gefolge des Kronprinzen herein und begrüßte uns, dann auch die Herren des Kaisers, von denen ich einige kannte. Ehe ich noch hatte fragen können, woher der oberste Kriegsherr gekommen sei, wurden wir in den Speisesaal gerufen. Dort saß der Kaiser bereits auf seinem Platz am Tisch. Wir traten alle an unsere Stühle, aber niemand setzte sich. Der Kaiser saß mit gesenktem Kopf und sah sehr ernst aus. Plötzlich aber schlug er seine blitzenden blauen Augen auf und nickte freundlich nach allen Seiten. Als er mich sah, streckte er die Hand über den Tisch und rief scherzend: »Guten Tag, mein lieber Sven Hedin. Es scheint Ihnen gut zu gefallen in meiner Armee«, was ich ohne einen Augenblick zu zögern bejahte.

Der Kaiser war brillanter Laune. Ich weiß wirklich nicht, ob er schlechter Laune sein kann, denn so oft ich die Ehre hatte, mit ihm zusammen zu sein, war er immer froh, liebenswürdig und lebhaft. Wohl kann er mit scharfen Worten seinem Unmut über eine verächtliche Handlung des Feindes Ausdruck geben, aber bald wird er wieder der reine Sonnenschein und lacht ansteckend über einen lustigen Einfall. Er hat eine großartige Fähigkeit, Leben in eine Gesellschaft zu bringen und das Gespräch in Spannung zu halten, so hier über zweiundeinhalb Stunden. Dabei erzählt er eine Masse merkwürdige Neuigkeiten, Dinge, die sich an den verschiedenen Orten in den letzten Tagen zugetragen haben und wenigstens dem Herzog und mir vollkommen neu waren. Wenn man den Kaiser nach den Verhältnissen irgendeines fernen Landes fragt, aus dem lose, widerspruchsvolle Nachrichten gekommen sind, hält er sofort mit meisterhafter Disposition eine ordentliche Vorlesung über seine innere und äußere Politik, seine Volksstimmungen, seine Hilfsquellen und seine Waffenmacht. Ich erinnere mich nicht, jemand begegnet zu sein, der in dieser Hinsicht sich mit Kaiser Wilhelm messen könnte.

Er hat auch die Gabe, blitzschnell was andere sagen aufzufassen und zu beurteilen. Mit lebhaftem Interesse hörte er Kronprinz Rupprecht zu, als dieser allerlei von seiner Armee berichtete, und mir, als ich das Bombardement von Ostende beschrieb.

Es war ½11 Uhr, als der Kaiser seine Zigarre weglegte und aufstand, um sich mit jenem kräftigen Händedruck zu verabschieden, der durch Mark und Bein geht. Nur der Kronprinz begleitete ihn in das unmittelbar neben dem Speisesaal gelegene Vorzimmer, von dem einige Stufen auf die Straße hinausführten. Ein Soldat stand bereit und hielt den hellen blaugrauen Mantel mit dem dunklen Pelzkragen, ein anderer überreichte die gewöhnliche preußische Offiziersmütze. Nachdem Wirt und Gast sich noch einige Minuten unterhalten hatten, gingen sie zusammen zum Automobil, der Kaiser stieg ein und der Wagen fuhr schnell in die Nacht hinaus.

Um 8 Uhr morgens wieder heraus und fort über das öde Feld von Artois nach Douai! Bald darauf kreuzten wir die Stadt Lille in schneller Windung, fuhren durch die Porte de Roubaix wieder hinaus und folgten in nordöstlicher Richtung der langen, dichtbebauten Straße, die Lille und Roubaix verbindet.

In Roubaix lagen noch 250 Engländer und eine Anzahl Offiziere, die am Nachmittag nach Deutschland transportiert werden sollten. Die Mannschaft war in einem großen Saal untergebracht, vermutlich einem geräumten Restaurant. Möbel waren nicht zu sehen, aber große Bündel Stroh auf dem Boden, besonders an den Wänden. Hier konnten sich die Soldaten ihr Nachtlager herrichten, und sie litten wahrhaftig keine Not. Ein Tommy, der eine ungefährliche Kopfwunde hatte, wurde gerade von einem englischen Arzt, der selbst Gefangener war, behandelt. In einem angrenzenden Zimmer mit Glasdach standen lange Reihen von Tischen und Stühlen, wo die Gefangenen ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Hier photographierte ich ein paar Gruppen,durch die der Leser sich überzeugen kann, daß die Engländer in der Gefangenschaft weder betrübt noch leidend aussehen. Auf dem einen Bild haben sie sogar eine muntere, mollige Französin bei sich, aber ich muß zu ihrer Ehre zugestehen, daß die edle Dame selbst darum gebeten hatte, mit ihren Verbündeten und zufälligen Eßkunden zusammen porträtiert zu werden. Sie war nämlich die Wirtin und überwachte die Verpflegung der Gefangenen.

In der Wirtschaftsküche kochte die Gefangenenkost in großen Kesseln; auch dort war das Personal zum überwiegenden Teil französisch. Wer die Deutschen anklagt, daß sie mit der Verpflegung der Gefangenen knausern, der sollte sich im Restaurant zu Roubaix umsehen. Dort war alles reichlich und gut. Austern, Trüffeln und Plumpudding gab es zwar nicht, aber die Söldner, die zufällig aus Eastend waren, hatten wahrscheinlich lange nicht so gut gegessen wie in Roubaix. Dazu kam, daß die französische Wirtin in Tommy Atkins ziemlich verliebt war und wie eine Adlermutter dafür sorgte, daß er das nötige Essen bekam.

Es geschieht nicht, um meiner Kamera zu schmeicheln, wenn ich behaupte, das eben erwähnte Bild sei eine treffliche Illustration der »Entente cordiale« der Westmächte. Die französische Dame lächelt und strahlt und kann sich keine feinere Einfassung denken als zwischen handfesten englischen Soldaten. Sie sollte an den Sinn des lustigen Liedes denken, das mit den Worten schließt: »I love you my darling, cette phrase vous coutera beaucoup«, und dessen Moral ist:La France pour les Français!Es ist gefährlich, mit Tommy Atkins zu kokettieren. Es läßt ihn ganz kühl, das sieht man auf dem Bild. Er sitzt kalt wie eine Marmorstatue und schenkt seiner Pflegerin keinen andern Gedanken als den: Geh zu, wir werden die Suppe essen, die du kochst! Wann wird sie es satt sein, so undankbar behandelt zu werden? Wird sie damit fortfahren, bis ihr das Letzte genommen ist?

In dem großen Saal lagen nun Tommy Atkins und seine Kameraden und ruhten im Stroh. Sie sahen frisch und munter aus, und viele hatten sympathische, männliche Züge. Als ich voreiner Gruppe stehen blieb und mich mit den Leuten unterhielt, blieben sie ungeniert liegen, antworteten aber sehr höflich und mit der unerschütterlichen Ruhe, die für ihre Rasse charakteristisch ist. Sie gestanden offen zu, daß sie mit der Behandlung, die sie erfuhren, und mit ihrer Kost zufrieden seien. Einer von ihnen fand, man könne es im Kriege gar nicht besser haben. Das einzige, was ihnen nicht gefiele, wäre, daß sie im Saal nicht rauchen dürften. Ein deutscher Offizier, der neben uns stand, erklärte ihnen, der Saal sei feuergefährlich, nicht zum wenigsten wegen des trockenen Strohs, und die Deutschen wünschten nicht, daß ihre englischen Gefangenen hier verbrennten.

In einem großen, gemütlichen Zimmer im ersten Stock wurden drei Offiziere gefangen gehalten, ein Hauptmann und ein Leutnant, beide Engländer, und ein französischer Leutnant. Jeder von ihnen hatte sein gutes, reinliches Bett und im übrigen Tisch und Stühle und andere notwendige Möbel.

Der englische Leutnant war ein feiner und angenehmer junger Mann, der Sohn eines angesehenen Londoner Kaufmanns. Sein Vater stand in Geschäftsverbindung mit Deutschland, und er selbst war, ich glaube, in Hamburg gewesen, um Deutsch zu lernen. Der Krieg hatte alle seine Pläne auf den Kopf gestellt. »Aber wir hatten doch keine andere Wahl und mußten mit!« meinte er.

Gar zu gern hätte ich noch gesehen, wie es den Indern in dem nebligen Herbst von Artois und Flandern erging. Aber die indischen Gefangenen der Zitadelle von Lille hatte man eben nach Osten abgeschoben, um neuen Scharen Platz zu machen. Ich selbst hatte einmal erfahren, wie es sich rächt, Inder in ein kälteres Klima zu verpflanzen. Auf meiner letzten Reise nach Tibet hatte ich zwei Radschputen aus Kaschmir mit. Als wir in die Berge hinaufkamen, waren sie dem Erfrieren nahe, und mein Karawanenführer Muhamed Isa erklärte, sie seien so nutzlos wie junge Hunde. Ich mußte sie deshalb verabschieden. Ähnlich erging esmir mit meinem indischen Koch; er war außerhalb Indiens völlig unbrauchbar. In Tibet lebt man von Fleisch, in Indien von Vegetabilien. Wie hätte er eine so plötzliche Veränderung des Klimas und zugleich der Diät ertragen können!

Nun berichtete die Presse, die Engländer hätten einen vollständigen Import von Indien nach Europa angeordnet. Es fiel mir schwer, das zu glauben, aber an der Front erfuhr ich, es sei wahr. »Wie behandeln Sie die indischen Soldaten?« fragte ich einmal ein paar Offiziere. — »Wir arretieren sie«, antwortete einer, und ein anderer fügte hinzu: »Das braucht es gar nicht; sie werden bald in den Schützengräben erfrieren.«

Wenn ich zugestehe, daß ich selbst eine Dummheit beging, als ich glaubte, Inder könnten in Tibet Dienste tun, so darf ich wohl behaupten, daß Lord Charles Beresford eine noch siebenmal größere Dummheit beging, als er die Hoffnung aussprach, »indische Lanzenreiter die Berliner Straßen räumen und die kleinen braunen Gurkhas es sich im Park von Sanssouci bequem machen zu sehen.«[*]Aber dieser Import ist mehr als eine Dummheit — er ist ein Verbrechen!


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