Chapter 2

Erny.Ach ja!

Bancbanus.War ungestüm?

Erny (aufgerichtet).O wenn du wüßtest—!

Bancbanus.Zurück, in dein Versteck!—Ihm zu entgehn,Versprachst du ihm ein Briefchen, oder so—Ich könnte sagen: sei's! Warum denn nicht?Was schadet nur ein Brief? Doch tu ich's nicht:Die Künste sind's des höllischen Versuchers.Wer einen Fuß gesetzt, zieht nach den zweiten,Und alles Bösen Mutter ist Geheimnis.Drum schreibe nicht!

Erny.Gewiß!

Bancbanus.Und weich ihm aus.

Erny.Ausweichen ihm? Ihm stehn, ihn sehn, vernichten!

Bancbanus.Kind, allzuviel geht gleich mit allzuwenig.Laß ihn uns reizen nicht, er ist wie Flamme.Und seine Schwester hängt, wie sehr, an ihm.Nicht ich, es soll mein Weib nicht Unfried' stiften.Ertrag, und übersieh ihn. Kurze Frist,So send ich dich hinaus auf eins der Schlösser,Dann bist du seiner quitt. Bis dahin: klug!Man kommt. Laß niemand ahnen, was geschah;Unbill, die man erträgt, war gar nicht da.

(Zwei Kämmerer öffnen die Seitentüre rechts. Die Königin tritt heraus, hinter ihr Herzog Otto, und der ganze Hof.)

Königin.Hier also meine schöne Tänzerin?Sehr früh verließt Ihr mich.

Bancbanus.Sie ist nicht wohl.Mit Eurem Urlaub führ ich sie nach Hause.

Königin.Nach Hause geht nun alles, edler Rat,Auch Eure Frau sonach. Glück auf, ihr Herrn!Wir danken Euch, und hoffen's zu vergelten.

Otto (hat sich indes Ernyn genähert, die links im Vorgrunde steht.Leise).Nun Gräfin, meinen Brief.

Erny (laut).Geht, ich veracht Euch.(Wendet sich zu ihrem Gatten.)

Otto.Verachten mich?—Auf Tod und Leben, halt!(Er dringt durch die Gäste und ergreift Ernys Hand.)Warum verachtet Ihr mich? Ihr! Warum?

Königin (indem sie zwischen beide tretend, sie trennt).Unsinniger!—Folgt, Gräfin, Eurem Gatten!

Otto.Nicht laß ich sie!

Königin.Du wirst, denn ich befehl es.—Glück auf den Weg, Ihr Herrn! Nur zu. Lebt wohl!

(Die Gäste ab.—Königin zurückkommend.)

Unsinniger! Wie weit geht deine Tollheit?

Otto.Und bin ich toll, so wahrt euch vor dem Tollen.Du hast's gesagt, und so berühr mich nicht!Hin auf den Boden werf ich meinen Leib,(Er wirft sich zur Erde.)Und mit den Händen greif ich in den Grund.Nicht hören und nicht reden! Rase, stirb!

Dritter Aufzug

Vorzimmer der Königin. Rechts eine Seitentüre, zu ihrem Gemach führend. Im Hintergrunde der Haupteingang, an dem mehrere Hofleute stehen. Unter ihnen Graf Peter. Der Arzt wartend im Vorgrunde.

Die Königin tritt aus ihrem Zimmer.

Königin.Wo ist der Arzt?

Arzt.Hier bin ich, gnäd'ge Frau!

Königin.Mein Bruder gilt für krank, und Ihr bestätigt's.Kommt Ihr von dort? Wie also steht's mit ihm?

Arzt.Nicht gut, muß ich bekennen, doch zugleich,Daß noch die Form, der eigentliche SitzDes Übelseins sich nicht bestimmen läßt.

Königin.Ein feines Pröbchen Eurer Kunst!

Arzt.Verzeiht!Es läßt gar leicht sich Grund und Ursach' nennen,Die Frag' ist nur, ob's auch zum Falle paßt.Wir Ärzte sind Nachtreter der NaturUnd unsre Herrin geht auf dunkeln Pfaden.

Königin.Ei gut! Ei schön!(Zu Graf Peter.)Man sagt ja, Eure SchwesterSie geh aufs Land?—In dieser Jahreszeit?Ohn' Urlaub und Begehr? Scheint's doch, sie lerntVon ihrem Gatten Hofesbrauch und Sitte.—

Peter.Verzeiht, sie harrt im Vorgemache draußen,Ob Ihr erlaubt—

Königin.Warum ward's nicht gemeldet?Laßt sie herein.

(Es geht jemand.)

Nun, weiser Ödipus,Fahr fort, und lös uns deine eignen Rätsel.

Arzt.Des Herzogs Zustand läßt sich Fieber nennen.Er liegt und starrt und schweigt. Die Pulse fliegen,Die Stirne heiß, die Eßlust fort.

Königin.Wieso?

Arzt.Er schlug die Diener, die ihm Nahrung brachten,Weist ab so Speis' als Trank.

Königin.Seit wann?

Arzt (achselzuckend).Wer weiß?

(Königin stampft mit dem Fuße.)

Und wenn man nicht—

(Erny kommt.)

Königin.Ei, sieh da, schöne Gräfin!Ihr reist aufs Land, dem Wonnemond entgegen?Ihr werdet sein noch etwas warten müssen,Wir sind im März. Was treibt zu so viel Eile?

Erny.Geschäfte, gnäd'ge Frau.

Königin.Ei, ich begreife!Die erste Grasung gibt die beste Milch.Da helft Ihr denn wohl selbst mit eignen Händen?Doch ernsthaft nun! (Halblaut.) Ich hoffe doch, der VorfallVon neulich abends, er hat keinen AnteilAn dieser Reise; hat er, Gräfin? Sprecht!Nehmt das nicht höher, als die Meinung war.Mein Bruder liebt zu scherzen.

Erny.Scherzen? gnäd'ge Frau.

Königin (verächtlich).So glaubt Ihr denn? Wie, oder Gräfin, doch?Wär's etwa Ernst geworden? Ernst bei Euch?Was sagt dies arme Herz?

Erny.Wohl arm! Es schweigt.

Königin.Und völlig ruhig denn?

Erny.Vollkommen ruhig.

Königin (sich von ihr abwendend).So reist mit Gott, und grüßt mir Laub und Gras!Einfältig Volk! Nur stumpf, nicht tugendhaft.Harrt draußen, ob noch etwas zu befehlen.(Erny mit einer Verbeugung ab.—Königin zum Arzte.)Eu'r Kranker, Herr, ist toll, und gegen TollheitGibt es ein einzig Mittel nur: Vernunft.Er mag sich selber heilen, sagt ihm das.Wie auch, daß er nicht hoffe, mich zu sehn,Bis er zu mir kommt, selbst, als ein Genesner.

Arzt.Doch wollet mich auch für entschuldigt halten,Wenn endlich doch Gefahr.

KöniginGefahr! Gefahr!Es ist nicht not, daß gar so viele leben,Die Erde trägt unnütze Last genug.Wer sich Notwendigem nicht fügen kann,Mag sterben, wär's mein Bruder, wär' ich's selbst.

Arzt.Ich gehe denn.

Königin.Bleibt noch!(Zu den Hofleuten.)Ist sonst noch jemandIm Vorsaal, der mein harrt?(Zum Arzte.)Bei Eurem Kopf!So glaubt Ihr wirklich denn, daß Grund zur Sorge?Gesteh ich's Euch, ich dacht', ein leeres Wahnbild,Ein ungestillter Wunsch, ein HirngespinstSei dieses Übels Grund.

Arzt.Vielleicht! Wohl möglich!Streitsücht'ge Nachbarsherrn sind Geist und Körper,Die Grenzen wechseln und verwirren sie;Man weiß oft nicht, auf wessen Grund man steht.Doch, was es sei, die Wirkung bleibt dieselbe,Zumal, wenn er die Nahrung von sich weist.Ein ganz Gesunder stirbt, entbehrt er diese.

(Ein Diener kommt eilig.)

Diener.O Herr, mein Herr!

Arzt.Wer ruft?

Diener.Der Prinz—

Königin.Was ist?

Diener.Der Prinz—Ihr wart kaum fort, da kam der WärterMit Arzenein, die wies der Prinz zurück,Gebot jedoch dem Mann, die Ader ihmAm dargereichten Arm zu öffnen. JenerVerweigert's. Da ergreift der Herr den Dolch,Und schleudert ihn. Am Haupte hart vorbeiFlog hin das Messer, daumtief in die Wand.

Königin.Es ist genug! Das Rasen hab ein Ende!Zu Eurem Kranken kommt: aus meinen ZimmernFührt ein geheimer Gang uns nach den seinen.Ob Wahrheit, oder Wahn, ob Kraft, ob Ohnmacht,Es sei im klaren, und es sei geheilt.Was von Geschäften hier, soll meiner harren.Auch Gräfin Erny, heißt herein sie treten,Und mich erwarten. Bald kehr ich zurück.

(Mit dem Arzte durch die Seitentüre ab.)

* * * * *

Zimmer des Prinzen. Der Mittelgrund ist durch einen breiten Mauerbogen, und daran herabhängenden Vorhang geschlossen, der in ein inneres, alkovenartiges Gemach führt. In der, nach vorn gekehrten, Verkleidung des Bogens, auf der linken Seite, eine Tapetentüre. Im Vorgrunde rechts, eine Seitentüre, in deren Getäfel ein blanker Dolch steckt. Gegenüber ein Tisch und Stuhl.

Zwei Diener kommen durch die Seitentüre.

Erster Diener.Ich zieh den Vorhang auf, der Arzt will Licht.

Zweiter Diener.Der Prinz will Dunkelheit.

Erster Diener.Allein der Arzt—

Zweiter Diener.Du meinst, es heile doch der Arzt die Beulen,Die Ungehorsam bei dem Prinzen einträgt.

Erster Diener.Ich tu's! Horch! pocht man nicht?

Zweiter Diener.Geh hin, und öffne!

(Erster Diener öffnet die Tapetentüre in der Bogenwand des Mittelgrundes.—Die Königin und der Arzt treten ein.)

Königin.Warum sieht man nicht nach? Die Türe läßtVon innen kaum, selbst mit Gewalt, sich öffnen.Wo ist mein Bruder? Zieht den Vorhang auf!

Erster Diener.Der Prinz verbot—

Königin.Ich aber will's, gehorche!

(Der Vorhang wird aufgezogen. Herzog Otto liegt nach vorne gekehrt, den Kopf in die Hand gestützt, auf einem querüber stehenden Ruhebette.)

Mein Bruder! Ha! und wie entstellt und bleich!Wenn's dennoch wäre, wenn—verhüt es Gott!Geht hin, und fühlt den Puls!

Arzt (sich dem Ruhebette nähernd).Erlauchter Herr!

(Otto richtet sich mit halbem Leibe drohend empor. Arzt zieht sich zurück.)

Königin.Was muß ich sehn, mein Bruder? Weigerst duDer Hilfe dich, der heilbeflißnen Sorge?Nun glaub ich erst, was kurz vor man berichtet!Der Dolch in jener Wand bekundet deutlich,Wie du dich nimmst, wie sehr du dein vergißt.Du warfst ihn nach dem kundig wackern Mann,Er sollte haften dort zur Straf' und Warnung.Doch schon ich dein, und finde selbst bedenklichSolch Werkzeug in des Rasenden Bereich.Macht los den Dolch, ich nehm ihn selbst zu mir,Erst dem Genesnen geh ich seine Waffen.

(Der Dolch wird gebracht, sie legt ihn auf den Tisch.)

Er schweigt, kehrt nicht einmal den Blick nach mir,Nun Krankheit, oder Starrsinn, fort mit beiden!(Näher tretend.)Wie geht's Euch, Herzog?

Otto.Gut!

Königin.So steht denn auf!Wollt Ihr nicht essen?

Otto.Nein!

Königin.Warum nicht?

Otto.Ich habe schon gegessen.

Königin.Ha, Ihr lügt!

Otto.Nun denn, ich mag, ich kann, ich will nicht.Nicht essen und nicht atmen, leben nicht.(Er wirft sich herum, so, daß er mit aufwärtsgekehrtem Gesichte aufdem Rücken liegt.)

Königin.Unsinniger! Sein selbst vergeßner Tor!Geht ihr hinaus, ich werde nach euch rufen.(Arzt und Diener ab.)Kannst also du der Gottheit Abglanz schänden?Nicht Krankheit ist's, ich weiß, ich kenne dich!Der Leidenschaft und ihrer RasereiWirfst du die Gaben vor des gottgegebnen Geistes;Sie glüht als Fieber durch dein kochend Blut,Und wirft die Blasen, die sie Krankheit nennen.Der Leidenschaft! Und wär' es Liebe noch,Wenn auch verkehrt', verbrecherische Liebe—War doch in alter und in neuer ZeitEntschuld'gung sie für manches Schlimm' und SchiefeDoch ist es Liebe nicht, ist Tobsucht nur,Des ungezähmten Geistes trotzig Walten,Der Eigensinn, der will, weil er gewollt.Ich aber denk es nimmermehr zu dulden,Am mindsten, wo ich Frau und Königin.Mir kommt die Lust an, Wunder zu versuchen!Steh auf und sei gesund! sprech ich zu dir.Steh auf, und zwar zur Stelle! Jetzt! Ich will's!

(Sie hat seine Schulter mit ihrer Hand berührt, Otto richtet sich empor, und sitzt mit aufgestützter Hand und vorhängendem Haupte da.)

O Jammerbild der selbstgeschaffnen Schwäche!Wie schäm ich mich, daß du von meinem Blut!Wo gehst du hin? Was willst du?

Otto (der aufgestanden ist und einige Schritte gemacht hat, dieStirne reibend).Wußt ich's doch!Ei ja!

Königin.Wo willst du hin? Bleib, Otto, bleib!Du willst doch nicht ins Freie? Otto, sprich!

Otto.Ich will!

Königin.Die Luft ist rauh, der Abend kühl,Du selber bist erhitzt.(Sie hat seine Hand gefaßt.)O Gott, wie heiß!Ach, du bist krank, wahrhaftig krank! Mein Bruder!—O bleib doch, bleib! Was willst, was kannst du wollen?

Otto.So ruf denn selbst, und laß die Pferde holen.

Königin.Wie?

Otto.Meine Pferde, meine Diener auch!

Königin.Wo willst du hin?

Otto (aufrecht hinschreitend und Wams und Gürtel ordnend).Will heim! Zu meinem Vater,Zu meinen Brüdern, meinen Schwestern allen,Die mein begehren, mir mit Liebe folgen;Zurück in meiner Heimat Alpental.Was soll ich hier? Wo jedermann mich haßt,Wo jedes Wort rückprallt vom stumpfen Hörer;Wo meine Schwester selbst das Beispiel gibt,Mich zu erniedern.

Königin.Ich?

Otto.Ja du, nur du!Wer bin ich hier, und was an deinem Hof?Beschimpft nicht jedermann mich ungescheut?Tratst du dazwischen nicht am selben Abend,Wo ich die Törin, die mir Hohn gesprochen,Antrat zu Widerruf und zu Erklärung?Tratst du dazwischen nicht? Als sie es aussprach,Es aussprach, daß sie mich verachte!—Teufel!Verachtung?!—Grimm und Tod!—Verachten?—Mich?

Königin (ihn anfassend).Zu Hilfe! Ärzte! Diener! Hört denn niemand?

(Der Arzt öffnet die Tür.)

Otto.Laß! Ich bin stark wie der nemäische Leu,Der Grimm stählt meine Sehnen, statt Gesundheit.

(Der Arzt zieht sich zurück.)

Ja, ich will fort. Du aber, danke Gott!Denn blieb' ich hier, in Mitte meiner ScharDurchzög' ich dies, dein Land, bis ich sie fände,Die Törin fände, die mir Schmach getan.Aus ihres Hauses Flammen riß ich sie,Aus ihrer Wächter Mitte, vom Gebet,Und stellte sie vor mich hin. Da! Nun sprich,Wenn du es wagst: Warum du mich verachtest?

Königin.Mein Bruder, höre!—O wie schäm ich mich!Du hast wohl Fraun von höhrer Art gekannt,Ich selber darf mich zählen unter solche.Hast Geist gekannt und Witz, des Umgangs Reize.Wie kann nun Leidenschaft für dieses Wesen,Kaum schön, von schwachem Geist und dürft'gen Gaben,Halb töricht und halb stumpf, dich nach sich ziehn?Und unerhört; denn sieh, ich weiß, mein Bruder:Sie denkt dein nicht.

Otto.Wer spricht davon? Und doch!Weil sie nicht will, und weil sie's nicht verdientWill ich sie lieben, will mit jedem ReizErfinderisch sie schmücken, mir zur Qual;Will wissen, ich, warum sie mich verschmäht;Den Zauber kennen, den der ekle TorAusübt, ihr Gatte, über sie; die Kräuter,Die Sprüche, die ihm ihre Liebe bannen.Dann komme was da mag! Wer frägt nach ihr?Laß, ich will fort!

Königin.Mein Bruder, höre!Geh nicht von mir, du meines Lebens Glück!Laß mich allein nicht hier in dieser Wüste,Wo du der einz'ge bist, der einz'ge, der da lebt!Mein Ich, mein Selbst, mir teurer, als mein Selbst.Begehre, was du willst, nur bleib bei mir.

Otto.Ich kann nicht bleiben, so beschimpft, entehrt.

Königin.Man soll genug dir tun. Verweis, Erklärung.Ich banne sie vom Hof!

Otto.Was fällt dir ein?Glaubst du, mein Zürnen brauche fremder Hilfe?Doch eins! laß mich sie sprechen!

Königin.Sprechen?

Otto.Ja!Die Gräfin, sie. In deinem Zimmer. Hier.

Königin.Euch zu erheben, wollt Ihr mich erniedern?Vermittlerin ich zwischen Euch und ihr?

Otto.Ich sagte dir: Von Lieb' ist nicht die Rede,Ob ich sie liebe, das ein andermal,Doch sprechen muß ich sie, und weigerst du's,So woll' auch nicht, was sonst unmöglich ist.

Königin.Mein Otto!

Otto.Und du kannst es; wie so leicht!Du rufst sie her, und hinter jener Tür(Auf die Tapetentüre zeigend.)Bist du ein Zeuge dessen, was geschieht.Nur Zeuge, Hörer nicht; drei Schritte fern,Harrst du, bereit zu schneller Unterbrechung,Sobald der Zweisprach Wendung dir mißfällt,Sobald ein heftig Wort, ein Laut, ein Ruf,Dir anzuzeigen scheint, daß Trennung not.Du willst? Du tust's? (Zur Türe hinausrufend.) Hollah!

Königin.Vorerst nur noch—

(Ein Diener kommt.)

Otto.Nicht ich. Die Königin verlangt nach dir.

Königin (nach einer kleinen Pause).Ruft Gräfin Erny her in dieses Zimmer.

Otto.Noch eins!

(Er spricht, mit dem Diener zur Türe gehend, leise ihm ins Ohr.Diener ab.)

Königin.Was ist?

Otto.Ein Auftrag meinen Leuten,Daß wir nicht reisen, daß wir bleiben noch.

Königin.Nun aber hör! Ich weiß, was ich verletze,Wie sehr zu tadeln, daß ich mich gefügt.Verdammlich ist die Liebe, meine Liebe,Die du mißbrauchst, und doch so teuer mir.Nun aber zeige, daß du ihrer wert,Erspare einen Teil mir der Beschämung,Indem du so dich nimmst, wie ich gehofft,Als ich mich fügte deinen raschen Wünschen.Gib mir dein Wort!

Otto.Man kommt!

KöniginO Gott!Auf dir ruht nun mein Dasein, fahre mild!(Durch die Tapetentüre ab.)

Otto.Auch ich will nur hinein in mein Versteck.Der Feind erkenn' erst später die Gefahr.(Er tritt hinter den Vorhang, der sich schließt.)

Erny (kommt durch die Seitentüre).Es ward gesagt, die Königin sei hier.Wo ist sie denn? Das Zimmer ist ja leer;Kein andrer Ausgang auch, als wo ich kam.Horch! Hinter jenem Vorhang tönt ein Rauschen,Vielleicht, daß dort!

(Sie blickt hinter den Vorhang, ihn in der Mitte öffnend. Währenddem tritt Herzog Otto leise von der rechten Seite hervor und bleibt an der Türe stehen.)

Auch hier kein lebend Wesen.Wer wohnt nur hier? Die Wände reich verziert;Ein Schlafgemach. Vielleicht wohl gar. O Gott!

(Sie erblickt den Herzog und läßt die Vorhänge fallen.)

Otto.Erschreckt nicht, schöne Frau!

Erny.Erschrak ich denn?Ich bin erstaunt, empört, doch nicht erschrocken.Zur Königin berief man mich hierher.

Otto.Es ist ihr Wunsch, daß Ihr sie hier erwartet.

Erny.Da gilt kein Wunsch und selber kein Befehl!(Zum Gehen gewendet.)

Otto.So hört denn mich, mein Bitten, meinen Schmerz.Ich weiß, ich hab Euch schwer und tief beleidigt,Vor allem laßt Verzeihung mir erflehn.

Erny.Wer alles sich erlaubt, und selbst verzeiht,Braucht der Verzeihung andrer und Erlaubnis?

Otto.Der süßen Nähe Reiz berückte mich.Der Locken Gold, der Wangen Rosenlicht,Die Stirn aus Elfenbein, der Augen blaue Himmel,Die ganze, lichthell glänzende Gestalt—Allein, was sprach ich, und was wollt' ich sprechen?Ich bin verwirrt, ich bitt Euch, seht mir nach!

Erny.Als kleines Mädchen nannten sie mich eitel;Ich bin's nicht mehr.

Otto.So viel der Himmelsgaben;Dazu noch der Gedanke, daß—ich weiß nun,Wie sehr ich irrte, damals aber glaubt' ich's—Daß Euer Auge mit Zufriedenheit,Mit Wohlgefallen auf mir hafte. JenerUnsel'ge Druck der Hand, den ich beim TanzeZu fühlen glaubte; Haare, meine Haare,Die Ihr so gütig waret zu bemerken,Zu Euch zu nehmen.—

Erny.Auf dies eine hört,Was ich zur Deutung—

Otto.O nicht doch! o schweigt!Laßt uns nicht mehr von diesen Träumen sprechen,Ich weiß zu gut, wie sehr ich mich getäuscht.Dies alles nun, und über alles andre,Das Euer Gatte—Gräfin, Ihr verzeiht!Bancbanus ist, ich weiß, ein Ehrenmann,Wohlredenheit strömt über seine Lippen,Ist geistreich, witzig, schnellgewandt im Rat.Sein Bart ist grau, allein in Ehren grau;Sein Säbel schlägt die Fersen, wie ein andrer,Ein Ehrenmann, fürwahr! Doch etwas—unschön,Beinahe möcht' ich's lieber gräßlich nennen,Allein, ich seh, Ihr seid nicht meiner Meinung!Wohlan, ich geb es zu! Der erste EindruckTut wohl das Schlimmste, und der Mann gewinnt,Zumal in einiger Entfernung. AberWenn auch nicht grau, und wenn nicht widrig auch;Was wär' er gegen diesen holden UmfangVon allem, was der Himmel reizend schuf?Als ich mit ihm zum erstenmal Euch sah,Da rief's in mir: verkehrt ist die Natur!Entsprießt dem Eis die Königin der Blumen?Gezwungen ist sie, oder ist betrogen;Des Ritters Pflicht, Gefangne zu befrein.

Erny.Spart Eure Ritterpflicht auf größre Not!Mit freier Wahl erkor ich meinen Gatten.Und wenn nicht jung und wenn nicht blühend auch,Weit höher acht ich ihn, als—

Otto.Sprecht nicht weiter!Antwortet mehr nicht als man Euch gefragt.Beleidigen ist leicht, doch schwer versöhnen.

Erny.Wir sind zu Ende, scheint's, und ich kann gehn.

Otto.Noch nicht! Das Letzte fehlt, ist noch zu sagen.Dies Land, wo meine Schwester lebt und herrscht,Wo alles mich umringt mit Lust und Freuden,Durch die Ereignisse der letzten ZeitIst's mir zum Greul geworden und zur Hölle.Nach Deutschland kehr ich heim.—Ich seh, es freut Euch!Nun, um so lieber reis ich, macht's Euch Freude.Beim Scheiden nun gönnt mir als letzten Trost—Ihr könnt es leicht, denn bin ich fern, wie kann ichJe Vorteil ziehn aus Eurer Huld und Meinung.—Gönnt mir den Trost, daß Ihr Euch mein erinnert.

Erny.Erinnern Eurer? Nie!

Otto.Daß ich Euch völligGleichgültig nicht.

Erny.Gleichgültig ganz und völlig.

Otto.Ihr lügt!—Ihr täuscht Euch, fürcht ich!—O ich weiß,Was Euch so strenge macht, so herb und kalt.Ihr haltet mich für schlimm. Ich bin's, ich war's!Geboren auf der unglücksel'gen Höhe,Wo man nicht Menschen kennt, nur Schmeichler, Sklaven;Emporgetragen von des Haufens Gunst,Aus Hand in Hand, ein Spielball fremder Neigung;Begabt mit manchem, was sonst Frauen lockt,Stürzt' ich mich in des Lebens bunt Gewühl.War ich nicht gut, ich konnte schlimmer sein;Gab böses Beispiel ich, wer gab mir gutes?O wäret damals Ihr in HimmelsklarheitHinabgestiegen in die Schauerhöhle,Wo ich, mit Molch und Natter spielend, lag;Ich hätt's erkannt an Eurem reinen Licht,Wär' Euch gefolgt, wär' glücklich nun und selig.

Erny.Setzt Ihr's voraus, weil's nun unmöglich ist?

Otto.O nicht unmöglich, jetzt noch möglich, jetzt noch!Wenn Ihr nur wollt, wenn Ihr Euch nicht entzieht.Ich fordre ja nicht Liebe, Liebe nicht!Gönnt mir nur Anteil, Neigung, Euer Aug' nur,Daß ich es fragen darf mit meinen Augen:War's also recht? wenn ich nicht schlimm getan.Ihr willigt ein? Ihr stoßt mich nicht zurück?

Erny.Habt Ihr vergessen, daß Ihr reisen wolltet?Der Meister hat den Schüler gern um sich,Ich aber wünsch Euch fern.

Otto.Verkennt Ihr dennDer Tugend schönstes, weltbeglückend Vorrecht,Wo sie geblüht, auch Samen auszustreun?Genügt es denn der Sonne, daß sie Licht,Geht sie nicht auf, uns alle zu erleuchten?Wenn ihr dereinst am großen Tage steht,Umgeben von den Engeln Eurer TatenWollt Ihr dann nicht den Blick zurückesendenUnd sagen: dieser Mann ist auch mein Werk?

Erny.Es hört sich gut, doch handelt Ihr nicht so.Wer dürft' Euch trauen, wenn er wollte selbst?

Otto.Ihr dürft. Ihr sollt! O dieser AugenblickIst fruchtbar an Entwürfen und an Taten!Gesteh ich's Euch! Als man Euch herbeschiedWar finster meine Brust, und Gräßliches,Das Äußerste bewegte sich in mir.Doch Euer Anblick bannte jene Schatten.Lernt mich erst kennen, achten wohl zuletzt!Des Leuchtturms Flamme seid dem irren Schiffer.Er sieht das Ufer nicht, von Nacht umfangen,Doch steuert er getrost dem Schimmer zu,Er weiß, dort wo das Licht, ist Land und Rettung.Ihr wollt? Ihr tut's? Gebt mir die Hand darauf.Die Hand, um die ich bitte—Eure Hand!

Erny.Ha, was war das? Enthüllst du selber dich?Tilg erst den Schimmer dort aus deinem Auge,Der lauernd sich gelungner Plane freut.Wirbst du nach Tugend, und gehörst der Sünde?

Otto.Der Sünde nicht! Noch nicht! Noch ist es Zeit!Gib mir ein mildes Wort, und rette dich,Errette dich und mich.

Erny.Ich, Milde dir?Ich hasse, ich verabscheue ich ver—

Otto.—- achte!Verachtung, war's nicht so?—Merkt Euch das Wort!Ihr spracht es einmal schon, an jenem Abend,Merkt Euch das Wort! Ihr steht dafür mir Rede!Fahr aus, du guter Geist, der mich beschlich,Als ich sie bat, der fast mich übermannt,Räum deinen Platz dem Finstersten der Hölle!Schwachsinnig Weib mit der erlognen Tugend,Die heilig möchte heißen, weil sie kalt,Du liebst mich nicht? Was frag ich um dein Lieben!Du hassest mich? Was kümmert mich dein Haß!Doch weißt du, Törin, was Verachtung heißt?Verachtest du mich, Weib? Das bitt mir ab,Auf diesen deinen Knieen bitt es ab,Sonst fürchte meinen Zorn!

Erny.O Gott! mein Gott!Wer rettet mich?

Otto.Du selbst! wenn du dich fügst.Allein, wenn nicht, dann Unglücksel'ge! wisse:Verschwinden sollst du vom Gesicht der Erde,Daß sich die Leute fragen: ist sie tot?Indes du lebst in dunklen Schauerklüften,Umgeben von des Ortes Einsamkeiten,Wo nur Erinnerung und du.Dort sollst du jammern, sollst die Hände ringen,Wie einen Festtag zählen jeden Tag,Wo mich mein Fuß in deine Zelle trägt.Umsonst dein Flehn, umsonst selbst deine Liebe(Näher tretend.)Wenn du mir Liebe bötest selbst.

Erny.Ich dir?Ha, mein Gefühl, ich hab es dir genannt.

Otto.Du hast, es sei!(Er tritt hinter den Vorhang.)

Erny.O Gott! Was wird?Er sinnt Gefährliches. Nur fort! Entfliehn!(Sie eilt zur Türe, und versucht es, sie zu öffnen.)Die Tür verschlossen.—Gott, wer schloß die Tür?Wer rettet mich? Sie kommen! Großer Gott!

(Der Vorhang fliegt auseinander. Herzog Otto tritt vor. Hinter ihm zwei Gewappnete, deren einer die Schnur des Vorhanges gezogen hat. Im Hintergrunde zeigt ein, aus seinem Rahmen geschobenes, großes Bild den Eingang, durch den sie gekommen sind.)

Otto.Ergreift dies Weib! Bringt sie nach Forchenstein,Auf den geheimen Pfaden, die ihr kennt.

Erny (die wieder nach der linken Seite des Vorgrundes geflohen ist).Mein Prinz!

Otto.Es ist zu spät!

(An der Tapetentüre wird gepocht.)

Ha Schwester, du?Es ist zu spät, sag ich nun auch zu dir!(Er dreht den Schlüssel an der Tapetentüre.)Die Würfel liegen, und kein Schritt zurück.Ergreift sie, sag ich euch!

Erny.Ich aber: Weicht!(Sie hat den Dolch ergriffen, der auf dem Tische lag.)Du hilfreich Werkzeug, dich hat Gott gesendet!Glaubst du dich meiner Herr, und jauchzest drob?Wer mich berührt, den trifft dies scharfe Eisen.Ein zürnend Weib und eine Ungarin,Wer wagt's, und naht?

(Sie tut einige Schritte ihnen entgegen, die Gewappneten halten ein.)

Otto.Ha Feige! zittert ihr?Und habt doch Harnisch an?

(Die Gewappneten gehen auf sie los.)

Erny.Erbarmen!—Ha,Sie nahn, sie fassen mich!

(Einer der Gewappneten hat sie ergriffen, sie reißt sich los.)

Hier ist kein Harnisch!(Sie stößt sich den Dolch in die Brust.)O weh!—Es schmerzt!—Muß ich so früh schon sterben?—Mein Blut!—Es schmerzt!—

(Sie sinkt zu Boden.—Herzog Otto entflieht nach dem Innern desGemaches zu. Sobald gepocht wird, bleibt er erstarrt stehen, nochimmer in der Stellung eines Fliehenden, den Rücken gegen dieZuschauer gekehrt.)

Königin (von innen an die Tapetentüre pochend).Macht auf! bei eurem Leben, öffnet!

(Einer der Gewappneten öffnet die Tapetentür. Königin tritt heraus.)

Was ging hier vor? Um aller Heil'gen willen?Verruchter! Das mein Lohn und dein Versprechen?Sucht Hilfe, eilt!

(Um die Tote beschäftigt. An der Seitentüre rechts wird heftig geschlagen, verworrne Stimmen lassen sich hören.)

Mein Gott! Was ist nun das?

Peter (von außen).Sie ging hinein, wir haben sie gesehn!

Simon (ebenso).Sprengt auf die Türe, öffnen sie nicht willig.

Königin (ihren Bruder an der Hand ergreifend und vorführend).Unseliger, stell dich an meine Seite,Die Rasenden ergreifen, töten dich.

(Die Türe wird eingesprengt. Bancbanus. Die Grafen Simon und Peter mit Dienern und Gewaffneten stürzen herein.)

Simon.Bancbanus, sieh! dort liegt dein Weib ermordet!

Bancbanus.O Erny, o mein Kind, mein gutes, frommes Kind!(Kniet an der Leiche.)

Peter.Ist keine Hilfe? Sendet Diener aus!

Simon.Umsonst! getroffen ist der Sitz des Lebens,Kein Arzt, kein Gott gibt wieder sie zurück.Nichts mehr für sie zu tun, als sie zu rächen!Dort ist der Mörder! Dieser hat's getan.(Auf Otto zeigend.)Heraus mein Schwert und freu dich auf ein Fest!

Peter.Du grimmer Wolf, was tat dir dies mein Lamm?(Er zieht ebenfalls.)

Simon.Auf ihn! Haut ihn in Stücke! Stoßt ihn nieder!

Königin.Zurück! Wer klagt hier an, und wer beweist?

Peter.Liegt nicht das Opfer tot in seinem Blut?

Simon.Steht nicht der Henker dort? Wer anders konnt' es?

Königin.Wer anders? Ich! ich selber hab's getan.Sie hatte höchlich sich an mir vergangen,Und also straft' ich sie. Wenn mein GemahlZurückekehrt, steh ich dem König Rede.Bis dahin—(Zu Otto.) Komm!—Und Ihr kennt Eure Pflicht!

(Mit ihrem Bruder zum Abgehen gewendet. Die übrigen stehen um die Leiche.)

Vierter Aufzug

Platz vor Bancbanus' Hause.

Die Grafen Simon und Peter kommen mit Begleitung. Alle bewaffnet. Sie bleiben im Vorgrunde rechts stehen.

Simon.Bancbanus nicht zu Hause?—Aber seht,Dort nahen sie, sie kommen vom Begräbnis.Was fällt ihm ein? Begräbt er seine Frau?—Ein Bahrrecht soll uns werden. Blut'ges Bahrrecht!Er wird schon alt und kindisch, höchste Not,Daß andre denken, handeln drum für ihn.(Zu Peter.)Sei ruhig, Bruder, dir soll Rache sein!(Zu einem Begleiter.)Du aber kehre zu den Unsern. Sag,Sie sollen jeden Ausgang streng bewachen,Der aus dem Schloß ins Freie führt. Man willDen Mörder unserm Grimm entziehn, ihn heimlichNach Deutschland senden; doch das soll, das darf nicht!Ich will dich zerren, blut'ger Wolf!—Geh nur!Und komm ich selbst, und haben wir nicht Antwort,So stürmen wir das Schloß!

(Begleiter geht ab.—Im Hintergrunde kommt Bancbanus auf zwei Diener gestützt. Verwandte und Freunde hinter ihm, alle in Trauer. Sie gehen quer über die Bühne auf das Haus zu.)

Er kommt.

Peter.Und sieh wie bleich!

Simon (ruft).Bancbanus!

Bancbanus (anhaltend).Halt, wer ruft? Ah, du, mein Bruder?(Nach vorne kommend.)Wir haben dein entbehrt bei dem Geleit.Ich sandte zu dir, doch, du warst nicht heim.

Simon.Nicht heim? Nicht heim?(Gegen seine Begleiter gewendet.)Wo war ich denn derweile?

Bancbanus (zu den Leichengästen).Euch andern Dank für diesen letzten Dienst,Den ihr erwiesen mir und meinem Weib.Zur sichern Ruhstatt brachten wir sie hin,Wo Gott sie hat, und hat sie ach! so lieb,Daß er sie nimmer läßt. O nimmer! Nie!(Mit erstickter Stimme.)Nun denn: dein Will' gescheh'!—Kehrt nun nach Haus,Und haltet ruhig euch und still. Denkt drum nicht schlimmerVon mir und von den Meinen. Wenn mein Weib sichAuch eines Fehltritts, wie es heißt, vermaß,Für den man sie so hart, ach, gar so hart bestraft,Geschah's gewiß aus Übereilung nur,Denn sie war ruschlich—o mein Weib! mein Weib! mein Weib!—

Was sie versehn, und wie sie sich vergangen,Ob man zu streng, zu hart an ihr getan,Es wird sich weisen, kehrt der König wieder.Und das soll bald, gemeldet ward's ihm schon.Der nun wird sitzen mit dem Schwert des Rechts,Wer rein, wer schuldig, wird sein Wort entscheiden.Bis dahin haltet euch als ruh'ge Bürger,Und meines Danks versichert, lebet wohl!

Simon.Halt noch! und du! Seid Ihr so zahm, so feig,Daß Ihr mit Tränen ehrt nur ihren Tod?Sie hätte eines Fehltritts sich vermessen?Getötet hat man sie, hat sie ermordet,Weil sie sich nicht gefügt verbotner Lust.

Bancbanus.Bist du der Richter hier in diesem Land?Der Alleswissende du ob den Sternen?Daß du so kühn dein Urteil gibst für Recht?

Simon.Ein Ungar bin ich, rufend um Gericht.

Bancbanus.Es soll dir werden, kehrt der Richter heim.

Simon.Dann ist der Schuld'ge fern, sie retten ihn.

Bancbanus.Das soll man nicht!

Simon.Sie wollen's und sie tun's!

Bancbanus.So sehr denn lechzest du nach seinem Blut?

Simon.Ich, ja!

Bancbanus.Auch ich, gäb's wieder mir mein Weib!

Simon.So tret ich denn als ihr Verwandter auf,Und fordre Bahrrecht, Blutrach', und zur Stund'!

Bancbanus.Ich bin der Nächste, dem man sie geraubt,Dem man sein Heil, dem man sein Glück getötet,Mein Kind, mein Weib, mein alles auf der Welt.Wenn nun nicht ich, wer ist so kühn und redet?Hier steht noch einer, sieh, ihr Bruder hier,Allein er schweigt und starret auf den Grund.Komm, Peter komm! Wir wollen in mein Haus!Es ist um Zwielicht schon, wir setzen unsDort, wo sie saß und sprach, und sagen uns,Wie lieb sie war und gut;—komm, Peter komm!Und weinen uns recht satt.

Simon (Peter am Arme haltend).Nicht von der Stelle!(Zu Bancbanus.)So wisse denn, die Burg ist schon umringt.Auslieferung des Mörders fordern wir,Nicht ihn zu töten, nur zu sichrer Haft.Wird nicht Gewährung uns zu dieser Stunde,So stürmen wir das Schloß. Bist du ein Mann,So nimm dein Schwert, und geh an unsrer Spitze.

Bancbanus.Aufrührer! ich mit euch? Ich bin der Mann des Friedens,Der Hüter ich der Ruh'.—Mich hat mein KönigGeordnet seinen Frieden hier zu wahren;Ich in den Bürgerkrieg mit euch?Fluch, Bürgerkrieg! Fluch dir vor allen Flüchen!Aufrührer, sieh, und so verhaft ich dich.Im Namen meines Königs, deines Herrn!

Simon (ihn mit vorgestreckter Hand abhaltend).Schwachsinniger! Bewahrst du andrer Rechte,Und kannst die eignen nicht bewahren dir?So bleib denn, bleib! Das Ziel sei der Verachtung,Ein Spott für jeden, dem die Ehre lieb!Kein Tapfrer setze sich an deinen Tisch,Der Bettler weise dir zurück die Gabe,Unheilig sei die Stätte deines Grabs.Bewein dein Weib, ich aber will sie rächen!Ihr in der Trauer friedlichem Gepränge,Nehmt Schild und Schwert, zeigt männlich euer Leid!

Bancbanus.Verwandte! Freunde! Haltet! Hört mich erst!

Simon.Wer denkt wie ich, der trete her zu mir!

(Die Leidtragenden treten zu ihm über und nehmen Waffen.)

Bancbanus.Bin ich allein für meines Königs Sache?Unglückliche, vernehmt—

Simon.Schlagt Schild und Schwert zusammen,Hört nicht, was er in seinem Wahnwitz spricht!

(Sie schlagen unter lautem Ausruf ihre Waffen aneinander, indesBancbanus fruchtlose Versuche zu sprechen macht.)

Bancbanus.Ihr wollt nicht hören? Krieg denn wollt ihr? Habt ihn!Doch gegen euch mit meinem letzten Odem.Gebt mir mein Schwert! Mein Schwert!—Mein Schwert!(Er wendet sich wankend gegen seine Diener und sinkt endlich inihren Armen zur Erde.)

Simon.Laßt ihn, und überlaßt ihn seiner Schwäche!Die Zeit verrinnt. Folgt mir! Kommt mit aufs Schloß!Der Rache sei ihr Recht, dem Recht sei Rache!

(Mit seinen Begleitern ab.—Pause.—Es wird allmählich, dunkler.)

Bancbanus (richtet sich mit Hilfe seiner Diener vom Boden auf).Wo sind sie hin? Bringt mich ins Haus zurück!Hol einen Mantel du. Du kannst ja rudern?Auch eine Blendlaterne bringe mir.Es wird schon dunkel. Führt mich in mein Haus.

(Sie bringen ihn ins Haus.)

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Zimmer der Königin, mit einer Mittel-und zwei Seitentüren, von denen jene rechts nach dem Vorgrunde zu, die zur linken Seite aber gegen den Hintergrund angebracht ist. Rechts im Vorgrunde ein Tisch mit Lichtern, dabei ein Lehnstuhl.

Hinter der Szene ertönt ein Schrei. Dann stürzt die Königin aus derSeitentüre rechts. Herzog Otto hinter ihr, das Schwert in beidenHänden gerade vor sich hinhaltend wie einer, der sich anschickt,zum zweiten Male auszuholen.

Königin.Um Gottes willen! Bruder, was beginnst du?

Otto.Ah, Schwester! so bist du's? Ich dachte, sie wär's,Die blasse Gräfin, sie.—Nun, so ist's gut. (Will zurück.)

Königin.Ich bitt dich, bleib!

Otto.Warum?

KöniginIch bitte dich!

Otto.Wart noch!(Er geht in das Zimmer zurück.)

Königin.Auch dieser Trost noch sollte fehlen!

Otto (kommt zurück, einen Gewappneten führend).Hier stell dich an die Tür, und siehst du? soHalt deinen Spieß. Wer irgend nun hereintritt,Und weiß das Merkwort nicht, den stößt du nieder.Triff zweimal, oder dreimal, bis er tot.(Vorkommend.)Ich selber halte dies mein gutes Schwert,Ich hab's geschliffen—(Es seiner Schwester hinhaltend.)Fühl!(Er versucht selbst die Schneide.)Hui! Scharf, wie Gift!Das in der Hand, den Rücken so gesichert—(Er schiebt den Tisch nach rückwärts.)Der Tisch ist für den ersten Anfall gut.So will ich sitzen, und will wachsam sein.(Setzt sich.)

Königin.Vergißt du denn?

Otto.Nach Deutschland kehr ich heim.Sorgt ihr für euch! Was kümmert's mich?

Königin.Nach Deutschland?Und jeder Ausgang ist verwehrt, bewacht.

Otto (seine Beine betrachtend).Ich will mir Schienen fert'gen lassen, dreifach Eisen,Und Panzerhosen von geprobtem Stahl.Der Stiefel schützt nicht g'nug.(Mit dem Schwert an den Fuß klopfend.)Es schmerzt wohl gar!(Er greift mit der Hand nach der getroffnen Stelle.)

Königin.Mann! wenn du es noch bist—zum mindsten Mensch denn!Wahnsinnig mach mich nicht mit solchen Reden!Weißt du auch, wo du bist? Was dich umgibt?Von Pöbelhaufen sind wir rings umlagert,Nach dir begehren sie, dich heischt ihr Grimm.Das Schloß ist schlecht verwahrt, der Unsern wenig;Geh du hinab, stell dich an ihre Spitze,Wend ab, was droht.

Otto (aufspringend).Daß sie mich fangen? töten?Pfui über allen Tod! Durch Schwert, durch Feuer,Durch Gift, durch Strick, durch Beil, pfui allem Tod!Ei, ich will leben, ich!(Er setzt sich wieder.)

Königin.So lebe denn,Bis uns das Unheil allesamt verschlingt!

Otto.Wo ist dein Sohn? Das ist ein wackrer Schütz,Mit seiner kleinen Armbrust. Ruf ihn her!Er war zu Nacht bei meines Bettes Häupten,Dort hielt er Wacht; und wenn die Gräfin kam,Da spannt' er seinen Bogen, wie Cupido,Und schoß nach ihr den Pfeil. Sie duckte sich,Jetzt hier, jetzt dort! so war sie nicht mehr da.Wo ist dein Sohn? Mich drängt es, ihn zu sehn.

(Der Schloßhauptmann.)

Königin.Euch sendet Gott vom Himmel! Nun, mein Freund,Habt Ihr die Meuter angeredet? GebenSie besserm Rat, sie ihrer Pflicht Gehör?

(Schloßhauptmann zuckt die Schultern.)

So bleiben sie bei ihrer alten Fordrung?

Schloßhauptmann.Sie haben einen hergesandt als Boten,Um Euer Gnaden ihr Begehr zu künden.Er harrt im Vorgemach. Doch bleibt's wohl fruchtlos,Denn sie bestehn—

Königin.Laßt ihn doch immer ein!Ein lebend Wort gilt hundert tote Zeilen,Und Hunderte von Gründen samt Erweis.

(Schloßhauptmann geht ab.)

Nun, Bruder, aber geh auf dein Gemach,Sie sollen dich nicht sehn!

Otto.Was fällt dir ein?Ich muß hier Wache halten! Wache! Wache!

(Graf Peter kommt, vom Schloßhauptmann begleitet.)

Königin.Nun Graf, als Kämmrer übt Ihr Euer Amt,Allein, nicht öffnend, Ihr verschließt die Türen.

Peter.Der Grund, warum wir Euch in Waffen nahn—

Königin.Ich weiß den Grund—vielmehr nur: ich errat ihn;Denn wissen, hieße doch zugleich erklären,Daß er erkennbar aus Vernunft und Recht.

Peter.Ein ungeheurer Frevel ist geschehn.

Königin.Ein Unglück, sprecht vielmehr!

Peter (auf Otto zeigend).Der Täter hier.

Königin.Wer sagt's Euch?

Peter.Es ist klar! Er sei bestraft!Auslieferung des Schuld'gen wird begehrt.

Königin.Ausliefern ihn? Daß Ihr in seinem Blut—

Peter.Nicht ihn zu töten, nur in sichre Haft.

Otto.Der ist nicht klug! Nach Deutschland geh ich.

(Er neigt den Kopf in die Lehne des Sessels zurück.)

Peter.Hört Ihr?

Königin.Wir werden uns verständ'gen, seh ich wohl.Seid Ihr zufrieden, wenn ich Euch gelobe,Ihn selbst zu halten hier, ihn nicht zu lassen,Bis Euer Herr zurückkehrt, und der meine?

Peter.Verzeiht, wir traun Euch nicht!

Königin.Verwegne, wagt Ihr's?Und wenn zurück ich das Begehren weise?

Peter.So stürmen wir—so stürmen sie das Schloß.

Königin.Ich seh in Euren Augen, Graf, ein Etwas,Das eine mildre Meinung mir verbürgt.

Peter.Hier ist von meiner Meinung nicht die Rede,Von meinem Auftrag nur.

Königin.Nun denn, so wißt:Eh' ich den Bruder seinen Mördern liefre,Begrab ich mich in dieses Schlosses Trümmern,Mich, Eures Königs Weib, mit mir sein Kind,Den Erben seines Throns. Wagt Ihr's und stürmt?Der König wird so teure Pfänder rächen.

Peter.Mit Recht. Doch nicht an uns, da Ihr sie tötet.

Königin.Ist dies Eu'r letztes Wort?

Peter.Das meine, ja;Doch nicht auch Euer letztes, hoff ich.

Königin.Geht!

(Graf Peter ab. Königin zum Schloßhauptmann.)

Sagt ihm, wenn man—Begehrt zwei Stunden Aufschub,Bis dahin überlegt man—

(Schloßhauptmann ab. Königin steht erwartend an der Türe.Schloßhauptmann kommt zurück.)

Nun?

Schloßhauptmann.Er will nicht.

Königin.Sei's denn! Geht in den Schloßhof. Rüstet Euch,Heißt alle wachsam sein. Versprecht Belohnung.Vor allen braucht die Leute meines Bruders.Wenn's angeht, kommt er, selbst.

(Schloßhauptmann ab. Königin rasch zu Otto tretend.)

Nun, Bruder, auf!Schläfst du? Und wär' dein Schlummer Seligkeit,Ich kann dir's nicht ersparen. Auf!Die Waffen in die Hand!(Die Hand auf sein Haupt gelegt.)

Otto (emporfahrend).Wer faßt mich an?(Mit abstreifenden Bewegungen über Arm und Körper.)Sie fangen, töten mich! Ha! Ketten, Bande, Stricke!—Wer da?—Ha, Schwester du?—Und doch, und doch—Dort regt sich's—dort, im Winkel—Meine Schwester?Bringt Lichter!—Dort im Winkel!—Gott! nur Licht!Licht, sag ich: Licht! Licht! Licht!

(Kammerfrau aus der Seitentüre rechts, mit Licht.)

Königin.Nur Fassung, Bruder!(Zur Kammerfrau.)Bleibt dort, dort an der Türe mit dem Licht!(Zu Otto.)Sieh, es ist nichts.

Otto (matt).O Schwester, meine Schwester!Nicht wahr, die Gräfin war ein böses Weib?

Königin.Vielleicht!

Otto.Sie hat's verdient!

Königin.Wohl möglich!

Otto.Ach!Und ich hab's nicht getan, sie tat es selbst?

Königin.Sei ruhig! Was geschehn, ist nicht zu ändern!Drum sammle dich, und laß uns weitersehn.

Otto (von seiner Schwester unterstützt).Mein Innres ist betrübt, bis in den Tod!Schick fort nach deinem Sohn! Das Kind ist gut.Es hat mich diese Nacht bewacht, es soll'sAuch jetzt. Geh, bitt dich, deinen Sohn!

Königin (zur Kammerfrau).Bring ihm das Kind!

(Kammerfrau geht in die Seitentüre rechts ab.)

Du aber setz dich dort auf jenen Stuhl.Sei erst du selbst, das andre findet sich.

(Entfernte Trompeten und Geschrei. Ein starker Schlag erschüttert das Schloß.)

Ha, was ist das?

(Kammerfrau kommt mit dem Kinde zurück.)

Kammerfrau.Ach, gnäd'ge Frau! Sie bringenSturmböcke, Mauerbrecher an das Schloß.

Königin.Kein Aufschub denn?

Kammerfrau.Ich sah's beim Schein des Mondes,Sie stehn in Haufen. Hörtet Ihr den Schlag?

(Ähnliches Getöse, wie oben.)

Schon wieder! Gott und Herr, in deinen Schutz—

Otto.Die Mauern sind zu schwach, sie halten nicht.Ein Dutzend Stöße, und sie stürzen nieder.

Kammerfrau.Erbarm dich unser, Herr!

Otto.Am Tore rechts,Da steht ein Erker, vor ins Freie springend.Wenn den mit Schützen man besetzt und Schleudrern,So fassen sie des Feindes Seite, drängenUnd treiben ihn zurück.

Königin.Wenn du's erkennst,Hinab, und ordn' es so!

Otto.Was fällt dir ein?Ich geh nicht hin, ich bleibe hier bei euch!Habt ihr zu essen nicht? Mich hungert.

Königin.Von aller Welt verlassen, und auch dies noch!In ihm vernichtet, der mein alles war!

(Erneuerter Anprall und Kriegeslärm.)

Otto.Knie nieder, Knabe! falte deine Hände!(Zur Kammerfrau.)Du auch!—Ich hinter euch, mit meinem Schwert,Will stehn und wachen, ob euch Gott erhört.

Königin.Horch! Was dort für Geräusch?

Kammerfrau (die aufgestanden).Es kam von seitwärts,Aus jenem Zimmer!(Auf die Seitentüre links zeigend.)

Königin.Ist Verrat im Werk?

(Man hört Fenster klirren.)

Kammerfrau.Sie überfallen uns.

Königin.Wer da?—Man schweigt.

Otto.Kniet nieder ihr, dies ist der letzte Tag!

Königin (zu Otto).Gib mir dein Schwert! Ich will nur selber sehn.Wer dort? Freund oder Feind?

Bancbanus (in einen braunen Mantel gehüllt, eine Blendlaterne inder Hand, kommt aus der Seitentüre links).Nicht Feind, nicht Freund!Ich bin's!

Königin.Bancban!

Otto (zum Knaben).Stell dich vor mich hin, Knabe!Sie wollen mir zu Leib!

Bancbanus (auf die Kammerfrau zeigend).Heißt diese gehn!

Königin.Führt Ihr Verbotnes nicht im Sinn?

Bancbanus.Ei ja!

Königin.Margrete, geh!

(Kammerfrau geht ab.)

Wie nun?

Bancbanus.Mir ist gelungen,Zu täuschen Eurer Feinde Wachsamkeit,Auf kleinem Kahn den Graben zu durchsetzen,Der dort das Schloß umgibt. Wollt Ihr mir folgen?Ins Freie bring ich Euch auf gleichem Weg!

Königin.Bancbanus, sprecht Ihr Wahrheit?

Bancbanus.Zweifelt Ihr?

Königin.Nach allem, was geschehn?—Mann! Ihr vergaßt?

Bancbanus.Nicht, daß mein Herr Euch meinem Schutz vertraut.Nehmt Euer Kind, und folgt!

Königin.Mein Kind! und dieser? (Auf Otto zeigend.)

Bancbanus.Dankt Gott, daß, als ich kam, ich seiner nicht gedacht!Nehmt Euer Kind und folgt!

Königin.Bancbanus, höre!Du rettest alle drei uns, oder keines.Mit ihm den Tod, mit ihm auch nur befreit.

Bancbanus.Ich will nicht sehn, wer Euren Schritten folgt.Doch hüt' er sich, wenn draußen wir im Freien.

Königin.Komm, Bruder! komm!

Otto (zum Kinde).Und du! Und hier mein Schwert!

(Er führt den Knaben. Alle gehen durch die Seitentüre links ab.Bancbanus schließt.)

Kammerfrau (stürzt herein).Um Gottes willen, gnäd'ge Frau! O Rettung!Das Tor ist offen, Feinde überall!Wo sind sie? Gott! Wo flieh ich Ärmste hin?

(In die Seitentüre rechts ab.)

Dunkles Gewölbe. Im Hintergrunde ein offner Mauerbogen als Eingang.An der Seitenwand links ein ähnlicher kleinerer, zu einem schmalenGange führend. Gegenüber rechts, ein verschlossenes Pförtchen.

Bancbanus kommt mit einer Blendlaterne. Hinter ihm die Königin, dann Otto, den Knaben führend, unter dem Arme einen zusammengefalteten weißen Mantel, in der Hand das bloße Schwert.

Bancbanus (am Ausgange auf der linken Seite stehenbleibend).Hier ist die Tür. Sie führt durch einen GangNach außen, bis zum Graben hin der Burg.Dort harrt sein Nachen—

Otto (zum Kinde herabgebeugt).Ich will rudern, schau!

Bancbanus (zur Königin fortfahrend).Ein Fährmann lenkt den Kahn, der also klein,Daß er nur zwei auf einmal bergen kann:Den Fährmann selbst, und Eines je von Euch.Gefällt's Euch, geht zuerst. Zurückgekehrt,Nimmt Euer Kind der leichtgefügte Nachen;Und läßt der Feind uns Zeit zur dritten Fahrt,So mag sich retten, wem's noch ferner nötig.

Königin.Nicht so, Bancban! Soll ich dein Schiff besteigen,So rett es diesen erst. (Auf Otto zeigend.)

Otto.Ja, mich zuerst!

Bancbanus.Nicht eh' noch Euer Kind?

Königin.Dies Kind beschütztSchuldlosigkeit mit lilienblankem Schwert,Doch diesen suchen sie, und er ist schuldig.Drum rett erst ihn, zum zweiten dieses Kind,Die dritte Fahrt der Schwester und der Mutter.Nimm, Otto, meinen Sohn! Folgt diesem Mann!Ich selber bleibe hier. Die dumpfe Luft,Der enge Raum benimmt, hemmt mir den Atem.Wenn mich die Reihe trifft zur nächt'gen Fahrt,So gebt ein Zeichen mir. Leb wohl, mein Sohn!Mein Bruder, lebe wohl! Nun fort, nur schnell!

(Bancbanus mit der Laterne voraus in den Gang. Otto, der Mantel und Schwert weggeworfen, und den Knaben auf den Arm genommen hat, folgt. Königin, nachdem sie ihnen einen Augenblick nachgesehen hat, rasch nach hinten gewendet.)

Ich hörte Stimmen, und sie kommen, fürcht ich.Das Schloß ist über, wenn nicht alles täuscht.Nur so viel Frist, o Gott! bis sie gerettet,Die Lieben beide! Komme dann, was will!(Am Mitteleingange stehend.)Ich hörte recht. Die Stimmen nahen. Helle,Wie Fackelschein, wächst gleitend durch die Gänge.Der Fußtritt naht. Stell ich den Meutern michAls Königin entgegen und als Frau?Sie spotten mein, und tun ihr blut'ges Werk.Ergreif ich dieses Schwert, den Mantel hier,(Sie rafft beides vom Boden auf.)Und kämpf als Mann um meine süße Beute?Zu schwach! O Gott! Kein einzelner genügt!Drum dort hinein! Zu warnen, anzutreiben,Beschleun'gen ihre Flucht—O Gott, man kommt!

(Sie wirft Schwert und Mantel wieder hin, und eilt fliehend in den Gang.In demselben Augenblicke treten die Grafen Simon und Peter, vomHintergrunde her, auf; erst später hinter ihnen Gewaffnete mit Fackeln.)

Simon.Der Herzog war's! Dort liegt sein Schwert und Mantel.Wirf deinen Dolch!

Peter (wirft seinen Dolch in der Richtung des Ganges. Ein gedämpfterSchrei wird gehört).Gerechter Gott!—Mein Bruder!Das war des Herzogs Stimme nicht.

Simon (vorkommend).Nur nach!Es soll sich zeigen bald, wer es gewesen!Dringt in den Gang, und folgt der Flücht'gen Spur!

(Einige gehen in den Gang.)

Sie können nicht entrinnen, auch von außen,Vom Graben her, ist bald der Gang besetzt.Mein reisig Volk verlegt den Ausgang dort.

(Von denen, die in den Gang gedrungen sind, kommen einige zurück mitZeichen des Entsetzens.)

Was ist?

Ein Gewaffneter.Sie stirbt. Es ist die Königin!

Simon.Willst du mein spotten?

Peter.Seht! Bringt Hilfe! Schnell!

(Königin erscheint blutend am Eingange. Sie macht eine abhaltende Bewegung, und sinkt dann tot nieder.)

O all ihr Engel, die ihr Böses abwehrt,Steht bei! Ich hab die Königin erschlagen!

(Er eilt zur Leiche.)

Simon.Hast du's gewollt? Und dann, weil's doch geschehnWeil uns der Teufel gaukelnd hier genarrt,Um desto heißer nach dem Doppelmörder!Ihm nach, der sie auch tötete, auch sie!Laß jetzt die Klage, Bruder! Räch dich erst!Hier ist sein Weg. Ich schlacht ihn allen beiden.

(Indem er sich anschickt, den Gang zu betreten, springt die Seitenpforte rechts auf, und Herzog Ottos Gefolge dringt bewaffnet herein.)

Erster Edelmann (von Ottos Gefolge).Schützt euren Herrn! Fallt an die frechen Meuter!

Simon (umkehrend).Du Herrenknecht! Nachtreter seiner Laster!Geh diesesmal voran, zeig ihm den Weg!

(Er fällt ihn an. Gefecht.)

Zweiter Edelmann.Drängt weh sie von der Pforte, ab vom Gang!

Simon (fechtend).Rasch, Peter! Zieh dein Schwert, mach reine Bahn!

Erster Edelmann.Dich sucht' ich, dich!

Simon.Hier bin ich.

Erster Edelmann.Stirb!

Simon.Erst du!

(Ein ungarischer Anführer erscheint am Eingange des Hintergrundes. DieKämpfenden teilen sich nach beiden Seiten. Das Gefecht ruht.)

Ungarischer Anführer.Steckt ein die Schwerter! Nutzlos euer Streit!Der Herzog ist entkommen; war am Ufer,Bevor die Unsern noch den Platz erreicht.Nun dringen Krieger herwärts durch die Wölbung;Allein, zu spät, der Herzog ist entwischt.

Simon.Ist er entwischt? Nu du entkommst mir nicht.(Zum ersten Edelmann.)Zahl deines Herren Zeche, Sündenknecht!

(Die Kämpfer mischen sich wieder. Erneutes Gefecht.)

Erster Edelmann.Zieht euch zurück!

Simon.Zur Hölle, ja!

Erster Edelmann.Weh mir!

(Er fällt. Die Anhänger des Prinzen werden nach dem Hintergrund gedrängt. —Bancbanus kommt, den Knaben an der Hand, fliehend aus dem Gange. Bald hinter ihm dringen ungarische Krieger, auf demselben Wege, heraus, und mischen sich unter die im Hintergrund Kämpfenden.)

Bancbanus (im Vorgrunde links).Der Ausgang ist besetzt, und kein Entrinnen.Man kämpft, man ficht. Wo berg ich meinen Schatz?Ei ja! duck dich, mein Herrlein! duck dich, Kind!Der Mantel da hat Raum für unser beide.Und rühr dich nicht, und halt den Atem an.

(Er legt sich zu dem Knaben am Boden hin, und zieht seinen dunkeln Mantel über ihn und sich.—Das Gefecht, wieder nach vorn kommend, dauert fort.)

Fünfter Aufzug

Freie Gegend. Im Hintergrunde Hügel mit Aufgängen von beiden Seiten.

Bancbanus kommt auf einen Stab gestützt, den kleinen Bela an der Hand führend, von der rechten Seite. Herzog Otto mit bloßen Füßen, unbedecktem Haupte, und zerrißnen Kleidern folgt ihm in einiger Entfernung.


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