VII

»So stehe ich vor Ihnen wie ein Rekrut vor der Kommission. Wollen Sie mich durchsuchen.«

Awgust Matwejitsch weigerte sich mit der durchaus stichhaltigen Begründung, daß er keinerlei Verdacht ausgesprochen und diese Untersuchung nicht verlangt habe.

»Nein, auf solche Scherze lassen wir uns nicht ein!« sagte der Rittmeister, vor Wut ganz rot werdend und mit den bloßen Fersen stampfend. »Jetzt ist es zu spät, mein Herr, den Großmütigen zu spielen ... Ich habe mich nicht zum Spaß vor Ihnen entkleidet ... Ich bitte Sie, meine Sachen genau zu durchsuchen. Sonst erschlage ich Sie, nackt wie ich bin, augenblicklich mit diesem Stuhl!«

Und er ergriff mit seiner behaarten Hand den schweren Stuhl und schwang ihn über dem Kopfe des Polen.

Awgust Matwejitsch beugte sich mit Widerstreben über die auf dem Fußboden ausgebreiteten Sachen des Rittmeisters und tat, wie wenn er sie durchsuchte.

Die nackten Fersen stampften noch wütender, und zugleich zischte eine erstickte Stimme:

»Nicht so durchsucht man die Sachen! Nicht so! Haltet mich, sonst stürze ich mich auf ihn und erwürge ihn, wenn er es nicht ordentlich macht!«

Der Rittmeister war buchstäblich außer sich vor Zorn und bebte so, daß selbst das üppige schwarze Moos unter seinen muskulösen Armen, die er krampfhaft über dem Kopfe hielt, zitterte.

Der Pole ließ sich aber nicht einschüchtern. Er streifte mit einem ruhigen Blick das von Wut entstellte Gesicht und die Achselhöhlen des Rittmeisters, in denen sich zwei schwarze Ratten zu regen schienen, und sagte:

»Sehr schön. Ich bin zwar fest überzeugt, daß Sie ein Ehrenmann sind; da Sie aber darauf bestehen, will ich Sie wie einen Dieb durchsuchen.«

»Ja, hol mich der Teufel, ich bin ein Ehrenmann, und bestehe darauf, daß Sie mich wieeinen Diebdurchsuchen!«

Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn und fand selbstverständlich nichts.

»Nun bin ich also von jedem Verdacht rein,« sagte der Rittmeister. »Wollen jetzt die anderen Herren meinem Beispiele folgen.«

Ein zweiter Offizier entkleidete sich, und Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn auf die gleiche Weise. Dann kam der dritte an die Reihe, und so unterzogen wir uns alle der Durchsuchung. Sascha allein war noch nicht durchsucht, und gerade in dem Augenblick, als die Reihe an ihn kommen sollte, wurde heftig an die Zimmertür geklopft.

Wir alle fuhren zusammen.

»Niemand darf herein!« kommandierte der Rittmeister. Man klopfte aber noch heftiger.

»Wen bringt der Teufel her? Wir dürfen niemand hereinlassen, solange diese schmachvolle Sache nicht erledigt ist. Wer es auch sei, jagt ihn zum Teufel!«

Es wurde wieder geklopft, und wir hörten zugleich eine wohlbekannte Stimme:

»Wollen Sie mich einlassen. Ich bin es.«

Es war die Stimme unseres Obersten.

— — — — — — — — — — — — — — — —

Die Offiziere wechselten Blicke.

»Machen Sie auf, meine Herren!« wiederholte der Oberst.

Die Türe wurde aufgemacht, und der nicht sehr beliebte Kommandeur trat wie ein Kamerad in unsere Mitte. Auf seinem Gesicht leuchtete ein freundliches Lächeln, das er nur sehr selten sehen ließ.

»Meine Herren!« begann er, noch ehe er sich im Zimmer umgesehen hatte. »Bei mir zu Hause steht alles gut. Nach den aufreibenden Augenblicken, die ich eben durchlebt habe, wollte ich etwas frische Luft atmen. Und da ich Ihren kameradschaftlichen Wunsch, meine Freude zu teilen, kenne, bin ich zu Ihnen gekommen, um Ihnenpersönlich mitzuteilen, daß Gott mir ein Töchterchen geschenkt hat.«

Wir gratulierten ihm, unsere Gratulation klang aber natürlich nicht so lebhaft und freudig, wie es der Oberst, der von unseren Vorbereitungen gehört hatte, zu erwarten berechtigt war. Das fiel ihm gleich auf. Er sah sich mit seinen gelben Augen im Zimmer um und richtete sie auf den Fremden.

»Wer ist der Herr?« fragte er leise.

Der Rittmeister antwortete ihm noch leiser und erzählte kurz die ganze unangenehme Geschichte.

»Wie ekelhaft!« rief der Oberst. »Wie ist nun die Sache ausgegangen, oder ist sie noch immer nicht zu Ende?«

»Wir zwangen ihn, uns alle zu durchsuchen, und bei Ihrem Erscheinen blieb nur noch der Kornett N. undurchsucht.«

»Machen Sie ein Ende!« sagte der Oberst, sich auf einen Stuhl in der Mitte des Zimmers setzend.

»Kornett N., wollen Sie sich entkleiden!« kommandierte der Rittmeister.

Sascha, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, am Fenster stand, antwortete nichts und rührte sich nicht.

»Hören Sie denn nicht, Kornett?« wandte sich der Oberst an ihn.

Sascha rührte sich nun von seinem Platz und antwortete:

»Herr Oberst und meine Herren Offiziere, ich schwöre bei meiner Ehre, daß ich das Geld nicht gestohlen habe ...«

»Pfui, wozu dieses Schwören!« entgegnete der Oberst. »Alle sind hier über jeden Verdacht erhaben; wenn aberIhre Kameraden einmal beschlossen haben, sich der Durchsuchung zu unterziehen, so müssen auch Sie sich dem fügen. Dieser Herr soll Sie nun gleich in Gegenwart aller durchsuchen, und dann beginnt der zweite Akt.«

»Ich kann es nicht.«

»Was ... Was können Sie nicht?«

»Ich habe das Geld nicht gestohlen, ich will mich aber nicht durchsuchen lassen!«

Es erhob sich ein unzufriedenes Geflüster, und alle gerieten in Bewegung.

»Was soll das heißen? Es ist einfach dumm ... Warum wollen Sie sich nicht durchsuchen lassen?«

»Ich kann es nicht.«

»Siemüssen! Sie müssen einsehen, daß Ihr Trotz den für uns alle erniedrigenden Verdacht verstärkt ... Wenn Sie auf Ihre eigene Ehre keinen Wert legen, so muß Ihnen doch die Ehre Ihrer Kameraden teuer sein, die Ehre des Regiments und der Uniform! Wir alle verlangen von Ihnen, daß Sie sich augenblicklich entkleiden und sich durchsuchen lassen ... Und da Ihr Benehmen den Verdacht bereits verstärkt hat, so freuen wir uns alle, daß Sie in Gegenwart des Obersten durchsucht werden können ... Wollen Sie sich augenblicklich entkleiden.«

»Meine Herren!« sagte der Jüngling, der nun leichenblaß geworden und mit kaltem Schweiß bedeckt war. »Ich habe das Geld nicht genommen ... Ich schwöre es Ihnen bei meinen Eltern, die ich über alles in der Welt liebe ... Ich habe das Geld dieses Herrn nicht! Ich werde sofort dieses Fenster einschlagen und mich hinausstürzen, werde mich aber um nichts in der Welt ausziehen, das verlangt meine Ehre!«

»Was für eine Ehre?! Was für eine Ehre steht über der Ehre des Regiments und der Uniform? Wessen Ehre ist es?«

»Ich sage Ihnen kein Wort mehr, werde mich aber nicht ausziehen. Ich habe in der Tasche eine Pistole und mache Sie darauf aufmerksam, daß ich einen jeden niederschieße, der Gewalt gegen mich anzuwenden versucht!«

Als der Jüngling das sagte, wurde er bald blaß und bald feuerrot; er keuchte und sah mit irren Blicken auf die Türe; sein einziger Wunsch war, sich von hier herauszureißen; man hörte, wie er in der Tasche seiner Reithose den Hahn seiner Pistole spannte.

Sascha war mit einem Wort ganz außer sich. Seine Ekstase machte alle weiteren Einwände unmöglich und stimmte uns alle nachdenklich.

Der Pole zeigte als erster große und selbst rührende Teilnahme. Seine isolierte und daher sehr unvorteilhafte Stellung in unserem Kreise gänzlich außer Acht lassend, rief er voller Entsetzen, das seltsam ansteckend wirkte:

»Fluch über diesen Tag und dieses Geld! Ich will es nicht mehr, ich suche es nicht mehr, ich beklage es nicht mehr, ich werde niemals und niemand von diesem Verlust auch nur ein Wort sagen. Aber ich beschwöre Sie beim Gott Zebaoth, der Sie alle erschaffen hat, beim Heiland, der für Recht und Wahrheit ans Kreuz geschlagen wurde, bei Allem, was Ihnen wert und teuer ist, lassen Sie von diesemKnabenab ...«

Ja, er sagte »Knaben« und nicht »Jüngling«. Plötzlich fügte er mit einer gänzlich veränderten, aus der tiefsten Tiefe der Seele dringenden Stimme hinzu:

»Beschleunigen Sie den Gang des Schicksals nicht ... Sehen Sie denn nicht, wohin er geht? ...«

Sascha ging oder schlich vielmehr tatsächlich an den Offizieren vorbei auf die Türe zu.

Der Oberst verfolgte ihn mit seinen gelben Augen und sagte:

»Soll er nur gehen ...«

Dann fügte er leise hinzu:

»Ich glaube, ich fange etwas zu verstehen an.«

Als Sascha die Schwelle erreicht hatte, wandte er sich zu allen um und sagte:

»Meine Herren! Ich weiß wohl, wie schwer ich Sie beleidigt habe und wie niedrig meine Handlung Ihnen erscheinen muß. Verzeihen Sie mir ...! Ich konnte nicht anders ... Es ist mein Geheimnis ... Verzeihen Sie ... So verlangt es die Ehre ...«

Seine Stimme bebte wie vor kindlichen Tränen. Er schämte sich ihrer, bedeckte die Augen mit der Hand, rief: »Lebt wohl!« und stürzte hinaus.

Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgültigen Zuhörern zuschildern, wenn man auch selbst nicht mehr so erregt ist, wie man es seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen erzählen muß, was weiter geschah, fühle ich, daß ich es unmöglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und Intensität wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich damals überstürzten und sich aufeinander türmten, um gleichsam von einer schicksalsschweren Höhe auf die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft herabzublicken und sich gleich wieder in der Natur aufzulösen.

Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmännin Rada-Bay gelesen haben, so wissen Sie vielleicht noch, was sie von der »psychischen Kraft« der Hindus und von der Abhängigkeit dieser Kraft von der »geistigen Stimmung« erzählen. Die psychische Kraft wohnt vielleicht auch dem Stutzer inne, der, das Stöckchen schwingend, durch die Straßen flaniert und »Nun sind wir da, nun sind wir da!« aus dem »Orpheus« singt. Nun versuche aber einer zu ergründen, wo in ihm diese Kraft steckt und worauf sie sich anwenden läßt. Der Prediger Salomo erläutert es trefflich am Beispiele des Schattens, den der Baum in der Richtung des auf ihn fallenden Lichtes wirft ... Bei einer allgemeinen Panik verlieren alle den Kopf und halten das Nebensächlichste für das Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick sieht aber in diesem Moment das einzig Wichtige: da haben Sie einen Fall der »psychischen Kraft«.

Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich in dem Augenblick, als Sascha aus dem Zimmer stürzte. In seiner Bewegung, in seinem plötzlichen Sprung war etwas Schreckliches: er war nicht einfach weggelaufen, er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf Nimmerwiedersehen entschwebt ... Wir hörten sogar seine Schritte nicht, es war nur ein leises Rauschen durch den Korridor ... Der Pole stürzte ihm augenblicklich nach ... Wir glaubten, daß er ihn einholen und des Diebstahls überführen wolle; ich habe Ihnen schon erzählt, daß Sascha vorher das Unglück gehabt hatte, aus Versehen in das Zimmer des Polen einzudringen, was diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn zu richten. Übrigens waren wir alle davon überzeugt, daßder Pole das Geld tatsächlich gehabt hatte und daß es ihm in unserem Kreise abhanden gekommen war. Mehrere Offiziere stürzten zur Türe, um Awgust Matwejitsch den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu:

»Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!«

Der Pole aber stieß die Offiziere mit unerwarteter Kraft zurück und antwortete dem Obersten:

»Der Teufel soll das Geld holen!« Und lief Sascha nach.

Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein, den wir vorhin gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen ließen und dasselbe nicht auch vom Polen, der diese ganze Geschichte verschuldet hatte, verlangten. Wir stürzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die Möglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken und uns hinterher zu beschuldigen; aber in diesem selben Augenblick, — es ging viel schneller, als ich es Ihnen erzähle, — erklang im Korridor etwas wie Händeklatschen ...

Uns durchzuckte der Gedanke, daß der Pole Sascha ins Gesicht geschlagen hatte, und wir eilten unserem Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber unnötig ...

In der Türe vor uns stand schwankend die lange, an eine Standuhr gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs mit dem Grahamschen Zifferblatt, dessen Zeiger nach unten wiesen ...

»Es ist zu spät ...« keuchte er: »er hat sich erschossen.«

Wir drängten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen ein erschütterndes Bild: mitten im Zimmer stand, voneiner niedergebrannten Kerze beleuchtet, Saschas erschrockener Bursche und hielt ihn in seinen Armen, während Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die Arme hingen kraftlos herab, aber die eingeknickten Kniee zuckten noch, wie wenn man ihn kitzelte.

Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet, die sich jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt hatte, um dem Erscheinen der »hypokratischen Züge« auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine Begründung zu geben, war nun vergessen ... Auch die Angst vor einem Skandal war völlig in den Hintergrund getreten. Wir legten den Verwundeten aufs Bett, schickten nach Ärzten und bemühten uns, ihm, dem nichts mehr helfen konnte, Hilfe zu bringen ... Wir versuchten das Blut, das unaufhörlich aus der Wunde strömte, zu stillen, riefen ihn bei seinem Namen und schrien ihm ins Ohr: »Sascha! Sascha! Lieber Sascha!« Er hörte aber wohl nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach einer Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie ein Bleistift.

Viele weinten, und derBursche schluchzte laut ... Der Zimmerkellner Marko drängte sich zu der Leiche vor und sagte leise, seiner religiösen Stimmung treu:

»Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine Seele den Körper verläßt. Beten Sie doch lieber!« Mit diesen Worten schob er uns etwas zur Seite und stellte auf den Tisch einen Teller mit reinem Wasser.

»Was ist das?« fragten wir ihn.

»Wasser«, antwortete er.

»Wozu?«

»Damit seine Seele sich darin wäscht.«

Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rücken und drückte ihr die Augenlider zu ...

Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche fiel in die Kniee und schlug mit der Stirne gegen den Fußboden, daß man es hörte.

Zwei Ärzte — unser Regimentsarzt und einer von der Polizei — kamen gelaufen und konstatierten »die Tatsache des Todes«.

Sascha war tot ...

Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes? Wo ist das Geld, wer ist der Dieb, der es genommen hat? Wie wird sich diese Geschichte, die wie der Inhalt eines aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft wirbelte und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln?

Allen war es ganz wirr im Kopfe. Die Leiche hatte aber doch die Kraft, alle Gedanken auf sich zu lenken und uns zu zwingen, sich in erster Linie mit ihr zu befassen.

In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, Ärzte und Heilgehilfen, und man begann ein Protokoll aufzunehmen. Unsere Gegenwart wurde als störend befunden, und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen. Man entkleidete Sascha und durchsuchte seine Sachen in Gegenwart von Zeugen, unter denen sich der Zimmerkellner Marko, unser Regimentsarzt und einer der Offiziere als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverständlich nicht gefunden.

Unter dem Tische fand man die Pistole und auf dem Tische einen Zettel, auf dem Sascha mit flüchtiger Schrift hingekritzelt hatte: »Papa und Mama, verzeiht mir, ich bin unschuldig.«

Um dieses zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als zwei Sekunden gebraucht.

Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen war, erzählte, daß Sascha, gleich als er in sein Zimmer hereingestürzt war, stehend diese Zeilen geschrieben, sich dann die Kugel ins Herz gejagt hatte und sterbend in seine Arme gefallen war.

Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in der gleichen Fassung allen, die ihn ausfragten. Dann stand er schweigend da und zwinkerte mit den Augen. Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm in die Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister und sagte:

»Herr Rittmeister, erlauben Sie, daß ich hinausgehe und mich wasche: an meinen Händen ist Christenblut.«

Man erlaubte es ihm, weil er tatsächlich über und über mit Blut befleckt war, was einen schrecklichen Anblick bot.

Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel rötete sich schon, und das erste Morgenlicht drang durch die Fenster herein.

In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen alle Türen nach dem Korridor offen, und überall brannte Licht. Einige Offiziere saßen mit gesenkten Köpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen mehr wie Mumien als wie lebende Menschen aus. Der Rausch hatte sich wie ein Nebel verflüchtigt, ohne auch eine Spur zu hinterlassen ... Alle Gesichter drückten Verzweiflung und Trauer aus ...

Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch für dieirdischen Dinge interessieren könnte, so würde er sicher einen Trost darin finden, daß alle mit solcher Liebe an ihm hingen und daß es allen so weh tat, ihn, den blühenden und lebensvollen Jüngling zu überleben!

Auf ihm lastete aber ein Verdacht ... ein schrecklicher, schändlicher Verdacht. Wer würde es aber jetzt wagen, von diesem Verdacht zu seinen alten Kameraden zu sprechen, über deren bekümmerte Gesichter die Tränen rollten? ...

»Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du getan?« flüsterten alle Lippen, und plötzlich standen alle Herzen still, und ein jeder von uns fragte sich: »Bist du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht gesehen, in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine Kameraden einzuwirken versucht, daß sie ihn in Ruhe ließen? Hast du ihnen gesagt, daß du ihm vertraust und die Unantastbarkeit seines Geheimnisses achtest? Sascha! Armer Sascha! Was ist das für ein Geheimnis, das ihn zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen hat? ... Er ist natürlich rein und von jedem schmählichen Verdacht frei ... Fluch über den, der ihn in den Tod getrieben hat!«

Wer hat es aber getan?

Awgust Matwejitschs Türe stand ebenso offen wie die Türen aller Offizierszimmer; es brannte aber darin kein Licht, und im blassen Morgenscheine konnte man nur einen eleganten Reisekoffer und anderes Gepäck unterscheiden. In einer Ecke stand das leicht aufgewühlte Bett.

Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man den Wunsch, stehen zu bleiben und einen Blick hineinzuwerfen: Was birgt dieses Zimmer? Woher und wofür ist dieses Unglück über uns gekommen?

Mich zog es hin, nachzuschauen, ob das verschwundene Geld nicht in diesem Zimmer sei: hat nicht der Pole selbst das Geld in seinem Zimmer vergessen und dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen, jungen Kameraden gekostet hat? Ich war schon bereit, in das Zimmer einzudringen und es zu durchsuchen; glücklicherweise wurde ich aber rechtzeitig gestört.

Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer befand, in dem nachts gespielt und gezecht wurde, riefen mir in diesem Augenblick mehrere Stimmen zu:

»Wohin? Wohin? .. Diese Dummheit fehlt uns noch gerade!«

Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. Ich sah plötzlich ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben war und wie leicht ich in den Verdacht kommen könnte, in diese Sache irgendwie verwickelt zu sein.

Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten auf die Stimmen zu, die mich von meinem Vorhaben abgebracht hatten.

Vor dem noch finstern, nach Norden gehenden Korridorfenster saßen auf der mit einer schmutzigen Pferdedecke bedeckten Bank, die dem Burschen des Rittmeisters als Lager diente, drei Offiziere und unser Regimentspfarrer. Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf geflochten und hatte einen üppigen blonden Vollbart, dem er den Namen »Vater Barbarossa« verdankte. Erwar sehr gutmütig, nahm sich alle unsere Regimentsaffären zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht durch Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken und ein gedehntes »Ja« aus. Nur in den dringendsten Fällen sprach er etwas mehr und zeigte dann immer Geistesgegenwart und Findigkeit.

Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd aus zwei Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der Gruppe und bekam daher die Pfeife wie von rechts, so auch von links gereicht; auf diese Weise hatte er vom Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch auf die Weise vergrößerte, daß er nach jedem Zug aus der Pfeife sich das Gesicht mit dem herrlichen Vollbart bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen eigenartigen Respirator hinausließ.

Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank nahe bei dem Zimmer des Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; drinnen wurde lebhaft, aber gedämpft gesprochen. Man hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein einziges Wort unterscheiden.

Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser Regimentskommandeur, der Rittmeister und der Urheber des ganzen Unglücks — Awgust Matwejitsch. Der Oberst selbst hatte die beiden Herren zu dieser Besprechung eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen wollte. Die drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus eigenem Antriebe den Posten in der Nähe des Zimmers bezogen, um den Kameraden zur Hilfe eilen zu können, wenn die Auseinandersetzung sich zuspitzen sollte.

Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos: das Gespräch wurde, wie gesagt, in höchst anständigerForm geführt; der Ton wurde immer weicher und klang zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und wie zwei Herren sich der Türe näherten.

Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen Tür erschienen der Regimentskommandeur und Awgust Matwejitsch.

Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade ruhig, so doch jedenfalls friedfertig.

Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte:

»Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen kann, die Sie mir unter diesen schrecklichen Umständen einzuflößen verstanden. Ich bitte Sie, meiner Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der Ihrigen vertraue.«

Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde und begab sich schweigend auf sein Zimmer; der Oberst aber wandte sich an uns mit den Worten:

»Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister zu begeben: Sie werden von ihm erfahren, wie wir uns alle zu verhalten haben.«

Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. Noch ehe die Türe unten hinter ihm ins Schloß gefallen war, füllten wir schon das Zimmer des Rittmeisters.

Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervös und aufbrausend. Er war schlagfertig und klug, konnte sich aber nicht beherrschen, und seine Redegabe war echt militärisch: er verstand wohl zu befehlen, aber nicht zu erzählen und seine Gedanken darzulegen.

So war er auch in diesem Augenblick. Er riß seine Halsbinde von sich und warf uns allen wütende Blicke zu.

»Nun, das sind schöne Geschichten, nicht wahr?« wandte er sich an den Pfarrer.

Dieser sagte nur »Ja, ja, ja« und nickte.

»Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schöne Folgen!«

Der Pfarrer sagte wieder: »Ja, ja, ja.«

»Das wäre aber eigentlich Ihre Sache!«

»Was denn?«

»Uns ganz andere Stimmungen beizubringen ...«

»Ja.«

»Sie haben aber gar keinen Einfluß auf uns.«

»Unsinn!«

»Es ist kein Unsinn. Was sind Sie jetzt hergekommen? Viel notwendiger braucht man jetzt einen Küster, damit er bei der Leiche die Psalmen liest.«

»Wie steht es? Was sollen wir tun?« drangen die Offiziere in ihn. »Der Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt und machen dem Pfarrer eine Szene ... Würden wir denn auf ihn hören, wenn er uns bekehren wollte? .. Wo ist der Pole? Weiß der Teufel, ob er das Geld überhaupt gehabt hat. Was treibt er jetzt allein auf seinem Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie beschlossen haben! Wer ist der Schuldige?«

»Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen Schuldigen!« antwortete der Rittmeister.

»Aber dieser Pole ...«

»Der Pole ist über jeden Verdacht erhaben ...«

»Wer hat Ihnen das eröffnet?«

»Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser Regimentskommandeur bürgen für ihn. Wir behaupten nicht, daß er der ehrlichste Mensch ist, wir sehen aber, daß er die Wahrheit spricht, daß er das Geld gehabt hat und daß es verschwunden ist. Nur der Teufel allein kann es gestohlen haben ... Daß das Geld tatsächlich vorhanden war, folgt schon daraus, daß, als der Oberst, der jeden Skandal vermeiden möchte, ihm hier in meiner Gegenwart die zwölftausend Rubel anbot, er auf sie verzichtete ...«

»Er verzichtete?«

»Ja, und noch mehr als das: er verpflichtete sich aus eigenem Antrieb, keine Anzeige über den Verlust zu erstatten und keinem Menschen auch nur ein Sterbenswort von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen. Kurz, er benahm sich so korrekt, vornehm und feinfühlend, wie man es nur wünschen kann.«

»Ja, ja, ja!« versetzte der Pfarrer.

»Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das Wort, daß wir ihm unser volles Vertrauen entgegenbringen und uns während eines ganzen Jahres als seine Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor Ablauf dieses Jahres nicht aufklärt und das Geld nicht zum Vorschein kommt, so bezahlen wir ihm die zwölftausend Rubel, und er verpflichtet sich, sie anzunehmen ...«

»Selbstverständlich nehmen wir diese Schuld auf uns und werden sie gewissenhaft abzahlen«, fielen ihm die Offiziere ins Wort.

»Meine Herren«, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort, »er ist aber fest überzeugt, daß wir nichts zu zahlen brauchen werden; er behauptet, daß das Geld sich findenwird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher Überzeugung, daß, wenn wahrhaftig der Glaube Berge versetzen kann, seine Erwartung sicher in Erfüllung gehen muß. Ja, sie muß sich erfüllen, denn sie ist mit Blut erkauft ... Er hat mit seinem Glauben auch mich und den Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen, wir verzichteten aber darauf ... Wenn Sie es aber wünschen, so können Sie es noch nachholen; er sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie können es tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: alles muß unter uns bleiben. Sie müssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort verpflichten.«

Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den Polen nicht. Wir gingen nur alle zu ihm ins Zimmer und drückten ihm stumm die Hand.

Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den Kameraden ein schwerer Zweifel zurück. An Saschas Leiche wurde aber indessen die Sektion vorgenommen, man fälschte den Tatbestand und schrieb ins Protokoll, daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn« verübt habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der Küster las eintönig den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir.«

Wir alle waren in gedrückter Stimmung. Wir gingen auf und ab, rauchten bis zur Bewußtlosigkeit und weinten sogar ab und zu. Eine solche Jugend, eine solche Frische mußte erlöschen! .. So wenig hatte er vom Honig gekostet und mußte schon sterben!

Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu Schlachten bestimmte Männer waren auf einmal zu Waschlappen geworden. Der Pole verschob seine Abreise: er wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen Vater sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen Abend ankommen sollte.

Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre, so hätten wir wohl die Stunden der Mahlzeiten vergessen; er aber sorgte für uns und auch für die Leiche. Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo man kaufen müsse und redete auf uns ein, wir sollten uns beruhigen.

»Alles geht nach dem Willen Gottes.« pflegte er zu sagen. »Wir sind wie Gras.«

Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. Man verhaftete die Hotelbediensteten unter verschiedenen Vorwänden und durchsuchte ihre Sachen. Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und verhört, ob der Selbstmörder ihm vor dem Tode nichts übergeben hätte.

Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht verstanden zu haben. Nach einer Weile antwortete er aber:

»Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.«

»Weißt du, was auf Hehlerei steht?«

»Jawohl.«

Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern von den Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich keinen Überfluß an Zartgefühl vorwerfen kann.

Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah man ihn schon mit dem Putzen von Saschas Reservestiefeln beschäftigt.

Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren. Er hatte eine militärische Haltung, trug die Uniform eines verabschiedeten Offiziers und Sporen, aber keinen Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und merkten garnicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir sahen ihn erst, als er wieder herauskam.

Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, ließ sich von ihm ins Sterbezimmer führen und verblieb dort mit ihm unter vier Augen mehrere Minuten. Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über die stille Majestät in seinen Zügen staunen.

»Meine Herren,« sagte er, sich vor uns verbeugend, »ich stelle mich Ihnen vor: ich bin der Vater Ihres unglücklichen Kameraden. Mein Sohn ist tot, er hat selbst Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in namenloses Unglück gestürzt ... Aber er konnte nicht anders, meine Herren ... Er starb wie ein Mann von Ehre und Gewissen ... Und dies ist, glauben Sie es mir, mein einziger Trost ...«

Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere Herzen sofort gefangen genommen hatte, in einen Sessel vor dem runden Tisch sinken, vergrub das Gesicht in die Hände und begann laut wie ein Kind zu schluchzen.

Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser.

Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich die Hand und sagte:

»Ich danke Ihnen allen, meine Herren!«

Dann fuhr er sich mit dem Tuch über das Gesicht und sagte:

»Das ist noch nicht das Schwerste ... Was bin ich?Aber wie soll ich es meiner Frau sagen? ... Das Mutterherz wird es nicht ertragen können!«

Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und begab sich zum Obersten, um sich ihm vorzustellen.

Auch zum Obersten sagte er, daß Sascha »wie ein Mann von Ehre und Gewissen« gestorben sei und daß er anders gar nicht hätte handeln können.

Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie es seine Gewohnheit war, an einem Bonbon und sagte schließlich:

»Sie wissen doch, daß dem Selbstmorde ein gewisser unglücklicher Umstand vorangegangen war ... Wir sind ja miteinander verwandt, und ich kann und muß Ihnen alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen des Kornetts war immerhin etwas sonderbar ...«

»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!«

»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, der das Geheimnis vor uns verdeckt, ein wenig lüften wollten ...«

»Ich kann es nicht, Herr Oberst ...«

Der Oberst zuckte die Achseln.

»Was soll man machen?!« sagte er. »Nun, mag es so bleiben.«

»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte wird sein Geld nicht vom Regiment, sondern von mir bekommen. Dies ist mein trauriges Vorrecht.«

»Ich wage nicht zu widersprechen.«

Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem Polen unter vier Augen die zwölftausend Rubel.

Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand,sagte: »Um nichts in der Welt!« und steckte es dem Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich einander gegenüber und fingen beide zu weinen an.

»Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat so ehrenhaft, so vornehm gehandelt, und doch ist noch ein Bösewicht im Spiele, der den Diebstahl verübt hat.«

»Man wird ihn schon finden.«

»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!«

Worin bestand nun das Geheimnis?

Damit meine Erzählung endlich einmal verständlich wird, muß ich es nun verraten:

Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner geliebten rosigen Kusine Anna, die nun die Frau seines Obersten war und just in dem Augenblick, in dem Sascha sich das Leben genommen, einem neuen menschlichen Wesen das Leben geschenkt hatte.

Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher Liebe als unschuldsvoller kindlicher Freundschaft und keuscher Gelübde; die rosige Anna war aber die Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren Vetter eifersüchtig, und Sascha mußte die Qualen eines Don Carlos erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe wahnsinnig gemacht hatte, kam die Geschichte mit dem Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch noch der Oberst beiwohnte, dazwischen.

Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt.

Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, händigte er das Bildnis seinem Burschen ein und sagte ihm:

»Ich beschwöre dich bei Gott: übergib es dem Vater.«

Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des Sohnes.

Der Vater sagte, daß der Sohn wie ein Mann von Ehre und Gewissen gestorben sei.

Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unähnlich und trug in winziger Schrift die Widmung: »Dem lieben Sascha seine treue Anna.«

Und kein Wort mehr ...

Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm! Vielleicht ist es auch wirklich dumm. »Jede Zeit hat ihre Vögel, jeder Vogel hat sein Lied.« Ich will nichts rechtfertigen und nichts kritisieren; ich will nur von den Männern sprechen, die den Fraueninteressanterschienen.

Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null, oder sehr wenig, — ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemästetes Muttersöhnchen in Uniform. Er hatte keinerlei bezaubernde Gaben außer der Gabe der Jugend und des ... unbeugsamen Gefühls für die persönliche Ehre der Frau ... Sie werden wohl sagen: ist denn das wert, daß man davor anbetend in die Knie sinkt? Ich will Ihnen aber erzählen, wie die Leute aufs Angesicht fielen!

Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verständnis der Geschichte eröffnen mußte, war damals natürlich keinem Menschen in der Stadt bekannt; der Bursche kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff es vollkommen. Außerdem kam noch ein neuer Umstand hinzu, der die Sache noch dunkler und verworrener erscheinen lassen mußte: der Zimmerkellner Marko erzählte vielen Leuten unter Diskretion, daß er mit eigenenAugen gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen dem Vater etwas eingehändigt hätte. Was mochte es wohl sein, das der eine so geheimnisvoll übergeben und der andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt hatte? ... Das weiß Gott allein! Marko bekreuzigte sich und sagte:

»Ich will keine Sünde auf meine Seele nehmen, — ich konnte nicht sehen, was es war; ich sah nur ein in Papier eingewickeltes Paketchen.«

War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter diesen Umständen, die von Augenblick zu Augenblick verworrener wurden und den demoralisierenden Verdacht immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch an eine solche Möglichkeit denken? ... Ist denn nicht ein jeder, der ein Paar Hände hat, auch imstande, sich mit ihnen das Geld anzueignen? Den Dieb ausfindig zu machen, — das ist die wichtigste Aufgabe: und die Pflicht eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdächtigen Umstand außer Acht zu lassen ...

Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwöhnische Augen besser sehen als das lichte Auge eines rührseligen Herzens; die Menschheit ist aber zu ihrem großen Glück auch seelischen Offenbarungen zugänglich; die Menschen betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren, durch nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend, das Unglück mit ihren Tränen. Das sind heilige Stürme, die herabgesandt werden, um den dicken erstickenden Nebel zu zerreißen; sie sind ein Hauch aus dem Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene klar wird.

Man ließ Marko nicht viel erzählen, was er alles gesehen haben wollte. Allewußten, daß der Bursche demVater des unglücklichen Sascha einweibliches Bildnisübergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte das Licht, wenn es ins Fenster des Zimmers blickte, in dem die geheimnisvolle Übergabe stattgefunden hatte; jeder Windhauch bestätigte es, und die Lerche sang davon, in die Lüfte steigend ...

Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal rührend, sondern erschreckend. Sie haben wohl alle, meine Herren, sogenannte »prunkvolle« Beerdigungen gesehen. Ich meine garnicht die Beerdigungen mit großer Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit äußert. Denken Sie aber an die uns aus Beschreibungen bekannte Beerdigung Gogols, Nekrassows oder Dostojewskijs, die allgemein als »weltgeschichtliche Ereignisse« angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fällen auch viel aufrichtiges Gefühl dabei, die Aufrichtigkeit wurde aber von Nebensächlichkeiten erdrückt. Ich selbst habe der Beerdigung des Generals Skobelew in Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen ... Sie können, wenn Sie wollen, mich auslachen, ich muß aber sagen, daß Saschas Beerdigung auf mich einen unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede andere ... Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen militärischen Ehren beerdigt, aber alle diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund und wurden von den meisten überhaupt nicht beachtet. Die echte Trauer der Menschen, die von überall herbeigeströmt waren, um beim Anblick seines jugendlichen, totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zuvergehen, hatte alles andere erdrückt und die ganze Luft in Beben versetzt.

Wir hatten zu dieser Beerdigung niemand außer den Angehörigen der Schwadron, in der der Verstorbene gedient hatte, eingeladen; die Leute strömten aber auch ungeladen von allen Seiten herbei. Auf dem ganzen Wege vom Hotel bis zur Friedhofskirche standen Menschen aller Stände Spalier. Die Frauen waren in der Mehrzahl. Niemand hatte ihnen erklärt, was sie zu beweinen hätten. Sie wußten es aber selbst und trauerten um das junge Leben, das sich aus »Adliger Gesinnung« selbst vernichtet hatte. Ich gebrauche gerade dieses Wort, das damals in aller Munde war:

»Der Arme ist für seine adlige Gesinnung gestorben!«

»Hat sich für sein Herzliebchen aufgeopfert!«

Da steht so eine alte Tante aus der Vorstadt und jammert:

»Der Liebe, Herzige ... hat aus adliger Gesinnung das Leben hingegeben ...«

Und wo man auch lauschte, überall konnte man nur ähnliche warme, herzliche Worte hören. Alle duzten ihn dabei und bemühten sich, möglichst freundlich zu sprechen, gleichsam sein Herz zu liebkosen:

»Mein lieber Kleiner! ... Du Junger, Edler! ...«

»Du mein gefühlvoller Engel! ... Wie sollte man dich nicht lieben?!«

Alles in diesem Sinne. Damen vom Adel, Kaufmannsfrauen, Popentöchter, Kleinbürgerinnen, Dienstmädchen und Varieté-Zigeunerinnen — diese letzteren als Meisterinnen und Priesterinnen des tragischen Stils in der Liebein erster Linie — alle stammeln mit bebenden Lippen herzliche Worte und beweinen ihn wie ihren besten Freund, wie ihren eigenen Geliebten, als ob sie ihn zum letzten Male in ihren Armen hielten und liebkosten.

Alle diese Frauen waren aber in keiner Beziehung hervorragend; sie kannten Sascha auch garnicht, hatten ihn vorher noch nie gesehen und hätten ihn vielleicht auch nicht lieb gewonnen, wenn sie ihn, so wie er im Leben war, mit allen seinen guten und schlechten Eigenschaften gekannt hätten. Aber jetzt, wo sie wußten, daß er aus »adliger Gesinnung« für sein »Herzliebchen« gestorben war, hatten sie gar keine Zeit, sich durch irgendwelche Überlegungen zu ernüchtern: sie konnten nur weinen und klagen ... Jede Seele verging vor Wehmut.

Der bekannte Kanzelredner, Erzbischof Innokentij rührte einmal alle Herzen, als er statt einer richtigen Grabpredigt nur die Worte sagte: »Er liegt im Sarge, — laßt uns weinen.« Nur diese Worte sagte er, und alle flossen in Tränen. Ein Fieber hatte alle Herzen ergriffen. Als die Frauen Sascha im Sarge sahen (in unseren Städten werden die Toten in offenen Särgen zum Friedhof getragen), fanden sie sein durchaus gewöhnliches Gesicht erhaben und herrlich ... Sie sagten: »In diesem Gesicht steht geschrieben: Treue bis in den Tod!«

Es ist ganz gleichgültig, ob in seinem Gesicht tatsächlich das oder etwas ganz anderes geschrieben stand. Sie lasen nur das, was ihre Augen sahen, und das genügt.

Alle Lippen zittern, und alle Gesichter sind feucht von Tränen; alle sind gerührt und alle sprechen zu ihm:

»Schlaf, schlaf, du Märtyrer!«

In der Kirche herrscht eine andere, noch stärkere Stimmung. Keine Predigt wagt den heiligen Schauer der Grabgesänge des Johannes von Damaskus zu stören. Seine poetischen Wehklagen brennen und heilen zugleich die Wunde.

Ich muß Ihnen, meine Herren, sagen, daß wir uns wirklich vor dem Herrn niederwarfen! ... Wie groß Saschas Vergehen, vom Standpunkte der theologischen Wissenschaft aus betrachtet, war, konnten die ihn Beweinenden nicht beurteilen; sie flehten aber den Herrn so inständig an, ihn »in seine himmlischen Wohnungen aufzunehmen,« daß ich gar nicht weiß, wie man diese Herzensschreie mit den Gründen jener Wissenschaft in Einklang bringen soll. Ich kann es jedenfalls nicht.

Es wird oft behauptet, daß es heute keinen guten Prediger mehr gäbe. Ist dieser Vorwurf auch gerechtfertigt? Man versteht allerdings nicht gut zu predigen, es ist aber auch gar nicht nötig, überall, wo es die Sitte verlangt, zu reden. Es gibt Fälle, wo es besser ist, einfach zu weinen, wo ein gewöhnliches »Vergib!« oder »Nimm ihn auf!« viel eindringlicher ist als jede Predigt, die zuweilen mit verstiegenen Worten entweder die Vernunft oder das Gefühl verletzt. Denken Sie nur an den Großinquisitor bei Schiller. Darum ziehe ich auch die Beerdigung nach orientalischem Ritus vor. Man kommt und geht wie auf den Ruf des Propheten Jesajas: »So kommt und laßt uns miteinander rechten ...« Wie soll man aber mit Ihm rechten? Es ist ja klar, wer siegen wird. Du kannst aber alles, Du hast den Menschen berufen ... vergiß, verzeih und vergib ihm alles, worin er sich vor Dir nicht rechtfertigen kann ...

Man denkt an die Parabel vom Mächtigen, der nichts fürchtete und nichts scheute; als man aber mit großem Eifer in ihn drang, da sagte er: »Ich werde es tun.« Und man fühlt sich beruhigt.

Und Er, der das Ohr erschaffen hat, um alles zu hören, kann Er denn einschlafen und dem Flehen so vieler gerührter Herzen kein Gehör schenken? ...

Bei Saschas Beerdigung gab es einen Zwischenfall mit einer Dame, der Witwe eines bekannten Staatsmannes. Die Dame war von altem Adel, sehr klug, sehr wohlerzogen, hatte aber den Zunamen: »Schlange«. Dieser Zuname war eigentlich recht ungeschickt gewählt: man nannte sie so, nicht weil sie böse war — nein, sie tat niemand etwas zu Leide! — sondern weil sie so furchtbar spöttisch war. Diese Dame mochte nichts Russisches: weder die Sprache, noch die Religion, noch die Sitten; sie verachtete das alles und zwar nicht aus Leichtsinn oder Originalitätssucht, sondern tief, aufrichtig und bewußt. Sie tadelte nichts und verwarf nichts, sie war einfach der Meinung, daß alles Russische nicht die geringste Beachtung verdiene ... Sie wunderte sich sogar, daß die Geographen es für nötig hielten, dieses Land in die Landkarten einzuzeichnen. Ja, solche Damen hat es damals gegeben! Als diese »Schlange« hörte, daß alle Leute irgendeinen Offizier beweinten, der sich aus »adliger Gesinnung« erschossen hatte, ließ sie die Doppeltüre ihres Balkons, an dem der Leichenzug vorbeiging, aufmachen und trat mit einem Lorgnon in der Hand hinaus. Ich kann mich an sie noch gut erinnern: schlank, in einem roten, mit Zobel gefütterten Mantel steht sie auf dem Balkon und blickt durch ihr Lorgnon herab.

Unser jugendlich schöner Sascha schwimmt aber wie ein vom Winde abgebrochener Zweig über das Meer der Menschenköpfe vor ihren Blicken vorbei.

Die Schlange unterdrückt einen Seufzer und wendet sich an die Engländerin, die neben ihr steht:

»Die Jugend ist überall wahnsinnig, der Wahnsinn gleicht oft dem Heldentume, und das Heldentum gefällt der Menge.«

Die Engländerin erwidert:

»O yes!« Dann sagt sie noch, daß das allgemeine Gefühl, von dem diese ganze Menge ergriffen sei, sie interessiere. Der Ausländerin zu Gefallen läßt sich die Schlange herab, mit ihr in die Kirche zu gehen, wo der Hammer des Sargtischlers den letzten Punkt hinter diese Geschichte setzen wird.

Gegen alle Gesetze der Architektonik und Ökonomie im Aufbau der Erzählung, habe ich zum Schluß diese neue Person auftreten lassen und muß ihr nun einige Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war. Als ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von einer hochgestellten Persönlichkeit, der sich ihr Mann in seinem ganzen Glanze zeigen wollte; sie verachtete aber den Mann ebenso wie alle andern Menschen, vielleicht auch etwas mehr. Der Mann wußte es und bat sie, ihn wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht bloßzustellen. Er bat sie nur um den einen Gefallen: »Widersprechen Sie mir wenigstens in Gegenwart des Gastes nicht.« Sie sah ihn an und versprach es ihm:

»Ich bin sogar bereit, Sie zu unterstützen.«

Der Mann dankte ihr dafür mit einer Verbeugung. Der hohe Gast war gutmütig und gab sich gerne einfach. Diesmal wollte er den Vortrag des ihm unterstellten Würdenträgers im häuslichen Kreise, am Teetische hören, wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr begann nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne, voraussehe und zum allgemeinen Wohle ordne ... Er sprach und sprach und verschnappte sich zuletzt und sagte auch etwas Wahres. Die »Schlange« fiel in diesem Augenblick ein und bestätigte:

»Voilà ça c’est vrai!«

Nur dieses sagte sie. Dem Gast genügte es aber; er lachte auf, küßte ihr die Hand und sagte ihrem Gemahl:

»Es ist genug: ich will annehmen, daß tout ça est vrai!«

Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, ließ sie sich hier mit ihrer Engländerin nieder und widmete sich ganz der Lektüre ausländischer Bücher.

Sie erschien sonst niemals in der Öffentlichkeit. Als sie nun mit ihrer Engländerin in die Kirche trat, in der Saschas Leiche eingesegnet wurde, erregte sie allgemeines Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge selbst schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie besser sehen zu können. Dem Himmel war es aber nicht genehm, daß etwas Nebensächliches die allgemeine Aufmerksamkeit von den Dingen ablenke, die den Verstorbenen am nächsten angingen.

Im gleichen Augenblick, als diese beiden imposanten Damen sich durch die Menge bewegten, erschien in der Kirchentüre eine dritte weibliche Gestalt, eine bescheidene Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch vonder Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer selbst ...

Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt, und durch die Menge tönte das eine Wort:

»Die Mutter!«

Man ließ ihr eine breite Straße zu dem ihr so teuren Sarge frei.

Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt, durch die Menge, die vor ihr gewichen war, und als sie den Sarg erreichte, umschlang sie ihn mit beiden Armen und erstarrte ...

Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr. Alle sanken in die Knie, und es wurde so still, daß, als die Mutter sich erhob und den toten Sohn bekreuzigte, wir alle ihr Flüstern hörten:

»Schlaf, mein armer Junge ... du bist als Ehrenmann gestorben ...«

Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung der Lippen gesprochen, und doch drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir alle ihre Kinder wären.

Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug den Sarg zur Ausgangstüre; der Vater führte die unglückliche Mutter am Arm, während ihre stillen Blicke in die Höhe gerichtet waren ... Sie wußte wohl, woher sie die Kraft, solches Leid zu tragen, schöpfen sollte, und sie merkte garnicht, wie junge Frauen und Mädchen sich um sie drängten und ihr wie einer Heiligen die Hände küßten ...

Auf dem Wege vom Grabe bis zum Friedhofstore gab es wieder das gleiche Gedränge, die gleiche Bewegung.

Vor dem Tore, wo der Wagen auf sie wartete, schien die Mutter zur Besinnung gekommen zu sein; sie wandte sich um und wollte allen »Danke!« zurufen, wurde aber beinahe ohnmächtig. Die »Schlange«, die neben ihr stand, stützte sie und küßte ihr die Hand.

So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerührt und gefangen genommen; so wurde sein einfacher und vielleicht gar nicht ordentlich überlegter Entschluß, »die Frau nicht zu verraten« belohnt und geehrt.

Niemand fragte sich, was das für eine Frau gewesen und ob sie dieses Opfers auch wert sei. Das war allen gleich. Was war das auch für eine Liebe, und worauf war sie gegründet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie »Vater und Mutter« spielten, begonnen; dann trennten sich ihre Wege; sie ist ja so leer, daß sie mit ihrem Mann vielleicht auch glücklich ist; er hat sich aber irgendeinen Fetzen aufgehoben und tötet sich dieses Fetzens wegen ... Das ist ja ganz gleich! Er istschön, er ist alleninteressant! Es ist so leicht und so süß, um ihn zu weinen.

Mit einem Worte: hier ist niemand durch gesperrten Druck besonders hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen mit gleichem Ernst und Talent, wie die Mitglieder der Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz Petersburg in Entzücken versetzt hat. Alles war mit so tiefem Ernst inszeniert!

Die Engländerin, die ich vorhin erwähnte, stand uns doch sicher am fernsten. Saschas Tat mußte sie ja mit ganz anderen Augen betrachten, als die Varieté-Zigeunerinnen, die ihn beweinten; man könnte annehmen, daß sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in ihr Gehäuse zurückziehen würde. Aber nein: auch siemußte ihren Pinselstrich dem allgemeinen Gemälde beisteuern. Sie schrieb Notizen über Rußland und machte die Sache sehr gründlich an Hand der bereits erschienenen Werke über unsere Heimat. Sie vervollständigte die von Anderen gemachten Beobachtungen über unsere Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den älteren Werken entnahm sie die Behauptung, daß »die Weiber nirgends so gemein behandelt werden wie in Moskowien«. Um die von ihr gemachte neue Wahrnehmung zu ergründen, wählte sie einen passenden Zeitpunkt und wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen sehr gemütvollen und höflichen Brief, in dem sie ihrem Mitgefühl Ausdruck gab und der großen Würde, mit der er und seine Gattin das schwere Leid trugen, hohe Bewunderung zollte. Zum Schluß richtete sie an ihn die Frage, wo sie ihre Erziehung genossen hätten, der sie diese würdigen Gefühle verdankten?

Der Alte antwortete, daß seine Frau ein französisches Pensionat besucht hätte, während er selbst von einem Monsieur Ravel aus Paris erzogen worden sei.

Die Engländerin fand dies sehr seltsam, die »Schlange« gab ihr aber die Aufklärung:

»Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden wären, so hätten Sie wohl überhaupt keine Antwort bekommen.«

Damals war man nämlich der Ansicht, daß alles Rohe und Plumpe aus den Priesterseminaren komme.

Nun muß ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit erledigen. Ob das Geld wirklich gestohlenworden war oder nicht, jedenfalls wurde, wie Sie sich wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung.

Außer den Regimentskameraden gab es noch einen freiwilligen Schuldner, und zwar einen sehr hartnäckigen — ich meine Saschas Vater. Den Polen kostete es große Mühe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrängen wollte, zurückzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm sich in der ganzen Affäre überhaupt außerordentlich korrekt und vornehm, und wir hatten ihm auch nicht das Geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran, daß er das Geld gehabt hatte und daß es verschwunden war. Warum hatte er denn sonst auf die ihm angebotene Zahlung verzichtet und was brauchte er überhaupt die ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende?

Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser nächtliches Erlebnis natürlich nicht geheim halten konnten, war der gleichen Ansicht; ein einziger Mensch sah aber die Sache doch ganz anders an und gab uns damit eine harte Nuß zu knacken.

Es war der sonst wenig interessante, von mir schon einigemal erwähnte Zimmerkellner Marko. Er war nicht so leicht zu durchschauen: obwohl wir unsere Bekanntschaft mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken hatten, stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was er uns auch selbst gestand.

»Ich bin bereit,« sagte er, »jede Kirchenbuße auf mich zu nehmen, weil ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht habe; jetzt glaube ich aber, daß es weniger meine Schuld als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige Sympathie für ihn beruht nur darauf, — nehmen Sie es mir nichtübel! — daß er nicht russischer Abstammung ist; er aber hat es verschuldet, daß unser Geschäft jetzt in schlechtem Rufe steht und daß die Polizei unsere Angestellten unter allen möglichen Vorwänden einsperrt und überall nach dem Gelde forscht ... Es ist nur Sünde und nichts als Sünde ...« schloß Marko und zog sich in seine finstere Kammer zurück, wo er einen mächtigen Heiligenschrein hatte, vor dem ein ewiges Lämpchen brannte.

Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er stundenlang vor den Heiligenbildern und dachte über etwas nach.

»Was denkst du immer, Marko?«

Er zuckt die Achseln und antwortet:

»Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein Unglück, so eine Schande ... eine Christenseele ist zugrunde gegangen!«

Diejenigen, die mit ihm öfters sprachen, kamen zuerst auf einen neuen Gedanken, in den sie nach und nach auch die Anderen einweihten.

»Marko ist ein einfacher Mensch,« pflegten sie zu sagen, »aus dem Bauernstande; ist aber klug und hat den gesunden Menschenverstand eines einfachen russischen Bauern.«

»Und ist obendrein ehrlich.«

»Ja, auch ehrlich. Sonst hätte ihm der Hotelbesitzer das Geschäft garnicht anvertraut. Er ist eben ein zuverlässiger Mensch.«

»Ja, ja, ja,« bestätigte der Pfarrer, den Rauch durch seinen breiten Bart blasend.

»Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum manches, was wir nicht merken. Er beurteilt die Sacheso: wozu hat der die ganze Sache eingebrockt? Das Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld gar nicht ...«

»Es ist klar, daß er es nicht braucht, wenn er es nicht nimmt.«

»Natürlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes wegen eingebrockt ...«

»Wozu denn sonst?«

»Fragen Sie danach Marko und nicht mich.«

Auch der Pfarrer sagte:

»Ja, ja, ja, wollen wir Marko hören.«

»Und was sagt Marko?«

»Marko sagt: traue dem Polen nicht.«

»Warum denn?«

»Weil er eben Pole und Ketzer ist.«

»Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache für sich, und Dieb wieder eine Sache für sich. Die Polen sind ein Volk mit großer Ambition, und es ist nicht ganz anständig, von ihnen so zu denken.«

»Aber erlauben Sie, erlauben Sie!« unterbricht der von Marko inspirierte Kamerad: »Sie sagen: man darf von ihm nicht so denken; Sie wissen aber gar nicht, was für ein Denken ich meine ... Von einem Diebstahl ist nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen ihn vor; der Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst sagten: Ambition.«

»Was für ein Interesse hat er dann, daß das Geld verschwunden sein soll?«

»Was für ein Interesse er daran hat?«

»Jawohl!«

»Fällt Ihnen denn selbst gar nichts ein?«

Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu einfallen?

»Nein, uns fällt nichts ein.«

»Das kommt eben davon, daß Ihre Köpfe mit Adel vollgestopft sind. Der einfache russische Bauer sieht aber, was der Pole will.«

»Nun was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht uns doch alle an!«

»Ja, es geht uns alle an ... Es liegt im Interesse seiner Heimat, uns diese Schande anzutun.«

»Mein Gott!«

»Selbstverständlich! Nun kann er überall verbreiten, daß in der Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner Diebstahl möglich ist ..«

»Wenn es sich so verhält, wie Sie es meinen ...«

»Natürlich verhält es sich so!«

»Hol ihn der Teufel!«

»Was für ein tückisches Volk die Polen doch sind!«

Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte:

»Ja, ja, ja!«

Wir überlegten uns die Sache noch weiter und kamen zum Entschluß, daß man Markos Kombination auch dem Kommandeur mitteilen müsse; man dürfe ihm aber nicht verraten, daß die Idee von Marko stamme, weil es den Eindruck abschwächen könnte; man müsse sich vielmehr auf eine andere Quelle von größerer Autorität und geringerer Verantwortlichkeit berufen.

»Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzählt ...«

»Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf sagen: Sie haben so etwas gehört und sind nicht eingeschritten?So einen Kerl hätten Sie doch auf der Stelle verhaften müssen!«

»Man muß eben etwas anderes ausdenken.«

»Was denn?«

Hier half uns der Pfarrer:

»Sie sagen einfach, daß Sie es im Dampfbade gehört haben.«

Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat klug erdacht: das Dampfbad ist ein öffentlicher Ort, da reden und schreien alle durcheinander, und alle sind nackt. Wer hat es gesagt? — Geh einer hin und stelle es fest; da müßte man doch alle verhaften, denn im Dampfbade sind alle Menschen nackt und gleich.

Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den Pfarrer, ihn auch auszuführen.

Der Pfarrer ging am nächsten Tag zum Obersten und erzählte es ihm.

Der Oberst zeigte für das Gerücht Interesse und sagte:

»Das Schlimmste dabei ist, daß es schon zu einem allgemeinen Gerede geworden ist ... Selbst im Bade sprechen die Leute schon davon.«

Der Pfarrer fiel ein:

»Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bade gehört.«

»Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das gesagt hat?«

»Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.«

»Das ist sehr schade.«

»Ja ... Ich hätte es selbst gerne festgestellt, konnte es aber nicht, weil im Bade alle Menschen gleich sind. Uns geistliche Personen kann man noch einigermaßenunterscheiden, weil wir zwar Männer sind, aber Zöpfe tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen gleich.«

»Sie hätten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand packen können.«

»Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann mir leicht entschlüpfen! Außerdem befand ich mich gerade auf der obersten Dampfbank und konnte den Betreffenden nicht einmal mit der Hand erreichen.«

»Na ja, — wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so ist eben nichts zu machen ... Nun glaube ich, das Beste wäre, die Sache jetzt auf sich beruhen zu lassen ... Es ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der Pole hat uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen ... Ich glaube, daß er sein Wort halten wird. Sagen Sie mir jetzt bitte folgendes: was halten Sie, als Geistlicher, von den Träumen? Sind die Träume Unsinn oder nicht?«

Der Pfarrer antwortete:

»Das hängt von den Überzeugungen ab ...«

»Von was für Überzeugungen?«

»Nein, ich wollte etwas anderes sagen ... Es gibt Träume, die von Gott kommen und den Menschen erleuchten; es gibt auch natürliche Träume, die von der Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Träume, und diese sind vom Bösen.«

»So ist es eben,« antwortete der Oberst. »Aber das ist wohl noch nicht alles. Wo würden Sie folgenden Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie wissen, jung, und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und Jugendfreund; sein Tod hat sie daher sehr erschüttert und abergläubischgemacht. Außerdem ist unser Kind gestorben. Kurz vorher hatte sie aber einen Traum.«

»Was Sie nicht sagen!«

»Ja, ja, ja. Was die Träume betrifft, so beurteilt sie diese so, wie Sie eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkte, will aber dem auch nicht widersprechen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß man schlechte Träume hat, wenn man spät zu Abend ißt; solche Träume kommen offenbar vom Magen.«

»Ja, vom Magen«, stimmte der Pfarrer zu. »Die meisten Träume kommen vom Magen.« Der Oberst ließ ihn aber noch nicht los.

»Jawohl«, fuhr der Oberst fort, »das ist eben die Sache, daß sie keinen Traum, sondern eine Vision gehabt hat ...«

»Was, eine Vision?«

»Ja, eine Vision: sie sieht und hört es nicht im Schlafe und nicht mit geschlossenen Augen, sondern im Wachen ...«

»Das ist seltsam.«

»Sehr seltsam, — umsomehr, als sie ihn noch nie gesehen hat!«

»Ja, ja, ja ... Wen hat sie nicht gesehen?«

»Den Polen natürlich!«

»Ach so! .. ja, ja, ja! Ich verstehe.«

»Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie während jenes unglücklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte nicht einmal von der Leiche des Unglücklichen Abschied nehmen, — wir verheimlichten vor ihr seinen Tod, damit ihr die Milch nicht in den Kopf steige.«

»Behüte Gott!«

»Gewiß ... Natürlich wäre schon der Tod besser als das ... Es ist wohl Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur: er verfolgt sie auf Schritt und Tritt!«

»Der Verstorbene?«

»Aber nein — der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh, daß Sie mich nach dem Bade aufgesucht haben und ich mit Ihnen darüber sprechen kann ... Vielleicht können Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas sagen.«

Und der Oberst erzählte dem Pfarrer, daß unsere junge, rosige Kommandeuse immer den Polen vor sich sehe ... Sie schildere unseren Awgust Matwejitsch wie er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine altmodische englische Standuhr vor ...

Als der Pfarrer das hörte, sprang er förmlich auf.

»Das ist ja einfach unglaublich!« rief er aus: »Alle Offiziere nennen ihn ja ‚die Standuhr‘!«

»Darum erzähle ich es eben, weil es so unglaublich ist! Stellen Sie sich nun vor, daß wir in unserm Salon just eine solche altmodische Standuhr, obendrein eine mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie aufzieht, so hört das Bimmeln gar nicht auf. Meine Frau fürchtet sich sogar, in der Dämmerung durch den Salon zu gehen. Wir können aber die Uhr nirgends fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine Frau hat sie jetzt auch selbst lieb gewonnen.«

»Warum eigentlich?«

»Sie sinnt gerne ... sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu hören ... Sie hört darin immer die Worte: ‚Ich — such! — Ich — such!‘ Jawohl! Sie fühlt sich dadurch irgendwie angezogen und hat zugleich unheimliche Angst ... Sieschmiegt sich immer an mich und will, daß ich sie in den Armen halte. Ich glaube sogar, daß sie wieder in Umständen ist.«


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