Chapter 12

Karfreitag.

Ich feierte den „stillen Freitag“ in Wahrheit in aller Stille — Gott gebe meinem Manne den langersehnten Erfolg, damit das Land nach jahrelangen Kämpfen endlich zum Frieden komme! — Ein gutes Anzeichen: kurz nach Toms Abmarsch stellte sich ein Krieger aus Quawas nächster Umgebung! Tom ist auf der richtigen Spur; damit unser Todfeind diesmal nicht ausbrechen kann, marschieren Merkl und Hammermeister, die eben erst von einem Zuge zurückkamen, gleich wieder in den von Tom ihnen bezeichneten Richtungen ab; überall sieht man die Signalfeuer unserer Wahehe: das Wild ist umstellt!

Als Belohnung für die Einlieferung Quawas hat das Gouvernement große Elefantenzähne im Preis von 5000 Rupien ausgesetzt, die hier für jedermann zur Ansicht ausliegen.

Ostersonntag.

Tom kehrte heute zurück. Er hat dreimal Quawas Feuerstelle gefunden, einmal war er, wie gefangene Weiber aussagen, bis auf 50 Meter an Quawa heran, als dieser noch mit der Gewandtheit eines Wiesels im Pori verschwand. Auf dem steinigen Boden war schließlich auch für Waheheaugen die Spur nicht mehr erkennbar. Mit einem guten deutschen Schweißhund hätte man die Verfolgung weiterführen können.

Von seiten unserer Jumben kommen sehr häufig — so auch heute — Lasten mit Chakula für uns an; sie schicken sie als den üblichen Sultanstribut; als solchen nehme ich sie natürlich nicht an, sondern erwidere das Geschenk mit dem gleichen Werte an Zeug, aber erst durch die ausdrückliche Erklärung, daß ich das als ein Gegengeschenk, nicht etwa als Kaufpreis betrachte, kann ich sie zur Annahme bewegen.

15. April 1898.

Was Tom im Dezember vorigen Jahres in einem Berichte an den Gouverneur in bestimmte Aussicht gestellt hatte, ist in Erfüllung gegangen; binnen vier Monaten wird Quawa, von allen seinen Anhängern getrennt, dem Hungertod im Pori verfallen sein. Nach dem Verzeichnis, das Tom von allen Quawaanhängern zusammengestellt und dessen Richtigkeit durch die Aussagen von Gefangenen und durch Berichte unserer Patrouillen bestätigt wurde, kann er jetzt nur noch seinen ältesten Sohn und präsumtiven Nachfolger Sapi, einen jüngeren Sohn und zwei Mann der Leibwache bei sich haben. Seine Spur wurde dicht bei unserer Station wiedergefunden, auf einem Berge, von dem aus man einen guten Überblick hat. Der Blick auf das blühende, rege Leben in der Stadt, auf die Boma, die vielen Ansiedelungen und auf unser massiv aus Steinen gebautes Haus — ein solcheshat er wohl nie vorher gesehen — mag ihm eindringlich genug bewiesen haben, daß seine Hoffnung auf den baldigen Abzug seiner Feinde diesmal nicht wieder in Erfüllung gehen wird! — In diesen Tagen fieberhafter Aufregung, wo alles aufgeboten wurde, den Todfeind zum entscheidenden Kampfe zu stellen — hat dieser selbe gehetzte Flüchtling in einer Tembe unweit der Station übernachtet, sich am langentbehrten Herdfeuer Speise bereitet und die müden Glieder geruht! Merkls Patrouillen sahen den Rauch dieser Tembe und wollten darauf zu marschieren, allein die führenden Wahehe hielten die Askaris unter allerhand Ausflüchten davon ab: es seien Leute in jener Hütte, die das Wild von den Feldern abhalten sollten, und ähnliches. Die Sache erschien aber unsern Askaris verdächtig, sie gingen in der Richtung der verdächtigen Tembe vor, und richtig: von einem als Posten ausgestellten Jumben gewarnt, eilte Quawa mit seinen beiden Söhnen und den letzten beiden Kriegern seiner Leibwache dem Walde zu, nachdem er noch einen unserer Askaris erschossen. Die Kugeln unserer Patrouille erreichten ihn nicht mehr. Der Wald nahm ihn in seinen Schutz. — Doch der Überfall sollte gute Folgen haben; zwei Tage danach stellten sich die beiden Quawasöhne und die beiden letzten Krieger; sie hatten ihren Herrn im Pori nicht wiedergefunden! —

So ist denn Quawas Geschick besiegelt! Er steht nun ganz allein, jede Aussicht auf Unterstützung, auf Zufuhr ist ihm abgeschnitten; wird er seinen Ausspruch wahr machen, den er einst getan: er werde sich erschießen, sobald sein Sohn in die Hände des Bana Kapirimbu fiele? In der Tembe fanden die Askaris Quawas Messer und Trinkbecher. Die Leute erzählen sich, der Sultan habe weder Feuerholz bei sich, noch, verstehe er überhaupt selbst Feuer anzumachen, da er hierfür immer seinen besonderen Diener gehabt habe. Trotz aller Sorge und Todesangst, die ich in diesen zwei Jahren um meinen Mann gelitten, hätte ich dem tapferen Feinde doch ein anständigeres Ende, den Tod von einer deutschen Kugel, gewünscht, als es ihm jetzt beschieden ist: Hungertod oder Selbstmord!

Mgaga, den 6. Mai 1898.

Der Arzt hat uns am 28. April auf Safari geschickt; die Strapazen der letzten Streifzüge haben Tom sehr mitgenommen, und auch meine Nerven bedürfen nach all der Aufregung der Auffrischung. Tom benutzt diese „Erholungstour“ zur Erkundung und Kartierung der Umgegend. Wir machen kartographische Aufnahmen der Wege, stecken die Basis für die trigonometrischen Messungen ab; Azimutbestimmung, Entfernungsmessen, Bestimmung der geographischen Breiten füllen unsere Tage aus. Mein Herbarium schwillt an, der Dolmetscher hat mir eine Blumenpresse angefertigt, sie ist etwas sehr geräumig ausgefallen (für eine Reise um die Erde könnte ich sie als Handkoffer benutzen), aber sie erfüllte ihren Zweck. Vom Gongo ya Luimtuira, einem 2100 Meter hohen Felsengipfel, großartige Aussicht! Am 3. Mai waren wir wieder in unsern alten lieben Bergen, die wir schon früher durchwanderten. Leider werden unsere astronomischen Ortsbestimmungen durch trübes Wetter sehr beeinträchtigt, auch die Kälte macht sich recht unangenehm bemerklich. Einmal mußten wir mit unserm Lager dem Überfalle eines echt afrikanischen Feindes weichen; die Siafus, eine bösartige Ameisenart, die sich weder mit Wasser noch mit Feuer vertreiben lassen, zwangen uns, den Lagerplatz weiter den Berg hinan zu verlegen. Wahrscheinlich hatten sie von dem großen „Schlachtfest“ Witterung bekommen; da unser Mehlvorrat verbraucht war, ließ Tom nämlich zum Jubel unserer Leute einen Ochsen schlachten; es war ein buntes, bewegtes Bild, als er im Kreise der rings um ihn hockenden Schwarzen stand und jedem nach Verdienst und Würdigkeit seine Fleischportion zuteilte; die helle Freude leuchtete aus den Augen der armen Kerls über die Aussicht, sich einmal wieder an Fleisch sattessen zu können.

Mgaga, 10. Mai 1898.

Nach dem neunstündigen Ritt bin ich heute sehr müde. Unser Lagerplatz befindet sich an einer Stelle am Saume des Urwaldes, an der vor kurzem noch unsere Feinde sich häuslich eingerichtet hatten; eine Anzahl Feuerstellen ist noch vorhanden, aucheinige niedere Grashütten wurden von unseren Askaris aufgestöbert. Tom ist allein losgezogen, ich habe inzwischen „Höhe abgekocht“, Pflanzen gepreßt und mich in Semmlers „Tropische Agrikultur“ vertieft. Eine angenehme Unterbrechung bot die Ankunft der Postsachen, mit ihnen der vergessene — Spiegel, der aus Versehen nicht mit eingepackt worden war. Früher hätte ich es einfach für unmöglich gehalten, daß ein weibliches Wesen vierzehn Tage lang ohne Spiegel existieren könne, ich bin aber doch schon so stark verafrikanert, daß ich ihn wirklich kaum noch vermißte. Als Ersatz für Schnapsels Sohn Pombe, den uns der Leopard totgebissen, haben wir jetzt eine Tochter dieses in der Blüte seines Daseins Geknickten in Gestalt eines muntern, sehr zierlichen Hündchens als Haus- bzw. Zeltgenossen, dem wir, seinem lebhaften mutwilligen Wesen entsprechend, den Namen „Sillery“ gaben; die Dynastie Schnapsel blüht also weiter. An Stelle meines bisher besten Boys — er stand bei allen Gläubigen als Zugehöriger zur Familie der direkten Nachkommen des Propheten in hohem Ansehen —, den ich seinem Vater auf dessen Wunsch zurückgab, habe ich jetzt einen jungen Mhehe, ein prächtiges Kerlchen mit großen, klugen Augen. Mein Koch klagt mir wieder sein Hauskreuz: seine bessere Hälfte behandelt ihn zu schlecht! Das würde mir nun wenig Kopfschmerzen machen, wenn diese ehelichen Zwistigkeiten sich nicht auf meine Küche erstreckten. Eines schönen Tages war meine „Perle“ verschwunden — für mich ein unersetzlicher Verlust! Tom hetzte sofort den Wali und unsern Freund Farhenga auf seine Spur, die auch Leute auf die Suche schickten; überdies wurde für seine Einlieferung ein Rind als Belohnung ausgesetzt! Endlich — ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, meine Perle je wiederzusehen — kam mein Mpischi ganz von selbst wieder an — seine Frau hatte ihn wieder mal so schlecht behandelt, daß er im Pori Schutz gesucht hatte. Hoffentlich wirkt die Safari auch auf seinen Lebensmut wieder auffrischend; noch hat er sich von seinem Seelenschmerz nicht erholt.

12. Mai 1898.

Tom wieder unterwegs, um womöglich die Quelle des Kihansi zu finden. Aus Berlin traf ein Brief von Toms Jugendfreund, Leutnant v. Thaer, ein, der mich meiner Lieben daheim wegen sehr beunruhigt. Herr von Thaer ist sehr besorgt um unser Schicksal; ihm war die Schreckensnachricht zugegangen, Tom und ich seien von den Wahehe ermordet worden, selbst die Einzelheiten dieses Mordes waren angegeben; auf persönliche Anfrage beim Auswärtigen Amt hatte man ihm gesagt, amtlich sei nichts derartiges bekannt, nach einigen Tagen wurde die Nachricht dann auch offiziell als unbegründet bezeichnet. Hoffentlich bewährt sich auch an uns der alte Volksglaube: daß Totgesagte ein hohes Alter erreichen! Welcher Schrecken aber für alle unsere Lieben daheim, wenn sie tagelang unter dem fürchterlichen Druck der Ungewißheit leben müssen, falls das Gerücht auch zu ihnen gedrungen ist! Ich habe die Briefe von zu Hause noch nie mit solcher Sehnsucht erwartet, wie diesmal.

Dabagga, 15. Mai 1898.

Toms topographische Ausbeute ist reichlich: er hat die Quellen nicht nur des Kihansi, sondern auch die des Mtitu festgestellt; so sehr ich mich über jeden Erfolg meines Mannes freue, so unzufrieden bin ich doch manchmal mit ihm, denn im Eifer, das vorgesetzte Ziel zu erreichen, vergißt er Essen und Trinken; so hat er auch diesmal wieder den ganzen Tag nichts genossen; er war aber über das Ergebnis seiner Erkundungsmärsche so vergnügt, daß ich die Gardinenpredigt, mit der ich ihm das Abendbrot zu würzen gedachte, für eine bessere Gelegenheit noch zurückhielt.

Der Regen hat uns übrigens auf dieser geographischen Expedition zu vielen Marschpausen gezwungen, da wir bei trübem, nassem Wetter keine genauen Aufnahmen erzielen. Tom hat jedoch seine Karte um eine große Zahl wichtiger Punkte bereichern können, und für mich war es noch besonders wertvoll, unser Gebiet so kreuz und quer zu durchstreifen.

Meine Sorge, daß unsere Lieben in Deutschland durch dieTataren- oder vielmehr „Kaffern“-Nachricht von unserer Ermordung in Angst gesetzt seien, wird durch heute eingelaufene Zeitungen bestätigt: Papa hat nach Dar-es-Salaam um Nachricht telegraphiert. Nun haben sie inzwischen wohl alle die beruhigende Nachricht erhalten, daß es uns gut geht. Wie mag wohl das Gerücht entstanden sein? Gott sei’s gedankt, Toms politische Haltung den Schwarzen gegenüber, sein kluges, freundliches Eingehen auf die nationale Eigenart der einzelnen Stämme hat uns die Herzen dieser großen Kinder Schritt für Schritt gewonnen, wir fühlen uns sicher mitten unter ihnen. Wer hätte früher je gedacht, daß die stolzen Wahehekrieger einst für die Weißen friedliche Arbeit tun würden? Jetzt schlagen sie Wege für uns durch den Urwald und sind anstellig für jede friedliche Beschäftigung. Selbstverständlich lassen wir uns nicht in untätige Sicherheit einwiegen, sondern halten die Augen nach allen Seiten hin offen. So hat Tom jetzt für die Feldarbeit auf der vom Förster Ockel eingerichteten landwirtschaftlichen Versuchsstation hier in Dabagga auch Wapawagas aus dem Bezirk Uhehe eingestellt; es hatten sich auf die erste Aufforderung hin sofort 30 Mann gemeldet, vorsichtshalber wurden aber erst 15 zur Probe angenommen; sie mußten sich jeder in einem besonderen, mit ihrem Handzeichen versehenen Kontrakt auf vorläufig drei Monate verpflichten, eine Förmlichkeit, bei der sie sich ungemein wichtig vorkamen; jetzt führen sie mit viel Geschick den Spaten; der Förster ist sehr zufrieden mit ihnen. Ob sie aushalten werden, ist eine Frage der Zeit. Neue Besen kehren gut. Je länger man in Afrika lebt, je klarer offenbart es sich einem, daß das Gedeihen der Kolonie davon abhängt, wie man sich die Schwarzen erzieht; ihre richtige Behandlung ist eine Kunst, für die nicht jeder zugänglich ist.

Ich war von Dabagga überrascht, es würde sich bei der schönen Lage zum Luftkurort eignen. Der Förster hat sich ein allerliebstes Häuschen gebaut und sein Wohnzimmer schmuck und heimisch eingerichtet. Im Kamin prasselte ein tüchtiges Feuer, um welches wir uns, da es empfindlich kalt geworden war, gemütlich zusammenfanden. Der Boden ist vorzüglich: Weizenund Raps gedeihen gut, ebenso Erdbeeren, Mandeln und allerlei Baumarten; nur mit dem Gemüse klappt es noch nicht, ohne ersichtlichen Grund. Nachmittags hielten wir Scheibenschießen: von den Askaris erzielte der beste Schütze zweimal zehn Ringe bei freihändigem Schießen auf 170 Meter.

Als besonders denkwürdig notiere ich noch: photographierte das Forsthaus und den ersten deutschenPflugim Lande Uhehe!

Suka, 20. Mai 1898.

Am 18. Mai Abschied vom gastlichen Förster[8], vier Stunden Marsch nach dem Ifigaberge, wo Tom Vermessungen machte, Basis absteckte und andere topographische Arbeiten. Die Safari nähert sich ihrem Ende, wir denken stark an den Heimmarsch. Wahehe, die noch vor wenigen Wochen gegen uns gekämpft haben, sind unsere Führer!

StationIringa, 24. Mai 1898.

Am Sonntag, den 22., trafen wir wohlbehalten wieder ein, abgesehen von einem ohne Folgen verlaufenen Sturz mit dem Maultier, ohne jeden Unfall; ich habe mich prächtig erholt — von Tom ist es mir fraglich, er hat sich auf der Safari wenig Ruhe gegönnt. Unser Haus fanden wir schön mit Blumen geschmückt, den Tisch zierlich gedeckt; dann kamen sämtliche Europäer an, uns zu begrüßen; wir saßen noch zwei Stunden beim Weine und erzählten uns.

Am 2. Pfingstfeiertag, 30. Mai 1898.

Iringa wird Weltstadt! Wir sind Poststation geworden, als sichtbares Zeichen unserer Zugehörigkeit zum Weltpostverein wurde der erste Briefkasten angebracht, und jeder drängt sich, seine Korrespondenz ihm eigenhändig einzuverleiben! Gleich am ersten Tage wurden ihm über 500 Postkarten anvertraut, die der staunenden Mitwelt von dem großen Ereignis Mitteilung machensollten. Natürlich gab das auch Anlaß zu einer mehr feucht-fröhlichen wie feierlichen Einweihung. Für Leutnant Braun, der auf Urlaub geht, kam Leutnant Bischoff als Ersatz, für Feldwebel Langenkemper Feldwebel Schütz, mit ihnen Tischler Wunsch und vier Goanesen, die sich auf Tischlerarbeit verstehen. Die Station soll gut ausgebaut werden; projektiert sind zunächst ein Försterhaus und ein Haus für den demnächst eintreffenden Landwirt Hirl.

Gestern mittag zum 1. Pfingstfeiertag haben wir die Herren bei uns angefeiert, da gab’s denn morgen für mich viel Arbeit; nachmittags ruhte ich ein Stündchen, um 7½ Uhr waren wir in der Messe eingeladen. Das war ein anstrengender Tag. Zum Pfingst-Heiligenabend war großer Zapfenstreich mit Fackelzug und am Sonntag früh großes Wecken — ganz so, wie es sich für eine deutsche Garnisonstadt gehört!

31. Mai 1898.

Leutnant v. der Marwitz marschierte heute ab, um die Station Mlangali zu übernehmen. Quawa ist verschollen, allerorts, wo er in letzter Zeit sich in den Bergen aufgehalten, wird nach seinem Gewehr gesucht; man vermutet, daß er tot sein muß, denn es ist kaum anzunehmen, daß er so ganz allein sich im Pori halten kann.

Durch ganz Uhehe zieht sich jetzt ein Netz von Straßen. Die Wahehe, noch vor kurzem der Schrecken aller Nachbarstämme, bewähren sich in friedlicher Arbeit; sie hauen die Wege durch den Urwald, auf der Station helfen sie beim Bau einer Tembe, ja auf unserer Safari trugen sie sogar unsere Lasten mit Chakula. Ihre stramme Organisation zeigte sich besonders beim Bau längerer Straßen, sie arbeiteten unter besonderen Aufsehern, jeder Trupp an der ihm übertragenen Strecke, und ihre Jumben haben sich in der Nähe der Baustrecke niedergelassen, um das Ganze besser kontrollieren zu können.

1. Juni 1898.

Der Monat fing bös an. Das Kriegsgericht mußte einen von einer Patrouille eingebrachten Msagira zum Tode verurteilen,der einige unserer Askaris ermordet hat; heute fand die Exekution statt. Solch ein Tag ist für mich schrecklich; gebe Gott, daß es der letzte gewesen. — Als seinerzeit der Mörder gehenkt wurde, der den Araber und seine Leute erschlagen hatte, baten Leute aus unserer Stadt um seine Leiche, um sie aufzuessen! Sie halten das für die wirksamste Rache an dem Mörder und für eine Sühne, die sie dem Erschlagenen schuldig sind. Welch schwere Aufgabe, in dieser geistigen Nacht einen Funken göttlichen Geistes zu erwecken.

4. Juni 1898.

Meine kleinen Mädels und zwei Frauen kauern auf der Veranda hinter dem Hause und reiben Weizen zu Mehl; ihre Handmühle besteht aus einem flachen, muldenartig vertieften Stein, auf welchem sie die Körner mit einem andern Stein zerreiben. Ihr fröhliches Lachen und Singen dringt bis zu uns herein, so daß ich sie ab und zu zur Ruhe bringen muß, da wir bei dem Lärm nicht arbeiten können. Die Jungen sieben das Mehl durch; ich erziele so ein wirklich gutes, reines Brotmehl.

Mit der Ernte, unserer zweiten in Uhehe, sind wir sehr zufrieden: 5 Lasten Saat haben 106 Lasten = 53 Zentner ausgedroschenen Weizen ergeben.

Heute habe ich einen 80 Pfund schweren Elefanten-Stoßzahn im Werte von 400 Rupien gekauft, ein schöngeschwungenes Prachtexemplar und großartiges Dekorationsstück! Es sah bei mir aus wie in einem Laden: auf dem Boden hatte ich alles ausgebreitet, was sich die Leute als Gegenwert gedungen hatten; nun suchte sich jeder nach seinem Geschmack und Bedarf aus. Sie waren so vergnügt über das gute Geschäft, daß sie wie berauscht mit ihren Schätzen abzogen. Die Händler in der Stadt werden nun ein paar gute Tage haben.

Die deutsche Reichspost funktioniert übrigens doch noch nicht mit fahrplanmäßiger Sicherheit, trotz des neuen Briefkastens: unsere Weihnachtskiste aus Liegnitz ist heute erst angelangt. Wir sehen hier aber weniger auf die Fixigkeit, und wenn’s nur mitder Richtigkeit stimmt, dann ist die Weihnachtsfreude auch im Juni groß! Diesmal bin ich persönlich aber auch ganz besonders auf meine Kosten gekommen: Schokolade, gefüllt und ungefüllt, verzuckerte Walnüsse, Pralinés, gebrannte Mandeln — für die ich immer geschwärmt! — und von Leutnant Glauning aus Berlin ein Postkistchen voll herrlichsten, auserlesensten Konfektes und Früchte! Seit zwei Jahren hatte ich solche süßen Herrlichkeiten nicht gesehen — und nun dieserembarras de richesse! Tom meint, unter einer gründlichen Magenverstimmung würde es wohl nicht abgehen! Aber nein: es wird hübsch haushälterisch mit den Schätzen gewirtschaftet, nur so ab und zu einmal genascht. Der Wein, von dem mir die Eltern schreiben, ist nicht mitgekommen, aber die Schuhe passen vorzüglich. Bis auf die gefüllten Schokoladensachen, aus denen der Likör ausgeflossen, kam alles in tadellosem Zustande an.

7. Juni 1898.

Heute sind’s 14 Jahre seit unserer Verlobung! Ich trug noch das Schulränzel, als wir uns darüber einig waren, daß wir zwei zueinander gehörten. Den 7. Juni feiern wir als den eigentlichen Verlobungstag, den Segen unserer Eltern empfingen wir zehn Jahre später, am 19. Juni 1894. Ich habe jetzt viel Zeit, die Geschichte meines Lebens zu rekapitulieren, denn ich muß seit einigen Tagen liegen. — Überanstrengung in der Wirtschaft nennt es unser Äskulap und verordnet mir Ruhe, nochmals Ruhe und zum drittenmal Ruhe.

13. Juni 1898.

Meine Wirtschaft muß sehen, wie sie ohne mich fertig wird; ich darf vor 10 Uhr nicht aufstehen, dann muß ich warme Bäder nehmen. Juma hat das Plätten hübsch gelernt, er stärkt und plättet die Kragen ganz schön. Das ist ein großer Luxus, der hier, wo alles „ungeplättet“ einhergeht, berechtigtes Aufsehen macht. Die Herren wollen sich nun auch Plätteisen von der Küste kommen lassen. Sergeant Hammermeister ist gestern auf Urlaubnach der Küste abgegangen; wir werden den tüchtigen Mann alle vermissen; Tom schätzte ihn sehr als äußerst zuverlässigen Unteroffizier, und dann war er, was für unsere Verhältnisse besonders ins Gewicht fällt, ein tüchtiger Landwirt, dessen Umsicht wir für den Erfolg unserer Weizenernte viel verdanken, und —last not least— das Schweineschlachten und Wurstmachen verstand er großartig. Feldwebel Richters Wunde eitert noch, Unteroffizier Schubert liegt wieder an Lungenentzündung, den Feldwebel Merkl hat Herr v. der Marwitz mitgenommen, so ist die Kompagnie ohne Unteroffiziere, und Tom und Leutnant Kuhlmann besorgen den Dienst allein. Gestern brachte Farhenga einen Mhehe aus Quawas Anhang mit 14 Weibern und Kindern an.

1. Juli 1898.

Heute haben wir den Tischler Wunsch beerdigt. Binnen 1½ Jahr schon der dritte Europäer, der dem Fieber erlegen — alle drei junge, kräftige Leute. Sie alle haben sich die Krankheitskeime auf den Märschen durch die sumpfigen Niederungen geholt, denn die Lage von Iringa ist anerkannt gesund und vor allem fieberfrei. Der Tod war für den armen Mann eine Erlösung. Ich habe ihn täglich besucht, er war mir so dankbar dafür: nur in den letzten zwei Tagen vor seinem Ende konnte ich seine furchtbaren Qualen nicht mehr mit ansehen, die ihm doch niemand erleichtern konnte! In den neun Jahren, die er in Afrika zubrachte (er war als Laienbruder der katholischen Mission herübergekommen), hat er siebenmal Fieber gehabt, d. h. perniziöses Fieber; die gewöhnlichen Fieberanfälle werden ja nicht gerechnet. Sein Tod wurde durch ein Geschwür herbeigeführt, welches sich nach dem letzten Fieberanfall am Ohre bildete und schließlich bis auf die Kinnladen ging, so daß der Ärmste weder essen noch trinken konnte. Der neue Pater Superior der Mission, Severin, hielt ihm die Grabrede. Das Begräbnis war sehr feierlich.

Mit Pater Severin kam zugleich ein neuer Bruder, der mit dem bisherigen Superior, Pater Ambrosius, in Ubena eine Missionsstation gründen soll.

Station Mlangali.(ZuS. 173.)

Station Mlangali.(ZuS. 173.)

Der erste Pflug im Lande Uhehe.(ZuS. 172.)

Der erste Pflug im Lande Uhehe.(ZuS. 172.)

Am 23. vorigen Monats traf von Herrn v. Kleist eine Anzahl Obstbäumchen ein, die er uns zum Geschenk machte; sie waren sehr sachgemäß verpackt, und wir hoffen, daß der größte Teil davon trotz des weiten Transportes gut fortkommen wird. Wir gaben die Bäumchen nach Dabagga, weil sie in unserm Garten doch vielleicht nicht so gut gediehen wären, wie unter der fachmännischen Pflege unserer landwirtschaftlichen Versuchsstation.

Mdogori, 8. Juli 1898.

Heute sind es zwei Jahre, daß wir in Perondo ankamen! Ich sitze im herrlichsten Urwald, der Tag ist ganz für mich, denn Tom kommt heute abend erst von Iduma zurück, wohin ich ihn nicht begleiten konnte, da der Tagesmarsch für mich zu anstrengend. Wir brachen am 4. dieses Monats von Iringa auf. Unser Haus und meine kleinen Totos habe ich einer zuverlässigen Sudanesenfrau übergeben, die ich mir als „Stütze der Hausfrau“ angelernt habe. Sie soll die Wirtschaft führen, solange ich mich nicht darum kümmern kann, und mich pflegen, wenn ich krank bin. — Hoffentlich erfüllt sie die auf sie gesetzten Hoffnungen. —

Gestern habe ich nun auch mein Abenteuer erlebt, ohne das ein „Afrikaner“ eigentlich keinen Anspruch hat, ernstgenommen zu werden — in Deutschland wenigstens —: ich habe einem Löwen gegenüber gestanden! Ich hatte mir ein schattiges Plätzchen zur Siesta ausgesucht, unweit des Lagers, aus welchem die Klänge von „Heil Dir im Siegerkranz“ und „Ich bin ein Preuße“ zu mir herüber drangen, als plötzlich mein Schnapsel mit allen Zeichen des Schreckens und wütend bellend unter meinem Kleide Deckung suchte; ich sah mich um: etwa 40 Schritte ab steht zwischen den Bäumen eine Löwin! Im ersten Augenblick stockte mir der Atem, dann rief ich nach dem Ombascha, der auch sofort angesprungen kam, leider ohne Gewehr. Ich sah die Löwin noch im Dickicht verschwinden und schickte Askaris hinterher, die Spur war aber bald verloren, und die Leute kamen unverrichteter Sache zurück. Nach etwa einer halben Stunde wurde ich in meiner Lektüre wieder durch Schnapsels Bellen aufmerksam; links von mir, kaumzehn Schritt weit, steht die Löwin wieder und äugt nach uns! Hätte mein braver Schnapsel mich nicht gewarnt, hätte die heimtückische Bestie sicher den Sprung getan! Diesmal trat ich aber schleunigst den Rückzug nach dem Lager an, indem ich wieder nach dem Ombascha rief. Auch diesmal entging uns die Beute; sie wird aber sicher wiederkommen. Schnapsel band ich fest, — auf ihn hatte die Löwin es wohl zunächst abgesehen, dann stellten wir eine Falle mit Selbstschuß. Nun habe ich auch mein Löwenabenteuer! Schade, daß Tom nicht zugegen war, sie wäre dann gewiß nicht entkommen. Einen Leoparden, der sich in einer vonDr.Stierling gestellten Falle gefangen, sah ich kürzlich. Das stattliche Tier hatte die Fangeisen mit furchtbarer Gewalt aus dem Boden gerissen und war mit denselben auf einen Baum gesprungen, wo sich die Kette derart in den Ästen verschlungen hatte, daß ihm jede Flucht abgeschnitten war. Ein gutgezielter Fangschuß machte ihm dort ein Ende.

Dabagga, Sonntag den 10. Juli 1898.

Mittags kamen wir hier an; der Förster hat uns ein reizendes Häuschen aus Bambus errichtet, bestehend aus einem Zimmer mit Veranda, und bewirtete uns mit einem trefflichen, von ihm selbst bereiteten Mittagsmahl. Sehr betrübt erzählte er uns, wie ungern er jetzt von der Stätte seiner Tätigkeit scheide; er hat alles so praktisch und wirklich schön eingerichtet, daß er nun nicht gern einem andern Platz machen möchte. Daß er es rasch gelernt hat, die Eingeborenen richtig zu behandeln, beweisen die Wahehe-Ansiedelungen, die sich unter seiner Leitung bei der Station Dabagga schön entwickeln.

12. Juli 1898.

Wir machten einen Ausflug nach Langomoto, herrliche Bergpartien, von denen wir die Stätten der zahlreichen Quawakämpfe übersehen konnten. Auf Anraten desDr.Drewes, der von Muhanga gekommen war, bewilligte Tom einen Ruhetag — zumeiner Freude, denn dadurch gewinnen wir einen Tag für das schöne Dabagga.

Iringa, 21. Juli 1898.

Endlich! Endlich! Aus vollem, dankbarem Herzen möchte ich es hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: „All’ Fehd’ hat nun ein Ende“ —Quawa ist tot!Mit dieser Nachricht erst ist Toms sieben Jahre langer Kampf um den Besitz Uhehes zum guten Ende gelangt! Wie dankbar bin ich, daß meinem Mann nun die Freude ward, das Werk seiner unsäglichen Mühe und Sorge, die Arbeit von sieben Jahren voller Kämpfe und Strapazen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Nun ist der Name Tom Prince für immer verknüpft mit der Geschichte unserer deutschen Kolonien. Wer will es mir, seiner Frau, verdenken, wenn ich mit frohem Stolze auf den Geliebten blicke; ist er mir doch durch dieses letzte Ereignis in dem blutigen Vernichtungskampfe erst so recht eigentlich neu geschenkt! Wie oft zitterte ich um sein Leben, wenn ich ihn auf dem Zuge gegen Quawa wußte, mit welcher Furcht, mit welch heißem Gebet traf ich stets die Vorbereitungen für seinen Marsch — und durfte ihm doch das Herz nicht schwer machen mit meiner Angst, mußte Frohsinn heucheln, während mir die Angst die Gedanken benahm — und nun steigt die Morgenröte des Friedens strahlend über unsern schönen Bergen auf! —

Das Siegeszeichen, welches Feldwebel Merkl heute bei Tom ablieferte, ist freilich gräßlich — und doch gab es keinen anderen Ausweg, den Tod unseres furchtbarsten Feindes dergestaltad oculoszu demonstrieren, daß kein Zweifel mehr an seiner endgültigen Vernichtung übrig bleiben kann: Merkl brachte den Kopf des erschossenen Sultans Quawa mit zur Station! Auf seinen ruhelosen Streifzügen durch sein ehemaliges Gebiet war Quawa mit vier Boys, einem seiner letzten Getreuen und dessen Weib und Kind endlich auch in den Bereich der 2. Kompagnie gekommen. Toms Vertreter, Leutnant Kuhlmann, schickte sofort, als dies der Station gemeldet wurde, wie üblich, den Feldwebel Merkl mit14 Askaris und 10 Wahehe zur Verfolgung aus. Ich lasse am besten unseres braven Merkl Bericht hier folgen:

„Pawaga erreichten wir am 15. Juli 1898 mittags 12 Uhr nach dreizehnstündigem, anstrengendem Marsche. Wir versteckten uns im dichten Busch und verkleideten uns als Wahehe. Hierher ließ ich mir den Jumben Kissogrewe kommen, der die Nachricht zur Station gebracht und aus Furcht, Quawa werde vor dem Eintreffen der Europäer entfliehen, einen Zug gegen Quawa unternommen hatte. Um 5 Uhr nachmittags traf der Jumbe ein, mit drei Boys von Quawa, die gefangen waren. Von den Boys erfuhr ich, daß er nach Makibuta gehen wolle. Er führe einen Karabiner Modell 71 bei sich, an dem vor einigen Tagen der Lauf an der Mündung geplatzt sei, was ihn sehr beunruhigt habe. Sein Begleiter habe eine Jägerbüchse. — Den Ombascha mit fünf Askaris und fünf Wahehe schickte ich nach Makibuta, blieb aber selbst mit den übrigen Leuten hier, weil die am großen Ruaha verloren gegangene Spur Quawas nach Pawaga zeigte und hier das Stehlen in den im dichten Gebüsch versteckten Schamben und den so sehr verstreuten Hütten sehr leicht ist. — Am 16. Juli 1898 wurde das Weib des Quawa begleitenden Mannes gegen Morgen 4 Uhr ergriffen. Sie sagte, Quawa wäre vom großen Ruaha nach dem südlichen Teile von Pawaga gegangen, von wo er nach dem Utshungwegebirge zurück wolle. Sie selbst sei ausgerissen und irre die ganze Nacht umher. Mittags erhielt ich Nachricht, daß Quawa Mais und ein Schaf geraubt habe. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Die Spur, ins Pori in westlicher Richtung führend, konnten nur die Wahehe erkennen. Gegen 5 Uhr verloren auch sie dieselbe und konnten sie bis zum 17. d. Mts. trotz des Umherstreifens nicht wiederfinden. Quawa mit seinem Getreuen und den Boys marschierten jeder in einer anderen Richtung. Das Schaf wurde mit zugebundenem Maule getragen. Am 18. d. Mts. kam der Ombascha zurück. Am 19. schritten wir am linken Ruahaufer in der Richtung Iringa nach der Stelle zurück, wo wir am 16. die Spur verloren hatten. Hier gingen wir durch den Busch auf Humbwe zu. Mittags 12 Uhr erreichte ich es mitdem Ombascha Adam Ibrahim, Askari Said AliIund Said Borelli und dem Uhehe-Msagira Mtaki. Wir machten Halt, um die zurückgebliebene Karawane zu erwarten. Plötzlich sahen wir einen etwa fünfzehnjährigen nackten Knaben auf uns zukommen, der, sobald er uns sah, die Flucht ergriff, aber doch eingefangen wurde. Auf energisches Zureden gestand er, der vierte Boy Quawas zu sein. Er war des Morgens weggelaufen. Quawa liege drei Stunden weit krank danieder und spucke Blut. Gestern abend habe Quawa seinen Begleiter erschossen. Sofort brachen wir auf. Eine halbe Stunde marschiert, hörten wir in südwestlicher Richtung einen Schuß fallen. Um 2 Uhr nachmittags waren wir nach Aussage des Boys Quawa sehr nahe. Ich beschloß jetzt, Gepäck abzulegen und die Schuhe auszuziehen. Um die Stelle zu beobachten, kletterte ich auf einen Baum. Da der Boden sehr steinig war, war der Marsch ohne Schuhe sehr schmerzhaft. In kurzer Entfernung sahen wir Rauch aufsteigen. Wir mußten etwa 200 Meter auf dem Bauche rutschen. Jetzt konnten wir nicht näher heran, ohne gehört zu werden. Wir sahen zwanzig Schritt vor uns zwei Gestalten, anscheinend schlafend, liegen. Die eine wurde von dem Jumben als Quawa bezeichnet. Da sehr viel dichtes Gebüsch in der unmittelbaren Nähe war und ein Sprung genügt hätte, daß uns Quawa vor der Nase entwischt wäre, wie’s ihm schon oft gelungen, schossen wir auf ihn. Unsere Schüsse waren umsonst; Quawa hatte seinem Leben selbst ein Ende gemacht. Bei ihm war noch nicht die Leichenstarre eingetreten, und den Schuß, den wir gehört, hatte er sich selbst gegeben.“ —

So bleibt der 2. Kompagnie das Verdienst, den Quawafeldzug zum guten Ende geführt zu haben; sie allein hat mit Quawa direkt zu tun gehabt, sie hat ihn aufgestöbert und verfolgt, so ist es nur recht und billig, daß ihr auch jetzt, gerade noch vor Toresschluß, zu dem soldatischen Ruhme treuester Pflichterfüllung auch der materielle Lohn zuteil wird: 5000 Rupien — etwa 8000 Mark hatte bekanntlich das Gouvernement auf Quawas Kopf gesetzt! Dieses Preisausschreiben sollte nur noch bis zum 1. August in Kraft bleiben, es fehlen also nur noch 14 Tage, und FeldwebelMerkl und die 2. Kompagnie wären um den wohlverdienten Lohn gekommen.

Der Jubel, der unsere kleine Welt hier erfüllt, kennt keine Grenzen. Europäer, Soldaten und Eingeborene, einmütig feiern sie alle Tom als den Führer, durch dessen Umsicht und Tatkraft der Quawafeldzug nun endlich beendet ist. Leutnant Kuhlmann hatte alles mögliche ersonnen, um Tom zu ehren, und auch ich kam nicht zu kurz bei all dem Jubel: die Soldatenfrauen trugen mich im Triumphzug durch die Straßen mit Freudengeschrei und Jauchzen. Halb betäubt von dem ohrenzerreißenden Lärm und nicht ohne blaue Flecke wurde ich von Leutnant Kuhlmann der freudetrunkenen Schar entzogen und beim Griechen in eine weniger lebensgefährliche Umgebung gebracht; aber auch hier folgte man mir; gegen 200 Weiber kamen, um mich dort zu feiern; wie vor ihrem Sultan lagen sie vor mir am Boden, mit Jubelgeschrei und Grüßen. Eimerweise ließ ich ihnen Scherbet (Fruchtlimonade) reichen. Die Soldaten machten ihrem Jubel durch tolles Schießen Luft, sie waren ja auch in der Tat „die Nächsten dazu“ — war doch kaum einer unter ihnen, der im Laufe dieser sieben Kriegsjahre nicht an einem Zuge gegen Quawa beteiligt gewesen war. Aber der Wahrheit die Ehre: wir Europäer gaben uns dem Jubel über unsern Erfolg ebenso freudig hin. Bei Beginn der Dunkelheit brachte die Kompagnie uns einen prächtigen Fackelzug, an der Spitze Leutnant Kuhlmann, der Tom einen Kranz überreichte, und die Unteroffiziere. Dann zogen Tom und ich an der Spitze des Zuges durch die Stadt, Tom brachte ein „Hoch“ aus auf den obersten Kriegsherrn, unsern geliebten Kaiser Wilhelm, dann forderte Leutnant Kuhlmann die Kompagnie zu einem „Hoch“ auf ihren Hauptmann auf. Unter dem Siegesgesang der Sudanesen zogen wir dann nach unserm Hause, wo ich mich verabschiedete, während Tom wieder mit zum Griechen mußte. Es dauerte lange, bis auf die große Aufregung dieses bedeutungsvollen Tages die Reaktion eintrat, aber allmählich kam doch die Erschöpfung, und ich fiel in einen festen wohltätigen Schlaf. —

Tom machte von Quawas Kopf eine photographische Aufnahme. Noch im Tode gönnt dieser mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten, dessen Antlitz gesehen zu haben sich bisher kein Weißer rühmen kann, seinen Todfeinden nicht den Anblick seines wahren Gesichtes, er hat sich in den Kopf geschossen, so daß seine Züge entstellt sind. Doch ist das Charakteristische des Kopfes noch zu erkennen: kleines Gesicht mit eigenartigen, geschlitzten und dennoch verhältnismäßig großen Augen; starke Nase, wulstige Lippen, besonders die Unterlippe auffallend herabhängend, fast bis zu dem stark hervortretenden energischen Kinn; dieses Kinn, die wulstigen Lippen und die vorgeschobenen Kinnladen geben dem Kopf einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit und Willenskraft. Eine stark angeschwollene Beule auf der Stirn, von einem Speerstich herrührend, hat wohl den Anlaß zu der weitverbreiteten Meinung gegeben, Quawa trage ein Horn an der Stirn. Wie Feldwebel Merkl berichtet, war Quawa von großer, sehr kräftiger Gestalt, etwa 1,80 Meter. Sein Körperbau entsprach also vollkommen dem gewaltigen Herrschergeist und dem eisernen Willen dieses letzten Sultans von Uhehe. Seine Tat, als er sein Reich und sich selbst verloren gab, entsprach diesem blutigen und doch in seinem Verzweiflungskampfe uns sympathischen Despoten: seinen letzten, treuen Begleiter erschoß er auf der Flucht, um nicht wie ein gewöhnlicher Mensch allein, ohne eine dem tapferen Häuptling und Krieger gebührende Begleitung ins Jenseits zu gehen!

Schlussstück Kapitel 6


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