Auf hoher Warte.
»Zum Karlsberg!« heißt es endlich.
Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke hinunter. Den gegenüberliegenden Abhang hinauf. An einer Schonung vorbei und dann einen breiten Weg hinan. Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur Rechten, etwas nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel und Wipfel hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt gesehen, verdämmern drei Hügelzüge, einer hinter den andern gelegt und vom leicht aufsteigenden Dunst der tief unten liegenden Havel mit sanft bläulichem Hauche verbrämt.
So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen hinaus auf die Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht und sich so jetzt quer vor den Weg der Jungenschar legt. Gewaltig ragt drüben aus reinlichem, rötlichem Mauerstein, wie ihn der felsarme Märker brennt, der König Wilhelms Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe um den Fuß des Turmes.
Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor Fuchs weg über die große, steinerne Freitreppe. Sie stehen jetzt an dem schwarzgrauen Stein, der so sicher um die Plattform herumläuft, und bewundernd taucht der Blick hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und Seenbildes, das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. ImRücken rauscht und raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald. Rechts und links steigt er hinab zum Saume des Wasserspiegels, der sich glitzernd und blitzend und vom Morgenwehen leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf verliert sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata Morgana auf leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber an den eckig-hochragenden Sandwällen, von deren einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in die Havelflut stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten dem jenseitigen Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt und sich einhüllt in das lauschige, weiche Gewand schattender Laubbäume. Lichter wird dann drüben die Gegend und lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf, hinweg über die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen in die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein.
Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den Blick? Auf der sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden Havel ziehen sie langsam herauf, und merklich kaum kommen sie näher: fünf, sechs, sieben der Schiffe mit weißlich schimmernden Segeln! Schwänen vergleichbar, aus einer weit größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des spiegelnden Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen mit sattgrünem, dunklem Bande lieblich dieses Bild, das im Hintergrunde durch den sanft verdämmernden Nikolskoier Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne gerückten Türme von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird.
Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte des herrlichen Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit seinen Tertianern, versunken in diese Waldes-, Seen- und Flurenpracht. Als da Hagen von der andern Seite herumgesprungen kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was ist das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß es heißen, wie es will! Bewundere nur diese Natur! Kapsele dir das Bild im Auge ein, Hagen! So was Schönes siehst du so bald nicht wieder!«
Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. Aber – wo sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum eigentlichen Turm zurückgetreten und schauen da auf das Standbild des Königs Wilhelm; aber die andern? Etwa – gegen seinen Befehl – doch auf dem Turm? Nein! In dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude.
Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind bei dem kleinen Brunnen unten vor der breiten Rampe. Aber da ja keiner mehr erhitzt ist, so gönnt er jedem gern den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon wieder essen. Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! –