Edler Wettstreit.

Edler Wettstreit.

Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient den Mittelflur des weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt, sprang der kleine Köckeritz die Treppe herauf. Der sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem seine Beine nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß Doktor Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm gesagt hatte: »Na, Achim, wenn mal die Sperlinge Stiftungsfest haben, mußtdudie Fahne tragen!«

Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und direkt vor seinen Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir machen doch die Partie und –«

»Gut, gut!AdPartie nachher in der Klasse!«

Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben, so zieht der ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm so den Weg zu seiner Klasse, die noch ein paar Schritte weiter den Flur hinunter liegt.

Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick schon wieder vor Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr Doktor, wir machen doch die Partie, aber …«

»Na freilich! Und nun drückt er sich!«

»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie, aber es ist doch was ganz andres!«

Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört zur Partie und gehört doch auch nicht zur Partie!«

»Ja! Nein, nein! Ja!«

»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!«

»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu Hause erzählt. Der kann doch die Partie nicht mitmachen, weil er – weil er –«

»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!«

»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor, dem Ernst Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit er mitmachen kann!« Dabei will der Achim dem Doktor Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm in ein weißes Blättlein eingewickelt hat.

»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein Prachtkerl! Und deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm als Ordinarius des armen Ernst Ehrenfried für dieses Anerbieten herzlich danke. Aber es wäre schon alles erledigt. Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also, Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem Herrn Vater, und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich mich über sein Anerbieten gefreut hätte.«

»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog auch nicht gerade sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig und fidel. Er dachte sich sicherlich auch nicht allzuviel bei der Sache.

An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den würdigen Sekundus der Klasse, über den Haufen. Der trug als Sekundus neben dem Primus auch die Last einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart; denn wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher Kasse wissen durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl, daß immer einige Pfennige da waren. Wovon sollte sich denn auch sonst die Klasse zu Neujahr einen neuen Wandkalenderkaufen oder eine zerbrochene Scheibe bezahlen, die natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf einmal zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer Tertia vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart also, der stand jetzt an der Tür und hatte schon ein kleines Weilchen darauf gewartet, daß der kleine Köckeritz da vor Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß er nun hinter Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor der Treppe Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch inspizieren. Da nickte er recht herzlich einem Jungen zu, der offenbar die Treppe heraufkam und jetzt gerade mit dem Kopf hochtauchte.

Das war – der Ernst Ehrenfried.

»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal um sich selber.

Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs auch etwas zu sagen; denn er hatte die Mütze wieder abgenommen und trug sie in der Hand, und einen puterroten Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er mit einem seiner Lehrer sprechen wollte.

Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried, und schon stand er jetzt neben seinem Ordinarius und meldete sich krampfhaft: »Herr Doktor! Herr Doktor!«

»Na, wo brennt’s denn, Junge?«

Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so sonderbar hin und her. »Herr Doktor!«

»Na ja doch, schieß nur los!«

Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit genug weg!

»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die Partie nicht mitmachen. Können wir da nicht aus der Klassenkasse etwas Geld nehmen, daß er auch mitkann?«

»Na, wieviel hast du denn drin?«

»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf Hefte. Die werden doch mit 15 Pfennigen das Stück verkauft. Das sind noch 75 Pfennige!«

»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld verfügen!«

»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle dafür, daß Ehrenfried auch mitkommt.«

Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta immer der Beste und der Primus der Klasse gewesen; seit aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat er von diesem Ehrenposten zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz war Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich unter den klügern und fleißigern, freilich auch ältern Mitschüler gestellt, und jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried auch bei der Partie haben.

Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er schätzt es hoch, sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos ist und jetzt so selbstlos handelt. So sagt er denn mit inniger Wärme zu dem Jungen: »Tauscher, das ist wirklich nett von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich freue mich, daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her, mein Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!«

Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht.

»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses Mal der Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon erledigt: der Ernst Ehrenfried kommt auch so mit!«

Da legt sich das helle Staunen in die Augen des kleinen Kassenwarts; er dreht sich dann, ohne noch ein Wort zu sagen, um und geht der Klasse zu. –

Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke des Türpfostens geguckt. Als er den Tauscher der Klasse näher kommen sieht, faßt er sich ein Herz und geht Doktor Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt auch langsam herunterschreitet.

»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da kommt ja auch mein Primus an! Na, was gibt’s Neues, Ernst?«

»Herr Doktor!« – Der Ernst kann nicht weiter. Die Tränen treten ihm in die Augen; es zuckt so eigentümlich über sein Gesicht hin, als ob er weinen wollte.

Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand: »Also, du willst die Partie mitmachen! Das freut mich, Ernst! Man muß sich mit seinen Kameraden auch einmal freuen können!«

Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die hellen Tränen über die Backen. »Nein, Herr Doktor,« sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann doch nicht mitkommen. Ich wußte nicht, daß – daß – dieses Geld – das Geld –« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend, daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das Sprechzimmer zieht, das in der Flucht der Klassen in der Mitte des Flures liegt.

»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die ganze Sache ist doch nicht zum Weinen!«

»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich wußte nicht, daß – daß – Sie es gebracht hatten!«

»Du hast das Geld schon verbraucht?« – Es klingt beinahe aus dem Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs etwas enttäuscht wäre.

Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er glaubt, jetzt muß er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, damit dieser nicht noch schlechter von ihm denkt. So trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich einmal alles schnell erzählen, Herr Doktor?«

»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar Pfennige zu einem guten Zweck ausgegeben hast!«

»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das kleine Marthchen brauchte schon lange ein Kleid. Da habe ich für das Geld den Stoff zu diesem Kleide gekauft. Meine Tante wollte mir ja das Geld für Sie wiedergeben; aber das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem Vormund gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« –

Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte hervorgestoßen, atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber Doktor Fuchs sieht jetzt in den Seelenadel seines Primus hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um den armen Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt und muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung nicht aufkommen zu lassen. Dann aber legt er die Hand dem armen Jungen auf die Schulter und sagt: »Mein lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht anders von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen und dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind einfache und schlichte, aber edeldenkende Menschen. Sie haben deine Dankbarkeit verdient!«

Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht,was er sagen soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle über die andere über das Gesicht jagt. Und doch ist ihm jetzt so wohl, daß er dieses schwere, schwere Geständnis vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du mir aber auch eine Freude machen und doch mitkommen. Und da wir beide ja nun ganz offen miteinander stehen, so machen wir beide auch keine Umstände mehr miteinander.«

Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie.

»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig, und kein Mensch, außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich, braucht etwas davon zu erfahren! – Na, aber Ernst, du willst mir doch nicht die Freude verderben! Nein, nein, ich möchte aber wirklich, daß du das nimmst! Nun geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen wäre!«

Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber gibt er Doktor Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke schön, Herr Doktor!« – – –

Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen Sprechzimmer auf den Flur hinaus: der eine ging schnell und leichten Schrittes der Unter-TertiaOzu, der andere aber wandte sich den Flur weiter hinauf zur Quarta hin, wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an ihm herumwürgte und ihm an der Kehle säße. – – –


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