Zu langstilig und zu kurzstielig.

Zu langstilig und zu kurzstielig.

»Na, das läßt sich ja immer schöner an!«

Das Gefühl so ungefähr hatte die ganze Klasse, als man endlich wieder oben saß und auf Doktor Fuchs wartete. Was konnte denn überhaupt nun heute noch passieren? Jetzt im Französischen ein Lesestück! Und nachher Geschichte! Da mußte man ja schon veritable Kunststücke machen, um hineinzufallen. Man durfte natürlich keinen unnützen Jokus treiben; aber man riß sich eben auch kein Bein aus.

Und morgen dann die Klassenpartie! Und dann die Pfingstferien! Der dicke Puntz hätte bei diesem Gedanken beinahe Juchhe! geschrien.

Wo blieb aber nur Fuchs heute?

Da, ein Trappeln von vielen Schritten auf der Treppe! Eine der Quarten marschierte draußen andächtig auf. Schnell trat auch jetzt der Ordinarius in die Klasse und ließ seine Jungen so auseinanderrücken, daß sich neben jeden ein Quartaner setzen konnte.

Die ganze Sache fing also schon recht langstilig an, und langstiliger noch ging’s in der Stunde her; denn offenbar wollte Doktor Fuchs die Quartaner nicht ganz brach liegen lassen und seinen eigenen Tertianern das Quartanerpensum dabei in Erinnerung bringen.

Verlorene Liebesmüh! Der Tertianer hat bei solcher Gelegenheit oft ein dickes Fell: man ließ also auch in diesem Falle die ganze Geschichte ruhig an sich vorüberplätschernund schwamm nur mit, wenn man wirklich mal gezwungen wurde. Man war ja mit allem so weit weg vom Schuß!

Schließlich hatte man auch mal wieder das Gefühl:summa summarumeine feine Stunde!

»Ja,« beteuerte der kleine Köckeritz, der es verstand, sich zuweilen recht gewählt auszudrücken, »es war eine Stunde, die sich wunderbar in diese ganze, feine Woche hineinfügt! Auch die Geschichtsstunde werden wir mit Gottes Hilfe noch überstehen!«

Fritze Köhn aber sah dabei dem Kleinen so seltsam auf den Mund. »Fertig mit de Quasselstrippe?« fragte er schließlich.

»Ja!«

»Ick mach’s kirzer: Jetzt no’ Jeschichte! Un denn: Adjee Sie!«

Die andern Jungen mußten hell auslachen. Sie waren durchaus der Meinung von Fritze Köhn: so was konnte man eben gar nicht kurz genug sagen! – – –

Nun saß man schon mitten drin in der Geschichtsstunde! Griechenland war so weit weg und die Geschichte der alten Griechen noch viel weiter! Zudem war es auch wieder heiß geworden, wenn auch nicht so heiß, daß man auf Freigeben hätte hoffen können. Immerhin, mitten in der Stunde – die Schuluhr draußen über der Turnhalle hatte gerade halb geschlagen – mitten in der Stunde also meldete sich der Richter und sagte höflich: »Herr Doktor, können nicht die Fenster obenalleaufgemacht werden?«

Der Lehrer nickte: »Selbstverständlich! Hier sind ja wohl bestimmte Fensterwarte in dieser Klasse!«

Die vier Größten sprangen auf.

»Meins ist schon auf!« sagte Schützel gewichtig, während Schilter und Heinrichs vorliefen, um den Hebel an ihrem Fenster zu ergreifen und ihn langsam und vorsichtig zur Seite zu drücken. Die Fenster öffneten sich dann oben an der Decke, wie von einem geheimen Zauber bewegt.

»Na, und du?« fragte der Lehrer den Mucius.

»Ja, das da ist meins! Aber manchmal geht’s, und manchmal geht’s nicht! Herr Doktor Fuchs hat gesagt, am besten machen wir das vorläufignichtauf!«

»Och! Hat er das wirklich so gemeint? Es ist nämlich bei euch hierdrin in der Tat etwas sehr schwül, Jungs! Geht’s wirklich nicht doch mal mit dem Fenster, Mucius?«

»Herr Oberlehrer!« – Der kleine Zittel ist immer einer der schnellsten auf dem Plan. – »Das Fenster ist unter Plombenverschluß gelegt!«

»Unter was?« fragt da der Lehrer aufhorchend und tritt zu dem besagten Fenster hinüber.

Da war eine rote, feine Schnur um den Hebel und die zum obersten Fensterflügel hinauflaufende Eisenstange gelegt; die beiden Enden dieser Schnur waren in einer kleinen Bleiplombe vereinigt. Und ein Zettel war weiter darangebunden. Auf dem stand:

»Vorsicht! Plombe!Oeffnen bei Strafe verboten!

Mucius, Fensterwart.Im Auftrage der Klasse,G. m. b. H.«

Mucius, Fensterwart.Im Auftrage der Klasse,G. m. b. H.«

Der Lehrer mußte lachen. »Na,« meinte er schließlich, »dann müßte unten in meiner Quinta an jedem Fenster solche Warnung hängen! Es wird schon gehen!«

Vorsichtig fing also der Herr an, an dem Hebel zu drücken. Doch, die kleine Schnur, so dünn sie auch sein mochte, leistete einen gewissen Widerstand. Die Jungen sahen gespannten Blickes auf die ganze Manipulation hin. Mucius sogar etwas empört. Schließlich, er mußte doch sein Fenster auch besser kennen als jeder andere! Und wenn der andere auch sogar vielleicht Professor war. Passierte was dran, dann war er selber doch Fuchsen dafür verantwortlich, und es war doch ebenseinFenster! Abererwürde –

Knipps! – Da war die dünne Schnur gerissen. Rupps! fuhr das Fenster oben auf. Krach! sprang der Flügel aus den Angeln.

Alles am Fenster dort vorn prallte zur Seite; denn schon sauste der schwere Holzrahmen mit der Scheibe zu Boden, und klirr! klirr! klirr! zerschmetterte sich die Scheibe unten an den Dielen in tausend Stücke.

Ein Augenblick entsetzten Schweigens! Dann aber brach der Spektakel los. Ein Lachen! Ein Johlen! Ein Heulen! Dort vorn am Fenster bogen sich die nächsten mit schadenfrohem Gesicht zu der ganzen, zerbrochenen Herrlichkeit hinunter; hier sahen die ersten auf der Bank dem Lehrer in die erschrockenen Augen; hinten aber hatten sich ein paar direkt umarmt, und man hätte nur noch zweifelhaft sein können, ob sie lieber einen Schunkelwalzer oder einen Indianertanz aufführen wollten.

Es kam zu keinem von beiden; denn im selben Augenblick erschien auch schon der Direktor auf der Bildfläche.

»Na nu? Was ist denn hier los?«

Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum underklärte die ganze Sache. Und verlegen lächelnd fügte er hinzu: »Ich werde natürlich für den Schaden aufkommen, Herr Direktor!«

»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,« erwiderte indessen der Direktor ablehnend. »Die Fabrik, die diese Verschlüsse eingerichtet hat, ist der Stadt zu einer tadellosen Leistung verpflichtet, und doch ist beinahe in jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie, dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig! Ich habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine wirkliche Angst gehabt, daß mit den Dingern was passieren könnte. Und als ich draußen gerade vorbeiging« – der Herr Direktor lachte wieder – »da dachte ich mir gleich, daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja ganz gefährlich an!«

»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer. »Es ist nur gut, daß kein Unglück sonst dabei vorgekommen ist!« – – –

Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen schließlich ganz schnuppe. Aber der entsetzliche Krach, die Verlegenheit des Lehrers, die Angst und die Aufregung des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja einen Heidenspaß. Die ZeitNB.verging doch dabei auch; die Zeit, die kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt wurde. Na, kurz und gut, höchst willkommen die ganze Geschichte! Die alten Griechen waren dabei weit, weit weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die dummen Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt keine Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine Stunde wieder mal, fein, wie die ganze Woche! Beinahewar es sogar jammerschade, daß es jetzt schon läutete und man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte, daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen war – durch die Schuld des Lehrers. –

»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er dabei machte?«

»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf gekriegt hätte!«

»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?«

»Ih wo!«

»Na, wer weiß?«

»Na freilich!«

»Quatsch nich, Krause!«

Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen. Und mit listig und lustig blinkenden Äuglein fährt er fort: »Ob die Zappen an den an’nern Fenstern nich auch en bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n bißken kurzstieliger, meen’ ick!«

Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten sie doch nur Über den »verrückten« Einfall. »Ach nein! Aber eine feine Stunde war es doch wieder mal!«

»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie die ganze Woche!«

»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das Allerfeinste!« – – –


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