II
Nach der Vorlesung sitze ich bei mir zu Hause und arbeite. Ich lese Zeitschriften und Dissertationen oder bereite mich auf die folgende Vorlesung vor; manchmal schreibe ich auch etwas. Ich arbeite mit Unterbrechungen, da ich dabei Besucher empfangen muß.
Die Klingel ertönt. Ein Kollege ist gekommen, um mit mir etwas Geschäftliches zu besprechen. Er tritt mit Hut und Stock in mein Zimmer, streckt mir in jeder Hand einen dieser Gegenstände entgegen und sagt:
»Ich komme nur auf einen Augenblick, nur auf einen Augenblick! Bleiben Sie sitzen, Kollege! Nur zwei Worte!«
Zunächst suchen wir einander zu zeigen, daß wir beide außerordentlich höfliche Menschen und beide sehr erfreut sind, einander zu sehen. Ich nötige ihn in einen Lehnsessel, und er sucht mich zum Sitzen zu veranlassen; dabei streicheln wir uns wechselseitig behutsam an der Rocktaille und berühren die Knöpfe des andern; es sieht so aus, als ob wir einander betasteten, uns aber hierbei zu verbrennen fürchteten. Wir lachen beide, obwohl wir nichts Lächerliches sagen. Nachdem wir zum Sitzen gekommen sind, beugen wir uns mit den Köpfen zueinander und beginnen halblaut zu reden. Mögen wir einander auch noch so freundlich gesinnt sein, es ist dennoch unumgänglichnötig, daß wir unsere Reden mit allerlei chinesischen Phrasen vergolden, als da sind: »Sie beliebten sehr richtig zu bemerken«, oder: »Wie ich schon die Ehre hatte Ihnen zu sagen«, und es ist unumgänglich nötig, daß wir lachen, wenn einer von uns einen Witz macht, mag er auch noch so geringwertig sein. Nach Beendigung des geschäftlichen Gespräches steht der Kollege mit einer hastigen Bewegung auf, weist mit seinem Hute nach meiner Arbeit hin und beginnt sich zu empfehlen. Wieder betasten wir uns gegenseitig und lachen dabei. Ich begleite ihn bis ins Vorzimmer; hier bin ich meinem Kollegen beim Anziehen des Pelzes behilflich; aber er wehrt sich in jeder Weise gegen diese hohe Ehre. Wenn dann Jegor die Tür öffnet, versichert mir der Kollege, ich würde mich erkälten; ich aber tue, als hätte ich vor, sogar bis auf die Straße hinter ihm her zu gehen. Und wenn ich dann endlich in mein Arbeitszimmer zurückkehre, so fährt mein Gesicht, wohl infolge des Beharrungsvermögens, immer noch fort zu lächeln.
Nach einem Weilchen klingelt es wieder. Es tritt jemand ins Vorzimmer, zieht sich lange aus und hustet. Jegor meldet, es sei ein Student da. Ich sage: »Ich lasse bitten.« Einen Augenblick darauf tritt ein junger Mensch von angenehmem Äußern in mein Zimmer. Schon seit einem Jahre stehen wir beide miteinander auf gespanntem Fuße: er gibt bei mir im Examen abscheulich schlechte Antworten, und ich erteile ihm das Prädikat Nicht genügend. Solcher jungen Leute, die ich, um studentisch zu reden, durchplumpsen oder durchrasseln lasse, sammeln sich bei mir im Laufe eines Jahres ungefähr sieben Stück an. Diejenigen unter ihnen, die das Examen wegen Unfähigkeit oder wegen Krankheit nicht bestehen, tragen ihr Kreuz gewöhnlich mit Geduld und machen nicht den Versuch, mich umzustimmen; dagegen neigen die Sanguiniker dazu, zu mir ins Haus zu kommen und mit mir zu feilschen und zu handeln; das sind leichtlebige Naturen, denen die Nötigung, das Examen noch einmal abzulegen, den Appetit verdirbt und an regelmäßigem Besuche der Oper hinderlich ist. Den ersteren gegenüber übe ich gern Nachsicht; aber die zweite Sorte lasse ich ein ganzes Jahr lang durchfallen.
»Nehmen Sie Platz,« sage ich zu dem Besucher. »Was bringen Sie?«
»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Professor,« beginnt er stotternd und ohne mir ins Gesicht zu sehen. »Ich hätte nicht gewagt,Sie zu belästigen, wenn ich nicht … Ich habe bei Ihnen schon fünfmal das Examen gemacht und … und bin durchgefallen. Ich bitte Sie inständig, haben Sie die Güte und geben Sie mir Genügend; denn …«
Die Begründung, die alle Faulpelze zu ihren Gunsten vorbringen, ist immer ein und dieselbe: sie hätten das Examen in allen Fächern sehr gut bestanden, nur in meinem seien sie durchgefallen, und dies sei um so erstaunlicher, da sie gerade in meinem Fache immer sehr fleißig studiert hätten und gut darin Bescheid wüßten; sie seien nur infolge irgendeines unbegreiflichen Mißverständnisses durchgefallen.
»Entschuldigen Sie, lieber Freund,« sage ich zu dem Besucher, »genügend kann ich Ihnen nicht geben. Repetieren Sie noch ein bißchen, und kommen Sie dann wieder! Dann wollen wir sehen.«
Es tritt in dem Gespräche eine Pause ein. Es reizt mich, den Studenten ein bißchen zu quälen, zur Strafe dafür, daß er das Bier und die Oper mehr liebt als die Wissenschaft, und ich sage mit einem Seufzer:
»Meiner Ansicht nach ist das Beste, was Sie jetzt tun können, ganz aus der medizinischen Fakultät auszutreten. Wenn es Ihnen bei Ihren Anlagen schlechterdings nicht gelingen will, das Examen zu bestehen, so haben Sie offenbar weder die Neigung noch den Beruf dazu, Arzt zu werden.«
Das Gesicht des Sanguinikers zieht sich in die Länge.
»Verzeihen Sie, Herr Professor,« erwidert er lächelnd, »aber das würde doch von meiner Seite wenigstens sehr sonderbar sein. Fünf Jahre zu studieren und dann auf einmal abzuspringen!«
»Nun ja, gewiß! Aber es ist doch besser, fünf Jahre zu verlieren, als nachher das ganze Leben lang eine Tätigkeit auszuüben, die man nicht liebt.«
Aber sogleich fängt er mir auch an leid zu tun, und ich beeile mich hinzuzufügen:
»Handeln Sie übrigens, wie es Ihnen gut scheint! Also arbeiten Sie noch ein bißchen, und kommen Sie dann wieder!«
»Wann?« fragt der Faulpelz in dumpfem Tone.
»Wann Sie wollen. Meinetwegen morgen.«
Und in seinen gutmütigen Augen lese ich den Gedanken: »Kommen könnte ich schon; aber du Racker würdest mich ja doch wieder durchfallen lassen!«
»Gewiß,« sage ich, »Sie werden nicht gelehrter dadurch werden, wenn Sie sich noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen; aber es wird zu Ihrer Charakterbildung beitragen. Und das ist doch auch ein schöner Gewinn.«
Es folgt wieder eine Pause. Ich erhebe mich und warte, daß der Besucher fortgeht; aber er bleibt stehen, blickt nach dem Fenster hin, zupft an seinem Bärtchen und überlegt. Die Sache beginnt langweilig zu werden.
Die Stimme des Sanguinikers ist angenehm und volltönend, seine Augen verständig und etwas spöttisch, das Gesicht seelengut, vom vielen Biertrinken und dem langen Herumliegen auf dem Sofa ein wenig aufgedunsen; anscheinend könnte er mir viel Interessantes über die Oper, über seine Liebesabenteuer und über die Kommilitonen, die er gern hat, erzählen; aber leider ist es nicht üblich, von dergleichen zu sprechen. Ich würde es ganz gern hören.
»Herr Professor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn Sie mir Genügend geben, so werde ich …«
Sowie das Gespräch beim Ehrenworte angelangt ist, winke ich abwehrend mit den Händen und setze mich an den Tisch. Der Student denkt noch eine Minute lang nach und sagt dann niedergeschlagen:
»Dann also adieu … Entschuldigen Sie!«
»Adieu, lieber Freund. Möge es Ihnen gut gehen!«
Er geht unentschlossen in das Vorzimmer und zieht sich dort langsam an; nachdem er auf die Straße hinausgetreten ist, denkt er wahrscheinlich nochmals lange nach. Aber da ihm nichts weiter einfällt als mit Bezug auf mich »Alter Satan!« vor sich hinzumurmeln, geht er in ein schlechtes Restaurant, um Bier zu trinken und Mittagbrot zu essen, und dann nach Hause, um zu schlafen. Friede deiner Asche, du ehrlicher Freund der Arbeit!
Es klingelt zum dritten Male. In mein Zimmer tritt ein junger Arzt in einem neuen, schwarzen Anzuge, mit einer goldenen Brille und selbstverständlich mit einer weißen Krawatte. Er stellt sich vor. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und frage, was zu seinen Diensten steht. Nicht ohne eine gewisse Erregung beginnt der junge Priester der Wissenschaft mir zu erzählen, er habe in diesem Jahre sein Doktorexamen bestanden und müsse jetzt nur noch eine Dissertation schreiben. Er möchte gern bei mir, unter meiner Leitung, arbeiten,und ich würde ihn zu großem Dank verpflichten, wenn ich ihm ein Thema für seine Dissertation angeben wollte.
»Ich freue mich sehr, Ihnen nützlich sein zu können, Herr Kollege,« sage ich. »Aber lassen Sie uns zunächst darüber einig werden, was denn eigentlich eine Dissertation ist. Unter diesem Worte pflegt man doch eine Abhandlung zu verstehen, die ein Produkt selbständigen Schaffens darstellt. Nicht wahr? Eine Abhandlung aber, die über ein fremdes Thema und unter fremder Leitung geschrieben ist, die nennt man anders …«
Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe von meinem Stuhle auf.
»Ich begreife nicht, warum die Herren alle zu mir kommen!« rufe ich ärgerlich. »Bin ich denn ein Händler? Ich habe keine Themata feil! Zum tausendundersten Male bitte ich Sie alle, mich in Ruhe zu lassen! Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit; aber die Sache ist mir wahrhaftig schließlich zum Ekel geworden!«
Der Doktorand schweigt, und nur in der Gegend der Backenknochen erscheint auf seinem Gesicht eine leichte Röte. Seine Miene drückt eine hohe Achtung vor meinem berühmten Namen und vor meiner Gelehrsamkeit aus; aber an seinen Augen sehe ich, daß er mich wegen meines erregten Tones und wegen meiner kläglichen Gestalt und wegen meiner nervösen Bewegungen geringschätzt. Ich erscheine ihm in meinem Zorne als ein wunderlicher Geselle.
»Ich bin kein Händler!« wiederhole ich ärgerlich. »Es ist doch auch wunderlich: warum wollen Sie denn nicht selbständig sein? Warum ist Ihnen denn die Freiheit so zuwider?«
Ich rede viel; er aber schweigt dauernd. Schließlich beruhige ich mich allmählich und gebe natürlich nach. Der Doktorand wird von mir ein Thema erhalten, das keinen Dreier wert ist, wird unter meiner Aufsicht eine Dissertation schreiben, von der niemand etwas hat, wird mit Würde die langweilige Disputation überstehen und einen akademischen Grad erhalten, der ihm nichts nützt.
Manchmal wird meine Klingel einmal nach dem andern in Bewegung gesetzt, ohne Ende; aber hier beschränke ich mich darauf, nur noch einen vierten Besuch zu erwähnen. Es klingelt zum viertenmal, und ich höre bekannte Schritte, das Rascheln eines Frauenkleides und eine liebe Stimme …
Vor achtzehn Jahren starb ein Kollege von mir, ein Augenarzt, und hinterließ eine siebenjährige Tochter Katja und etwa sechzigtausend Rubel. In seinem Testamente hatte er mich als Vormund eingesetzt. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahre lebte Katja in meiner Familie; dann gab ich sie in ein Erziehungsinstitut, und sie verlebte bei mir nur die Sommermonate, wo sie Ferien hatte. Mich mit ihrer Erziehung zu beschäftigen, dazu hatte ich keine Zeit; ich beobachtete das Mädchen nur in meinen Mußestunden und kann daher über ihre Kindheit nur sehr wenig sagen.
Das Erste, was mir im Gedächtnis haftet und mir eine liebe Erinnerung bildet, ist die außerordentliche Zutraulichkeit, mit der sie in mein Haus eintrat, mit der sie sich in Krankheitsfällen von den Ärzten behandeln ließ, und die überhaupt immer auf ihrem Gesichtchen leuchtete. Manchmal saß sie mit verbundener Backe irgendwo in einem Eckchen, und dann konnte man sicher sein, daß sie irgend etwas mit Aufmerksamkeit betrachtete. Und ob sie nun zu solchen Zeiten zusah, wie ich schrieb und in Büchern blätterte, oder wie meine Frau in der Wirtschaft tätig war, oder wie die Köchin in der Küche die Kartoffeln wusch, oder wie der Hund spielte: immer drückten dabei ihre Augen unabänderlich einen und denselben Gedanken aus: »Alles, was in dieser Welt geschieht, ist schön und vernünftig.« Sie war wißbegierig und sprach sehr gern mit mir. Oft saß sie am Tische mir gegenüber, verfolgte mit den Augen meine Bewegungen und stellte Fragen. Es interessierte sie, zu wissen, was ich läse, und was ich in der Universität täte, und ob ich mich vor den Leichen nicht fürchtete, und was ich mit meinem Gehalt anfinge.
»Prügeln sich die Studenten in der Universität?« fragte sie.
»Ja, das tun sie, liebes Kind.«
»Und lassen Sie sie dafür zur Strafe knien?«
»Ja, das tue ich.«
Und es kam ihr komisch vor, daß die Studenten sich prügelten und ich sie knien ließe, und sie lachte herzlich darüber. Sie war ein sanftes, geduldiges, seelengutes Kind. Nicht selten bekam ich zu sehen, wie man ihr etwas wegnahm, sie ohne Grund bestrafte oder ihre Wißbegierde nicht befriedigte; dann gesellte sich zu dem ständigen Ausdrucke von Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte noch ein Ausdruck von Traurigkeit, aber weiter nichts. Ich verstandnicht, sie gebührend in Schutz zu nehmen, und nur wenn ich ihre Traurigkeit sah, regte sich in mir das Verlangen, sie an mich zu ziehen und im Tone einer alten Kinderfrau bedauernd zu ihr zu sagen:
»O du meine liebe Waise!«
Ich besinne mich auch, daß sie Freude daran hatte, sich gut zu kleiden und sich mit Parfüm zu bespritzen. In dieser Hinsicht hatte sie mit mir Ähnlichkeit. Auch ich habe schöne Garderobe und gute Parfüms sehr gern.
Ich bedaure, daß ich keine Zeit und Lust hatte, den Beginn und die Entwickelung einer Leidenschaft zu verfolgen, in deren Bann Katja schon im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren vollständig hineingeraten war. Ich meine ihre leidenschaftliche Liebe zum Theater. Wenn sie für die Ferienzeit aus dem Institute zu uns kam und bei uns lebte, sprach sie von nichts mit solchem Vergnügen und solcher Wärme wie von Theaterstücken und Schauspielern. Sie ermüdete uns durch ihre beständigen Gespräche über das Theater. Meine Frau und meine Kinder hörten ihr nicht mehr zu. Nur ich hatte nicht den Mut, ihr meine Aufmerksamkeit zu verweigern. Wenn bei ihr der Wunsch rege wurde, ihren Enthusiasmus mit jemandem zu teilen, so kam sie zu mir in mein Arbeitszimmer und sagte in flehendem Tone:
»Nikolai Stepanowitsch, erlauben Sie mir, mit Ihnen ein bißchen vom Theater zu reden?«
Ich wies auf die Uhr und sagte: »Ich gewähre dir eine halbe Stunde. Fang an!«
Später brachte sie ganze Dutzende von Porträts der von ihr angebeteten Schauspieler und Schauspielerinnen mit; darauf versuchte sie einige Male, bei Liebhabervorstellungen mitzuwirken, und schließlich, als sie die Schule durchgemacht hatte, erklärte sie mir, sie sei zur Schauspielerin geboren.
Ich habe Katjas Schwärmerei für das Theater nie geteilt. Meine Ansicht ist die: wenn ein Stück gut ist, so braucht man, damit es den richtigen Eindruck macht, nicht erst die Schauspieler zu bemühen; man kann sich mit der Lektüre begnügen; wenn das Stück aber schlecht ist, so ist kein Spiel imstande, ein gutes daraus zu machen.
In meiner Jugend habe ich häufig das Theater besucht, und jetzt nimmt meine Familie zweimal im Jahre eine Loge und schleppt mich auch mit hin, »zum Auslüften«. Das reicht ja freilich nichtdazu aus, um mich zu einem Urteil über das Theater zu berechtigen; aber ich will doch ein paar Worte darüber sagen. Meiner Ansicht nach ist das Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig bis vierzig Jahren war. Wie früher kann ich weder in den Korridoren des Theaters noch im Foyer ein einfaches Glas Wasser bekommen. Wie früher nehmen mich die Theaterdiener für meinen Pelz in eine Geldstrafe von zwanzig Kopeken, obwohl doch in dem Tragen warmer Kleidung zur Winterszeit nichts Anstößiges liegt. Wie früher spielt in den Zwischenakten ohne jeden Anlaß die Musik und fügt zu dem durch das Stück hervorgerufenen Eindruck einen neuen, unerbetenen hinzu. Wie früher gehen die Männer in den Zwischenakten zum Büfett, um alkoholische Getränke zu genießen. Wenn so in Kleinigkeiten kein Fortschritt sichtbar ist, so würde ich ihn auch in wichtigeren Dingen vergebens suchen. Wenn ein Schauspieler, der sich vom Kopf bis zu den Füßen in die Traditionen und Vorurteile des Theaterwesens verstrickt hat, seine Bemühung darauf richtet, den ganz schlichten, gewöhnlichen Monolog »Sein oder nicht sein« nicht in schlichter Art, sondern aus einem unerfindlichen Grunde mit obligatem Zischen und mit Krämpfen im ganzen Körper vorzutragen, oder wenn er mir um jeden Preis einzureden sucht, daß Tschazki[1], der sich so viel mit Dummköpfen unterhält und eine dumme Frauensperson liebt, ein sehr verständiger Mensch und »Verstand schafft Leiden« ein interessantes Stück sei, dann weht mich von der Bühne ebenderselbe öde Geist an, der mir schon vor vierzig Jahren langweilig war, als man mich mit klassisch sein sollender Heulerei und An-die-Brust-schlagen regalierte. Und jedesmal komme ich aus dem Theater mit konservativerer Gesinnung heraus, als ich hineingegangen bin.
Der empfindsamen, leichtgläubigen Menge kann man einreden, daß das Theater in seinem jetzigen Zustande eine Bildungsstätte sei. Aber wer da weiß, was eine Bildungsstätte im wahren Sinne des Wortes ist, den fängt man nicht mit diesem Köder. Wie die Sache nach fünfzig bis hundert Jahren aussehen wird, weiß ich nicht; unter den gegenwärtigen Verhältnissen jedoch kann das Theater nur als Mittel zur Zerstreuung dienen. Aber diese Zerstreuung kommt der menschlichen Gesellschaft auf die Dauer denn dochetwas zu teuer zu stehen. Denn sie entzieht dem Staate Tausende von jungen, gesunden, talentvollen Männern und Frauen, die, wenn sie sich nicht dem Theater gewidmet hätten, gute Ärzte, Landwirte, Lehrerinnen und Offiziere sein könnten; sie entzieht dem Publikum die Abendstunden, die beste Zeit zu geistiger Arbeit und geselliger Unterhaltung. Ich rede gar nicht einmal von den Geldausgaben und von dem sittlichen Schaden, den der Zuschauer erleidet, wenn er sieht, wie auf der Bühne Mord, Ehebruch und Verleumdung in unrichtiger Weise behandelt werden.
Katja aber war ganz anderer Meinung. Sie beteuerte mir, das Theater stehe, auch in seinem jetzigen Zustande, hoch über allen Auditorien und Büchern und über allem, was es in der Welt gebe. Das Theater sei eine Macht, die alle Künste in sich vereinige, und die Schauspieler seien Missionare der wahren Bildung. Keine Kunst und keine Wissenschaft sei für sich allein imstande, so stark und so sicher auf die menschliche Seele zu wirken wie die Bühne, und daher erfreue sich mit gutem Grunde selbst ein Schauspieler mittleren Ranges im Lande einer weit größeren Popularität als der trefflichste Gelehrte oder Künstler. Und keine andere gemeinnützige Tätigkeit könne einen solchen Genuß und eine solche Befriedigung gewähren wie die schauspielerische.
Und eines schönen Tages trat Katja in eine Schauspielertruppe ein und reiste weg, ich glaube nach Ufa; sie nahm eine bedeutende Geldsumme, eine Unmenge buntschillernder Hoffnungen und eine ideale Auffassung ihres Berufes mit.
Ihre ersten Briefe von der Fahrt waren bewundernswürdig. Ich las sie und war geradezu erstaunt, wie diese kleinen Papierbogen so viel Jugendfrische, seelische Reinheit, heilige Naivität und gleichzeitig so viel feine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstande Ehre gemacht hätten, enthalten konnten. Die Wolga, die Natur, die Städte, die sie besuchte, die Kollegen, was sie an Erfolgen und Mißerfolgen erlebte, alles das schilderte sie nicht sowohl, sondern sie besang es; jede Zeile atmete die Zutraulichkeit, die ich auf ihrem Gesichte zu sehen gewohnt gewesen war, – und dabei eine Masse von orthographischen Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast vollständig.
Es verging kein halbes Jahr, da empfing ich einen im höchsten Grade poetischen, schwärmerischen Brief, der mit den Worten begann: »Ich habe mich verliebt.« Beigelegt war diesem Briefe einePhotographie, die einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte darstellte, einen breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, ein Plaid über die Schulter geworfen. Die darauf folgenden Briefe waren ebenso prächtig wie die früheren; aber es tauchten in ihnen schon zahlreichere Interpunktionszeichen auf, die orthographischen Fehler waren verschwunden, und alles an ihnen deutete auf die Mitarbeiterschaft eines Mannes hin. Katja begann mir solche Dinge zu schreiben: es würde ein guter Gedanke sein, irgendwo an der Wolga ein großes Theater zu erbauen, und zwar jedenfalls auf Aktien, und zu diesem Unternehmen reiche Kaufleute und Dampfschiffsreeder heranzuziehen; Geld werde auf diese Art in Menge zur Verfügung stehen; die Einnahmen würden ganz gewaltige sein; die Schauspieler würden auf Grund eines Gesellschaftsvertrages spielen. Vielleicht war das alles wirklich ein guter Gedanke; aber es schien mir, daß solche Pläne nur aus dem Kopfe eines Mannes hervorgegangen sein könnten.
Wie dem auch sein mochte, anderthalb bis zwei Jahre lang schien alles gut und nach Wunsch zu gehen: Katja liebte, sie glaubte an ihren Beruf und war glücklich; aber dann begann ich in ihren Briefen deutliche Anzeichen des Niederganges wahrzunehmen. Dies fing damit an, daß Katja sich bei mir über ihre Kollegen beklagte; das ist immer das erste und mißlichste Symptom; wenn ein junger Gelehrter oder Schriftsteller bei Ausübung seiner Tätigkeit sich über andere Gelehrte oder Schriftsteller bitter beklagt, so bedeutet das, daß er bereits müde geworden ist und zu seiner Berufsarbeit nicht mehr taugt. Katja schrieb mir, ihre Kollegen kämen nicht zu den Proben und könnten ihre Rollen niemals ordentlich; an dem Dringen auf Ausführung abgeschmackter Stücke und an ihrer Art, sich auf der Bühne zu benehmen, merke man bei einem jeden von ihnen eine völlige Mißachtung des Publikums; den einzigen Gegenstand ihres Gespräches bildeten die Einnahmen, und im Interesse der Einnahmen erniedrigten sich die dramatischen Schauspielerinnen zum Singen von Chansons, und die Tragöden sängen Couplets, deren Inhalt Späße über betrogene Ehemänner und über die Schwangerschaft treuloser Gattinnen bildeten. Überhaupt müsse man sich wundern, daß das Bühnenwesen in der Provinz noch nicht vollständig zugrunde gegangen sei und sich auf einer so schwachen, morschen Grundlage halten könne.
Als Antwort schickte ich Katja einen langen und, wie ich bekennen muß, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich habe nicht selten Gelegenheit gehabt, mit älteren Schauspielern zu reden, vornehm denkenden Männern, die mir ihr freundliches Wohlwollen zuwandten; aus den Gesprächen mit ihnen konnte ich entnehmen, daß die Art ihrer Tätigkeit nicht sowohl von ihrem eigenen Urteil und ihrem freien Willen als vielmehr von der Mode und der Stimmung des Publikums abhing; selbst die besten unter ihnen mußten ihr Leben lang bald in Tragödien, bald in Operetten, bald in Pariser Schwänken, bald in Feerien spielen, und hatten dabei doch immer gleichmäßig das Gefühl, daß sie auf geradem Wege wanderten und Nutzen stifteten. Somit hat man, wie du siehst, die Ursache des Übels nicht bei den Schauspielern zu suchen, sondern tiefer, in der Kunst selbst und in dem Verhältnisse des ganzen Publikums zur Kunst.« Dieser mein Brief hatte nur den Erfolg, Katja in heftige Erregung zu versetzen. Sie antwortete mir: »Wir beide, Sie und ich, reden von ganz verschiedenen Dingen. Ich schrieb Ihnen nicht von den vornehm denkenden Männern, die Ihnen ihr freundliches Wohlwollen zuwandten, sondern von einer Gaunerbande, die von vornehmer Gesinnung nichts weiß. Es ist eine Horde von Wilden, die nur deswegen auf die Bühne geraten sind, weil man sie an keiner andern Stelle angenommen haben würde, und die sich lediglich aus Unverschämtheit Künstler nennen. Kein einziges Talent ist darunter, wohl aber viele Unbegabte, Trunkenbolde, Intriganten und Zwischenträger. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es mich schmerzt, daß die Kunst, die ich so sehr liebe, in die Hände dieser mir verhaßten Menschen geraten ist, und wie weh es mir tut, daß die besten Menschen das Übel nur von fern sehen, nicht näher herantreten mögen und, statt sich der Sache anzunehmen, in schwerfälligem Stile Gemeinplätze und Moralpredigten schreiben, die niemandem etwas nützen können …« und so weiter, immer in demselben Tone.
Es verging wieder einige Zeit, da erhielt ich folgenden Brief: »Ich bin in unmenschlicher Weise betrogen worden. Ich kann nicht weiterleben. Verfügen Sie über mein Geld, wie Sie es für angemessen halten! Ich habe Sie geliebt wie einen Vater und als meinen einzigen Freund. Verzeihen Sie mir!«
Es hatte sich herausgestellt, daß auch ihr »Er« zu der »Horde von Wilden« gehörte. Später konnte ich aus einigen Andeutungen erraten, daß sie einen Versuch gemacht hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie hatte versucht, sich zu vergiften. Ich mußte annehmen, daß sie darauf ernstlich krank geworden war, da ich den nächsten Brief schon aus Jalta erhielt, wohin sie wahrscheinlich von den Ärzten geschickt worden war. Dieser enthielt die Bitte, ihr möglichst schnell tausend Rubel nach Jalta zu schicken, und schloß folgendermaßen: »Entschuldigen Sie, daß dieser Brief so trübe klingt. Ich habe gestern mein Kind begraben.« Nachdem sie in der Krim etwa ein Jahr lang gelebt hatte, kehrte sie nach Hause zurück.
Ihr Umherreisen von Ort zu Ort hatte ungefähr vier Jahre gedauert, und während dieser ganzen vier Jahre hatte ich, wie ich eingestehen muß, ihr gegenüber eine sonderbare, ziemlich klägliche Rolle gespielt. Als sie mir zuerst erklärt hatte, sie wolle Schauspielerin werden, und mir dann von ihrer Liebe geschrieben hatte, und als sie periodisch von Verschwendungssucht ergriffen worden war und ich ihr häufig auf ihr Verlangen bald tausend, bald zweitausend Rubel hatte schicken müssen, und als sie mir von ihrer Absicht zu sterben und dann von dem Tode ihres Kindes geschrieben hatte, da hatte ich jedesmal nicht recht gewußt, was ich tun sollte, und meine ganze Anteilnahme an ihrem Geschick hatte sich nur darin geäußert, daß ich viel nachdachte und ihr umfängliche, langweilige Briefe schrieb, die ich gut und gern hätte ungeschrieben lassen können. Und dabei sollte ich ihr doch eigentlich den leiblichen Vater ersetzen und liebte sie auch wirklich wie eine Tochter!
Jetzt wohnt Katja nur eine halbe Werst von mir entfernt. Sie hat sich eine Wohnung von fünf Zimmern gemietet und sich darin ziemlich komfortabel und nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet. Wenn jemand ihre Einrichtung charakterisieren wollte, so müßte er als das bedeutsamste Moment die Trägheit bezeichnen. Da sind für den trägen Körper weiche Chaiselongues und weiche Sessel, für die trägen Füße weiche Teppiche, für das träge Auge blasse, trübe, matte Farben, für den trägen Geist an den Wänden eine Unmasse billiger, buntbemalter Fächer und kleiner Bilder, bei denen der dargestellte Gegenstand hinter der Originalität der Ausführung zurücktritt,eine Menge von Tischchen und Regalen, die mit unnützen, wertlosen Dingen ganz vollgestellt sind, formlose Lappen statt der Vorhänge usw. Diese ganze Einrichtung mit der sich darin bekundenden Scheu vor hellen Farben, vor Symmetrie und vor freiem Raum zeugt nicht nur von seelischer Trägheit, sondern auch von einer Verbildung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang liegt Katja auf einer Chaiselongue und liest Bücher, vorzugsweise Romane und Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal am Tage, nachmittags, um mich zu besuchen.
Ich arbeite; Katja aber sitzt nicht weit von mir auf dem Sofa, schweigt und wickelt sich in ihren Schal, als ob sie fröre. Sei es, weil sie mir sympathisch ist, oder weil ich an ihre Besuche noch von der Zeit her gewöhnt bin, wo sie als Mädchen so oft in meinem Zimmer war: ihre Anwesenheit hindert mich nicht, meine Aufmerksamkeit auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ab und zu richte ich mechanisch irgendeine Frage an sie, und sie gibt mir eine sehr kurze Antwort; oder ich wende mich, um mich einen Augenblick zu erholen, zu ihr und sehe, wie sie, in Gedanken versunken, in irgendein medizinisches Journal oder in eine Zeitung blickt. Und dabei bemerke ich, daß der frühere Ausdruck von Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte nicht mehr vorhanden ist. Ihr Gesicht sieht jetzt kalt, gleichgültig und zerstreut aus, wie bei Reisenden, die lange auf den Zug warten müssen. Gekleidet ist sie wie früher schön und einfach, aber nachlässig; man sieht, daß ihrer Toilette und ihrer Frisur die Chaiselongues und Schaukelstühle, auf denen sie tagelang umherliegt, nicht gut bekommen. Auch ist sie nicht mehr wißbegierig, wie sie es doch früher war. Sie richtet an mich keine Fragen mehr; es ist, als hätte sie im Leben schon alles durchgemacht und erwartete nicht mehr etwas Neues zu hören.
Kurz vor vier Uhr macht sich im Saale und im Salon eine Bewegung bemerklich. Es ist Lisa, die aus dem Konservatorium gekommen ist und ein paar Freundinnen mitgebracht hat. Man hört, wie sie Klavier spielen, ihre Stimmen versuchen und lachen. Im Eßzimmer deckt Jegor den Tisch und klappert mit dem Geschirr.
»Leben Sie wohl,« sagt Katja. »Zu Ihren Damen gehe ich heute nicht mehr hinein; sie müssen mich schon entschuldigen; ich habe keine Zeit. Besuchen Sie mich!«
Während ich sie bis ins Vorzimmer begleite, blickt sie mich unzufrieden vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagt ärgerlich:
»Aber Sie werden immer magerer! Warum gebrauchen Sie keine Kur? Ich werde mich an Sergei Fedorowitsch wenden und ihn herschicken. Der soll Sie gründlich untersuchen.«
»Das ist nicht nötig, Katja.«
»Ich begreife nicht, wie Ihre Angehörigen das mitansehen können! Es ist geradezu eine Sünde!«
Sie zieht mit heftigen Bewegungen ihren Pelz an, wobei aus ihrer nachlässig hergestellten Frisur mit Sicherheit zwei oder drei Haarnadeln auf den Fußboden fallen. Die Frisur wieder zurechtzumachen, ist sie zu träge, hat auch keine Zeit dazu; sie schiebt die heruntergefallenen Locken unordentlich unter ihr Mützchen und geht.
Wenn ich in das Eßzimmer trete, fragt mich meine Frau:
»Katja ist eben bei dir gewesen? Warum ist sie denn nicht zu uns hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar …«
»Aber Mama!« sagt Lisa in vorwurfsvollem Tone. »Wenn sie nicht will, dann läßt sie es bleiben. Wir werden sie doch nicht auf den Knien darum bitten!«
»Jedenfalls ist es eine arge Nichtachtung. Sitzt da drei Stunden lang in Papas Arbeitszimmer und denkt nicht an uns. Na, aber wie es ihr beliebt!«
Warja und Lisa hassen Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich, und wahrscheinlich muß man, um ihn zu verstehen, ein Weib sein. Ich möchte mich mit meinem Kopfe dafür verbürgen, daß unter den hundertfünfzig jungen Männern, die ich fast täglich in meinem Auditorium sehe, und den hundert älteren, mit denen ich jede Woche zusammenkomme, sich kaum einer findet, der für diesen Haß und Abscheu gegen Katjas Vergangenheit (weil sie nämlich ein uneheliches Kind gehabt hat) ein Verständnis besäße; und gleichzeitig kann ich mich auf kein weibliches Wesen unter den Frauen und jungen Mädchen meiner Bekanntschaft besinnen, das nicht, sei es bewußt, sei es instinktiv, gegen eine solche Geschlechtsgenossin von jenen Gefühlen des Hasses und Abscheus erfüllt wäre. Und das kommt nicht etwa daher, daß die Frau keuscher und reiner ist als der Mann; denn wenn Keuschheit und Reinheit mit solchen boshaften Gefühlen verbunden sind, so sind sie nur wenig besser als das Laster. Sondern ich erkläre mir das einfach aus der Rückständigkeitder Frau. Wenn der heutige Mann beim Anblick eines solchen Unglücks ein wehmütiges Gefühl des Mitleids empfindet und sein Gewissen ihn peinigt, so lassen mich diese Empfindungen eher auf eine hohe Stufe der Kultur und Sittlichkeit schließen als jener Haß und Abscheu. Das heutige Weib besitzt noch dieselbe Neigung zum Weinen und dieselbe Härte des Herzens wie das Weib des Mittelalters. Und meines Erachtens handeln diejenigen ganz richtig, die den Frauen raten, ihrer Bildung dieselbe Richtung zu geben wie die Männer.
Meine Frau kann Katja auch deswegen nicht leiden, weil sie Schauspielerin gewesen ist, ferner wegen ihrer Undankbarkeit und wegen ihres Stolzes und wegen ihres exzentrischen Benehmens und wegen all der zahlreichen Laster, die eine Frau immer an einer andern herauszufinden versteht.
Außer mir und meiner Familie pflegen bei uns noch zwei oder drei Freundinnen meiner Tochter zu Mittag zu speisen, sowie ein Herr Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas, der sich um ihre Hand bewirbt. Er ist ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt, blond, von mittlerer Statur, sehr wohlgenährt, breitschultrig, mit einem rötlichen Backenbart an den Ohren und einem dunkelgefärbten Schnurrbärtchen, das seinem vollen, glatten Gesichte das Aussehen einer Spielzeugfigur verleiht. Er trägt ein sehr kurzes Jackett, eine bunte Weste, großkarierte Beinkleider, die oben sehr weit und unten sehr eng sind, und gelbe Halbstiefel ohne Absätze. Seine Augen stehen hervor wie bei einem Krebse; die Krawatte hat mit einem Krebsschwanze Ähnlichkeit, und es will mir sogar so vorkommen, als ob dieser ganze junge Mensch nach Krebssuppe röche. Er ist bei uns täglich zu Besuch; aber niemand in meiner Familie weiß, von welcher Herkunft er ist, wo er seine Bildung genossen hat, und wo er die Mittel zum Leben herbekommt. Er spielt kein Instrument und singt nicht, hat aber doch eine gewisse Beziehung sowohl zur Instrumentalmusik als auch zum Gesange; er verkauft irgendwo für irgend jemand Klaviere, hält sich oft im Konservatorium auf, ist mit allen Berühmtheiten bekannt und hat bei Konzerten allerlei zu arrangieren. Er urteilt über Musik mit großer Bestimmtheit, und wie ich bemerkt habe, schließen sich alle seinem Urteile willig an.
Wie reiche Leute immer ein paar Parasiten um sich haben, so ist es auch mit der Wissenschaft und mit der Kunst. Es gibt wohl aufder Welt keine Kunst oder Wissenschaft, die von Fremdkörpern, in der Art dieses Herrn Gnecker, frei wäre. Ich bin kein Musiker und irre mich vielleicht hinsichtlich dieses Herrn, den ich zudem nur wenig kenne; aber die autoritative Würde, mit der er am Flügel steht und zuhört, wenn jemand singt oder spielt, kommt mir gar zu verdächtig vor.
Man mag hundertmal ein Gentleman und Geheimrat sein, aber wenn man eine Tochter hat, so kann man sich durch nichts vor dem Spießbürgertum sichern, das einem durch die Courmacherei, den Heiratsantrag und die Hochzeit ins Haus hineingetragen wird und einem die Stimmung verdirbt. So kann ich mich z. B. schlechterdings nicht mit der feierlichen Miene abfinden, die meine Frau jedesmal annimmt, wenn Herr Gnecker bei uns sitzt, auch nicht mit den Flaschen Lafitte, Portwein und Sherry, die nur seinetwegen auf den Tisch kommen, um ihn durch den Augenschein zu überzeugen, wie behaglich und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas abgebrochenes Lachen nicht vertragen, das sie sich im Konservatorium angewöhnt hat, und ihre Manier, die Augen zusammenzukneifen, wenn Herren bei uns zu Besuch sind. Und vor allen Dingen kann ich absolut nicht begreifen, warum da tagtäglich ein Mensch in mein Haus kommt und mit mir zu Mittag speist, der zu meinen Gewohnheiten, zu meiner Wissenschaft, zu meiner ganzen Lebensweise nicht im geringsten paßt und mit denjenigen Menschen, die ich gern habe, nicht die geringste Ähnlichkeit besitzt. Meine Frau und die Dienerschaft flüstern heimlich, das sei »ein Freiersmann«; aber ich habe trotzdem kein Verständnis für seine Anwesenheit; sie erregt bei mir eine solche Verwunderung, als hätte sich ein Zulukaffer zu mir an den Tisch gesetzt. Und ebenso seltsam kommt es mir vor, daß meine Tochter, die ich für ein Kind anzusehen gewohnt bin, diese Krawatte und diese Augen und diese weichen Backen liebt …
Früher machte das Mittagessen mir Freude oder ließ mich gleichgültig; aber jetzt erregt es mir nur Langeweile und macht mich nervös. Seit ich Exzellenz geworden und eine Zeitlang Dekan der Fakultät gewesen bin, hat meine Familie es aus einem mir unverständlichen Grunde für nötig befunden, das Menü und die gesamte Ordnung unseres Mittagessens vollständig umzuändern. Statt der einfachen Gerichte, an die ich mich gewöhnt hatte, als ich noch Student und praktischer Arzt war, bekomme ich jetzt einePüree-Suppe, in der irgendwelche weiße Klütern schwimmen, und Nieren in Madeira zu essen. Mein Generalsrang und meine Berühmtheit haben mich auf immer der Kohlsuppe beraubt und der schmackhaften Piroggen und des Gänsebratens mit Äpfeln und des Brassens mit Grütze. Sie haben mich auch des Stubenmädchens Agascha beraubt, einer geschwätzigen, lachlustigen alten Person, statt deren jetzt beim Mittagessen Jegor serviert, ein dummer, hochmütiger Bursche, mit einem weißen Handschuh auf der rechten Hand. Die Pausen zwischen den Gerichten sind nur kurz, erscheinen aber außerordentlich lang, weil wir nichts haben, womit wir sie ausfüllen könnten. Es fehlt die frühere Heiterkeit, die ungezwungenen Gespräche, die Scherze, das Gelächter, die gegenseitigen Zärtlichkeiten und jene Freude, die ehemals die Kinder und meine Frau und ich schon darüber zu empfinden pflegten, daß wir uns im Eßzimmer zusammenfanden; für mich, einen vielbeschäftigten Mann, war das Mittagessen eine Zeit der Erholung, des Wiedersehens mit den Meinen, und für meine Frau und die Kinder war es eine wenn auch kurze, so doch vergnügte und fröhliche Feierzeit, wo sie wußten, daß ich für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft und nicht den Studenten, sondern einzig und allein ihnen und sonst niemandem gehörte. Jetzt kann ich nicht mehr das Kunststück ausführen, mich an einem einzigen Gläschen zu betrinken, und Agascha ist nicht mehr da, und der Brassen mit Grütze ist nicht mehr da, und auch der Lärm fehlt, der immer die kleinen aufregenden Ereignisse beim Mittagessen begleitete, wenn z. B. der Hund und die Katze sich unter dem Tische bissen oder das Tuch, das sich Katja um die Backe gebunden hatte, ihr in den Suppenteller fiel.
Die jetzige Mittagsmahlzeit zu schildern ist ebenso unerfreulich wie sie wirklich durchzumachen. Auf dem Gesichte meiner Frau liegt eine gewisse Feierlichkeit, eine gekünstelte Würde und der gewöhnliche sorgenvolle Ausdruck. Unruhig blickt sie auf unsere Teller und sagt: »Ich sehe, der Braten schmeckt euch nicht. Sagt doch die Wahrheit: er schmeckt euch wirklich nicht?« Und ich bin dann genötigt zu antworten: »Du machst dir unnütze Sorge, liebe Frau; der Braten schmeckt sehr gut.« Und dann sie wieder: »Du willst mich immer verteidigen, Nikolai Stepanowitsch, und sagst nie, was Du wirklich denkst. Warum hat denn Alexander Adolfowitsch so wenig gegessen?« Und in dieser Art geht es während des ganzenMittagessens weiter. Lisa lacht in ihrer abgebrochenen Manier und kneift die Augen zusammen. Ich sehe meine Frau und meine Tochter an und werde mir gerade jetzt beim Mittagessen vollständig klar darüber, daß das innere Leben der beiden schon längst meiner Beobachtung entschlüpft ist. Ich habe ein Gefühl, als hätte ich früher einmal mit meiner richtigen Familie zu Hause gelebt, wäre aber jetzt bei einer fremden Dame, nicht bei meiner richtigen Frau, zum Mittagessen und sähe da ein fremdes junges Mädchen, nicht meine richtige Lisa, vor mir. Mit beiden ist eine starke Veränderung vorgegangen, und ich habe diesen langen Veränderungsprozeß gewissermaßen verschlafen, und so ist es denn kein Wunder, daß ich jetzt nichts begreife. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen? Ich weiß es nicht. Möglicherweise rührt das ganze Unglück daher, daß Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht so viel Kraft verliehen hat wie mir. Ich war von meiner Kindheit an gewöhnt, äußeren Einflüssen Widerstand zu leisten, und habe mich hinlänglich abgehärtet; solche Katastrophen im Leben wie das Berühmtwerden, die Erlangung des Generalsranges, der Übergang von einem auskömmlichen Leben zu einem Leben, das die Mittel übersteigt, der Eintritt in den Verkehr mit vornehmen Leuten, und mehr dergleichen, all das hat mich daher kaum berührt, und ich bin heil und unversehrt geblieben; aber auf meine Frau und Lisa, die schwach und nicht abgehärtet waren, ist dies alles zusammengestürzt wie eine große Schneewand und hat sie erdrückt.
Die jungen Damen und Herr Gnecker reden über Fugen, über Kontrapunkt, über Sänger und Pianisten, über Bach und Brahms; meine Frau aber, welche in den Verdacht der Unwissenheit auf musikalischem Gebiete zu kommen fürchtet, lächelt interessiert und murmelt: »Ganz reizend … Wirklich? Gewiß, gewiß …« Herr Gnecker ißt tüchtig, macht wohlanständige Scherze und hört nachsichtig die Bemerkungen der jungen Damen an. Mitunter bekundet er das Bestreben, ein schlechtes Französisch zu sprechen, und dann hält er (ich weiß nicht warum) für nötig, michvotre excellencezu titulieren.
Ich aber bin ärgerlich. Augenscheinlich geniere ich sie alle, und sie genieren mich. Nie habe ich früher etwas von Feindschaft gegen einen andern Stand gewußt; jetzt aber quält mich tatsächlich etwas von dieser Art. Ich bemühe mich, an Herrn Gnecker nur schlechteEigenschaften herauszufinden, finde solche auch wirklich bald und bin mißgestimmt darüber, daß da als Bewerber um die Hand meiner Tochter ein Mensch sitzt, der einem ganz andern Kreise angehört als ich. Seine Anwesenheit hat auch noch in einer andern Hinsicht einen schlechten Einfluß auf mich. Gewöhnlich, wenn ich allein bin oder mich in Gesellschaft von Leuten befinde, die mir sympathisch sind, denke ich gar nicht an meine Verdienste, oder wenn mir doch der Gedanke an sie kommt, so erscheinen sie mir so geringfügig, als wäre ich erst gestern ein Gelehrter geworden; aber in Gegenwart solcher Leute, wie Herr Gnecker, kommen mir meine Verdienste wie ein sehr hoher Berg vor, dessen Gipfel in den Wolken verschwindet, und an dessen Fuße, für das Auge kaum sichtbar, die Menschen von der Art des Herrn Gnecker sich herumbewegen.
Nach Tische gehe ich in mein Arbeitszimmer und rauche dort ein Pfeifchen, das einzige während des ganzen Tages; mehr ist von meiner früheren schlechten Gewohnheit, vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein zu paffen, nicht übriggeblieben. Während ich rauche, kommt meine Frau zu mir herein und setzt sich hin, um mit mir zu reden. Gerade so wie am Vormittage weiß ich auch jetzt, wovon unser Gespräch handeln wird.
»Ich habe mit dir etwas Ernstes zu besprechen, Nikolai Stepanowitsch,« beginnt sie. »Ich wollte von Lisa reden. Warum wendest du darauf keine Aufmerksamkeit?«
»Was meinst du damit?«
»Du tust, als ob du nichts merktest; aber das ist doch ein falsches Benehmen. Man darf die Sache nicht so gehen lassen, ohne sich darum zu kümmern. Gnecker hat ernste Absichten auf Lisa. Was sagst du dazu?«
»Daß er ein schlechter Mensch ist, kann ich nicht sagen, da ich ihn nicht kenne; aber daß er mir nicht gefällt, habe ich dir schon tausendmal gesagt.«
»Aber es ist unrecht … es ist unrecht …«
Sie steht auf und geht in großer Erregung auf und ab.
»Es ist unrecht, einer ernsten Sache gegenüber einen solchen Standpunkt einzunehmen,« sagt sie. »Wenn es sich um das Lebensglück der Tochter handelt, dann muß man alles Persönliche ausschalten. Ich weiß, daß er dir nicht gefällt … Das kann ja sein … Aberwenn wir ihn jetzt abweisen und die Sache verhindern, dann ist zu befürchten, daß Lisa uns ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen wird. Es wimmelt heutzutage nicht von Freiern, und es kann leicht kommen, daß sich ihr keine andere Partie mehr bietet. Er liebt Lisa sehr, und anscheinend findet auch sie an ihm Gefallen. Er hat ja allerdings keine gesicherte Stellung; aber was ist da zu machen? So Gott will, wird er schon mit der Zeit irgendwo ankommen. Er ist aus guter Familie und reich.«
»Woher weißt du das?«
»Er hat es gesagt. Sein Vater besitzt in Charkow ein großes Haus und in der Nähe von Charkow ein Gut. Kurz gesagt, Nikolai Stepanowitsch, du mußt unbedingt nach Charkow reisen.«
»Warum?«
»Du mußt da Erkundigungen anstellen. Du bist ja dort mit einigen Professoren bekannt; die werden dir behilflich sein. Ich würde selbst hinfahren; aber ich bin ein Weib. Ich kann es nicht.«
»Ich reise nicht nach Charkow,« erwidere ich mürrisch.
Meine Frau bekommt einen Schreck, und auf ihrem Gesichte erscheint ein Ausdruck qualvollen Schmerzes.
»Um Gottes willen, Nikolai Stepanowitsch!« fleht sie mich schluchzend an. »Um Gottes willen, nimm mir diese schwere Sorge von der Seele! Ich leide darunter entsetzlich!«
Wie ich sie so ansehe, tut sie mir leid.
»Nun gut, Warja,« sage ich freundlich. »Wenn du es wünschest, will ich meinetwegen nach Charkow fahren und alles tun, was du möchtest.«
Sie drückt das Taschentuch gegen die Augen und geht auf ihr Zimmer, um zu weinen. Ich bleibe allein.
Nach einiger Zeit bringt man mir Licht. Von den Sesseln und dem Lampenschirm lagern sich auf den Wänden und auf dem Fußboden die mir längst bekannten, längst zuwider gewordenen Schatten, und wenn ich sie ansehe, so will es mir scheinen, daß es schon Nacht sei, und daß meine nichtswürdige Schlaflosigkeit schon beginne. Ich lege mich ins Bett; dann stehe ich wieder auf und wandere im Zimmer auf und ab; dann lege ich mich wieder hin … Gewöhnlich erreicht nach dem Mittagessen, vor dem Abend, meine nervöse Erregung ihren höchsten Grad. Ich fange ohne Veranlassung zu weinen an und stecke den Kopf unter das Kopfkissen. In solchenAugenblicken fürchte ich mich davor, daß jemand eintreten könnte; ich fürchte, plötzlich zu sterben, schäme mich meiner Tränen, und meine ganze Seele ist von einem allgemeinen, unerträglichen Schmerz erfüllt. Ich fühle, daß ich nicht länger imstande bin, meine Lampe, meine Bücher, die Schatten auf dem Fußboden anzusehen und die aus dem Salon herübertönenden Stimmen anzuhören. Eine unsichtbare, unbegreifliche Macht zieht mich gewaltsam aus meiner Wohnung hinaus. Ich springe auf, kleide mich hastig an und gehe vorsichtig, damit meine Hausgenossen es nicht gewahr werden, auf die Straße. Wo soll ich hingehen?
Die Antwort auf diese Frage steckt schon längst fertig in meinem Gehirn: zu Katja.