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Es kommen manchmal schreckliche Nächte vor, mit Blitz und Donner, Regen und Wind, die das Volk Sperlingsnächte nennt, weil die Sperlinge dabei vor Angst aus den Nestern herauskommen.Eine solche Sperlingsnacht habe ich in meinem eigenen Leben durchgemacht …

Ich wache nach Mitternacht auf und springe plötzlich vom Bette in die Höhe. Aus einem unverständlichen Grunde glaube ich, daß ich im nächsten Augenblick sterben werde. Warum glaube ich das? Im Körper habe ich keine derartige Empfindung, die auf ein schnelles Ende hinwiese; aber auf meiner Seele lastet eine solche Angst, als ob ich auf einmal den riesigen roten Schein einer entsetzlichen Feuersbrunst erblicke.

Ich zünde schnell Licht an, trinke Wasser unmittelbar aus der Karaffe und eile dann zum offenen Fenster. Draußen ist herrliches Wetter. Es duftet nach Heu und sonst noch nach etwas Schönem. Ich sehe die Zacken des Gartenzaunes, die verschlafenen, kümmerlichen Bäume am Fenster, den Weg, den dunklen Waldstreifen; an dem wolkenlosen Himmel steht ruhig der sehr helle Mond. Tiefe Stille; kein Blatt regt sich. Mir scheint, daß alles mich anschaut und lauscht, wie ich sterben werde …

Mir ist bange zumute. Ich schließe das Fenster und laufe wieder zum Bette hin. Ich fühle mir den Puls, und da ich ihn an der Hand nicht finde, suche ich ihn an den Schläfen, dann am Kinn und wieder an der Hand; alles ist an mir kalt und schlüpfrig von Schweiß. Mein Atem wird schneller und schneller; der ganze Körper zittert; alle inneren Teile sind in Bewegung; auf dem Gesicht und auf der Glatze habe ich ein Gefühl, als ob sich ein Spinngewebe darauf lege.

Was soll ich tun? Soll ich die Meinigen rufen? Nein, das hat keinen Zweck. Ich wüßte gar nicht, was meine Frau und Lisa tun sollten, wenn sie zu mir herein kämen.

Ich stecke den Kopf unter das Kissen, schließe die Augen und warte, warte … Mich friert am Rücken; es ist mir, als zöge er sich nach innen hinein, und ich habe ein Gefühl, als werde der Tod sich mir jedenfalls von hinten nahen, ganz leise …

»Kwi, kwi!« ertönt auf einmal ein Kreischen in der nächtlichen Stille, und ich weiß nicht, wo es ist, ob in meiner Brust oder auf der Straße.

»Kwi, kwi!«

Mein Gott, wie entsetzlich! Ich möchte gern noch mehr Wasser trinken; aber ich fürchte mich, auch nur die Augen aufzumachenund den Kopf in die Höhe zu heben. Ich habe eine sinnlose, animalische Angst und kann gar nicht begreifen, warum ich mich eigentlich fürchte: weil ich weiterleben möchte, oder weil mir ein neuer Schmerz bevorsteht, den ich noch nicht kenne?

Oben, in dem Zimmer über mir, klingt es halb wie Stöhnen, halb wie Lachen. Ich lausche. Nach einer kleinen Weile sind auf der Treppe Schritte zu hören. Es kommt jemand eilig herunter, steigt aber dann wieder hinauf. Eine Minute später werden die Schritte wieder unten vernehmbar; es bleibt jemand an meiner Tür stehen und horcht.

»Wer ist da?« rufe ich.

Die Tür öffnet sich; mit einem kühnen Entschlusse mache ich die Augen auf und sehe meine Frau vor mir. Ihr Gesicht ist blaß, ihre Augen verweint.

»Du schläfst nicht, Nikolai Stepanowitsch?« fragte sie.

»Was willst du?«

»Um Gottes willen, komm doch mit zu Lisa und sieh sie dir einmal an. Es muß ihr etwas zugestoßen sein …«

»Gut … gern …« murmele ich, sehr zufrieden damit, daß ich nicht mehr allein bin. »Gut … den Augenblick.«

Ich gehe hinter meiner Frau her, höre an, was sie mir mitteilt, und verstehe vor Aufregung nichts davon. Das Licht, das sie trägt, läßt auf den Treppenstufen helle Flecke umherhüpfen und unsere langen Schatten sich zitternd bewegen; meine Füße verwickeln sich in den Schößen meines Schlafrockes; ich kann kaum atmen, und es ist mir, als ob mich jemand verfolgte und mich am Rücken packen wollte. »Jetzt werde ich gleich hier auf dieser Treppe sterben,« denke ich. »Gleich diesen Augenblick …« Aber da sind wir schon die Treppe hinaufgestiegen, haben bereits den dunklen Korridor mit dem italienischen Fenster passiert und treten in Lisas Zimmer. Sie sitzt im bloßen Hemde auf dem Bette, läßt die nackten Beine herunterhängen und stöhnt.

»Ach mein Gott … ach mein Gott!« murmelt sie und kneift, von unserem Lichte geblendet, die Augen zusammen. »Ich kann nicht, ich kann nicht …«

»Lisa, mein Kind,« sage ich, »was fehlt dir?«

Sobald sie mich erblickt, schreit sie auf und fällt mir um den Hals.

»Mein guter Papa …« schluchzt sie. »Mein lieber Papa …Mein süßer, bester Papa! … Ich weiß nicht, was mit mir ist … Mir ist so schwer ums Herz!«

Sie umarmt mich, küßt mich und stammelt zärtliche Koseworte, wie ich sie von ihr gehört habe, als sie noch ein kleines Kind war.

»Beruhige dich, mein Kind! Gott möge dir beistehen!« sage ich. »Du mußt nicht weinen. Mir ist selbst traurig zumute.«

Ich gebe mir Mühe, sie zuzudecken, meine Frau reicht ihr zu trinken, und wir beide bewegen uns ungeschickt an ihrem Bette umher, so daß wir einander stoßen: mit meiner Schulter stoße ich an die Schulter meiner Frau, und in diesem Augenblicke schießt mir die Erinnerung durch den Kopf, wie wir früher einmal unsere Kinder zusammen gebadet haben.

»Hilf ihr doch, hilf ihr doch!« fleht mich meine Frau an. »Gib ihr doch etwas zum Einnehmen!«

Aber was kann ich tun? Gar nichts. Dem Mädchen lastet etwas Schweres auf der Seele; aber ich begreife nichts davon, weiß nichts und kann nur murmeln:

»Es ist nichts Schlimmes, nichts Schlimmes … Das wird vorübergehen … Schlaf nur, schlaf! …«

Gerade in diesem Augenblick ertönt auf einmal auf unserem Hofe Hundegeheul, anfangs leise und unentschlossen, dann laut, zweistimmig. Ich habe solchen Vorzeichen wie Hundegeheul und Eulenruf nie irgendwelche Bedeutung beigemessen; aber jetzt krampft sich mein Herz schmerzlich zusammen, und ich beeile mich, mir über dieses Geheul klar zu werden.

»Dummes Zeug …« denke ich. »Der Einfluß eines Organismus auf einen andern. Meine starke nervöse Spannung hat sich auf meine Frau und auf Lisa und auf den Hund übertragen, weiter nichts … Durch eine derartige Übertragung lassen sich alle Vorahnungen und alles Vorhersehen erklären …«

Als ich bald darauf in mein Zimmer zurückkehre, um für Lisa ein Rezept zu schreiben, denke ich nicht mehr an meinen nahe bevorstehenden Tod, sondern empfinde nur ein drückendes, widerwärtiges Gefühl am Herzen, so daß es mir sogar leid tut, daß ich nicht plötzlich gestorben bin. Lange stehe ich regungslos mitten im Zimmer und überlege, was ich wohl meiner Tochter verschreiben könnte; aber das Stöhnen in dem über mir gelegenen Zimmer verstummt,und so entscheide ich mich denn dafür, nichts zu verschreiben; aber ich bleibe trotzdem stehen …

Es herrscht eine Totenstille, eine solche Stille, daß, wie sich einmal ein Schriftsteller ausgedrückt hat, sie einem sogar in den Ohren klingt. Die Zeit vergeht nur ganz langsam; die Streifen des Mondlichtes auf dem Fensterbrette ändern ihre Lage nicht, gerade wie wenn sie erstarrt wären … Bis zur Morgendämmerung ist es noch lange hin.

Aber da knarrt das Pförtchen im Gartenzaun; es schleicht jemand herein, bricht von einem der dürftigen Bäume einen Zweig ab und klopft damit vorsichtig ans Fenster.

»Nikolai Stepanowitsch!« höre ich eine Stimme flüstern; »Nikolai Stepanowitsch!«

Ich öffne das Fenster und glaube zu träumen: unter dem Fenster, sich gegen die Wand drückend, steht eine Frau in schwarzem Kleide, hell vom Monde beleuchtet, und blickt mich mit großen Augen an. Ihr im Mondlicht blaß, streng und seltsam erscheinendes Gesicht sieht wie von Marmor aus; ihr Kinn zittert.

»Ich bin es,« sagt sie. »Ich … Katja!«

Bei Mondlicht erscheinen alle Frauenaugen groß und schwarz, und die Menschen größer und blasser; dies ist wohl der Grund, weshalb ich sie im ersten Augenblicke nicht erkannt hatte.

»Was willst du?«

»Verzeihen Sie,« sagt sie. »Mir wurde plötzlich, ich weiß nicht warum, so unerträglich schwer ums Herz … Ich konnte es nicht aushalten und fuhr hierher … Ich sah Licht hinter Ihrem Fenster … und da entschloß ich mich, anzuklopfen … Entschuldigen Sie … Ach, wenn Sie wüßten, wie schrecklich mir zumute war! Was tun Sie denn jetzt?«

»Nichts … Ich kann nicht schlafen.«

»Ich hatte eine Art Ahnung. Aber das ist ja dummes Zeug.«

Ihre Brauen ziehen sich in die Höhe, ihre Augen glänzen von Tränen, und auf ihrem ganzen Gesichte strahlt wie ein helles Licht jener Ausdruck von Zutraulichkeit auf, der mir so wohl bekannt ist, den ich aber so lange nicht mehr gesehen habe.

»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie in flehendem Tone und streckt beide Hände nach mir hin. »Teurer Freund, ich bitte Sie … ich flehe Sie an … Wenn Sie meine Freundschaft und Verehrung für Sie nicht verachten, so erfüllen Sie mir eine Bitte!«

»Was für eine Bitte?«

»Nehmen Sie das Geld, das ich noch besitze, von mir an!«

»Aber was sind das für Einfälle! Was soll ich mit deinem Gelde?«

»Fahren Sie irgendwohin, um eine Kur zu gebrauchen! … Sie haben eine Kur durchaus nötig. Wollen Sie es annehmen? Ja? Lieber, Guter, ja?«

Sie sieht mir in gespannter Erwartung ins Gesicht und wiederholt:

»Ja? Wollen Sie es annehmen?«

»Nein, meine Liebe, das nehme ich nicht an …«, antworte ich; »ich danke dir.«

Sie wendet mir den Rücken zu und läßt den Kopf herunterhängen. Wahrscheinlich habe ich bei der abschlägigen Antwort mich eines Tones bedient, durch den ein weiteres Gespräch über die Geldangelegenheit unmöglich gemacht wurde.

»Fahre wieder nach Hause,« sage ich, »und lege dich schlafen! Morgen sehen wir uns wieder.«

»Also Sie halten mich nicht für Ihre Freundin?« fragt sie niedergeschlagen.

»Das habe ich nicht gesagt. Aber von deinem Gelde kann ich jetzt keinen Gebrauch machen.«

»Verzeihen Sie!« erwidert sie und läßt dabei die Stimme um eine ganze Oktave sinken. »Ich verstehe Sie. Einer Frau, wie ich, verpflichtet zu sein, einer ehemaligen Schauspielerin, das ist … Nun, dann leben Sie wohl! …«

Sie geht so schnell fort, daß ich nicht einmal Zeit habe, ihr Lebewohl zu sagen.


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