„Nein, nein, Sie haben recht!“ rief Ange außer sich in gekränktem Stolz und in der Verzweiflung ihrer vernichteten Liebe. „Gehen Sie! Gehen Sie! Ich will versuchen, Ihnen zu verzeihen im Gedenken des vielen Guten, das ich von Ihnen empfing. Auch das in der Erregung gesprochene Wort nehme ich zurück. Aber unseres Beisammenbleibens ist nicht mehr! Gehen Sie!“ Nach diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und wollte, nicht mehr Herrin ihrer Gefühle, das Zimmer verlassen.
„Ich thue, was Sie befehlen!“ flüsterte Tibet. „Wie sehr Sie mir aber unrecht thaten, Frau Gräfin—“
„Wie—unrecht?“ rief sie, nochmals zurücktretend, und reckte ihre schlanke Gestalt hoch empor. „Unrecht?“ wiederholte sie. Ihre feinen Nasenflügel vibrierten und ihre Augen blitzten. „Trieben Sie Ihre zudringliche und bevormundende Dienstfertigkeit nicht so weit, daß ich heute wie eine Närrin vor dem Direktor des Gymnasiums stand? Ich dankte ihm für seine Güte gegen die Knaben. Solche Güte anzunehmen, schämte ich mich nicht, denn es ist der Staat, der den Bedrängten einen Teil der Pflichten abnimmt, die ihnen obliegen, um ihre Kinder zu tüchtigen Menschen heranzubilden. Er thut damit nur etwas Weises. Sie vermögen es ihm einst zu lohnen, indem sie gute Bürger werden. Wissen Sie, was er erwiderte? Daß er weder eine Eingabe noch einen Dankesbrief von meiner Hand empfangen! Nun, was sagen Sie dazu?—Sie unterschlugen Eingabe und Brief, Sie belogen mich, während ich Ihnen Hab und Gut hingab in grenzenlosem Vertrauen, ja mehr noch, mich Ihnen sogar anvertraute in Dingen, die schwer, wohl nie über die Lippen eines Weibes dringen, selbst unter gleichen Verhältnissen. Nun, Tibet, sind Sie der Agent des Herrn Baron von Teut?—Einmal wenigstens seien Sie wahr!“
Tibet schüttelte sich, als ob er die Flamme, die in seiner Brust emporstieg, auslöschen, als ob er die übermenschliche Erregung, die jeden Nerv pulsieren machte, abstreifen könne. Und dann drang es heiser aus seinem Munde: „Und doch waren meine Gedanken rein, meine Absichten die besten, meine Handlungsweise selbstlos; und doch war alles—so falsch die Mittel sein mochten—das Ergebnis meiner unbegrenzten Hingabe an Ihre Person. Das sagt Ihnen, Frau Gräfin, Ernst Tibet, der sich heute für immer von Ihnen verabschiedet.“
Er sprach's und verließ das Zimmer. Ange stand da, wie ein weißer Stein. Ihr Herz schlug zum Zerspringen. Sie hörte, wie der Mann auf sein Zimmer ging. Sie sah durch die Mauern, daß er sich eilte, seine Sachen zu packen. Eine wahnsinnige Angst erfaßte sie; sie hätte aufschreien und ihm nachstürzen mögen, und doch hielten sie die nachwirkende Empörung—und das einmal gesprochene Wort zurück.—Nun ging auch er, der letzte, den sie hatte und der doch—sie wußte es—ein Freund war, wie außer Teut seinesgleichen nicht zu finden auf dieser liebeleeren Welt.
* * * * *
Umfang und volle Bedeutung dessen, was geschehen war, stieg vor Ange erst in den nachfolgenden Tagen auf. Auch die Reue blieb nicht aus, aber Ange erstickte diese Regung. Ein Mensch, der für seine Überzeugung kämpft, für den giebt's kein Rechts und kein Links. Nur ein einziger gerader Pfad ist vorgezeichnet. So war es auch hier. Sprach ihr Herz zu gunsten Tibets, so verwischte doch ihr stolzes, beleidigtes Gefühl wieder die versöhnlichen Regungen. Das waren keine bloßen Worte gewesen, die sie einst in Frankfurt gesprochen und deren Inhalt sie ihm später so oft wiederholt hatte. Sie wollte, sie mußte den Weg gehen, welchen sie ihm bezeichnet hatte. Ihr besseres Ich, ihr Ehrgefühl hatten gesprochen, und diesen mußte sie folgen.
Vielleicht—es mochte sein—hatte sie die Dinge zu sehr auf die Spitze getrieben, ließ ihrem verletzten Stolze zu sehr die Zügel schießen. Aber lag nicht gerade in dieser Form, ihr Erleichterungen zu verschaffen, etwas von jener leis spöttelnden Bevormundung, welcher sie sich entziehen, zu der sie gerade Teut Recht und Veranlassung hatte nehmen wollen?——So blieb in ihr haften, wogegen sich doch im Grunde ihr Herz und ihr Verstand auflehnten, und sie tötete die mahnende Stimme ihres Innern, die ihr sogar zurannte, daß ihre Handlungsweise gegen Tibet den Grundsätzen hochherziger Gesinnung schon deshalb nicht entsprach, weil sie ihn—sie mußte es eingestehen—zugleich schuldlos für die Enttäuschungen ihrer Liebe hatte büßen lassen.
Schon am nächsten Tage traf ein vollkommen geschäftlich gehaltenes Schreiben von Tibet ein, in welchem er die genaueren Angaben machte über alles, was seither seiner Sorge anvertraut gewesen war und jetzt Ange allein obliegen sollte. Insbesondere machte er ihr über ihre Geldangelegenheiten Mitteilung und gab in höflich gemessener Form Ratschläge, indem er auf den bisher von ihm beobachteten Gebrauch hinwies. Um sie vor ferneren Enttäuschungen zu bewahren, bekannte er in diesem Briefe, welche Ausgaben er ohne ihr Zuthun bestritten hatte, und fügte endlich hinzu, daß er im Auftrage des Barons von Teut gehandelt habe. Eine Angabe über die Höhe derjenigen Summe, mit welcher letzterer für Ange eingetreten war, gab er aber nicht, und sie beeilte sich deshalb—unter welchen Empfindungen ist leicht zu bemessen—ihn schriftlich zu ersuchen, ihr sofort darüber eine Nachricht zukommen zu lassen. Am Schluß des Tibetschen Briefes hieß es:
„Frau Gräfin werden über die Zwischenfälle heute nicht anders, aber ruhiger denken, das ist meine sehnliche Hoffnung. Und da auch ich den Dingen nach der gestrigen Unterredung mit veränderten Ansichten gegenüberstehe, so mag es mir mit Rücksicht auf die jahrelangen Beziehungen, die ich zu der Frau Gräfin pflegen durfte und in deren Verlauf die gnädige Frau mir so oft ein Lob und ein freundliches Wort zu erteilen geruhten, gestattet sein, zu sagen: daß ich tief bereue und stets wiederkehren werde, sobald mich die Frau Gräfin rufen. Wenn diesem Rufe hinzugefügt sein wird, daß die Frau Gräfin mir vergeben haben—ich bitte Gott, daß dieser Tag mir noch einmal werden wird—, dann bin ich entschädigt für alles, was auch mir Schweres, Ernstes und Sorgenvolles in meinem Leben begegnete und das mich doch nicht hinderte, meine höchste Lebensaufgabe darin zu erkennen, der Frau Gräfin und Ihrer Familie ein bescheidener, wahrer, wenn auch in den Mitteln häufig irrender Freund zu sein.
Ich bitte gehorsamst, die gräflichen Kinder grüßen zu wollen, denen ich nicht einmal ein Lebewohl sagen konnte u.s.w.“
Ange las diesen Brief in tiefster Bewegung. Was hätte sie darum gegeben, wenn die Dinge, die sich enthüllt hatten, nicht geschehen wären.
Plötzlich lag ihr Leben vor ihr wie eine endlos zu durchschreitende Wüste, und doch fühlte sie jetzt schon, daß sie erlahmte. Ihr Herz erbebte, obgleich sie kaum den Fuß über die Grenzen gesetzt hatte. Aber sie raffte sich auf zum ernsten Tagewerk, und ruhige Überlegung gewann die Oberhand.
Ange begann zu rechnen. Zum erstenmal in ihrem Leben beschäftigte sich Ange von Clairefort mit Zahlen. Bis spät in die Nacht, wenn die Kinder schon schliefen, schrieb und summierte sie, stellte fest und strich wieder aus, fügte hinzu und kürzte von neuem. Und sie ward gewahr, was jedem sich offenbart, der mit diesen unerbittlichen Ausrufungs- und Fragezeichen zu kämpfen hat. Auch ihr erschienen alle Einnahmeposten wie Quecksilberkügelchen, die man fassen zu können wähnt, und die dann plötzlich in bisher unsichtbare Poren verschwinden, während die Ausgabesummen zudringlich emporschießen, wachsen und sich vermehren.
Als Ange zum erstenmal alles zusammengestellt hatte und, glücklich aufatmend, zu dem Resultat gelangt war, es werde gehen, da fiel ihr plötzlich ein, daß Schulgeld und Steuern noch fehlten, daß der Feuerung für den Winter, ihrer eigenen Garderobe, der Abzahlung an Teut nicht gedacht sei, daß die unvorhergesehenen Ausgaben—und sei's auch nur eine Gabe der Wohlthätigkeit—nicht mit vorgesehen wären.
Nun ging's abermals ans Rechnen, aber die Zahlen waren wenig biegsam und trotzten allem Beschönigen. Und mit diesem Unvorhergesehenen war's nicht einmal am Ende! Wenn—wenn—Krankheit kam? Arzt, Apotheker—das Vielerlei, was zu einer sorgfältigen Pflege gehört! Ange sann und plante. Wo konnte noch gespart werden? Gab's nicht einen Posten, der überflüssig erschien?—Nein, nein!—Und wenn sie nun selbst krank ward, wenn sie gar—Was wurde aus den Kindern? Konnte sie nicht sterben? War's nicht erste, vornehmste Pflicht, an diesen Fall zu denken? Mußte sie nicht ihr Leben versichern?—Aber woher nehmen? Da fiel's wieder wie Regenschauer auf ihre Seele, da raunte ihr eine fürchterlich nüchterne Stimme zu, daß selbst der beste, ehrlichste Anfang doch nur ein schlechtes Ende haben könne. Sie vermochte mit ihrem kleinen Zinskapital nicht alles zu bestreiten. Es war unmöglich, unmöglich!
Aber Ange erstarkte in ihrem Pflichtgefühl und in ihrer Liebe zu den Kindern und beschloß zu handeln. Sie schrieb an den Direktor des Gymnasiums und bat um Nachlaß des Schulgeldes, indem sie begründete, worauf sie schon einmal hingedeutet hatte. Wegen einer Ermäßigung der Steuern befragte sie an einem der kommenden Tage ihren Nachbar um Rat. Sie empfand keine Scham dabei, während sie doch ehedem schon gezittert hatte, ihr Diener könne bemerken, daß ihr das Geld zur Reise fehle. Sie schüttelte verwundert den Kopf, als sie dieser Zeit gedachte; ja, sie begriff heute nicht, daß ihr das Eingeständnis ihrer bedrängten Lage jemals schwer geworden sei.
Und nun begann in der Folge der wirkliche Lebenskampf. Welche Auseinandersetzungen mit den Kindern, wenn sie nach alter Gewohnheit irgend etwas begehrten, das ihnen die Laune eingab!
„Nein, nein!“ sagte Ange.
„Weshalb nicht, Mama?“
„Weil ich es nicht will; weil es überflüssig ist.“
Die kleine Ange, bisher ohne eine Entbehrung, schielte dann wohl zum Einholen eines beipflichtenden Lächelns wegen dieser unerwarteten Worte zu den älteren Geschwistern hinüber. Aber sie fand kein Echo für ihren kindlichen Unverstand. Jene fühlten mit ihrem Instinkt, daß die Sache durchaus nichts Komisches habe.
* * * * *
Das erste, was Ange nach Tibets Fortgang überlegte und in der Folge auch zur Ausführung brachte, war eine noch strengere Tageseinteilung als bisher. Sie stand in aller Frühe auf und sorgte, daß die Kinder Frühstück erhielten und in die Schule gelangten.
Während die Magd Einkäufe machte und nach diesen an die Vorbereitung für das Mittagessen ging, besorgte Ange die übrige Hausarbeit.
Gleich nach Tisch begannen die Arbeitsstunden für die Kinder. Ange suchte den Knaben sowohl behilflich zu sein wie den Mädchen und gab den letzteren auch täglich den von Tibet erwähnten Musikunterricht.
Wenn die Witterung es erlaubte, ward ein gemeinsamer Spaziergang unternommen, und den Rest des Tages beschäftigte sich Ange mit dem Vielerlei, was zu einer Wirtschaft gehört: dem Ausbessern der Kleider, mit Handarbeit und ihrem kleinen Rechnungswesen.
Alle ihre Gedanken waren auf die Kinder gerichtet. Aus denSchulbibliotheken wurden Bücher herbeigeholt, und abwechselnd las einesder Kinder abends vor. Die sich daran knüpfenden Fragen beantworteteAnge nach bestem Können, und wenn dieses nicht ausreichte, griff sie zuHilfsmitteln, die sich unter Carlos' Nachlaß befanden, und saß dann—einKind unter Kindern—und suchte auch sich neugierig zu belehren.
Jeden Wunsch, der in ihren Lieblingen aufstieg, hörte sie an, und überlegte vorher, ob er erfüllbar sei. Sie hatte sich zum Grundsatz gemacht, nie gleich ja zu sagen, sondern sich erst Bedenkzeit auszubitten. Wenn sie dann—wie meistens—eine abschlägige Antwort erteilte, begann wohl ein: „Warum nicht, Mama? Bitte!“ und ein Betteln und Drängen, dem sie nur schwer zu widerstehen vermochte. Die Kinder hatten so viele Grunde wie draußen Blüten auf den Bäumen, und wo diese fehlten, schmeichelten sie und machten Angriffe auf Anges schwaches Herz. Aber sie blieb fest, wenn es auch heiß in ihrem Inneren aufstieg. Ben stand ihr stets zur Seite und wehrte die übrigen ab. Er hatte viel Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Carlitos. Der Knabe war voll Herzensgüte, er besaß Charakter, und für seine Jahre überraschte er durch die Reise seines Urteils und das Gesetzte seines Wesens. Dabei war er voll Aufopferung für seine Mutter, die er zärtlich liebte. Sobald es ihr galt, war ihm keine Arbeit zu schlecht oder zu schwer; wenn keiner Zeit hatte—er hatte sie stets. Er half ihr, selbst bei Küchenarbeit, und lief fort, wenn etwas rasch besorgt werden mußte.
Der Knabe fühlte nicht mehr instinktiv, sondern war sich bewußt, wie dieDinge lagen, und sein Herz trieb ihn, seiner Mutter die täglichenBeschwerden zu erleichtern.
Das alles aber trat nur zum Vorschein im Hause. Draußen war der Knabeein völlig anderer. Vor allen übrigen besaß er einen brennenden Ehrgeiz.Jeden Tag berichtete er, was in der Schule geschehen, wie ihm Recht oderUnrecht geworden, und er überlegte, wie er es anzufangen habe, auf denSprossen seiner Sturmleiter weiter emporzusteigen.
Und alles stand ihm gut; er konnte nicht anders sein, wie er war. Wenn aber einmal ein Lächeln über sein hübsches Gesicht glitt oder gar seine Augen tiefere Empfindungen widerspiegelten, dann war der so schön, daß er einem Maler hätte Modell stehen können.
„Wie heißt Du?“
„Graf Benno von Clairefort.“
Nie nannte er sich anders, aber seltsamerweise rief dies selbst beiErwachsenen kein Lächeln hervor.
* * * * *
Bisweilen schien Ange altes, was früher gewesen, wie ein Traum, und in diesem Bilde ihrer Vorstellungen tauchte immer von neuem Teut auf. Wer ihr einstmals gesagt hätte, sie werde ihn ängstlich fliehen, und deshalb fliehen, weil er Wort gehalten in allem, was er ihr damals in besseren Tagen im Walde versprochen, und welches doch das Höchste war, was ein Mensch dem anderen gewähren konnte—den würde sie einen unverständigen Thoren gescholten haben. Und doch war's kein Traumbild. Sie war heute vielleicht von ihm getrennt—fürs ganze Leben! Würde er, nach der bisherigen Beurteilung ihrer Person, ihre Haltung nicht als eine Weiberlaune deuten? Sie sah ihn vor sich—das überlegene Lächeln umspielte seinen Mund, er schüttelte über solche Kindereien den Kopf. Hatte er gar recht?
Und dann kam's wieder über sie eines Tages in dem grübelnden Suchen nach dem Rechten, in der ängstlichen Besorgnis, den verletzt zu haben, dem sie so viel verdankte und der nun stumm blieb, als ob er unter die Toten gegangen.
Sie beschloß, ihm zu schreiben und ihren Standpunkt zu verteidigen. Aber mitten darin hielt sie wieder inne.
Was sie auch schrieb, sie konnte seine Gedanken nicht beeinflussen. Vielleicht betrachtete er den Inhalt ihres Briefes nur als Vorwand ihrer veränderten Gesinnung. Und war's nicht auch begreiflich, natürlich, daß sich nun auch sein Stolz regte? War er einer von denen, die sich anderen zudringlich nähern? Nein! Und da er ihr nicht mit denselben Gefühlen gegenüberstand—sie wußte es nun aus Tibets Munde—, hatte er ihr Andenken vielleicht ausgelöscht—ausgelöscht für immer?
Und nun sollte sie das erste Wort geben, in ihm den Eindruck hervorrufen, endlich sei sie durch Lebensnot und Sorge, gedrängt auch von ihrer alten Natur, doch gekommen und habe erbeten, was sie einst so schroff zurückgewiesen? Nimmermehr! Vorbei war's mit all den Hoffnungen, die sich an frühere Zeiten knüpften! Es gab nur einen Lichtstrahl: das Glück der Kinder, und in diesem allein mußte sie ihr eigenes suchen. Somit unterblieb das Schreiben.
Aus dem schwankenden Herbst schritt allmählich der Winter mit rücksichtslosen Schritten hervor, stäubte, des Widerstandes nicht achtend und seines Rechtes sicher, mit Schneewirbeln über die Landschaft und schlug die ganze Natur in seine weißen Decken ein.
Aber mit dem Winter traten auch die Sorgen wie weiße Gespenster an Ange heran. Als sie von ihrem Bankhause die Quartalszinsen erhielt und einen Überschlag machte, was noch zu bezahlen und was nötig war, bis das neue Jahr erschien, sah sie, daß ihr jetzt schon fast nichts mehr blieb. Ange hatte trotz äußerster Sparsamkeit kleine Schulden machen müssen, und die von Tibet gemeldete erschrecklich hohe Summe, welche Teut in dem ersten halben Jahre zu ihrem Haushalt beigesteuert hatte, ragte noch drohend über dem übrigen empor. Gerade diese zu tilgen, beschäftigte immer aufs neue, zulegt fast ausschließlich Anges Gedanken. Schon machte sie sich Vorwürfe, daß sie nicht früher abgezahlt hatte. Teut triumphierte vielleicht, daß sie so eilfertig und trotzig darnach begehrt—und nun doch alles still war.
Sie beschloß—es war ein falscher Entschluß—ihren Nachbar, einen kleinen, mit einer Haushälterin lebenden Kapitalisten—um eine größere Summe darlehnsweise zu bitten und solche Teut sogleich einzusenden.
Als sie schon auf dem Wege war, flüsterte ihr eine besonnene Stimme zu, daß ein einziges Goldstück als Abtrag genügen werde, um sich vor sich selbst und vor Teut zu rechtfertigen. Aber mit leiser Eitelkeit vermischter Stolz überwog, was bessere Einsicht ihr zurannte, und sie zog die Klingel und betrat das Haus.
Es giebt Wohnungen, denen eine kalte Luft entströmt, selbst zur Sommerszeit. Frostiges Selbstbehagen, das einen engen, abwehrenden Kreis um sich zieht, die übrige Welt nur sieht, sie nur anhört und sich nur mit ihr beschäftigt, sofern diese keinerlei Ansprüche erhebt, durchdringt die Bewohner und wirkt so erkaltend, daß es sich selbst den toten Dingen mitzuteilen scheint.
Als Ange den Flur beschritt, überfiel sie jene Zaghaftigkeit, welche fast immer den allzu raschen Vorstellungen unserer Phantasie zu folgen pflegt.
Auf dem großen Flur standen zwei in peinlicher Sauberkeit gehaltene, in Eichenholzfarbe gemalte Schränke, die den Eintretenden schon kalt anstarrten. Und sonst nichts ringsum: kein Spiegel, keine Stühle, keine Kleiderhaken, keine Uhr. Was eine rasche Hand etwa stehlen konnte, war weislich entfernt. Ein kalter, übersauberer, abgeschlossener Raum, in dem die Klingel impertinent laut nachtönte! Nun klopfte Ange.
„Ah, Frau Gräfin!“ sagte die Gesellschafterin artig. Es war eine alte Dame in einem einfachen dunklen Kleide und mit einer weißen Mütze auf dem Kopf. „Bitte, Herr Putz ist zugegen.“
Putz hatte nichts in der Welt zu thun; er schwatzte überaus gern, sprach eigentlich nur von sich und stand trotz seines Egoismus und der Langenweile, die er ausströmte—lediglich im Raterteilen war er ein Verschwender—unter dem Eindruck, der Verkehr und Umgang mit ihm sei für andere ein ungewöhnlicher Vorzug. Daß er nur seinen Neigungen dabei folgte, lediglich sich selbst die Zeit vertrieb, und daß durch den Verkehr irgend eine Gegenseitigkeit erwachse, diese Gedanken kamen nie in seinen Kopf.
Während Ange sich umschaute, hatte sie beim Anblick der Personen und der altbekannten Dinge plötzlich die Überzeugung, ihre Bitte werde ihr abgeschlagen werden. War's doch Putz, den sie bereits in ihre Verhältnisse einen Einblick hatte thun lassen, indem sie ihn um Auskunft wegen Ermäßigung der Steuern gebeten. Es war ihr unfaßlich, daß sie das nicht vorher bedacht, und sie schalt ihren Mangel an Überlegung nun, da es zu spät war.
Ange fand übrigens nicht so rasch Gelegenheit dem Alten vorzutragen, was sie beschäftigte. Die Gesellschafterin war ein unliebsamer Zeuge, und selbst, als diese einmal fortging, fand sich kein Anknüpfungspunkt.
So wurden denn gleichgültige Gesprächsgegenstände berührt, und Ange empfand doppeltes Unbehagen an der Unterhaltung, da sie ihre Absicht nicht auszuführen vermochte.
Plötzlich sagte Putz: „Nun, haben Sie Nachricht von der Steuerbehörde,Frau Gräfin? Ich wollte schon immer fragen.“
Ange bejahte. Sie berichtete, daß man sie aufgefordert habe, ihre Anträge nachweislich zu belegen, und daß dann eine nochmalige Prüfung stattfinden solle. Vorläufig müsse die Summe gezahlt werden, zu der sie eingeschätzt sei.
„Ganz recht, ganz recht! So, so!“ sagte der Alte, und nach kurzer Pause fuhr er fort: „Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein könnte, Frau Gräfin—recht gern, mit größtem Vergnügen!“
Die Gesellschafterin war noch nicht zurückgekehrt. Diese freundlichen Worte ermutigten Ange. Nun, so konnte es denn sein! Plötzlich war sie wieder voller Hoffnungen.
„Ich danke Ihnen sehr, Herr Putz. Ich wollte auch noch in einer anderenSache Ihren Rat oder vielmehr Ihre Hilfe erbitten.“
„Bitte, bitte, Frau Gräfin!“ Der Alte war immer neugierig. Das Gespräch hatte schon etwas geschleppt, nun ward es wieder anziehend.
„Also, Herr Nachbar, ich möchte Sie fragen, ob Sie mir wohl zwölfhundert Mark würden leihen wollen, die ich nach und nach abzahlen könnte. Ich, ich—“ Ange stockte.
„Bitte, Frau Gräfin!“ Putz wollte alles hören. Es fiel ihm nicht ein, auf dergleichen Dinge einzugehen, aber hören wollte er. Anges Vertrauen wuchs.
„Ich habe,“ fuhr sie geläufiger fort, „eine einzige alte Schuld, die mich zwar nicht drückt, durchaus nicht drückt—ich meine, derentwegen ich nicht gedrängt werde, die ich aber aus anderen Gründen—“
„Hm, ich begreife,“ sagte Putz. Und als Ange nicht gleich fortfuhr, fügte er, seine Neugierde nur schlecht unterdrückend, hinzu: „Von einem Verwandten wahrscheinlich?“
„Nein, nicht von einem Verwandten; ich habe überhaupt nicht einen einzigen Verwandten auf der Welt, weder von seiten meiner Eltern noch von seiten meines Gatten.“ Wie unvorsichtig war diese Offenherzigkeit! Ange sah es ein—zu spät. Ihr war plötzlich, als ob sie Olga von Ink gegenübersäße, und all ihre Hoffnungen sanken in einen tiefen Brunnen. „Ich habe das Geld von—von—“ Nun stand Ange sogar vor dem Namen; sie sollte vor diesem Menschen Teuts Namen aussprechen! Wohin war sie geraten! Sie suchte und griff in ihrer Ratlosigkeit zu einer Unwahrheit, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben, wo es sich um ernste Dinge handelte. „Von Herrn Tibet,“ platzte sie heraus.
„Ah so!“ sagte Putz, offenbar aufs höchste überrascht, und zog die Augenbrauen über die listigen Augen. „Von Herrn Tibet? Er ist fort, nicht wahr? Kehrt er überhaupt nicht zu Ihnen zurück?“
Ange bereute, was sie gesagt; wie bereute sie überhaupt jetzt, daß sie gesprochen! Es wurde ihr klar, daß der Mann nur seine Neugierde befriedigen wolle und daß der Gegenstand ihn nicht im geringsten interessiere.
Sie war nun auf demselben Punkt angelangt, von dem sie in richtiger Erkenntnis ausgegangen. Sie hatte endlich wirklich die Enttäuschung, nach der sie verlangt hatte.
„Nein, er kehrt nicht zurück,“ sagte sie kurz abweisend. „Aber, um wieder auf die Sache zu kommen: wie ist es, Herr Putz, würden Sie mir die Hand bieten?“
Auskosten mußte Ange die Enttäuschung bis auf den Grund.
„Ich kann nicht, Frau Gräfin, mit dem besten Willen kann ich nicht!Aber—Sie gestatten, daß ich ein freundschaftliches Wort hinzufüge undmeine Ansicht ausspreche. So sehr ich begreife, daß man seinemDienstboten kein Geld schuldig bleiben möchte—“
Ange unterbrach den Sprechenden und sagte stolz: „Sie gebrauchten den Ausdruck Dienstbote! Das ist durchaus nicht zutreffend! Tibet war der Sekretär und Bevollmächtigte meines Gatten und zugleich Haushofmeister in unserem früheren großen Hauswesen. Er folgte mir aus Freundschaft, nachdem meine Lage sich verändert hatte.“
„Ah, ah, ganz wohl! Dann steht die Sache ja sehr günstig. Erlauben Sie einem erfahrenen Mann, Frau Gräfin! Selbst wenn ich Ihnen dienen könnte, würde ich mir den Vorschlag erlauben, daß Sie dort Stundung erbitten und lieber den alten Gläubiger behalten, trotz etwaiger Peinlichkeiten. Geld ist Geld! Wer's giebt, will Sicherheit, und—und—“
„Sie haben recht!“ fiel Ange fast übereilig ein. „Sprechen wir nicht weiter davon! Nur eins zu meiner Rechtfertigung! Ich ging davon aus, daß es Ihnen nicht unbequem sein werde, und da völlige Sicherheit in meiner Person liegt—“
„Natürlich, natürlich, Frau Gräfin! Ich würde Ihnen das Geld auf bloßenSchuldschein geben—selbstverständlich!“
* * * * *
Nachdem vier Wochen vergangen waren, fand sich Ange fast völlig von Geld entblößt, und sie sann und sann, auf welche Weise sie sich helfen könne. Auch der Nachbar kam ihr wieder in den Sinn. Gewiß, wenn sie nicht ihrer thörichten Eingebung gefolgt wäre—von ihm hätte sie eine kleine Aushilfssumme bereitwillig erhalten. Ob er sie jetzt noch geben würde? Vielleicht! Aber die Scham überwog den Drang der Not, und sie gab den Gedanken auf.
Einmal überlegte sie auch, an das Bankhaus zu schreiben und um einen Vorschuß auf das Januarquartalsgeld zu bitten. Daß dergleichen von ihr versucht werden könne, war ihr bisher nicht einmal in den Sinn gekommen. Nun weckte die Sorge praktische Gedanken. Aber auch diesen Plan ließ sie wieder fallen.
Der Jahresanfang erforderte so viel, daß sie schon nicht wußte, wie auskommen. Schaffte sie jetzt Hilfe, so entbehrte sie in der Folge. Das war nur ein schwacher Notbehelf, und vielleicht gelang's nicht einmal, und sie bereute später den Schritt.
Mit einemmal türmte sich wieder vor ihr auf, wie schwer, wie ganz unmöglich es sein werde, mit ihren geringen Mitteln auszukommen, und zu dieser Einsicht schlich sich ein anderer Gedanke, der sie so ängstlich peinigte, daß ihr die Röte in die Wangen stieg. Hatte sie überhaupt ein Recht gehabt, ihren Nachbar um Geld in solcher Höhe anzugehen? War's nicht leichtsinnig gewesen und mußte sie sich nicht schämen, daß sie so stolz auf ihre Person als Sicherheit hingewiesen hatte?—
Eines Abends machte sich Ben, nachdem die übrigen Kinder bereits zurRuhe gegangen waren, im Wohnzimmer zu thun. Ange nähte an der kleinenAnge Schulmappe, an der ein Riemen sich gelöst hatte. Die Nadel war zufein, es ward ihr schwer.
Plötzlich setzte sich der Knabe ihr gegenüber, blieb einen Augenblick stumm und begann dann mit einem eigentümlichen Ton in der Stimme:
„Du, Mama, weshalb ist eigentlich Tibet fortgegangen? Du erzähltest neulich, ihr hättet ein Zerwürfnis gehabt; war es etwas—etwas mit Geld?“
Ange neigte den Kopf; dann sagte sie: „Ja, ja, Ben, das verstehst Du nicht.“
„Doch, Mama. Wollte er Geld von Dir haben und konntest Du es ihm nicht geben?“
„Nein, Ben, es war umgekehrt.“
„Umgekehrt—wie? Wolltest Du Geld von ihm—“
„Du verstehst falsch, Ben. Er wollte—er gab mir Geld—das heißt—Nein, das ist auch nicht richtig. Ich weigerte mich, von ihm—etwas anzunehmen, und deshalb—“
Des Knaben Pupillen erweiterten sich, und es jagte über sein Gesicht.
„Er wollte Dir Geld geben, und weil Du es nicht nehmen wolltest, gingTibet fort?“
„Nein, Ben, ich hieß ihn gehen. Aber ich wiederhole, daß ich Dir das nicht erzählen, nicht erklären kann.“
„Doch, Mama!“ sagte Ben fest. „Erzähle mir alles, bitte. Ich bin nicht mehr ruhig, wenn ich nicht alles weiß. War Papa nicht sehr reich? Hat er all sein Geld verloren?“
Ange nickte.
„Hat Tibet damit zu thun?“
„Nein, Ben. Papa war allerdings sehr reich, verlor aber sein Geld in dem Bestreben, es für Euch noch zu vermehren. Als er starb, war nichts mehr da.“
„Nichts? Das war unrecht. Das war—“ Der Knabe unterbrach und bezwang sich. „Ah, und nun wollte Tibet Dir helfen, und Du wolltest nichts nehmen, und—“
„Ja, ja, so ähnlich war es, mein lieber Junge. Aber noch einmal: Du vermagst den inneren Zusammenhang nicht zu verstehen, frage mich nicht weiter.“
„Er meinte es doch aber gut, Mama!“
Ange senkte den Kopf.
„Bist Du ihm böse? Werdet Ihr Euch nicht wieder vertragen?“
„Ich weiß es nicht, mein guter Ben. Ich glaube es nicht—“
„Und weshalb? Nur, weil—“
Abermals bewegte Ange sanft zustimmend das Haupt.
„O, hab ich Dich lieb!“ stieß der Knabe hervor und umhalste seineMutter. „Wenn ich doch erst groß wäre und—und—“
Kraft und Eroberungslust blitzten in seinen Augen. Wenn's an ihm gelegen hätte, er würde seine liebe Mama auf die Arme genommen und durch das Gewühl der Welt getragen haben.
Als sie ihn nach einer zärtlichen Umarmung entließ und er schon mit einem „Gute Nacht!“ in der Thür stand, überflog sein Auge noch einmal ihre Gestalt. Er kehrte zurück, umfaßte sie stürmisch und flüsterte:
„Bitte, arbeite nicht zu lange. Ich schlafe nicht ein, bevor Du zu Bett gehst. Ja, Mama?“
Welche heiße Liebe blitzte aus beider Augen! Nun schlüpfte er fort und suchte sein Lager auf.
* * * * *
Das war ein Winter. Seit Tagen lag ein starrer, unbeweglicher Schnee auf der Landschaft, und die Luft trug jenes liebeleere Grau, bei dessen Anblick uns schon fröstelt und schaudert. Dazu kam ein rücksichtsloser, Mark und Bein durchkältender Ostwind, der seinen Hauch durch die festverschlossenen Thüren jagte und aller Abwehr in den Häusern Widerstand entgegensetzte.
Die Kinder kamen mittags, von Frost und Kälte geschüttelt, nach Hause, und da die in dem oberen Teil der Villa gelegenen Schlafgemächer nicht geheizt wurden, war morgens das Wasser in den Krügen kegelspitz gefroren, und nur ein Fingernagel vermochte die Arabesken des Eises zu durchdringen, mit dem die Fenster beschlagen waren.
Die Feuerung war schon wieder verbraucht. Die Magd meldete, daß sie die letzten Körbe vom Boden herabgeholt habe. Fred kam nach Hause und hatte sich auf dem Eise beschädigt. Die Beinkleider waren auf dem Knie geplatzt, und Ange schalt und suchte unter dem Vorrat nach anderen. Was aber der Knabe an Garderobe besaß, war zu leicht, und so mußte Ange nach dem Schneider senden, um sie ausbessern zu lassen, da sie solche Arbeit nicht verstand. Das war am Ende nichts, aber oft sind's eher die kleinen Verdrießlichkeiten, die uns das Leben erschweren, als die großen.
Über Ernas Winterhut hatten die Mädchen in der Schule allerlei Spott getrieben. Der gehöre wohl ihrer Mama oder sei aus einer Komödiantengarderobe? so berichtete sie aufgeregt. „Freue Dich, daß Du einen Hut hast, mein Kind: er ist heil und sauber. Laß die Kinder reden.“
Aber wenn Ange dies auch sagte, schnitt es ihr doch ins Herz. Es war allerdings ein Hut, den sie selbst abgelegt hatte, und das Kind sah seltsam darin aus. Einen anderen kaufen? Nein! Sie hatte nicht einmal Geld, Feuerung zu bestellen, die so bitter nötig war.
Im Anfang hatten die Kinder noch alle hübsche, ja äußerst kleidsame Gewänder. Die beiden Mädchen sahen so zierlich und vornehm aus, daß die Menschen sich nach ihnen umschauten. Aber inzwischen war so vieles schadhaft geworden und nicht erneuert. Die kleine Ange trug zum erstenmal auf den Knieen gestopfte Strümpfe und zog das Kleid herunter, das dadurch doch nicht länger ward und nichts verbarg.
Die Kopfbedeckungen der Knaben waren reichlich abgenutzt, und Kragen undManschetten mußten länger dienen als früher. Bisweilen drang's Ange mitMessern durch die Brust, wenn sie das Aussehen ihrer Lieblinge mit demanderer Kinder verglich.
An einem dieser Abende saß Ange unthätig an ihrem gewohnten Arbeitsbuch und stützte voller Kummer und Sorge das Haupt. Sie dachte aber nicht einmal an die Gegenwart, sie beschäftigte sich mit der Zukunft. Sie mußte rasch die jetzige Wohnung aufgeben, sie war zu teuer. Auch konnten die Mädchen so kostspielige Schulen ferner nicht mehr besuchen. Die guten Kleider, die Ange noch besaß, waren besser zu verkaufen oder für die Kinder zu ändern. Ja, das alles mußte—mußte geschehen! Nur wenn sie die bisherigen Ausgaben um die Hälfte einschränkte, dann konnte sie auskommen.
„Du bist wieder so betrübt“ flüsterte Ben, seine Mutter sanft umschlingend. Die übrigen Geschwister waren noch anwesend; immer scheute sich der Knabe, seine Gefühle vor ihnen zu zeigen. Gerade hustete Jorinde ängstlich auf und draußen pfiff und tobte es um die lose befestigten Fensterladen.
„Nein, nein!“ erwiderte Ange, vor den Tönen zusammenschauernd. „Geh ins Bett, mein süßes Kind.—Und ich komme gleich nach und bringe Dir einen heißen Trank,“ fuhr sie, zu Jorinde gewendet, fort, die aufgestanden war und sich an sie schmiegte.
„Es ist so kalt oben; ich fürchte mich auch. Soll Erna nicht auch zuBett gehen, Mama?“
Es war so kalt! Und Ange konnte nicht heizen. Während der letzten Tage hatte sie eine völlige Apathie erfaßt; die Dinge mußten sich durch irgend etwas ändern;—wie, das wußte sie nicht; sie that auch nichts dafür. Aber es konnte sich doch nichts ändern, ohne daß sie handelte.
„Ich will Dir, solange es noch so kalt ist, das Bett drinnen auf dem Sofa einrichten,“ entschied Ange. „Ja, ja, mein liebes Kind, es ist zu frostig oben, es ist nicht gut für Deine Brust. Wir müssen sehen, wie wir's machen.“
In diesem Augenblick entstand ein Streit zwischen den Geschwistern. Fred neckte die beiden Mädchen, Ange weinte und Erna schrie auf, als er die Hand gegen sie erhob. Bisher hatte Ben stumm neben seiner Mutter gesessen. Er hörte alles und es grub sich in ihn ein. Er sprang empor und fuhr gegen seinen Bruder auf. Er packte ihn an die Brust und schüttelte ihn wie eine Katze, die sich einer Maus bemächtigt hat. Unter der seelischen Erregung, unter dem Mitgefühl für seine Mutter, unter dem Leid um seine kranke Schwester ging es zehrend durch sein Inneres. Nun hatte ihn die Empörung erfaßt, daß der leichtfertige Ruhestörer selbst jetzt keine Rücksicht nahm.
„Ben! Ben!“ rief Ange voller Schrecken und mischte sich unter die kämpfenden Knaben. Fred hatte seinen Bruder in die Haare gefaßt und suchte ihn unter keuchendem Atem herabzuziehen.
„O, Du! Du! Kannst Du nicht einen Augenblick Rücksicht nehmen? Ich wollte Dir schon lange eine Lektion geben! Nein, lass' mich, lass' mich, Mama!“ trotzte Ben gegen Anges Befehl und Mahnung auf. „Er hat es verdient! Er ist es gar nicht wert, daß Du ihn so lieb hast!“
Und nun lagen beide auf der Erde, und Ben schlug seinen Bruder in besinnungsloser Wut auf Kopf und Schultern. Und die kleine Ange weinte geängstigt, die Kranke hustete und Erna stand voll Mitgefühl da und faltete ratlos die Hände. So wüteten Krankheit, Sorge und Unfriede im Hause.
„Auch das noch!“ seufzte Ange wie verzweifelt und ließ sich in ihren Stuhl fallen. „O Ben, Fred! Daß ihr mir auch noch solchen Kummer macht!“ Sie weinte und schluchzte.
Es giebt Augenblicke, in denen alles tot und trostlos um den Menschen ist; in denen seine Seele weint, und ihm traurig ist zum Sterben.
Die Knaben hatten sich erhoben und ordneten ihre Kleider. Ihr hastiger Atem ging durchs Gemach; ihre Glieder bebten unter der Erregung. Als Ben aber seiner Mutter Stimme hörte, als die gerechte Anklage sein Ohr traf, zog plötzlich jähe Blässe über sein Gesicht; er stürzte hinaus, eilte im Dunklen auf sein Zimmer, warf sich ins Bett und vergrub das weinende Antlitz in die Kissen.
Als endlich der Schlaf ihn übermannen wollte, als nach wühlenden Gedanken und nagenden Vorwürfen die Erschlaffung eintrat, blitzte in dem kalten, von dem Silberweiß des Winters umrahmten Gemach plötzlich ein Licht auf, und fast wie eine überirdische, aber trostreiche Erscheinung trat zu ihm seine Mutter mit den tiefen dunklen Augen und dem blassen zarten Gesicht. Eine sauste Hand legte sich auf seinen Kopf, und weiche Wangen schmiegten sich zärtlich an die seinigen.
„Du Trotzkopf!“ sagte sie und sah ihm in die Augen. „Nun schlaf' Dich aus und—Ben, thu's mir zuliebe—vertrag' Dich morgen mit Deinem Bruder und gieb ihm das erste Wort!“
Er zögerte, aber er nickte doch, da sie es wollte.
„Ich weiß, ich weiß, Du ängstigst Dich um mich; um meinetwegen erhobstDu die Hand gegen ihn,“ flüsterte Ange bewegt. „Aber es war nicht recht,Ben! Du thust's nicht wieder, Ben, mein Ben?“
Und da schlangen sich seine Knabenarme um ihren Nacken. Weinend und schluchzend hing er an ihrem Halse und bereute, daß er aus Liebe gefehlt hatte.
* * * * *
Ange entschloß sich nach schwersten Kämpfen, an einem der nachfolgenden Tage nun doch mit ihrem Nachbar zu sprechen und ihn um etwas Geld anzugehen. Sie wußte keinen Rat mehr, war am Ende mit der geringfügigen Summe, welche ihr geblieben war, und stand vor einer Not, vor welcher alle Bedenken schweigen mußten.
Sie schrieb an Putz zu diesem Zwecke einen kurzen Brief, in welchem sie die Bitte aussprach, sie wegen einer dringenden Angelegenheit bei seinem gewohnten Morgenspaziergang durch einen Besuch erfreuen zu wollen.
„Nun, verehrte Frau Gräfin, da bin ich,“ sagte er, stieß den Schnee von den Füßen und trat in das Wohnzimmer.
Ange stand noch in einer weißen Schürze, und ihre Hand hielt ein Wischtuch und einen Staubwedel, mit welchem sie Winkel und Ecken gesäubert hatte. Ben, der nun auch wie Jorinde wegen eingetretener Erkältung das Zimmer hüten mußte, befand sich im Nebengemach. Er trat bei des Nachbars Erscheinen einen Augenblick hervor, verbeugte sich höflich und zog dann leise die Thür an. Nun war Ange mit Putz allein.
„Bitte, nehmen Sie Platz, lieber Herr Nachbar,“ sagte sie etwas verlegen, streifte die Schürze ab, strich über die erregte Stirn und holte einen Stuhl herbei, um sich ihm gegenüber zu setzen.
„Wollen Sie nicht im Sofa—“
„Nein, bitte, bitte, ich sitze hier sehr gut. Muß auch gleich wieder fort,“ erwiderte er kurz, legte während des Sprechens die Hände auf den Knopf seines Spazierstockes und richtete sein noch von der Kälte umwehtes, aus dem hohen Pelz herausschauendes listiges Gesicht auf Ange. „Sie schrieben mir, daß Sie mich zu sprechen wünschten, Frau Gräfin.“
„Ja, Herr Putz, und ich habe zunächst um Entschuldigung zu bitten, daß ich Sie bemüht habe, statt zu Ihnen zu kommen.“
„Das hat ja nichts auf sich,“ erwiderte er ebenso kurz und fuhr mit einem Anflug von Ungeduld fort: „Nun also, Frau Gräfin, bitte—“
„Ich sprach neulich mit Ihnen über eine Geldsache, Herr Putz. Sie hatten die Güte, mir Ihren Rat zu erteilen, und ich fand bei näherer Überlegung, daß Sie recht hatten,“ begann Ange rücksichtsvoll. „Heute handelt es sich um Ähnliches, aber um etwas—“ Ange hielt mitten im Sprechen inne, erhob sich, ging an ihren Schreibtisch und nahm ein Geldbriefkouvert heraus. „Sehen Sie, Herr Putz, das ist die letzte Geldsendung, welche ich am ersten Oktober empfing. Es sind Zinsen, die ich vierteljährlich erhalte. Ich komme bis Neujahr nicht aus—ich hatte viele unerwartete Ausgaben gerade in den letzten Tagen. Da wollte ich Sie nun freundlich bitten, Herr Putz, daß Sie die große Güte haben möchten, mir bis Januar mit einer Summe auszuhelfen.“
Ange hielt zaghaft inne und blickte den Mann an, der wie eineBrunnenfigur vor ihr saß und keine Miene verzog.
Er schielte auf das Kouvert, das Ange auf den Tisch gelegt hatte, sah nur zu genau, that aber, als ob er gleichgültig hinüberblinzele, und sagte dann kalt:
„Ja, ja, kann's mir wohl denken—würde auch wohl gefällig sein, Frau Gräfin. Ich will aber gleich bemerken, daß ich vor Neujahr auch sehr, sehr knapp bin. Ich erhalte Anfang Januar—gerade wie Sie—mein Geld, und jetzt, gegen Ende des Monats und um das Fest herum, ist's fast unmöglich! Wieviel brauchen Sie denn?“
Ange nannte eine beträchtlich geringere Summe, als sie vor diesen in einem so wenig ermunternden Tone gesprochenen Worten hatte erbitten wollen.
Putz schien nach einem festen Grundsatz zu handeln, denn er sagte ohneBesinnen einfallend:
„Ich bedauere, Ihnen nur die Hälfte vorschießen zu können, Frau Gräfin.Schon das macht mir sogar Ungelegenheiten. Wie gesagt—“
„Ah!“ machte Ange nur allzu enttäuscht. Was er ihr bot, war neben derBestreitung dringendster Ausgaben kaum ausreichend für die nächsten achtTage, und bis Weihnachten waren noch fast drei Wochen.
„Und wann gebrauchen Sie das Geld? Heute schon?“ nahm Putz das Wort und erhob sich, ohne Anges sichtliche Unruhe zu beachten.
Und wie immer der Ertrinkende nach dem Strohhalm greift, so griff auch Ange nach dem Geringen, das sich ihr bot, nahm dankend an, versprach die prompte Rückgabe im Januar und unterschrieb einen Schuldschein, den Putz sogleich ausfertigte.
Auch den Betrag erhielt sie sofort aus einer Brieftasche, die Putz in der Seitentasche seines Rockes bei sich führte. Er schien sich auf die Sache vorbereitet zu haben. Weshalb hatte sie ihn sprechen wollen? Doch sicherlich um Geld! Natürlich! Was er, ohne ihre Wünsche zu kennen, geben wollte, war schon vorher von ihm überlegt worden.
Während Ange und Putz noch einige Worte austauschten, erschien in der verbindenden Thür die schlanke Gestalt von Ben, der altes gehört hatte. Ein Ausdruck zorniger Erregung malte sich in seinen Zügen, aber auch Schmerz, Scham und Mitleid spiegelten sich auf dem Angesicht des stolz erhobenen Kopfes. Nun wandte sich Ange zurück, und der Knabe verschwand rasch, bevor sie seiner gewahr wurde.
Nach kaum acht Tagen hatte Ange freilich noch Feuerung im Hause, aber sonst lagen die Dinge ebenso, fast schlimmer als vordem. Von dem Drange getrieben, achselzuckenden Mienen vorzubeugen, machte sie der Nachbarschaft größere Abzahlungen, als sie ursprünglich vorgesehen hatte, und erfuhr dabei, was jeder täglich beobachten kann, daß Geld der fahnenflüchtigste Geselle ist, der je einem Kriegsherrn diente.
Aber nun kam das Weihnachtsfest immer näher, an dem sogar jeder Tagelöhner seinen Kindern eine Freude zu bereiten suchte. Ange hatte für die Kinder nichts eingekauft, aber diese arbeiteten eifrig und versteckt an Geschenken für sie und erinnerten sie dadurch immer von neuem, daß sie auch Überraschungen von ihr erwarteten.
Selbst Fred war fleißig mit Gummi und Radiermesser bei einer Zeichnung beschäftigt, geschickter allerdings mit diesen, als mit Bleifeder und Kreide. Er war einmal ein flüchtiger kleiner Geselle.
* * * * *
Es war einige Tage vor dem heiligen Feste und um die Abendzeit. Ein starker Schneefall hatte die Gegend in starre, bleiche Gewänder gefüllt. Von. Mondlicht umflossen, ragte die Wartburg wie ein von Geistern bewohntes Schloß unter den weißbedeckten Wäldern hervor. Ringsum in den Villen aber glitzerten hinter den Scheiben kleine unruhige Lichter, die seltsam, fast unheimlich abstachen gegen, die schweigsame, aller lebendigen Farben entkleidete Natur.
Es mochte gegen zehn Uhr abends sein, als ein großer kräftiger Mann, der sich soeben auf offener Landstraße von seinem ihn offenbar über Ort und Gelegenheit orientierenden Gefährten getrennt hatte, mit langsam schwerfälligen Bewegungen die Höhe hinaufstieg, auf der das Häuschen lag, welches Ange bewohnte. Je näher er seinem Ziele kam, desto bedächtiger wurden seine Schritte. Einigemal hielt er inne und schaute spähend um sich. Aber nirgends zeigte sich etwas Lebendiges: die Gegend war wie ausgestorben.
Endlich erreichte er das Haus, in welchem noch Licht war, klinkte leise eine kleine Pforte auf und wandte sich mit vorsichtigen Bewegungen rechtzeitig in den Garten. Vor dem nach diesem herausschauenden Fenster war kein Vorhang herabgelassen, es gestattete ungehinderten Einblick.
Der Mann—es war Teut—dämpfte seinen raschen Atem, blieb stehen und schaute lange und unverwandt ins Innere des Gemaches. Oftmals griff er sich in tiefer Bewegung an die Brust und einmal traten silberfunkelnde Tropfen der Rührung in seine Augen über das, was er erblickte.
Ange saß, das Gesicht ihm zugewandt, an dem Tisch, der mitten im Wohnzimmer stand, und betrachtete prüfend ein Kleidungsstück, das vor ihr auf dem Tische lag. Teut erkannte es als ein Militärbeinkleid, das Clairefort gehört haben mochte. Die bleiche Frau prüfte und maß, indem sie das kürzere Gewand eines der Knaben dagegen hielt.
Nachdem sie nach einigem Hin und Her zu einem Entschluß gelangt war, trennte sie die Nähte auseinander, breitete jeden Teil für sich aus, legte das Knabenbeinkleid darüber, schnitt mit vorsichtiger Hand das erstere danach zurecht und nähte dann die einzelnen Teile zusammen. Ohne auch nur ein einziges Mal aufzuschauen, saß sie über die Arbeit gebückt, und nur einmal ließ sie die Nadel ruhen, lehnte sich zurück, hob das neue Gewand empor und zupfte an dem Stoff.
Nun vermochte ihr Teut voll ins Angesicht zu schauen, und fiebernd flog es durch seine Brust, als ihr liebes, zärtliches und blasses Gesicht vor ihm aufstieg.
Einmal war's ihm, als ob sie seiner ansichtig geworden sei, denn plötzlich wandte sie mit verändertem, ängstlichem, gleichsam gebanntem Blick ihr Auge gegen das Fenster, hinter dem er lauschte. Er trat unwillkürlich zurück und spähte aus dem tieferen Dunkel ins Gemach.
Hatte sie ihn gesehen?—Nein! Vielleicht war's einer jener seltsamen Ahnungsschauer, die uns erfassen können, wenn auch diejenigen weit von uns sind, mit denen wir uns—in blitzartiger Erinnerung—beschäftigen.
Später stützte Ange den Kopf, starrte sinnend vor sich hin, griff dann nach einem Bleistift und machte sich auf einem Blättchen Papier allerlei Notizen. Offenbar beschäftigte sie sich mit ihren Kindern, vielleicht stellte sie noch einmal deren Wünsche für Weihnachten zusammen. Und dann begab sie sich abermals voll Eifer an die Arbeit, rührte fleißig die Hand und machte nur Pausen, um die Nähte mit dem Fingernagel nachzuglätten.
Wer sie heute so sah und einst gekannt hatte! Ein Gefühl heißer Rührung mußte emporsteigen und sich in Bewunderung verwandeln.
Einmal über das andere strich Teut in starker Erregung den Schnurrbart. Wie lange stand er nun schon da, und doch flog ihm die Zeit wie eilende Sekunden. Es waren lebhafte Gedanken, die ihn beschäftigten. Er sah, was vor sich ging, und sah's doch nicht; denn während er den Blick hineintauchte, gingen zahlreiche Gedanken durch seinen Kopf.
Und nun bewegte Ange in leisem Frost den Oberkörper und fuhr, die Nadel falten lassend, wiederholt über die sinkenden Lider. Sie starrte vor sich hin, sann und grübelte, bis endlich die Müdigkeit sie überwand und ihre Augen sich schlossen. Einmal blinzelte sie noch kämpfend auf, dann sank das Haupt tiefer und tiefer, und endlich saß sie regungslos da. Sie war eingeschlummert.
„Ange, Ange,“ murmelte der Mann in heftiger Bewegung, richtete noch einmal einen langen Blick auf die Schlummernde und verließ nun vorsichtig und fast erschreckt durch seine eigenen Schritte auf dem hartgefrorenen, knarrenden Erdboden den Ort, an welchem er gesehen, was eine stumme, aber so beredte Sprache geredet hatte.
* * * * *
Am folgenden Vormittage schlich Ange—sie hatte durch Zufall erfahren, wo sie gegen Pfand ein Darlehen erhalten konnte—mit zagendem Herzen ins Versatzamt und verschaffte sich das Geld, dessen sie so dringend benötigt war. Sie hatte unter anderem ihre goldene Uhr—ein kostbares Stück—hingegeben und befand sich durch den dafür erhaltenen hohen Betrag sogar in der Lage, ihrem Nachbar die vorgeschossene Summe zurückzahlen zu können. Sein zögernd gewährter Dienst brannte ihr wie Feuer auf der Seele, und sie fand keine Ruhe, bis sie die Summe in seine Hände zurückgelegt hatte.
„Wer seine Schulden bezahlt, verbessert sein Vermögen,“ sagte Putz, ohne eine Befremdung über den früher innegehaltenen Termin an den Tag zu legen, und entließ auch Ange ohne Nachfrage oder Angebot für andere Fälle.
An demselben Nachmittag machte Ange sich auf den Weg, um Einkäufe zu machen, und Ben, der ihr Helfer und Vertrauter in allen Dingen geworden war, mußte sie begleiten. Als sie ziemlich wortkarg neben ihm herschritt, schmiegte er sich zärtlich an sie, und als sie ihm seine Besorgnisse durch eine fröhliche Miene zu nehmen suchte, sah er sie mit seinen tiefen Augen an und drückte ihren Arm fester, den sie gefaßt hatte, als sei er ihr kleiner Kavalier.
Als Ange unterwegs noch einmal alles überrechnete und mit einem: „Du armer Kerl wirst wenig oder nichts erhalten!“ bedauernde Worte gegen ihren Liebling fallen ließ, sagte der Knabe:
„Ich will gar nichts, ich brauche nichts, Mama!“
„Du bekommst auch wirklich nichts, mein lieber Junge, sei ohne Furcht!“ betätigte sie mitleidig. „Was ich Dir zugedacht habe, ist etwas, das Du dringend nötig hast und was ich Dir gern besser gegönnt hätte!“
Am nächsten, dem letzten Abend vor dem Feste, wollten Ange und Ben den Baum ausputzen. Heute saß sie noch mit fleißiger Hand und arbeitete an einem wollenen Halstuch für Jorinde, der es besser ging, die aber geschont und vor kalter Luft in acht genommen werden mußte.
Anges Gesicht war etwas fröhlicher; ein stiller, sanfter Zug lag in ihren dienen. Was sie erreicht hatte, erfüllte sie wenigstens vorübergehend mit einer glücklichen Befriedigung, und nur eins drängte sich schwermütig in ihre Gedanken: daß das Fest ohne Tibet gefeiert werden müsse. Sie gedachte auch Carlos', ihres Mannes, aber vornehmlich trat Teut in ihre Gedanken. Sie seufzte tief auf. Eine verzehrende Sehnsucht erfaßte sie nach ihm. Sie verlangte nach seiner festen Stimme, nach seinem Blick, nach seiner Teilnahme, nach seiner—Liebe.
Ange sah nach der Uhr. Es schlug gerade zehn. Noch wollte sie aufbleiben, länger als gestern, wo sie zu ihrem Leidwesen dem Schlaf erlegen war.
Und gerade in diesem Augenblick vernahm sie draußen ein Geräusch an derThür, und im nächsten wurde auch die Klingel gezogen. Überrascht,erschreckt wandte sie den Blick ins Freie. Das Mädchen war schon zurRuhe gegangen, die Kinder schliefen. Sie begriff nicht, wer noch so spätEinlaß begehren könne.
Statt auf den Flur zu gehen, trat sie ans Fenster und spähte behutsam hinaus. Aber wie von einem Blitz getroffen fuhr sie zurück, denn als sie den Vorhang verschob, sah sie unmittelbar neben der Mauer einen Mann, von dessen Gestalt sie nur die Umrisse zu erkennen vermochte, dessen Züge ihr aber in der Dunkelheit verschleiert blieben. Einen Augenblick! Dann faßte sie sich, drückte, ihre Erregung zu dämpfen, die Hand aufs Herz und fragte kurz mit künstlicher Fassung: „Wer ist da und was wird gewünscht?“
„Liebe Gräfin! Liebe Freundin! Ich bin's, Teut! Erschrecken Sie nicht!Soeben bin ich angekommen. Ich muß Sie durchaus sprechen. Bitte, öffnenSie. Verzeihen Sie dieses späte Eindringen.“
Teut—so plötzlich—ohne Anzeige—in später Nacht?—Ange verlor den Atem, fast die Besinnung. Es war seine Stimme, dieselbe Stimme, die sie so lange nicht gehört und bei deren Klang ihr Herz zu zerspringen drohte.
Noch einmal schaute sie hinaus, dann überwog ihr ahnendes Gefühl Bedenken und Furcht. Mit einem leisen, zitternden: „Ich komme—ich mache auf!“ trat sie hinaus und öffnete.
Ja, es war Teut! Mit einem unterdrückten Schrei, totenblaß—und als er nun auf sie zutrat und ihre Hand ergriff—mit dem brennenden Rot der Erregung übergossen, stand sie da und war keines Wortes mächtig. Aber als sie nun das Zimmer erreicht hatten, als das Licht über seine Züge fiel, als die hohe, kräftige Gestalt vor ihr auftauchte, als dieser ernste und doch so gütige Blick aus seinen Augen sie traf, da folgte sie der unwillkürlichen Bewegung seiner Hände, trat zu ihm heran und lag plötzlich sanft weinend an seiner Brust.
Einige Augenblicke verharrten die beiden Menschen in jener stummen, inneren Bewegung, in der jeder Gedanke hinabtaucht in eine einzige Empfindung und in der Worte zu Thränen werden.
Dann aber faßte er sie und lehnte sie sanft in einen Stuhl, beugte sich über sie und schaute ihr lange in die Augen.
„Das alles konnten Sie thun und ganz vergessen, daß Axel von Teut nur einen Lebenszweck auf dieser Welt hatte: Sie glücklich zu machen? Aber ich komme nicht, zu hadern, sondern Ihnen zu sagen, daß ich meiner Unruhe nicht mehr Herr wurde und meine fiebernden Gedanken sich zusammendrängten in dem einzigen Wunsche: Sie endlich wiederzusehen! Und nun hören Sie mich an und unterbrechen Sie mich nicht. Wollen Sie?“
Leise zustimmend bewegte Ange das Haupt.
„Nehmen, lesen Sie zuvörderst, um Ihnen den Anlaß meines plötzlichen Kommens zu erklären,“ fuhr Teut fort und entfaltete einen Brief. „Oder nein! Lassen Sie mich,“ unterbrach er sich und begann, Anges Zustimmung durch einen sanften Blick einholend:
„Lieber Onkel Axel!“ Ange horchte erschreckt auf bei dieser Einleitung. Eine Ahnung des Zusammenhanges stieg in ihr empor und wurde schon zur halben Gewißheit.
„Sei nicht böse, wenn ich Dir heute schreibe. Nicht einmal genau weiß ich Deine Adresse. Ich habe in der letzten Zeit so viel geweint um meine Mama und kann nicht mehr ansehen, daß sie so traurig ist. Lieber Onkel Axel! Mama hat so viele Sorgen; ganz gewiß. Tibet ist nicht mehr bei uns. Ich weiß weshalb. Wenn Du kommst, erzähle ich Dir alles. Und Du wirst kommen, bald, bald, wenn ich Dich bitte. Nicht wahr, lieber Onkel? Gewiß würde ich Dir dies nicht schreiben, aber ich muß es thun. Schreibe mir, bitte, und adressiere an meinen Schulkameraden, den Tertianer Carl von Trock in Eisenach. Er wird mir den Brief geben. Niemals aber darf Mama von meinem Brief an Dich wissen. Du sagst es ihr nicht? Bitte, lieber Onkel! Und nun grüßt Dich Dein Dich liebender
Benno von Clairefort.
Begreifen Sie jetzt, liebe Freundin? Gewiß, Sie verstehen, und ich habe nun endlich erreicht, wonach ich verlangt habe seit Carlos' Tode, was mein Recht war, aus einer Zusammengehörigkeit zwischen uns, wie menschliche Beziehungen sie kaum wieder aufzuweisen haben. Lassen Sie mich von vorn beginnen, damit ich Ihnen erkläre, wie alles sich so gestalten mußte. Lassen Sie mich auch deshalb zurückgreifen, um Ihnen zu beweisen, daß es nichts gegeben hat, was ich in Ihrer Handlungsweise nicht verstand, nicht ehrte.“ Und mit bewegter Stimme rief er das Geschehene in ihr Gedächtnis zurück.
„O, wehren Sie mir nicht!“ sagte er, als er ihre Erschütterung sah.„Weinen Sie nicht! Sind es noch Thränen des Zorns oder Thränen derVersöhnung? Ist's gar—darf ich es hoffen?—ein Beweis, daß ich Ihnen indiesem Augenblick die Genugthuung gab, nach der Sie verlangten? Ja, FrauAnge?—Ich danke Ihnen.—Und nun hören Sie weiter!“
Teut machte eine kurze Pause, und dann sagte er, behutsam seine Worte abwägend und mit einer Zartheit, wie sie nur ihm eigen:
„Ich habe mir folgendes gedacht, liebe Frau Ange: Sie überlegen, ob wir nicht an einem Orte gemeinsam wohnen können und uns—als alte Freunde—täglich sehen; ja, durch unseren Verkehr uns das Glück verschaffen, was uns neben dem Wohlergehen Ihrer Kinder noch auf Erden beschieden sein kann. Wenn ich sage ‚uns‘, so verzeihen Sie dieses Wort; ich hätte nur von mir sprechen sollen. Ich habe keinen anderen Wunsch, als in Ihrer Nähe zu leben und Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Ihnen zugethan bin. Fürchten Sie keine aufdringliche Freundschaft, Ange, ich verspreche Ihnen, daß ich Ihre Ansichten und Absichten ehren werde wie ein Gottesgebot. Stimmen Sie zu! Ist es nicht thöricht, daß wir, die wir schon zueinander gehörten, als wir uns zum erstenmal begegneten, uns voneinander abschließen wie Feinde? Sind wir nicht Freunde? Gingen Sie, wenn auch begreiflicherweise bei den furchtbaren Gegensätzen Ihres Lebens—nicht zu—weit, nicht zu sehr ins Extrem? Ist es nicht auch eine Größe, nehmen zu können? Mißverstehen Sie mich nicht! Wenn ich sprach, wünschte ich nur von den natürlichen Rechten der Freundschaft ein Wort fallen zu lassen; nicht einen Vorwurf wollte ich Ihnen machen, liebe Freundin. Mich zu entschuldigen wünschte ich. Ich ließ mich hinreißen von dem unbeschreiblichen Glück, das den Geber durchdringt—ich fehlte; aber Sie gaben nicht einen Finger, um mir dieses Glück zu gönnen.—Ich habe nichts mehr zu sagen.—Nun, liebe Frau Ange, was meinen Sie?“
Er stand auf und faßte ihre beiden Hände, er suchte ihre verschleierten Augen und drängte sich mit seiner Seele zu der ihrigen. Und als dann plötzlich so viele Tropfen unter ihren Wimpern zuckten, da wußte er, daß sie vergeben hatte, daß alles zwischen ihnen war wie ehedem.
* * * * *
Bevor Teut sich an dem eben geschilderten Abend von Ange trennte, erwirkte er auch Verzeihung für Tibet, der seit seiner Trennung von Ange bei ihm in Eder sich aufgehalten und ihn auch nach Eisenach begleitet hatte.
Ange aber schloß kein Ange in dieser Nacht. So unvorhergesehen, so plötzlich war alles über sie gekommen, so mit einem Schlage waren alle Dinge verändert, daß sie sich wiederholt an die Stirn griff; ob's denn auch Wahrheit und kein Traum sei. Haltende, brennende Ströme jagten durch ihr Inneres. Die stille Liebe zu Teut hatte sich durch das Wiedersehen in einen drängenden, stürmischen Frühling verwandelt. Er war an ihrer Seite und sie sollte ihn vielleicht wieder verlieren?
Als Ange am nächsten Morgen ihren Kindern mitteilte, Onkel Axel und Tibet seien wieder da und würden an dem Weihnachtsfest teilnehmen, erscholl lauter Jubel durchs Haus. Ben drängte sich an seine Mutter, als sie allein war, und forschte in ihren Augen. „O ja, ja, Du bist wieder fröhlich! Ich sehe es!“ preßte er heraus und umhalste sie. Sie aber legte die Hand auf sein Haupt und sah ihm forschend ins flammende Auge.
„Wußtest Du gar nichts von Onkel Axels Kommen? Gar nichts?“ Ben bewegte stumm den Kopf und preßte die Lippen aufeinander. Und dann schoß plötzlich brennende Röte über sein Gesicht und mit raschem Anlauf drückte er seine Mama noch einmal an sich. „Nicht böse sein!“ flüsterte er und verschloß unter Küssen ihren Mund.
Einen rührenden Anblick bot es, als Tibet am Mittag zum erstenmal wieder die Schwelle des Hauses betrat. Ange war in der Küche, als der Jubel zu ihr drang. Als sie sich ihm näherte, machte er eine tiefe, unsichere Verbeugung und wartete, wie seine Herrin ihm begegnen würde.
„Willkommen, Tibet!“ sagte Ange, trat auf ihn zu und legte tiefbewegt ihre Hand in die seinige. „Alles ist vergessen. Und“—hier brach es aus ihren Augen so heftig heraus, daß sich die Kinder unwillkürlich zurückzogen—„vergeben Sie—auch mir!“
„O, Frau Gräfin! Frau Gräfin!“ stotterte der Mann und neigte das Haupt.
Und der Festabend kam; Ange war aufgeblüht in ihrem Glück. Sanfte Rosen lagen auf ihren Wangen und ihre Augen glänzten, als hätten Diamanttropfen Sonnenstrahlen aufgesogen.
Sie trug dasselbe Kleid—sie hatte es bewahrt und nun hervorgesucht—, das damals ihre Gestalt umschloß, als Teut Abschied nahm und in den Krieg zog.
Auch eine vollblühende Rose hatte sie sich zu verschaffen gewußt, die nun ausgebrochen an ihrer Brust lag wie ein Symbol ihrer reiferen Schönheit.
Teut war wie gebannt, als sie ihm gegenüber trat. Für ihn hatte sie sich geschmückt, und der zarte Duft der Blüte drang berauschend auf ihn ein.
Ihm war's, als ob sie mit ihrer blendenden Erscheinung nicht in diesen Raum gehöre, ihm plötzlich gegenüberträte wie damals in der Villa, und alles sei wie ehedem.
Und nun wirkten auch alle anderen Dinge bestrickend auf ihn. Mit welcher anmutigen Sicherheit waltete sie im Hause, wie gut, aber wie verständig war sie mit ihren Kindern; das Zuviel, das leichte „Ja“ waren abgestreift. Das Irrelose, Bewegliche, Hastige in ihrem Wesen war gewichen, ein sanfter Ernst umgab sie, der sie verschönte.
Und mit welcher zarten Rücksicht begegnete sie ihm selbst, mit welchem Takt wußte sie den Ausgleich zu finden zwischen dem Vergangenen und Heute. Alles, was jemals in ihm emporgestiegen war, ward zur brennenden Flamme. Saß er ihr auch ernst und mit besonnenem Ausdruck gegenüber, so schlug doch bebend sein Herz; richtete er auch nur einen stillen Blick auf sie, so hämmerten doch seine Pulse, und einmal ballte er, abgewendet, die starken Hände und riß sich zurück aus der überwältigenden Qual, die ihm die Brust einschnürte.
Und doch konnte, durfte er nicht sprechen, und wenn seine Seele sich auch teilte und wenn sein Verzicht sein Lebensglück vernichtete.
Einmal kamen die Kinder während des Abends ins Nebenzimmer und Tibet folgte ihnen. Da trat Teut an Ange heran.
„Wie schön sind Sie, Frau Ange!“ sagte er, ergriff ihre Hand und sah sie mit seinen tiefen, guten Augen an. Ange errötete wie ein furchtsames Mädchen, und ihre Handflächen bebten in den seinen.
„Und wie gut, wie trefflich sind Sie, liebe Freundin!“ fuhr er leiser fort und suchte ihren Blick.
Er sprach's, und die Frau neben ihm zitterte. Nun kam Ben; sie wichen von einander. In dem bleichen Angesicht des Knaben blitzte es auf. Er sah überrascht auf seine Mutter und auf Teut. Ahnte ihm etwas? Einen Augenblick stand er wie erschrocken, dann aber glühte es in seinen dunklen Augen, und mit einer unwillkürlichen raschen Bewegung—gab's ihm ein Gott ein, oder wußte er selbst nicht, was er that?—eilte er auf beide zu, ergriff ihre Hände und neigte sein blondes Haupt auf diese herab.
„O, wie ich Euch lieb habe!“ drang es aus des Knaben Brust. Und da beugten sich auch unwillkürlich Ange und Teut hernieder und berührten gleichzeitig des Knaben Scheitel.
Aber auch ihre Wangen stahlen sich aneinander, und der Liebesgott ließ zwei Flammen emporsteigen, die zusammenschlugen in feuriger Lohe.
Derselbe Gedanke durchzog ihr Inneres: die Vorsehung war's, die ihre Hände durch den Knaben verband, durch den stolzen, herrlichen Knaben mit seiner heißen Seele. Diese legte ihre Hände in einander für immerdar.
Am Tannenbaum nebenan brannten noch die Lichter. Der feine Duft der Nadeln und des Wachses durchwehten den Raum in ihrer belebenden Mischung. Es war ja Weihnacht—Weihnacht, das Fest der Freude! Drinnen ertönte das fröhliche Lachen der Kinder, dazwischen ertönte Tibets rauhere, aber gütige Stimme.
Und da waren auch die beiden Menschen, die schon so lange füreinander bestimmt waren, nicht mehr mächtig ihrer Gefühle.
Wie ein Sturmwind brauste es durch Teuts Brust, wie ein Kind hob er Ange empor, und sie umschlangen sich mit ihren Armen, um sich zu halten fürs ganze Leben.