Vierter Aufzug

Schön(wütend)

Glaubst du denn vielleicht, daß du mir im Weg stehst?!

Lulu

(von jetzt an bis zum Schluß triumphierend)

Wüßten Sie, wie Ihre Wut mich glücklich macht! Wie stolz ich darauf bin, daß Sie michmit allen Mitteln demütigen! Sie erniedrigen mich so tief — so tief, wie man ein Weib erniedrigen kann, weil Sie hoffen, Sie könnten sich dann eher über mich hinwegsetzen. Aber Sie haben sich selber unsäglich weh getan durch alles, was Sie mir eben sagten. Ich sehe es Ihnen an. Sie sind schon beinahe am Ende Ihrer Fassung. Gehen Sie! Um Ihrer schuldlosen Braut willen, lassen Sie mich allein! Eine Minute noch, dann schlägt Ihre Stimmung um, und Sie machen mir eine andere Szene, die Sie jetzt nicht verantworten können!

Schön

Ich fürchte dich nicht mehr.

Lulu

Mich? — Fürchten Sie sich selber! — Ich bedarf Ihrer nicht. — Ich bitte Sie, gehen Sie! Geben Sie nicht mir die Schuld. Sie wissen, daß ich nicht ohnmächtig zu werden brauchte, um Ihre Zukunft zu zerstören. Sie haben ein unbegrenztes Vertrauen in meine Ehrenhaftigkeit! Sie glauben nicht nur, daß ich ein bestrickendes Menschenkind bin; Sie glauben auch, daß ich ein herzensgutes Geschöpf bin. Ich bin weder das eine, noch das andere. Das Unglück für Sie ist nur, daß Sie mich dafür halten.

Schön(verzweifelt)

Laß meine Gedanken gehen! Du hast zwei Männer unter der Erde. Nimm den Prinzen, tanz’ ihn in Grund und Boden! Ich bin fertig mit dir. Ich weiß, wo der Engel bei dir zu Ende ist und der Teufel beginnt. Wenn ich die Welt nehme, wie sie geschaffen ist, so trägt der Schöpfer die Verantwortung, nicht ich! Mir ist das Leben keine Belustigung.

Lulu

Dafür stellen Sie auch Ansprüche an das Leben, wie sie höher niemand stellen kann ... Sagen Sie mir, wer von uns beiden ist wohl anspruchsvoller, Sie oder ich?!

Schön

Schweig! Ich weiß nicht, wie und was ich denke. Wenn ich dich höre, denke ich nicht mehr. In acht Tagen bin ich verheiratet. Ich beschwöre dich — bei dem Engel, der in dir ist, komm mir derweil nicht mehr zu Gesicht!

Lulu

Ich will meine Türe verschließen.

Schön

Prahl’ noch mit dir! — Ich habe, Gott ist mein Zeuge, seit ich mit der Welt und dem Leben ringe, noch niemandem so geflucht!

Lulu

Das kommt von meiner niederen Herkunft.

Schön

Von deiner Verworfenheit!!

Lulu

Mit tausend Freuden nehme ich die Schuld auf mich! Sie müssen sich jetzt rein fühlen. Sie müssen sich jetzt für den sittenstrengen Mustermenschen, für den Tugendbold von unerschütterlichen Grundsätzen halten — sonst können Sie das Kind in seiner bodenlosen Unerfahrenheit gar nicht heiraten ...

Schön

Willst du, daß ich mich an dir vergreife!

Lulu(rasch)

Ja! Ja! Was muß ich sagen, damit Sie es tun? Um kein Königreich möchte ich jetzt mit dem unschuldigen Kinde tauschen! Dabei liebt das Mädchen Sie, wie noch kein Weib Sie je geliebt hat!!

Schön

Schweig, Bestie! Schweig!

Lulu

Heiraten Sie sie — dann tanzt sie in ihrem kindlichen Jammer vormeinenAugen statt ich vor ihr!

Schön

(hebt die Faust)

Verzeih’ mir Gott ...

Lulu

Schlagen Sie mich! Wo haben Sie Ihre Reitpeitsche! Schlagen Sie mich an die Beine ...

Schön

(greift sich an die Schläfen)

Fort, fort ...!(Stürzt zur Türe, besinnt sich, wendet sich um)Kann ich jetzt so vor das Kind hintreten? — Nach Hause! — Wenn ich zur Welt hinaus könnte!

Lulu

Sein Sie doch ein Mann. — Blicken Sie sich einmal ins Gesicht. — Sie haben keine Spur von Gewissen. — Sie schrecken vor keiner Schandtat zurück. — Sie wollen das Mädchen, das Sie liebt, mit der größten Kaltblütigkeit unglücklich machen. — Sie erobern die halbe Welt. — Sie tun, was Sie wollen — und Sie wissen so gut wie ich — daß ...

Schön

(ist völlig erschöpft auf dem Sessel links neben dem Mitteltisch zusammengesunken)

Schweig!

Lulu

Daß Sie zu schwach sind — um sich von mir loszureißen ...

Schön(stöhnend)

Oh! Oh! du tust mir weh!

Lulu

Mir tut dieser Augenblick wohl — ich kann nicht sagen wie!

Schön

Mein Alter! Meine Welt!

Lulu

— Er weint wie ein Kind — der furchtbare Gewaltmensch! — Jetzt gehen Sie so zu Ihrer Braut und erzählen Sie ihr, was ich für eine Seele von einem Mädchen bin — keine Spur eifersüchtig!

Schön(schluchzend)

Das Kind! Das schuldlose Kind!

Lulu

Wie kann der eingefleischte Teufel plötzlich so weich werden. — — Jetzt gehen Sie aber bitte. Jetzt sind Sie nichts mehr für mich.

Schön

Ich kann nicht zu ihr.

Lulu

Hinaus mit Ihnen! Kommen Sie zu mir zurück, wenn Sie wieder zu Kräften gelangt sind.

Schön

Sag’ mir um Gottes Willen, was ich tun soll.

Lulu

(erhebt sich; ihr Mantel bleibt auf dem Sessel. Auf dem Mitteltisch die Kostüme beiseite schiebend)

Hier ist Briefpapier ...

Schön

Ich kann nicht schreiben ...

Lulu

(aufrecht hinter ihm stehend, auf die Lehne seines Sessels gestützt)

Schreiben Sie! — Sehr geehrtes Fräulein ..

Schön(zögernd)

Ich nenne sie Adelheid ...

Lulu

(mit Nachdruck)

Sehr geehrtes Fräulein ...

Schön(schreibend)

— Mein Todesurteil!

Lulu

Nehmen Sie Ihr Wort zurück. Ich kann es mit meinem Gewissen —(da Schön die Feder absetzt und ihr einenflehentlichen Blick zuwirft)Schreiben Sie Gewissen! — nicht vereinbaren, Sie an mein unseliges Los zu fesseln ...

Schön(schreibend)

Du hast recht. — Du hast recht.

Lulu

Ich gebeIhnen mein Wort, daß ich Ihrer Liebe —(da sich Schön wieder zurückwendet)Schreiben Sie Liebe! — unwürdig bin. Diese Zeilen sind Ihnen der Beweis. Seit drei Jahren versuche ich mich loszureißen; ich habe die Kraft nicht. Ich schreibe Ihnen an der Seite der Frau, die mich beherrscht. — Vergessen Sie mich. — Doktor Ludwig Schön.

Schön(aufächzend)

O Gott!

Lulu

(halb erschrocken)

Ja kein O Gott! —(mit Nachdruck)Doktor Ludwig Schön. — Postskriptum: Versuchen Sie nicht mich zu retten.

Schön

(nachdem er zu Ende geschrieben, in sich zusammenbrechend)

Jetzt — kommt die — Hinrichtung ...

Prachtvoller Saal in deutscher Renaissance mit schwerem Plafond in geschnitztem Eichenholz. Die Wände bis zur halben Höhe in dunklen Holzskulpturen. Darüber an beiden Seiten verblaßte Gobelins. Nach hinten oben ist der Saal durch eine verhängte Galerie abgeschlossen, von der links eine monumentale Treppe bis zur halben Tiefe der Bühne herabführt. In der Mitte unter der Galerie die Eingangstür mit gewundenen Säulen und Frontespice. An der rechten Seitenwand ein geräumiger hoher Kamin. Weiter vorn ein Balkonfenster mit geschlossenen schweren Gardinen. An der linken Seitenwand vor dem Treppenfuße eine geschlossene Portiere in genueser Sammet.

Vor dem Kamin steht als Schirm eine chinesische Klappwand. Vor dem Fußpfeiler des freien Treppengeländers auf einer dekorativen Staffelei Lulus Bild als Pierrot in antiquisiertem Goldrahmen. Links vorn eine breite Ottomane, rechts davor ein Fauteuil. In der Mitte des Saales ein vierkantiger Tisch mit schwerer Decke, um den drei hochlehnige Polstersessel stehen. Auf dem Tisch steht ein weißes Bouquet.

Schön. Lulu. Gräfin Geschwitz.

Geschwitz

(auf der Ottomane, in pelzbesetzter Husaren-Taille, hoher Stehkragen, riesige Manschettenknöpfe, Schleier vor dem Gesicht, die Hände krampfhaft im Muff; zu Lulu)

Sie glauben nicht, wie ich mich darauf freue, Sie auf unserem Künstlerinnenball zu sehen.

Schön

(links vorn)

Sollte denn für Unsereinen gar keine Möglichkeit bestehen, sich einzuschmuggeln?

Geschwitz

Es wäre Hochverrat, wenn jemand von uns einer solchen Intrigue Vorschub leistete.

Schön

(geht hinter der Ottomane durch zum Mitteltisch)

Die prachtvollen Blumen.

Lulu

(im Fauteuil, in großblumigem Morgenkleid, das Haar in schlichtem Knoten, in goldener Spange)

Die hat mir Fräulein von Geschwitz gebracht.

Geschwitz

O bitte. — Sie werden sich doch jedenfalls als Herr kostümieren?

Lulu

Glauben Sie denn, daß mich das kleidet?

Geschwitz

(auf das Bild deutend)

Hier sind Sie wie ein Märchen.

Lulu

Mein Mann mag es nicht.

Geschwitz

Ist es von einem hiesigen?

Lulu

Sie werden ihn kaum gekannt haben.

Geschwitz

Er lebt nicht mehr?

Schön

(rechts vorn, mit tiefer Stimme)

Er hatte genug.

Lulu

Du bist verstimmt.

Schön

(beherrscht sich)

Geschwitz

(sich erhebend)

Ich muß gehen, Frau Doktor. Ich kann nicht länger bleiben. Wir haben heute abend Aktzeichnen, und ich habe noch so viel für den Ball vorzubereiten. —(Grüßend)Herr Doktor.(Von Lulu geleitet, durch die Mitte ab.)

Schön

(allein, sich umsehend)

Der reine Augiasstall. Das mein Lebensabend. Man soll mir einen Winkel zeigen, der noch rein ist. Die Pest im Haus. Der ärmste Tagelöhner hat sein sauberes Nest. Dreißig Jahre Arbeit, und das mein Familienkreis, der Kreis derMeinen ...(sich umsehend)Gott weiß, wer mich jetzt wieder belauscht!(Zieht einen Revolver aus der Brusttasche)Man ist ja seines Lebens nicht sicher!(Er geht, den gespannten Revolver in der Rechten haltend, nach rechts und spricht an die geschlossene Fenstergardine hin)Das mein Familienkreis! Der Kerl hat noch Mut! — Soll ich mich denn nicht lieber selber vor den Kopf schießen? — Gegen Todfeinde kämpft man, aber der ...(er schlägt die Gardine in die Höhe; da er niemand dahinter versteckt findet:)Der Schmutz — der Schmutz ...(er schüttelt den Kopf und geht nach links hinüber)der Irrsinn hat sich meiner Vernunft schon bemächtigt, oder — Ausnahmen bestätigen die Regel!(Er steckt, da er Lulu kommen hört, den Revolver ein)

Lulu. Schön(Beide links vorn)

Lulu

Könntest du dich für heute nachmittag nicht frei machen?

Schön

Was wollte diese Gräfin eigentlich?

Lulu

Ich weiß nicht. Sie will mich malen.

Schön

Das Unglück in Menschengestalt, das einem seine Aufwartung macht.

Lulu

Könntest du dich denn nicht frei machen? Ich würde so gerne mit dir durch die Anlagen fahren.

Schön

Gerade der Tag, an dem ich auf der Börse sein muß. Du weißt, daß ich heute nicht frei bin. Meine ganze Habe treibt auf den Wellen.

Lulu

Lieber wollte ich schon beerdigt sein, als mir mein ganzes Leben so durch meine Habe verbittern lassen.

Schön

Wem das Leben leicht wird, dem fällt das Sterben nicht schwer.

Lulu

Als Kind hatte ich auch immer die entsetzlichste Angst vor dem Tod.

Schön

Deswegen habe ich dich ja geheiratet.

Lulu

(an seinem Hals)

Du bist schlecht gelaunt. Du machst dir zuviel Sorgen. Seit Wochen und Monaten habe ich nichts mehr von dir.

Schön

(ihr Haar streichelnd)

Dein Frohsinn sollte meine alten Tage erheitern.

Lulu

Du hast mich ja gar nicht geheiratet.

Schön

Wen hätte ich denn sonst geheiratet?

Lulu

Ich habe dich geheiratet!

Schön

Was ändert denn das daran?

Lulu

Ich fürchtete immer, es werde vieles ändern.

Schön

Es hat auch viel unter die Füße gestampft.

Lulu

Nur Gottlob eines nicht!

Schön

Darauf wäre ich begierig.

Lulu

Deine Liebe zu mir.

Schön

(zuckt mit dem Gesicht, winkt ihr voranzugehen. Beide nach links vorn ab).

Gräfin Geschwitz

(öffnet vorsichtig die Mitteltür, wagt sich nach vorn und lauscht; schrickt zusammen, da Stimmen auf der Galerie laut werden)

O Gott, da ist jemand ...(Versteckt sich hinter dem Kaminschirm).

Schigolch. Rodrigo. Hugenberg.

Schigolch

(tritt über der Treppe aus den Gardinen, wendet sich zurück)

Der Junge hat sein Herz wohl im Café „Nachtlicht“ zurückgelassen?!

Rodrigo

(zwischen den Gardinen)

Er ist noch zu klein für die große Welt und kann noch nicht so weit zu Fuß gehen.(verschwindet)

Schigolch

(kommt die Treppe herunter)

Gott sei Dank, daß wir endlich wieder zu Hause sind! Welcher Stinkpeter wohl wieder die Treppe gewichst hat! Wenn ich mir meine Knochen vor der Heimrufung noch mal in Gips gießen lassen muß, dann kann sie mich zwischen den Palmen hier ihren Relationen als medizeischeVenus vorstellen. Nichts als Klippen. Nichts als Fallstricke.

Rodrigo

(kommt, Hugenberg auf den Armen tragend, die Treppe herunter)

Das hat einen königlichen Polizeidirektor zum Vater und nicht soviel Courage im Leib wie der abgerissenste Landstreicher!

Hugenberg

Wenn es auf nichts als auf Tod und Leben ginge, dann solltet ihr mich kennen lernen!

Rodrigo

Das Brüderchen wiegt samt seinem Liebeskummer nicht mehr als sechzig Kilo. Darauf will ich mich jede Minute hängen lassen.

Schigolch

Wirf ihn an den Plafond hinauf und fang ihn mit den Füßen auf. Das peitscht ihm sein junges Blut gleich von vornherein in die richtige Wallung.

Hugenberg

(mit den Beinen strampelnd)

O je, o je, ich werde von der Schule gejagt!

Rodrigo

(ihn am Treppenfuß niedersetzend)

Du bist noch auf gar keiner vernünftigen Schule gewesen!

Schigolch

Hier hat sich schon mancher die ersten Sporen verdient. Nur ja keine Schüchternheit! Zuerst werde ich euch einen Tropfen vorsetzen, wie er für Geld nirgends zu haben ist.(Er öffnet ein Schränkchen unter der Treppe)

Hugenberg

Wenn sie jetzt aber nicht unverzüglich angetanzt kommt, dann verhaue ich euch beide, daß ihr euch noch im Jenseits den Buckel reibt.

Rodrigo

(hat sich rechts an den Tisch gesetzt)

Den stärksten Mann der Welt will das Brüderchen verhaun!(Zu Hugenberg)Laß dir von Mutterchen erst lange Hosen anziehen.

Hugenberg

(sich links an den Tisch setzend)

Ich wünschte lieber, du borgtest mir deinen Schnurrbart.

Rodrigo

Willst du vielleicht, daß sie dich gleich zur Türe hinauswirft?

Hugenberg

Zum Henker noch mal, wenn ich nur schon wüßte, was ich ihr sagen soll!

Rodrigo

Das weiß sie schon selber am besten.

Schigolch

(setzt zwei Flaschen und drei Gläser auf den Tisch)

Die eine habe ich gestern schon angebrochen.(Er füllt die Gläser)

Rodrigo

(Hugenbergs Glas schützend)

Gib ihm nicht zu viel, sonst müssen wir beide es ausbaden.

Schigolch

(sich mit beiden Händen auf die Tischplatte stützend)

Rauchen die Herren?

Hugenberg

(sein Zigarrenetui öffnend)

Da sind Habanna-Importen!

Rodrigo(sich bedienend)

Von Papa Polizeidirektor?

Schigolch(sich setzend)

Ich habe alles im Hause. Braucht nur zu befehlen.

Hugenberg

— Ich habe ihr gestern ein Gedicht gemacht.

Rodrigo

Was hast du ihr gemacht?

Schigolch

Was hat er ihr gemacht?

Hugenberg

Ein Gedicht.

Rodrigo(zu Schigolch)

Ein Gedicht.

Schigolch

Einen Taler hat er mir versprochen, wenn ich auskundschafte, wo er mit ihr allein zusammentreffen kann.

Hugenberg

Wer wohnt denn eigentlich hier?

Rodrigo

Hier wohnen wir!

Schigolch

Jour fix — jeden Börsentag! — Zum Wohl!(Sie stoßen an)

Hugenberg

— Soll ich es ihr vielleicht zuerst vorlesen?

Schigolch(zu Rodrigo)

Was meint er?

Rodrigo

Sein Gedicht. Er will sie gerne zuerst ein wenig auf die Folter spannen.

Schigolch

(Hugenberg fixierend)

Die Augen! Die Augen!

Rodrigo

Die Augen, ja! Die haben sie seit acht Tagen um ihren Schlaf gebracht.

Schigolch(zu Rodrigo)

Du kannst dich einpökeln lassen.

Rodrigo

Wir beide können uns einpökeln lassen! Zum Wohl, Gevatter Tod.

Schigolch(anstoßend)

Zum Wohl, Springfritze! Wenn es später noch besser kommt, dann bin ich jeden Augenblick zum Aufbruch bereit; aber ... aber ...

Lulu. Die Vorigen. Später Ferdinand.

Lulu

(von links, in eleganter Pariser Balltoilette, weit dekolletiert, mit Blumen vor der Brust und im Haar)

Aber Kinder, Kinder, ich erwarte Besuch!

Schigolch

Aber das kann ich euch sagen, die müssen es sich da drüben was kosten lassen!

Hugenberg

(hat sich erhoben)

Lulu

(sich auf die Armlehne seines Sessels setzend)

Sie sind in eine nette Gesellschaft geraten. Ich erwarte Besuch, Kinder.

Schigolch

Da muß ich mir wohl auch was vorstecken.(Sucht in dem Bouquet, das auf dem Tisch steht)

Lulu

Sehe ich gut aus?

Schigolch

Was sind das, was du da vorhast?

Lulu

Orchideen.(Sich mit der Brust über Hugenberg neigend)Riechen Sie.

Rodrigo

Sie erwarten wohl den Prinzen Escerny?

Lulu

(schüttelt den Kopf)

Gott bewahre!

Rodrigo

Also wieder jemand anders!

Lulu

Der Prinz ist verreist.

Rodrigo

Sein Königreich auf Auktion bringen?

Lulu

Er kundschaftet eine frische Völkerschaft in der Gegend von Afrika aus.(Erhebt sich, eilt die Treppe hinauf und tritt in die Galerie ein)

Rodrigo(zu Schigolch)

— Er habe sie nämlich ursprünglich heiraten wollen.

Schigolch

(sich eine Lilie vorsteckend)

Ich habe sie ursprünglich auch heiraten wollen.

Rodrigo

Du hast sie ursprünglich heiraten wollen?

Schigolch

Hast du sie nicht auch ursprünglich heiraten wollen?

Rodrigo

Jawohl habe ich sie ursprünglich heiraten wollen!

Schigolch

Wer hat sie nicht ursprünglich heiraten wollen!!

Rodrigo

— So gut hätte ich’s nie gekriegt!

Schigolch

Sie hat es keinen bereuen lassen, daß er sie nicht geheiratet hat.

Rodrigo

— Sie ist also nicht dein Kind?

Schigolch

Fällt ihr nicht ein.

Hugenberg

Wie heißt denn ihr Vater?

Schigolch

Sie hat mit mir renommiert!

Hugenberg

Wie heißtdenn ihr Vater?

Schigolch

Was meint er?

Rodrigo

Wie ihr Vater heißt.

Schigolch

Sie hat nie einen gehabt.

Lulu

(kommt von der Galerie herunter und setzt sich wieder zu Hugenberg auf die Armlehne)

Was habe ich nie gehabt?

Alle drei

Einen Vater.

Lulu

Ja gewiß, ich bin ein Wunderkind.(Zu Hugenberg)Wie sind Sie denn mit Ihrem Vater zufrieden?

Rodrigo

Er raucht wenigstens eine anständige Zigarre, der Herr Polizeidirektor.

Schigolch

Hast oben zugeschlossen?

Lulu

Da ist der Schlüssel.

Schigolch

Hättest ihn lieber stecken lassen.

Lulu

Warum denn?

Schigolch

Damit man von außen nicht aufschließen kann.

Rodrigo

Ist er denn nicht auf der Börse?

Lulu

O doch, aber er leidet an Verfolgungswahn.

Rodrigo

Ich nehme ihn auf die Füße und jupp — daß er oben an der Decke kleben bleibt.

Lulu

Sie jagt er mit einem Viertelsseitenblick durch ein Mausloch.

Rodrigo

Was jagt er? Wen jagt er?(Seinen Arm entblößend)Sehen Sie sich bitte den Biceps an.

Lulu

Zeigen Sie.(Geht nach rechts)

Rodrigo

(sich auf den Arm schlagend)

Granit. — Schmiedeeisen.

Lulu

(befühlt abwechselnd Rodrigos Oberarm und ihren eigenen)

Wenn Sie nur nicht so lange Ohren hätten ...

Ferdinand

(durch die Mitte eintretend)

Herr Doktor Schön.

Rodrigo(aufspringend)

Der Lumpenkerl.(Will hinter den Kaminschirm, fährt zurück)Gott behüte einen!(Versteckt sich rechts vorn hinter den Gardinen.)

Schigolch

Gib mir den Schlüssel her!(Nimmt Lulu den Schlüssel ab und schleppt sich die Treppe zur Galerie hinauf.)

Hugenberg

(ist vom Sessel unter den Tisch geglitten).

Lulu

Ich lasse bitten.

Ferdinand(ab)

Hugenberg

(lauscht vorn unter dem Saum der Tischdecke vor, für sich)

Er bleibt hoffentlich nicht — dann sind wir allein ...

Lulu

(berührt ihn mit der Fußspitze)

St!

Hugenberg(verschwindet)

Alwa Schön. Die Vorigen.

Ferdinand

(läßt Alwa eintreten. Ab)

Alwa

(in Soireetoilette)

Die Matinee wird, wie ich mir denke, bei brennenden Lampen stattfinden. Ich habe ...(Schigolch bemerkend, der sich mühsam die Treppe hinaufschleppt)Was ist denn das?

Lulu

Ein alter Freund deines Vaters.

Alwa

Mir völlig unbekannt.

Lulu

Sie haben den Feldzug zusammen mitgemacht. Es geht ihm entsetzlich ...

Alwa

Ist denn mein Vater hier?

Lulu

Er hat ein Glas mit ihm getrunken. Er mußte auf die Börse. — Wir dejeunieren aber doch vorher?

Alwa

Wann geht es denn an?

Lulu

Nach zwei.(Da Alwa Schigolch mit dem Blick folgt)Wie findest du mich ...?

Schigolch

(über die Galerie ab)

Alwa

Sollte ich dir das nicht lieber verschweigen?

Lulu

Ich meine ja nur die Toilette.

Alwa

Deine Schneiderin kennt dich offenbar besser als ich — mir erlauben darf, dich zu kennen.

Lulu

Als ich mich im Spiegel sah, hätte ich ein Mann sein wollen ...(Sich unterbrechend)mein Mann! —

Alwa

Du scheinst deinen Mann um das Glück zu beneiden, das du ihm bietest.(Lulu links, Alwa rechts vom Mitteltisch. Er betrachtet sie mit scheuem Wohlgefallen.)

Ferdinand

(durch die Mitte mit Service, deckt den Tisch und legt zwei Kuverts auf; Flasche Pommery, Hors d’Oeuvres).

Alwa

Haben Sie Zahnschmerzen?

Lulu

(zu Alwa hinüber)

Nicht.

Ferdinand

Herr Doktor ...?

Alwa

Er scheint mir heute so weinerlich.

Ferdinand

(durch die Zähne)

Man ist auch nur ein Mensch. — —(Ab)

(Beide setzen sich zu Tisch)

Lulu

— Was ich immer am höchsten an dir schätzte, ist deine Charakterfestigkeit. Du bist deiner so vollkommen sicher! Wenn du auch fürchten mußtest, dich deshalb mit deinem Vater zu überwerfen, du bist trotzdem immer wie ein Bruder für mich eingetreten.

Alwa

Lassen wir das. Es ist nun einmal mein Los ...(Er will vorne die Tischdecke heben.)

Lulu(rasch)

Das war ich.

Alwa

Nicht möglich! — Es ist nun einmal mein Los, bei den leichtsinnigsten Gedanken immer das allerbeste zu erzielen.

Lulu

Du redest dir etwas ein, wenn du dich vor dir selber schlecht machst.

Alwa

Warum schmeichelst du mir so? — Es ist wahr, es lebt vielleicht kein so schlechter Mensch wie ich — der so viel Gutes zuwege gebracht hätte.

Lulu

Auf jedenfall bist du der einzige Mann auf dieser Welt, der mich beschützt hat, ohne mich vor mir selbst zu erniedrigen!

Alwa

Hältst du das für so leicht ...?

Schön. Die Vorigen.

Schön

(erscheint auf der Galerie zwischen den beiden mittleren Säulen, indem er vorsichtig den Vorhang teilt. Über die Bühne wegsprechend)

Mein eigener Sohn!

Alwa

... Mit deinen Gottesgaben macht man seine Umgebung zu Verbrechern, ohne sich’s träumen zu lassen. — Ich bin auch nur Fleisch und Blut, und wenn wir nicht wie Geschwister nebeneinander aufgewachsen wären ...

Lulu

Deshalb gebe ich mich auch nur dir allein ganz ohne Rückhalt. Von dir habe ich nichts zu fürchten.

Alwa

Ich versichere dir, es gibt Augenblicke, wo man gewärtig ist, sein ganzes Innere einstürzen zu sehen. — Je mehr Selbstüberwindung ein Mann sich aufbürdet, um so leichter bricht er zusammen. Darüber hilft nichts hinweg als ...(er will unter den Tisch sehen)

Lulu(rasch)

Was suchst du denn?!

Alwa

Ich beschwöre dich, laß mich mein Glaubensbekenntnis für mich behalten! Als unantastbares Heiligtum warst du mir mehr, als du in deinem Leben mit all deinen Gaben irgend sonst jemandem sein konntest!

Lulu

Wie denkst du darin doch so ganz anders als dein Vater!

Ferdinand

(kommt durch die Mitte, wechselt die Teller und serviert Brathähnchen mit Salat).

Alwa

(zu Ferdinand)

Sind Sie krank?

Lulu

(zu Alwa)

Laß ihn doch!

Alwa

Er zittert wie im Fieber.

Ferdinand

Ich bin das Servieren noch nicht so gewohnt.

Alwa

Sie müssen sich was verschreiben lassen.

Ferdinand

(durch die Zähne)

Ich kutschiere gewöhnlich. — —(Ab)

Schön

(auf der Galerie, über die Bühne wegsprechend)

Der also auch.(Nimmt hinter der Brüstung Platz, sich nach Erfordernis mit dem Vorhang deckend.)

Lulu

Was sind das für Augenblicke, von denen du sprachst, wo man gewärtig ist, sein ganzes Innere zusammenstürzen zu sehen?

Alwa

Ichwolltenicht davon sprechen. — Ich möchte nicht gern über einem Glas Champagnerverscherzen, was mir während zehn Jahren mein höchstes Lebensglück gewesen.

Lulu

Ich habe dir weh getan. Ich will nicht wieder davon anfangen.

Alwa

Versprichst du mir das für immer?

Lulu

Meine Hand darauf.(Reicht ihm ihre Hand über den Tisch)

Alwa

(ergreift sie zögernd, preßt sie in der seinigen, drückt sie lang und innig an seine Lippen)

Lulu

Was tust du ...

Rodrigo

(steckt rechts den Kopf aus den Gardinen)

Lulu

(wirft ihm über Alwa hinweg einen wütenden Blick zu)

Rodrigo

(zieht sich zurück)

Schön

(auf der Galerie, über die Bühne wegsprechend)

Und da ist noch einer!

Alwa

(ihre Hand haltend)

Eine Seele — die sich im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt ... O diese Hand ...

Lulu(harmlos)

Was findest du daran ...

Alwa

Einen Arm ...

Lulu

Was findest du daran ...

Alwa

Einen Körper ...

Lulu(unschuldig)

Was findest du daran ...

Alwa(erregt)

Mignon!

Lulu

(völlig verständnislos)

Was findest du daran ...

Alwa(leidenschaftlich)

Mignon! Mignon!

Lulu

(wirft sich auf die Ottomane)

Sieh mich nicht so an — um Gottes willen! Laß uns lieber gehen, ehe es zu spät ist. Du bist ein verworfener Mensch!

Alwa

Ich sagte dir ja, ich bin der niederträchtigste Schurke ...

Lulu

Das sehe ich!!

Alwa

Ich habe kein Ehrgefühl — keinen Stolz ...

Lulu

Du hältst mich für deinesgleichen!

Alwa

Du? — du stehst so himmelhoch über mir wie — wie die Sonne über dem Abgrund ...(Kniend)Richte mich zu Grunde! — Ich bitte dich, mach’ ein Ende mit mir! — Mach’ ein Ende mit mir!

Lulu

Liebstdu mich denn?

Alwa

Ich bezahle dich mit allem, was mein war!

Lulu

Liebst du mich?!

Alwa

Liebst du mich — Mignon ...?

Lulu

Ich? — Keine Seele.

Alwa

Ichliebedich.(Birgt seinen Kopf in ihrem Schoß)

Lulu

(beide Hände in seinen Locken)

— Ich habe deine Mutter vergiftet ...

Rodrigo

(steckt rechts den Kopf aus den Gardinen, sieht Schön auf der Galerie sitzen und macht ihn durch Zeichen auf Lulu und Alwa aufmerksam)

Schön

(richtet seinen Revolver gegen Rodrigo)

Rodrigo

(bedeutet ihn, den Revolver auf Alwa zu richten)

Schön

(spannt den Revolver und zielt auf Rodrigo)

Rodrigo

(fährt hinter die Gardinen zurück)

Lulu

(sieht Rodrigo zurückfahren, sieht Schön auf der Galerie sitzen, erhebt sich)

Sein Vater!

Schön

(erhebt sich, läßt den Vorhang vor sich nieder)

Alwa

(bleibt regungslos auf den Knieen)

(Pause)

Schön

(eine Zeitung in der Hand, nimmt Alwa bei der Schulter)

Alwa!

Alwa

(erhebt sich wie schlaftrunken)

Schön

In Paris ist Revolution ausgebrochen.

Alwa

Nach Paris ... laß mich nach Paris ...

Schön

Auf der Redaktion rennen sie sich den Kopf gegen die Wand. Keiner weiß, was er schreiben soll ...(Entfaltet das Zeitungsblatt, geleitet Alwa durch die Mitte hinaus)

Rodrigo

(stürzt rechts aus den Gardinen, will die Treppe hinan)

Lulu

(vertritt ihm den Weg)

Sie können hier nicht hinaus.

Rodrigo

Lassen Sie mich durch!

Lulu

Sie rennen ihm in die Arme.

Rodrigo

Er jagt mir sein Pistol durch den Kopf.

Lulu

Er kommt.

Rodrigo(zurücktaumelnd)

Himmel, Tod und Wolkenbruch!(Hebt die Tischdecke)

Hugenberg

Kein Platz!

Rodrigo

Verdammt und zugenäht!(Sieht sich um, verbirgt sich links hinter der Portiere)

Schön

(durch die Mitte, verschließt die Tür, geht, den Revolver in der Hand, auf das Fenster rechts vorn zu, schlägt die Gardine in die Höhe)

— Wo ist dennderhin?

Lulu

(auf den untersten Treppenstufen)

Hinaus.

Schön

Über den Balkon hinunter??

Lulu

Er ist Kunstturner.

Schön

Das war nicht vorauszusehen. —(sich gegen Lulu wendend)Du Kreatur, die mich durch den Straßenkot zum Martertode schleift!

Lulu

Warum hast du mich nicht besser erzogen?

Schön

Du Würgengel! Du unabwendbares Verhängnis! Mörder werden oder im Schmutz ertrinken; mich einschiffen wie ein entlassener Sträfling, odermich über dem Morast aufhängen. Du Freude meines Alters! Du Henkerstrick!

Lulu(kaltblütig)

Schweig doch und bring mich um!

Schön

Ich habe dir Hab und Gut verschrieben und nichts gefordert, als die Achtung, die meinem Haus jeder Dienstbote zollt. Dein Kredit ist erschöpft!

Lulu

Ich kann noch auf Jahre für meine Rechnung einstehen.(Von der Treppe nach vorn kommend)Wie gefällt dir mein neues Kleid?

Schön

Weg mit dir, sonst schlägt’s mir morgen über den Kopf, und mein Sohn schwimmt in seinem Blute. Du haftest mir als unheilbare Seuche an, an der ich bis in mein Grab meine Lebenszüge verächzen soll. Ich will mich heilen. Begreifst du mich?(Ihr den Revolver aufdrängend)Das ist dein Specificum. — Brich nicht in die Knie! — Du sollst es dir selbst applizieren. Du oder ich, wir messen uns.

Lulu

(hat sich, da die Kräfte sie zu verlassen drohen, auf den Diwan niedergelassen; den Revolver hin und herdrehend)

Das geht ja nicht los.

Schön

Weißt du noch, wie ich dich der Korrektionspolizei aus den Krallen riß?

Lulu

Du hast viel Zutrauen ...

Schön

Weil ich eine Dirne nicht fürchte? Soll ich dir die Hand führen? Hast du selbst kein Erbarmen mit dir?(Da Lulu den Revolver gegen ihn richtet)Keinen blinden Lärm!

Lulu

(knallt einen Schuß gegen den Plafond)

Rodrigo

(springt aus der Portiere, die Treppe hinauf, über die Galerie ab).

Schön

Was war das ...?

Lulu(harmlos)

Nichts.

Schön

(die Portiere hebend)

Was kam da herausgeflattert?

Lulu

Du leidest an Verfolgungswahn.

Schön

— Hältst du noch mehr Männer hier versteckt?(Ihr den Revolver entreißend)Ist sonst noch ein Mann bei dir zu Besuch?(Nach rechts gehend)Ich will deine Männer regalieren!(Schlägt die Fenstergardinen in die Höhe, wirft den Kaminschirm zurück, packt die Geschwitz am Kragen und schleppt sie nach vorn)Kommen Sie durch den Rauchfang herunter?

Geschwitz

(in Todesangst zu Lulu)

Retten Sie mich vor ihm.

Schön

(sie schüttelnd)

Oder sind Sie auch Kunstturner?

Geschwitz(wimmernd)

Sie tun mir weh.

Schön

(sie schüttelnd)

Jetzt müssen Sie notwendig noch zum Diner bleiben.(Schleppt sie nach links, stößt sie ins Nebenzimmer, verschließt die Tür hinter ihr)Wir wollen keine Ausrufer.(Setzt sich neben Lulu, drängt ihr den Revolver auf)Es ist noch genug für dich drin. — Sieh mich an! Ich kann in meinem Haus meinem Kutscher nicht helfen, mir die Stirn zu verzieren. Sieh mich an! Ich bezahle meinen Kutscher.Sieh mich an! Vergönne ich meinem Kutscher was, wenn ich den infamen Stallgeruch nicht verschnupfen kann?

Lulu

Laß anspannen. Bitte. Wir fahren in die Oper.

Schön

Wir fahren zum Teufel! Jetzt kutschiere ich.(Den Revolver in ihrer Hand von sich ab und auf Lulus Brust wendend)Glaubst du, man läßt sich mißhandeln, wie du mich mißhandelst, und besinnt sich zwischen einer Galeerenschande von Lebensabend und dem Verdienst, die Welt vondirzu befreien?(Hält sie am Arm nieder)Komm zu Ende. Es soll mir die glücklichste Erinnerung meines Lebens sein. Drück’ los!

Lulu

— Du kannst dich scheiden lassen.

Schön

(sich erhebend)

Das war noch übrig. Damit morgen ein Nächster seinen Zeitvertreib findet, wo ich von Abgrund zu Abgrund geschaudert, den Selbstmord im Nacken unddichvor mir. Das wagt sich dir über die Lippen? Was ich von meinem Leben in dich hineingelebt, soll ich wilden Tieren vorgeworfen sehen? Siehst du dein Bett mitdem Schlachtopfer darauf? Der Junge hat Heimweh nach dir. — Hast du dich scheiden lassen? Du hast ihn unter die Füße getreten, ihm das Gehirn ausgeschlagen, sein Blut in Goldstücken aufgefangen. Ich mich scheiden lassen! Läßt man sich scheiden, wenn die Menschenineinander hineingewachsen und der halbe Mensch mitgeht?(Nach dem Revolver langend)Gib her.

Lulu

Erbarmen!

Schön

Ich will dir die Mühe abnehmen.

Lulu

(reißt sich von ihm los, den Revolver niederhaltend, in entschiedenem selbstbewußten Ton)

— Wenn sich die Menschen um meinetwillen umgebracht haben, so setzt das meinen Wert nicht herab. — Du hast so gut gewußt, weswegen du mich zur Frau nimmst, wie ich gewußt habe, weswegen ich dich zum Mann nehme. — Du hattest deine besten Freunde mit mir betrogen, du konntest nicht gut auch noch dich selber mit mir betrügen. — Wenn du mir deinen Lebensabend zum Opfer bringst, so hast du meine ganze Jugend dafür gehabt. Du verstehst dich zehnmal besser als ich darauf, was höher im Wert steht. Ich habe niein der Welt etwas anderes scheinen wollen, als wofür man mich genommen hat, und man hat mich nie in der Welt für etwas anderes genommen, als was ich bin. — Du willst mich dazu zwingen, mir eine Kugel ins Herz zu jagen. Ich bin keine sechzehn Jahre mehr; aber um mir eine Kugel ins Herz zu jagen, dafür bin ich mir doch noch zu jung!

Schön

(auf sie eindringend)

Nieder, Mörderin! Nieder mit dir! In die Knie, Mörderin!(Er drängt sie bis vor die Treppe. Die Hand erhebend)Nieder — und wage nicht wieder aufzustehn!

Lulu

(ist in die Knie gesunken).

Schön

Bete zu Gott, Mörderin, daß er dir Kraft gibt! Flehe zum Himmel, daß er dir die Kraft dazu verleiht!

Hugenberg

(unter dem Tisch aufspringend, den Sessel beiseite stoßend)

Hilfe!

Schön

(wendet sich gegen Hugenberg, Lulu den Rücken kehrend).

Lulu

(feuert fünf Schüsse gegen Schön und hört nicht auf, den Revolver abzudrücken).

Schön

(vornüberstürzend, von Hugenberg aufgefangen, der ihn in den Sessel niederläßt)

Und — da — ist — noch — einer ...

Lulu

(auf Schön zustürzend)

Allbarmherziger ...

Schön

Aus meinen Augen! — — — Alwa!

Lulu

(auf den Knien)

Der Einzige, den ich geliebt!

Schön

Dirne! Mörderin! — Alwa! Alwa! — Wasser!

Lulu

Wasser; er verdurstet.(Füllt ein Glas mit Champagner und setzt es Schön an die Lippen)

Alwa

(kommt über die Galerie, die Treppe herunter)

Mein Vater! Um Gottes willen, mein Vater!

Lulu

Ich habe ihn erschossen.

Hugenberg

Sie ist unschuldig!

Schön

(zu Alwa)

Du bist es. Es ist mißglückt.

Alwa

(will ihn aufheben)

Du mußt zu Bett. Komm.

Schön

Faß mich nicht so an. — Ich verdorre ...

Lulu

(kommt mit dem Champagnerkelch).

Schön(zu Lulu)

Du bleibst dir gleich.(Nachdem er getrunken, zu Alwa)Laß sie nicht entkommen. — Du bist der Nächste ...

Alwa

(zu Hugenberg)

Helfen Sie mir, ihn aufs Bett bringen.

Schön

Nein, nein, bitte, nein. Sekt, Mörderin ...

Alwa(zu Hugenberg)

Fassen Sie mit an.(nach links deutend)Ins Schlafzimmer.(Beide richten Schön empor und führen ihn nach rechts. Lulu bleibt neben dem Tisch, das Glas in der Hand)

Schön(stöhnend)

O Gott, o Gott, o Gott ...

Alwa

(findet die Tür verschlossen, dreht den Schlüssel und öffnet)

Gräfin Geschwitz

(tritt heraus)

Schön

(sich bei ihrem Anblick steif emporrichtend)

Der Teufel! —(schlägt rücklings auf den Teppich)

Lulu

(wirft sich neben ihn, nimmt seinen Kopf auf den Schoß, küßt ihn)

Er hat es überstanden. —(Richtet sich auf, will die Treppe hinan)

Alwa

Nicht von der Stelle! —

Geschwitz(zu Lulu)

Ich glaubte, du wärest es.

Lulu

(sich vor Alwa niederwerfend)

Du kannst mich nicht dem Gericht ausliefern. Es istmeinKopf, den man mir abschlägt. Ich habe ihn erschossen, weil er mich erschießen wollte. Ich habe keinen Menschen auf der Welt geliebt, alsihn. Alwa, verlang, was du willst. Laß mich nicht der Gerechtigkeit in die Hände fallen. Es ist schade um mich! Ich binnoch jung. Ich will dir treu sein mein Leben lang. Ich will nur dir allein gehören. Sieh mich an, Alwa. — Mensch, sieh mich an! Sieh mich an!

(Von außen wird an die Türe gepoltert)

Alwa

Die Polizei.(Geht um zu öffnen)

Hugenberg

Ich werde von der Schule gejagt.


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