Chapter 2

Ich muß indessen gestehen, daß kein Zureden und keine Ermahnungen mich ganz beruhigen konnten, sondern daß Furcht, unablässige Furcht, wie eine fixe Idee mir keine Ruhe ließ. Der Gedanke, Leo könnte die heranwachsende Jugend verderben, nahm mir Herz und Vernunft gefangen, und alsbald nach meiner Rückkehr aus Jaßnaja Poljana beschloß ich, nochmals ruhig und überlegt an ihn zu schreiben.

Obgleich ich meine Briefe an Tolstoi niemals in diesen Erinnerungen veröffentlichen wollte, mag dieser eine wegen der Antwort Tolstois hier folgen:

»... Ich lese die mir gegebene Biographie Parkers mit Interesse und Kummer, demselben Kummer, den ich nach einigen unserer Gespräche empfand; ich sage ›einigen‹, weil jedesmal, wenn deine Worte vom Herzen kommen, mein Herz darauf antwortet und ich mich völlig eins mit dir fühle.

... Deine anatomische (du wirst sagen: philosophische) Zergliederung der Religion erweckt ein unbeschreiblich drückendes Gefühl in mir, als wenn mein Leben völlig vernichtet würde. Du liebst Christus, willst ihm nachfolgen (davon bin ich mit Freuden überzeugt), und dennoch verstehen wir uns nicht, weil du dich darauf versteifst, in ihm nur den größten Moralprediger zu erblicken – seine göttliche Natur dagegen nicht anerkennst. Das ist von meiner Seite keine Anklage, sondern ein Ausdruck tiefsten Kummers. Die Übereinstimmung auf dieser Grundlage wäre für mich unschätzbar, aber die Stimme, die mich zur Wahrheit ruft, ist zu verschieden von der deinigen.

Jesus sagt zu mir: ›Glaube, so wirst du erlöst.‹ Du aber sagst: ›Die Vernunft ist dir zum Urteilen gegeben; benutze sie.‹ Das Evangelium verkündet: ›Betet, tut Gutes, klopfet an, so wird euch aufgetan.‹ Du dagegen: ›Gebet ist Zeitverlust; tut Gutes, verteilt eure Habe, verzichtet auf alles um eurer Nächsten willen.‹

Ich bin aber nicht imstande, Gutes zu tun, meine Habe hinzugeben und sogar zu lieben, wenn ich nicht vorher durch das geheimnisvolle, aber sehr wirksame Band mit dem Erlöser verbunden bin, das fester ist als alle Gedanken- und Vernunftvereinigung, oder einfacher, das nichts mit dieser gemein hat, da es eine von uns unabhängige Kraft und Offenbarung bedeutet.

Das Geständnis des Paulus: ›Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will‹ – muß in der Seele jedes vernünftigen Wesens widerklingen. Ja, ich will das Gute; meine sündige Natur aber widersetzt sich diesem Wunsch in jedem Augenblick meines Lebens. Wer anders kann mir helfen als die Gnade des Heiligen Geistes, den Christus uns anzurufen befiehlt und den er allen zu senden verspricht, die ihn heiß und inständig bitten.

Ohne diese Hilfe bin ich sicher ganz ohnmächtig. Du dagegen hältst es für möglich, die Gebote Christi durch eigene Willenskraft zu erfüllen. Wenigstens begegnet man diesem Gedanken in all deinen Werken.

Das Evangelium ist die Lebenssonne – das gibst Du selbst zu; fügst aber sofort hinzu: ›Hütet euch, in jedem ihrer Strahlen das gleiche Licht zu erblicken: man muß sie nach ihrer Wichtigkeit wohl unterscheiden; es gibt unnütze, sogar schädliche unter ihnen.‹ Ich dagegen kann in Erkenntnis meiner Schwäche und Nichtigkeit auf keinen dieser Strahlen verzichten, sondernmuß damit die Finsternis vertreiben, in der meine Seele schmachtet – sobald nicht das ganze Licht des Evangeliums sie belebt.

Christus, der gesagt hat: ›Hört meine Worte,‹ sagte auch: ›Glaubt meinen Werken.‹ Du dagegen sagst: ›Nein, glaubt nur seinen Worten; seine Werke, seine Wunder, seine Opfer sind nutzlos, und die Erlösung hat keinen Sinn. Er ist nur gekommen, um eine neue Lehre zu verkünden.‹

Wie sollen wir, mit allen unsern Fehlern, diese göttliche Lehre im weitesten Sinne erfüllen? Wer macht unsere zahllosen täglichen Irrungen und die vielen Sünden wieder gut, die wir begehen, bevor diese Lehre uns zum Bewußtsein kommt? Hat unser Herz Kraft genug, um die Reue herbeizuführen, die unserem Fall entspricht? Wir geben uns kaum über einen kleinen Teil des Übels Rechenschaft, das unser Leben erfüllt.

Ich bewundere die Kühnheit des heiligen Paulus, dessen Herz in Liebe zum Heiland brennt: er hört demütig alles an, was ihm von oben geoffenbart wird, und beeilt sich, die Juden und Heiden auf den einzigen Weg des Heils nach sich zu ziehen. Ich protestiere aber gegen die vielleicht unbewußte Kühnheit eines Parker, wenn er mir beweist, daß die Leiden und der Tod des Heilands meine Sünden nicht sühnen können.

Wenn er mich davon überzeugte, würde er mir mit einemmal die Hoffnung auf Unsterblichkeit nehmen und mein Herz der Verzweiflung überliefern.

(Um mich richtig zu verstehen, bemüh dich, lieber Leser, dir vorzustellen, wie Du empört wirst, wenn man dir erklärt, die Lehre Christi wäre falsch und unnütz ...)

Du verkündest die Lehre Christi und tust gut daran; rühre aber um Gottes willen nicht an die Wahrheiten, die mit deinen Überzeugungen nicht übereinstimmen – sie sind trotzdemvon der größten Wichtigkeit für die christliche Welt, was durch Jahrhunderte von vielen Leuten bewiesen ist.

Ich las irgendwo, die Chinesen machten den Europäern mangelhafte Pietät zum Vorwurf, die bei ihnen als Fundament der sozialen Ordnung gilt.

Deine liebe Hand möchte natürlich niemandem Schmerz verursachen; dabei gebrauchst du Worte, die uns geringeren Wesen bitter weh tun. Unwillkürlich fällt mir der Bibelspruch ein: ›Zieh deine Schuhe aus, denn diese Stätte ist heilig.‹ Ist das nicht auch mit Herzen der Fall?

Das Gebot der Liebe existiert für alle, nicht wahr? Mehr als andere beugst du dich vor ihm mit Eifer und Inbrunst; warum also den verkleinern, der die Liebe gegeben hat?

Du sagst, deine Worte seien keine Predigt; du schriebst nur, um dir selbst verschiedene Fragen zu erklären. Du weißt aber sehr wohl, daß dir eine Menge Menschen folgt, und je despotischer du in deinen Überzeugungen bist, um so größer ist die Gefahr für jene.

Sehr wohl möglich, daß deine Stimme Verirrte oder Ungläubige auf den rechten Weg führt; wird sie aber auch Leidende trösten?

Was gibst du denen, die vor Schmerz schreien und die aller Beweise der Liebe und Macht Christi bedürfen, um sich im Glauben an seine Lehre zu stärken? Diese Leute werden sich kaum mit deinem gekürzten Evangelium begnügen.

Für Philosophen und starke Geister ist es natürlich schwer, alle übernatürlichen Erscheinungen auf Treu und Glauben hinzunehmen. Dieser Glaube wird nur der kindlichen Einfalt und der Demut verliehen. Der Herr hat klar seine Gedanken ausgedrückt, als er die Kindlein zu sich berief; den Leuten, die so sind wie sie, gehört das Himmelreich.

Begreife, daß ich nicht urteilen und besonders dich nicht tadeln will. Es handelt sich bei uns nicht um Bekehrung oder Übereinstimmung – seine Meinung wird wahrscheinlich keiner von uns beiden ändern.

Was ich hier schreibe, ist nichts anderes als die Fortsetzung einer herzlichen Unterhaltung zwischen dem Freunde Leo und seinem alten ›Mütterchen‹. Dieses ›Mütterchen‹ hat, trotz aller Meinungsverschiedenheiten, niemals aufgehört, ihn zu lieben, weil Leo, der Mensch, stets mehr Recht auf ihre Anhänglichkeit hat als der berühmte Schriftsteller und Abgott zweier Welten. Sie ist aber nicht minder hartnäckig als du und genießt einstweilen noch das Vorrecht, ihre Meinung frei aussprechen zu dürfen, und hört nicht auf, dir das Wort des Evangeliums in das Gedächtnis zu rufen: ›Das eine tut, und das andere lasset nicht.‹

Leb wohl, lieber Freund; wir wollen uns die Hand reichen und Gott unablässig bitten, daß er keinen Winkel unseres Herzens im Dunkeln läßt, auf daß wir wahrhaft nach seinem Willen leben.

Alexandrine Tolstoi.«

Die Antwort Leo Tolstois lautete:

»Ich fürchte, daß ich dir nicht sehr ausführlich schreiben kann, liebe Freundin, fürchte aber noch mehr, deinen guten, von Liebe durchdrungenen Brief unbeantwortet zu lassen. Deine Vorwürfe sind wirklich unbegründet, liebe Freundin. Du sagst: wirke nicht auf andere, denn deine Überzeugungen können irrtümlich und falsch sein. Dieses Argument ist nicht richtig, und was die Hauptsache, es kann mit weit mehr Recht gegen die Kirchenlehre angewendet werden. Wenn Leute die Kirchenlehre für falsch halten, wie weh müssen sie dann durch diese schreckliche falsche Propaganda berührt werden, die einfacheunschuldige Leute und kleine Kinder einfängt. Bei Meinungsverschiedenheiten darf man nicht von den Folgen sprechen, die durch falsche Meinungen hervorgerufen werden; man muß von den Meinungen selbst sprechen. Lüge bleibt immer Lüge und verderblich.

Zu meinen Gunsten will ich nur sagen, und bitte dich sehr, in dem Geist der Liebe, in dem du mir schriebst, diese Worte aufzunehmen und abzuwägen: ich behaupte nichts, was du nicht anerkennst, und deswegen genieße ich die Freude, daß du in allem, wodurch ich lebe, völlig mit mir übereinstimmst. Du dagegen behauptest vieles, was ich nicht anerkennen kann, und deswegen macht es dir Kummer, daß nicht nur ich, sondern Millionen Menschen deine Behauptungen nicht anerkennen. Was ist die Ursache dieser Meinungsverschiedenheit? Du stimmst mit den Mohammedanern nicht überein, weil sie Vielweiberei und anderes predigen; sie stimmen aber mit dir darin überein, daß die Lehre Christi wahr ist. Wer ist also schuld an der Meinungsverschiedenheit?

Aber darauf kommt es nicht an. Die Hauptsache ist folgendes. ›Ich will Gutes tun und tue Schlechtes.‹ Wenn ich wirklich in meinem Leben stets nur Schlechtes tue und nicht um ein Härchen besser werde, das heißt nicht anfange, ein wenig minder Schlechtes zu tun, so lüge ich sicher, indem ich sage, ich wollte Gutes tun. Wenn jemand nicht um der Menschen, sondern um Gottes willen Gutes tun will, so rückt er auf dem Wege des Guten stets vorwärts. Mag diese Bewegung, die Annäherung an Gott, noch so gering sein – sie stärkt jedenfalls, gibt Hoffnung und Freude und das Bewußtsein, daß man wenigstens zu einem kleinen Teile Gottes Willen erfüllt.

Auf der Badewanne eines Kaisers von China stand geschrieben: ›Erneuere dich jeden Tag, jede Stunde, immer und immerwieder.‹ – ›Bittet, so wird euch gegeben, klopfet an, so wird euch aufgetan‹ bedeutet dasselbe. Das ganze Leben ist nur eine Bewegung auf dem Wege der Annäherung an Gott – darin stimmen wir überein –, und diese Bewegung ist erstens dadurch eine frohe, daß man dem Licht immer näher kommt; zweitens dadurch, daß man bei jedem neuen Schritt sieht, wieviel des frohen Weges noch vor einem liegt. Du dagegen sagst: meine Sünden, meine Unvollkommenheit sind – Schwäche. Ich habe es doch aber in diesem Falle nicht mit dem Kreisgericht zu tun, sondern mit dem Gericht Gottes. Gott aber ist die Liebe. Ich kann Gott nicht anders auffassen als allweise, allwissend und besonders nicht etwa als Böses nachtragend (das nicht zu sein, bemühe ich mich sogar), sondern als unendlich barmherzig. Wie kann ich also, solchem Richter gegenüber, meiner Sünden und Schwächen wegen Angst haben? Das ganze Evangelium ist voll von direkten wie indirekten Andeutungen der Vergebung, des Nichtvorhandenseins der Sünden, wenn man Gott liebt. Du sagst: Gott hätte im voraus – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll – die Verfügung oder Einrichtung getroffen, daß mir meine Sünden vergeben würden ... (Ich kann diese Gotteslästerung nicht ruhig anführen; vergib mir um Christi willen!)

Ist es für Gott, dem ich völlig angehöre, aus dem ich hervorgegangen bin, der mich kennt und liebt, der die Liebe und Barmherzigkeit ist – ist es für diesen Gott nicht einfacher, mir meine Sünden direkt zu vergeben? Und ist es nicht eine Gotteslästerung, zu sagen, daß Gott meine Sünden nicht vergeben kann oder will, während ich glaube, daß er das will und tut, und es für mich unmöglich ist, zu glauben, daß er die Menschen bestraft, wenn sie nicht glauben, daß er ihnen im voraus vergeben hat ... (ich kann diese gotteslästerlichen Worte nichtohne Schreck wiederholen), und auch mich bestrafen wird, wenn ich nicht glaube, daß er ein unvernünftiger und böser Gott ist.

Wenn man dem habgierigsten Menschen sagt: Willst du die Erbschaft haben, so gib zu, daß deine Mutter (von der der Betreffende weiß, daß sie eine reine heilige Frau ist) mit einem Reichen eine Liebschaft hatte – so würde er niemals diese Unwahrheit und Kränkung des Liebsten, was er hat, zugeben und anerkennen. –

Ich habe viel Überflüssiges geschrieben; ich wollte nur sagen: Wir alle streben, wenn wir ein menschliches Leben führen, zu Gott, indem wir uns ihm durch den Vermittler zwischen Gott und den Menschen: Jesus Christus nähern. Vom allertierischsten, verdorbensten Zustande an bis zur größten Heiligkeit fühlen wir gleichmäßig, daß unser Leben voll Sünde ist. Wer dieses wahre Leben begonnen hat, weiß stets, daß er sich – mag es noch so langsam geschehen – dem Licht nähert, diese Richtung wahrnimmt und an die Bewegung in dieser Richtung sein Leben setzt. Die Sünden und Schwächen der Menschen sind groß und die Vollkommenheit stets unendlich fern; man trachtet aber stets danach, sie zu erreichen. Dabei stärkt uns der Glaube an die Gnade Gottes und seine Barmherzigkeit und Liebe zu uns und zeigt, daß die anscheinende Unmöglichkeit, durch eigene Kraft Befreiung von den Sünden, Vollkommenheit und Gnade zu erlangen, mit Gottes Hilfe möglich wird. Du sagst, diese Hilfe ist vor 1900 Jahren erfolgt; ich aber denke, daß Gott so, wie er stets war, auch jetzt ist; daß er stets den Menschen Hilfe erweist, stets barmherzig ist und ihre Rettung, das heißt ihr Heil, wünscht und denen, die ihn suchen, nie fern ist.

Ich verstehe, wie teuer dir die Vorstellungsform von Gott undseiner Liebe ist, an die du dich einmal gewöhnt hast; ich begreife aber nicht, warum andere genau dieselbe Auffassungsweise haben sollen wie du? Man könnte das noch begreifen, wenn es sich um etwas Neues, neu Entdecktes handelte – es ist aber die ur-uralte, allen, nicht nur mir sehr bekannte und, wie du findest, sehr tröstliche Vorstellung. Also warum haben die Leute, die Gott suchen und die Lehre Christi kennen, sie sich nicht zu eigen gemacht? Ich verstehe, daß diese Lehre den befriedigen kann, der niemals an Gott und an Christus gedacht hat, und ich freue mich sehr über die, die sie sich zu eigen machen. Warum soll man aber glauben, daß Leute, die Gott suchen, ohne Grund auf diese so trostreiche Lehre verzichten? Augenscheinlich haben sie Gründe, die dir nicht zugänglich sind. Was ist dabei zu machen? Laß sie in Ruh, vergib ihnen und lieb sie so, wie sie sind. Willst du aber mit ihnen übereinstimmen, so dring ernsthaft in ihre Gründe ein und erforsch die ganze Angelegenheit von Anfang an; gib die Möglichkeit zu, daß auch dein Glaube falsch sein kann. Das aber tust du nicht; ich weiß, du willst und kannst es nicht. Dir ist auch so gut. Geh deinen Weg. Alle, die dem einen Ziel zustreben, treffen bei ihm zusammen.

Ich liebe dich von ganzer Seele und küsse dich.

L. T.«

Mehr als zehn Jahre sind verstrichen, seit ich die letzten Zeilen meiner Erinnerungen an Leo Tolstoi schrieb.

In diesem zehnjährigen Zeitraum hat Tolstoi seinen Platz in der Literatur nicht nur niemandem abgetreten, sondern sein Ruhm nahm ständig zu. Jedes seiner Werke erregte beim Erscheinen in allen Schichten der russischen Gesellschaft wie im Auslande begeistertes Interesse. Es ist schwer, sich die Vorgänge zum Beispiel bei Erscheinen der »Kreuzersonate« undder »Macht der Finsternis« vorzustellen. Noch nicht zum Druck freigegeben, wurden diese Werke schon in Tausenden von Exemplaren abgeschrieben, gingen von Hand zu Hand, wurden in alle Sprachen übersetzt und überall mit unglaublicher Leidenschaft gelesen. Es schien bisweilen, als wenn das Publikum, alle persönlichen Angelegenheiten vergessend, nur für die Literatur des Grafen Tolstoi lebte. Die wichtigsten politischen Ereignisse wirkten auf die Massen nicht mit solcher Macht. Die erwähnten beiden Werke erschienen in den letzten Regierungsjahren Kaiser Alexanders III., der Tolstoi außerordentlich liebte und es selten glaubte, wenn man ihm nicht ganz beifällig aufgenommene Artikel brachte, die Tolstoi zugeschrieben wurden. »Nein,« sagte der Kaiser dann, »mein Tolstoi schreibt so etwas nicht.«

Der Kaiser fragte mich oft nach Tolstoi und beriet sich sogar mit mir, wenn es sich um die Zensur der Tolstoischen Werke handelte. So war es auch mit der »Kreuzersonate«. Es kam darauf an, ob das Werk zum Druck freigegeben werden sollte oder nicht. Ich erlaubte mir meine Meinung in bejahendem Sinne zu äußern und hielt dem Kaiser vor, daß ganz Rußland das Werk schon mit Gier gelesen hätte und daß die Freigabe die Erwartungen des Publikums nur herabstimmen könnte. An demselben Tage unterhielten wir uns über die Popularität Tolstois, und ich äußerte mich dahin, daß in Rußland eigentlich nur zwei Personen wahrhaft populär seien: Graf Leo Tolstoi und Pater Johann von Kronstadt.

Der Kaiser lachte sehr über diese Zusammenstellung, gab aber zu, daß sie richtig sei, trotz der Grundverschiedenheit der beiden Typen, die nur das gemeinsam hätten, daß zu beiden Angehörige aller Stände um Rat kämen.

»Wenn die Sonne allzu hell strahlt, sind Wolken nicht fern.«Dieses Sprichwort bewahrheitete sich auch an Tolstoi. Auch für ihn brachen trübe Zeiten herein. Einerseits ging die Verehrung und Beweihräucherung weiter; andererseits erschienen Feindschaft und Neid.

Nach meiner Auffassung gibt es nichts Traurigeres als Zeitungskriege. In Moskau rührten sich plötzlich ganze Scharen unterirdischer Ratten, die sich bemühten, Tolstoi nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit anzuschwärzen, indem sie längst vergessene literarische Sünden ans Tageslicht zerrten, die jeder Autor und Poet in seiner Jugend und Prahlerei sich erlaubt.

Das Schlimmste kam dann einzig durch die eigene Unvorsichtigkeit Tolstois, der jede sogenannte öffentliche Meinung, besonders aber die Zensur verachtete. Er ließ einen nicht für die Presse bestimmten sehr regierungsfeindlichen Artikel von einem englischen Journalisten mitnehmen, worauf dieser richtige Sohn des perfiden Albion den Artikel unverzüglich in seiner Zeitung abdruckte; dabei versichernd, Tolstoi hätte ihm die Erlaubnis erteilt.

Man kann sich vorstellen, mit welch teuflischer Schadenfreude die Zeitungsratten in Moskau über diesen Artikel herfielen, ihn nachdruckten, mit Kommentaren versahen und den Gedanken des Autors natürlich einen ganz anderen Sinn beilegten. Ich will den Sturm nicht schildern, der sich nach diesem Artikel in ganz Europa erhob, und welche Strafen man für den armen Leo Tolstoi ersann. Sibirien, Festung, Verbannung, fast den Galgen sagten ihm die Moskauer Journalisten voraus. Die ausländischen Zeitungen waren ebenfalls voll von dem Ereignis und zwei, drei Monate lang erhielt ich von überall, Amerika nicht ausgenommen, Briefe mit der Anfrage, wozu denn nun eigentlich der berühmte Schriftsteller verurteilt sei?

Als ich einst zum Grafen Dmitri Andrejewitsch Tolstoi, dem damaligen Minister des Innern kam, traf ich ihn in großer Aufregung.

»Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll,« sagte er. »Sehen Sie diese Anzeigen gegen Leo Tolstoi. Die ersten habe ich einfachad actagelegt; ich kann doch aber dem Kaiser die ganze Geschichte nicht einfach verheimlichen.«

»Natürlich nicht,« erwiderte ich. »Der Kaiser liebt aber Tolstoi sehr! vielleicht mildert das sein Urteil.«

Es zeigte sich dann, daß der Kaiser unsere Erwartungen weit übertraf. Seine Weisheit entschied die Frage auf ganz andere Art. Auf den Vortrag des Ministers über das Vorgefallene und die starke Erregung des Publikums erwiderte der Kaiser folgendes:

»Ich bitte Leo Tolstoi nicht anzurühren; ich habe nicht die Absicht, einen Märtyrer aus ihm zu machen und mir die Mißbilligung ganz Rußlands zuzuziehen. Ist er schuldig, um so schlimmer für ihn.«

Der Minister kehrte sehr glücklich aus Gatschina zurück; im Falle strenger Maßregeln wären natürlich auch auf ihn Vorwürfe entfallen.

Mit Tolstois sprach ich, als wir uns dann wiedersahen, niemals über diese Episode, in der ich zu viel Widersprüche und zu wenig Klarheit fand.

Ich weiß nicht mehr, ob vor oder nach diesem Vorfall Tolstois Gattin nach Petersburg kam, um eine Audienz beim Kaiser zu erlangen und ihn um Schutz gegen die Moskauer Zensur zu bitten, die jede Gelegenheit wahrnahm, Tolstoi zu schikanieren und zu benachteiligen. Der Kaiser empfing die Gräfin sehr liebenswürdig, stellte sie der Kaiserin vor, unterhielt sich lange mit ihr und gab seine Zustimmung zu all ihren Wünschen.Leider verschwand diese Wohlgeneigtheit nach einiger Zeit, teils aus Unbedachtsamkeit der Tolstois, teils infolge Verleumdungen. Unter anderem hatte der Kaiser den Druck der »Kreuzersonate« nur in den gesammelten Werken Tolstois, nicht aber als Einzelausgabe gestattet. Da wurde plötzlich, man weiß nicht durch wessen Schuld (natürlich nicht die der Gräfin Tolstoi), die Sonate als Broschüre feilgeboten. Sofort hinterbrachten das die nimmer rastenden »Freunde« dem Kaiser, und als ich zur Verteidigung der Tolstois (ohne ihr Wissen) beim Kaiser erschien, war es schon zu spät. Der erzürnte Kaiser ließ mich nicht zu Ende sprechen, sondern brach in heftige Verwünschungen gegen Tolstoi aus.

Übrigens übte der Kaiser nie Vergeltung; ich war aber tief bekümmert, daß der wechselseitige gute Eindruck für immer verdorben war.

Der hervorstechendste Charakterzug Alexanders III. war unerbittlicher Haß gegen Lüge und Betrug. Er selbst war ohne Falsch.

Im Jahre 1891 kam ich wieder nach Jaßnaja Poljana und fand dort keine Veränderungen vor; nur waren die Kinder groß geworden, und an das Haus war eine Veranda angebaut, wo man sich nach dem Essen versammelte, wenn die Hitze nicht allzu groß war. Tolstoi schrieb damals ein Werk über den Frieden und das völlige Aufhören des Krieges. Wahrscheinlich wollte er sich vergewissern, welche Wirkung seine neuen Dogmen auf mich ausübten, und so sprach er denn über dieses Thema sehr beredt. Es wurden viele, sehr schöne und gesunde Gedanken von ihm ausgesprochen; alles zusammen bildete aber ein solches Bukett phantastischer, ultraromantischer Utopien, daß nur ganz exaltierte Verehrerinnen sich dadurch hinreißenlassen konnten. Ich hörte ihn schweigend an. Nur zweimal erwiderte ich auf seinen fragenden Blick:

»Sehr schön auf dem Papier; nur schade, daß sich das nicht verwirklichen läßt.«

Er hörte nicht auf mich, sondern fuhr in seiner Predigt fort.

Sophie Andrejewna teilte mir nachher mit, daß Leo auf ihre Frage, worüber er so lange mit mir gesprochen – geantwortet hätte: »Ich habe Alexandrine zu meinen Gedanken über den Krieg bekehrt.«

Wir lachten sehr über diese Prätension.

Einmal fragte mich eine der Töchter, was ich über den Vegetarianismus dächte?

»So gut wie gar nichts,« erwiderte ich, »weil das eine so gleichgültige Frage ist, daß ich niemals ernstlich darüber nachgedacht habe. Sie kann nur dann wichtig werden, wenn die Menschen sich einbilden, dadurch Gott zu dienen – und in diesem Falle nehme ich an, daß sie sich irren. Übrigens ist die Frage längst entschieden.«

Leo hörte das schweigend mit an. Abends am Teetisch aber, als ich die Hand ausstreckte, um einen Teller mit Schinken zu ergreifen, rief er ironisch: »Gratuliere zum Essen vom toten Schwein!«

War das Scherz oder Rache – jedenfalls wurde mir mein Butterbrot zuwider.

Der Vegetarianismus spielte im Tolstoischen Hause eine große Rolle und machte die Arbeit der armen Hausfrau noch komplizierter. Außerdem teilte er die Familie in zwei Lager. Es war bisweilen sehr komisch, wie Sophie Andrejewna bei Tisch feierlich erklärte, sie ließeihreKinder nicht vegetarisch leben.IhreKinder nannte sie die noch nicht zwölf Jahre alten.

Sie hatte stets Sorge um ihren Mann, dem die Ernährungdurch Brot, Kartoffel, Grütze, Kohl, Pilze usw. bei seinem chronischen Leberleiden sehr schädlich war.

Es geht das Gerücht, daß die Gräfin zur Zeit seines Gallenleidens heimlich Bouillon unter all diese Gerichte mischte und daß Tolstoi es nicht bemerkte, oder nicht bemerken wollte – ähnlich gewissen Mönchen.

Wenn ich Tolstoi während des Essens beobachtete, fand ich stets, daß er wie ein ausgehungerter Mensch allzu schnell und gierig aß. –

Was viele Menschen, auch ich, für ein großes Glück halten, nämlich Gefühlsgemeinschaft mit anderen und Übereinstimmung in den Grundwahrheiten, hatte Tolstoi nicht nötig. Er hatte fast Scheu, mit anderen Sterblichen auf einer Stufe zu stehen, und gab sich vielleicht keine Rechenschaft darüber; in anderen Fällen aber griff er gierig nach jeder Äußerung einer oft nur scheinbaren Sympathie.

Bei einem unserer Zusammensein fragte er mich, ob ich die Predigten des amerikanischen Pastors X. (ich habe seinen Namen vergessen) schon gelesen hätte. Ich verneinte.

»Nun, dann lies bitte meinen Briefwechsel mit ihm; er ist in Sonderausgabe gedruckt, und merkwürdig, obwohl wir uns nie gesehen haben, stimmen wir in allen Urteilen über Leben, Religion und Menschenpflichten so überein, als hätten wir stets zusammengelebt. Ich halte ihn für meinen besten Freund. Er wäre jetzt achtzig Jahre alt; schade, voriges Jahr ist er gestorben.«

Ich nahm das Buch des Amerikaners abends mit, da ich die schlechte Angewohnheit habe, nachts zu lesen. Wie groß aber war mein Erstaunen und meine Verwunderung! Der Pastor schrieb genau das, was jeder rechtgläubige, von Tolstois Theorien nicht beeinflußte Mensch tausendmal gedacht und gesprochen hat.

»My dear brother« begann der erste Brief im sanften Tone eines Reverend: »Ich bin glücklich, mit Ihnen bekannt geworden zu sein, und möchte mit Ihnen völlig übereinstimmen, aber« – und dann folgte eine feine, aber unerbittliche Kritik aller Tolstoischen Axiome, die mich an die Stelle im Evangelium erinnerte: Moses hat euch das und das gesagt; ich aber sage euch ... usw.

Derdear brothererwiderte ganz im Geiste seines göttlichen Lehrers, wich aber nicht um einen Schritt zurück, wenn es sich um den Ausspruch handelte, dem Tolstoi solch verkehrte Auslegung gab, und der sozusagen den Kernpunkt aller Tolstoischen Theorien bildet: »Du sollst dem Bösen keine Gewalt entgegensetzen.«

Dann erhob der Amerikaner seine Stimme und enthüllte kühn das Falsche dieser Ansicht sowie ihre Unanwendbarkeit im Leben.

»Wenn ein Räuber oder ein Verrückter in Ihr Haus kommt, geben Sie ihm nicht nur Ihre Habe, sondern auch Ihr Weib und Ihre Tochter. Ich aber,dear brother, suche ihn möglichst festzubinden und möglichst schnell zu entfernen, und kann in Ihrer unverständlichen Nachsicht nicht die geringste wahre Liebe entdecken.«

Beim Lesen dieser Stelle wäre ich vor Freude bald aus dem Bett gesprungen und strich mit starken Strichen alle Bemerkungen an, die mich durch ihre Wahrheit überraschten. Am nächsten Tage ging ich, das Buch in der Hand, in Leos Arbeitszimmer mit einer Miene, in der meine unschuldige Schadenfreude wahrscheinlich allzu deutlich zu lesen war.

»Nun, hast du das Buch gelesen?« fragte Leo.

»Gewiß; ich habe eine reizende Nacht damit verbracht. Weißt du auch, lieber Freund, daß dein Amerikaner ein Kleinod ist?«

»Und das sagst du?«

»Gewiß; ich bestätige es ausdrücklich und bin bereit, es zu unterschreiben. Wie schade, daß wir uns nicht treffen können. Wir würden uns ausgezeichnet verstehen.«

Dann legte ich, um meinen Triumph nicht allzu deutlich zu zeigen, das Buch auf den nächsten Tisch.

Leo erwiderte nichts. Sobald ich mich aber umwandte, griff er nach dem Buch und sah die angestrichenen Stellen durch. Natürlich erlaubten Stolz oder Eigenliebe ihm nicht, seinen Fehler einzugestehen. Das Sonderbarste aber war: wie konnte er sich so irren?

Der liebe gute und oft so unlogische Leo Tolstoi! Wieviel steckte in ihm von dem, was die Franzosenpur enfantillagenennen! Ist es nicht tatsächlich Kinderei oder Spielerei: dieses Schustern, Schleppen von Brennholz, Ofensetzen usw.? Er aber führte alles durchaus ernst, wie eine heilige Pflicht aus. –

Am selben oder nächsten Tage waren wir abends allein in Tolstois Arbeitszimmer. Er war nicht sehr fröhlich und brachte selbst die Unterhaltung auf folgendes Thema (wahrscheinlich hatte ihn etwas gereizt):

»Du sagst immer, ich atme und lebe nur von Weihrauch. Wie viele Menschen tadeln mich aber ganz mit Recht, weil mein Leben mit meiner Lehre nicht übereinstimmt.«

»Mir scheint,« erwiderte ich, »daß man dich am meisten wegen deiner unerfüllbaren Theorien tadelt. Um sie buchstäblich zu erfüllen, müßtest du damit beginnen, daß du zunächst einmal verschwändest – nicht wahr? Du hast aber Familie und hast kein Recht, weder sie zu verlassen noch ihr dein Streben und deine Überzeugungen aufzubürden. Du selbst hast bis in dein reifes Alter angenehm gelebt – das wollen sie auch, da sienicht die geringste Neigung zur Bettelarmut und Feldarbeit oder zum Leben in einer Hütte verspüren.«

Leo hörte schweigend zu. Ein finsterer Ausdruck zog über sein Gesicht. Endlich sagte er, tief atmend: »Du siehst, ich handele ja auch so (daß ich ihnen in allen Dingen freie Hand lasse); aber es wird mir schwer ...«

Nach dem Tee las Leo uns norwegische Novellen in russischer Übersetzung vor, die er sehr lobte und auch tatsächlich gut las, allerdings etwas befangen, wenn gefährliche, d. h. nicht ganz anständige Stellen kamen.

Ich sah Tolstoi seitdem noch zweimal. Einmal bei meiner Durchreise durch Moskau nach Woronesh zur Prinzessin von Oldenburg auf der Bahnstation, wohin er mit seiner Tochter Tanja kam und sehr fröhlich war, so daß mir der allerangenehmste Eindruck blieb. Ich scherzte, daß er so elegant gekleidet sei; er trug einen wirklich sehr feinen Pelz und ebensolch schöne Mütze – wahrscheinlich Fürsorge seiner Frau –, er selbst wäre nie auf den Gedanken gekommen.

Als die Zeit zum Einsteigen kam, gab Leo mir die Hand und fragte, ob ich mich nicht genierte, mich mit ihm zu zeigen.

»Auf englisch nennt man das ›fishing for compliment‹,« sagte ich, »du weißt sicher, lieber Freund, daß viele Damen in diesem Augenblick an meiner Stelle sein möchten.«

Meine Liebenswürdigkeiten waren so selten, daß er sich hiermit zufriedengab. –

Mein zweites und letztes Wiedersehen fand einige Jahre später in Petersburg statt.

März 1899Winterpalais, Petersburg

Gräfin A. A. Tolstoi.

16. bis 20. Tausend*Druck der BuchdruckereiE. Haberland in Leipzig

(1)Merkwürdig; so viele Jahre haben wir uns nicht gesehen, und ich finde Sie immer noch auf demselben Punkt, der mich, bei allem Reiz, den Ihre Werke ausüben, stets an ihnen überrascht hat. Ich hoffte, Sie würden mit der Zeit festeren Boden unter den Füßen gewinnen.(2)A. M. Kusminski hatte Tolstois Schwägerin geheiratet.(3)Tolstois Vertrauensmann.(4)»Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.«

(1)Merkwürdig; so viele Jahre haben wir uns nicht gesehen, und ich finde Sie immer noch auf demselben Punkt, der mich, bei allem Reiz, den Ihre Werke ausüben, stets an ihnen überrascht hat. Ich hoffte, Sie würden mit der Zeit festeren Boden unter den Füßen gewinnen.

(1)Merkwürdig; so viele Jahre haben wir uns nicht gesehen, und ich finde Sie immer noch auf demselben Punkt, der mich, bei allem Reiz, den Ihre Werke ausüben, stets an ihnen überrascht hat. Ich hoffte, Sie würden mit der Zeit festeren Boden unter den Füßen gewinnen.

(2)A. M. Kusminski hatte Tolstois Schwägerin geheiratet.

(2)A. M. Kusminski hatte Tolstois Schwägerin geheiratet.

(3)Tolstois Vertrauensmann.

(3)Tolstois Vertrauensmann.

(4)»Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.«

(4)»Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.«


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