Vorrede des Verfassers!
Der außerordentliche Beifall, welchen die »Erinnerungen eines alten Leipzigers« bei ihrer ersten Veröffentlichung im Leipziger Tageblatt gefunden haben, veranlassen mich, diese damals meist kurzgefaßten, zum Theil mehr skizzenhaften Arbeiten, welche dem beschränkten Raum eines Tagesfeuilletons angepaßt sein mußten, zu vervollständigen und weiter auszuarbeiten und als einen gewiß wünschenswerthen Beitrag zur Chronik der Stadt Leipzig, zunächst in Heften, wobei jedes Heft ein in sich abgeschlossenes Ganze bilden wird, herauszugeben.
Die Geschichte unserer lieben Stadt und mit ihr die Deutschlands, weist wohl bis an die ältesten Zeiten zurück keinen Zeitraum auf, der in dem gesammten politischen und volkswirthschaftlichen Leben der Bevölkerung so bedeutende Veränderungen gebracht hätte, als die verhältnißmäßig kurze Spanne Zeit von 1840—71. Die Revolution von 1848/49, die Kriege von 1863, 66 und 70/71 brachten in diesem Umfange nie geahnte, politische Umwälzungen und die Gewerbefreiheit, welche dem alten Zunftzwang und mancher anderen früheren Einrichtung den Todesstoß versetzte, ließ im ganzen volkswirthschaftlichen Leben riesige Veränderungen Platz greifen. Die alte Zeit mit ihrem, trotz Allem, mannigfachen Guten, sank in Trümmer und eine neue Zeit mit ganz anderen Lebens- und Existenzbedingungen kam heran. Und doch ist uns so manches aus jener altenZeit lieb und werth geblieben, und da bei dem jetzigen Hasten und Jagen nach des Lebens oft nur eingebildeter Glückseligkeit die Vergessenheit des Vergangenen viel schneller eintritt, als dies früher der Fall war, so ist diese »Chronik aus Leipzigs jüngerer Vergangenheit« dazu bestimmt, auch der jetzigen und den kommenden Generationen ein Bild der früheren Verhältnisse und Einrichtungen vor die Augen zu führen und für die Geschichte Leipzigs zu erhalten.
Ich bitte, in diesem Sinne das Ganze ebenso freundlich aufzunehmen und zu beurtheilen, wie dies mit den einzelnen Skizzen im Feuilleton des Leipziger Tageblattes der Fall war; zumal dieser Beitrag zur Chronik von Leipzig nicht in dem gewöhnlichen trocknen Stile der Chronisten erscheint, sondern auch der Humor in demselben zu seinem Rechte gelangt, um dem Ganzen die rechte Würze zu verleihen.
Es sollen, gleichsam eingestreut in eine Chronik über Leipzigs räumliche und sonstige Entwicklung, möglichst genaue Schilderungen aus und nach dem damaligen Volksleben unserer Stadt hier Platz finden, und wenn bei denselben hier und da einmal ein Stück Satyre mit unterläuft, so bitte ich zu berücksichtigen, daß die Satyre die Schwester des Humors ist und eine Verhöhnung oder Verspottung mancher der jetzt Vielen unmöglich dünkenden früheren Einrichtungen in keiner Weise in der Absicht des Verfassers liegt.
Mit diesen Versicherungen schicke ich das kleine Werk hinaus in die so verschiedenartig urtheilende und denkende Welt, möge ihm sein Lebensweg nicht allzusehr erschwert werden.
Leipzig, im Juli 1893.Der Verfasser.