XIX.Die Hiersemusen!

XIX.Die Hiersemusen!

»Da — da — da«

»Was denn — wo denn?«

»Was ist denn los?«

»Da läuft sie — —«

»Ah — jetzt kommt sie hierher!«

»Wer denn — wo denn?«

»Na — sehn se denn nich, da is se ja!«

»Ah — — deHierschemusen!«

So flogen oft die Worte und Reden herüber und hinüber, auf den Straßen unseres guten Leipzig in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren unseres Jahrhunderts. Ein Rudel Jungen und Mädchen kam dann dahergestürmt und umkreiste, sie neugierig anstarrend, eine schlankgewachsene Frau von schier undefinirbarem Alter, welche inmitten des Trubels ruhig dahin schritt. Nur wenn ihr ein dreister Bengel einmal etwas zu nahe kam, stockte einen Augenblick ihr Fuß; wie zur Abwehr, aber niemals drohend, hob sie leicht den schirmbewaffneten Arm, und — hui — wie stiebte die leichtfüßige Schaar sofort auseinander, freilich nur um gleich darauf, einem Volke dreister und zudringlicher Spatzen gleich, dasselbe Spiel wieder zu beginnen. Der Bengel aber, den sie angesehen hatte, blieb meist betroffen zurück.

»Du — kann die aber Een ansehn!«

»Wie denn — se wollte Dir wohl was thun?«

»I — nee, nee — aber — weeßte — ’s wurde mer ganz nippernäppsch derbei!« — — —

»De Hirschemusen!« sagten die stehenbleibenden Frauen, dieselbe an sich vorbeigehen lassend. »Se sieht immer noch aus wie früher.«

»Nee — die verrickte Person — sehn Se blos, Frau Müllern, heute hat se bei der Hitze gar e Pelzmantel um — —«

»Ja — ja — und im Winter läuft se mit dem Strohhut un’n Sonnenschirm!«

»Aber’n Pompadour oder e Körbchen hat se egal am Arme!«

»Das arme Thier — Du lieber Gott — mer weeß ooch noch nich, was een an der Stirn geschrieben steht, die hat ooch nich gedacht daß se emal als Halbverrickte uff der Straße rum loofen wirde.«

»Ja — ja — mer erzählt Verschiednes!«

»Na — Heernse — da kennt’ch se e Licht uffstecken — e ganzen Roman sag ich Sie!«

»I — da erzähln se doch, Frau Melzern — ich bin, weeß Kneppchen, nich neigierig, aber — — —«

»Ja, Frau Melzern, erzähln se’s nur, ich habe ooch schon lange so was munkeln hören — —«

»I nu!« sagt Frau Melzer geheimnißvoll, indem sie den Marktkorb, gleich den andern beiden Frauen, auf die Erde stellt — — »wissen Se — eegentlich is es e Geheimniß — un blos de Bolizei wees es — aber ooch nur ganz heemlich un blos de Höchsten dervon — aber mei Neffe der is Schreiber beim Gericht — und — die wissen Alles!«

»Gott, ’s leeft mer ordentlich kalt übern Rücken!« sagte die Müllern, das leichte Umschlagetuch trotz der Hitze um sich ziehend.

»Nu, daß es nich richt’g mit ihr is, wissen Se.«

»Natürlich — Se meenen hier oben — —«

»Na ja« — fährt Frau Melzer ungeduldig über die Unterbrechungen fort, denn jeder Nerv in ihr drängt sie, den Quatsch, den sie selbst erst heute von einer andernFreundingehört hatte, möglichst vergrößert wieder los zu werden, »freilich — im Koppe is es nich richtig mit ihr, aber — wissen Se, wovon das kommt?«

Die Hiersemusen mit Hut und Schirm.Die Hiersemusen.

Die Hiersemusen.

Frau Müller und Frau Lehmann wissen’s natürlich nicht und zittern vor Neugierde.

»Eene arme verlass’ne Creatur is se — aus Liebe is se ibergeschnappt, weil se der schlechte Kerl verlassen hat — —«

»Nee — die Männer — die Männer —«

»Aber — das is noch lange nich Alles — ’s richt’ge Geheimniß kommt erst noch — aber — ich bitte Sie — keen Menschen en eenziges Wort — nicht wahr? Mer kommt doch für seine Güte nich gern in Ungelegenheiten.«

Die Müllern legt betheuernd die Hand auf die Brust und gelobt tiefstes Schweigen. Die Lehmann reckt alle zehn Finger in die Luft — sie ist sprachlos vor Neugierde.

»Hab’n Se gesehn, was de Hierschemusen immer vor feine Sachen hat — wenn Se se ooch immer zur verkehrten Jahreszeit anzieht, heite den nobeln Pelzmantel — —«

»Un vorigen Winter e echtes blaues Barègekleid mit drei großen Volants un e breiten idaliänschen Strohhut — — —« fällt die Müllern ein.

»Un e ganz neien Sonnenschirm von gelber Seide mit Spitzen — —«, sagt die Lehmann.

»Sehn Se? Sehn Se?« fährt Frau Melzer triumphirend fort. »Un — wo hat se’n her? Liederlich is se nich und ooch nich mehr in den Jahren dazu — verdienen thut se ooch nischt — also? — — Ich weeß es — woll’n Se’s wissen?«

Welche Frage! — Die drei Köpfe der Frauen fahren eng zusammen.

»Von ihrem Vater kriegt se’s — von ihrem heemlichen Vater — un das is — — —«

Athemlose Spannung der beiden andern Frauen, höchster Triumph der Melzern.

»Das is — — — ä reicher bohlscher (polnischer) Graf!!«

»Ae — — bohlscher — — — Graf!«

»Heern Se, nu thun Se mer aber de Liebe an, un vertreten Se nich länger ’s Trottoir!« sagt hinzukommend,mit gemüthlicher Amtsmiene der Polizeidiener, »ich muß Se sonst weeß der hohle uffschreiben!«

»Herr Jeses — Se ham Recht — mei Mittagessen!« besinnt sich Frau Melzer, nimmt schnell ihren Korb und — nach einem letzten Blick auf die Freundinnen eilt sie hastig davon.

Dies führt aber auch die beiden anderen Frauen zu ihrer Pflicht zurück.

»Mei Mann — er wird so immer gleich ungeduldig, wenn er mal den Kleenen warten muß — na — Adje!« sagt die Lehmann und — weg ist sie.

»Na — ich will nur ooch machen, daß ich zu Hause komme, die hochnäsige Krausen, die immer Alles zuerst wissen will in ganz Leipzig, wird sich scheene wundern, wenn ich ’r Alles erzähle — — ä bohlscher Graf — — — ä richtger bohlscher Graf?«

So entstanden und schwirrten die Gerüchte über die Hierschemusen in unserm Leipzig hin und her, eins immer unsinniger als das andere — bald sollte sie die Tochter eines russischen Fürsten, bald die verlassene Geliebte irgend eines exotischen Prinzen sein — und woben allmählig um die arme Person einen Nimbus, der in keiner Weise gerechtfertigt war. Auch der Name Hiersemus war ihr vom Volksmunde verliehen, kein Mensch kannte sie unter einem andern, außer einigen Eingeweihten des Polizeiamtes. Und was verbarg sich schließlich hinter diesem Namen und dem um sie gewobenen Sagenkreis? Die alte, einfache Geschichte einer armen, verlassenen Frau, die sich ihr Unglück in den Kopf gesetzt und ihren harm- und gefahrlosen, zeitweiligen Irrsinn nur dadurch documentirte, daß sie consequent im Sommer Winterkleidung und im Winter Sommerkleidung trug. Von schlanker Gestalt, mußte sie trotz einiger Sommersprossen im Gesicht in ihrer Jugend sicher nicht unschön gewesensein, und fast dreißig Jahre lang bemerkte man fast keinerlei Veränderung an ihr.

Wer aber war sie und wie war ihr Lebensgang?

Frau Amalie Auguste Stalzer, dies war der richtige Name der Hiersemusen. Ganz merkwürdiger Weise läßt sich auch nicht der allergeringste Anhaltepunkt darüber finden, wie der Volksmund darauf gekommen ist, gerade den seltsamen Namen Hiersemus für sie zu wählen. Zwar war in früheren Zeiten diese jetzt fast ganz von der Volksspeisekarte verschwundene Speise ein Leibgericht der Leipziger, und auf der Menukarte der städtischen Speiseanstalt fungirte »Hirsemus mit Syrup« oder »Hirsemus mit Pflaumen« früher fast jede Woche einmal und ist auch jetzt noch dann und wann auf ihr zu finden; allein in welche Verbindung der Volksmund jene Unglückliche mit seinem alten Leibgericht gebracht hat, ist unerfindlich und wird wohl nun auch niemals ergründet werden.

Die Hiersemusen war im Jahre 1806 in Breslau geboren und in der katholischen Religion erzogen worden. Ihr Vater war Stadtsoldat, hieß Josef Sattler und war aus Olmütz gebürtig. Er wurde nach Auflösung der Truppe der Stadtsoldaten pensionirt und starb in Leipzig im Jahre 1834.

Jungfrau Amalie Auguste Sattler soll von hervorragender Schönheit und Lieblichkeit gewesen sein, worauf selbst ihr Aussehen noch als Vierzigerin und Fünfzigerin hindeutet, insbesondere sollen ihr ein Paar prächtiger blauer Augen und eine Fülle goldblonden Haares schon sehr frühzeitig Massen von Bewunderern zugeführt haben. Unter all diesen Bewerbern zeichnete sich besonders der damalige junge Bürger und Cigarrenhändler Anton Stalzer aus, und da er trotz der Armuth und des niederen Standes des jungen Mädchens seine Bewerbungen auf das Eifrigste betrieb und als Bürger — welche Eigenschaftdamals eine gewisse höhere gesellschaftliche Stellung bedeutete als jetzt — der Vielumworbenen eine gesicherte Existenz bieten konnte, so sagte Amalie Auguste, zumal da auch ihr Herz dem jungen hübschen Mann freudig entgegenschlug, gern ja und wurde bereits 1822, also kaum 16 Jahre alt, das Weib des geliebten Mannes. Glückstrahlend zog sie am Arme des Geliebten in das ihr von demselben bereitete Heim, und auch ihr alter Vater war glücklich, sein einziges Kind wohl versorgt zu wissen. — —

Aber Vater und Kind hatten sich in dem jungen Ehemann bitter getäuscht. Seine Verhältnisse waren längst total zerrüttet, und nur um die Geliebte zu besitzen, hatte er Alles aufgeboten und es wohl verstanden, diese Zerrüttung vor Jedermann sorgfältig zu verbergen. Aber als er sein Ziel erreicht hatte, ward er zum offenbaren Schurken, und kaum ein Jahr nach der fröhlich gefeierten Hochzeit verschwand Stalzer für immer aus Leipzig, Alles mit sich nehmend, was er nur konnte, sogar die geringen Sparpfennige des alten Soldaten, und seine junge kaum 17 jährige Frau in tiefster Noth und Verzweiflung zurücklassend.

Er blieb für immer verschollen.

Die junge Frau fiel in eine langandauernde, schwere Krankheit, und als sie endlich von des alten Invaliden väterlicher Hand sorgsam gepflegt vom Krankenlager wieder erstand, da war nicht blos der größte Theil ihrer körperlichen Schönheit vernichtet, sondern auch ihr Geist umnachtet oder doch für immer getrübt.

Noch länger als elf Jahre lebte der alte Soldat, und da es seine Tochter verstand, kunstvoll zu sticken und zu nähen, so hatten Beide im Verein mit seiner Pension ihr einfaches, aber genügendes Auskommen.

Im Jahre 1834 starb der Alte, und die junge Frau stand nun ganz allein auf der Welt. Da ihr leichterIrrsinn vollständig harm- und gefahrloser Natur war, so ließ man sie ruhig gewähren, sie fand unter den vielen reichen in Leipzig wohnenden katholischen Glaubensgenossen willige und gutbezahlende Abnehmer für ihre Stickereien und außerdem reiche Unterstützung durch Geld und Ueberlassung bereits getragener, oft noch sehr werthvoller Kleidungsstücke. Daher kam es auch, daß sie oft solche trug, deren Eleganz und Werth in keiner Weise mit ihrem Stand als Stickerin harmonirte. Im Laufe der Jahre aber bildete sich noch ein anderer Erwerbszweig bei ihr aus, der ihr zwar, wie man sagt die Kundschaft der Damen bis zu den höchsten Gesellschaftskreisen Leipzigs verschaffte, sie aber auch leider mehrfach in Conflict mit den städtischen Behörden brachte; sie wurde nämlich eine bekannte und sehr gesuchte Kartenschlägerin, und manche als feingebildet und besonders geistreich bekannte Dame — man sagt sogar, daß auch die Herrenwelt diese Dienste der Hiersemusen gern in Anspruch nahm — lauschte heimlich im verschlossenen Gemach den Glück oder Unglück aus den bunten Blättern verkündenden geheimnißvollen Worten der stets kalt und düster blickenden Sybille. — — —

So trieb die Hiersemusen ihr stilles Wesen viele Jahre lang. Ob Alles sich auch nach und nach um sie herum veränderte — sie blieb sich gleich, und wenn man sie auch einmal monatelang nicht gesehen hatte und sie als todt betrachtete, so belehrte Einen der oft plötzliche Ruf auf der Straße »De Hierschemusen« eines Andern.

Aber in ihren Verhältnissen trat mit dem zunehmenden Alter doch allmählich eine große Veränderung ein, ihre alten Freunde und Kunden starben dahin, andere Kartenschlägerinnen, die vielleicht besser lügen konnten als sie, machten ihr auch hier erfolgreich Concurrenz, und so trat nach und nach die bittre Nothan sie heran, ihr Geist verwirrte sich mehr und mehr, dazu kam körperliches Leiden, und es war somit ein Glück für sie, als sich der Rath ihrer als Bürgersehefrau annahm und sie als Versorgte Anfang der siebenziger Jahre im städtischen Georgenhaus unterbrachte. Fast noch ein volles Jahrzehnt lebte sie hier still und friedlich, bis sie am 31. August 1879 im hohen Alter von 73 Jahren verschied.


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