XXI.Unter den Buden.
Wenn man in Betracht zieht wie sich noch heutzutage die Kinder Leipzigs und der Umgegend freuen, wenn Vater oder Mutter ihnen verspricht mit ihnen »unter die Buden« zu gehen, trotzdem die jetzigen Messen eigentlich, betreffs des früheren Treibens während derselben, kaum noch der Schatten der Messen vor 40 und 50 Jahren sind, so kann man wohl ungefähr darauf schließen, welche Freude eine solche Botschaft damals bei uns Kindern hervorrief. Mit den Vergnügungen fürdie Kinder war es vor 40 Jahren außer dem Treiben auf Straßen und Plätzen bei weitem nicht so gut bestellt wie jetzt, wo Reisen, Sommerfrischen, Feriencolonien, Schrebergärten, ja Kindersommerfeste und — — — Kinderbälle — — — zu der Tagesordnung gehören. Zwar war der Schulunterricht damals ein einfacherer betreffs der einzelnen Fächer, aber keineswegs ein kürzerer und durch den oft übertriebenen Wust, den damals allein das Auswendiglernen ganzer Capitel der Bibel und ganzer Serien von Gesangbuchsliedern in Anspruch nahm, und der uns auch in den Ferien ganze Berge von Arbeiten aufbürdete, waren wir keineswegs weniger mit Arbeiten belastet wie die Kinder der Jetztzeit.
Wenn wir uns nun trotzalledem nicht blos unsern guten Humor bewahrten, sondern auch gesund und kräftig emporwuchsen, so lag dies wohl mit daran, daß erstens der jetzige sogenannte gute Ton, oder sagen wir lieber die nur zu oft eine ungesunde Frühreife der Kinder zeitigende jetzige Erziehungsmethode, die wahre Kindesnatur noch nicht so in Fesseln schlug und künstlich unterdrückte, sondern auch daran, daß sich damals Leipzig selbst innerhalb der Stadt noch zum großen Theil einen gewissen ländlichen Charakter bewahrt hatte. Große Plätze, Rosenthal, Promenaden, viele alte Oekonomiehöfe, Wallgräben, die vielverzweigten Flüsse, ferner die großen damals noch sämmtlich unbebauten Terrains von Reichels-, Gerhards-, Reimers-, Lehmanns-Garten u. s. w. gewährten uns Kindern geräumige Tummelplätze inmitten der Stadt. Dennoch war dies alles ziemlich einförmiger Natur und es war somit kein Wunder, wenn wir das jedesmalige Herankommen der Messen besonders freudig begrüßten. — Was gab es da alles zu sehen! Uns’re Kinder, welche jetzt Gelegenheit haben Panoramen, Zoologischen Garten und anderes auch außerhalb der Messen zu sehen, haben keine Ahnung davon, wie wir staunend vor den großenMenagerieen einesKreuzbergund Anderer standen und glücklich waren, wenn wir die 2 guten Groschen erschwingen konnten, welche zum Besuche dieser Riesenbuden erforderlich waren. Damals war der gesammte Roß- wie Königsplatz und auch der Obstmarkt mit Schau-, Schieß- und Trinkbuden vollständig besetzt. Von der Königstraße bis zur Holzgasse (Sternwartenstraße) standen die Schießbuden in doppelten Reihen und der stereotype Ruf der in denselben fungirenden — meist mit grellfarbigen Blousen oder sonstigen fantastischen Trachten bekleideten — Mädchen, »’Mal schießen meine Herren? Viermal fär ä Groschen!« lockte handlungsbeflissene Jünglinge, biedere Handwerksmeister und Gesellen, ebenso wie den Bruder Studio und den behäbigen Meßfremden an die oft kunstreich und humorvoll ausgestatteten Schießstände. Zögernd traten auch wir Jungen, dem Zauber der aufgesteckten Thonpfeifen und rothhosigen Soldaten erliegend, heran und opferten unsern Dreier oder wenn’s hoch kam unsern Sechser dem flüchtigen Waffenspiel, um dann gleich hinterher das so schnell vergeudete Geld bitter zu bereuen — freilich — hin war hin. Vor dem damaligen alten Kurprinz standen zwei uralte Caroussells, damals Reitschulen genannt. Man mußte auf einer Treppe in das Innere der völlig umkleideten Buden hinaufgehen und fand hier einen vollständigen Eisenbahnzug — damals ein besonderes Zugmittel — dessen Lokomotive der glückliche und stets vielbeneidete Inhaber dieses Platzes mit den Rädern rasseln und sogar pfeifen lassen konnte. Der überaus einfache Mechanismus dieser Reitschulen wurde durch Schieben in der unteren verhängten Hälfte in Bewegung gesetzt. Schieber waren natürlich wir Knaben, wofür wir dann abwechselnd mitfahren durften. Von hier bis zur kleinen Windmühlengasse (jetzt Markthallenstraße) standen die Schankbuden, in denen — außer der von Stöpel, — Harfenisten spielten. Bei Stöpelgab es die von Jedermann als Delikatesse anerkannten, echt »Wiener Würstchen«. — — Dann folgten wieder große Schaubuden, von denen wir nur die von »Knie« und von »Rappo« als die bedeutendsten und als fast jede Messe anwesend erwähnen wollen, — Mordgeschichten, vor deren in jeder Beziehung schauerlich großen Bildern das verehrte kunstsinnige Publikum gruselnd stand und welches die im Duett oder Terzett unter Begleitung eines Leierkastens vorgetragene Beschreibung der ausgestellten Moritaten mit offnen Ohren und offnem Munde vernahm — producirten sich an der Seite der Stöpelschen Bude und an anderen Durchgängen; dazu Juden mit offnen Verkaufskästen, Bergleute mit nachgebildeten »Bargwarken aus Freibarg«, Kraftmesser, Schaukeln, Caspartheater, wilde Männer, Zwerge und Albinos, Riesen und zarte Frauen von 400 Pfund Gewicht, optische Liebesspiegel, in denen liebesbedürftige dienende Jungfrauen vom Lande und aus der Stadt sofort den ihnen dereinst bestimmten Zukünftigen sehen konnten und für den geopferten Groschen sogar gleich einen, noch dazu gedruckten, Brief desselben erhielten. — Stände mit Fleckseife, an denen den Bauern die fettigen Rockkragen zu einer Hälfte gewaschen wurden, so daß sie nun, um auch die andre Hälfte rein zu kriegen, schon gezwungen waren ein Stück Seife zu kaufen, was wieder Andere veranlaßte, ebenfalls solche zu erstehen. Elektrisirmaschinen, an denen Hilfsbedürftige die Wohlthaten des elektrischen Funkens vom zarten Zucken an bis zum Schlage, der einen Ochsen hätte umwerfen können, an sich probiren lassen konnten. — Delikatessen und Glücks-Zuckerwaaren- und Kräppelchenbuden, Seelöwen, Bärenführer mit Bären, Affen und in der Regel auch einem Kameel, Savoyarden mit Murmeltieren, neue offne Reitschulen mit allem möglichen und unmöglichen Gethier zum Reiten, dazwischen fliegende Trupps Meßmusikantenfüllten Roß- und Königsplatz bis auf den großen Theil aus, den stets ein »CirkusRenzoderSuhrundHüttemann« u. s. w. einnahmen, aus. Auch Bosco, der echte und wahre Bosco, war zu jener Zeit fast zu jeder Messe in Leipzig und machte glänzende Geschäfte. —
Schaustellerbuden, im Hintergrund die Stadt.Unter den Buden.
Unter den Buden.
Auf dem Augustusplatze aber, der damals noch in seiner vollen Größe existirte und noch nicht durch die Bauten des Museum-, Neuen Theater-, Mendebrunnen und durch die Anlagen an demselben verkleinert wurde, standen viele Tausende zum Theil mächtige Verkaufsbuden aller Branchen. Große Detailfirmen aus Berlin, Frankfurt und andren weit entfernten Orten nahmen mit ihren riesigen Waarenlagern oft ein ganzes Viertel der langen Budenreihen ein. — Buden mit zehn und mehr Verkäufern waren keine Seltenheit und der Umsatz dieser einzelnen Firmen war oft ein so bedeutender, daß — wollten wir denselben in Zahlen bezeichnen — von manchem, der den damaligen Meßverkehr nicht gekannt hat, derselbe als unglaublich hingestellt werden würde.
Ein heiteres fröhliches Leben herrschte unter diesen Meßverkäufern und es war gar nichts seltenes, daß an besonders geschäftsstillen Vormittagen — wenn ein Trupp Meßmusikanten auf dem Platz erschien, alsbald Alt und Jung in den Reihen im Tanze dahinflog, und da diese Geschäftsleute eben auch Geschäfte machten und dem Grundsatz »leben und leben lassen« huldigten, so fiel hierbei natürlich auch für die armen Musikanten etwas Erkleckliches ab. Während der sogenannten »Meßfreiheit« d. h. der Zeit zwischen dem Einläuten und Ausläuten der Messen, was stets mit der sogenannten »Armensünderglocke« des Rathhauses geschah, durfte trotz der damals noch nicht existirenden Gewerbefreiheit Jedermann handeln mit was es ihm beliebte und ohne daß von ihm ein Nachweis zum Gewerbebetrieb verlangt wurde. In dieser Zeit durfte keine Pfändung inHandelssachen vorgenommen und Niemand in Wechselhaft genommen werden. Alle damaligen Gesetze waren eben dahin gerichtet, die Messen und ihren Verkehr zu schützen und jedes Hinderniß eines freien Meß- und Handelsverkehrs von denselben fern zu halten. — — — Mit diesen gewiß nur lobenswerthen Bestrebungen unsrer früheren Stadtväter waren freilich die massenhaften Einschränkungen, welche man seit dem Jahre 1874 dem freien Meßverkehr anlegte, nicht in Einklang zu bringen und die schädigenden Folgen, welche dieselben naturgemäß haben mußten, sind denn auch nicht nur nicht ausgeblieben, sondern haben den allgemeinen Meßverkehr so reducirt, daß man jetzt alles Mögliche aufbietet, um nur annähernd den früheren Verkehr wieder herbeizuführen. — Mit welchem Erfolg — davon möge ein späterer Chronist berichten.