XXIII.Allerlei Chronika von anno 1860.
Diebstähle in der Universitäts- und Stadtbibliothek.
Am 27. Februar anno 1860 wurde ein hiesiger, bis dahin hochgeachteter Privatgelehrter wegen mehr als hundert Diebstählen von Bildern, Pergamenten, Buchschalen u. s. w., welche er in gewinnsüchtiger Absicht und zum schweren Nachtheil der Universitäts- und Stadtbibliothek begangen hatte, zu einer Zuchthausstrafe von 5 Jahren verurtheilt.Dr.… gehörte einer alten und angesehenen Familie Leipzigs an, besaß Frau und Kinder und hatte, da Niemand Verdacht gegen ihn faßte, aus alten, sehr werthvollen Werken der beiden Bibliotheken seltene und einen hohen Werth repräsentirende Kupfer- und Stahlstiche, Radirungen, ebenso kostbare, zum Theil nie wieder zu ersetzende Einbände, Meisterwerke alter Buchdrucker- und Buchbinderkunst, aus den ihm anvertrauten Werken herausgerissen, die Defecte durch Einklebung anderer Blätter u. s. w. zu verdecken gesucht und dann das Gestohlene an auswärtige Antiquare und Kunsthändler verkauft. Da es sich in fast allen Fällen um höchst seltene Werke, zum Theil Unicas handelte, so war der Verlust, den beide Bibliotheken erlitten, kaum annähernd zu ermitteln, jedenfalls aber ein sehr hoher und gar nicht zu ersetzender.
Petersthor.
Am 5. Februar wurde mit dem Abbruch unsres alten prächtigen Petersthores begonnen und der Stadtgraben links von demselben bis zur Universitätsbrückeausgefüllt; zugleich wurde der Zwinger vollständig niedergelegt und der Neumarkt erhielt einen Ausgang auf die nun zu errichtenden Promenadenanlagen. Der Abbruch des Petersthores war zu Ostern beendet.
Fleischhalle.
Am 16. April wurde die neue Halle für die Landfleischer eröffnet und dem Verkehr übergeben. — Jetzt Gebäude der permanenten Industrie- und Gewerbeausstellung am niedren Park, gegenüber der neuen Börse.
Omnibusse.
Am 12. August trat die Omnibusgesellschaft »Heuer« ins Leben und wurde dies Unternehmen allgemein mit hoher Freude begrüßt. Die ersten eröffneten Linien waren Reudnitz (grüne Schenke), Lindenau (Drei Linden) und Plagwitz (Insel Helgoland), später entstand noch als Concurrenzgesellschaft die »Fiacer-Compagnie«, welche nach jahrelanger erbitterter Concurrenz schließlich das Feld allein behauptete, bis auch sie vor der 1872 erscheinenden Pferdebahn den Betrieb einstellen mußte. Die Touren erstreckten sich zuletzt auf alle jetzigen Vorstadtdörfer. Der Preis pro Tour betrug 15 Pfg.
Pulverhäuser.
Am 17. August wurden die alten Pulverhäuschen vom damaligen Judengottesacker im Johannisthal — (jetzige Sternwarte) — entfernt und auf das Feld gegenüber dem Napoleonstein verlegt.
Hagelwetter.
Am 27. August, Abends 7 Uhr, kam ein großes Hagelwetter über unsere Stadt. Nachdem am Nachmittag eine sengende Gluth geherrscht hatte, färbte sich der Himmel plötzlich in beängstigender Weise roth und gelb und ebenso plötzlich ging das Unwetter los. Es erstreckte sich von Corbetha bis Wurzen und zwei Stunden in der Breite. Obwohl das Unwetter nur wenige Minuten anhielt, waren dennoch seine Folgen ungeheure. Auf den östlichen Seiten der Leipziger Straßen und Plätze waren die sämmtlichen Fensterscheiben zerschlagen, und die Dachziegel und heruntergefallenen Essenköpfe lagen über eine halbe Elle hoch auf den Straßen. Fiacerund Droschken mußten in die erste beste Hausflur hineinfahren, um nur die Pferde vor den faustgroßen Hagelstücken zu retten, die Wagenleder aber waren meist durchgeschlagen. Allein in dem damals noch sehr kleinen Dörfchen Lindenau zählte man 16955 zertrümmerte Fenster. Auf den Straßen sah es aus als ob Revolution gewesen wäre. Aus den Fenstern wehten die ebenfalls theilweise zerfetzten Gardinen heraus, die durchlöcherten Firmen hingen in Fetzen herab und die Keller waren mit Wasser angefüllt, das sogar in den Verkaufsläden der innern Stadt theilweise über eine Elle hoch stand. Die Schloßenstücken wogen bis zu 10 Loth (170grm.). Da die Michaelismesse unmittelbar bevorstand, so mußte der Schaden, ohne Rücksicht auf die bedeutenden Kosten, so schnell wie nur irgend möglich, reparirt werden und Glaser, Schiefer- und Ziegeldecker erhielten sechs- und achtfache Löhne. Von allen Seiten der Windrose eilten auf diese Kunde die Arbeitskräfte herbei, aber trotzdem bedurfte es wochenlanger Arbeit, um die Schäden wenigstens einigermaßen zu ersetzen.