XXXIII.Auf der Wache der Turnerfeuerwehr.
Das Wachtlokal der Turnerfeuerwehr und Rettungscompagnie befand sich bis zur Auflösung beider Corporationen im Brühl, Ecke der Göthestraße, damalige städt. Fleischhallen und zwar in ursprünglich zum Verkaufsgewölbe eingerichteten Räumen. Groß war dasselbenicht und von übermäßigem Comfort war darin keine Rede. Im Hintergrund des ziemlich tiefen, aber nicht sehr breiten Lokals befanden sich nebeneinander die »Pfefferkuchen«vulgo»Matratzen« auf den Holzpritschen, auf denen des Schlafes bedürftige Wachtmannschaften sich ausstrecken und der Ruhe pflegen konnten, falls sie nicht die »Wache« hatten oder gar die Wache allarmirt wurde. Ein einfacher großer Holztisch und mehrere Stühle, eine Stechuhr zur Controlle der Wachthabenden, an den Wänden Pflöcke und Kleiderhalter und eine alte Wanduhr, dies war die ganze Einrichtung der »freiwilligen Wache.« Das Allarmiren nun ging früher, ehe die Wachtlokale mit der Polizeiwache telegraphisch verbunden waren, allerdings nicht ohne wirklichen Allarm vor sich. Da stürmten die Feuerglocken von den Thürmen, die Trommeln der Communalgarden rasselten durch die Straßen und die Feuersignale ertönten aus den Hörnern der Signalisten der Garnison und bei Nacht erschollen in diesen Chaos von Tönen noch der dumpfe Ton der Nachtwächterhörner, feuerrufende Menschen rannten durch die Straßen und von allen Seiten jagten Spritzen und Zubringer, Sturmfässer und Geräthewagen dem Ziele zu, welches von den Thürmern durch Herausstecken von Fahnen oder bei Nacht von Laternen als die Gegend, in welcher das Feuer ausgebrochen war, angedeutet wurde. Die zuerst am Brandplatz ankommende Spritze wurde prämiirt und diese Prämie haben sich die beiden freiwilligen Corps oft genug errungen. Waren doch ihre Mannschaften mit Leib und Seele bei der Sache und trotz des meist heiteren, geselligen Lebens, welches sich stets auf diesen Wachen entwickelte, stand dieselbe stets auf dem Sprunge, ihre übernommenen Pflichten auch voll und ganz auszuführen. Daß hierbei einige Mal sogar ein Uebereifer zu Tage trat, ist wohl entschuldbar. So hatten junge Mannschaften des 2.Zuges, die sich Nummer und Farbe ihrer Spritze noch nicht genau eingeprägt hatten, einst das Malheur, bei Feuerlärm einst am hellen Tage, statt ihrer Spritze, die der Rettungscompagnie aus dem gemeinschaftlichen Depôt an der ersten Bürgerschule zu ziehen und mit Unterstützung einiger hilfsbereiter Lehrbuben und Gesellen im vollen Lauf nach der Brandstelle zu fahren und dort in Thätigkeit zu setzen. Und — welche Freude! — ihre Spritze war die erste am Platze und erhielt die Prämie! — Aber — welche Enttäuschung, welche Spötteleien und gegenseitigen Vorwürfe, als das Versehen erkannt wurde und nun die Prämie der Rettungscompagnie zufiel! —
Beim Commers, nach Legung des Grundsteines zum Denkmal für die Völkerschlacht (Anno 1863 — Gott weiß, wann das Denkmal selbst erbaut wird) sang die Turnerfeuerwehr:
Wir und die Rettungscompagnie —Sahn oftmals uns kaum anUnd dennoch hatten wir uns nieEtwas zu Leid gethan.Woraus der Streit entstanden war,Ist Keinem recht bekanntUnd doch verging so manches Jahr —Eh’ er sein Ende fand etc. etc.
Wir und die Rettungscompagnie —Sahn oftmals uns kaum anUnd dennoch hatten wir uns nieEtwas zu Leid gethan.Woraus der Streit entstanden war,Ist Keinem recht bekanntUnd doch verging so manches Jahr —Eh’ er sein Ende fand etc. etc.
Wir und die Rettungscompagnie —Sahn oftmals uns kaum anUnd dennoch hatten wir uns nieEtwas zu Leid gethan.Woraus der Streit entstanden war,Ist Keinem recht bekanntUnd doch verging so manches Jahr —Eh’ er sein Ende fand etc. etc.
Wir und die Rettungscompagnie —
Sahn oftmals uns kaum an
Und dennoch hatten wir uns nie
Etwas zu Leid gethan.
Woraus der Streit entstanden war,
Ist Keinem recht bekannt
Und doch verging so manches Jahr —
Eh’ er sein Ende fand etc. etc.
Für alle Theilnehmer an diesen Wachen bildeten dieselben ein Vergnügen, und den Werth und die Bedeutung derselben für das kameradschaftliche Wesen lernte man eigentlich erst richtig erkennen, als man in der letzten Kneiperei der Turnerfeuerwehr am 22. Juli 1871 unter anderen Schwanen-Gesängen auch den Vers sang:
Nachdem zuvor im TageblattDie Gründe dargelegt man hat —Verschied zwar sanft — und dennoch schwer —Die Leipz’ger Turnerfeuerwehr!
Nachdem zuvor im TageblattDie Gründe dargelegt man hat —Verschied zwar sanft — und dennoch schwer —Die Leipz’ger Turnerfeuerwehr!
Nachdem zuvor im TageblattDie Gründe dargelegt man hat —Verschied zwar sanft — und dennoch schwer —Die Leipz’ger Turnerfeuerwehr!
Nachdem zuvor im Tageblatt
Die Gründe dargelegt man hat —
Verschied zwar sanft — und dennoch schwer —
Die Leipz’ger Turnerfeuerwehr!
Männer der besten Gesellschaftsklassen, aber auch einfache Gesellen und Handwerker gehörten der Truppean und alle verband das Gefühl echter kameradschaftlicher Freundschaft. Daß natürlich die Wachen der beiden Corps von den Wachen der berufsmäßigen Feuerwehr insofern bedeutend abwichen, als dieselben eben von den betreffenden Mannschaften mit Vergnügen bezogen und »abgeschraubt« wurden, ist selbstverständlich, und nicht nur ein geselliges, sondern auch oft genug ein feuchtfröhliches Treiben, so weit solches mit den übernommenen Pflichten vereinbar war, machte sich geltend. Scat und der solidere Schafkopf traten in ihr volles Recht und wurden weidlich »gedroschen«, oft aber waren auch Gäste »auf Wache«, die sich nicht »lumpen« ließen und zur allgemeinen Erheiterung mit beitrugen. An Letzterer fehlte es aber auch so nicht und so flog die Zeit von Abends 8 bis 2 Uhr vorüber. Erst um diese Zeit, wo die sogenannte »Hundewache« (von 2—4) begann, machte sich die Ermüdung geltend und die gefürchteten »Pfefferkuchen« (Matratzen) wurden aufgesucht. Gefürchtet aber waren diese Schmerzenslager wegen der Unmasse jener schwarzen Eindringlinge, die sich sogar oft genug bis zu Quälgeistern unsrer Damenwelt aufschwingen und also für den robusten Körper eines Feuerwehrmannes nicht die Spur von Achtung oder Nachsicht hatten. Das hopste und sprang lustig umher und zwickte und zwackte, daß männiglich nicht die zartesten Redensarten den Sprechwerkzeugen der also Gefolterten entquollen.
»Donnerwetter!« schrie einst, früh gegen 3 Uhr, als der Wachtcommandant, noch allein munter, bei der Stechuhr saß und las, ein Wehrmann und sprang mit gesträubtem Haar und einem neuen Fluche vom »Pfefferkuchen« herab.
»Was ist denn los?« rief erschrocken der Lesende.
»Donnerwetter« rief der Andere, seines Zeichens ein biederer Tanzlehrer, wieder und griff nach seinemHelm, als wollte er die Wache verlassen, »e Scorpion — e Scorpion hat mich gebissen — ich gehe heem!«
Der Wachtcommandant hatte alles Mögliche zu thun, ja mußte zuletzt seine ganze Autorität aufbieten, um den Aufgeregten zu beruhigen, der dabei blieb »e Scorpion« habe ihn gebissen.
Auch die anderen Mitglieder der Wache waren munter geworden und eine allgemeine Durchsuchung der »Pfefferkuchen« begann. Hei! wie das fröhlich hüpfte und sprang — und — man fand zwar keinen Scorpion — aber ein so riesiges Exemplar der Familie »Floh« wurde trotz der zu solchen Fängen nur wenig geschickten Hände der tapferen Turner gefangen und hingerichtet, daß es auf dem Tisch ordentlich »knallte« und es kein Wunder war, wenn der Jünger Terpsichores an einen Scorpion gedacht hatte. — —
Jedem von denen, die als Gäste einen solchen Wachtabend mit verleben durften, wird derselbe sicher unvergeßlich sein und manche bethätigten ihre Dankbarkeit dafür, daß sie der Wache »etwas stifteten«.
So hatte sich einst ein Meßfremder aus Nordhausen auf der Wache so gut amüsirt, daß er versprach, der Wache ein Fäßchen Nordhäuser — aber echten und alten — zu schicken. Aber als dieselbe Mannschaft nach 15 Tagen wieder auf Wache kam, fragten sie vergeblich nach dem Fäßchen und man lachte schließlich über das windige Versprechen. Wie ward aber den Guten zu Muthe, als sie bald darauf erfuhren, daß das Fäßchen allerdings richtig angekommen war, aber an einem von der Rettungscompagnie besetzten Abend, und da das Geschenk eben einfach an die »freiwillige Wache« adressirt war, so hatten sich die von der Rettungscompagnie nicht als Verächter der von einem »Pirnschen« gegebenen edlen Gottesgabe bewiesen und den Inhalt des Fäßchenszur allgemeinen, tiefgefühlten Entrüstung der Anderen — bis auf die Nagelprobe geleert. Ja — ja:
Wir und die Rettungscompagnie u. s. w.
Wir und die Rettungscompagnie u. s. w.
Wir und die Rettungscompagnie u. s. w.
Wir und die Rettungscompagnie u. s. w.
Und die — waren doch so unschuldig — so unschuldig. — Der Nordhäuser wurde aber als »ausgezeichnet« von ihnen gepriesen — nicht gerade zur Beruhigung der Anderen.
Feuerwehrleute im Wachlokal der Turnerfeuerwehr.Auf der Wache der Turnerfeuerwehr.
Auf der Wache der Turnerfeuerwehr.
Manche alten Kämpen der Turnerfeuerwehr und Rettungscompagnie werden frühere Mitglieder der beiden Corps auf unserem Bilde erkennen. Viele — viele von ihnen sind längst schlafen gegangen.
Es ist nicht zu leugnen, daß sich mit der Neuorganisation der Leipziger Feuerwehr zu einem möglichst organischen Ganzen, sich die Wache der freiwilligen Wehren allmälig als überflüssig — ja vielleicht sogar der allgemeinen Verwaltung — hinderlich erwies und so kam es denn, daß im Laufe der Zeit Zustände eintraten, bei denen die freiwilligen Wehren fühlen mußten, daß sie — entbehrlich waren und dies höheren Ortes längst anerkannt wurde. Das Beste wäre nun wohl gewesen, wenn man dies einfach und offen den Corps mitgetheilt hätte, statt dessen — und dies wohl wieder, weil man ihre früheren großen Dienste eben ganz und voll anerkannte — suchte man durch kleinliche Manöver mancher Art die Corps zu veranlassen, selbst zu gehen, und als dies denn endlich geschah, konnte man sich nicht wundern, daß Gefühle bitterer Enttäuschungen und Zurücksetzungen mit zum Ausbruch kamen, wenn auch nur innerhalb der letzten Versammlungen und geselligen Feste der Corps selbst.
Der Rath schrieb auch »Ich danke schön,Es ist schon gut — der Mohr kann geh’n —Gebt möglichst bald — am liebsten gleich,Die Blousen ab — und Euer Zeug!«D’rauf streckten alle das Gewehr —Mit Gurten, Flechen, Beilen schwer,Beladen sah man Manchen hin —Zu Brutus — unserm Hausmann zieh’n! u. s. w.
Der Rath schrieb auch »Ich danke schön,Es ist schon gut — der Mohr kann geh’n —Gebt möglichst bald — am liebsten gleich,Die Blousen ab — und Euer Zeug!«D’rauf streckten alle das Gewehr —Mit Gurten, Flechen, Beilen schwer,Beladen sah man Manchen hin —Zu Brutus — unserm Hausmann zieh’n! u. s. w.
Der Rath schrieb auch »Ich danke schön,Es ist schon gut — der Mohr kann geh’n —Gebt möglichst bald — am liebsten gleich,Die Blousen ab — und Euer Zeug!«
Der Rath schrieb auch »Ich danke schön,
Es ist schon gut — der Mohr kann geh’n —
Gebt möglichst bald — am liebsten gleich,
Die Blousen ab — und Euer Zeug!«
D’rauf streckten alle das Gewehr —Mit Gurten, Flechen, Beilen schwer,Beladen sah man Manchen hin —Zu Brutus — unserm Hausmann zieh’n! u. s. w.
D’rauf streckten alle das Gewehr —
Mit Gurten, Flechen, Beilen schwer,
Beladen sah man Manchen hin —
Zu Brutus — unserm Hausmann zieh’n! u. s. w.
sangen sie wehmüthig im letzten Commers am 22. Juli 1871 und daß man sie zwang freiwillig zu gehen, kam in den Versen eines anderen Liedes bei jenem Commers so recht schmerzlich zum Ausdruck. Da hieß es unter Anderem:
Der junge Baum, den in die Erde —Wir voller Hoffen einst gesenkt,Daß er ein Waldeskönig werde —Hat reiche Freude uns geschenkt.Er bot dem Wetter Trotz, der Starke,Und seine Krone brach kein Sturm —Nun aber nagt an seinem Marke,An seiner Lebenskraft der Wurm.Und soll er lange kläglich siechenWehrlos des gier’gen Wurmes Raub —Und endlich doch am Boden liegenMit dürrem Ast — und welkem Laub?— Nein — dreimal Nein! Die letzte LiebeGewährt ihm noch und zaudert nicht —Daß von der Axt und ihrem HiebeIn voller Pracht er niederbricht!
Der junge Baum, den in die Erde —Wir voller Hoffen einst gesenkt,Daß er ein Waldeskönig werde —Hat reiche Freude uns geschenkt.Er bot dem Wetter Trotz, der Starke,Und seine Krone brach kein Sturm —Nun aber nagt an seinem Marke,An seiner Lebenskraft der Wurm.Und soll er lange kläglich siechenWehrlos des gier’gen Wurmes Raub —Und endlich doch am Boden liegenMit dürrem Ast — und welkem Laub?— Nein — dreimal Nein! Die letzte LiebeGewährt ihm noch und zaudert nicht —Daß von der Axt und ihrem HiebeIn voller Pracht er niederbricht!
Der junge Baum, den in die Erde —Wir voller Hoffen einst gesenkt,Daß er ein Waldeskönig werde —Hat reiche Freude uns geschenkt.
Der junge Baum, den in die Erde —
Wir voller Hoffen einst gesenkt,
Daß er ein Waldeskönig werde —
Hat reiche Freude uns geschenkt.
Er bot dem Wetter Trotz, der Starke,Und seine Krone brach kein Sturm —Nun aber nagt an seinem Marke,An seiner Lebenskraft der Wurm.
Er bot dem Wetter Trotz, der Starke,
Und seine Krone brach kein Sturm —
Nun aber nagt an seinem Marke,
An seiner Lebenskraft der Wurm.
Und soll er lange kläglich siechenWehrlos des gier’gen Wurmes Raub —Und endlich doch am Boden liegenMit dürrem Ast — und welkem Laub?— Nein — dreimal Nein! Die letzte LiebeGewährt ihm noch und zaudert nicht —Daß von der Axt und ihrem HiebeIn voller Pracht er niederbricht!
Und soll er lange kläglich siechen
Wehrlos des gier’gen Wurmes Raub —
Und endlich doch am Boden liegen
Mit dürrem Ast — und welkem Laub?
— Nein — dreimal Nein! Die letzte Liebe
Gewährt ihm noch und zaudert nicht —
Daß von der Axt und ihrem Hiebe
In voller Pracht er niederbricht!
Mehr als zwanzig Jahre sind seitdem verflossen, aber die Geschichte der freiwilligen Turnerfeuerwehr und der etwas später ebenfalls aufgelösten Rettungscompagnie ist mit der Leipzigs eng verflochten geblieben und den beiden Corps gebührt für immer ein Ehrenblatt in der Chronik unserer Vaterstadt.