Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- und Sinnengestalt, im Uferlosen meiner Gedanken war kein Halt zu finden. Der Wert meiner Hoffnung erzitterte und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide, wie ein verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, hellem Stoff und fiel und schmiegte sich, als sei der leichte Sommerwind ein Meister, der mit diesen wehenden Hüllen den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, wie der Wert im Gold, gingen nicht nur ihre Frauenschritte auf dem weichen Moosboden, sondern sie rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch, die warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.
»Pflück' die Blume dort, Kaja!«
Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir.
»Wozu? Was willst du damit?«
Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in einem tierhaften Blick von Prüfung und Gunst.
»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre Neigung des Kopfs, der zaghafte Schritt voran und ihre Hand in meiner taten einen Himmel von wilder Freiheit auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, warmer Wind und ein Licht, das uns taumelnd machte und in eine herbe Verzücktheit von Lust und Unschuld hob.
Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, sie lagen bald hier und dort im Sand umher, bei meinen groben Stiefeln, die einst der Schuster Stevenhagen geflickt hatte.
Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in jener herben Kraft der leichten Enttäuschung, die sie nach den schwülen und süßen Ahnungen des Begehrens mit sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie langsam ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt und unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie nichts zu beachten, das ihre Dargebotenheit milderte, sie lachte nicht und ihr besonnener Ernst im Genuß aller Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb um und rief mir etwas zu, das die Brandung verschlang. In der ungeheuerlichen Linie der Meerbucht, im Sonnenall der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.
Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, die das Meer mit sich bringt, sein herber Duft, die Wasserschwere, der Glanz der grünlichen Wogenberge verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer freieren Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere Seelen, wie Wiedergeborene schwebten wir in gelinder Kampfesmühe über der unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, in weitausholenden Regungen der Glieder befriedigt, berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element aufzunehmen vermag.
Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper, Kaja saß aufrecht und sah in die Weite. Ihr frauenhaftesMädchenhaupt mit der gehaltenen und klargeschiedenen Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden Himmel ab, in frommer Majestät. Die liebliche Vollendung der Natur in diesem herrlichen Gebilde erschütterte mich tief und die Unnahbarkeit dieser Pracht und Fülle nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, dachte ich, und nun — ist es denn Wahrheit? — würdest du mir zürnen, wenn ich nicht mit aller Macht meiner Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines Wunsches würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück stärker als meine andächtige Besinnung wird, ich kann nicht schuldig werden durch Willkür und Tun, die Allmacht der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu mir kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, du Schmerz und Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner Andacht soll deine Fackel brechen, stärker als sie.
»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte Kaja plötzlich und lächelte fragend, »dann ist mir, als sammelte sich in dir dunkles Feuer, und ich fürchte mich. Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich deine Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen Schwester. — Wenn du mich berührst, wirst du ruhiger, ich fühle es ... Wie nennst du mich? Ach, sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß du gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich durch lauter Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein Wort genügte, aber das gibt es nicht unter den menschlichen Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männeralle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort auch nicht, aber seinen Sinn. Ich habe und weiß und behalte ihn heute. Ich bin da, und ihr sagt es mit tausend Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht bin ich klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du bist jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, obgleich du mich ein Kind nennst. Ich höre dies und alles, als hätte ich es schon tausend Jahre lang gehört!«
»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, das Wasser glitzert und trägt dein leichtes Boot. >Das Licht spiegelt sich in den Wellen und in meinen Augen!< rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«
»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.
»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«
»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.«
»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!«
»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du, daß ich dich manchmal beneide?«
»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick.
Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die Antwort geben, ihr Kopf kam mir nah und ich spürte ihren Atem, den Lebensduft der Frage, die sie tat, die Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen Leib.
Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, nach all den Tagen der heißen und herrlichen Freiheit, die mich durch Wald und Wogen um ihr stilles Haus geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandeltergepeinigt, im Schein der großen Erinnerung, die wie die Sonne über allen Stunden stand, war mir der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.
Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen am Teetisch ein junger Herr. Was war natürlicher und was hätte mich mehr in eine planlose Bestürzung werfen können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend aufzubringen vermochte, beschleunigte meinen Schritt und tat, als wollte ich wieder gehen, noch ehe ich recht angekommen war.
Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung, Tante Mimseys zarte Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten mich, ich fand darüber meinen Weg, der als ein Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen, alten Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu machen. Sie nahm sich meiner gütig an, wie griff sie gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.
Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in meiner; sichere, lebendige Augen prüften mich unbefangen, ein klein wenig spöttisch, aber nicht mehr, als man einem Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das Recht zugesteht, die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er war groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller Blick glitzerte ein wenig, aber nicht hart, sondern fröhlich und klug. Seine Züge, alles andere als knabenhaft, waren eindringliche Lebensrunen, die von Erlebnissensprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es schien, als sei er gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn herantraten, seine Zurückhaltung war selbstbewußt. »Eberhard« verstand ich; wo war doch der Name schon gefallen?
Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht ein wenig ernster als sonst. Was bedeutete dieser Ernst? Ich wappnete mein Herz in bebenden Klammern des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft nicht, die in mir erwachte.
Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach den Resultaten meiner Forschungen zu fragen, ich mußte so antworten, daß mir unter gleichmütigeren Fragen einer späteren Prüfung von anderer Seite zwei Wege offen blieben.
»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet überfallen«, erzählte mir Kaja und sah an mir vorüber, während sie sprach, so daß ich nur eine törichte Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn in alle Richtungen und verstand nur das, was nicht für sie bestimmt war. Endlich gab sie es auf, teilzunehmen und kraute Niko.
»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich Vetter Eberhard.
Kaja sah mich an.
Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, wenn auch durchaus liebenswürdiger Hohn. Er sah an meiner Kleidung so augenfällig vorbei, daß sie mir auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung:
»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen. In der Hauptsache beschäftigt mich jedoch der Mensch, und an ihm vornehmlich sein sonderbarer Hang, Fragen zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben wünscht.«
Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von einer noch so feinen Regung ihrer Lippen hätte nehmen können.
Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme erst nun erwacht.
»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner alten Tante eine gediegene Grundlage, um Ihre Bildung zu vervollkommnen. Sie hört nur leider etwas schwer.«
»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft nicht immer vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr liegt natürlich nahe. Es soll dann gewöhnlich damit anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten ihren Sinn versteht.«
Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte sie mir helfen zu müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:
»Warum lachen Sie?« fragte ich.
»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der Menschen zu erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?« antwortete sie kühl.
Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich schwieg und sah vormichhin. Warum habe ich die Hand geschlagen, die sich mir bot, dachte ich, warum vermute ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind? Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst du, daß meine schreckliche Hilflosigkeit in den Augen Gleichgültiger deutlich wird, wie sie den Augen deinerLiebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht, daß ich böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?
Plötzlich hätte ich lachen mögen undbeidendie Hände reichen. Vetter Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen. Mit heiterer Unbekümmertheit betrachtete er mich, es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz zu bestehen, von der Sorge zu unterliegen, trübte das kluge Gesicht. Er fragte mich nicht mehr, da ich doch ungern zu antworten schien, auch so waren die Welt und ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach mit ihr, als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag auf dem Tisch. Ich maß die Entfernung zwischen ihr und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit erschien, war für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.
Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin.
»Rauchen Sie?« fragte er freundlich.
Ich lehnte ab, ohne zu danken.
»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie rauchen ja, Kaja erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre ganzen Tabakbestände vernichtet haben. Oder ist das zuviel gesagt?«
Ich sah ihn an und antwortete:
»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich wissen lassen wollten.«
»Wieso? — Also Sie rauchen jetzt nicht ...«
Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch und durch von einer großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine Augen sahen in ihren Zügen nur ein gleichmäßig-holdesLächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war ein wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das unsere Rede nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys leise Zurückgesetztheit, an diese zärtliche Beachtung aller Einzelheiten, die das alte Fräulein so rührend zur Schau trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun und Sprechen zu verbergen trachtete.
Nun sah Kaja mich an und sagte:
»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst, vielleicht am Strand, wie sonst?«
»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,« sagte ich leichthin zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen sehr dankbar. Für den Heimweg nehme ich sie gern.«
»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht, wie Sie vielleicht glauben.«
Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister der Zuversicht und Not wechselten miteinander ab, Wolken zogen über den Mond, der nur selten sein klares Licht in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte die See rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten, die sich zu mir drängten oder weit abrückten. Bald rang ich um Schlaf und bald um Kraft, aber beide mieden mich und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. Was soll ich dir gestehen, damit du mir Ruhe gibst?
Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich erhob mich nicht, weil ich die langen Morgenstundenfürchtete und die entkräftigenden Schwankungen des Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres, süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und an den hellen Gram seiner Täler. Unter den beinahe finsteren Baumkronen ist es kühl, von großer Weite und ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus den bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie schweben als bunte, lautlose Vögel durch den Frieden der Fluren. Bald dieser, bald jener läßt sich auf unserer Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des atmenden Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll sich am Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen der Nebelstrich, das ist der vergangene Tag.
Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die Eimer klapperten, sie ging zum Brunnen. Ich will gehen und ihr helfen, dachte ich, und blieb liegen und begleitete sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab, langsam gemeinsam herauf. Han hatte über dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock an, und wir drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein wenig und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern, die beiden Eimer hoben sich mit ihr und sie ging langsam ins Haus. Nein, wir sprachen nicht, Han war noch schweigsamer geworden.
Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond noch. Der Horizont über dem Meer war von mattem, bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob. Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt sich aus. Ich dachte an jenen Tag, den ich emporkommensah, nachdem ich Kaja zum erstenmal umarmt hatte. Endlich tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber die Macht ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten Sinne, ihr Licht betäubte mich und ich schlief ein.
Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen Schlaf: Ich sah Kaja nackt am Strand über den feuchten Sand laufen, dicht an der Brandung, die ihre Schaumseen nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja lief wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes Haar wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ. Sie lief ein wenig ungeschickt, und mir war, als schrie sie helle, kurze Schreie, wie über ihr die Möwen. Es waren zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie dahintrieben, bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand fallen ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am fernen Strand liegen blieb. —
Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen niedergelegt haben, den Kaja mir genannt hatte, denn ich schrak von ihrer Stimme empor. Ihr Blick in meine erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren Augen, dem ich noch niemals begegnet war. Es war eine wehmütige Erwartung darin, als wenn ihr Mund ein mütterliches Wort gesprochen hätte.
»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich.
»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.«
»Doch nicht hier, die ganze Nacht?«
»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett geschlafen.«
»Bleib, wir wollen jetzt nichtbaden.«
Sie sah sich um.
»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge, wieviel erfuhr ich doch da über dich, wie naiv du bist und zugleich wie listig, klug und töricht, unvorsichtig und schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich sprach rasch und beiläufig, als wollte ich erst auf das kommen, was mich wesentlich bewegte.
Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an:
»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für mich wird sich alles zu einem Ganzen vereinen, was dir, im Traum, wie du sagst, so willkürlich zusammengesetzt erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich meine oft,« fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst >tun<, nachdem sie es geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend in grauer Mühe verstreichen. Sie sind schwach, nichts als das.« Sie lachte leise vor sich hin. »Im Grunde bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber mich laß in Ruh.«
»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre sie längst zerfallen. Sie hat eine tiefe Beziehung zum Wert des Menschen.«
»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh hin und sage das den Männern. Ich bin ein Weib. Ich fühle mich eurer Gemeinschaft nicht zugehörig, und solange ich keine Anforderungen an euch stelle, versündige ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe. Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, weitere Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.«
Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den Stielen, um sie kürzer zu machen.
»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja? Das alles ist es ja nicht, wenn du mich doch einmal anhören wolltest. Weißt du, was du tust, wenn du dich außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich gekränkt?«
»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie zog die Hand über ihr Haar und runzelte forschend die Brauen.
»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte dich ändern, dich bessern. Ich liebe dich!«
»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte sie die Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit es zu mildern.
»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein Herz davon. Du sollst mich anhören, weil ich nicht schweigen kann und reden muß, aber ich spreche nicht in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer du bist, aber ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich fügte in meinen Gedanken hinzu: Töricht bin ich, töricht.
»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja, »füge doch hinzu, daß du glücklich wärst, wenn du mich verachten könntest.«
»Du bist klug wie Feuer.«
»Ist das Feuer klug?«
»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts von der Liebe.«
»Leuchtet es nicht?«
»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen Dasein braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was es braucht, und alles, was es hindert.«
»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«, sagte sie, einen Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein gefährlicher Mensch, du raubst der Natur ihre Ruhe.«
»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn begreife. Ich bin ein Mensch, sonst nichts. Glaubst du denn, ich klagte dich an, um mich zu verteidigen, oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, es ist umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug so sein, daß ich mich gering mache, um zu rechtfertigen. Es soll nichts von mir gelten, als daß ich hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied. In solcher Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit des Vergänglichen beginnt das Menschenbewußtsein, erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr Wirken. Ich habe einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die Lebensbereiche derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind haben werde, so ist es ihr Frieden, wenn ich etwas zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe zerstören, wenn meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen ihren Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist tötet. Eine furchtbare Macht wird auf meiner Seite sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar, das ist die Jugend ...«
Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem Blick an, der tief sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein Herz blutete darunter, denn ich fühlte eine Zustimmungvoll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne Gemeinschaft. Aber sie wußte es nicht, sie sagte:
»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch allein.«
»Weshalb sagst du das?«
»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist Gott, oder die Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie willst du zu ihm kommen?«
»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!«
Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er schmerzte mich, als sei meine Hoffnung unsühnbar und eine ewige Schuld.
»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich dich mißachten könnte, wenn ich dich nehmen und genießen könnte, wie du genommen und genossen sein willst. Ich kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube ich. Sieh, mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit lauter Klage vor deinem Wesen auf, sie sucht die Augen ihrer selbst, ihren einzigen Blick, und macht mich ungewiß und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du bist, wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand oder Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie Aussprechbare. Es ist nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht Heimat, alles das ist zu wenig, es gibt kein Wort. Das Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort, Kaja.«
»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie meine letzten Worte überging, »so müßte doch dein Hinnehmen nicht abhängig sein von meiner Tugend oder Untugend.«
»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber meine Hingabe ist davon abhängig! Nicht jenes Glück, von dem du sprichst, und das du reich und beseligend austeilst, nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein anderes, das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst mich mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen Heimweh nach ewigem Bestand.«
Sie sah mich unruhig und böse an.
»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie ungeduldig.
»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem Augenblick begriff ich, daß ein Mensch einen anderen zu töten vermag. Aber gleichzeitig fühlte ich meine Liebe zu diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die fernen blauen Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können und Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses lieblichen süßen Scheins, der auf ihrer nackten Schulter lag und im Fall ihres hellen Haars. Aber weder die Berge noch der holde Schein weichen im Frühling auf unser Geheiß von uns.
Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich dieser Welt niemals anders Herr zu werden vermöchte, als indem ich sie ganz erlitt.
Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten Sonne auf das Dorf zu. Die Möwen flogen über den Wellen und der Horizont über dem Wasser verschmolz in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne waren Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht die Dinge verschmelzen und ineinander übergehen, sondern im Licht, in einem Glanz, der nicht blendete. Ich bin wiejenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos wanderte, um den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde berührt.
Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von Himmel und Erde der Trost liegt, und nicht in der Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt, wie ein Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt mir, ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, daß meine Betrübnis daher stammte, daß sie mir verloren war, aber ich wußte in heimlichen Gründen der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und daß sie nicht allein sein würde.
Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken, die über dem grünen Bogen der Landschaft, im Blauen, auf das Meer zu wanderten, aber die Betrübnis, die mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor Schmerzen blind und taumelnd: Es muß etwas geben, es muß etwas geben ... warum quält mich mein übergroßes Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen, ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott ans Herz legen und möchte es glauben, ohne Zweifel und ohne Not. Ich möchte es glauben, wie das Wasser zu Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es sein ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das ich habe, das in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: Ich und mein Glück. Ich will es sein, ganz sein! Es darf keine Macht im Himmel und auf der Erde geben, die es betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines Liebesglückswillen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen und Traurigkeit.
So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, wie in Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne scheint und warmer Regen niedergeht, in denen der Acker taut und keimt, in denen die Quellen der Berge sich im Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, in denen im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen und dahinsinken, die nicht bestimmt waren, Früchte zu tragen.
Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der Seele in jener holden Ungewißheit verstreichen soll, die uns mit Ungeduld und unstillbarem Verlangen erfüllt, und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß der Erde, die warme Brust der Mutter, die Süßigkeit unseres Traums der Zugehörigkeit zu ihrem dunkeln Reich der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem Widerschein des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, bis das Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde und Himmel vor den Augen unserer Seele öffnen. Das ist der Scheideweg, die Stunde unseres Abschieds von der Mutter, um zum Vater emporzufinden.
Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht nach unserem Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne Hoffnung unter dem Kreuz und kennt den auferstandenen Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach, sich im Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit nur ein Gleichnis der Wahrheit ist. Aber je weniger diehohe Forderung sich im Vergänglichen bewähren kann,— ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! — um so mächtiger blüht ihr Glanz über der Welt auf. Weil es auf der Erde nicht hat sein können, wie ich gefordert habe, deshalb fordere ich dreifach und hundertfach! Und wunderbar! Indem ich nicht ruhe, und mein heiliger Eifer überhand nimmt, strahlt mir die schöne Welt der vergänglichen Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und mir zugetan, nicht aufgabst zu fordern?
Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und Han verbrachte, nachts in den Garten des Wasserschlößchens schlich, kaum noch ein Mensch, hörte ich Stimmen in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich verdunkelt, dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und es tröpfelte aus dem Ahorn auf mich nieder, die Kühle der Sommernacht war voller Gerüche, und jeder barg ein Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl waren die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über den wachsenden Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung voller Hoffnung und Schicksal.
Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch die nassen beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit diesem Klang kam mich ein schauriges Frieren an, es legte sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als ob dieses unnennbare, zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen aus ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern vonihrem nackten Leib aufstieg, der in einer furchtbaren Weise preisgegeben sein mußte. Wie glühende Schneiden zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern und Funken.
Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den Schrei des Schmerzes mit einem Jubelruf verwechseln können, den Seufzer der Erhobenheit mit dem Stöhnen der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben oder Tod gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu irren in der Stille der Nacht oder im Trubel des Marktes dies eine, dies unfaßbare und doch so überdeutliche Vibrieren im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige Feuer der Lüsternheit entzündet hat.
Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme eines Mannes, jenen tiefen singenden Klang, der dem Ohr des Mannes zu den qualvollsten Geräuschen des Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme. Ich entsinne mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger Lustbarkeit mich viel später im Leben mit einem Mädchen zusammenführte, um dessen billige Gunst der Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches warb, und über deren Schulter ich im Spiegel für einen kurzen Augenblick mein unbewachtes Gesicht sah. Ich versteinerte über diesen Zügen und floh wie vor einem geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.
Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu deutlich, zu wahr, als daß ich sie schon im Bewußtsein verstand? Gibt es eine Wahrnehmungsfähigkeit desGemüts, rascher als die der Sinne, und sind wir zuweilen eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es kam mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein Lachen von grauser Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht und mitleidig. Arme, kleine Kaja, lachte ich vor mich hin, hat es dich in den Krallen und schüttelt es dich, arme Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums? Und über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas wie eine gutmütige Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester da oben, du lieber Irgendwer.
Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens in eine andere Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen Kerl bei sich, einen Mann im Bett, heimlich bei Nacht, wie ein Dienstbote, wie —— wie einst mich. War ich nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen gewesen? Und nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und versuchte, mir die Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit zuzuwerfen. Aber wohin sollte ich mich wenden? Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich allein auf der Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht flüchten, sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir in der Schule hatten singen müssen.
Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von einem Menschen, der sich im Zimmer bückte, zwei Hände zum Vorschein und zogen langsam und leise die beiden Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir und Kaja entstanden, für immer.
Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch einen Wald gegangen ist, vermag wenig Einzelheiten inseinem Gedächtnis festzuhalten, weil die Bilder unvorhergesehen wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares Bild der Natur hervorbringen. Es ist die grell, in bengalischem Grün aufflammende Waldwildnis, ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht, dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden Wasser und im betäubenden Krachen des Donners verwildert. Der neue Eindruck folgt so rasch dem kaum erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste bestreiten und zu einem einzigen Gesamtempfinden von Grauen, Angst, Ergriffenheit und Andacht verschmelzen. Wohl bleibt hier ein durchleuchteter Wassersturz, dort eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte Baumkronenwolke in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu stark von allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente verwoben, als daß wir ihr Beschauer und Beurteiler blieben.
So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem Erlebnis vor Kajas Zimmerfenster folgten. Es war schon morgendämmrig, als ich in mein Fenster einstieg. Im unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden erhob und zitternd vor mir stand.
»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg bebend.
Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer? dachte ich. Han ist die Hausgenossin eines Fischers am Meer, am Meer, an dem ich weile, aus diesem oder jenem Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet.
»Geh, Han, und schlaf.«
Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren Knieen.
»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das Frühlicht auf deinem Scheitel, der hell schimmert.«
»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist traurig ...«
»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch traurig wird man zuweilen, nimmt dies und das, ein Mensch, wie es kommt.«
»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so iß doch, stärke dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht warum.«
So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein in der leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum. Ich sah sie an und hörte ihre Worte, und es lief mir aus den Augen über mein Gesicht und tropfte auf den Boden in der Stille, so daß ich es hörte. —
Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ihre Strahlen sanken schräg an meinem Fenster vorüber und streiften die Hauswand, an der farbige Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer beweglichen Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten klang die Stimme Lüdersens und verstummte, es herrschte draußen wieder die große Sonnenstille des Sommers.
Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war neu geteert worden und duftete so stark, daß sein Hauch mich wie eine Glutwelle überfiel. Das Wasser flüsterte kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein nacheinander heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflutschläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber und erblickte fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas rote Kappe leuchtete, und hinter diesen bildhaft feinen, fernen Strandfigürchen war die Weite lichtblau und verschwommen, ein Traumtal ohne Ende.
Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten arbeitete.
»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern eintrat, »ich wollte nur ...«
»Hast du Geld, Han?«
»Geld?«
»Antworte.«
»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der Kommode.«
»Und anderswo?«
»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr als hundert Taler.«
»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.«
Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins Zimmer.
»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen Lächeln ihre von der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust. »Gleich, sogleich, aber geh derweil nicht fort.«
Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das schmale Heft gab, das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt und mit einem Bändchen verschnürt war.
»Kommst du wieder?« fragte sie.
Ich nickte, nahm das Buch und ging fort.
Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen, es ging zwischen Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder,auch hier und da durch Wald. Ich sah Windmühlen munter am Werk, und hörte die Stimmen der Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs sagte ich mir, daß ich Hans erspartes Geld nicht nehmen dürfte, aber woher sollte ich die Mittel erlangen, um den Plan ausführen zu können, der mich beschäftige? Und war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der sich meiner bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter Vogel auf der Tenne eines Bauernhauses unter den Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht, ob es mir ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht wußte, was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht hätte vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine gnädige Führung meines Geschicks ließ mich an jenem Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte meiner Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und einfältiges Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich im Bann der armen lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten Hoffnung, um mich so vor einer Untat zu bewahren, die mich hätte verderben können.
Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme und erstand mir Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen ich bedurfte, um der äußeren Erscheinung nach in einen Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir, an mir wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich erschrak, als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte und zog den Hut. Es fehlte mir jetzt nichts mehr, sogar ein paar Handschuhe besaß ich und einen Stock mit verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche undbemerkte plötzlich, daß ich weinte. Darüber mußte ich lachen, und ich bemühte mich, diesen Umstand der Tränen zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich auffiel. Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden über diesen Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen, und ich würde es wohl verstanden haben, mich, wie einen anvertrauten Schützling, an den mich eine beiläufige Teilnahme band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert einem wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige Aufmerksamkeit, die die Höflichkeit vorschreibt, wenn er sittsam zu sprechen versteht?
Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir geschah, und ein heiteres Angesicht zur Schau zu tragen. Auf dem Heimweg schreckte mich der Staub der Straße, weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte gegen vier Uhr sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate anlangte, er war zum Fischfang draußen und Han empfing mich unter der offenen Tür des Hauses.
»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die Hände zusammen und wagte nicht mehr, mich mit du anzureden.
»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug ihre Augen nieder, um ihr Glück nicht zu verraten.
Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer in mir aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung, ich fürchtete ihre Zustimmung und Freude und mir graute davor, daß ein Trostschimmer in mir aufflammte, als riefe ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als gäbe esim Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber schon ein einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte führen können, erschütterte mich grausam, da er mich an die Abgründe der heimlichen Gewißheit führte, die mich langsam verzehrte. Ich darf nicht denken, dachte ich, es gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte ich vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken töten sollte.
Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, sie erschrak heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen hatte, weit mehr erschien, als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung gewesen war. Mit einem unbewußten Lächeln der Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben, barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf. Es gehörte nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück schmälern.
Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse denke, die nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, der heute schreibt, der gleiche, der einst neben mir herschritt, als ich zum Wasserschlößchen ging, nicht aber der, der alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins mit mir, wie wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und sah mich mit spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute sehe ich mich noch dahinschreiten, aber meine Augen spotten nicht mehr. Wohl denen, welchen mit der Erinnerung Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und nicht Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschenglauben, der mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. Nur aus wahrhaftiger Glut und Tränen steigt uns die Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie beschämt, weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz unseres Daseins.
Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, als den Menschen, die ich kenne und die ich oft darum beneidet habe, daß sie sich ihrem Schmerz ganz hinzugeben vermochten. Sie können schwer verlieren und leicht vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen. Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und euch, denn ich mag nicht darüber sprechen. Auf einem schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah ich einst einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen Körper von Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine ruhigen Augen schienen seine Peiniger zu betrachten. Mir war, als müsse ich die Pfeile aus seinem Körper ziehen, damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden, darum wollte ich es nicht, in meinen Gedanken, denn ich beneidete ihn glühend um das, was er sah. —
So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele am Strand dahin, den ich gut kannte. Die schwarzen Rippen des alten Wracks starrten aus dem Sand empor und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene Staffelei, ein kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom Meer her in den Garten einzudringen, da mich dort die großen, verwilderten Baumgebüsche noch eine Weile schützten.
Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich Kajas Stimme in der Nähe und blieb stehen. Ich erblickte sie neben Eberhard unter einer der Buchen, deren Stamm von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich am Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. Sie trug ihr leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, und ihr Haar war nur flüchtig, in einem feuchten Knoten, tief zwischen den Schultern gehalten. Offenbar kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und trug ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen hüllten ihre Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe ihres Kleids verwob sich mit dem Licht, das in Goldflecken durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle ihres Körpers schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe gewährten. Ich spürte ihren Duft und hörte den Schlag ihres Bluts, ich schmeckte die bleichen Schatten dieses Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie Wein.
»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard mit böser, ein wenig verschleierter Stimme. »Ich bin nicht dein Narr, und deine Späße gefallen mir nicht. Für wen hältst du mich? — Wo warst du?«
Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, zu der ihn sein schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, halb abgewandt und den schönen Kopf schräg nach ihr hinübergerichtet, so daß ich sein jugendlich kühnes Profil über seiner Schulter sah.
Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre leise Art, eher mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in Worten deutlich, und sonderbar schüchtern, unterwürfigwie aus Anteillosigkeit, aber zugleich herausfordernd. Bat sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit getragen und hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer Zurückhaltung.
»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge Mann barsch. »Ich habe mir deine Kammertür nicht geöffnet, um von dir eingeschlossen zu werden. Glaubst du, deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache mir aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! Was dir noch fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit du endlich zum Genuß deiner Freiheit kommst. Das willst du! Und das ...«
Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über die Schulter ... wieder, ein drittes Mal. Er stand da wie aus hartem Holz, unbeweglich. Lau und hell, ohne Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen nieder, umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und heiß darauf.
»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den Blick zu ihm empor.
»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete er, »wir wollen im Stil bleiben. Steh auf! Komm mit!«
Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so fest umschlingend, daß ihr das Gehen beinahe unmöglich war, aber so schien es ihm recht zu sein. Wie ein nachsichtiger Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr herab, verächtlich und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot,sah ich ihn doch als einen gefügigen Sklaven und bebte vor Kajas Macht. »Das willst du! Und das ...« klang sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines Steins im zerspringenden Glas nachklingt. —
Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie sah, daß ich mein Bündel und meinen Stock bei mir hatte. Ich war stundenlang um das Haus geirrt, um sie zu finden.
»Du gehst?« fragte sie.
»Ja, Kaja, ich gehe.«
»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«
Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen, solange ich lebe.
Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann damit, denn ich vermochte mich nicht mehr aufrecht zu halten.
»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir steht die Welt offen, nichts ist dir verschlossen, und vielleicht bringst du es zu etwas. Wer weiß ...«
»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht immer. Es ist mir nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen, und welche Gaben meiner Natur erlaubten mir auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir haben viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über mich gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden, auch ist es wohl so, daß man über sich einem Menschen nicht viel mehr zu sagen vermag, als er selber spürt.«
»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja.
Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht, aber das Meer ging bewegt, und sein Rauschen fiel in unsere Stimmen. Kaja schien leicht zu frösteln, denn sie war sommerlich bekleidet, und ihre Arme waren unbedeckt, wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer wie ein lebendiges Gut.
»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ... oder?«
Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und ihre Augen, unberührt wie die eines Kindes, senkten sich und schienen ohne Eifer zu warten.
»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat mich, es dir zu bestellen. Willst du ihr nicht noch die Hand drücken? Sie hat dich sehr ins Herz geschlossen.«
»Weiß sie denn, daß ich fort will?«
»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...«
»Du hast es ihr gesagt ...«
»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und sich nach Westen hält, so kommt man in eine schöne Gegend, die bewaldet ist und Seen hat. Ich war mit einem ... mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...«
»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel unterwegs ist wie ich, der sieht mancherlei. Solche Orte haben Beschaulichkeit und Besinnung für sich, und man verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln oder zu rüsten, nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung. Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie zuweilen aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen,stillen Wasser erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter diesen Bäumen, als müßte ich mich auf ihre Wipfel stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu schauen. Nein, das Meer ist es nicht.«
»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte Kaja nach einer Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde ich unabhängig sein. Hier ist es still und langweilig.«
Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine Weile vor uns auf einen Halm des zähen Deichgrases nieder und gaukelte dann auf das Meer hinaus. Er entschwand bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja ließ den trockenen Sand durch die Finger gleiten.
»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer Weile die Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete ein haltloses Lächeln ihre Worte, und diesmal war mir als verscheuche sie in ihm etwas wie eine flüchtige Regung des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr langsam fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast etwas anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen, aber wie soll ich es tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich es für unnütz halte, sondern weil ich es nicht kann. Möchtest du doch scheiden und glauben, ich sei glücklich; wenn du das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du keine Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, das ist deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute Reise, Lieber.«
Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten uns ab, und ich schritt davon, ohne mich umzusehen. —
Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor Fuß, als träte ich eine sinnlose Maschine. Ich muß wohlzu Boden geschaut haben, denn ich sehe noch heute den Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen, Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter, da der Sommer vorgeschritten war. Ich häufe und mehre etwas zwischen ihr und mir, dachte ich, es wird langsam, mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb stehen, ohne den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. Es waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir längst gewohnt sind zu überhören, die Wanderstimmen der Luft und das Flüstern von Pflanzen, Insektensummen und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. Auch erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde bin ich, dachte ich, ach könnte ich sie, die unerreichbare, unübersehbare, zwischen dich und mich legen. Aber du sollst nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr tragt schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach und Wut, und ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!
Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. Der eine Fuß am Boden rief mit dumpfem Aufschlag: Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und mir war, als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort auflesen, sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust, und ich mußte die Last schleppen. Wie licht hat es mir doch durch manche Träne des Abschieds einst geschimmert, aber nun wird es umher dunkler und dunkler.
Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der mich aufnahm. Ich schritt tief gebeugt, und meine Hände hingen herab, mein Schritt klang nicht mehr, denn ichhatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen können, mir war zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende unter mir, die sich zwischen mich und mein Leben legte, mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten hatten.
Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing mich in der Waldtiefe so mächtig, daß ich an einem Baumstamm niedersank. Die Berührung meines ganzen Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie mich, mir war, als sänke die gesammelte Last des Wegs neben mich in die Pflanzen, und das Moos kühlte die Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen, und die Augen schlossen sich.
Ich schlief vor Schwäche ein, und langsam hellte die Luft um mich her sich wunderartig auf, so daß die Umrisse der Bäume und Büsche im Licht vergingen, das immer klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz, als käme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und als ihre Augen den meinen begegneten, erstrahlte mein Wesen durch und durch. Sie hob ihre Hand und rief laut:
»Stehe auf! Stehe auf!«