Das Meer

Ich möchte dich beglückenund kann nicht dunkel sein.So tritt mit deinem Zweifelin meiner Liebe Schein.Mich quält nur eine Frage:Hast du mich lieb, sag an?!So bleib in diesem Lichte,das ich nicht trüben kann.Frag nicht, weshalb ich frage.Aus Zweifel frag ich nicht.Es gibt nur eine Klageder Liebe, die umLicht.«

Ich möchte dich beglückenund kann nicht dunkel sein.So tritt mit deinem Zweifelin meiner Liebe Schein.

Mich quält nur eine Frage:Hast du mich lieb, sag an?!So bleib in diesem Lichte,das ich nicht trüben kann.

Frag nicht, weshalb ich frage.Aus Zweifel frag ich nicht.Es gibt nur eine Klageder Liebe, die umLicht.«

Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern der Stadt und verkündete seine Gegenwart überall. Meinem Kammerfenster gegenüber, an der Hofseite des Nachbarhauses, hoch am Giebel, begann ein altes Mütterchen ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein kleines grünes Gitter, und die Alte arbeitete mit einem Blechlöffel in der Erde, unter dem Giebel ihres Dachfensters. Wenn mittags die Sonne schien, hing sie ihren Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme schmetterte in warmen Stunden durch die öden Hallen der Höfe. Man hörte auch wieder Kinderstimmen, und überall standen die Fenster offen. Die Weiber schnatterten auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des Morgens erwachte.

Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen umwehte, sehnte ich mich danach, die Stadt zu verlassen. Wohl entfloh ich zuweilen ihren Häusermauern, aber das öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht, sondern stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen und Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer Stimme, die mich überwältigte. Ihr Gesang war überredender und süßer, als ich ihn jemals in der Freiheit der Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern wie eine Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und plötzlich verstand ich in einem ganz neuen Sinn das Wort: »Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird sie verlieren.«

Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und ihre Beengung. Nun blüht draußen der Frühling über Wäldern und Wiesen, dachte ich, die Sonne scheint auf dennassenBoden, die Pflanzen keimen und die Äste im Wind begrünen sich. Ich möchte über dennassenAcker gehen und Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen, ich möchte die Saat mit meinen Tränen benetzen und auf dem dunklen Grund niederknien und zu Gott, dem Vater, beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es wäre ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam wie das Blühen, das mich umweht und überkommt. Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o Vater, du Liebe! —

Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner kurzen Jugend auf der Erde, in denen Asja starb. Ich habe außer der Nacht, in der sie Abschied von mir nahm, kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und weiß in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen äußerer Gewißheiten zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen, wie ich auch mein Alter nicht mehr weiß, denn es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem uferlosen Meer des Lebens für mich.

Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die Stunde des Tags an ihr nicht festzustellen vermag, so gibt es Ereignisse in unserm Dasein, deren Einwirkung so stark ist, daß wir den Widerschein auf den erkennbaren Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie Grabhügel auf den Feldern.

Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, wenn der Pflug ihn für die Saat aufreißt, und die Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen, nichts mehr als ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen. Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand unseres Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen werden, der zum lebendigen Sein und Schauen führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist, der nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern durch jene Macht, die auch den Gedanken zu wollen scheint.

Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, unsere Bewegung hat diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, in denen wir ihn wissen, von ihnen schweigt jeder Mund. Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung und Verkündigung und ein erlösendes Glück.

Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht dahingegangen; auf dem Acker meines Herzens ist nun die Saat dieser Stunden aufgebrochen und blüht. Ihr sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was ich auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner, wie sie einst fielen, sondern die Felder in der Mittagssonne des Lebens.

Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut und gequält hatte, am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig in ihrem Bett und richtete ihre Blicke auf mich, als sei sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage ihrer Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.

So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, und ich vermochte mich nicht zu fassen, obgleichich äußerlich gelassen und geduldig erschienen sein mag. Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit denen die meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu trösten hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, und sie gelangen mir nicht, denn Asjas Seele war von jener Unverführbarkeit, wie nur die aufrichtigen Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit willen.

Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich sprach über dieses und jenes mit ihr, aber ohne daß meine Gedanken bei meinen Worten waren, und ich war in einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde, sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in Asjas Gegenwart mit mir von dem zu sprechen, was sie auf dem Herzen hatte, und ihren heimlichen Andeutungen, ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier Augen Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am Tage eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn sie auch nicht ahnte, wie nahe der Tod ihrer Tochter bevorstand, so war sie doch voll jener schwankenden Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig täuschen lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften des Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß Asja sich, ohne Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher und lebendiger gezeigt hatte, als zuvor, besonders in Dingen, die das äußerliche Dasein betrafen und in ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte mich tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die von ihrer Krankheit Befallenen so oft durchmachen, obgleichdie Hoffnungsfreudigkeit, die sie zur Schau trug, kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in einem andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges Aufatmen ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert fühlte.

Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und lächelte zuweilen flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre Gedanken schienen auf den Wiesen zu sein, auf denen die Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten. Sie schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit ohne Trauer an, wie in einer zögernden Erwägung, wie überhaupt ihr Hang zu allen schönen Gebilden der Natur wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war.

Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein, das ich mit ihrer Mutter führte:

»Geh nicht fort.«

Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die Blumen zur Erde niederfielen. Ihre Mutter ging zur Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie zu wecken, wenn es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht, da die Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen Augenblick in das Gesicht Asjas, und ich hatte den Wunsch es zu verhüllen. Auch legte sie noch eine Kerze neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen beinahe zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl allein.

Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu gehen oder zu kommen, und ich dachte an ihr Wort und hörte Hof und Haus ruhig werden, während ich gegen meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft überwältigte,da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und wenig Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein tiefes, merkwürdiges Gefühl einer fast lieblosen Furcht hatte, wie sie mich fast immer befallen hat, bevor es galt sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien, daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, die ihnen neu sind, Zuversicht und gedankenlosen Mut an den Tag legen, sich für gewöhnlich nicht darin bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu bestehen, der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, darum erscheinen die wahrhaft Fühlenden zuweilen so kalt und herzlos, wenn es sich um ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme handelt. Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt, die als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich geringeres Vertrauen, als derjenige, der zu ihr gerufen wird, und unter denen, die der Wille der Andern erwählt, wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der sich am längsten sträubt.

Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser Ermattung dies und das, ich fühlte den Schlaf nahen und kämpfte in willenloser Absicht gegen seine wohltuenden Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die Kerze, um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen könnte, wenn sie ohne unsere Beachtung niederbrennen müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Hoch am Fenster war ein gelblicher Lichtschein erkennbar, der, durch die Hauswände fallend, von einer Straßenlampe herrührte,und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn die Kerze brannte nur trüb und flackernd. Ich dachte: Wenn die Morgendämmerung hereinbricht, so werde ich, wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den Frühschlummer auf das umgewandte Kissen betten, sie wird mich anlächeln, und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort werde ich durch die leeren Straßen gehen, die Amseln in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so wird es auch diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich der unfaßbare und entscheidende Tod uns nahen, um uns zu trennen?

Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler Allmacht ein Schatten von großer Liebesangst, so daß ich meine Hände mit bebender Gewalt vor mein Gesicht schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht und Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich Asja hatte, befreite meine heißen Augen und sah sie wieder an, von einer furchtbaren Ahnung überwältigt. Ich erblickte ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht, und Grauen und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. Ich mußte mich wieder abwenden, um nicht laut nach ihr zu rufen. Dies Kinderhaupt in Gottes ganzer Güte war von einer unirdischen Schönheit, wie nur das Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren und eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen und bereit zu ertragen, was immer die Fremde bot. Aber die Last der Erde wurde auf dieser Stirn zur Glorie und das Kindertum der Züge zu einer so freien Weisheit derLiebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte. Ist es so, dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie in einen Traum, daß das Erbarmen, das die Unschuld in uns hervorruft, wenn sie sich von der Lieblosigkeit der Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in einen Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der Segen eines hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und müssen wir um dieser Allmacht willen zu Kindern werden, um das Reich zu finden?

Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße aus einen großen, dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein verschwiegenes totenstilles Haus stand. Vor den Fenstern erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie Säulen, und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe mußte es stürmen, denn trotz der toten Versunkenheit dieses Bildes sah ich die Äste der Bäume sich in den Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen, schwarzgrün in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme, unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier wohnt der edle Geist der Menschenfamilie, hier ist Glaube an den Bestand des Irdischen, und wer es wagt vom Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und gilt als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden nicht achtet und Zerstörung sät.

Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man mußte sie von den Fenstern aus fast berühren können. Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume gepflanzt hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleichgehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus. Die Fahnen der Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln der Scheiben; es quälte mich zu erfahren, wer dies Haus bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft bewußt, wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße war, und wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir haben unrecht, dachte ich, darum ist es so schwer. Unsere Liebe ist der Feind der Welt, und wir bringen Unfrieden in die Seelen und Gärten.

Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, daß sich mein Herz bäumte. Nur die Seele, die durch den Schlaf ungerüstet zum Widerstand ist, empfängt so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem Zauber und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine Geige aus dem Schlaf und war mir nicht, als sänke ein farbiger Himmel von unaussprechlicher Wohltat auf mich nieder?

»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!«

Das war Asjas Stimme.

Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und streckte ihr meine Arme entgegen, aber sie sanken mir nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie kniete in ihrem Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen im Schoß, aber nicht gefaltet, sondern leblos und still, als habe sie sie für immer vergessen, und als wäre ihrem Bereich entrückt und ungreifbar, was die Augen schauten. Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen in unser Zimmer fiel. Es war ein Ausdruck von sogroßer Hilflosigkeit, ja so voller Verzweiflung in ihren Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und schweigen mußte.

Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, mit einem tiefen Seufzer:

»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer kann mir helfen? Es ist dunkel umher und wird bald noch dunkler sein. O, es war alles gering, ich habe es nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und für das Licht gewesen.«

Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor Schwäche nieder, ohne noch darauf achten zu können, wie sie lag, als sei sie tödlich verwundet.

»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es besser? Ich bin nicht gewesen und habe nicht getan, was ich sein und tun sollte, im Raum ohne Ende, bei den fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß es? Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es nicht ertragen kann.«

Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert. Ihr Gesicht, das nun in meiner Hand lag, flog und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein schwarzer Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres Lebens lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen, dann warf ein furchtbarer Schmerz, dessen Ursprung schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie sah mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das spärliche Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und totenstill rang das Elend des armen Gesichts und Leibes wie mit einer gefesselten und gelästerten Seele.

»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein Herz, erblickende Augen, Tränen für mich! O sei Gestalt, du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als alle, so schwach, so elend, daß ich schreie.«

Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie in meinem Leben. In meinem Fühlen und Wollen riß ich sie wieder und wieder in meine Arme, preßte sie an meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es nicht. Alle Untat, Angst und Müdigkeit der Welt lagen in meinen Gliedern, keine Tränen lösten die Erstarrung und kein Seufzer brach den Bann.

Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort zu mir gesagt, so deutlich vernahm ich aus aufgewühlten Gründen der Seele tief in mir einen Ausspruch ihrer Lippen, den sie vor langer Zeit in einer versunkenen Stunde vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe am nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses Worts kam zu uns und hüllte uns voll Erbarmen in einen großen Glanz ein, als eine unnennbare und übersinnliche Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, die in Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die den Abschied von ganzem Herzen gewollt haben.

Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas Zügen, derweil der Morgen am Fenster herandämmerte und die Stube spärlich aufhellte. Der Körper wurde schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen den Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung. Ein leiser Hauch streifte meine Stirn, er erklang und riefmich: »Mein Bruder«. Darauf sank ihr Gesicht zur Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.

Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem zu Anfang, dort wo das eiserne Tor hineinführte, die Tannen hoch und dicht standen, wie in einem Wald, kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, nur zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen bemooste Steinkreuze unter ihnen. Als die Bäume niedriger und die Wege zur rechten und linken schmäler wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in Blüte standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden farbigen Dickichten, von denen ein berauschender Duft aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel, glänzten die Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische erklangen die Stimmen der Singvögel.

Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche immer spärlicher, der Garten lichtete sich zusehends und die Grabsteine und Kreuze umher hatten helle Farben, standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und bunt da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen, durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich verletzt. So aber standen sie geweiht unter dem warmen, trüben Himmel, der am Horizont einen rötlichen Lichtstrich zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage war, es mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein.

Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, der Schuster Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu haben uns zu folgen, obgleich der kleine Zug sich langsamdahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar in seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn doch, denn mein eigenes Gewand war weder feierlich noch auch nur ansehnlich. Ich hatte meinen Stock mit mir und nur ein Tuch um den Hals geschlungen, meine Habseligkeiten führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt zurückkehren, sondern hinausgehen, dem Sommer entgegen.

Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd waren, es mochten Bewohner des Hauses sein, in dem Asja gestorben war, arme, fremde Gestalten, wie wir, die niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner Amtstracht, mich beschäftigten. Da der Weg schmaler wurde, blieb er stehen, ließ den Wagen an sich vorüber und trat an meine Seite.

»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben Sie die Tote gekannt?«

»Ja.«

»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen, das Beziehung zu ihrem verflossenen Leben hat, und das ich in meinen Worten am Grab zum Trost der Mutter anführen könnte.«

Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen; ich werde freundlich und höflich antworten, dachte ich, aber mir kam nichts in den Sinn, das mir, in Worte gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So schwieg ich unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend auf mir ruhen.

»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie um auszugleichen, daß ich nicht vor ihm bestanden hatte, fügte er herbeilassend hinzu, ohne daß es mitteilsam wirkte:

»So will ich denn das Wort aus Johannes über dieser Toten sagen: Ihr habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.«

Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen Sarg. »Asja«, sagte ich.

»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen.

Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten.

»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein, »ja ...«

Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen hielt, der Sarg wurde herausgehoben und ein paar Schritt weit vor ein offenes Grab getragen. Aber man hatte sich geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein Stückchen weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir uns befanden.

In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang ein Vogel. Ich lauschte und wartete, denn ich kannte ihn nicht, er sang überhell und in klaren, gejubelten Tönen, ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein Gefieder war hellbraun und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der große alte Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln, Kreuzen und Buschwerk langsam zum hohen Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben stehen, als die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft scholl, und sahen zu uns hinüber.

Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar auf, mich ergriff ein mächtiger Zorn, den ich nicht zu meistern wußte und der meinen Körper wie Fieber schüttelte, mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und hinfällig ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein Verlangen, mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, denn ich kannte mich nicht mehr. Vielleicht war dieser Zorn auch nichts als Bewegung, die einen Ausweg suchte, da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag von Erde auf dem Holzsarg, ein jeder warf anfänglich ein Häuflein hinab. Der Geistliche führte der Mutter die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich, denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber die Beendigung dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. Langsam bewegte sich unser Häuflein wieder auf den Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der Vogelgesang aus den Waldlauben erklang immer noch und es hatte aufgehört zu regnen. Ich nahm Abschied von der Mutter, sie sah mich ängstlich an, als ob sie eine Frage stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den Arm des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser Abkehr ein Wort anklagender Enttäuschung, als spräche sie: »Seht nun, es hat euch nichts genützt, ihr Kinder. Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und waret so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh sein zu dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter, so ...« Aber hier brach ihre stumme Gedankenrede ab, denn dort wie hier stand für sie der Tod, und mutlos senkte sie die geröteten Augen auf den Weg.

Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen schmalen Seitenpfad, den ich einschlug, um so, von den andern getrennt, einen Ausweg aus dem Garten zu suchen. Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben und ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen warfen Tropfen auf mich, hier und da hoben sich graue Steinkreuze im feuchten Frühlingsschatten, sie standen in Duft und Stille feierlich in den Tannendomen und sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel, deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten, wie ein klingender Schleier.

Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile wieder den Hauptweg erreichte, auf dem mancherlei Besucher des Gartens einherschritten, sah ich, daß der junge Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne Gruß an ihm vorüberschritt, trat er auf mich zu.

»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch ein Wort mit Ihnen sprechen.«

Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück, denn er schien den begangenen Weg und die Nähe der Menschen vermeiden zu wollen, und ich folgte ihm. Nach einer Weile begann er zögernd:

»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt, noch ein paar Worte an Sie zu richten. Sagen Sie mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie führt.«

»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht. Was sollen solche Fragen, was kümmert es Sie, wer ich bin und wohin ich gehe? Wenn Sie etwas zu sagenhaben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen Sie mich gehen.«

»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach einer Pause. »Wer war diese Tote?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Sie weichen mir aus.«

»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten sich nicht danach.«

»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein. Ich habe kraft meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, bekannte und unbekannte, aber niemals hat eine Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen bin, den ich nicht verstehe.«

Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine offene Stirn über suchenden Augen und ein Angesicht, in dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre Linien zurückgelassen hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen von allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der Menschen aufweisen. Aber mein Mund blieb versiegelt. Da fuhr er fort und lächelte befangen:

»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, sagte ich Ihnen, fast wider meinen Willen, das Wort, über das ich am Grab zu sprechen vorhatte, es ist mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war tief erregt über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. Sie legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen der Toten und lächelten so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort auf ein Wort, das aus diesem Sarg zu Ihnen hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie michnicht für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten Empfindlichen, der das Wunderliche an Stelle des Vernünftigen setzt und sich darin gefällt, mehr sehen zu wollen als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber die Helligkeit in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht bin ...«

Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand auf meine Augen, Asja, und hilfst mir, daß sich endlich ihr Brennen löst. — Aber meine Kraft war zu Ende.

Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer Bank. Mein Nachbar hatte übereifrige Worte der Entschuldigung gefunden, als sei er es gewesen, der mich bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten vermag, und die mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch meines Schmerzes sicherer und unbeteiligter geworden, ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte ich mein Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff, daß wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der Kraft sein kann, die heilt.

»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten, »mach' mich fröhlich!«

Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:

»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu eindringlich erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der Toten zu erzählen.«

»Niemals«, sagte ich.

Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer geworden.

»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute schweigen, wie Sie es wollen, aber ich möchte doch, Sie verstünden mich recht. Glauben Sie an Wunder?«

»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein Knabe. Entweder glaubt ein Mensch, oder er glaubt nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn unmöglich wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen. Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der vergänglichen Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts achten. Die Welt des Glaubens ist einfältig und wunderbar, wie alles Glück.«

Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.

»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen, was mich bitten läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet in mir, mir ist als müßte dieser Tag mir etwas Unnennbares bringen. So hören Sie denn, was Sie hören müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir das Eine, was ich durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem Eifer, damit die Tropfen fallen und der Himmel klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie? Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen muß ...«

»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten aber, was Sie hören. Jenes Wort, das Sie am Grabe gesprochen haben, ist mehr und größer, als die Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen vermag. Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in mein Leben trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch wenn sie stürbe. Das ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, deren Zeuge Sie gewesen sind, ich begriff über IhremAusspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich weiß, daß sie lebt, denn ihr Wesen war nichts anderes mehr, als jenes Licht, das heute und morgen in die Menschenfinsternis scheint, und ewig.«

Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank in sich. Er schien nicht zu bemerken, daß ich davonschritt, vielleicht auch war es ihm recht, daß ich ihn nun allein ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen Weg, den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft mit den Menschen finden sollen.

Zweites Kapitel

Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der Landstraße nicht zu ertragen, mir war, als schleppte ich auf Schritt und Tritt eine Last mit mir herum, die zu schwer drückte. Dabei empfand ich weder Trauer noch Schmerz, sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in einem Gleichmut herum, der mich ängstigte. Ich kann nicht wahrhaft traurig werden, dachte ich. Dann wieder fürchtete ich, der Verlust dieses Menschen habe etwas für alle Zeit in mir zerstört, meine Ruhlosigkeit war furchtbar und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr tief und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften Lichts und ohne Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen eine gegenstandslose Traurigkeit von solcher Inbrunst, daß ich durch mein Schluchzen geweckt wurde und zornig im Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die ich nicht gesehen hatte. Ich besann mich mühsam und war bekümmert, diese Traurigkeit verloren zu haben, die mir in meiner Traumerinnerung wie ein unirdischer Reichtum vorkam.

Den Vögeln, den Blumen, den Bäumen sagte ich oft: ich kenne euch alle längst. Menschen mied ich; gesellte sich mir hier und da auf der Wanderschaft einer zu, so vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit, denn da ichnicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines Mädchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar habe ich auch mit ihr nur ein paar Worte gewechselt, aber ich kann sie nicht vergessen und immer, wenn ich ihrer gedenke, ist mir zumut, als hätte ich an jenem Tage mir selbst und ihr wichtige Eingeständnisse gemacht, die mich beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben sich mir sonderbar eingeprägt, wie ein Abschied; wenn ich an sie zurückdenke, so ermesse ich daran den Zustand meiner Seele, die beziehungslos aufnahm, was sich ihr bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel.

Es war ein heißer Tag des Frühlings, der schon in den Sommer überging, und mein Weg hatte mich durch eine verlassene Moorlandschaft geführt, in der ich den Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich das von Weiden- und Erlengebüsch bewachsene Ufer eines Flusses erreicht hatte, warf ich mich ins Gras nieder, das in der feuchten Erde so hoch stand, daß es mich wie eine grüne Flut aufnahm. Es war so still, daß man die Flügel der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und die geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden Wassers. Die Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer nahen Sumpfniederung, in der das tote Wasser zwischen den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich dachte an das heiße Leidensband der Straße, wie an eine überstandene schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn und atmete tief.

Der sanfte Wind bewegte über meinen Augen die Halme, sie schaukelten im Himmel. Eine Biene zog daher, summte bekümmert und ließ sich am Rand des Kelcheseiner Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine Tier zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den strahlenden Sonnentempel, in dessen reiner Halle das Leben einander suchte und sich begegnete. Langsam wanderte eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete, ward kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der Erlen von einem Windhauch berührt wurden, begann für eine Weile ein geschäftiger Eifer in den Blättern, ein silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte und in glückhafte Gefangenschaft nahm. Die Düfte, die vom durchwärmten Wasser und aus dem feuchten Grund der Ufer strömten, schläferten ein und führten merkwürdige Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich, die zugleich gegenwärtig und vergessen waren, wie ein von Träumen befangener Blick.

Ich ließ die Stunden verstreichen, als habe ich mein ganzes Leben lang auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn der Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte, vernahm ich ein gedämpftes hölzernes Poltern und ein PlätscherndesWassers, das nicht von der Strömung kommen konnte. Ich richtete meinen Kopf empor und sah auf der Silberleiste des Flusses einen Kahn dahintreiben, in dem ein Mädchen stand, das mit einem groben Ruder steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich betrachtete ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen Glieder, die das dürftige und arme Sommerkleid kaum verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem nachlässigen Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von einem seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne und Regen ihm seinen Glanz genommen, und doch lag einmatter Schein darauf. Dicht an meinem Ruheplatz sah ich nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen Pfählen, ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf.

Als das Mädchen den Kahn an die Bretter treiben ließ und ihn befestigen wollte, erblickte sie mich und sah mich mit großen, überhellen Augen starr und erschrocken an. Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas tierhaft Leeres und Einschüchterndes, es flackerte über dem matten Braun der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von sagenhafter Unberührbarkeit. Die Strömung drehte langsam den Kahn, das Mädchen hielt einen der Pfähle, etwas geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und staunte, bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lächeln in ihren Zügen hervorbrachte.

»Was liegst du dort? Woher kommst du?« fragte sie langsam mit einer tiefen Altstimme.

Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu betreten, vielleicht, weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich erhob ich mich halb unter der Last des schweren goldenen Sonnenmantels, der lange auf meinen Gliedern und Gedanken gelegen hatte, und sagte:

»Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den Himmel an, und nun auch dich.«

Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie schien zu empfinden, daß sich mit mir nicht auf die Art reden ließ, wie sie es mit den Leuten ihrer Gegend und Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen Stolz verbarg sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wünschte sie zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war rührend und voll kindlicher Gefaßtheit.

»Du bist müde, oder vielleicht hungrig, auch lange unterwegs ...« Ihre Augen musterten mich aufmerksam, aber ihr Forschen verletzte nicht. Diese Sinne suchten nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen es tun, die die Städte in toter Gemeinschaft bewohnen. Vorsichtig, klug und heiter umwanderten mich die hellen Lichter der Augen, voll freundlicher Neugier und bereit zu verstehen.

Die Würde ihrer Armut rührte mich tief. Mir schien, als entstammte ihre Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar, wie eine Pflanze dem Wiesengrund. Die Sonnenglut verwob mir alles zu einem einzigen Teppich des Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt, Pflanzen und Wind, Mädchen und Hecken. Ich tat mir Gewalt an, erhob mich und machte einen Schritt auf den Steg zu.

»Komm herüber zu mir,« sagte ich, »ich werde dir helfen.«

Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und löste die Hand vom Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß der Fluß den Kahn langsam vom Steg abtrieb. Ich sah ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So entfernte sie sich mehr und mehr von mir, aber sie lächelte mich an, als käme sie mir entgegen.

»Komm doch wieder«, sagte ich und trat vom Steg zurück. Da sie sah, wie ich mich an meinen alten Platz ins Gras sinken ließ und daß kein Anzeichen von Groll in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das Ruder ein und stieß den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihreHand den Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig neigte, als sie sich und den Kahn aufs neue daran festhielt. Er war schwarz und schien so alt wie die Welt, wie lange mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund stecken? Das Schilf rührte sich unter einem kaum spürbaren Luftzug, der sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende Silberbahn sank.

»Was wolltest du hier tun?« fragte ich.

»In der Bachmündung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse ...« wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in den Sinn gekommen sein, daß sie mir mit dieser Aussage das Versteck ihres Geräts verraten hatte. Aber da ich weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit Befangenheit in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer Besorgnis unrecht getan.

Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es gibt eine fröhliche Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht getan, weshalb wächst deine Unsicherheit? Ich will nicht mehr mit dir reden, denn ich weiß alles. Was ich aber nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die Liebe des Bluts und wie die Nacht.

Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein Schweigen, in einer kaum sichtbaren Regung die Hand vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und schlug die Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke sie nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung faßte wieder den Kahn, drehte ihn langsam und nahm ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon die Schilfwände sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob siedie Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite hinein.

Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun wieder die Stimmen der Rohrspatzen und eine Libelle mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf einem Schilfhalm dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und mehr sank, wehte es kühler vom Wasser her. Der Sonnenschein umher bekam auf allen Blättern, auf dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des Waldes, jenen Goldglanz ohne Frische, wie er die Nachmittage so klar und sonderbar macht in ihrer Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über dem toten Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich tausendfach im Spiegel seiner Lebenswelt: ein blanker, dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege und Grab ...

So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde empor, die in den Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig geschieden und in gesonderter Deutlichkeit in mir zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und Verheißung für mich geworden und steht zwischen Trennung und Erneuerung, ein wahrsagendes Lebensbild.

Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist, aber zuweilen scheint es, als dächte es in uns, ohne uns, wir werden zu Zuschauern unserer selbst, schreiten neben uns dahin und lassen neben uns geschehen und über uns dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist dann, als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer milden Ungeduld erwachte, wir empfinden später, daß wirErben sind, die ihr Teil, obgleich sie es nicht erkennen, doch verwalten.

Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich verspürte mit der herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit und schritt durch ein Dorf, in dem ich niemanden sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es bildeten sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem Herd des Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden Sterne verschleierten. Sie und die schmale Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor dahinzueilen, fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne wandern. Sie stehen still und scheinen doch zu ziehen, dachte ich, aber hinter dieser Gewißheit gibt es eine andere, die, daß sie wandern, hoch im Weltall, obgleich es uns so erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder unrichtig, aber Wahrheit ist nicht durch die Welt der Sinne zu erkennen, erst die Geist gewordene Seele lebt in Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das Ziel. Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe, wer von euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft, schlaf wohl, Asja, du ewig Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit deines lebendigen Lebens tief in mir und aller Liebe.

Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte, obgleich die Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen, wenn sie sich langsam mit ihrem Hereinbrechen, wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzesnächtiges Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In einer Lichtung hörte ich Eulenstimmen, und die Nacht wurde mir plötzlich lieb und voller Geheimnisse. Ein sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar, ich kannte diesen Hauch, aber er entsank immer wieder meinen Gedanken, so daß ich mich nicht sammelte, um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte sanft bergan, sandig und über kahles Gelände.

Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne, es ging ein kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte ein sonderbares gedämpftes Rauschen, als ob der Wind durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein matter, großer Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war, als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber zugleich die Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt über sie verlor, und ein leiser Schwindel befiel mich. Da erkannte ich jählings, was vor mir lag, und erschrak sehr, taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie laut auf — das Meer!

Da lag es vor mir, über sich den mächtigen Dom der Nacht. Ein Schauer voller Freiheit und Erhobenheit faßte mich wie Wind, mein Glück war so groß, daß ich bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine grüblerische Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie war ich kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen, das sich in mir und vor mir weitete, als sei das Meer das Unfaßbarste und zugleich das Ersehnteste des Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in derDunkelheit und sah das graue Meer leben und matt leuchten. Ich schloß die Augen, als trüge nun der Strom der Seele mich, aus mir selber stammend, über die Weite. Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in Weltenfernen, mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen Sonne des Orients, heiß und wunderbar ...

Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich die Augen öffnete, mir war als sähe ich sie. Das hellere Band des nahen Strands zog sich zur Linken in einem weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte in seiner schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot wie ein Farbfleck, seltsam trüb und leblos in der silbrigen Dämmerwelt der Küstennacht.

Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und sieht am Horizont endlich die starre, graufarbige Leiste der Küste, so ist man nicht weniger ergriffen, als wenn sich unerwartet die lebendigen Wassermassen des Meers vor uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne, das auch ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank sein könnte, je nach der Beschaffenheit der Luft, ein Anblick voll sonderbar erregender Kräfte, es vollzieht sich ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und keinem anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine alte, törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln gelegt hatte. In gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die Erde, unser Stern, für eine kurze Weile in der ungeheuren Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer. Wie eine Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das Bewußtsein von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen anuns nieder, unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum berührten Boden, und wir wissen, wie feierlich es ist, ein Mensch zu sein.

So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am fernen Waldrand mich aufs neue in die Gefangenschaft seines Daseins nahm, und ohne es recht zu wissen, ging ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu gewinnen, denn das Schreiten im Sand ermüdete. Am Rand eines Kartoffelackers führte ein schmaler Fußweg entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm ging ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine mächtige, ruhende Silbersichel zog sich der Bogen der Bucht mit seiner helleren Brandung dahin, sie leuchtete stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller Dämmerung und duftete nach sommerlicher Abendnässe. Ich kam an ein Roggenfeld, dessen Halme spärlich standen, aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige Lebensteppich von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre Berührung mein Blut mit einem wunderbaren Dank.

Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam seinem Bereich, und nun schien der rote Lichtschein bald zu erlöschen, bald wieder aufzuglimmen, jenachdem die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen verdeckten. Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben, genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen waren und die teilweise lose niederhingen. Es war so dunkel hinter der Buschhecke, daß ich nichts erkannte,und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten Haselnußsträucher sein, hier duftete Hollunder, oder war es Jasmin? Die schweren, kühlen Duftwogen standen wie Wolken über den Schattengründen der Gartentiefe, und erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie zu mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein glomm immer noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher nun als vorher, und zuweilen sah ich die Zweige eines Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen den viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem das Licht brach.

Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter den Bäumen ein freierer Platz entstand, vielleicht ein breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich erkannte eine schmale Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen, ob menschliches Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte, dessen Ruf ich gefolgt war, und dessen viereckiges Tor, wie ein rosa Vorhang, totenstill in der Nacht schwebte.

Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt zögernd auf die Bank zu, jeden Augenblick konnte ein Hund hinter dem Haus hervorstürzen, das hätte mühevolle Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte aus Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten darf, sondern standhalten muß und sich erst nach kurzer, ruhiger Haltung, langsam, Schritt für Schritt und rückwärts schreitend, auf den Zaun zurückziehen durfte. Einmal hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer pechschwarzen Regennacht mehr als eine Stunde lang einem großen Hund gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte,und von dem ich nichts sah, als seine Augen. Keiner von uns rührte sich, wir waren zwei Statuen in der verlorenen Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste Bewegung des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es ging um unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in unserm Bewußtsein zu einem graunhaft einsamen und einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die langsam waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein Messer in die Hand zu bekommen und den Arm weit hinter mich zurückzustrecken, wozu ich mehr als eine Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der Verzweiflung und dem Todesgrauen, die wie ein langes, atemloses Sterben gewesen waren, stieß ich jählings im Dunkeln das Messer unter die beiden glühenden Augen. Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und meine Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend am Erdboden und ward still. Aber auch ich sank zur Erde und fand erst, als der Morgen dämmerte, die Kraft mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem ich lange schlief. —

Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur die Erinnerung jagte meinen Geist für eine Weile vor sich her, als verfolgte ihn das Gespenst jenes Erstochenen in einer gleichen, finstern Nacht, wie es die Nacht seines Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit, du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in deinem Bereich atmen, ein Mann, ein Weib, vielleicht ein Kind, das bei der brennenden Kerze eingeschlafen ist. Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen Abständen von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch dasWenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war mir ein gutes Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinenverwandt, wer in einem Buche liest, ist schon mein Bruder.

Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du für ein Buch?«

»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine Mädchenstimme, als riefe sie um Hilfe, »wer ist denn da?«

»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie dein Geist das Buch.«

»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als käme sie von der Decke herab.«

»Ich bin im Garten, unter den Ahornbäumen.«

»Merkwürdig ...«

»Sprich von dem Buch, in dem du liest.«

»Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt erzählen? Er würde dich kaum erfreuen, denn du gehst auf besseren Wegen als ich, draußen durch die Sommernacht, vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken können.«

»Hast du keine anderen Bücher?«

»Sag' erst, wer du bist.«

»Ich bin einer, der die Bücher von Tante Mimsey nicht liest.«

»Dann bist du also Vetter Eberhard.«

»Ich denke nicht daran.«

»Ach ... er wollte kommen.«

»Kommt er immer nachts?«

»Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht kommt er nachts und erschreckt mich wie du esgetan hast. Sag' jetzt, wer du bist, sonst muß ich die Unterhaltung abbrechen. Ich liege hier im Bett, habe nicht einmal ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann. Gottlob schläft Tante Mimsey an der andern Seite des Hauses, wegen der Sperlinge, die hier im Efeu nisten.«

»So werde ich also zu ihr hinübergehen.«

»Da kannst du allerlei erleben. Außerdem ist sie schwerhörig, sie hat eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch liegt.«

»So soll ich bleiben?«

»Sag' erst, wer du bist.«

»Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du mich anerkennst, nachdem ich mich dir vorgestellt habe, daß du zu mir herunterkommst.«

»Was fällt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.«

»Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen habe und du willst nicht herabkommen, so verlangt auch mich nicht mehr danach, und ich werde meines Wegs gehen.«

»Wie unhöflich du bist.«

»Unhöflich ...«

»Natürlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu einem Herrn? Könntest denn nicht du heraufkommen zu mir?«

Nun war es eine Weile still.

»Geht denn das?« fragte ich endlich. So armselig kann ein Mensch aus seiner Rolle fallen. Welch eine törichte Frage das doch war. Die Stimme antwortete ohne Eifer:

»Wenn ich dir sagen muß, ob es geht, so geht es sicher nicht. Aber erst wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche dir getrost alles, was du willst, denn ich weiß, daß du schon bei der ersten Bedingung versagst, unter der ich meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt hast, so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.«

Was war doch das? Ein mühsam unterdrücktes Gähnen scholl zu mir herab. Jetzt geht noch das Licht aus und das Fenster wird geschlossen, dachte ich mutlos. Aber es geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hörte wieder, wie eine Seite im Buch umgeblättert wurde.

Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach, wollte Gott, ich fände einst das Ende so leicht und froh, wie ich alle Anfänge gefunden habe.

»Leg' dein Buch fort!« sagte ich laut.

Es rauschte aus dem Fenster heraus jählings durch die Luft, raschelte wild im Gezweig und schlug klatschend neben mir am Boden auf. Das war das Buch.

»Und jetzt?« fragte es schläfrig aus dem Licht.

»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine Kräfte beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel Sinn du doch dafür hast, daß einem Mann vor einem jungen Weib das Herz schüchtern wird, wenn sie ihm seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen willst, wer ich bin, so darf ich nicht über mich, sondern ich muß über dich sprechen. Du wirst mich hören, als hörte mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus der Nacht in ein ungewisses Licht empor und glaube immer undimmer wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert? Von mir ist nichts zu sagen, als daß ich immer geglaubt habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt werde ich es glauben, und dann wird er es sein.

Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst mitten darin, so schön wie die Ahnung des Morgens und oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich zugehe, so ist es auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist in Wahrheit ein Morgenschein. In der Welt ist es wie eine Nacht in der Nacht, und es gibt zwei Morgen. Der eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus dem Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in beiden sind Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr, der Dauer, der Ewigkeit und Freiheit.

Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht unser einziges Leid? Seit ich nun deine Stimme gehört habe, ist jeder Morgen aus meinen Sinnen und Gedanken entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob du gut oder schön bist, häßlich oder böse, aber ich weiß, wie klar und feierlich die Liebe ist, die in meiner Brust erwachen könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen als einen strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist, das große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller Tränenströme. Sieh, so stehe ich hier in meinem Licht, das von dem deinen angelockt worden ist, in der irdischen Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt du noch von ihm?

Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört ihr von ihm reden und seht ihn fern leuchten, regt euch sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und seid gläubig nach der Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt, wie vom Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes Auge es ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere Morgenhoffnung lebt nicht als Quelle in eurem Gemüt, und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so war schon euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun, oder bin ich gehorsam?Sieh, ich möchte mehr wissen, als nur, daß du hell bist.«

So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und sonderbar traurig, bald von einer jubelnden Gewißheit des Glücks und des Triumphs erhoben, und stets dachte ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und Held, und niemand wird wissen, wer geredet hat.

Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares fernes Geräusch und lauschte. Es war das Meer. Ein ungestümer Frohsinn ergriff mich jählings. Da draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene, unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer, dachte ich und schritt auf das Haus zu. Ich will am Strand schlafen und mich von den Stimmen des Meers einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten ihn vor tausend Jahren vernommen haben und wie die Kommenden ihn vernehmen, wenn wir unter der Erde sind.

Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause emporrankte und dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerkverwachsen, wohl einen Menschen tragen konnten, ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich würden einige von ihnen aufgescheucht werden. Wenn ich im Klettern innehielt, hörte ich mein Blut und das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter der Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine Seele! Noch bist du über der Erde und schon ein erhebliches Stückchen höher, als eben noch. Wenn dieser knorrige Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so erreicht meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde Freundin dieser Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach! Sollte ich vor ihr bestanden haben, mit meiner sonderbaren Rede? Was hatte ich denn gesagt ...

Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor, saß auf dem Brett und schaute in den erhellten Schlafraum. Ich sah wenig darin, da meine Blicke zuerst allein durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden Lichttal der Haare, etwas zur Seite geneigt, in tiefem Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht verstellte sie sich, wer wollte es wissen, in dieser holden, schrecklichen Welt von Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit, Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das Fensterbrett, wartete still ein wenig, ob das Zittern meiner Glieder sich legen würde und darüber die hellen Lider vor mir im Lichtschein sich öffnen möchten, aber beides blieb, wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum nieder, trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen Rand.

Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie mit einem tiefen Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind wir nun beieinander, zwei Menschen in der Nacht, was sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer erregende Angst davor, das Mädchen möchte erwachen, auch beschämte es mich, sie zu betrachten und in ihren Zügen zu forschen, ohne daß sie es wußte und hindern konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese Seele einzudringen, deren unbewachtes Bild das junge Antlitz spiegelte, widerstand mir schmerzlich. Du sollst mir das Bild von dir geben, das du selber willst, dachte ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die Haut der Schläfe und das sich nicht von ihr unterschied, nicht in der Berührung und nicht im Licht. Ich erzitterte vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit dem kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang zu bringen vermochte, die ich vernommen, und die mich kühn und selbstvergessen gemacht hatten. Die Kinderseligkeit dieses Angesichts nahm mir jede Willkür und führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden.

Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken auf und nahm mit beiden Händen meine Hand:

»Oh, verzeih!« sagte sie herzlich, »du hast so schön gesprochen, und ich bin eingeschlafen. Wie häßlich von mir. Aber glaube doch, ich habe das meiste gehört, es war wirklich sehr schön, besonders der Anfang. Bist du böse?«

»Wer bist du?«

»Sicher kein Gespenst — du schaust mich an, als sei ich eins. Bitte gib mir mein Hemd.«

Ich sah mich um.

»Dort am Waschtisch.«

Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch, und reichte es ihr, wie im Traum. Es flatterte auf wie ein Nebelwölkchen im Licht, senkte sich zwischen den erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte wieder im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus betörend zartem Lebensblaß, sahen die Augen mich groß und sicher an, zugleich hell und dunkel, mit lächelndem Forschen, ohne Schüchternheit, aber ernst.

»Also ich heiße Kaja, von Geburt und Titel bin ich Baronesse, Freifräulein und »gnädige Frau«. Das tut aber nichts zur Sache, ich lege keinen Wert darauf, und wer bist du?«

»Worauf legst du Wert?«

»Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein gutes Buch und kluge Männer.«

»Ich würde wenigstens sagen: Auf gute Bücher und einen klugen Mann.«

»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst du in Kammerfenster zu den Mädchen ein, um Predigten über Moral zu halten?«

»Setztdu voraus, daß man unmoralisch ist, wenn man zu einem Mädchen einsteigt?«

»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus, aber ihr, ihr alle! Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt habe, so hoffe ich, nicht enttäuscht zu werden.«

Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung und erschrak heiß.

»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich abweisend.

»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus? Dein Gesicht und deine Stimme sind anders als dein Gewand. Aber sag', wie willst du wissen, daß du mich enttäuschen wirst?«

»Du kannst nicht lieben, Kaja.«

Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich — nicht — lieben!? Weißt du, ich habe mir zuweilen mancherlei Vorstellungen davon zu machen versucht, wie ich wohl auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch einen gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte, wie ich wirklich bin. Aber so kühn meine Phantasie die Wirkung ermessen hat, auf deine Antwort war ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb nicht?«

»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich, Kaja, der diese Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß ihren Boden berührt, so umhüllt er sich mit einer Wolkenwoge von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht es der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.«

Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein schönes, lebensvolles Tier, das zugleich erschrickt und seine Kraft ermißt zu Flucht oder Angriff.

»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand, »du bist ja verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament. Da wärst du doch besser bei Tante Mimsey hereingeklettert. Jetzt machst du mich ganz befangen, frommeLeute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit und Dummheit sind eine schreckliche Mischung. Dumm bist du nicht — aber gesinnungstüchtig? Wie gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an, das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich umgibt. Es wird dich beruhigen.«

Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein trotziger, wilder Geist ergriff Besitz von mir und gewann Gewalt über mich. Ist es mein Lebensamt, Klage zu führen, dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu sein, die ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen entscheiden, aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine Flucht meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel weiter, in großer Ferne, dachte ich bebend, ich werde nicht umkehren. Lieber nenne ich meine Lebensbegier meine Pflicht, als daß ich meine Feigheit meine Tugend nenne. Aber ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges Erdenlicht sah. Die blinde Kraft macht jede Schuld heilig, es gab nur noch diese Kraft oder die rasche Abkehr, tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und drohten mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige Schar der geflügelten Spötter und Versucher und sagte:

»Du verstellst dich, Kaja.«

»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier auf. »Ich sollte mich verstellen? Bin ich denn häßlich? Wenn eine schöne Frau sich verstellt, so hat sie immer einen schwachen oder albernen Mann vor sich.«

»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau sagt: Du verstellst dich, so meint er damit, sie sei immer noch nicht frei und offen genug für ihre Schönheit.«

»Ach — so —«

»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst, Kaja, wie du es eben getan hast, so gehört er zu denen, die ohne Wolkenwoge schöner sind.«

Sie verstand sofort:

»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie bekümmert. Sie lachte leise auf, wie über sich selbst, als zwänge mein Verhalten sie sonderbare und unnütze Dinge zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst weder bedurft hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt gewesen wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog ihre Lippen, in kindlicher Herablassung, erstaunt und schüchtern.

Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit ihnen ein warmer Himmelsschein, tief her aus meiner Seele, wo sie noch schlief und dem Licht vertraute. Ein Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier war, bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen und Trotz.

»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte.

— Du große Frühlingsfrage!

Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch weite Landschaften voller Blüten und Gram hast du nicht überflogen? Und immer wieder wird die Antwort die gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern zwischen Angst und Pflicht und das Beben der beseligtenSchwäche, aus der die größte, die eine Kraft emporsteigt, ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in die Zukunft zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich zurücklassend. —

Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden Hand, um ein übermächtiges Licht in uns emporströmen zu lassen, das uns blendete.

Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, diese Nacht, und ich weiß nichts von ihr und alles. Ich lasse sie in meinem Geiste emporsteigen und rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im nächtlichen Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene Stunde nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt von der Nacht, die sanft zu mir hereinscheint, an tausend Orten der Welt gegenwärtig, wie ein Blütenkranz um die kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre Blumen und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht, wovon ich rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken, fremd, in heiliger Torheit. Und der Schritt der Kraft, das lebendige Leben, geht über mein Herz, seinen Boden, und über die ihren, und fort und fort.

Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten, wahrhaftig, es war das irdische Leben, das helle, gleiche, namenlose wie zuvor. Mein erster Gedanke, der wie ein Schreck über mich herfiel, war die Gewißheit, daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich nicht in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang den goldumsponnenen Nacken neben mir, als stieße dieshelle Fenstertor der fremden Welt draußen mich zurück, aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort.

»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch schlafen, geh doch nun, es wird ja schon hell, siehst du nicht? Schau doch hin!«

Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab, als hoffte sie darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang empor und sah den Morgen, sah den schimmernden Körper und sah wieder den Morgen und taumelte mit tiefen Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag alles voll Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie mich. Der kühle Seewind trug den Geruch des Gartens zu mir herein, er legte sich auf Stirn, Gesicht und Brust. Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu können. Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom von Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles von übergroßer Erwartung so voll, so rein vor Licht, so kühl vor Frieden, so erfüllt vom Blühen, daß meine Seele nicht Raum darin findet?

Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus und die Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im Ahornwipfel, auf dem leeren Weg lag das Buch, am Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht, beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den ich lachen mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand hinab, es ging noch eine gute Weile durch alten Park. Rosengruppen und farbige Beete von Blumen wechselten ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch unter, das schon auf sandigem Boden stand. Nurein schmaler Weg führte, deutlich geschieden, zum Strand nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das Meer und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.


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