Weil die menschliche Natur unerschöpflich reich ist und keinem Kinde endgültig anzusehen, wohin diese seine Natur es führen will, deshalb fordern wir größte Zurückhaltung.Schumann, der feinsinnige Meister der Töne, sagt: »In jedem Kinde liegt eine wunderbare Tiefe.«
Der Versuch, tausendfach gemacht, die Natur nur nach dem Willen des Erziehers zu richten und zu beugen, hat bestenfalls reinäußerlichen Erfolg. Dank erntet der Erzieher selten dafür, je größer seine Anstrengung war, um so weniger. Denn nichts empfindet der Mensch tiefer und schmerzlicher, als einen Eingriff in seine innerste Bestimmung. Die schneidigen Erzieher in Schule und Haus, die Pauker und Krafthuber, gelten uns heute als die schlechtesten.
Es ist höchst lehrreich zu beobachten, wie jetzt auf allen Gebieten der Erziehung, sogar im deutschen Heere, humanere Anschauungen zum Durchbruch kommen – gewiß nicht zum Schaden der Sache, der man dienen will: General Freiherrvon der Goltzberichtet in seinem Werke »Von Roßbach bis Jena und Auerstedt«, daß die preußische Truppenausbildung vor Jena allgemein als die beste in Europa galt, daß auch die Manöver, die nach der Katastrophe einstimmig als Spielerei verurteilt wurden, noch kurz vorher weltberühmt waren und allenthalben von den Militärs, auch von den ausländischen, bewundert wurden. An Pflichterfüllung und Gehorsam gebrach es diesen Truppen wahrlich nicht. Was sie innerlich vernichtet hatte, war das Übermaß des Dienstes, oder, um unseren Gewährsmann selbst sprechen zu lassen: »die Strenge in Äußerlichkeiten, den Stampfschritt, das Drillen bis zum Mondschein, die klappernden Gewehrgriffe und die unendlichen Wiederholungen bei den Exerzitien, die man so lange trieb, bis alle Frische fort und der Stumpfsinn erzeugt war«. »Mit solchen äußerlichen Mitteln«, schließt von der Goltz ein Kapitel, das auch für die Lehrer bedeutungsvoll ist, wofern sie verstehen, diese eindringlichen Lehren auf ihr Machtgebiet zu übertragen, »mit äußerlichen Mitteln wird man niemals moralisch erhebend wirken und eine Armee auf der Höhe der Leistungsfähigkeit erhalten. Für ›gute Disziplin‹ wurde das Aufgeben aller Selbständigkeit, die absolute Unterordnung des eigenen Willens unter den Wunsch der Höhergestellten, der Meinung unter die herrschende Strömung gehalten. Die außerordentliche Bevorzugung einzelner bei dem schlechten Avancement der Masse beförderte zugleich ein Strebertum, das verderblich wirkte.« Das also sagt einer unserer ersten Militärschriftsteller und Truppenführer und kennzeichnet damit zugleich den neuen, freieren Geist, der jetzt, gottlob, unser Heerwesen zu durchdringen beginnt.
Wieviel mehr werden auch wir den Schulkindern gegenüber Geduld und Nachsicht üben müssen!
Wenn man selbst in den preußischen Kaserne gegen das öde Griffekloppen und die stumme absolute Unterordnung des eigenen Willens eifern darf, mit welchem Recht sollten denn Schulen bei einer liebevollen Pflege des Kasernentones verharren?
Was ist es aber anderes, als ein geistiges Griffekloppen, wenn man die Kinder im alten Schuldrill alle über einen Leisten schlägt und auf ihre Schädel mit allem möglichen oder unmöglichen Formelkram und Wissensballast einstürmt? Weg mit dem Gebrest!
Niemand wolle sich aber über unsere Erziehungsgrundsätze allzu sehr verwundern. Denn in früheren Zeiten hat man in Deutschland vielfach so erzogen und unterrichtet, ehe nämlich noch unsere Schulen Staatsmonopol waren. Damals, etwa um die Zeit der großen PädagogenRatkeundComenius, Anfang des 18. Jahrhunderts, lag der höhere Unterricht fast nur in den Händen von jungen Hauslehrern, woher wohl der sanftere, geduldigere Ton zu erklären ist. AuchRatkestellte schon den Grundsatz auf: »Alles ohne Abneigung und Zwang!«
Wir Modernen walten des Erzieheramtes in seinem Geiste, im Geiste einesComenius,Rousseau,Fröbel, einesPestalozzials Menschengärtner, also mit pflegender, milder, schonender Hand.
Auch wir sind auf unsere Weisefromm und gläubig. Gläubig nämlich an die Gutheit der menschlichen Natur, wie vor mehr als 1500 Jahren der gute altePelagius, ein britischer Mönch, der von der Erbsünde auch schon nichts wissen wollte und die Lehre vertrat, daß der Mensch, in demselben sündlosen Zustand wie Adam geboren, sündlos bleiben oder doch werden könne. Darin bestehe die sittliche Aufgabe des Menschen, der sich nach Christi Vorbild aus eigener Kraft seine Seligkeit erringen müsse. Die Kirche verwarf diese schöne Lehre. Darunter hat die christliche Menschheit anderthalb Jahrtausende zu leiden gehabt, zumal die Kinder, die, als sündhaft geboren, nun immer durch eine oft recht unsanfte Zucht erst zu Menschen gemacht werden mußten. Man denke an die Mißgriffe der mittelalterlichen klösterlichen Erziehung, die uns niemand erschütternder gezeichnet hat alsGottfried Kellerin seinem Bericht über daskleine Meretlein(im »Grünen Heinrich«), das nicht beten wollte und deshalb zu Tode gehetzt wurde; denke auchan die Pietistenschulen, in denen man armen Kindern, die noch nicht in rechte »Seelengemeinschaft mit ihrem Heiland« kommen konnten, zur Pflicht machte, »im Gebet mit Gott zu ringen«, und denen man, wenn ihnen auch das nicht recht gelingen wollte, auf die »Seelen kniete«, wie man es sinnig nannte.
Welch ekelhafte Unnatur! Welch brutale Menschenschinderei aus frommem Wahne!
Wir glauben an keine Erbsünde, wohl aber an das Erbgute. Wir haben mitGoethedie Überzeugung von dem Radikalguten der menschlichen Natur und wollen nicht, wie »der Advokat des bösen Geistes« nur auf die Blößen und Schwächen sehen; denn »der Glaube an das Gute ist es, der das Gute lebendig macht; man muß das Gute tun, damit es in der Welt sei«.[18]
Wir sind ferner auch gläubig an die Prädestination, das Recht und die unbezwingbare Kraft der Persönlichkeit.
Fast jeder Tag bringt jetzt so kräftige Kundgebungen zugunsten dieser unserer Erziehungsgrundsätze, daß uns froh zumute wird und siegeszuversichtlich. Aus allen Gauen Deutschlands, ja, aus allen Enden, wo germanischer Geist lebt, dringen die Rufe der Zustimmung und stets neue Anregung, neue Belehrung auf uns ein.
Die Eltern jubeln uns zu, die junge Lehrerschaft ist zumeist schon gewonnen, mehr noch die Studenten, die sich schon von mehreren Hochschulen mit der Bitte an uns gewandt haben, ihnen Vorträge und Lehrkurse über diese Pädagogik zu halten. Besonders lebhaft setzt die Agitation im deutschen Österreich ein. Da hat die Lehrerschaft eine wahre Begeisterung ergriffen. Da fühlt man, daß wir mit diesen Erziehungsgrundsätzen ihnen zugleich ihr bedrohtes Deutschtum schützen helfen. »Schon ist auch weit mehr Frische imhöheren(und niederen?)Lehrerstandvorhanden, als sie manche Jahrzehnte hindurch gefunden zu werden pflegte, mehr Gefühl für die Natur der Jugend, mehr Unbefangenheit, mehr Sinn für die berechtigte Freiheit neben der notwendigen Zucht, weniger frühe Greisenhaftigkeit, weniger grämliches Mißgönnen, weniger Beschränkung auf das Fordern und Richten, mehr Bemühen um das Verständnis dereinzelnen werdenden Persönlichkeit.« So urteilt einer der ruhigsten und menschlichsten Richter,W. Münch(»Menschenart und Jugendbildung«, S. 182). Kurz, wir dürfen hoffen und singen:
Es blüht das tiefste, tiefste Tal,Das Blühen will nicht enden,Nun, armes Herz, vergiß der Qual,Nun muß sich alles, alles wenden!
Es blüht das tiefste, tiefste Tal,Das Blühen will nicht enden,Nun, armes Herz, vergiß der Qual,Nun muß sich alles, alles wenden!
Schon wird es schwer, alles zu überschauen, was dieser Frühling zutage fördert. »Der Tag« meldet mir heute (24. August) durch die Feder vonEllen Keyvon »Briefen an Eltern von Deiphobe«, Simions Verlag, Berlin 1906. Das muß nach den Proben, die wir da lesen, ein goldiges Buch sein: »Gehorsam, Ehrfurcht, Demut, Selbstbeherrschung, Aufblicken zu Autoritäten, Geduld, Fleiß, Hilfsbereitschaft u. dgl., was den Kindern seit Jahrtausenden gepredigt oder in sie hineingeprügelt worden ist, all das ergibt sich von selbst, wenn nur die Eltern sich ihren Kindern gegenüber zur Ehrfurcht, Geduld, Demut, Selbstbeherrschung, Entsagung erziehen wollten.«
Richtig! Wer selbst vorbildlich lebt, der braucht sich um die Erziehung und Zukunft seiner Kinder keine Sorgen zu machen. Das weiß auchPeter Rosegger, der in seinem anmutigen Geschichtchen von dem »Mann mit den sechs Händen« erzählt: »Herb sein mit den Kindern und greinen, das trug sich nicht zu, erziehen tat er sie gar nicht, er war bloß selber so, wie er die Kinder haben wollte, und sie taten ihm unwillkürlich nach.« Dieselbe Weisheit trägt er uns bekanntlich auch in seinem unübertrefflichen Geschichtchen von der »Familie ohne Autorität« vor.
Jeder Satz dieser Briefstellerin Deiphobe hat meinen Beifall. Es sind wahre Goldkörner, ist zugleich ein Hagelschauer gegen die ererbte mittelalterliche Menschenabrichterei durch Kirchen- und Schulpfaffen.
Nun noch eine Bemerkung, um ein für allemal Mißverständnissen vorzubeugen! Ein Allheilmittel für alle Gebrechen der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes haben auch wir nicht. Wurmstichiges Fallobst findet man unter jedem noch so gehüteten Baume. Uns hat aber eigene Beobachtung und die Wissenschaft der Psychologie und der Psychopathologie gelehrt, daß man moralische und geistige Schwächen und Erkrankungen weder mit harten Reden, noch mitungebrannter Asche heilen kann. Es wird jetzt von den Ärzten in solchen Fällen besonders Ruhe und »allgegenwärtiger Balsam allheilender Natur« empfohlen. Auch wir sind in der Erziehung für ein solches Naturheilverfahren und werden versuchen, nach diesem, soweit es in unseren Kräften liegt, die bestehende Erziehungspraxis umzugestalten – zum Wohle der deutschen Jugend und zum Segen für unser teures Vaterland.
Mit einem Worte also:Wir haben Achtung vor der Natur. Deshalb auch unsere Warnung vor all den Erziehungsrezepten, die ein bestimmtes Ziel vorwegnehmend dieses mit einseitigem Eifer erstreben.
»Mensch,« ruftPestalozziaus, »Mensch, Vater deiner Kinder, dränge die Kraft ihres Geistes nicht in weite Fernen, ehe sie durch nahe Übung Stärke erlangt hat und fürchte dich vor Härte und Anstrengung!
Die Kraft der Natur, obwohl sie unwiderstehlich hinführt zur Wahrheit, hat keine Steifigkeit in ihrer Führung; der Schall der Nachtigall tönt im finstern Dunkel und alle Gegenstände der Natur wallen in erquickender Freiheit, nirgends ist ein Schatten einer zudringlichen Ordnungsfolge.
Wäre erzwungene und steife Ordnungsfolge in der Lehrart der Natur, auch sie würde Einseitigkeit bilden, und ihre Wahrheit würde nicht in die Fülle des ganzen Wesens der Menschheit sanft und frei hineinfallen. – – Der Mensch verliert das Gleichgewicht seiner Stärke, die Kraft der Weisheit, wenn sein Geist für einen Gegenstand zu einseitig und gewaltsam hingelenkt ist. Darum ist die Lehrart der Natur nicht gewaltsam. Aber dennoch ist in ihrer Bildung Festigkeit und in ihrer Ordnung ist haushälterische Genauigkeit.«
Da hören wir die tiefe Weisheit des größten pädagogischen Genies, das je gelebt hat, dem sich alle Schulmeister mit und ohne Titel in Demut beugen sollten.
»Und doch«, so wird man fragen, »hier eine Einseitigkeit, nämlich eine Abhandlung überErziehung zur Mannhaftigkeit? Ist das nicht ein Widerspruch?«
Mit Verlaub – nein! Denn jeder Knabe soll und will ein Mann werden. Ihm dazu behilflich sein, ist nicht nur erlaubt, sondern ist Pflicht des Erziehers. Damit greift er der Natur nicht vor, pfuscht ihr nicht ins Handwerk, sondern leistet ihr nur nützliche Dienste.
Unsere ganze Erziehung muß jetzt eine Erziehung zur Tat werden, um vorerst ein Gegengewicht zu schaffen gegen die durch Jahrhunderte gepflegte rein verstandsmäßig-abstrakte Erziehung. Das war auchGoethesWunsch schon. Dahin drängt jetzt unser ganzes öffentliches Leben und die Erkenntnis aller neuen Pädagogen aller Länder. Kein Mensch hat in Deutschland für diese Erkenntnis früher und lebhafter gewirkt als der eminente, noch lange nicht genügend geschätzte KinderfreundFriedrich Fröbel, der einzige deutsche Erzieher, der den Amerikanern auch heute noch Respekt einflößt und vorbildlich erscheint.
Mit Recht sagte von ihm Dr.Wichard Lange: »Ich erkenne in diesem Mann den dereinstigen Reformator der Erziehung kleiner Kinder im Elternhause sowie den Bildner des weiblichen Geschlechts, um es für seine hohe erziehliche Mission zu befähigen«, aber damit sagt er noch nicht genug. Fröbels Grundsätze, die sich mit denenPestalozzisvielfach berühren, verdienen noch eine Erweiterung auch auf die Erziehung größerer Kinder. Er klagte, daß die herrschende Erziehung zur Körperträgheit und Denkfaulheit führe; unsägliche Menschenkraft gehe dabei verloren, unsägliche Menschenkraft bleibe dabei unentwickelt. Richtig gewählte Arbeit aber mache das Kind glücklich und artig.
Adele von Portugall, die bei Teubner in der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« das Lebensbild Fröbels gezeichnet hat, sagt sehr richtig: »Ich glaube nicht, daß ein entsprechend beschäftigtes Kind jemals unartig ist.« Ich möchte aber auch diesen Satz verallgemeinern und sagen: Der entsprechend beschäftigteMensch, jung oder alt, ist nicht böse und unartig.
Das ganze Geheimnis der Erziehung beruht also darin, die Saite der Seele zu finden, die auf die äußeren Anregungen am lebhaftesten anklingt. Dazu gehört nur ruhige, geduldige und feine Beobachtung. Oft ist für ein Menschenleben ein einziger Augenblick entscheidend. Ludwig Richter wurde zum Künstler, als er einen wandernden Maler bei der Arbeit sah: das Bildchen auf dem Tabakpaket seines Vaters war seine erste Vorlage. Wie ein Funke genügt, eine ganze Stadt in Brand zu setzen, so oft ein Wort, eine menschliche Seele zu entzünden. Aber man muß zu warten wissen und auf die armen Kinder nicht einen wahren Feuerregen von Pech und Schwefel herablassen.
Für Kinder ist die entsprechende Beschäftigung zunächst – das selbstgewählteSpiel, die freie, ungebundene Tätigkeit. »Spiel«, sagt Fröbel, »hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung. Es ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung; Spiel ist das reinste geistige Erzeugnis des Menschen, auf dieser Stufe; es gebiert darum Freude, Friede und Zufriedenheit. Die Quellen alles Guten ruhen in ihm, gehen aus von ihm. Ein Kind, das tüchtig, ausdauernd bis zur körperlichen Ermüdung spielt, wird gewiß auch ein tüchtiger, ausdauernder Fremd- und Eigenwohl mit Aufopferung fördernder Mensch – –« »Friede und Freude, Gesundheit und Lebensfülle findet da in bezug auf das Kind statt, wo die Entwicklung im Einklang mit dem Alleben steht.«
Sehr richtig, aber weshalb wieder nur auf das Kind beschränkt? Diese Wahrheit gilt ganz allgemein: denn die Arbeit des größeren Schülers und des Erwachsenen ist oder sollte auch nichts anderes sein als die Fortsetzung des Spieles. Sie wird das auch, wenn man dem Menschen freie Berufswahl und eine unbeschränkte Entwicklungsfähigkeit gibt. Sowie der Mensch eine ihm entsprechende Beschäftigung findet, ist er dabei fleißig und in jeder Hinsicht mannhaft. Er mutet sich dann selbst mehr zu, als ihm andere zutrauen und von ihm verlangen. Jede Arbeit muß der anderen gleich bewertet werden. Es ist nicht verdienstlicher griechische Grammatik zu lernen, als ein Pferd zu zeichnen. Eines paßt aber nicht für alle. Jeder suche sich sein Gebiet, jeder folge seiner Natur. Sie wird ihn besser leiten als Eltern und Lehrer. Schlechte Psychologen sagen: »Alle Jungen sind von Natur faul und müssen zu Arbeit angehalten werden.« Deshalb hat man von jeher bei der ErziehungGewalt und Strafen angewandt. Ich las eben in den Bekenntnissen des heiligen Augustin, daß auch ihm deshalb der Stock nicht erspart blieb. Ich sage dagegen: »Alle Kinder sind von Natur fleißig« – fleißig freilich nach eigener Wahl; fleißig im Wandern, Schmetterlingfangen, Rudern, Klettern, Reiten, wenn ihr Herz sie dazu treibt, faul in all dem, wenn sie das Verlangen haben, im Robinson zu lesen oder sich einen Pfeil zu schnitzen. Zu lateinischer Grammatik hat noch kein Zehnjähriger einen eigenen Antrieb gehabt. Die Aufgabe ist eben falsch gestellt. Sprachprobleme sind Kindern gleichgültig. Deshalb verschone man sie damit, bis der Wissenstrieb sich meldet.
Unsere Schulerziehung ist deshalb falsch, weil sie diese Forderung nicht genügend befolgt. Gesundheit, Kraft, Mannhaftigkeit können nur aus einer solchen Harmonie des eigenen Lebens mit dem Alleben erwachsen.
In England und Amerika können wir lernen, wie Männer herangebildet werden: nicht sowohl durch gelehrte Vorträge, durch den Anblick der großen Vorbilder in Athen und Rom, durch Stubenfleiß, als durch Körperkultur und moralisch-sittliche Zucht, die von klein auf besonders eben durch das Spiel geübt wird. Bei uns wollte man die sittlichen Kräfte durch strenge Pflichtgebote stählen und setzte auf alle Übergriffe harte Strafen, forderte zumal ein geistiges Arbeitsmaß, das die Gedanken vor unmoralischen Abschweifungen bewahren sollte.
RealschuldirektorFranz Keményin Budapest hat das amerikanische Erziehungswesen anlässig der Weltausstellung in St. Louis 1904 studiert. Er berichtet über seine Beobachtungen an den österreichischen Unterrichtsminister:
»Um selbst der studierenden Jugend Amerikas auchaußerhalb der SchuleGelegenheit zu körperlicher Kurzweil zu bieten, werden dort unter der Leitung und Aufsicht von Schul- und Fachmännern Anstaltssportvereine und Jugendverbände organisiert. An den Hochschulen gibt es drüben ausnahmslos einen, ja selbst mehrere Sportklubs, die sich als stärkstes und sicherstes Bindeglied der Studentenschaft erweisen, der Kartenspielen und »Lumpen« fremd ist.«
Gehorsam aber und Selbstzucht lernen die Kinder dort nicht sowohl an der Arbeit als im Spiele. Auch für diese bekannte Tatsache das Zeugnis vonKemény:
»Sowohl in den Schulen als in den Vereinen wird innerhalb der Körperkultur ein großes Gewicht auf diemoralischenundsittlichen Faktorengelegt. Der aus Selbstzucht und Unterordnung quellende Gehorsam, die Pflege kameradschaftlicher Tugenden und der Wahrheitsliebe haben edle Spielweise (fair play) zur Folge (umgekehrt!).
So umsichtig im öffentlichen Leben mit der Zeit hausgehalten wird, so verschwenderisch ist man damit in der Schule, wo das Gespenst der geistigen Überbürdungunbekanntist, da die Lehrpläne nicht mit überflüssigen Einzelheiten überladen sind und das sogenannte elective System (wahlfreies System) bereits von derMittelstufeaufwärts neben wenigen verbindlichen Unterrichtsfächern die Wahl nach Neigung, Bedürfnis und Zeit freistellt. Der Unterricht beginnt in der Regel um ½9 oder 9 Uhr. Samstag oder Donnerstag sind ganz frei, die Ferien ausgiebig. Die freie Zeit wird fast ausschließlich den Bewegungsspielen und der körperlichen Abhärtung gewidmet.« – Hört! hört!
Dazu lese man als stark kontrastierendes Gegenstück die Darstellung des erbitterten und erfolglosen Kampfes, den deutsche Lehrer gegen geheimes Verbindungswesen der Schüler mit seinem Sauf- und Lumpwesen, seinen Heimlichkeiten, Lügnereien und Ausschweifungen führen.
Es bildet dieses Schattenbild eine Ausnahme, aber immerhin – es besteht in Wirklichkeit, daneben tritt jetzt freilich ein – von der Jugend selbst ausgehender – Heilprozeß, der sich in Wander-, Ruder-, Gesangvereinen u. a. m. äußert. Ich würde den hohen erziehlichen Wert dieser Neuschöpfungen hier eingehend behandeln müssen, wenn diese Aufgabe nicht in dem schon wiederholt genannten Buche von DirektorNatherschöpfend erfüllt wäre. Dort möge man nachlesen!
Hier muß auch einmal mit aller Schärfe ausgesprochen werden, daß die Schule mit ihren zu hoch geschraubten Ansprüchen an die Nervenkraft der Kinder die Hauptschuld trägt oder doch bisher getragen hat an dem Leiden der Selbstbefleckung, an der nach Aussage unserer Ärzte die Mehrzahl der deutschen Kinder (manche Ärzte sagen etwa 90%) kranken.
Wir dürfen dieser Kardinalfrage nicht länger ausweichen. Sie wird von der Lehrerschaft fast durchgehend falsch beurteilt und falschbehandelt. Spricht man von einer nervösen Jugend, so sagt der orthodoxe Schulmann mit einem höhnischen Tone: »Vom Arbeiten wird der Mensch nicht nervös, Arbeit stärkt und kräftigt: die Nervosität wird wohl von etwas anderem herkommen.« Richtig! Sie kommt auch von etwas anderem her, aber dieses andere hat eben wieder seine Ursache in dem langen Sitzen auf harten Bänken, in der geistigen Erschöpfung und Überreizung infolge zu langer geistiger Arbeit. Darüber hat Dr.Liebesein unumstößlich richtiges ärztliches Gutachten abgegeben (vgl. die Verhandlungen des zweiten allgemeinen deutschen Erziehungstages in Weimar, 1905; Arthur Schulz, Birkenwerder bei Berlin). Weiß man das wirklich noch nicht, daß es keine bessere Verleitung, fast hätte ich gesagt: Anleitung zur Selbstbefleckung gibt als Stubenhockerei und große seelische Erregung, zumal Furcht vor Strafe? Ich habe in der Nervenheilanstalt des Herrn Dr.Starckein Berka bei Weimar mit diesem auf dem Gebiete der Nervenleiden erfahrenen Ärzte eingehend über dieses Kapitel gesprochen, das jedem Vater heranwachsender Kinder zu denken gibt. Er bestätigte Dr. Liebes Angaben vollständig und äußerte sich mit Entrüstung über den noch immer so gesundheitswidrigen, weil nervenzerrüttenden Schulbetrieb. Darin wären sich doch alle Nervenärzte einig. Es ist eine bekannte Erfahrung, daß auch Gefangene zumeist Onanisten sind und zum großen Teil eben an diesem Laster – die Ärzte sagen lieber Leiden – zugrunde gehen.
Also diese Schädigungen der Gesundheit und der sittlichen Kraft hat die Schule mit ihren übertriebenen Ansprüchen auch zu verantworten und damit eine Fülle gestörten Lebensglückes, die kaum zu ermessen und auszudenken ist. Schwer ringt ein Mensch sich wieder empor zu Gesundheit, Kraft und Mut, der lange Zeit und schon in jungen Jahren so gegen die eigene Natur gefrevelt hat. Vielfach ist auch Selbstmord die Folge solcher Jugendverirrungen und der durch eine gewissenlose Presse genährten Angst vor ihren Folgen. Lauter bekannte, höchst trübe, aber meist scheu verschwiegene Tatsachen!
WerMännermit hellem Blick, festem Tritt und frohem Mute erblühen sehen will, der verschließe die Gelehrtenkasernen, in der die Kinder gebückt über den Büchern sitzen und bei erhitzter schlechter Luft sich abängstigen müssen und lasse die Jugend nicht fürlänger als höchstens drei Stunden täglich ein. Auf dem Spielplatze, beim Ball- und Barlaufspiele, beim Wandern, Rudern und Schlittschuhlaufen wird sie Unsittliches vergessen und ihren Willen gegen jede Versuchung stählen. Die geistige Elastizität und körperliche Tüchtigkeit der Amerikaner ist vor allem einer auf wissenschaftlicher Grundlage fußenden rationellen körperlichen Erziehung zuzuschreiben, vermöge welcher die gesunden Kinder zu gesunden Eltern heranwachsen und diese ebensolche Nachkommen zeugen. Dazu bemerkt wieder Kemény:
»Da ich mich seit Jahren mit sexueller Pädagogik befasse, bin ich gelegentlich mit einschlägigen Fragen an dortige Schulmänner herangetreten.Die Sache erschien ihnen neu und fast unbegreiflich; ein Beweis, daß sich ihre Jugend der unsrigen gegenüber in einem glücklicheren und gesünderen Zustand befindet.«
Ich meine, diesereineSatz, wofern er allgemeingültig ist, beweist die Überlegenheit des amerikanischen Erziehungswesens vor dem unsrigen. Was nützt wohl dem Knaben das Erlernen aller Regeln der lateinischen, griechischen, französischen Grammatik, wenn zugleich sein Körper und seine sittliche Kraft hinschwinden?
Das gleiche gilt natürlich von denMädchen. Darüber, wenn auch nur andeutend, zu sprechen, liegt auch in meiner Aufgabe: Denn wenn wirMännerhaben wollen, brauchen wir vorerst gesunde Mütter. Ich lasse auch hierzu meinem Gewährsmann das Wort über Vorbildliches, was in Amerika geleistet wird (für den schauderhaften Stil des Ungarn bin ich nicht verantwortlich; etwas gebessert habe ich ihn schon): »Körperkultur derMädchen(insbesondere schwedische Gymnastik und Bewegungsspiele im Freien) ist unerläßlicher Bestandteil der amerikanischen Mädchenschulen sämtlicher Stufen. Es wird dem geradezu eine nationale Bedeutung zugeschrieben. Infolge der außerordentlich verbreiteten Koedukation wird an manchen Schulen sogar der Turnunterricht beiden Geschlechtern gemeinsam erteilt, und zwar, wie es heißt, ohne jede Gefahr.
Die Folgen dieser allgemeinen körperlichen Erziehung der Mädchen zeigen sich ineiner seelischen und körperlichen Überlegenheit der amerikanischen Frauvor den Frauen anderer Länder. Der bekannte schöne Wuchs, die natürliche Anmut, die frische Farbe, das selbstbewußte Auftreten, die physischeWiderstandskraft und die sittliche Kraft dieses Typus finden vorwiegend in der gesunden Jugenderziehung ihre Quelle und ihre Erklärung. Das im Keimen begriffene Mädchenturnen unserer Lande (Österreich) ist jenem gegenüber kaum mehr als ein ängstliches Herumtasten zu nennen.
Die grundlegende Vorbedingung einer jeden richtigen und erfolgreichen Körperkultur ist die Erziehung einer wissenschaftlich gebildetenTurnlehrergilde, die, fern von jedwedem Naturalistenunwesen und von extremem Muskelkultus, ein wohldurchdachtes, stets die ewig unabänderlichen Gesetze der Natur und der Gesundheit berücksichtigendes System befolgt und auch selbst über eine entsprechende allgemeine Bildung verfügt.«
Doch das führt hier zu weit, zu sehr ins Einzelne! –
Ein alter Spruch, den man unseren Schülern oft vorträgt, lautet: Qui proficit in litteris, sed deficit in moribus, plus deficit quam proficit: »Wer im Wissen vorankommt, in den Sitten aber zurück, hat mehr Schaden als Vorteil«. Das wollen wir Lehrer uns selbst besonders vorhalten und danach unsere Erziehungspraxis einrichten.
Gegenüber der deutschenakademischen Trinkunsittebekannte sich der »Vierte deutsche Abstinententag« (Barmen-, Elberfeld, 6. Oktober 1906) mit aller Entschiedenheit zu der Auffassung, die im Februar 1906 der »Verein abstinenter Juristen des deutschen Sprachgebietes« bekannt hatte. Ich wiederhole daraus, wenn auch nicht wörtlich, einige Sätze, die auch wieder ein Stück Erziehung zur Mannhaftigkeit bedeuten:
Wer der Wahrheit die Ehre geben will, muß bekennen: Wir akademisch gebildeten Männer tragen an dem Alkoholelend in Deutschland die schwerste Schuld. Was in den höheren Kreisen der Gesellschaft geduldet, mit pietätvoller Rücksicht und Schonung gehegt und gepflegt wird, beeilen sich die unteren Klassen nachzuahmen und zu übertreffen. Die schwersten Formen der Alkoholverderbnis in Deutschland wurzeln in der Verblendung und in der Furcht der höheren sozialen Schichten; diese haben weder die Erkenntnis noch den Mut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen und unwürdige Zustände aus ihrem eigenen Leben auszurotten.
Die auf dem Trinkzwange beruhenden Trinksitten des Universitätslebens, denen die Männer dieses Standes während ihrer Studienzeitfast ausnahmslos huldigen und die sie vielfach in ihr späteres Leben mit hinübernehmen, erzeugen bei dem berechtigten sozialen Ansehen ihrer Träger eine verderbliche Suggestion auf andere Kreise und verhindern viele, das Wesen der Alkoholgefahr richtig zu würdigen.
Die akademischen Trinksitten vergiften also einen großen Teil derer, aus denen sich unsere geistige Elite bilden sollte und wirken durch das böse Beispiel auch auf die anderen Stände verderbenbringend, zunächst auf die Stände der gleichen sozialen Schicht, sodann auch auf das gesamte übrige Volk.
Wer studiert hat, sollte fähig sein, auf den Höhen deutschen Geistes zu leben, sollte seinen deutschen Volksgenossen Führer sein zu idealer Lebenshaltung. Wie viele aber vegetieren nach vollbrachtem Studium in trostloser Mittelmäßigkeit dahin! Der Bierkultus, aus dem die deutsche Hochschule heute noch ein Evangelium macht, weiht unzählige in den empfänglichsten Jahren ihres Lebens dem ewigen Stumpfsinne, stempelt sie für alle Zeiten zu öden Philistern.
Wer studiert hat, sollte anderen an körperlicher Kraft und Schönheit, an Frische und an Lebensfreude voranleuchten. Denn wenigen Volksgenossen wird, wie ihm, die Muße geboten, in der Zeit stärkster Entwicklung den Körper zu stählen, die Sitten zu veredeln: Auch in der Erfüllung der Wehrpflicht sollte er daher einen andern als den gewöhnlichen Platz einnehmen. Wie viele aber legen durch den Trinkzwang des Universitätslebens den Keim zu dauerndem Siechtum! Wie viele gehen umher, vom Biere aufgeschwemmt und verunstaltet, keuchend unter der Last des Fettes, grämlich, aller Lebensfreude bar, ein Spott anderer Stände und Völker.
Wer studiert hat, sollte an gerader, furchtloser und männlicher Gesinnung vorbildlich sein. Jahrelang hat er Zeit, mit den Besten und Tapfersten der Weltgeschichte aller Zeiten im engsten geistigen Verkehr zu stehen. Bei solchem Umgange könnten und sollten ihm Menschenfurcht und knechtischer Geist fremd geworden sein.
Wie viele Studenten aber sehen wir dann im Berufe elendester und verächtlichster Streberei verfallen: einem ewigen Bücken vor den Vorgesetzten, einem unausgesetzten Schielen nach Beförderung, Kriechen nach oben und Treten nach unten!
Wo lernten sie das? Unter anderem doch wohl auch in der Knechtschaft des akademischen Trinkzwanges, dem ihr blühendstesAlter unterworfen war: Wer mit 20 Jahren gelernt hat, sich auf eines anderen Befehl mit Bier anzufüllen, bis er es wieder erbrechen muß, der hat damit genug das Opfer des Intellekts und freier Selbstbestimmung gelernt, der mußte Unwürdiges erdulden, gegen das sich schon der rein körperliche Stolz des Jünglings mit aller Macht auflehnen sollte; der Stolz aber wurde ihm dort gewaltsam gebrochen: er lernte, daß es nicht gut tut, stolz zu sein.
Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd kein anderes germanisches Volk heute duldet. Es ist Heuchelei schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten, solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, noch Duldung genießt.
Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten schädigen unser Ansehen im Auslande, hauptsächlich da, wo wir vor allem Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht, weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.
Ein junger Mensch zwischen 18 und 20 Jahren findet selten Kraft, Selbständigkeit und Selbstgefühl genug, um, einem moralischen Zwange entgegen, seiner besseren Erkenntnis zu folgen und einfach zu erklären: »Das tu' ich nicht! Ein freier Mann läßt sich nicht zwingen, auf anderer Befehl sich mit Bier vollzugießen.«
Ehre dem deutschen Kronprinzen, der diesen Mut gefunden hat, freilich in seiner Ausnahmestellung auch als Gesetzgeber auftreten durfte, wo andere zu strengem und stummen Gehorsam verurteilt sind.
Wer unsere Jugend zur Mannhaftigkeit erziehen will, muß sich offen als Gegner des studentischen Trinkzwanges bekennen. Es ist ein Nonsens, junge grüne Pennäler mit dem Spürsinn und der Wachsamkeit von Detektivs in ihrem »außerdienstlichen« Leben zu überwachen, gleichzeitig aber die studentische Trinksitte offen anzuerkennen und als »alter Herr« die Tyrannei des akademischen Bierzwanges zu ertragen, ja, in gehobener Feststimmung sie mitzumachen.
Ist die ganze Saufpoesie wirklich von solchem Zauber, daß darüber selbst Greise noch in Wonneschauer verfallen, dann dürfte man es jungen Burschen nicht so sehr verübeln, wenn sie bald gleichen Glückes teilhaftig werden wollen.
In meiner Jugend wußte man tatsächlich noch nicht, welche Verheerungen der Alkohol an der Gesundheit und Kraft unseres Volkes anrichtet und meinte, wenn der Rausch verraucht, dann wäre auch die Sache abgetan.
Jetzt sind wir durch Ärzte und Nationalökonomen besser belehrt, jetzt wissen wir, daß die Trunksucht unser Volk schwerer schädigt als es die blutigsten Kriege vermochten, daß dabei nicht nur Leben und Lebensglück des einzelnen, sondern auch die Gesundheit, Kraft und Ehre des ganzen Volkes auf dem Spiele stehen.
Schon meldet sich in der besseren deutschen Jugend eine heilsame Einsicht, schon gibt es viele studentische Vereine, die den Trinkzwang abgeschafft haben, ebenso allerlei Wanderbünde und sonstige Gruppen junger Leute, die sich zur Mäßigkeit oder Enthaltsamkeit verpflichten. Ich selbst halte es mit Walther von der Vogelweide:
»Ich trunke gerne da man bi der maze schenket,Und da der unmaze nieman iht gedenket – –Er hat niht wol getrunken, der sich übertrinketWie zimet daz biderbem man, daz ime diu zunge hinketVon wine? ich waene er houbetsünde und schände zuo ime winket« – –
»Ich trunke gerne da man bi der maze schenket,Und da der unmaze nieman iht gedenket – –Er hat niht wol getrunken, der sich übertrinketWie zimet daz biderbem man, daz ime diu zunge hinketVon wine? ich waene er houbetsünde und schände zuo ime winket« – –
Wir entsetzen uns jetzt in Deutschland über zunehmende Unsittlichkeit und damit herabgehende Wehrkraft und Rüstigkeit der deutschen Jugend. Ich glaube gerne, daß die Groß- und Fabrikstädte, das enge Zusammenwohnen der Menschen, die nervenzerrüttenden Wirkungen des geräuschvollen Straßen- und Fabriklebens eine Verführung zu Trunk und Unzucht begünstigen und daß die Kinder früher als sonst moralisch infiziert werden. Tacitus würde heute nicht mehr eine sera invenum Venus der Germanen rühmen können.
Welche Abwehr haben wir gegen diesen Verfall der Sitten? Von dem Kampf gegen den Schmutz in Wort und Bild verspreche ich mir keine starke Wirkung. Meine Gedanken fuhren auf andere Bahnen. Ich kann sie hier nur andeuten: Waldschulen, Landerziehungsheime,große öffentliche Spielplätze, Verlegung der Schulen ins Freie, eingeschränkte Stundenzahl, dafür körperliche Arbeit im Freien, allerlei maßvoll betriebener Sport, zumal kalte Bäder, Schwimmen, Rudern, regelmäßig wiederkehrende Kinderfeste mit Wettspielen, Wetturnen, Massengesang, sodann Kinderwerkstätten, Pflege der Handarbeit zumal der gärtnerischen, Halten von Haustieren (Kaninchen, Vögel), Ausstellungen von Kinderarbeiten – mit einem Worte: Steigerung des Schaffenstriebes und damit Steigerung der Lebensfreude und des Selbstbewußtseins.
Die Freude sucht den hellen Tag, weicht dem Niedrigen, Gemeinen und Dunklen aus. In Lasterhöhlen herrscht kein Frohsinn, sondern höchstens eine durch Alkohol angefachte scheue Wildheit.
Für die heranwachsende und schon erwachsene Jugend wäre eine Reform unseres ganzen sozialen Lebens zu wünschen. Wir leben in ganz kranken Zuständen. Heute bleiben, weil der Mann zu spät oder überhaupt nicht zur Ehe kommt, 40% der Mädchen besserer Stände ledig. Das ist ganz ungeheuerlich, ist ein Frevel gegen alle Vernunft und gegen die Natur. Es ließe sich ändern und müßte notwendig geändert werden.
Unsere jungen Leute müssen eher zu etwas kommen. Vor 100 Jahren heiratete der junge Deutsche mit 20–25 Jahren. So ist es auch heute noch im glücklichen England. Der Bursche von 17 Jahren hält dort schon Ausschau nach seiner Zukünftigen. Das ist normal und schützt ihn vor tausend Abgründen. Denn das Mädchen nimmt ihn in Zucht. Sie spricht wie Julia:
»Wenn deine Liebe, tugendsam gesinnt,Vermählung wünscht, dann …«
»Wenn deine Liebe, tugendsam gesinnt,Vermählung wünscht, dann …«
So kommt über die Jünglingsjahre der poetische Hauch einer jungen und zukunftsfrohen Liebe.
Der deutsche Studio rechnet sich aus, daß er vor dem 35. Jahre keine Frau ernähren kann, daß dann seine Lotte auch gegen 30 Jahre, also schon verblüht sein wird und sieht sich vor, daß er nicht hängen bleibt. Sein Herz sucht dann Ersatz in den niederen Regionen, wo man an Vermählung nicht zu denken braucht.
Will man ernstlich derProstitutionsteuern, so muß man die jungen Männer früher zu Erwerb und Stellung kommen lassen. Mit 20–25 Jahren solltejederjunge Mann selbständig sein. Dazumüßten die ganz falschen Schulansprüche, das Phantom der »allgemeinen Bildung« und all die Hemmungen beseitigt werden, die jetzt dem deutschen Jüngling seine Zukunft versperren. Mein Großonkel, Johannes Gurlitt, war mit 23 Jahren (glaub ich) Gymnasialdirektor in Kloster Bergen bei Magdeburg – ging ausgezeichnet! Jetzt läßt man einen geprüften Lehrer von 25 Jahren nur mit Vorsicht unter Assistenz von älteren Lehrern gegen die Sextaner los, mit 30 Jahren wird er denn endlich mit Gottes Hilfe angestellt. Voriges Jahrzehnt kamen viele erst mit 35–40 Jahren dazu und eröffneten ihre Laufbahn mit schon ergrauendem oder kahlem Scheitel und mit erloschenem Herzen. Nachdem ihnen jahrelang der Brotkorb gezeigt und dann wieder entzogen wurde, lernten sie sich vollends den Wünschen der Vorgesetzten willenlos unterordnen. Mit gebrochenem Selbstbewußtsein wie von unten her Geräderte, und im Rückgrat geknickt, traten sie schließlich ihr Amt an, in dem nur gesunde, aufrechte und selbstbewußte Männer Großes leisten können.
So kommt jede Betrachtung zurück auf unsere nötige Erziehungsreform.
In summa; Luft, Licht, Wasser, Bewegung und Spiel im Freien, geselligheiteres Leben, körperliche Anstrengung und gute geistige Anregung – das sind die besten Waffen gegenjedeUnsittlichkeit in Schule und Haus und ihre Menschenkraft und Menschenglück zerrüttenden Wirkungen.
Dafür kann man dann getrost einen ganzen Waschkorb voll Schul- und Bücherweisheit in die Rumpelkammer tragen. – –
Noch vor einigen Monaten klagte mir eine Mutter, ihr Sohn (13jähriger Gymnasiast) hätte ihr unter Tränen gesagt: »Ich erlebe im ganzen Jahr keine frohe Stunde.« – Die Schule raubt auch diesem gutartigen, aber etwas langsamen Kinde das Beste, den Sonnenschein, den Frühling des Lebens. Aber getrost. Es soll nicht mehr lange währen. Hören wir, wie die Frühlingsstürme auch schon in Österreich sich erheben (Die Schul-Reform I, Nr. 1):
– – »Was bliebe denn dem Menschen für das Grau des Daseinskampfes übrig, wenn nicht die Erinnerung an den Lenz des Lebens? Und diese Ungebundenheit soll auch schon dem werdenden Menschenkinde vergällt, vergiftet werden, indem man es jahrelang zurechtstreckt und biegt und krumm zieht! Nein, das ist Übereifer, istUnnatur! Wenn das Übel nicht ärgere Folgen schon gezeitigt hat, so verdanken wir das der unverwüstlichen Lebenskraft der Jugend, die viele Püffe verträgt. Aber eine unnütze Behinderung der Entwicklung bleibt es trotz alledem und darum müssen neue Bahnen beschritten werden.
Lassen wir doch auch im Frühling desLebensfröhlich alle Knospen springen, die so ein Menschlein in sich trägt! Lassen wir es natürlich heranwachsen und okulieren wir nicht immer an dem jungen Stämmchen herum. Wir werden dann an der Fülle eines neuenGeisterfrühlingsauch unsere Augenweide haben.
Schon gärt und wächst es allenthalben; alte Formen zerbrechen, neue Bildungen setzen sich durch. Ein Zug der Erneuerung geht durch die Gesellschaft, seit der Geist der Naturforschung von Erkenntnis zu Erkenntnis braust. Lassen wir diese frische Lenzluft doch auch in unsere verstaubten Lehrburgen ein, wo jahrhundertalter Moder lagert! Auch in diese Jugendgefängnisse muß der Ozon des sozialen Zeitalters einströmen. Die Brillen und Schlafmützen der alten Weisheitsgreise gehören schon längst ins kulturhistorische Kabinett. Noch spuken in der Mauerschule die Gespenster der Ägypter und Assyrer herum und das Ichneumon und das Gürteltier führen ihr sagenhaftes Leben weiter in den Schulbüchern, die von einer Jugendreihe zur ändern wandern. Nein, lüften wir da gründlich, damit die bleichen, verdrossenen Hippokratengesichter uns nicht die Freude am kommenden Geistesfrühling, an den vom Schulzwang und aus Formelhaft befreiten Individualitäten, verleiden!«
Selbstbewußtsein hat seine Wurzel in der Kraft.
Alte Herren, denen es mehr um ihre Eitelkeit und um ihre dauernde Wertschätzung, als um einen kräftigen, selbstbewußten deutschen Nachwuchs zu tun ist, klagen über den Mangel an Respekt bei der Jugend. Die Klage ist so alt, wie die Kenntnis der menschlichen Geschichte. Ich will mich hier mit dem Nachweise nicht zu lange aufhalten, erinnere aber alle Bibelfesten an die einschlägigen Bibelstellen und nenne eine Stelle aus dem Kirchenvater Chrisostomus: »Die Eltern beklagen sich oft über die Unbändigkeit der Jugend; aber sie sollen die Dornen ausreißen, ehe sie tiefe Wurzeln geschlagen haben. In dem zarten Alter hätten sie sich ohne Mühe ausrotten lassen; wäre die Aufsicht über die Leidenschaften nicht versäumt worden, sie würden nicht so zugenommen haben und jetzt nicht so schwer zu bestreiten sein.« AuchWaltherklagte im Alter, daß die ElterntölpelhafterJunker, Salomos Lehre mißachtend, die Rute zu sehr gespart hätten. Der Zufall spielt mir ein Regensburger Blatt aus dem Jahre 1832 in die Hände. Das war doch die Zeit unserer Großväter, die wir so oft rühmen hörten. Da aber lesen wir von einer »verwildeten, respektlosen« Jugend und die Ermahnung: »Eltern, Lehrer und Meister! ihr seht die Früchte der heutigen Erziehung; legt nicht die Hände in den Schoß, sondern legt sie ans Werk, erhaltet und rettet, was noch zu erhalten, zu retten ist! Ist einmal die Ehrfurcht, der Gehorsam gegen die geistliche Obrigkeit verletzt, so folgt der Ungehorsam gegen die weltliche von selbst nach, und der Strom des Verderbens, Aufruhr und Empörung möchte dann auch uns ergreifen und in den Abgrund ziehen.«
Ich könnte Zeugnisse aus unserer eigenenJugendzeitbeibringen,Zeugnisse, in denen von uns als von einer »entarteten Jugend« gesprochen wird – (und wir waren doch so nette Kerle!).
Die Klagen über wachsende Autoritäts- und Pietätslosigkeit derheutigenJugend weisen DirektorEvers(Direktoren-Verhandlungen Bd. 51, als Buch: »Auf der Schwelle zweier Jahrhunderte«. Berlin 1898, Weidmann) und DirektorMax Nath(a. a. O. S. 61 ff.) mit Recht ab. Evers schreibt: »Vor allem erscheint mir unsere Jugend viel maßvoller, wohlerzogener, zahmer, verfeinerter schon in den Mittelklassen … Weder in körperlicher noch in sittlicher Hinsicht steht unsere Jugend schlechter, im allgemeinen sogar besser (als früher)« und Nath sagt dazu: »Das sind Worte, die ich freudigen Herzens und aus vollster Überzeugung unterschreibe.« Ebenso hatte bekanntlich auchPaul de Lagardeschon früher gesprochen. Aber immer noch beruft man sich auf Caprivis Wort von der verwilderten Jugend, als ob Caprivi eine Autorität wäre. Ich kenne wenige Menschen, die sich im öffentlichen Leben durch ihre Kurzsichtigkeit so wie er bloßgestellt haben. Man verweist auch auf die zunehmende Zahl von Delikten und Strafen an Jugendlichen niederen Standes. Darauf ist zu sagen: erstens leben wir in latentem Kriegszustande, zweitens ist jene Jugend ihren Autoritäten, den sozialistischen Führern, höchst gehorsam, nur zu gehorsam, drittens, eine übereifrige Polizei, auch numerisch verstärkt, straft für Delikte, die man früher belächelte.
Auf jene Statistiken ist also wenig zu geben.
Es ist vielleicht ein Verdienst der sozialistischen Führer, daß sie die niederen und niedrigsten Volksschichten an Disziplin gewöhnen. Diese großartige Arbeit werden erst spätere Jahrhunderte voll anerkennen. Das Machtwort Bebels verbietet den Sozialisten Gewalttaten – und mit Erfolg! Man spottet über diese strenge Parteizucht: man sollte sie bewundern. Es wird hier durch die Macht der Idee geleistet, was man sonst nur durch eiserne Strenge und Gewalt erreichen konnte. Der Zug von 200 000 Männern, der sich lautlos, ohne jede Störung, in feierlichem Ernst stundenlang als Protest gegen ein veraltetes Wahlgesetz durch die Wiener Straße zog, war nach Zeugnis von Augenzeugen ein ergreifender Anblick.
Wenn Machthaber, Erzieher, Lehrer über Respektlosigkeit der Schutzbefohlenen klagen, dann liegt immer ein Fehler der Leitendenzugrunde. Denn der Mensch hat den inneren Drang, sich anzuschließen und unterzuordnen, wo er Kraft und Einsicht, Wohlwollen und Schutz findet. Sind die Untergebenen unzufrieden, dann ist es hohe Zeit, daß die Herrschenden mit sich zu Rate gehen. Ohne Feuer kein Rauch. Wer ehrlich sucht, findet auch den Grund der Unzufriedenheit und findet Mittel der Abhilfe, sofern nicht, wie vor 100 Jahren in Frankreich und heute in Rußland, der rechte Zeitpunkt durch Gedankenlosigkeit und brutalen Egoismus schon versäumt ist.
Nach meinem Urteile, das sich auf eine langjährige Beobachtung begründet, ist unsere jetzige »bessere« Jugend – die anderen kenne ich leider zu wenig – nicht zu respektlos, sondern zu zahm, zu autoritätsgläubig, zu unselbständig im Denken und Handeln. Diese Schwäche teilt sie mit ihren Eltern. Ihre grenzenlose Hochachtung vor Beamteten, Betitelten, Ordengeschmückten und tönenden Namen lähmt all ihr Urteil. Es wird höchste Zeit, daß man dem Volke all diese bewunderten Leute einmal in der Unterhose zeige.
In einem demokratischen Staate, wie Frankreich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika oder in England, wo die Ministerien häufig wechseln, und morgen schwarz wird, was heute weiß war, in allen Ländern, wo das Volk zur Mitarbeit an der Regierung nicht nur pro forma, sondern de facto berufen ist, finden wir nichts von diesem Anstaunen der amtlichen Würdenträger. Wenn es bei uns nur öfters vorkäme, daß z. B. ein Ingenieur wieFreycinet, ein Advokat wieHaldane, ein Börsenmakler wieBenteauxKriegsminister würden oder ein ehemaliger Arbeiter, wieBurns, Arbeitsminister und wenn häufiger Subalternbeamte in höhere Stellen aufrückten, da sie doch nicht selten alle Arbeit leisten, für die die hohen Herren ihre Titel und Orden beziehen, – dann ließe dieser lähmende Respekt vielleicht etwas nach.
Wirksamer freilich, wenn auch betrüblicher, sind die Enthüllungen letzter Jahre, die uns alle Bewunderung in Verwunderung verwandelt haben. Da entringt sich der bescheidenen Untertanenbrust der Ruf: »Na, viel ungeschickter hätt' ich's auch nicht angestellt!« – Das hat also das eine Gute, daß sich das matte Selbstbewußtsein – die saure Frucht von endlosen Erziehungsbemühungen – wieder etwas auffrischt. Ich habe noch das Glück, einige sog.Diplomaten persönlich zu kennen. Das wirkt auf die Streckmuskeln des Rückens besonders stärkend.
Mit »einem Tropfen demokratischen Öles« ist schon nichts mehr zu leisten, wir brauchen alle schon einen gehörigen »Schuß«Öl, um zur Selbstbesinnung und zu einer manneswürdigen Selbstachtung zu kommen.
Fast schlimmer noch als der seit Jahrhunderten dem deutschen Untertanen angezüchtete Respekt vor der weisen Obrigkeit ist der vor tönenden Namen der Wissenschaft und der Kunst. Auch da erstirbt jedes eigene Urteil in Demut. Wer in irgendeinem Pünktchen Goethes Meinungen bekämpft, gilt als Barbar oder dreister Umstürzler.
Fast jeder »Gebildete« befindet sich bei uns im Banne des Angelernten. Werturteile über ganze Völker, über politische und sonstige Größen gehen um wie schlechte Kupfermünzen. Wie selten trifft man noch Menschen mit eigenen Köpfen! Die »Bildung«, die Schule mit ihrem vonArthur Bonusso heftig angezweifelten Kulturwerte, nimmt den Menschen alle Höhen und Tiefen. Je »besser« die Schulen, um so flacher die Menschen, die aus ihnen hervorgehen.
Geheimer JustizratL. Passargein Jena schreibt in seinem Buche: »Ein ostpreußisches Jugendleben«, als 81jähriger: »In meiner Jugend war fast jeder Mensch ein Original: die Bildung hatte noch nicht alle über einen Kamm geschoren.« Die Überzeugungen waren damals noch nicht im Massenvertrieb von den Regierungen ins Volk geworfene Fabrikware.
Die Wertschätzung eines strebsamen jungen Mannes liegt jetzt in der Hand irgendeines Gewaltigen der Feder: von einer herabsetzenden Kritik eines namhaften Kunstgelehrten erholt sich der Betroffene oft im ganzen Leben nicht wider: denn man traut den überbrachten Worten lieber als dem eigenen Urteile. Ich könnte zu diesem Kapitel die lehrreichsten Einzelbeobachtungen beibringen; aber die Sache bedarf wohl keiner eingehenderen Begründung. Wir alle kennen das Übel schon zur Genüge.
Noch schlimmer aber als der Respekt vor Titeln und Namen ist der von ererbten Lehren und Anschauungen. Es gibt Tausende von solchen gläubig oder nur gedankenlos hingenommenen Scheinwahrheiten, die zu prüfen man sich scheut. Zumal werden eine Menge religiöser Lehren nur deshalb noch ernst genommen, weil sieuns irgendein Mensch mit ernster Miene vorgetragen hat. Als Sklave einer anerzogenen Gedankenlosigkeit beansprucht der Unfreie noch die Achtung eines besonnenen, pietätvollen, bescheidenen Menschen. Man sollte ihn lieber feig und unehrlich nennen.
Natürlich leisten auf diesem Gebiete wieder ehemalige Militärs das Stärkste. Diesen Herren ist es zumeist unverständlich, wie ein Mensch zu abweichenden Meinungen kommen könne, da sie in der vermeintlich »tadellosen« Welt leben. Alles, wie's sein muß: Gottesdienst, patriotische Gesinnung, gesellschaftliche Haltung. Geschmack und Urteil – alles in bester Ordnung. Als R. von Egidy ein eigenes Glaubensbekenntnis aussprach, hielt man ihn in seinem Kreise für »einfach verrückt–, war ein tüchtiger Soldat und angenehmer Kamerad. Schade um den Menschen«!
Es wird gut sein, der Jugend, wenn sie in die Jünglingsjahre tritt, zu sagen, daß alle großen geistigen und moralischen Erfolge ein starkes Selbstvertrauen und damit verbunden Mangel an Autoritätsglauben voraussetzen. »Kopernikushatte keine Furcht vor der Bibel, er hätte sonst die Astronomie nicht reformieren können,Lutherfürchtete nicht den Papst, nicht die Mönche und die ganze katholische Kirche – –,Galileifürchtete weder Bibel noch Aristoteles, sonst hätten alle seine Geisteskräfte nicht hingereicht, die moderne Naturwissenschaft zu begründen« (Popper, Voltaire, Dresden, Carl Reißner. 1905. S. 309) und so sind Descartes, Giordano Bruno, Spinoza, Bayle, Rousseau, Voltaire alle respektlos gewesen gegen die Autoritäten, die sie erst stürzen mußten, um selbst wirken zu können. Voltaire zumal, »der vor nichts in der Welt Furcht hatte und nie auf halbem Wege stehen blieb, der deshalb als Kämpfer, Erwecker, Aufrüttler, Bahnbrecher unübertroffen ist, als Minierer, als Feind jeden hohlen Wesens und falschen Scheines, als der Mann, der jede Maske herunterriß, dessen Schriften Schlachten, und zwar lauter gewonnene Schlachten sind, der alle Bastionen des Mittelalters mürbe schoß und mehr als irgendein andrer Mensch durch die Gesundheit seines Naturells zum Feind alles dumpfen Hinbrütens in geisteszerrüttendem Phantasiespiel wurde« (ebenda S. 310 ff.). Statt des hirn- und herzlosen Respektes, den man heute der Jugend predigt, lehre man sie Achtung vor jedem ehrlich Strebenden, vor jeder selbst erworbenen und mannhaft verteidigten Überzeugung.
Man gebe ihrHebbelsundEmersonsSchriften in die Hand. Da wird sie Mannhaftigkeit verstehen und lieben lernen. Man nähre ihre Selbstachtung, den Stolz auf ihre Eigenart, den Willen, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln, zu behaupten und durchzusetzen!
Man lasse Überzeugungen wachsen, man gebe alles Denken frei, man schütze und ehre das freie Wort – und mit Staunen wird man gewahren, wie viele Männer in Deutschland erstehen. Regierungen, Schulen, Eltern und Erzieher sind nicht dazu da, das geistige und sittliche Wachstum zu hemmen, sondern ihm eine freie Entwicklung zu sichern. Kultur wird von der Regierung und Behörden nicht geschaffen, sondern bestenfalls geschützt. Eine Regierung, die sich anmaßt das Geistesleben ihres Volkes in Religion, Wissenschaft und Kunst zu kommandieren, zerstört oft mehr geistige Werke, mehr Menschenglück, mehr Lebens- und Entwicklungskeime als blutige und hartnäckige Kriege, durch die doch auch Kräfte, selbst die edelsten, befreit und entfesselt werden. Nichts demoralisierender für ein Volk als die Stickluft einer Gesindestube, vermischt mit dem Weihrauchdunst der Höflinge und der Klerisei. Das ist wahrhaft männermordend.
Weshalb kommen die Japaner, weshalb die Nordamerikaner so schnell vorwärts? Weil sie Respekt nur vor dem haben, was sie selbst von seinem Werte lebhaft überzeugt, was sie für ihr eigenes Leben brauchen können. Alte, erstorbene Autoritäten gelten ihnen nichts. Sie rufen jeden noch so großen Namen vor den Richterstuhl ihres gesunden Verstandes. In England oder Amerika kann man ein Urteil wie: I dont like Raffael; I dont like Schiller, sehr oft hören und kein Mensch entsetzt sich darüber. In Deutschlandmußman Raffael und Schiller bewundern. Wenn das Verständnis dazu nicht langt, dann lügt man eben.
Mit den Namen unserer großen Pädagogen macht man »drüben« gar keinen Eindruck. Wenn man einen dortigen Erzieher sagt: »AberHerbart, der große Pädagoge, sagt« – so wird die Antwort lauten: »Wer ist Herbart? Ich kenne diesen Menschen nicht. Was er da sagt, ist mir gleichgültig. Es scheint sehr töricht zu sein.«
Keméni sagt bei dieser Gelegenheit: »Frei von jedem Autoritätsglauben ist der Amerikaner in kein einziges Erziehungssystem befangen, sondern prüft, vergleicht, probiert und wählt das Gute dann und daher,wo er es eben findet. Er freut sich, wenn er auf dieser Suche von Erfolg begünstigt ist und bekennt das stets mit mannhafter Ehrlichkeit.«
Die Folge dieser »Respektlosigkeit« ist eine große geistige Beweglichkeit und deren Folge wieder: ein gesundes Wachstum und blühender Fortschritt.
Ist erst das Selbstvertrauen gestärkt, dann werden wir in Deutschland endlich auch wieder das zu hören bekommen, wasArndtden »Zorn der freien Rede« nennt.
Eines der handgreiflichsten Anzeichen unserer moralischen Schwäche ist, daß wir kein mannhaftes Wort mehr ertragen können.
Man darf sich nicht einmal mehr entrüsten. Das schickt sich nicht. Man ist widerlich anständig, korrekt, ruhig und sachlich geworden. Das danken wir wieder der Beamtenschaft. Im Dienste ist jedes Pathos untersagt. Da gibt es nichts Hohes, Heiliges, nichts Begeisterndes, Entrüstendes. Da herrschen nur die starren, kühlen amtlichen Maßnahmen, Verfügungen und Akten. Alles findet da seine kühl abgemessene Erledigung. Die Hauptsache: Einhaltung des Instanzenweges und gut geordnete Aktenbündel. Man tut seinen Dienst und schert sich nicht um das, was nicht mit ins Ressort gehört. Für die Stimmung wird »oben« gesorgt. Ehe man nicht weiß, wie diese läuft, ist man empfindungslos. Es ist das die Praxis von Lakaien, die auch beim Servieren nichts hören, nicht lachen und sich nicht ärgern dürfen.
So gewöhnte Menschen begreifen gar nicht, wie man sich erregen kann. Begeisterung nun gar würde einem da bald gelegt werden. Das beste Mittel, man läßt so einen Hitzkopf ein paarmal mehrere Stunden lang im Zimmer des Bureaudieners antichambrieren und ihm dann mit Bedauern melden, daß man wieder nicht zu sprechen sei: Dienstliche Abhaltung, wichtige Sitzung.
Über religiöse Fragen zu sprechen, schickt sich in der deutschen Gesellschaft nicht mehr; Politik schließt man auch lieber aus, weil von irgendeinem Herrn, der der Regierung nahe steht, diese oder jene Bemerkung »unliebsam« empfunden werden könnte. Man fängt leider Gottes im Deutschen Reiche selbst am Biertische wieder zu tuscheln an. Als ich auf der Sommerfrische einem General a. D. meine Ansichten über den »Racker Staat« vortrug, sah er sichscheu um und sagte: »Lieber Herr Professor, da drüben sitzt ein Staatsanwalt!« – »Nun, da will ich etwas lauter sprechen!« Der General hatte 1866 und 1870 mit Auszeichnung gekämpft.
Und nun prüfe man unsere Zeitungen! Das Gott Erbarmen! Was wird da mit Ausnahme von wenigen, die der Wahrheit ehrlich zu dienen bestrebt sind, was wird da zusammengelogen!
Wie schlürfen da die geschäftigen Reporter auf Gummischuhen einher, wie leichtfertig »greifen sie heute etwas aus der Luft«, um es morgen zu dementieren.
Wie feig verstecken sich ihre wahren Meinungen! Wie wird da mit »sollte, dürfte, könnte, möchte vielleicht« gearbeitet, damit man nur ja nicht zu fassen ist! Wie versteckt man sich hinter Pseudonymen, um aus dem Hinterhalt zu treffen! Wie fälscht man Empfindungen und Tatsachen je nach Bedarf und nach Bezahlung!
Jüdische Artikelschreiber schwärmen für die fröhliche, selige Weihnachtszeit, machen alle Wonnen des kirchengläubigen Herzens auf dem geduldigen Papiere mit, erglühen für liebenswürdige Prinzen, Prinzeßchen, die sie nie gesehen haben und die ihnen völlig gleichgültig sind, ereifern sich für hohe Gäste ihrer Landesherren, mögen diese auch innen und außen schwarz sein wie der Teufel, dulden keine öffentliche Erregung, obschon sie sie lebhaft teilen, besänftigen jede Lebenswelle, auf daß der Bürger ruhig weiter schlafe und kein Abonnent abspringe, und berichten über Vorstellungen und Konzerte, die sie nicht mitgemacht haben mit erdichteter Begeisterung oder Entrüstung.
»Feil ist in der geschändeten Brust der Gedanke«, man lese weiter bei Schiller im »Spaziergang« nach, was den Zusammenbruch verkündet!
Wenn Wahrhaftigkeit die erste Mannestugend ist, dann hat Graf Tolstoi recht, der den Simplizissimus das beste Blatt in Deutschland nennt. Jedenfalls kann ein künftiger Historiker die Stimmungen des ungebundenen deutschen Volkes nirgends besser studieren als an diesem satirischen Blatte, das, wie die Flugblattliteratur zu Luthers Zeiten, die bestehenden Schäden rückhaltlos aufdeckt und die große geistige Revolution, die kommen muß, erbarmungslos vorbereitet.
Übrigens ist es sogar eine ideale Aufgabe, die Lüge zu bekämpfen und den Heuchlern die Maske vom Gesicht zu reißen. Für diesesVerdienst nimmt man manche Roheit, manchen zu plumpen Witz gerne mit in Kauf. In der tapferen Zeitschrift »Das freie Wort« stand jüngst ein bitterböser, aber sehr zutreffender Artikel über die berechtigte »Simplizissimusstimmung«.[19]Man findet dieses Blatt jetzt auch in allen »guten« Familien, in allen vornehmen Restaurants Deutschlands und Österreichs und das gegen den Simpel gerichtete Verbot eines Eisenbahnministers (der nur für guten Bahnverkehr, nicht auch für die politische Erziehung der großen Kleinkinderbewahranstalt Deutschland zu sorgen hätte) hat das Vaterland vor »Reichsverdrossenheit. Nörgelsucht und Schwarzsehern« nicht behüten können.
Überhaupt werden die Leute dadurch nicht vergnügter, daß man ihnen verbietet, ihren Ärger laut werden zu lassen.
»Ruhig, sachlich, objektiv,« sollen auch die Lehrer sein und bleiben. Es geht eben wieder der Ruf durch Deutschland: »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!« Die stille, unendlich mühsame und segensreiche Arbeit, die von unseren Lehrerstande jahraus jahrein geleistet wird, hat ihren Lohn in sich und bedarf keiner lauten Lobpreisung.
Ich mag in meiner Kritik der deutschen Schule zu streng gewesen sein – freilich stimmt mir die Öffentlichkeit und der Erfolg von Tag zu Tag mehr zu – ich mag zu sehr verallgemeinert und vielfach Gutes nicht gekannt und deshalb nicht genannt haben, was hier und da schon gewollt und geleistet wird: das Recht und den Zorn der freien Rede lasse ich mir nicht bestreiten und nehmen. Aber es gibt Zeiten und Stimmungen, in denen diese »innere stille Reform«, wie man es jetzt nennt, nicht ausreicht. Jetzt geben selbst hohe Schulbeamte zu, daß der laute Schrei des Unwillens berechtigt war, daß trotz und zum Teil infolge jenes stillen, geduldigen und fügsamen Lehrfleißes ein unheilvolles »Regiment des Buchstabenund der Paragraphen, eine krankhafte Anschwellung des nüchternen Verstandes auf Kosten der Herzens- und Gemütsbildung, der Phantasie, des Anschauungsvermögens, zumal des Wollens und Empfindens, eben eine ganz verkehrte und einseitige Überernährung des Verstandes erzielt worden sei. »(Worte des Dresdner Stadtschulrates Dr. Lyon. Man vergleiche dazu mein Buch: »Der Deutsche und seine Schule«, 2. Aufl. S. 240.)
Ein riesenhaftes Sündenregister der deutschen Schule!Jetzt erkennt man endlich, daß uns das Regiment der Schulkanzlisten »in das niedere Gestrüpp der Kleinigkeitskrämerei« gelenkt hat, daß in der »philisterhaften Enge, in der die Spießer das große Wort hatten« (Worte von Dr. Otto Anthes; s. meine oben genannte Schrift, Vorwort zur zweiten Auflage), keine starken und fröhlichen Menschen, keine Persönlichkeiten wachsenkonnten! Also eine staatliche Entmannungsanstalt!?
Ein vernichtendes Verdikt über diese deutsche Schule!Und wenn das wahr ist, auch nur zur Hälfte wahr ist, so soll und darf man sich doch nicht erregen? Ja, beim Himmel, wo wäre denn ein heiliger Zorn am Platze, wenn nicht hier, wo es unserem Volke ans Innerste geht, an das Mark des Lebens? Auch da sollen wir korrekt, ruhig und sachlich bleiben und uns auf unsere Instruktionen beschränken?
Auf einmal wurden uns aber doch von oben her heitere und ermunternde Worte zugerufen: »Kinder, seid doch lustig! Kinder, seht doch: die Sonne geht uns noch täglich auf! Kinder, wir meinen es ja so gut mit euch! Freut euch doch! Wir haben ja das große, herrliche schöne deutsche Vaterland! Wer will da noch trübe sehen? Laßt euch von der modernsten Sorte deutscher Philisterei, von der Nörgelsucht die gute Laune nicht nehmen! Kommt, Kinder, wir wollen hinaus auf die Wiese, in den Wald! Kommt, laßt uns singen, laßt uns baden! Wollt ihr Ruderfahrten machen? Wollt ihr? Alles, alles sei euch gewährt. Nur seid lustig, Kinder, lacht doch! Lacht doch einmal wieder! Wir wollen frohe Menschen, frohe Menschen sehen!«
Staunend hört die Kapelle diese neuen, fremden Worte. »Das war doch früher nicht so?« Sofort werden alle Instrumente neu gestimmt. Auf das Serioso soll also jetzt ein Scherzetto folgen. »Zu Befehl!«
Wenn der Meister mit seinem Dirigentenstäbchen auf das Pult schlägt, da horcht die ganze Kapelle aufmerksam auf. »Also los: Scherzetto!« In den Konferenzen wird nun kund getan: »Meine Herren, sorgen Sie dafür, daß die Jugend heiteren Mutes sei!« »Verzeihen, Herr Direktor, aber strenge Pflichterfüllung werden wir doch nach wie vor –« »Bitte, Herr Kollege, wollen Sie nicht vom Thema ablenken. Wir haben es hier mit einer höheren Anweisung zu tun, die sich unserer Kritik entzieht. Dieser Anweisung haben wir Folge zu leisten und ich lege Wert darauf, daß Sie mir bekennen, von dieser Willenskundgebung der hohen vorgesetzten Behörde durch mich Kenntnis erhalten zu haben. Herr Kollege, Sie haben wohl die Güte, diese Tatsache zu Protokoll zu nehmen.« – »Darf ich mir, Herr Direktor, noch eine Frage gestatten?« – »Bitte sehr, Herr Kollege!« – »Tritt diese Verfügung sofort in Kraft oder erst von nächsten Ostern ab?« »Darüber gibt der Wortlaut der Urkunde keine sichere Aufklärung. Es dürfte sich also empfehlen, gleich morgen damit zu beginnen.« Die jüngeren Herren werfen sich beglückte Blicke zu. ›Also morgen! Endlich!‹
Und so geschieht's. Der Leiter der Anstalt selbst, wie in allem auch hierin vorbildlich, tritt gleich nächstenmorgens mit seinem neuen Gesicht an. Sein Antlitz, von fast 50jähriger unerbittlich strenger Pflichterfüllung, von dem düsteren, durch Lebensgrundsätze und Lebensstellung geforderten »sittlichen Ernst« erstarrt und kalt wie ein von Eisspalten zerklüftetes Gletscherfeld, versucht mit einmal heiter, sonnig, glücklich und beglückend zu blicken. Er will lachen und milde schauen, aber sein Gesicht verzieht sich ihm – zur Fratze.
»Mehr Licht, Luft, Sonnenschein in den Schulen!« – »Die Schulfenster auf!« – »Freude an der Schule!« – so tönt es jetzt aus hundert Kehlen. In den Schulprogrammen ergeht man sich in immer neuen Vorschlägen, wie man die Schule zur Pflegestätte der Lebensfreude machen könne. Man plätschert in Humanität!
Sonderbar, daß sie's jetzt auf einmal alle wissen! Sonderbar, daß kein Widerspruch laut wird. Wo stecken denn die bekannten alten knorrigen, überzeugungsstarken Lehrer, die Unentwegten, die ihren »Grundsätzen« treu sind bis in den Tod? Tritt denn keiner hervor und warnt vor der gefährlichen Neuerung? Keiner? Beziehen diese alten Catone sich alle ihre unerschütterlichen Lebens- undErziehungsgrundsätze von oben? Vordem, als nur unangenehme Schulreformer, die Krakeeler der Presse, unerfahrene Probekandidaten und noch nicht »fest Angestellte« das gleiche forderten, da belächelte man doch den »Blödsinn«, jetzt wird der Blödsinn auf einmal zur Weisheit? Sonderbar, höchst sonderbar! Aber richtig, es war ja bei der Kunsterziehung, der Schularztfrage, der Berechtigung der realen Schulen gerade ebenso: wir haben eben doch eine musterhaft geschultes Beamtenheer! Das macht uns kein Volk der Erde nach!
Die Hauptsache aber: Herrscht denn jetzt in unseren Schulen dieser freiere, gesunder Geist? Ja, er fängt an zu herrschen, er fängt aber vorsichtig an.
Und weshalb ich mich nun doch nicht beruhige? Weil die Pflichtfanatiker doch nur zum Schein mitmachen und weil ich eine Umkehr fürchte. Das neue Schulgesetz und die Vormacht der Kirche verheißen uns nichts Gutes. In solcher Luftkanneine innerlich starke Jugend nicht erwachsen. Schon ist die Volksschule den Kirchen ausgeliefert, schon hat sich der Kampf auf die Hochschulen übertragen, die Mittelschulen werden folgen. Daher meine Sorge und Unruhe! – Auch deshalb, weil man alle Lehrziele und Examina beibehält und gegen die Schulreformer noch feindlich vorgeht.
Wenn nämlich Jünglinge, die diese Schulen verlassen hatten, mit unauslöschlichem Ingrimm im Herzen, mit dem Wunsche, nichts mehr von ihr zu hören und zu sehen oder mit dem brennenden Durst nach Rache, Rache für eine geraubte Jugend, für ein geknechtetes Gewissen, für ein gehemmtes moralisches Wachstum hervortraten, was geschah dann?
Man denunzierte diese Jünglinge bei den Behörden, zieh sie der Lüge, hetzte andere ehemalige Schüler gegen sie auf und machte sich und der Mitwelt weis, daß nichts an den Klagen wahr und berechtigt sei. Sanfte Jasager, unausgebackene Semmeln, gefügige und um ihr bißchen Rückgrat schon gebrachte Studenten, feige Bürschchen, die schon auf Karriere spekulieren, haben auch gegen mich in einem Lokalblättchen eine sog. Preßfehde eröffnet (auf die ich natürlich nie mit einem Wörtchen geantwortet habe) und haben sich dabei von einem Amtsbruder mit wertvollem Material und guten Winken bedienen lassen. Es wird zur Aufklärung der Wahrheit nützlich sein, dieses ganze dunkle und ehrenrührige Treiben einmalan die Öffentlichkeit zu bringen: zunächst aber habe ich Besseres zu tun.
Wenn meine öffentliche Tätigkeit nichts anderes gewirkt hat, als daß sie vielen jungen Leuten wieder den Mut belebt und die Zunge löst, dann hat sie genug gewirkt.
Wollte ich alle Zeugnisse der Zustimmung, des Zuspruchs und des oft überschwenglichen Dankes mitteilen, den mir gerade junge Leute, Schüler und Studenten, ins Haus schicken, dann würde man erkennen, daß ich ein gutes Wort zur rechten Stunde gesprochen habe.
Wer dem Deutschen, ohne ihn vorlaut, dreist und frech zu machen, sein Selbstbewußtsein belebt, tut etwas Nützliches, Notwendiges.