Chapter 15

3. Kap. Empfindungskomplexe des Tastsinnes

Die Reizung eines Druckpunktes oder einer beliebigen Hautstelle ruft eine flächenförmig ausgedehnte Empfindung hervor. Wir können uns bei dieser Feststellung nur auf den unmittelbaren Eindruck stützen, werden aber die Richtigkeit dieser Beobachtung aus den alsbald zu nennenden Tatsachen bestätigt finden. Was geschieht nun, wenn mangleichzeitig mehrere Stellen der Haut reizt? Setzt man die beiden Spitzen eines Zirkels (man verwendet dazu eigens hergestellte Tastzirkel oder Ästhesiometer) nahe beieinander auf die Haut, so verspürt man einen einfachen Druck, als wenn nur ein einziger Punkt gereizt worden wäre. Rückt man nun die Zirkelspitzen ein wenig auseinander und setzt sie von neuem auf, so wird der wahrgenommene Punkt etwas breiter, dehnt sich zu einer Fläche, wird dann eine Linie, und erst bei einer gewissen Zirkelweite hat man den Eindruck, daß zwei getrennte Punkte der Haut gereizt worden sind. Eben diesen Abstand, den zwei gleichzeitig einwirkende Tastreize wahren müssen, um als zwei bemerkt zu werden, bezeichnet man als dieRaumschwelle. Sie ist an verschiedenen Körperteilen verschieden groß: an der Zungenspitze 1 mm, an der Fingerspitze 2 mm, am größtenam Rücken und an den Gliedmaßen, etwa 6 mm am Oberarm. Die Raumschwelle mißt die Feinheit unseresRaumsinnes, d. h. der „Fähigkeit, Form, Größe, Zahl, Bewegung der unsere Hautoberfläche berührenden Gegenstände mittels der Tastempfindung zu erkennen“. Je kleiner die Schwelle, um so feiner der Raumsinn.

Die Raumschwelle ist bei Kindern kleiner als bei Erwachsenen. Sie wechselt auch bei den einzelnen Individuen. Um diesimultaneRaumschwelle sicher zu erhalten, muß man übrigens die beiden Zirkelspitzen gleichzeitig und mit gleich starkem Druck aufsetzen. Sukzessive und ungleich starke Berührung verkleinert die Schwelle. Auch Wärme und Blutfülle macht die Haut empfindlicher, während Kälte und Blutleere die Empfindlichkeit herabsetzt. Im gleichen Sinne wie diese Faktoren wirken Übung und Ermüdung. Allerdings nicht so, daß die Übung, wie man früher vielfach glaubte, das Sinnesorgan selbst verfeinerte. Im Grunde wird nur die Einstellung auf die Unterscheidung der beiden Eindrücke geübt. Das zeigte sich bei der Untersuchung von Blinden. Bei ihnen nahm man vielfach eine außergewöhnliche Verfeinerung des Hautsinnes an, da sie diesen Sinn so außerordentlich übten, und da man überdies meinte, der Ausfall eines Sinnes komme den übrigbleibenden zugute. Es stellte sich nun heraus, daß bei gleicher Aufmerksamkeitsanspannung der Raumsinn der Blinden infolge des beständigen Tastens stumpfer war als der der Sehenden. Ebenso scheint die Vergrößerung der Raumschwelle infolge der Ermüdung in erster Linie auf die Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit zurückzuführen zu sein. Wenn man darum mit den experimentierenden Pädagogen (Griesbach) die Bestimmung der Raumschwelle zum Nachweis der Ermüdung benutzen will, muß man die Schwelle unmittelbar nach der ermüdenden Arbeit bestimmen, weil sonst die „Aufmerksamkeit“ sich alsbald wieder erholt.

Die Raumschwelle ist bei Kindern kleiner als bei Erwachsenen. Sie wechselt auch bei den einzelnen Individuen. Um diesimultaneRaumschwelle sicher zu erhalten, muß man übrigens die beiden Zirkelspitzen gleichzeitig und mit gleich starkem Druck aufsetzen. Sukzessive und ungleich starke Berührung verkleinert die Schwelle. Auch Wärme und Blutfülle macht die Haut empfindlicher, während Kälte und Blutleere die Empfindlichkeit herabsetzt. Im gleichen Sinne wie diese Faktoren wirken Übung und Ermüdung. Allerdings nicht so, daß die Übung, wie man früher vielfach glaubte, das Sinnesorgan selbst verfeinerte. Im Grunde wird nur die Einstellung auf die Unterscheidung der beiden Eindrücke geübt. Das zeigte sich bei der Untersuchung von Blinden. Bei ihnen nahm man vielfach eine außergewöhnliche Verfeinerung des Hautsinnes an, da sie diesen Sinn so außerordentlich übten, und da man überdies meinte, der Ausfall eines Sinnes komme den übrigbleibenden zugute. Es stellte sich nun heraus, daß bei gleicher Aufmerksamkeitsanspannung der Raumsinn der Blinden infolge des beständigen Tastens stumpfer war als der der Sehenden. Ebenso scheint die Vergrößerung der Raumschwelle infolge der Ermüdung in erster Linie auf die Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit zurückzuführen zu sein. Wenn man darum mit den experimentierenden Pädagogen (Griesbach) die Bestimmung der Raumschwelle zum Nachweis der Ermüdung benutzen will, muß man die Schwelle unmittelbar nach der ermüdenden Arbeit bestimmen, weil sonst die „Aufmerksamkeit“ sich alsbald wieder erholt.

Es ist für den Sehenden sehr schwer, sich zu veranschaulichen, was eine Mehrheit von Tastempfindungen ihm von der Außenwelt mitteilt. Will man sich darüber Rechenschaft geben, so drängen sich stets die Angaben des Gesichtsinnes dazwischen. Man wird darum besser die Blindgeborenen befragen. Da ist nun entgegen vereinzelten Ansichten älterer Psychologen vor allem festzustellen, daß die Blindgeborenen allmählich zu einer Raumanschauung in demselben Sinne wie die Sehenden gelangen. Operierte Blindgeborene sind nämlich durchaus nicht der Ansicht, daß sie mit der nunmehroptisch vermittelten Raumanschauung etwas absolut Neues in sich aufnähmen. Ebenso spricht dagegen die Existenz blindgeborener Mathematiker, die sich ohne besondere Schwierigkeit die doch aus dem anschaulichen Raum gewonnenen geometrischen Begriffe aneignen. Auch die Modellier- und Schnitzleistungen Blindgeborener wären ohne persönliche Raumanschauung kaum zu verstehen.

Mit der Raumanschauung ist nun zunächst gegeben, daß eine Vielheit benachbarter Tastempfindungen einen flächenhaften Eindruck bewirkt. Allerdings ist die simultane Erfassung der Flächen nicht sonderlich entwickelt. Viel leichter ist die Erkennung punktförmiger Eindrücke, weshalb auch die dem Blinden am meisten entsprechende (Braillesche) Schrift punktförmige Reize verwertet, die in der Zahl von 1 bis 6 nach Art der Dominofiguren angeordnet sind. Um die Form eines flächenhaften Reizes, etwa eines Polygons aus Karton, zu erkennen, führt der Blinde Tastzuckungen längs der Umrisse aus. Damit verwandelt er freilich die simultane Auffassung in eine sukzessive und führt gleichzeitig höhere psychische Prozesse ein, die wir jetzt noch nicht analysieren können. Körperliche Objekte kleineren Umfanges lehrt ihn das umschließende Tasten kennen. Hier treten zu den Eindrücken des Hautsinnes diejenigen der Bewegungssinne. Zweifellos vermag der Tastsinn allein eine Anschauung von der dritten Dimension nicht zu geben. Ebenso sicher ist die Mitwirkung des kinästhetischen Apparates. Wie jedoch im einzelnen die dreidimensionale Raumanschauung des Blinden zustandekommt, ist uns noch weniger durchsichtig, als es bei dem Gesichtssinn der Fall war. Zur genaueren Untersuchung der räumlichen Verhältnisse dienen sodann bei kleineren Maßen die Finger mit ihren Konvergenzbewegungen, bei größeren die ebenso fungierenden Arme. Damit ist auch der Umfang des vom Blinden leicht zu beherrschenden Anschauungsraumes gegeben. Größere Räume kann er durch Schrittbewegungen in die Länge und Breite sowie durch Steig- oder Kletterbewegungen in die Höhe oder Tiefe ausmessen, doch vermag er diese Eindrücke nur schwer zu einem geschlossenen anschaulichen Bild zu vereinigen. Der Tastsinn ist ebenein Nahsinn. Der Blinde hilft sich deshalb mit der „Tastraumzusammenziehung“. Er verkleinert in seiner Anschauung die Objekte und stellt sie sich in ihren Proportionen nach Art der von Hand und Arm unmittelbar erfaßten vor.

Literatur

Näheres über die hier berührte Blindenpsychologie bei J.FröbesI, 2. Aufl., S. 361 ff.

Näheres über die hier berührte Blindenpsychologie bei J.FröbesI, 2. Aufl., S. 361 ff.

Zwei Probleme sind hier zu lösen. Zuerst das Problem derRaumschwelle: Warum läßt sich zwar an jedem Punkt der Haut, praktisch genommen, eine Tastempfindung auslösen, während die Berührung zweier Punkte nur dann zwei Eindrücke verursacht, wenn die beiden Punkte eine bestimmte Entfernung haben?

E. H.Webererdachte zur Beantwortung dieser Frage die Theorie derEmpfindungskreise. Je ein Tastnerv ist einem bestimmten Hautkreis zugeordnet. Alle Reizungen innerhalb dieses Kreises erregen den gleichen Nerv, bedingen somit dieselben Tastempfindungen und bleiben deshalb ununterscheidbar. Das stimmt recht gut zu dem anatomischen Befund einzelner Druckpunkte und erklärt auch die Tatsache, daß nur in einer gewissen Distanz zweier Druckreize zwei Tasteindrücke entstehen. Allein die Raumschwelle müßte nach dieser Theorie an derselben Hautstelle beträchtlich schwanken. Denn berührten die Zirkelspitzen die beiden Empfindungskreise dort, wo sie mit ihrer Peripherie zusammenstoßen, so müßte eine verschwindend kleine Schwelle gefunden werden, während sie unvergleichlich zunähme, wenn sie zwei möglichst entfernte Punkte träfen. Weber änderte darum später seine Theorie dahin ab, daß er jeden Empfindungskreis aus einer Anzahl Elementarkreise bestehen läßt und zur Entstehung eines zweiten gesonderten Eindruckes verlangt, daß zwischen den beiden Reizstellen eine gewisse Zahl von Elementarkreisen eingeschlossen werde. So wird er zwar den Tatsachen gerecht, doch kann er sich für diese Zusatzhypothese nicht auf anatomische Befunde berufen.

E. H.Webererdachte zur Beantwortung dieser Frage die Theorie derEmpfindungskreise. Je ein Tastnerv ist einem bestimmten Hautkreis zugeordnet. Alle Reizungen innerhalb dieses Kreises erregen den gleichen Nerv, bedingen somit dieselben Tastempfindungen und bleiben deshalb ununterscheidbar. Das stimmt recht gut zu dem anatomischen Befund einzelner Druckpunkte und erklärt auch die Tatsache, daß nur in einer gewissen Distanz zweier Druckreize zwei Tasteindrücke entstehen. Allein die Raumschwelle müßte nach dieser Theorie an derselben Hautstelle beträchtlich schwanken. Denn berührten die Zirkelspitzen die beiden Empfindungskreise dort, wo sie mit ihrer Peripherie zusammenstoßen, so müßte eine verschwindend kleine Schwelle gefunden werden, während sie unvergleichlich zunähme, wenn sie zwei möglichst entfernte Punkte träfen. Weber änderte darum später seine Theorie dahin ab, daß er jeden Empfindungskreis aus einer Anzahl Elementarkreise bestehen läßt und zur Entstehung eines zweiten gesonderten Eindruckes verlangt, daß zwischen den beiden Reizstellen eine gewisse Zahl von Elementarkreisen eingeschlossen werde. So wird er zwar den Tatsachen gerecht, doch kann er sich für diese Zusatzhypothese nicht auf anatomische Befunde berufen.

Das Problem ist jedoch genau wie das des binokularen Einfachsehens psychologisch zu lösen (vgl.S. 81 f.). Gleiche Sinnesmeldungen bedingen nureinpsychisches Ding. Die Tastqualität aus räumlich benachbarten Tastnerven ist nun nahezu gleich. Solange sie sich darum nicht mit verschiedenartigenEindrücken anderer Sinne verbinden kann (vgl.S. 111 ff.), bietet sie nicht die Grundlage zu einer Mehrheitsunterscheidung.

Zweitens hat die psychologische Theorie zu erklären, welcher Art die elementaren Raumeindrücke sind und wie aus diesen Elementen sich zuletzt der psychische Inhalt des Tastraumes ergibt. Auch hier streitet der extreme Empirismus mit einem gemäßigten Nativismus. Die oben ausführlicher dargestellte TheorieLotzesvon den Lokalzeichen und ihre Abänderung durchWundtwird mit nur geringen Variationen auf den Tastraum angewendet. Nach ihnen enthält die elementare Tastempfindung nichts von Ausdehnung. Aber jede einzelne Tastempfindung hat je nach der Körperstelle, auf der sie ausgelöst wird, eine charakteristische Abtönung infolge der Mitempfindungen, die an jedem Teil des Körpers andere sind — eine bis zu gewissem Grade zutreffende Annahme. Die Raumwerte erwachsen diesen Tastempfindungen nur durch die erfahrungsmäßige Verbindung mit den visuellen Ortsvorstellungen: bei Reizung einer bestimmten Körperstelle wird eine qualitativ charakteristische Tastempfindung hervorgerufen, und diese weckt die visuelle Vorstellung von dem betreffenden Körperteil. Indes auf diesem Wege könnten Blindgeborene niemals zu einer Tastraumvorstellung gelangen.

Wundtgesellt darum auch hier den qualitativ eigenartigen Tastempfindungen die Bewegungsempfindungen oder genauer die Innervationsgefühle bestimmter Bewegungen zu, die von den Tastempfindungen angeregt würden. Die „psychische Synthese“ beider soll dann auch hier eine Raumanschauung erzeugen. Die innere Unwahrscheinlichkeit dieser Theorie ist natürlich beim Tastraum nicht geringer als beim Sehraum.

Man wird deshalb auch hier genau wie bei der optischen Raumwahrnehmung ein nativistisches Grundkapital zugestehen müssen. Die einzelne Tastempfindung liefert an sich schon eine räumliche flächenhafte Ausdehnung. Daß sich diese Flächenelemente nebeneinander legen, und zwar ineiner bestimmten und gleichmäßigen Richtung, erklärt sich wie beim Auge (s.S. 83).

Bisher haben wir nur die Raumanschauung des Blindgeborenen berücksichtigt. Um die des Sehenden völlig zu verstehen, müssen wir zuvor von einer Gruppe seelischer Inhalte sprechen, die uns als solche bisher noch nicht bekannt wurden, wenn wir auch nicht umhin konnten, sie gelegentlich zu streifen: die Vorstellungen.

Literatur

C.Spearman, Fortschritte auf dem Gebiet der räumlichen Vorstellungen. ArGsPs 8 (1906).O.Klemm, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).

C.Spearman, Fortschritte auf dem Gebiet der räumlichen Vorstellungen. ArGsPs 8 (1906).

O.Klemm, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).


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