3. Kap. Ausdehnung der Betrachtung auf das Gesamtbewußtsein
Die willkürlich hergestellte Assoziation zwischen den Gliedern einer Reihe gibt noch kein vollständiges Bild der Assoziationsverhältnisse im Gesamtbewußtsein. Die Vorstellungen der Reihenelemente sind nur künstlich isoliert und erhalten so eine stärkere Beachtung und assoziative Verbindung; namentlich wird aber bei der Reproduktion nur ihnen Beachtung geschenkt, wodurch sie besonders gefördert und andere Vorstellungen, die gleichzeitig auftauchen möchten, vernachlässigt werden. Die Vorstellungsverbindungen, welche das Leben stiftet, lassen sich nicht durch das Kettenschema der Silbenreihen, sondern eher durch ein Netzschema veranschaulichen. Es geht ja von jeder Teilvorstellung eine assoziative Verbindung nach allen Seiten aus, wenn auch diese Verbindungen nicht alle gleich stark sind. Dementsprechendstrahlen von einer Teilvorstellung auch nach allen Seiten Reproduktionstendenzen aus. Nun ist unserem Bewußtsein aber niemals nur eine Vorstellung gegeben. Stets ist eine Mehrheit an Vorstellungen vorhanden. Sehr viele von ihnen haben wir schon früher einmal gehabt. Von ihnen gehen deshalb gleichzeitig die verschiedenartigsten Reproduktionstendenzen aus, die sich gegenseitig teils fördern, teils hemmen.
Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens zeigen, daß nichterneuerte Assoziationen zwar geschwächt werden, aber nicht völlig verschwinden. Das läßt vermuten, daß ein erfolgloser Reproduktionsversuch auch nicht gänzlich wirkungslos bleibe. In der Tat fällt einem ein gesuchter Name bisweilen kurze Zeit darauf in einem anderen Zusammenhang ein. Der Reproduktionsversuch hat diesen Namen in höhere Bereitschaft gestellt. Wenn nun nach dem gesuchten Namen nicht nur von einer, sondern von mehreren Vorstellungen aus Reproduktionstendenzen hinstrahlen, so läßt sich erwarten, daß er endlich ins Bewußtsein gehoben wird, auch wenn keine der verschiedenen Reproduktionstendenzen für sich allein dies hätte vollbringen können. Die Reproduktion des Namens gelingt infolge derKonstellation. So erteilt man in der Schule bisweilen Gedächtnishilfen: will der Name Finsteraarhorn nicht einfallen, so fragt man nach dem dort entspringenden Fluß, der Aar.
Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens zeigen, daß nichterneuerte Assoziationen zwar geschwächt werden, aber nicht völlig verschwinden. Das läßt vermuten, daß ein erfolgloser Reproduktionsversuch auch nicht gänzlich wirkungslos bleibe. In der Tat fällt einem ein gesuchter Name bisweilen kurze Zeit darauf in einem anderen Zusammenhang ein. Der Reproduktionsversuch hat diesen Namen in höhere Bereitschaft gestellt. Wenn nun nach dem gesuchten Namen nicht nur von einer, sondern von mehreren Vorstellungen aus Reproduktionstendenzen hinstrahlen, so läßt sich erwarten, daß er endlich ins Bewußtsein gehoben wird, auch wenn keine der verschiedenen Reproduktionstendenzen für sich allein dies hätte vollbringen können. Die Reproduktion des Namens gelingt infolge derKonstellation. So erteilt man in der Schule bisweilen Gedächtnishilfen: will der Name Finsteraarhorn nicht einfallen, so fragt man nach dem dort entspringenden Fluß, der Aar.
Wie es die Reproduktion fördert, wenn von zwei Teilvorstellungen Reproduktionstendenzen auf die zu erneuernde Vorstellung hinführen, so wird es umgekehrt der Reproduktion der Vorstellung b durch die Vorstellung a hinderlich sein, wenn von a gleichzeitig zwei Reproduktionstendenzen ausgehen, nach b und nach c. In der Tat läßt sich diese assoziative Hemmung experimentell nachweisen, und zwar in doppelter Art: ist a schon mit b assoziiert und soll noch mit c verbunden werden, so ist die Assoziation ac schwerer zu bilden als sonst (generativeHemmung); sodann wird durch die neue Verknüpfung ac die ältere Assoziation ab geschwächt (effektuelleHemmung). Diese herkömmliche Ausdrucksweise ist allerdings ungenau, da wir streng genommen nur von der Reproduktion etwas aussagen können, nämlich: die Reproduktionsmöglichkeiten des c wie des b mit a als Reproduktionsmotiv sind herabgesetzt. Daß die Assoziation als solche nicht beeinträchtigt ist, beweisen die später zu besprechenden Versuche über Komplexbildung, nach denen beide Hemmungen nur unter bestimmten Bedingungen eintreten. Damit verschwindet auch dasBedenken, unser ganzes Vorstellungsleben müsse unter diesen beiden Hemmungen leiden oder gar unmöglich werden. Wo aber die assoziativen Hemmungen eingreifen, wo von einer Vorstellung tatsächlich gleichzeitig verschiedene Reproduktionstendenzen ausgehen, da kommt es zur Konkurrenz der assoziierten Vorstellungen, indem die überwertige obsiegt, oder es treten Mischwirkungen zutage, wie „Kreuz und Rüben“ aus kreuz und quer und Kraut und Rüben.DierückwirkendeHemmung ist jedoch den assoziativen nicht gleichzustellen. Läßt man unmittelbar nach Einprägung einer Reihe eine intensive geistige Beschäftigung wie Memorieren oder aufmerksames Betrachten von Bildern folgen, so wird von dem erlernten Stoff ungleich mehr vergessen als ohne diese nachfolgende Tätigkeit. Hier werden wirklich die Assoziationen geschwächt; denn die Reproduktion ist unter allen Bedingungen erschwert, auch dann, wenn die Vorstellungen aus der nachfolgenden Beschäftigung nicht als störende Konkurrenten auftreten. Daher die Bedeutung der Pausen nach dem Auswendiglernen. Die frisch gebildete Assoziation braucht Zeit, um sich zu befestigen und — zu verstärken. Merkwürdigerweise verbessert sich nämlich unser Gedächtniswissen im Verlauf der Zeit: in Versuchen vonBoldtwar das Ergebnis der Prüfung nach einem Tag besser als nach einer Viertelstunde, und da besser als nach 5 Minuten.Ebbinghauswar diese Tatsache entgangen, weil er stets mehrere Reihen hintereinander lernen ließ, die sich gegenseitig hemmten. Für diese auffallende Erscheinung ist einstweilen folgende Erklärungsmöglichkeit vorhanden: Gleichzeitig mit dem eigentlichen Lernstoff werden eine Reihe anderer Vorstellungen aus der gesamten Lernsituation miteingeprägt. Sie werden beim Hersagen der Reihe ebenfalls in Bereitschaft gesetzt und hemmen darum den glatten Ablauf. Nun unterliegen beide Vorstellungsreihen, die Haupt- wie die Nebenvorstellungen, dem Vergessen. Weil aber die Nebenvorstellungen weniger beachtet waren, stand ihnen von Anfang an eine schwächere Assoziation zu Gebote wie den Hauptvorstellungen. Somit erreicht bei ersteren die Reproduktionstendenz bald den Nullpunkt, während sie für die letzteren noch wirksam bleibt. Vielleicht hat man außer diesem Umstand noch ein Ausreifen der physiologischen Dispositionen zur Erklärung heranzuziehen.
Wie es die Reproduktion fördert, wenn von zwei Teilvorstellungen Reproduktionstendenzen auf die zu erneuernde Vorstellung hinführen, so wird es umgekehrt der Reproduktion der Vorstellung b durch die Vorstellung a hinderlich sein, wenn von a gleichzeitig zwei Reproduktionstendenzen ausgehen, nach b und nach c. In der Tat läßt sich diese assoziative Hemmung experimentell nachweisen, und zwar in doppelter Art: ist a schon mit b assoziiert und soll noch mit c verbunden werden, so ist die Assoziation ac schwerer zu bilden als sonst (generativeHemmung); sodann wird durch die neue Verknüpfung ac die ältere Assoziation ab geschwächt (effektuelleHemmung). Diese herkömmliche Ausdrucksweise ist allerdings ungenau, da wir streng genommen nur von der Reproduktion etwas aussagen können, nämlich: die Reproduktionsmöglichkeiten des c wie des b mit a als Reproduktionsmotiv sind herabgesetzt. Daß die Assoziation als solche nicht beeinträchtigt ist, beweisen die später zu besprechenden Versuche über Komplexbildung, nach denen beide Hemmungen nur unter bestimmten Bedingungen eintreten. Damit verschwindet auch dasBedenken, unser ganzes Vorstellungsleben müsse unter diesen beiden Hemmungen leiden oder gar unmöglich werden. Wo aber die assoziativen Hemmungen eingreifen, wo von einer Vorstellung tatsächlich gleichzeitig verschiedene Reproduktionstendenzen ausgehen, da kommt es zur Konkurrenz der assoziierten Vorstellungen, indem die überwertige obsiegt, oder es treten Mischwirkungen zutage, wie „Kreuz und Rüben“ aus kreuz und quer und Kraut und Rüben.
DierückwirkendeHemmung ist jedoch den assoziativen nicht gleichzustellen. Läßt man unmittelbar nach Einprägung einer Reihe eine intensive geistige Beschäftigung wie Memorieren oder aufmerksames Betrachten von Bildern folgen, so wird von dem erlernten Stoff ungleich mehr vergessen als ohne diese nachfolgende Tätigkeit. Hier werden wirklich die Assoziationen geschwächt; denn die Reproduktion ist unter allen Bedingungen erschwert, auch dann, wenn die Vorstellungen aus der nachfolgenden Beschäftigung nicht als störende Konkurrenten auftreten. Daher die Bedeutung der Pausen nach dem Auswendiglernen. Die frisch gebildete Assoziation braucht Zeit, um sich zu befestigen und — zu verstärken. Merkwürdigerweise verbessert sich nämlich unser Gedächtniswissen im Verlauf der Zeit: in Versuchen vonBoldtwar das Ergebnis der Prüfung nach einem Tag besser als nach einer Viertelstunde, und da besser als nach 5 Minuten.Ebbinghauswar diese Tatsache entgangen, weil er stets mehrere Reihen hintereinander lernen ließ, die sich gegenseitig hemmten. Für diese auffallende Erscheinung ist einstweilen folgende Erklärungsmöglichkeit vorhanden: Gleichzeitig mit dem eigentlichen Lernstoff werden eine Reihe anderer Vorstellungen aus der gesamten Lernsituation miteingeprägt. Sie werden beim Hersagen der Reihe ebenfalls in Bereitschaft gesetzt und hemmen darum den glatten Ablauf. Nun unterliegen beide Vorstellungsreihen, die Haupt- wie die Nebenvorstellungen, dem Vergessen. Weil aber die Nebenvorstellungen weniger beachtet waren, stand ihnen von Anfang an eine schwächere Assoziation zu Gebote wie den Hauptvorstellungen. Somit erreicht bei ersteren die Reproduktionstendenz bald den Nullpunkt, während sie für die letzteren noch wirksam bleibt. Vielleicht hat man außer diesem Umstand noch ein Ausreifen der physiologischen Dispositionen zur Erklärung heranzuziehen.
Teilt man eine Silbenreihe in Gruppen zu je drei Silben, läßt sie in anapästischem Rhythmus () lesen und bietet später der Vp eine der betonten Silben mit der Aufforderung, die nächsteinfallende Silbe auszusprechen, so wird die zweitvorhergehende Silbe häufiger reproduziert als die unmittelbar vorausgehende (initiale Reproduktionstendenz).Es besteht sonach eine Tendenz, ausgehend von einem Glied des Komplexes, den ganzen Komplex ins Bewußtsein zu heben. Läßt man eine Silbe aus einem solchen Komplex in einer zweiten Reihe sich mit einer komplexfremden Silbe assoziieren, so läßt sich die generative und effektuelle Hemmung, die nach dem obigen zu erwarten wäre, an jener Silbe nicht nachweisen, sobald sie innerhalb des Komplexes reproduziert wird (Frings). Es wird also offenbar beim Aufsagen einer in Komplexe eingeteilten Reihe nicht jede Silbe für sich reproduziert, sondern der Komplex, in dem sie sich befindet, wird als Ganzes wieder erneuert. Ähnliche Beobachtungen macht man auch bei der freien und gebundenen Reproduktion bedeutungshaltiger Vorstellungen. Wir müssen somit unsere Auffassung der Assoziationen dahin erweitern, daß sich nicht nur an ein einzelnes Element nach verschiedenen Richtungen hin andere Elemente anschließen, sondern daß auch häufig eine Mehrheit von Elementen in einem Komplex vereinigt sind und daß solche Komplexe ähnlich wie die Elemente untereinander assoziativ verknüpft sind.
Einen Komplex hat man sich jedoch nicht wie eine eingeprägte Silbenreihe zu denken, deren letzte Silbe man wieder mit der ersten assoziiert hätte und deren Glieder umso fester miteinander verknüpft sind, je häufiger sie wiederholt werden. Dem Komplex ist es vielmehr charakteristisch, daß er als einGanzeseingeprägt und als einGanzesreproduziert wird. Ist nun einTeileines solchen Komplexes gegeben, so geht die Reproduktion nicht so sehr auf den nächstfolgendenTeilals vielmehr auf denganzenKomplex.Häufig ist uns jedoch nicht ein Teil, sondern eine schematische Antizipation des Komplexes gegeben; wir haben ihn gleichsam in Umrissen, ähnlich wie wir von einer entfernten Inschrift nur die Umrisse der Wortbilder sehen. Ein solches antizipierendes Schema hat nun gleichfalls die Tendenz, den zugehörigen Komplex zu reproduzieren. So tritt uns bisweilen aus dem in seinen Einzelheiten nicht erkannten Wortbild das Wort selbst ins Bewußtsein, ohne daß die Buchstaben deutlich zu werden brauchen. (Gesetze der Komplexergänzung.) So versteht man, daß unserVorstellungsleben der von der mannigfachen Verknüpfung der Elemente ausgehenden Hemmung nicht unterliegt. So erklären sich auch die beim unmittelbaren Behalten erwähnten Tatsachen: wir prägen uns eine Anzahl Wörter fast ebenso leicht ein wie die nämliche Anzahl Buchstaben. Gleichwohl sind die Elemente in dem gesamten Reproduktionsvorgang nicht ohne Bedeutung: die von ihnen ausgehenden Reproduktionstendenzen geben oft den Ausschlag, wenn mehrere zu demselben antizipierenden Schema passende Komplexe miteinander konkurrieren.
Die Einführung der Komplexe im soeben dargelegten Sinne stellt die Gedächtnisforschung vor ganz neue Probleme. Vielleicht muß einmal die gesamte Gedächtnislehre auf diesem Begriff neu aufgebaut werden, da wir unsere Eindrücke möglicherweise überhaupt nur in Komplexen aufnehmen[7]. Wie dem auch sei, zwei Bedingungen lassen sich heute schon angeben, welche die Bildung von Komplexen fördern.Ohne Zutundes Subjektes muß sich ein Komplex bilden, wenn in der Menge wechselnder Eindrücke ein Empfindungsganzes häufig unverändert wiederkehrt. So hebt sich für das junge Tier wohl allmählich das Bild des Futters, des Herrn usw. heraus.Mit dem Zutundes Subjektes entstehen Komplexe durch Zusammenfassung (s.S. 124). Ganz von selbst teilen die Vpn eine Silbenreihe in einzelne Gruppen ab; die rhythmische Betonung bestimmter Silben leistet dabei eine große Hilfe: die einfache Zusammenfassung wird zur Gestaltauffassung. Je größer bei gleicher Übersichtlichkeit ein Komplex gemacht werden kann, um so leichter wird die ganze Reihe erlernt.Auch dassinnvolle Lernenversteht man am besten als einen Sonderfall der Komplexassoziation. Sinnvolles Lernen ist nämlich nur dadurch möglich, daß eine Beziehung zwischen den beiden einzuprägenden Vorstellungen hergestellt und das so entstandene Beziehungsganze eingeprägt wird. Allerdings kann man auch zwei Vorstellungen zu einer sinnvollen Gesamtvorstellung vereinigen, Muster und Neffe zu Musterneffe; man bildet so durch einfache Addition zweier Komplexe einen größeren, doch ist hier der Sinn des neuen Komplexes von untergeordneter Bedeutung, lassen sich ja auch mit demselben NutzensinnloseVerbindungen dieser Art, wie „Kliometerthal“, verwerten. Sobald aber eine Beziehung zwischen den einzuprägenden Vorstellungen gefunden ist, hat man einenSachverhaltund damit einen eigenartigen sinnvollen Komplex gewonnen. Dieser Komplex wird tatsächlich reproduziert. Es fragt sich aber noch, ob der Beziehungsgedanke als solcher eingeprägt wird. Wäre dies der Fall, sohätte man neben den Residuen anschaulicher Vorstellungen noch ein neues Gedächtniselement anzuerkennen: die unanschaulichen Dispositionen unanschaulicher Gedanken. Die sachliche Schwierigkeit dieser Annahme reicht nicht aus, sie a limine abzuweisen. Indes ist die Frage heute noch nicht spruchreif. Es bleiben nämlich zur Erklärung der heute bekannten Tatsachen noch mancherlei Möglichkeiten. Zunächst kann das Wissen um einen Sachverhalt vermittels eines Satzes oder Wortes eingeprägt werden. Weiterhin kann der Beziehungsgedanke schon früher eine anschauliche Repräsentation z. B. durch Schemata, wie Gleichheitszeichen u. ä., gefunden haben, so daß es jetzt genügt, wenn die zwei Vorstellungen mit jenem geläufigen anschaulichen Symbol zu einem assoziativen Komplex verbunden werden. Ferner kann die Sachverhaltserfassung die beiden Vorstellungen bzw. ihre in Beziehung zueinander tretenden Seiten so hervorheben, daß bei ihrer Reproduktion der früher erkannte Sachverhalt gar nicht mehr übersehen werden kann. Befinden sich z. B. unter einer Anzahl gleichzeitig dargebotener Figuren zwei formgleiche, so kostet es anfangs vielleicht Mühe, diesen Sachverhalt aufzufassen. Hebt man alsdann die gleichen Figuren durch Verstärkung ihrer Umrisse heraus, dann wird man die Zeichnung kaum noch ansehen können, ohne die Gleichheit jener Figuren geradezu unmittelbar wahrzunehmen. Es wäre nun möglich, daß infolge der Sachverhaltserfassung die Gedächtnisspuren zweier Vorstellungen in ähnlicher Weise herausgehoben würden, wie die Umrisse jener Figuren. Endlich mag in vielen Fällen die scheinbar eingeprägte Beziehung beim Wiederauftauchen der Vorstellungen neu erfaßt werden. Erst wenn das Gebiet der eben bewußtwerdenden Vorstellungen näher bekannt ist, wird eine endgültige Stellungnahme möglich sein. Wir wissen auf jeden Fall heute schon, daß die eben auftauchenden Vorstellungen eine hohe Bedeutung im Seelenleben haben und daß aller Wahrscheinlichkeit nach Beziehungen zwischen Vorstellungen erfaßbar sind, bevor diese selbst zur klaren Bewußtheit gelangen.
Die Einführung der Komplexe im soeben dargelegten Sinne stellt die Gedächtnisforschung vor ganz neue Probleme. Vielleicht muß einmal die gesamte Gedächtnislehre auf diesem Begriff neu aufgebaut werden, da wir unsere Eindrücke möglicherweise überhaupt nur in Komplexen aufnehmen[7]. Wie dem auch sei, zwei Bedingungen lassen sich heute schon angeben, welche die Bildung von Komplexen fördern.Ohne Zutundes Subjektes muß sich ein Komplex bilden, wenn in der Menge wechselnder Eindrücke ein Empfindungsganzes häufig unverändert wiederkehrt. So hebt sich für das junge Tier wohl allmählich das Bild des Futters, des Herrn usw. heraus.Mit dem Zutundes Subjektes entstehen Komplexe durch Zusammenfassung (s.S. 124). Ganz von selbst teilen die Vpn eine Silbenreihe in einzelne Gruppen ab; die rhythmische Betonung bestimmter Silben leistet dabei eine große Hilfe: die einfache Zusammenfassung wird zur Gestaltauffassung. Je größer bei gleicher Übersichtlichkeit ein Komplex gemacht werden kann, um so leichter wird die ganze Reihe erlernt.
Auch dassinnvolle Lernenversteht man am besten als einen Sonderfall der Komplexassoziation. Sinnvolles Lernen ist nämlich nur dadurch möglich, daß eine Beziehung zwischen den beiden einzuprägenden Vorstellungen hergestellt und das so entstandene Beziehungsganze eingeprägt wird. Allerdings kann man auch zwei Vorstellungen zu einer sinnvollen Gesamtvorstellung vereinigen, Muster und Neffe zu Musterneffe; man bildet so durch einfache Addition zweier Komplexe einen größeren, doch ist hier der Sinn des neuen Komplexes von untergeordneter Bedeutung, lassen sich ja auch mit demselben NutzensinnloseVerbindungen dieser Art, wie „Kliometerthal“, verwerten. Sobald aber eine Beziehung zwischen den einzuprägenden Vorstellungen gefunden ist, hat man einenSachverhaltund damit einen eigenartigen sinnvollen Komplex gewonnen. Dieser Komplex wird tatsächlich reproduziert. Es fragt sich aber noch, ob der Beziehungsgedanke als solcher eingeprägt wird. Wäre dies der Fall, sohätte man neben den Residuen anschaulicher Vorstellungen noch ein neues Gedächtniselement anzuerkennen: die unanschaulichen Dispositionen unanschaulicher Gedanken. Die sachliche Schwierigkeit dieser Annahme reicht nicht aus, sie a limine abzuweisen. Indes ist die Frage heute noch nicht spruchreif. Es bleiben nämlich zur Erklärung der heute bekannten Tatsachen noch mancherlei Möglichkeiten. Zunächst kann das Wissen um einen Sachverhalt vermittels eines Satzes oder Wortes eingeprägt werden. Weiterhin kann der Beziehungsgedanke schon früher eine anschauliche Repräsentation z. B. durch Schemata, wie Gleichheitszeichen u. ä., gefunden haben, so daß es jetzt genügt, wenn die zwei Vorstellungen mit jenem geläufigen anschaulichen Symbol zu einem assoziativen Komplex verbunden werden. Ferner kann die Sachverhaltserfassung die beiden Vorstellungen bzw. ihre in Beziehung zueinander tretenden Seiten so hervorheben, daß bei ihrer Reproduktion der früher erkannte Sachverhalt gar nicht mehr übersehen werden kann. Befinden sich z. B. unter einer Anzahl gleichzeitig dargebotener Figuren zwei formgleiche, so kostet es anfangs vielleicht Mühe, diesen Sachverhalt aufzufassen. Hebt man alsdann die gleichen Figuren durch Verstärkung ihrer Umrisse heraus, dann wird man die Zeichnung kaum noch ansehen können, ohne die Gleichheit jener Figuren geradezu unmittelbar wahrzunehmen. Es wäre nun möglich, daß infolge der Sachverhaltserfassung die Gedächtnisspuren zweier Vorstellungen in ähnlicher Weise herausgehoben würden, wie die Umrisse jener Figuren. Endlich mag in vielen Fällen die scheinbar eingeprägte Beziehung beim Wiederauftauchen der Vorstellungen neu erfaßt werden. Erst wenn das Gebiet der eben bewußtwerdenden Vorstellungen näher bekannt ist, wird eine endgültige Stellungnahme möglich sein. Wir wissen auf jeden Fall heute schon, daß die eben auftauchenden Vorstellungen eine hohe Bedeutung im Seelenleben haben und daß aller Wahrscheinlichkeit nach Beziehungen zwischen Vorstellungen erfaßbar sind, bevor diese selbst zur klaren Bewußtheit gelangen.
Literatur
M.Offner, Das Gedächtnis. 3. Aufl. 1913.O.Selz, Die Gesetze des geordneten Denkverlaufs, 1913.E.Becher, Gehirn und Seele, 1911.J.Lindworsky, Fordern die Reproduktionserscheinungen ein psychisches Gedächtnis? Phil. Jahrbuch 1920.
M.Offner, Das Gedächtnis. 3. Aufl. 1913.
O.Selz, Die Gesetze des geordneten Denkverlaufs, 1913.
E.Becher, Gehirn und Seele, 1911.
J.Lindworsky, Fordern die Reproduktionserscheinungen ein psychisches Gedächtnis? Phil. Jahrbuch 1920.
[7]Vgl. meine Besprechung von O.Selz, Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums, in ZPs 93 (1923).
[7]Vgl. meine Besprechung von O.Selz, Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums, in ZPs 93 (1923).
[7]Vgl. meine Besprechung von O.Selz, Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums, in ZPs 93 (1923).