10. Kap. Das Ichbewußtsein
Dem Worte Ich entsprechen mancherlei Bedeutungen. Wir greifen drei von ihnen heraus und untersuchen, wie das Individuum zu den drei Bedeutungserlebnissen gelangt. In dem Satze: ich heiße Müller und wohne usw. bezeichnet „ich“ dasgesellschaftlicheIch, die ganze Persönlichkeit, den Körper inbegriffen. Sagt jemand: ich bin ein Gemütsmensch, so denkt er weniger an sein Äußeres, sondern vorab an seine Seele, an sein Inneres, wie es regelmäßig mit einer Anzahl konstanter Eigenschaften verbunden erscheint. Man könnte es daspersönlicheIch nennen. In Sätzen wie „ich denke“, „ich verlange“ hingegen sieht man auch von dendauernden Eigentümlichkeiten des Innenmenschen ab und hat nur das Subjekt jener seelischen Akte im Auge, von denen gerade die Rede ist. Wir können hier von demreinenIch sprechen.
Es läßt sich leicht verfolgen, wie die Bezeichnung „ich“ in der Entwicklung des Individuums auftritt. Sie wird heute von der Umgebung übernommen und zunächst für das gesellschaftliche Ich verwendet, und zwar früher, wenn ältere Geschwister das Kind umgeben, als wenn sich die Eltern allein mit dem Kinde befassen. Aber lange bevor der Gebrauch des Wortes „ich“ erlernt ist, verrät sich schon deutlich ein ausgesprochenes Ichbewußtsein, das dem reinen Ich näher steht als den beiden anderen. Ganz entsprechend liegt auch die Schwierigkeit des Ichproblems in dem Auftreten des reinen Ich. Es bildet den Kern der andern Ichbedeutungen, die ohne diesen Kern als Inbegriff gewisser Wahrnehmungen an der eigenen Persönlichkeit gelten könnten.
Hinsichtlich des reinen Ich sind nun drei Fragen möglich. Gibt es überhaupt einen erlebnismäßig erfaßbaren Gegenstand, der dem Worte „ich“ entspricht, oder wird dieser Gegenstand erst durch unser Denken geschaffen wie etwa eine Vierergruppe, die wir willkürlich und rein gedanklich aus einer regelmäßigen Anordnung von Punkten herausgreifen? Zweitens: falls das Ich erlebbar ist, erleben wir es ebenso unmittelbar und isoliert, wie es unsere Ausdrucksweise vermuten läßt? Und drittens: wenn das Ich nicht unmittelbar und isoliert erlebt wird, wie wird dann das unmittelbar Erlebte verarbeitet?Humeund einige Sensisten versuchten jedes unmittelbare Erleben des Ich zu leugnen: das Ich sei nur ein Bündel von Vorstellungen. Aber ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, aus einem solchen Bündel von Vorstellungen jene Einheit des Bewußtseins zu konstruieren, die wir tatsächlich erleben — eine Unmöglichkeit, die Hume selbst eingestand —, widerspricht diese Auffassung den einfachsten Beobachtungstatsachen. Es läßt sich kein Gedanke, kein Verlangen, keine Empfindung, kein Gefühl aufzeigen, das nichtmeinErlebnis wäre; es ist unmöglich, ein Erlebnis in sich hervorzurufen oder in der rückschauenden Beobachtung zu entdecken, das nicht zugleich das Erlebnis eines Bewußtseins, eines Subjektes wäre. Das wird heute auch nahezu allgemein zugegeben.Anderseits kann aber auch niemand ein so isoliertes Ich in sich entdecken, wie es das begriffliche Ich ist. Denn da kein einziger Bewußtseinsvorgang frei vom Ich bleibt, ist auch das Ich stets ein anderes und ganz und gar durch die augenblicklichen Erlebnisse bestimmt, sodaß man nicht leicht bleibende Eigenschaften des reinen Ich aufzählen kann. Das Ich zeigt sich uns immer nur in den Erlebnissen, wie etwa die Intensität oder die Ausdehnung sich nur an der Empfindung offenbart. Kommen wir doch zu einem isolierten Ich, so liegt dies an unserer Fähigkeit, den immer wiederkehrenden Ichzug aus den verschiedenen Erlebnissen herauszuheben. Es ist also die Befähigung zur Abstraktion, d. h. letztlich zur Beziehungserfassung (vgl.S. 121 f.), die uns den Ichzug unserer Erlebnisse erkennen läßt. Denken wir uns diese Fähigkeit hinweg, so haben wir wohl ein erlebendes Subjekt, aber kein Ich; denn das Ich ist eben das herausgeschälte Subjekt. Dieser Zustand verwirklicht sich nach unserer Auffassung beim Tier und dürfte daran schuld sein, daß Freud und Schmerz bei ihm ganz wesentlich geringer sind als beim Menschen. — Wenn wir den Ichcharakter unserer Erlebnisse mit der Intensität oder der Ausdehnung einer Empfindung verglichen haben, so gilt das nur hinsichtlich seiner innigen Verschmelzung mit den Bewußtseinserscheinungen, aber nicht hinsichtlich der Unterordnung dieser unselbständigen Momente. Das Ich erscheint nämlich nicht immer so bescheiden im Hintergrund wie etwa bei einer Wahrnehmung, die uns ganz gefangen hält. Es wird auffälliger bei den Gefühlszuständen, es gibt sich endlich als das tätige bei den Willensakten. An ihnen gewinnen wir wohl zuerst die Auffassung von dem Ich als dem Träger unserer Erlebnisse, als dem ersten soliden Etwas, das für uns der Prototyp eines Dinges wird.
Hinsichtlich des reinen Ich sind nun drei Fragen möglich. Gibt es überhaupt einen erlebnismäßig erfaßbaren Gegenstand, der dem Worte „ich“ entspricht, oder wird dieser Gegenstand erst durch unser Denken geschaffen wie etwa eine Vierergruppe, die wir willkürlich und rein gedanklich aus einer regelmäßigen Anordnung von Punkten herausgreifen? Zweitens: falls das Ich erlebbar ist, erleben wir es ebenso unmittelbar und isoliert, wie es unsere Ausdrucksweise vermuten läßt? Und drittens: wenn das Ich nicht unmittelbar und isoliert erlebt wird, wie wird dann das unmittelbar Erlebte verarbeitet?
Humeund einige Sensisten versuchten jedes unmittelbare Erleben des Ich zu leugnen: das Ich sei nur ein Bündel von Vorstellungen. Aber ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, aus einem solchen Bündel von Vorstellungen jene Einheit des Bewußtseins zu konstruieren, die wir tatsächlich erleben — eine Unmöglichkeit, die Hume selbst eingestand —, widerspricht diese Auffassung den einfachsten Beobachtungstatsachen. Es läßt sich kein Gedanke, kein Verlangen, keine Empfindung, kein Gefühl aufzeigen, das nichtmeinErlebnis wäre; es ist unmöglich, ein Erlebnis in sich hervorzurufen oder in der rückschauenden Beobachtung zu entdecken, das nicht zugleich das Erlebnis eines Bewußtseins, eines Subjektes wäre. Das wird heute auch nahezu allgemein zugegeben.
Anderseits kann aber auch niemand ein so isoliertes Ich in sich entdecken, wie es das begriffliche Ich ist. Denn da kein einziger Bewußtseinsvorgang frei vom Ich bleibt, ist auch das Ich stets ein anderes und ganz und gar durch die augenblicklichen Erlebnisse bestimmt, sodaß man nicht leicht bleibende Eigenschaften des reinen Ich aufzählen kann. Das Ich zeigt sich uns immer nur in den Erlebnissen, wie etwa die Intensität oder die Ausdehnung sich nur an der Empfindung offenbart. Kommen wir doch zu einem isolierten Ich, so liegt dies an unserer Fähigkeit, den immer wiederkehrenden Ichzug aus den verschiedenen Erlebnissen herauszuheben. Es ist also die Befähigung zur Abstraktion, d. h. letztlich zur Beziehungserfassung (vgl.S. 121 f.), die uns den Ichzug unserer Erlebnisse erkennen läßt. Denken wir uns diese Fähigkeit hinweg, so haben wir wohl ein erlebendes Subjekt, aber kein Ich; denn das Ich ist eben das herausgeschälte Subjekt. Dieser Zustand verwirklicht sich nach unserer Auffassung beim Tier und dürfte daran schuld sein, daß Freud und Schmerz bei ihm ganz wesentlich geringer sind als beim Menschen. — Wenn wir den Ichcharakter unserer Erlebnisse mit der Intensität oder der Ausdehnung einer Empfindung verglichen haben, so gilt das nur hinsichtlich seiner innigen Verschmelzung mit den Bewußtseinserscheinungen, aber nicht hinsichtlich der Unterordnung dieser unselbständigen Momente. Das Ich erscheint nämlich nicht immer so bescheiden im Hintergrund wie etwa bei einer Wahrnehmung, die uns ganz gefangen hält. Es wird auffälliger bei den Gefühlszuständen, es gibt sich endlich als das tätige bei den Willensakten. An ihnen gewinnen wir wohl zuerst die Auffassung von dem Ich als dem Träger unserer Erlebnisse, als dem ersten soliden Etwas, das für uns der Prototyp eines Dinges wird.
Es bleibt nunmehr die normaleEinheit des Ichzu erklären. Greifen wir einen Querschnitt des Seelenlebens heraus, so bildet die hier herrschende Einheit des Ich in den gleichzeitig vorhandenen Empfindungen, Gefühlen und Strebungen kein sonderliches Problem. Denn alle diese Erlebnisse sind ja nur künstlich abstrahierte Züge eines unteilbaren Gesamtzustandes des Ich. Wir haben darum nicht verständlich zu machen, wieso das vor mir sichtbare Grün und Braun von demselben Ich empfunden werden kann. Anders verhält es sich mit dem Längsschnitt der Erlebnisse, mit den zeitlich sich folgenden Bewußtseinserscheinungen. Da wiederholen sich nun die Erwägungen, die wir beim Zeitbewußtsein und bei dem Problem der Erinnerung anstellten. Die unbefangene Selbstbeobachtung lehrt uns ebenso wie andere Überlegungen, daß unser Erlebnisstrom kein diskontinuierlicher, sondern ein stetig fließender ist, daß wir den Übergang von einer lauten Tonwahrnehmung in eine leisere u. ä. unmittelbar wahrnehmen. Da aber alle unsere Wahrnehmungen mitdem Ichcharakter unzertrennlich verbunden sind, müssen wir auch unmittelbar das Verharren des Ich von einem Zeitmoment zum andern wahrnehmen. Wenn wir nun bei der Erinnerung an auseinanderliegende Erlebnisse zu der Überzeugung kommen „mein früheres Erlebnis“, so setzen wir mittels des uns geläufigen Schlußverfahrens den sich uns zunächst darbietenden Zusammenhang als den einzig möglichen an (S. 192). In der Erkenntnis „mein früheres Erlebnis“ erfassen wir mit einem logisch noch nicht ganz gesicherten Schluß die Identität unseres Ich mit dem Subjekt des früheren Erlebnisses. Eine unmittelbare Evidenz kann dieser Schluß nicht bieten: es könnte ja ein Wechsel des Subjektes stattgefunden haben, und dem neuen Subjekt könnten die Erinnerungen des alten mitgeteilt sein. Indes naheliegende philosophische Gründe rechtfertigen nachträglich den naturgemäß vollzogenen Schluß.
Auch dieSubstantialitätdes Ich erfassen wir nicht unmittelbar. Gewiß ist für uns das Ich das Allersolideste, was wir kennen. Aber den Begriff der Substanz bilden wir uns doch erst mit Hilfe unserer Erfahrungen an der Außenwelt.
Unsere Erklärung des Ichbewußtseins läßt nun dieAnomaliendes Selbstbewußtseins leicht verstehen. Auch hier gehen die normalen Zustände unvermerkt in die pathologischen über. Wir sagten, das helle Ichbewußtsein ist das Ergebnis einer Beziehungserfassung. Beziehungserfassungen und ebenso das aus ihnen sich herleitende Wissen, von dem wir hier absahen, sind nicht immer aktuell, sondern können gelegentlich zurücktreten. Sie werden es in der Regel dann tun, wenn andere Inhalte in erhöhtem Maße die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das ist kaum möglich bei Gefühlserlebnissen, leichter bei Willenshandlungen und sehr wahrscheinlich, wenn wir uns wie in der Wahrnehmung oder auch im Vorstellungsleben mit den Gegenständen befassen. In solchen Zuständen sagen nicht nur die Dichter, sondern auch die Vpn in experimentell herbeigeführten Erlebnissen: nicht ich denke, sondern es denkt in mir. Man muß nach derartigen Bewußtseinsvorgängen wieder „zu sich kommen“. Natürlich war auch bei ihnen der Ichzug niemals vollständig verschwunden.Noch weiter entfernt sich vom normalen Zustand dieDepersonalisation, die Entfremdung des Ich. Jeder einzelne ist an eine gewisse Summe ziemlich gleichbleibender Körperempfindungen und der durch diese bedingten Gefühle gewöhnt. Zusammen mit dembegrifflichen Wissen von unserem Ich und seiner Identität in der Zeit sind sie daran schuld, daß das Ich unserer Auffassung, das „persönliche“ Ich, sich nicht mit jeder neuen Wahrnehmung ändert. Das wird anders bei sehr großartigen und überraschenden Wahrnehmungen. Ein ergreifendes Schauspiel, eine überwältigende Landschaft, ein neuer weitgespannter Gedankengang vermag die Summe der gewohnten Empfindungen in den Hintergrund zu drängen: wir fühlen uns dann als andere Menschen, „wie ausgewechselt“. Ein noch stärkerer Eindruck wird erzielt, wenn die sonst konstanten Körperempfindungen verändert werden. Wasser im Gehörgang, Ohrensausen u. dgl. geben uns schon eine Ahnung von diesem Zustand, wenngleich diese umschriebenen Störungen nach einiger Zeit überwunden werden. Ändert sich jedoch die konstante Empfindungsmasse in höherem Grade, so kommen wir uns selbst als andere vor, leben wie in einer andern Welt, sehen alles wie durch einen Nebel. Man kann heute noch nicht angeben,welcheEmpfindungen insbesondere in Mitleidenschaft gezogen werden müssen, damit dieser Zustand eintritt. Man hat an die Organempfindungen, an die uns stets begleitenden Reproduktionstendenzen bzw. ihre Spiegelung im Bewußtsein und namentlich an Gefühle (Österreich) gedacht. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird nicht die Alteration einerbestimmtenEmpfindungs- oder Gefühlsgruppe die Depersonalisation bewirken, sondern der Ausfall, die Änderung oder vielleicht auch die Vermehrung der konstanten Empfindungen, die wir an unserem „persönlichen“ Ich gewöhnt sind, muß in irgendeiner Weise einbestimmtes Maßerreichen, damit wir uns als andere Menschen fühlen.Würden die Bewußtseinsinhalte in einem Subjekt sämtlich verändert — womit zugleich die Reproduktion der früheren Zustände praktisch wegfiele —, so wäre zwar das substantielle Ich dasselbe geblieben, das persönliche (und oft auch das gesellschaftliche) Ich des zweiten Zustandes hingegen wäre einvölliganderes geworden, ohne sich jedoch dieser Spaltung bewußt werden zu können. Lassen wir nun dem Ich einen kleinen Teil seiner konstanten Empfindungen, geben ihm aber im übrigen einen neuen Bewußtseinsinhalt und erschweren ihm die Reproduktion des früheren Bewußtseinsinhaltes, so ist das persönliche Ich dieses Menschen gespalten. Je nachdem er sich nun in dem einen oder in dem anderen Bewußtseinsinhalt bewegt, wird er ein anderer Mensch sein, eine andere Rolle spielen. Und er wird sich der Spaltung seines Ich bewußt werden, sobald ihm irgendwelche Erinnerung an den andern Zustand möglich ist. Wenn diese Bedingungen zu verwirklichen sind, dann muß es nicht nur ein Doppel-Ich, sondern ein drei-, vier- und mehrfaches Ich geben können. In der Tat weist die Pathologie solche Fälle auf. Verändert eine Krankheit die Organempfindungen wesentlich, so beginnt der Kranke ein neues Bewußtseinsdasein, zumeist mit völliger Erinnerungsunfähigkeit (Amnesie) für die Zeit vorder Erkrankung. Ähnliches läßt sich durch Hypnose erzielen und bei Hysterischen auch durch mehr oder weniger freiwillige Autohypnose. Wie ein Schauspieler willkürlich eine von ihm einstudierte Rolle geben kann, so geraten jene Kranken unwillkürlich in eine der Rollen hinein, die ihnen aus ihrer Erfahrung, ihrer Romanlektüre oder ihren Träumereien geläufig ist, doch mit dem Unterschied, daß der Schauspieler sich jeden Augenblick auf sein bürgerliches Ich besinnen kann, während dem Kranken infolge der Konstellation der Rückweg verlegt ist, wie auch der Normale nicht ohne weiteres von einer Melodie in eine beliebige andere übergehen kann.
Unsere Erklärung des Ichbewußtseins läßt nun dieAnomaliendes Selbstbewußtseins leicht verstehen. Auch hier gehen die normalen Zustände unvermerkt in die pathologischen über. Wir sagten, das helle Ichbewußtsein ist das Ergebnis einer Beziehungserfassung. Beziehungserfassungen und ebenso das aus ihnen sich herleitende Wissen, von dem wir hier absahen, sind nicht immer aktuell, sondern können gelegentlich zurücktreten. Sie werden es in der Regel dann tun, wenn andere Inhalte in erhöhtem Maße die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das ist kaum möglich bei Gefühlserlebnissen, leichter bei Willenshandlungen und sehr wahrscheinlich, wenn wir uns wie in der Wahrnehmung oder auch im Vorstellungsleben mit den Gegenständen befassen. In solchen Zuständen sagen nicht nur die Dichter, sondern auch die Vpn in experimentell herbeigeführten Erlebnissen: nicht ich denke, sondern es denkt in mir. Man muß nach derartigen Bewußtseinsvorgängen wieder „zu sich kommen“. Natürlich war auch bei ihnen der Ichzug niemals vollständig verschwunden.
Noch weiter entfernt sich vom normalen Zustand dieDepersonalisation, die Entfremdung des Ich. Jeder einzelne ist an eine gewisse Summe ziemlich gleichbleibender Körperempfindungen und der durch diese bedingten Gefühle gewöhnt. Zusammen mit dembegrifflichen Wissen von unserem Ich und seiner Identität in der Zeit sind sie daran schuld, daß das Ich unserer Auffassung, das „persönliche“ Ich, sich nicht mit jeder neuen Wahrnehmung ändert. Das wird anders bei sehr großartigen und überraschenden Wahrnehmungen. Ein ergreifendes Schauspiel, eine überwältigende Landschaft, ein neuer weitgespannter Gedankengang vermag die Summe der gewohnten Empfindungen in den Hintergrund zu drängen: wir fühlen uns dann als andere Menschen, „wie ausgewechselt“. Ein noch stärkerer Eindruck wird erzielt, wenn die sonst konstanten Körperempfindungen verändert werden. Wasser im Gehörgang, Ohrensausen u. dgl. geben uns schon eine Ahnung von diesem Zustand, wenngleich diese umschriebenen Störungen nach einiger Zeit überwunden werden. Ändert sich jedoch die konstante Empfindungsmasse in höherem Grade, so kommen wir uns selbst als andere vor, leben wie in einer andern Welt, sehen alles wie durch einen Nebel. Man kann heute noch nicht angeben,welcheEmpfindungen insbesondere in Mitleidenschaft gezogen werden müssen, damit dieser Zustand eintritt. Man hat an die Organempfindungen, an die uns stets begleitenden Reproduktionstendenzen bzw. ihre Spiegelung im Bewußtsein und namentlich an Gefühle (Österreich) gedacht. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird nicht die Alteration einerbestimmtenEmpfindungs- oder Gefühlsgruppe die Depersonalisation bewirken, sondern der Ausfall, die Änderung oder vielleicht auch die Vermehrung der konstanten Empfindungen, die wir an unserem „persönlichen“ Ich gewöhnt sind, muß in irgendeiner Weise einbestimmtes Maßerreichen, damit wir uns als andere Menschen fühlen.
Würden die Bewußtseinsinhalte in einem Subjekt sämtlich verändert — womit zugleich die Reproduktion der früheren Zustände praktisch wegfiele —, so wäre zwar das substantielle Ich dasselbe geblieben, das persönliche (und oft auch das gesellschaftliche) Ich des zweiten Zustandes hingegen wäre einvölliganderes geworden, ohne sich jedoch dieser Spaltung bewußt werden zu können. Lassen wir nun dem Ich einen kleinen Teil seiner konstanten Empfindungen, geben ihm aber im übrigen einen neuen Bewußtseinsinhalt und erschweren ihm die Reproduktion des früheren Bewußtseinsinhaltes, so ist das persönliche Ich dieses Menschen gespalten. Je nachdem er sich nun in dem einen oder in dem anderen Bewußtseinsinhalt bewegt, wird er ein anderer Mensch sein, eine andere Rolle spielen. Und er wird sich der Spaltung seines Ich bewußt werden, sobald ihm irgendwelche Erinnerung an den andern Zustand möglich ist. Wenn diese Bedingungen zu verwirklichen sind, dann muß es nicht nur ein Doppel-Ich, sondern ein drei-, vier- und mehrfaches Ich geben können. In der Tat weist die Pathologie solche Fälle auf. Verändert eine Krankheit die Organempfindungen wesentlich, so beginnt der Kranke ein neues Bewußtseinsdasein, zumeist mit völliger Erinnerungsunfähigkeit (Amnesie) für die Zeit vorder Erkrankung. Ähnliches läßt sich durch Hypnose erzielen und bei Hysterischen auch durch mehr oder weniger freiwillige Autohypnose. Wie ein Schauspieler willkürlich eine von ihm einstudierte Rolle geben kann, so geraten jene Kranken unwillkürlich in eine der Rollen hinein, die ihnen aus ihrer Erfahrung, ihrer Romanlektüre oder ihren Träumereien geläufig ist, doch mit dem Unterschied, daß der Schauspieler sich jeden Augenblick auf sein bürgerliches Ich besinnen kann, während dem Kranken infolge der Konstellation der Rückweg verlegt ist, wie auch der Normale nicht ohne weiteres von einer Melodie in eine beliebige andere übergehen kann.
Literatur
K.Österreich, Phänomenologie des Ich. I. 1910.
K.Österreich, Phänomenologie des Ich. I. 1910.