VIERTER ABSCHNITTVerbindung der Vorstellungen mit Empfindungen und Empfindungskomplexen

VIERTER ABSCHNITTVerbindung der Vorstellungen mit Empfindungen und Empfindungskomplexen

Ebensowenig wie eine systematisch durchgeführte Erforschung der Empfindungskomplexe steht uns eine solche für die Verbindung von Empfindungen und Empfindungskomplexen mit Vorstellungen zu Gebote. Wir können darum nur an einzelnen Beispielen das Ergebnis einer solchen psychischen Synthese veranschaulichen.

Manche Personen berichten, daß ihnen beim Hören von Vokalen oder auch beim Sehen von Schriftzeichen bestimmte Farben mitgegeben sind. So erschienFechnerder Vokal e gelb, a weiß, u schwarz, der Trompetenton rot, der Flötenklang blau. Genauere Erhebungen über dieses sog. Farbenhören ergaben die mannigfachsten Abarten dieser nicht allzu seltenen Erscheinung. Es zeigt sich bei den verschiedenen mit ihr begabten Persönlichkeiten keinerlei Konstanz der Paarung von Klängen und Farben. Auch sieht der eine die Farben an dem Schriftbild, der andere an der Tonquelle, ein dritter irgendwo im Außenraum. Auch die Deutlichkeit der Farben ist wechselnd. In einem extremen Fall (Lemaitre) sollen sie sogar das Sehen der Umgebung gestört haben: wenn andere sprachen, konnte der Betreffende sein Bild im Spiegel nicht sehen. Andere erblicken beim Anhören musikalischer Gebilde charakteristisch wechselnde Figuren. In den gleichen Zusammenhang gehören die sog. sekundären Geschmacksempfindungen beim Sehen einer Speise, das Hören des Windes beim Anblick eines im Gemälde dargestellten Sturmes u. dgl.

Man hat dieErklärung der Synästhesienfrüher mehr auf physiologischem Gebiet gesucht. Eine enge Verbindung der den einzelnen Empfindungen zugehörigen Teile des nervösen Zentralorganssollte überhaupt die allgemeine Tendenz einer jeden Sinneserregung begründen, in benachbarte Gebiete überzustrahlen. Wo immer zu dieser allgemeinen Tendenz noch eine individuelle Veranlagung zur leichten Ansprechbarkeit des zentralen Apparates hinzukomme, da würden sich die Sekundärempfindungen einstellen. Indes, wenn dem so wäre, müßte sich doch eine weit größere Übereinstimmung in der Verbindung bestimmter Klänge mit bestimmten Farben beobachten lassen. Statt dessen ist häufig der Ursprung der Erscheinung aus der Erfahrung des Individuums nachweisbar. So, wenn beim Ton eines Instrumentes gerade jene Farbe gesehen wird, die dem Instrument selbst eigentümlich ist, oder wenn die Vokalfarbe sich mit der Muttersprache verändert. Wenn vollends Monats- oder Tagesnamen, genau so wie sonst die einfachen Vokale, charakteristische Farben annehmen, dann kann von einem physiologischen Zusammenhang schon gar nicht mehr die Rede sein. Die naturgemäßeste Erklärung ist darum die aus der Verbindung jener Wahrnehmungen mit den Vorstellungen der betreffenden Farben. In der Lebenserfahrung des Individuums haben sich infolge besonderer Umstände einmal die Wahrnehmungen gewisser Klänge mit der Wahrnehmung bestimmter Farben verbunden. Nach den später noch zu besprechenden Assoziationsgesetzen ruft dann die erneute Wahrnehmung des Klanges die Vorstellung der damals gleichzeitig gesehenen Farbe wach. Psychologisch bedeutsam ist hier, daß in solchen Fällen die Vorstellung sehr lebhaft wird und die Intensität der Klangempfindung erreicht, weshalb man ja auch von Sekundär- oder Pseudoempfindungenspricht. Eine Schwierigkeit liegt jedoch darin nicht, wir sahen ja schon, daß die Vorstellung nicht notwendig hinter der Intensität der Empfindung zurückbleiben muß.

Man hat dieErklärung der Synästhesienfrüher mehr auf physiologischem Gebiet gesucht. Eine enge Verbindung der den einzelnen Empfindungen zugehörigen Teile des nervösen Zentralorganssollte überhaupt die allgemeine Tendenz einer jeden Sinneserregung begründen, in benachbarte Gebiete überzustrahlen. Wo immer zu dieser allgemeinen Tendenz noch eine individuelle Veranlagung zur leichten Ansprechbarkeit des zentralen Apparates hinzukomme, da würden sich die Sekundärempfindungen einstellen. Indes, wenn dem so wäre, müßte sich doch eine weit größere Übereinstimmung in der Verbindung bestimmter Klänge mit bestimmten Farben beobachten lassen. Statt dessen ist häufig der Ursprung der Erscheinung aus der Erfahrung des Individuums nachweisbar. So, wenn beim Ton eines Instrumentes gerade jene Farbe gesehen wird, die dem Instrument selbst eigentümlich ist, oder wenn die Vokalfarbe sich mit der Muttersprache verändert. Wenn vollends Monats- oder Tagesnamen, genau so wie sonst die einfachen Vokale, charakteristische Farben annehmen, dann kann von einem physiologischen Zusammenhang schon gar nicht mehr die Rede sein. Die naturgemäßeste Erklärung ist darum die aus der Verbindung jener Wahrnehmungen mit den Vorstellungen der betreffenden Farben. In der Lebenserfahrung des Individuums haben sich infolge besonderer Umstände einmal die Wahrnehmungen gewisser Klänge mit der Wahrnehmung bestimmter Farben verbunden. Nach den später noch zu besprechenden Assoziationsgesetzen ruft dann die erneute Wahrnehmung des Klanges die Vorstellung der damals gleichzeitig gesehenen Farbe wach. Psychologisch bedeutsam ist hier, daß in solchen Fällen die Vorstellung sehr lebhaft wird und die Intensität der Klangempfindung erreicht, weshalb man ja auch von Sekundär- oder Pseudoempfindungenspricht. Eine Schwierigkeit liegt jedoch darin nicht, wir sahen ja schon, daß die Vorstellung nicht notwendig hinter der Intensität der Empfindung zurückbleiben muß.

Literatur

E.Bleuler, Zur Theorie der Sekundärempfindungen. ZPs 65.K.Lenzberg, Zur Theorie der Sekundärempfindungen und zur Bleulerschen Theorie im besondern. ZaPs 21.

E.Bleuler, Zur Theorie der Sekundärempfindungen. ZPs 65.

K.Lenzberg, Zur Theorie der Sekundärempfindungen und zur Bleulerschen Theorie im besondern. ZaPs 21.

Betrachtet man die eintönige Farbe eines Gegenstandes, etwa einer mit buntem Papier überzogenen Pappschachtel, das eine Mal mit freiem Auge und das andere Mal durch einen durchlochten Schirm derart, daß man nur die farbige Fläche erblickt, die Form und die Stellung des Gegenstandes jedoch nicht zu erkennen imstande ist, so wird man einen namhaften Unterschied gewahr werden. Bei freier Betrachtung hat die Farbe eine feste Lokalisation, erscheint selbst wie etwas Festes und weist u. U. Glanz oder Lichter auf. Durch einen Schirm gesehen, verliert sie die bestimmte Lokalisation, die Farbe scheint uns frontalparallel gegenüberzustehen, gewinnt an Zartheit,tritt nicht als Eigenschaft eines anderen Dinges auf und erlaubt dem Blick, gewissermaßen in sie einzudringen.Katz, der diese Unterschiede zuerst eingehend erforschte, spricht von verschiedenenErscheinungsweisender Farben und nennt die frei gesehenen „Oberflächenfarben“, die anderen „Flächenfarben“. Wir haben es da nicht mit anderen Empfindungen zu tun, sondern mit der Modifikation dieser Empfindungen infolge des Hinzutretens der Vorstellungen. Es können nämlich alle von den oben (S. 20) beschriebenen Farbenempfindungen abweichenden Erscheinungsweisen der Farben durch Betrachten mit einem Schirm auf die Empfindungen des Farbenoktaeders zurückgeführt werden. Ohne diese Reduktion jedoch lassen sie sich nicht in die Qualitätenreihen des Farbenoktaeders einreihen. Namentlich zeigen sie eine ganz neue, bei den Empfindungen nicht zu entdeckende Qualität: die Ausgeprägtheit der Farbe. Die nämliche Farbe erscheint als Oberflächenfarbe, in verschiedener Entfernung von der Lichtquelle gesehen, verschieden stark ausgeprägt, in größerer Entfernung gewissermaßen „mit Dunkelheit verhüllt“. — Entsprechende Erscheinungsweisen hatKatzbei den Tast- undHenningbei den Geruchserlebnissen gefunden.Obwohl bei wechselnder Beleuchtung die Gegenstände sehr verschiedenartige Reize ins Auge senden, erscheinen sie uns im allgemeinen nicht verändert: ein Stück Kohle in der Mittagssonne erscheint schwarz, ein Blatt Papier in der Dämmerung weiß, und doch reflektiert ersteres vielleicht mehr Licht als letzteres. DieseKonstanz der FarbensuchteHeringdurch die „Gedächtnisfarben“ zu erklären: wir haben von den uns geläufigen Dingen Standardvorstellungen, und diese verbinden sich mit den objektiven Eindrücken und meistern sie. Dazu treten noch andere Faktoren wie die Pupillenerweiterung bei abnehmender Helligkeit und die Kontrastwirkung (s.S. 29).Allein da wir auch bei unbekannten Objekten die wechselnde Beleuchtung gleichsam in Rechnung stellen, befriedigt diese Theorie nicht ganz.Katzversuchte eine Aufmerksamkeitstheorie, undBühlerwill neuerdings die Wahrnehmung der Farbe eines Objekts von der seiner Beleuchtung ganz trennen (Zweifaktorentheorie). Eine Entscheidung ist heute noch nicht möglich. Nur andeutungsweise und bildhaft läßt sich sagen, in welche Richtung die geklärten Tatsachen und die fruchtbaren Gesichtspunkte aller Theorien weisen: Wir „sehen“ nicht so sehr die Dinge, wir bauen sie vielmehr draußen auf. Zu jeder Empfindung tritt etwas Vorstellungsmäßiges hinzu: was und wieviel, das regelt sich durch den Gesamteindruck und die Einstellung des Subjektes. In dem Maße, als wir die Anhaltspunkte zum Aufbau des Sehdinges verlieren (später können wir statt dessen sagen: in dem Maße, als das Reproduktionsmotiv, z. B. durch den Doppelschirm, verringert wird, s.S. 154 f.), kommen die Empfindungen als solche zurGeltung. Die Geschwindigkeit der hier stattfindenden Vorstellungserweckung reicht zum Aufbau des Sehdinges vollkommen aus.Während also im Fall der Synäthesien die Vorstellung der Wahrnehmung mehr äußerlich anhaftet, greift sie bei den soeben besprochenen Erscheinungen abändernd in die Wahrnehmung ein, ergänzt gewissermaßen die Wahrnehmung, und zwar teilweise entgegen dem objektiven Sachverhalt. Die gleiche Rolle spielt die Vorstellung bei derIllusion: eine Wahrnehmung wird durch die hinzutretenden Vorstellungen derart ergänzt, daß wir uns über den Gegenstand täuschen. Ein im Finstern gesehener Baumstrunk erscheint als Wegelagerer. Wir haben es hier übrigens nicht mit Ausnahmefällen zu tun. Die eingehendere experimentelle Forschung und zuverlässige Gelegenheitsbeobachtungen ergeben, daß praktisch zu allen Wahrnehmungen des psychisch fertigen Menschen ergänzende Vorstellungen hinzutreten.Es wäre nun eine ganz schiefe Auffassung, wollte man meinen, die Rolle der ergänzenden Vorstellungen sei im allgemeinen eine störende. In der Mehrzahl der Fälle ist sie eine überaus fördernde. Wie man unter Berücksichtigung der später zu behandelnden Assoziationsgesetze leicht erkennen kann, vervollständigen die Vorstellungen die unvollkommenen Wahrnehmungen in der Regel ganz im Sinne des objektiven Sachverhaltes und ermöglichen darum eine Kraftersparnis bei den Wahrnehmungsprozessen. Wir entdecken nur die alle unsere Wahrnehmungen beständig begleitenden Vorstellungen nicht, solange sie mit dem objektiven Sachverhalt übereinstimmen, werden aber auf sie aufmerksam, wenn sie uns gelegentlich in die Irre führen.

Betrachtet man die eintönige Farbe eines Gegenstandes, etwa einer mit buntem Papier überzogenen Pappschachtel, das eine Mal mit freiem Auge und das andere Mal durch einen durchlochten Schirm derart, daß man nur die farbige Fläche erblickt, die Form und die Stellung des Gegenstandes jedoch nicht zu erkennen imstande ist, so wird man einen namhaften Unterschied gewahr werden. Bei freier Betrachtung hat die Farbe eine feste Lokalisation, erscheint selbst wie etwas Festes und weist u. U. Glanz oder Lichter auf. Durch einen Schirm gesehen, verliert sie die bestimmte Lokalisation, die Farbe scheint uns frontalparallel gegenüberzustehen, gewinnt an Zartheit,tritt nicht als Eigenschaft eines anderen Dinges auf und erlaubt dem Blick, gewissermaßen in sie einzudringen.Katz, der diese Unterschiede zuerst eingehend erforschte, spricht von verschiedenenErscheinungsweisender Farben und nennt die frei gesehenen „Oberflächenfarben“, die anderen „Flächenfarben“. Wir haben es da nicht mit anderen Empfindungen zu tun, sondern mit der Modifikation dieser Empfindungen infolge des Hinzutretens der Vorstellungen. Es können nämlich alle von den oben (S. 20) beschriebenen Farbenempfindungen abweichenden Erscheinungsweisen der Farben durch Betrachten mit einem Schirm auf die Empfindungen des Farbenoktaeders zurückgeführt werden. Ohne diese Reduktion jedoch lassen sie sich nicht in die Qualitätenreihen des Farbenoktaeders einreihen. Namentlich zeigen sie eine ganz neue, bei den Empfindungen nicht zu entdeckende Qualität: die Ausgeprägtheit der Farbe. Die nämliche Farbe erscheint als Oberflächenfarbe, in verschiedener Entfernung von der Lichtquelle gesehen, verschieden stark ausgeprägt, in größerer Entfernung gewissermaßen „mit Dunkelheit verhüllt“. — Entsprechende Erscheinungsweisen hatKatzbei den Tast- undHenningbei den Geruchserlebnissen gefunden.

Obwohl bei wechselnder Beleuchtung die Gegenstände sehr verschiedenartige Reize ins Auge senden, erscheinen sie uns im allgemeinen nicht verändert: ein Stück Kohle in der Mittagssonne erscheint schwarz, ein Blatt Papier in der Dämmerung weiß, und doch reflektiert ersteres vielleicht mehr Licht als letzteres. DieseKonstanz der FarbensuchteHeringdurch die „Gedächtnisfarben“ zu erklären: wir haben von den uns geläufigen Dingen Standardvorstellungen, und diese verbinden sich mit den objektiven Eindrücken und meistern sie. Dazu treten noch andere Faktoren wie die Pupillenerweiterung bei abnehmender Helligkeit und die Kontrastwirkung (s.S. 29).

Allein da wir auch bei unbekannten Objekten die wechselnde Beleuchtung gleichsam in Rechnung stellen, befriedigt diese Theorie nicht ganz.Katzversuchte eine Aufmerksamkeitstheorie, undBühlerwill neuerdings die Wahrnehmung der Farbe eines Objekts von der seiner Beleuchtung ganz trennen (Zweifaktorentheorie). Eine Entscheidung ist heute noch nicht möglich. Nur andeutungsweise und bildhaft läßt sich sagen, in welche Richtung die geklärten Tatsachen und die fruchtbaren Gesichtspunkte aller Theorien weisen: Wir „sehen“ nicht so sehr die Dinge, wir bauen sie vielmehr draußen auf. Zu jeder Empfindung tritt etwas Vorstellungsmäßiges hinzu: was und wieviel, das regelt sich durch den Gesamteindruck und die Einstellung des Subjektes. In dem Maße, als wir die Anhaltspunkte zum Aufbau des Sehdinges verlieren (später können wir statt dessen sagen: in dem Maße, als das Reproduktionsmotiv, z. B. durch den Doppelschirm, verringert wird, s.S. 154 f.), kommen die Empfindungen als solche zurGeltung. Die Geschwindigkeit der hier stattfindenden Vorstellungserweckung reicht zum Aufbau des Sehdinges vollkommen aus.

Während also im Fall der Synäthesien die Vorstellung der Wahrnehmung mehr äußerlich anhaftet, greift sie bei den soeben besprochenen Erscheinungen abändernd in die Wahrnehmung ein, ergänzt gewissermaßen die Wahrnehmung, und zwar teilweise entgegen dem objektiven Sachverhalt. Die gleiche Rolle spielt die Vorstellung bei derIllusion: eine Wahrnehmung wird durch die hinzutretenden Vorstellungen derart ergänzt, daß wir uns über den Gegenstand täuschen. Ein im Finstern gesehener Baumstrunk erscheint als Wegelagerer. Wir haben es hier übrigens nicht mit Ausnahmefällen zu tun. Die eingehendere experimentelle Forschung und zuverlässige Gelegenheitsbeobachtungen ergeben, daß praktisch zu allen Wahrnehmungen des psychisch fertigen Menschen ergänzende Vorstellungen hinzutreten.

Es wäre nun eine ganz schiefe Auffassung, wollte man meinen, die Rolle der ergänzenden Vorstellungen sei im allgemeinen eine störende. In der Mehrzahl der Fälle ist sie eine überaus fördernde. Wie man unter Berücksichtigung der später zu behandelnden Assoziationsgesetze leicht erkennen kann, vervollständigen die Vorstellungen die unvollkommenen Wahrnehmungen in der Regel ganz im Sinne des objektiven Sachverhaltes und ermöglichen darum eine Kraftersparnis bei den Wahrnehmungsprozessen. Wir entdecken nur die alle unsere Wahrnehmungen beständig begleitenden Vorstellungen nicht, solange sie mit dem objektiven Sachverhalt übereinstimmen, werden aber auf sie aufmerksam, wenn sie uns gelegentlich in die Irre führen.

Literatur

D.Katz, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1911.K.Bühler, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1923.

D.Katz, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1911.

K.Bühler, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1923.

Auch in die so rätselhaften Erlebnisse des Größeneindruckes kommt Klarheit, wenn wir sie als Verschmelzungsprodukte von peripher bedingten Empfindungskomplexen mit den absoluten Vorstellungen auffassen. Unterscheiden wir zunächst die wirkliche, in Metern angebbare Größe eines Gegenstandes von der geschätzten, d. h. der vermuteten wirklichen, und der scheinbaren, der Sehgröße. Nur mit dieser haben wir es zu tun. So erscheint uns der Mond am Horizont groß, im Zenit klein, obwohl die Entfernung und der Sehwinkel beidemal unverändert bleiben. Einem tieferen Verständnis dieser und ähnlicher Erlebnisse steht nun das Wort „Sehgröße“ im Wege. Größe als Erlebnis setztimmer Verhältniserfassungen, also gedankliche Elemente voraus. Da aber die Tiere ähnliche „Größeneindrücke“ zu haben scheinen, müssen wir uns nach einem andern Terminus umsehen und sprechen statt von der Größe von der Mächtigkeit einer Ausdehnung im Gesichtsfeld. Innerhalb desselben Raumes ist die Mächtigkeit einer Ausdehnung um so größer, je größer der zugehörige Sehwinkel ist.

In den ersten Jahren seines Lebens lernt nun das Kind ein Doppeltes: Es lernt verschiedene Räume kennen, und zwar Räume von typischer Verschiedenheit. Erlaubt man eine etwas krasse Typisierung, so könnte man von einem Stubenraum, einem Straßenraum und einem Landschaftsraum sprechen, ähnlich wie man von einem Finger-, Arm- und Schrittraum beim Blinden redet. Zweitens lernt das Kind innerhalb eines jeden Raumes die Mächtigkeit anschaulich kennen, die den einzelnen Teilen des Gesichtsfeldes entspricht: die Türe hat eine andere Mächtigkeit als die Wand, das Haus eine andere als die Straße. Dies „anders und anders“ besagt jedoch keinen Vergleich, sondern nur, daß bald diese, bald jene anschaulichen Vorstellungen geweckt werden, wie sie etwa beim Abtasten und Abschreiten gewonnen wurden. Fügen wir nun hinzu, daß nach den Assoziationsgesetzen durch die peripher bedingten Empfindungskomplexe bald diese, bald jene Raumvorstellung geweckt wird und mit ebendiesen Empfindungskomplexen verschmilzt, so haben wir die einfache Formel für alle Größeneindrücke und -täuschungen gefunden, die uns mit den Tieren gemeinsam sind.

Durchgehen wir einige Erscheinungen. Wohlvertraute Gegenstände erscheinen im Nahraum nicht kleiner, auch wenn sie sich entfernen und somit ihr Sehwinkel kleiner wird; sie verbleiben im Nahraum, wo ihre Mächtigkeit uns wohlbekannt ist. Betrachten wir ein Bild an der Wand durch einen verstellbaren Rahmen, den wir bald in diese, bald in jene Entfernung vom Auge bringen, so sehen wir dasselbe Bild beim nämlichen Sehwinkel und derselben objektiven Entfernung bald größer, bald kleiner, bald näher, bald ferner, je nach der Raumvorstellung, die mit Hilfe des vorgehaltenen Rahmens geweckt wird. Aus demselben Grunde erscheinen uns Inschriften innerhalb eines beleuchteten Tramwagens bisweilen als riesige Mauerplakate, wenn ihr Spiegelbild auf eine Häuserwand projiziert wird. v.Sterneckhat darum das ganze Problem der Sehgröße, ähnlich wie wir, doch mit der Annahme von „Referenzflächen“ lösen wollen. Aber von solchen Referenzflächen wissen wir z. B. bei der Betrachtung des Mondes im Zenit nichts. Die Referenzfläche ist eben nur ein Bestandstück des vorgestellten Raumes, das fehlen kann. Warum erscheint uns also der hochstehende Mond kleiner als der niedrig stehende? Weil unsere Erfahrung in der senkrechten Richtung uns nicht die nämlichen Raumvorstellungen liefert wie in der wagrechten. Haben wir hier einen Stuben-, Straßen- und Landschaftsraum kennen gelernt, so wird uns dort nur ein Stuben- und Haus- oder Turmraum geläufig. Der hochstehende Mond gewinnt darum nur die Mächtigkeit, die seinem Sehwinkel im zweiten Raum entspricht, während er am Horizont die Mächtigkeit des dritten Raumes erlangt. Übrigens erleben wir die gleiche Erscheinung auch bei irdischen Gegenständen. Ich sah den zierlichen Adler vom Bismarcksturm am Starnbergersee als einen erschreckend großen Vogel auf dem Kamm eines nahen Hügels stehen, als der Turm, auf dem er thront, von diesem Hügel verdeckt wurde. Ob sich übrigens diese Größentäuschung bei Fliegern, die ja auch Erfahrungen beim senkrechten Aufsteigen sammeln, vermindert?Unsere ganze Erklärung wird indes von einem Einwand bedroht. Nach dem Gesagten muß die Mächtigkeit bekannter Objekte in allen Räumen die nämliche bleiben, und doch erscheinen uns die Menschen, von der Galerie eines Theaters oder von einem hohen Berg gesehen, als Puppen. Nun, hier handelt es sich auch wieder um die uns unbekannte Höhenrichtung, für die uns keine geläufige Raumvorstellung zu Gebote steht, ja, wir bringen sogar häufig an diese Eindrücke die Vorstellung des Nahraumes heran, z. B. wenn sie von dem Aufsteigen im Treppenhaus noch im Bewußtsein steht. In der horizontalen Richtung hingegen begegnet uns dieser frappante Kleinheitseindruck solange nicht, als wir nicht mit den Denkprozessen an die Sehdinge herantreten und eigentliche Vergleiche anstellen. Solche Vergleichungen der Sehgröße eines fernen Gegenstandes mit einem nahen sind bekanntlich schwierig und ergeben sehr abweichende Urteile, weil die Mächtigkeit eines Sehdinges nur durch Einbeziehung in einen bestimmten Raum zur vergleichbaren Größe wird, dieser Raum aber keine scharf begrenzte, objektive Größe ist.

Durchgehen wir einige Erscheinungen. Wohlvertraute Gegenstände erscheinen im Nahraum nicht kleiner, auch wenn sie sich entfernen und somit ihr Sehwinkel kleiner wird; sie verbleiben im Nahraum, wo ihre Mächtigkeit uns wohlbekannt ist. Betrachten wir ein Bild an der Wand durch einen verstellbaren Rahmen, den wir bald in diese, bald in jene Entfernung vom Auge bringen, so sehen wir dasselbe Bild beim nämlichen Sehwinkel und derselben objektiven Entfernung bald größer, bald kleiner, bald näher, bald ferner, je nach der Raumvorstellung, die mit Hilfe des vorgehaltenen Rahmens geweckt wird. Aus demselben Grunde erscheinen uns Inschriften innerhalb eines beleuchteten Tramwagens bisweilen als riesige Mauerplakate, wenn ihr Spiegelbild auf eine Häuserwand projiziert wird. v.Sterneckhat darum das ganze Problem der Sehgröße, ähnlich wie wir, doch mit der Annahme von „Referenzflächen“ lösen wollen. Aber von solchen Referenzflächen wissen wir z. B. bei der Betrachtung des Mondes im Zenit nichts. Die Referenzfläche ist eben nur ein Bestandstück des vorgestellten Raumes, das fehlen kann. Warum erscheint uns also der hochstehende Mond kleiner als der niedrig stehende? Weil unsere Erfahrung in der senkrechten Richtung uns nicht die nämlichen Raumvorstellungen liefert wie in der wagrechten. Haben wir hier einen Stuben-, Straßen- und Landschaftsraum kennen gelernt, so wird uns dort nur ein Stuben- und Haus- oder Turmraum geläufig. Der hochstehende Mond gewinnt darum nur die Mächtigkeit, die seinem Sehwinkel im zweiten Raum entspricht, während er am Horizont die Mächtigkeit des dritten Raumes erlangt. Übrigens erleben wir die gleiche Erscheinung auch bei irdischen Gegenständen. Ich sah den zierlichen Adler vom Bismarcksturm am Starnbergersee als einen erschreckend großen Vogel auf dem Kamm eines nahen Hügels stehen, als der Turm, auf dem er thront, von diesem Hügel verdeckt wurde. Ob sich übrigens diese Größentäuschung bei Fliegern, die ja auch Erfahrungen beim senkrechten Aufsteigen sammeln, vermindert?

Unsere ganze Erklärung wird indes von einem Einwand bedroht. Nach dem Gesagten muß die Mächtigkeit bekannter Objekte in allen Räumen die nämliche bleiben, und doch erscheinen uns die Menschen, von der Galerie eines Theaters oder von einem hohen Berg gesehen, als Puppen. Nun, hier handelt es sich auch wieder um die uns unbekannte Höhenrichtung, für die uns keine geläufige Raumvorstellung zu Gebote steht, ja, wir bringen sogar häufig an diese Eindrücke die Vorstellung des Nahraumes heran, z. B. wenn sie von dem Aufsteigen im Treppenhaus noch im Bewußtsein steht. In der horizontalen Richtung hingegen begegnet uns dieser frappante Kleinheitseindruck solange nicht, als wir nicht mit den Denkprozessen an die Sehdinge herantreten und eigentliche Vergleiche anstellen. Solche Vergleichungen der Sehgröße eines fernen Gegenstandes mit einem nahen sind bekanntlich schwierig und ergeben sehr abweichende Urteile, weil die Mächtigkeit eines Sehdinges nur durch Einbeziehung in einen bestimmten Raum zur vergleichbaren Größe wird, dieser Raum aber keine scharf begrenzte, objektive Größe ist.

Literatur

A.Müller, Die Referenzflächen des Himmels und der Gestirne. 1918.

A.Müller, Die Referenzflächen des Himmels und der Gestirne. 1918.

Werden wir an irgendeiner Körperstelle berührt, so können wir im allgemeinen ziemlich genau den Ort der Berührungangeben. Man bezeichnet diese Fähigkeit als denOrtssinn. Daß diese Leistung nicht mit der des oben besprochenen Raumsinnes der Haut zusammenfällt, geht aus pathologischen Tatsachen hervor, wo bei normalem Ortssinn die simultane und selbst die sukzessive Raumschwelle abnorm hoch sind. In einem anderen Falle (Spearman) wurde sehr gut lokalisiert, während selbst sukzessive Reize an demselben Glied nicht auseinandergehalten werden konnten. Dennoch darf man sich den Ortssinn nicht als eine einfache seelische Fähigkeit denken. Er ist gewiß noch komplizierter als der Raumsinn, der sich vielleicht noch aus einfachen anatomischen Grundbedingungen verstehen läßt. Die Lokalisation eines Tastreizes erfolgt meist so, daß die Tastempfindung von einem schematischen visuellen Vorstellungsbild der betreffenden Körpergegend begleitet ist. Infolge der unbeschränkt häufigen Erfahrung brauchen wir aber, gemäß einem noch zu erwähnenden Assoziationsgesetz, nicht mehr bewußt auf die qualitative Eigenart der Tastempfindung zu achten, sondern unmittelbar an die betreffende Reizung schließt sich das visuelle Bild der gereizten Körperstelle an. Darum hängt auch die Genauigkeit der Lokalisation und selbst die Größenschätzung der von der Haut berührten Objekte von der Güte der Visualisation ab: wer bessere optische Vorstellungen von den berührten Körperteilen in sich erzeugen kann, lokalisiert besser und schätzt die Größen richtiger.

Die Leistungen des Ortssinnes möchten nach dem Gesagten wohl als nahezu selbstverständlich erscheinen und kein nennenswertes Problem einschließen. Allein man darf nicht vergessen, daß diese relativ einfachen Erklärungen erst in mühevoller Einzelforschung erarbeitet werden mußten, um allmählich die Auffassung von jener rätselhaften Fähigkeit der Tastnerven zu verdrängen, vermöge deren sie unmittelbar von jeder einzelnen Körperstelle Kunde bringen sollten.Es bereitet nunmehr keine Schwierigkeit, eigenartigeTäuschungenauf dem Gebiete des Tastsinnes zu verstehen. Verschiebt man die Lippen horizontal gegeneinander und berührt sie dann gleichzeitig mit einem vertikal gehaltenen Bleistift, so entsteht der Eindruck, es sei der Bleistift schräg geneigt (Czermak). Oder die bekanntearistotelischeTäuschung: kreuzt man Zeige- und Mittelfinger und rollt mit den so gekreuzten Fingern ein Kügelchen, so glaubt man deutlich zwei Kügelchen unter den Fingern zu haben. Die Täuschungwird um so stärker, je weniger man auf die Lage der Finger achtet, und verschwindet, wenn man auf die Finger sieht. In beiden Fällen steht die durch die Erfahrung geleitete Meldung des Ortssinnes in Widerspruch mit dem wirklichen Sachverhalt und bedingt so eine falsche Auffassung, zu der allerdings außer dem Ortssinn noch höhere Funktionen mitwirken.Hat der Ortssinn nur anzugeben, welche Körperstelle berührt wird, so wird uns in derLagewahrnehmungaußerdem noch vermittelt, welche Stellung im Raum ein Körperteil in dem Augenblick einnimmt, wo ihn ein Tastreiz trifft. Nach der trefflichen AnalyseSpearmansbesagt jede Lagewahrnehmung ein Dreifaches: 1) die Angabe des Ortssinnes, an welcher Stelle des Körpers der Reiz auftraf (die segmentale Bestimmung); 2) die Kunde über die von den Gelenken gebildeten Winkel (die artikuläre Bestimmung); 3) ein Wissen von der Länge der Zwischenglieder (die intermediäre Bestimmung). Über die segmentale Bestimmung ist nichts hinzuzufügen. Die intermediäre Bestimmung wird durch die festliegenden Vorstellungen des Gesamtkörpers besorgt. Schwierigkeiten bereitet nur die artikuläre Bestimmung, namentlich wenn man sie mit Spearman auf die Gelenkempfindungen zurückführt. Nach dem, was oben (S. 63 f.) über die kinästhetischen Empfindungen gesagt wurde, wird man auch hier vorerst statt der Gelenkempfindungen die vereinigten Wahrnehmungen der Haut- und Kraftempfindungen heranziehen müssen. Sie sind auch in der Ruhelage der Glieder vorhanden und können sich mit der visuellen Vorstellung von der Haltung des Gliedes verbinden.Bei der experimentellen Untersuchung der Lagevorstellungen zeigte sich immer eine große Unmittelbarkeit in der Erkenntnis der Lage. Es brauchten nicht erst die Vorstellungen der zentralen Körperteile wachgerufen zu werden, damit von da aus eine Orientierung ermöglicht würde. Daraus schloß man auf eine direkte physiologische Assoziation, die sich zwischen einer bestimmten physiologischen Erregung der Gelenknerven und der Lagevorstellung ausgebildet hätte. Für die Möglichkeit solcher „physiologischer“ Assoziationen sprechen allerdings verschiedene Tatsachen. Allein die neueren Untersuchungen der Vorstellungen deuten doch darauf hin, daß diese schon in einem recht primitiven Stadium der Reproduktion außerordentlich viel zur Orientierung beitragen können. In der Tat berichten auch die Versuchspersonen Spearmans, die zentralen Körperteile seien konfus vorgestellt worden. Solange man unser ganzes Erkennen in die Vorstellungen verlegte, war man berechtigt, die Funktion bloß konfuser Vorstellungen gering zu bewerten. Heute, wo man wieder die Bedeutung eines von den Vorstellungen verschiedenen Denkens anerkennt und sich darüber klar ist, daß diese höhere Funktion bei der konkreten Lageerfassung nicht auszuschalten ist, wird man auch die Bedeutung der konfusen Vorstellung der zentralen Körperteile höher einschätzen müssen undvermutlich eine physiologische Assoziation entbehrlich finden. Die Unmittelbarkeit und Promptheit der Lokalisation verschlägt demgegenüber nichts; sie zeigt sich auch bei ähnlich gelagerten Verhältnissen, wie etwa bei dem später zu besprechenden Wortverständnis.

Die Leistungen des Ortssinnes möchten nach dem Gesagten wohl als nahezu selbstverständlich erscheinen und kein nennenswertes Problem einschließen. Allein man darf nicht vergessen, daß diese relativ einfachen Erklärungen erst in mühevoller Einzelforschung erarbeitet werden mußten, um allmählich die Auffassung von jener rätselhaften Fähigkeit der Tastnerven zu verdrängen, vermöge deren sie unmittelbar von jeder einzelnen Körperstelle Kunde bringen sollten.

Es bereitet nunmehr keine Schwierigkeit, eigenartigeTäuschungenauf dem Gebiete des Tastsinnes zu verstehen. Verschiebt man die Lippen horizontal gegeneinander und berührt sie dann gleichzeitig mit einem vertikal gehaltenen Bleistift, so entsteht der Eindruck, es sei der Bleistift schräg geneigt (Czermak). Oder die bekanntearistotelischeTäuschung: kreuzt man Zeige- und Mittelfinger und rollt mit den so gekreuzten Fingern ein Kügelchen, so glaubt man deutlich zwei Kügelchen unter den Fingern zu haben. Die Täuschungwird um so stärker, je weniger man auf die Lage der Finger achtet, und verschwindet, wenn man auf die Finger sieht. In beiden Fällen steht die durch die Erfahrung geleitete Meldung des Ortssinnes in Widerspruch mit dem wirklichen Sachverhalt und bedingt so eine falsche Auffassung, zu der allerdings außer dem Ortssinn noch höhere Funktionen mitwirken.

Hat der Ortssinn nur anzugeben, welche Körperstelle berührt wird, so wird uns in derLagewahrnehmungaußerdem noch vermittelt, welche Stellung im Raum ein Körperteil in dem Augenblick einnimmt, wo ihn ein Tastreiz trifft. Nach der trefflichen AnalyseSpearmansbesagt jede Lagewahrnehmung ein Dreifaches: 1) die Angabe des Ortssinnes, an welcher Stelle des Körpers der Reiz auftraf (die segmentale Bestimmung); 2) die Kunde über die von den Gelenken gebildeten Winkel (die artikuläre Bestimmung); 3) ein Wissen von der Länge der Zwischenglieder (die intermediäre Bestimmung). Über die segmentale Bestimmung ist nichts hinzuzufügen. Die intermediäre Bestimmung wird durch die festliegenden Vorstellungen des Gesamtkörpers besorgt. Schwierigkeiten bereitet nur die artikuläre Bestimmung, namentlich wenn man sie mit Spearman auf die Gelenkempfindungen zurückführt. Nach dem, was oben (S. 63 f.) über die kinästhetischen Empfindungen gesagt wurde, wird man auch hier vorerst statt der Gelenkempfindungen die vereinigten Wahrnehmungen der Haut- und Kraftempfindungen heranziehen müssen. Sie sind auch in der Ruhelage der Glieder vorhanden und können sich mit der visuellen Vorstellung von der Haltung des Gliedes verbinden.

Bei der experimentellen Untersuchung der Lagevorstellungen zeigte sich immer eine große Unmittelbarkeit in der Erkenntnis der Lage. Es brauchten nicht erst die Vorstellungen der zentralen Körperteile wachgerufen zu werden, damit von da aus eine Orientierung ermöglicht würde. Daraus schloß man auf eine direkte physiologische Assoziation, die sich zwischen einer bestimmten physiologischen Erregung der Gelenknerven und der Lagevorstellung ausgebildet hätte. Für die Möglichkeit solcher „physiologischer“ Assoziationen sprechen allerdings verschiedene Tatsachen. Allein die neueren Untersuchungen der Vorstellungen deuten doch darauf hin, daß diese schon in einem recht primitiven Stadium der Reproduktion außerordentlich viel zur Orientierung beitragen können. In der Tat berichten auch die Versuchspersonen Spearmans, die zentralen Körperteile seien konfus vorgestellt worden. Solange man unser ganzes Erkennen in die Vorstellungen verlegte, war man berechtigt, die Funktion bloß konfuser Vorstellungen gering zu bewerten. Heute, wo man wieder die Bedeutung eines von den Vorstellungen verschiedenen Denkens anerkennt und sich darüber klar ist, daß diese höhere Funktion bei der konkreten Lageerfassung nicht auszuschalten ist, wird man auch die Bedeutung der konfusen Vorstellung der zentralen Körperteile höher einschätzen müssen undvermutlich eine physiologische Assoziation entbehrlich finden. Die Unmittelbarkeit und Promptheit der Lokalisation verschlägt demgegenüber nichts; sie zeigt sich auch bei ähnlich gelagerten Verhältnissen, wie etwa bei dem später zu besprechenden Wortverständnis.

Die Grundtatsache der Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen macht nun ohne weiteres dasallgemeine Lokalisationsgesetzverständlich: „Die Empfindung E wird an denjenigen Ort des Gesichtsraumes lokalisiert, dessen visuelle Vorstellung V durch die gegebene Empfindung E in das Bewußtsein eingeführt wird und mit ihr verschmilzt, sei es weil beide in der Erfahrung sich miteinander assoziiert haben, sei es weil V unter den gegebenen Umständen sich in einer besonders hohen Bereitschaft befindet“ (Fröbes).

Erinnert man sich nun hier des Gesetzes der spezifischen Sinnesenergie, demzufolge ein Sinnesnerv stets mit der gleichen Empfindung antwortet, einerlei wie und wo er gereizt wird, so begreift man leicht folgende Tatsache: Bei durchbohrtem Trommelfell ist die hinter diesem liegende Chorda tympani einer unmittelbaren Reizung zugänglich. Reizt man nun diesen Nervenstrang, der auch Fasern des Geschmacksnerven führt, so vermeint man auf der Zunge zu schmecken. Ganz allgemein verlegen wir innere Reize der Empfindungsnerven an die uns aus der Erfahrung bekannten Orte der peripheren Reizung. Wenn man hier von einem „Gesetz der exzentrischen Projektion“ redet, darf man nicht glauben, wir nähmen den Reiz zuerst innerhalb der Nervenbahn wahr und verlegten ihn dann wieder hinaus an das Nervenende, sondern unmittelbar mit der Erregung des Nerven taucht das Bild der durch die Erfahrung bekannten normalen Reizungsstelle wieder auf. Es ist somit dieses Gesetz nur ein besonderer Fall des allgemeinen Lokalisationsgesetzes. Hiermit erklären sich auch einfach die bekannten Täuschungen Amputierter, die in den vielleicht schon Jahre lang abgenommenen Gliedern noch Schmerz und Druck u. ä. zu empfinden meinen.Aus dem allgemeinen Lokalisationsgesetz versteht man auch die scheinbareRaumwahrnehmung anderer Sinne. In Wirklichkeit bietet nur der Gesichts- und der Tastsinn räumliche Inhalte. Wer beide Sinne entbehrte, könnte nie zu einer Raumanschauung gelangen. Sie bliebe ihm ebenso unbekannt wie dem Blindgeborenen die Farben. Die richtige Lokalisation der Geschmacks-, Schmerz- und Temperaturreize (wobei bemerkt sein mag, daß die Lokalisation um so schärfer ist, je lebenswichtiger der Reiz) bedarf keiner weiteren Erläuterung.Der Raum, der sich aus solchen einzelnen Raumdaten ergeben könnte, wäre beim Sehenden letztlich nur der Gesichtsraum, beim Blindgeborenen der Tastraum. Das nämliche gilt aber auch vom Ohr, das uns über die Entfernung und Richtung unsichtbarer Schallquellen benachrichtigt. Die besondere Aufgabe der Forschung besteht hier nur darin, die empirischen Anhaltspunkte zu ermitteln, nach denen im einzelnen Entfernung und Richtung der Schallquelle beurteilt wird. Ein erster Anhaltspunkt für die Entfernung ist die Intensität des Reizes: je schwächer ein bekannter Reiz, um so weiter muß er entfernt sein. Es besteht hier ein ganz ähnliches Verhältnis wie zwischen der Sehgröße und der Entfernung. Darum kann man sich auch hier ebenso täuschen wie dort: ein leises Pochen an der Türe erscheint als furchtbarer, doch weit entfernter Kanonendonner, und auch das Umgekehrte bleibt an sich möglich, je nachdem wir entweder die tatsächliche Entfernung oder die wirkliche Stärke des Schallreizes falsch ansetzen. In Wirklichkeit zeigt sich indes nicht immer dieses einfache Verhältnis eingehalten. Gleichartige, aber verschieden starke Töne werden nicht notwendig in verschiedene Entfernung lokalisiert. Zu dieser Verbesserung der Lokalisation verhelfen die jeden Ton begleitenden Obertöne. Diese sind bekanntlich nicht alle gleich laut und werden darum je in verschieden weiter Entfernung unhörbar: die niederen verstummen zuerst. Aus diesem Umstand entwickelt sich ein tatsächlich benutztes, aber als solches nicht erkanntes Kriterium für die Schätzung der Entfernung.Ernst Machhat das mit einem treffenden Ausdruck als die „Luftperspektive für Töne“ bezeichnet. Deshalb läßt sich auch umgekehrt durch Verstärkung der Obertöne eines Klanges der Eindruck größerer Entfernung erzielen. Von höchster Bedeutung für die Lokalisation ist die Richtung der Aufmerksamkeit. Wird durch irgendeinen Umstand unsere Aufmerksamkeit auf ein Ding gelenkt, das als Schallquelle in Frage kommen kann, so sind wir auch geneigt, es als solche anzusprechen. Darauf beruht ein Hauptkunstgriff der Bauchredner.

Erinnert man sich nun hier des Gesetzes der spezifischen Sinnesenergie, demzufolge ein Sinnesnerv stets mit der gleichen Empfindung antwortet, einerlei wie und wo er gereizt wird, so begreift man leicht folgende Tatsache: Bei durchbohrtem Trommelfell ist die hinter diesem liegende Chorda tympani einer unmittelbaren Reizung zugänglich. Reizt man nun diesen Nervenstrang, der auch Fasern des Geschmacksnerven führt, so vermeint man auf der Zunge zu schmecken. Ganz allgemein verlegen wir innere Reize der Empfindungsnerven an die uns aus der Erfahrung bekannten Orte der peripheren Reizung. Wenn man hier von einem „Gesetz der exzentrischen Projektion“ redet, darf man nicht glauben, wir nähmen den Reiz zuerst innerhalb der Nervenbahn wahr und verlegten ihn dann wieder hinaus an das Nervenende, sondern unmittelbar mit der Erregung des Nerven taucht das Bild der durch die Erfahrung bekannten normalen Reizungsstelle wieder auf. Es ist somit dieses Gesetz nur ein besonderer Fall des allgemeinen Lokalisationsgesetzes. Hiermit erklären sich auch einfach die bekannten Täuschungen Amputierter, die in den vielleicht schon Jahre lang abgenommenen Gliedern noch Schmerz und Druck u. ä. zu empfinden meinen.

Aus dem allgemeinen Lokalisationsgesetz versteht man auch die scheinbareRaumwahrnehmung anderer Sinne. In Wirklichkeit bietet nur der Gesichts- und der Tastsinn räumliche Inhalte. Wer beide Sinne entbehrte, könnte nie zu einer Raumanschauung gelangen. Sie bliebe ihm ebenso unbekannt wie dem Blindgeborenen die Farben. Die richtige Lokalisation der Geschmacks-, Schmerz- und Temperaturreize (wobei bemerkt sein mag, daß die Lokalisation um so schärfer ist, je lebenswichtiger der Reiz) bedarf keiner weiteren Erläuterung.Der Raum, der sich aus solchen einzelnen Raumdaten ergeben könnte, wäre beim Sehenden letztlich nur der Gesichtsraum, beim Blindgeborenen der Tastraum. Das nämliche gilt aber auch vom Ohr, das uns über die Entfernung und Richtung unsichtbarer Schallquellen benachrichtigt. Die besondere Aufgabe der Forschung besteht hier nur darin, die empirischen Anhaltspunkte zu ermitteln, nach denen im einzelnen Entfernung und Richtung der Schallquelle beurteilt wird. Ein erster Anhaltspunkt für die Entfernung ist die Intensität des Reizes: je schwächer ein bekannter Reiz, um so weiter muß er entfernt sein. Es besteht hier ein ganz ähnliches Verhältnis wie zwischen der Sehgröße und der Entfernung. Darum kann man sich auch hier ebenso täuschen wie dort: ein leises Pochen an der Türe erscheint als furchtbarer, doch weit entfernter Kanonendonner, und auch das Umgekehrte bleibt an sich möglich, je nachdem wir entweder die tatsächliche Entfernung oder die wirkliche Stärke des Schallreizes falsch ansetzen. In Wirklichkeit zeigt sich indes nicht immer dieses einfache Verhältnis eingehalten. Gleichartige, aber verschieden starke Töne werden nicht notwendig in verschiedene Entfernung lokalisiert. Zu dieser Verbesserung der Lokalisation verhelfen die jeden Ton begleitenden Obertöne. Diese sind bekanntlich nicht alle gleich laut und werden darum je in verschieden weiter Entfernung unhörbar: die niederen verstummen zuerst. Aus diesem Umstand entwickelt sich ein tatsächlich benutztes, aber als solches nicht erkanntes Kriterium für die Schätzung der Entfernung.Ernst Machhat das mit einem treffenden Ausdruck als die „Luftperspektive für Töne“ bezeichnet. Deshalb läßt sich auch umgekehrt durch Verstärkung der Obertöne eines Klanges der Eindruck größerer Entfernung erzielen. Von höchster Bedeutung für die Lokalisation ist die Richtung der Aufmerksamkeit. Wird durch irgendeinen Umstand unsere Aufmerksamkeit auf ein Ding gelenkt, das als Schallquelle in Frage kommen kann, so sind wir auch geneigt, es als solche anzusprechen. Darauf beruht ein Hauptkunstgriff der Bauchredner.

Literatur

C.Spearman, Fortschritte auf dem Gebiete der räumlichen Vorstellungen. APs 8 (1906).O.Klemm, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).

C.Spearman, Fortschritte auf dem Gebiete der räumlichen Vorstellungen. APs 8 (1906).

O.Klemm, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).


Back to IndexNext