ZWEITER ABSCHNITTDie Assoziation als Grundlage der Reproduktion
Die Tatsache, daß früher gewonnene Eindrücke wieder aufleben, nötigt zur Annahme, solche Eindrücke oder Wahrnehmungen seien nicht einfachhin verloren gegangen, sondern würden irgendwie in uns unbewußterweise aufbewahrt. Die weitere Tatsache, daß das Bewußtwerden eines Teiles einer früheren Wahrnehmung die Bedingung für das Bewußtwerden des übrigen Teiles ist, beweist, daß zwischen den Teilen der Gesamtwahrnehmung irgendwelcheVerbindungbesteht. In früheren Zeiten, wo man diese Teile der Gesamtwahrnehmung als in sich abgeschlossene Vorstellungen oder gar Ideen auffaßte, prägte man die Bezeichnung „Vorstellungs-“ oder gar „Ideenassoziation“. Wir können den Ausdruck Assoziation der Vorstellungen beibehalten, ohne deshalb die einzelnen Vorstellungen fälschlich als in sich abgeschlossene Dinge zu nehmen. Es fragt sich nunmehr: wie kommt jene Aufbewahrung der früheren Eindrücke und die Verbindung ihrer Teile zustande? Sind sie dem Untergrund des Bewußtseins, etwa der substantiellen Seele zuzuschreiben oder den Gehirnvorgängen oder beiden? Eine endgültige Antwort auf diese Frage kann die experimentelle Psychologie nicht geben. Sie kann aber das Tatsachenmaterial vorlegen, auf das sich jeder verständige und wissenschaftliche Lösungsversuch zu stützen hat. An dieser Stelle nun dürfen wir die Berücksichtigung der körperlichen Vorgänge, die mit den seelischen in Verbindung stehen, nicht länger umgehen.
Die Reizung der Sinnesorgane, des Auges, der Haut usw. bedingt einen seelischen Eindruck. Diese Sinnesorgane sind nun, wie die Anatomie nachweist, durch feinste Verbindungen, die Nerven, an das Zentralnervensystem, d. h. an das Rückenmark, das verlängerte Mark und das Gehirn, angeschlossen: die Durchschneidung dieser Verbindung macht das Auftreten einer Empfindung unmöglich. Diese Verbindung der Peripherie mit dem Zentrum ist aber nicht eine ununterbrochene Leitung, sondern setzt sich aus mehrerenNeuronen(Fig. 6) zusammen. Das Neuron besteht aus einer Nervenzelle (Ganglienzelle) und deren Fortsätzen, nämlich den kürzeren Verästelungen (Dendriten) und dem langen Achsenzylinder, durch den sich die Erregung der Ganglienzelle fortpflanzt. An seinem freien Ende splittert sich der Achsenzylinder in feine Endbäumchen auf, die sich manchmal wie ein korbartiges Geflecht um die Ganglienzelle eines anderen Neuron legen. Somit scheint die Übertragung der Nervenerregung nicht durch direkte Leitung, sondern durch eine Art Induktion zu erfolgen.
Die Reizung der Sinnesorgane, des Auges, der Haut usw. bedingt einen seelischen Eindruck. Diese Sinnesorgane sind nun, wie die Anatomie nachweist, durch feinste Verbindungen, die Nerven, an das Zentralnervensystem, d. h. an das Rückenmark, das verlängerte Mark und das Gehirn, angeschlossen: die Durchschneidung dieser Verbindung macht das Auftreten einer Empfindung unmöglich. Diese Verbindung der Peripherie mit dem Zentrum ist aber nicht eine ununterbrochene Leitung, sondern setzt sich aus mehrerenNeuronen(Fig. 6) zusammen. Das Neuron besteht aus einer Nervenzelle (Ganglienzelle) und deren Fortsätzen, nämlich den kürzeren Verästelungen (Dendriten) und dem langen Achsenzylinder, durch den sich die Erregung der Ganglienzelle fortpflanzt. An seinem freien Ende splittert sich der Achsenzylinder in feine Endbäumchen auf, die sich manchmal wie ein korbartiges Geflecht um die Ganglienzelle eines anderen Neuron legen. Somit scheint die Übertragung der Nervenerregung nicht durch direkte Leitung, sondern durch eine Art Induktion zu erfolgen.
Fig. 6. Schema eines Neuron (nachE. Becher, Gehirn u. Seele.C. WintersVerlag. Heidelberg). K Kern der Ganglienzellen, d Dendriten, n Achsenzylinder, k seitliche Fortsetzung, e Endbäumchen.
Fig. 6. Schema eines Neuron (nachE. Becher, Gehirn u. Seele.C. WintersVerlag. Heidelberg). K Kern der Ganglienzellen, d Dendriten, n Achsenzylinder, k seitliche Fortsetzung, e Endbäumchen.
Nicht immer wird die von der Körperoberfläche kommende Erregung bis zum Gehirn fortgeleitet. Dringt sie z. B. durch die hintere (sensible) Wurzel eines Rückenmarksnerven in das Rückenmark, so kann sie dort schon auf einen motorischen Nerv übertragen und durch die vordere (motorische) Wurzel der Rückenmarksnerven wieder nach außen, und zwar zu einem Muskel, geführt werden, der sich alsbald bewegt, wenn ihn die Erregung trifft. So entsteht der einfacheReflexbogen(Fig. 7) der Rückenmarksreflexe, die ohne jedes Bewußtsein verlaufen. Sie funktionieren, auch wenn man das Groß-und das Mittelhirn abgetrennt hat. Ist der periphere Reiz stärker, so beschränkt er sich nicht auf diesen einfachen Bogen. Er steigt vielmehr im Rückenmark auf ein höheres Niveau und erregt dort einen motorischen Nerven. Darum fängt der geköpfte Frosch allmählich mit allen Gliedmaßen zu strampeln an, wenn man eine Hautstelle stärker und stärker reizt. Die stärksten Sinnesreize gelangen bis zur dünnen (3–5 mm beim Menschen) Gehirnrinde. In ihr befinden sich ungezählte Ganglienzellen, die ihr die graue Färbung verleihen, während die markhaltigen Leitungsfasern (Achsenzylinder) dem Durchschnitt der Leitungsstränge, zu denen sie sich vereinigen, ein weißes Aussehen geben. Die Ganglienzellen der Hirnrinde stehen auch untereinander durch die sogenanntenAssoziationsfasernin Verbindung. Soviel man heute weiß, entspricht nur der Erregung der grauen Hirnrinde ein Bewußtseinsvorgang.
Nicht immer wird die von der Körperoberfläche kommende Erregung bis zum Gehirn fortgeleitet. Dringt sie z. B. durch die hintere (sensible) Wurzel eines Rückenmarksnerven in das Rückenmark, so kann sie dort schon auf einen motorischen Nerv übertragen und durch die vordere (motorische) Wurzel der Rückenmarksnerven wieder nach außen, und zwar zu einem Muskel, geführt werden, der sich alsbald bewegt, wenn ihn die Erregung trifft. So entsteht der einfacheReflexbogen(Fig. 7) der Rückenmarksreflexe, die ohne jedes Bewußtsein verlaufen. Sie funktionieren, auch wenn man das Groß-und das Mittelhirn abgetrennt hat. Ist der periphere Reiz stärker, so beschränkt er sich nicht auf diesen einfachen Bogen. Er steigt vielmehr im Rückenmark auf ein höheres Niveau und erregt dort einen motorischen Nerven. Darum fängt der geköpfte Frosch allmählich mit allen Gliedmaßen zu strampeln an, wenn man eine Hautstelle stärker und stärker reizt. Die stärksten Sinnesreize gelangen bis zur dünnen (3–5 mm beim Menschen) Gehirnrinde. In ihr befinden sich ungezählte Ganglienzellen, die ihr die graue Färbung verleihen, während die markhaltigen Leitungsfasern (Achsenzylinder) dem Durchschnitt der Leitungsstränge, zu denen sie sich vereinigen, ein weißes Aussehen geben. Die Ganglienzellen der Hirnrinde stehen auch untereinander durch die sogenanntenAssoziationsfasernin Verbindung. Soviel man heute weiß, entspricht nur der Erregung der grauen Hirnrinde ein Bewußtseinsvorgang.
Fig. 7. Schema des Reflexbogens (nachE. Becher, Gehirn und SeeleC. WintersVerlag, Heidelberg). w weiße Substanz, gr graue Substanz des Rückenmarks, s sensible, m motorische Nervenfasern, sg Spinalganglien der sensiblen Faser, a Achsenzylinder, k seitl. Fortsetzung, e Aufsplitterung des Achsenzylinders, mz motorische Ganglienzelle.
Fig. 7. Schema des Reflexbogens (nachE. Becher, Gehirn und SeeleC. WintersVerlag, Heidelberg). w weiße Substanz, gr graue Substanz des Rückenmarks, s sensible, m motorische Nervenfasern, sg Spinalganglien der sensiblen Faser, a Achsenzylinder, k seitl. Fortsetzung, e Aufsplitterung des Achsenzylinders, mz motorische Ganglienzelle.
Die Sektionsbefunde nach geistigen Störungen, die Exstirpation einzelner Gehirnpartien an lebenden Tieren, die Reizung zufällig bloßgelegter Gehirnteile, die anatomische Verfolgung der nervösen Bahnen, die Vergleichung der Gehirnentwicklung in der gesamten Tierreihe, diese und andere Methoden der Gehirnforschung ergeben ziemlich enge Beziehungen zwischen Gehirn und Geistesleben. Je besser das Zentralorgan, namentlich die graue Hirnrinde ausgebildet ist, um so höher steht das geistige Leben des Individuums. Man darf zwar weder das absolute Gewicht des Gehirns als Maß der geistigen Bedeutung nehmen — es stünde dann der Elefant an der Spitze —, noch darf man das Verhältnis des Gehirn- zum Körpergewicht allein berücksichtigen — dann überträfen die kleinen Vögel den Menschen —, stellt man aber mitLehmannbeide Faktoren in Rechnung, so ergibt das Produkt beider, H H/K = H²/K (H = Hirngewicht, K = Körpergewicht), ein ungefähres Maß der geistigen Höhe.Es zeigt sich zweitens, daßbestimmte Gebieteder grauen Hirnrinde ziemlich eng mit bestimmten psychischen Vorgängen verbundensind. (Fig. 8.) So dient der Hinterhauptslappen beider Hirnhemisphären den Gesichtseindrücken, der Schläfenlappen dem Hören, ein Teil der dritten linken Stirnwindung (Brocasches Zentrum) ist den Sprechbewegungen, ein Teil der ersten linken Schläfenwindung (Wernicke) dem Sprachverständnis zugeordnet, während die Scheitelgegend den Körperbewegungen zugehört. Manche Funktionen scheinen, wie die schon erwähnten der Sprechbewegungen und des Sprachverständnisses, vorwiegend einseitig lokalisiert zu sein, bei Rechtshändern links und umgekehrt bei Linkshändern rechts; andere, wie Sehen und Hören, sind gleichmäßig auf beide Hälften der Hirnrinde verteilt, und zwar dient beim Sehen der linke Hinterhauptslappen der linken Netzhauthälfte beider Augen und der rechte der rechten; ein Teil der optischen Nerven verläuft also gekreuzt. Da aber beide Gehirnhemisphären miteinander durch besondere Leitungswege verbunden sind und ein Teil der Nervenfasern auch direkt in die andere Hälfte einmündet, so kann bei Versagen des einen Teiles der andere zur Not aushelfen und allmählich ausgebildet werden.
Die Sektionsbefunde nach geistigen Störungen, die Exstirpation einzelner Gehirnpartien an lebenden Tieren, die Reizung zufällig bloßgelegter Gehirnteile, die anatomische Verfolgung der nervösen Bahnen, die Vergleichung der Gehirnentwicklung in der gesamten Tierreihe, diese und andere Methoden der Gehirnforschung ergeben ziemlich enge Beziehungen zwischen Gehirn und Geistesleben. Je besser das Zentralorgan, namentlich die graue Hirnrinde ausgebildet ist, um so höher steht das geistige Leben des Individuums. Man darf zwar weder das absolute Gewicht des Gehirns als Maß der geistigen Bedeutung nehmen — es stünde dann der Elefant an der Spitze —, noch darf man das Verhältnis des Gehirn- zum Körpergewicht allein berücksichtigen — dann überträfen die kleinen Vögel den Menschen —, stellt man aber mitLehmannbeide Faktoren in Rechnung, so ergibt das Produkt beider, H H/K = H²/K (H = Hirngewicht, K = Körpergewicht), ein ungefähres Maß der geistigen Höhe.
Es zeigt sich zweitens, daßbestimmte Gebieteder grauen Hirnrinde ziemlich eng mit bestimmten psychischen Vorgängen verbundensind. (Fig. 8.) So dient der Hinterhauptslappen beider Hirnhemisphären den Gesichtseindrücken, der Schläfenlappen dem Hören, ein Teil der dritten linken Stirnwindung (Brocasches Zentrum) ist den Sprechbewegungen, ein Teil der ersten linken Schläfenwindung (Wernicke) dem Sprachverständnis zugeordnet, während die Scheitelgegend den Körperbewegungen zugehört. Manche Funktionen scheinen, wie die schon erwähnten der Sprechbewegungen und des Sprachverständnisses, vorwiegend einseitig lokalisiert zu sein, bei Rechtshändern links und umgekehrt bei Linkshändern rechts; andere, wie Sehen und Hören, sind gleichmäßig auf beide Hälften der Hirnrinde verteilt, und zwar dient beim Sehen der linke Hinterhauptslappen der linken Netzhauthälfte beider Augen und der rechte der rechten; ein Teil der optischen Nerven verläuft also gekreuzt. Da aber beide Gehirnhemisphären miteinander durch besondere Leitungswege verbunden sind und ein Teil der Nervenfasern auch direkt in die andere Hälfte einmündet, so kann bei Versagen des einen Teiles der andere zur Not aushelfen und allmählich ausgebildet werden.
Fig. 8. Schema der Gehirnwindungen (nachE. Becher, Gehirn und Seele.C. WintersVerlag, Heidelberg).
Fig. 8. Schema der Gehirnwindungen (nachE. Becher, Gehirn und Seele.C. WintersVerlag, Heidelberg).
In der Beurteilung des Zusammenhanges von Gehirn und psychischen Funktionen hat man sich vor zwei Extremen zu hüten. Es ist einerseits verkehrt, jede Zuordnung bestimmter Regionen zu bestimmten Tätigkeiten zu bestreiten. Trotz mancher Schwankungen und Unklarheiten bestätigen sich die genannten Beziehungen immer wieder. Die bisweilen zu beobachtende Stellvertretung beschädigter Gehirnpartien durch andere ist nicht durch ein freies Wandern der psychischen Funktionen über die Gehirnrinde, sondern dadurch zu erklären, daß die stellvertretenden Gebiete auch schon früher, wenngleich schwächer, an der psychischen Funktion beteiligt waren. Die Koppelungvon Hirnvorgang und seelischer Erregung scheint vielmehr eine recht enge und scharf umschriebene zu sein. Nur so versteht man, daß infolge gewisser Krankheiten sauber umgrenzte Gebiete unseres Wissens, wie einzelne fremde Sprachen, ausfallen können. Das gleiche beweisen die Abarten derAphasie, bei denen teils nur das Selbstsprechen, teils nur das Nachsprechen oder das Sprachverständnis gestört sein kann; ferner die Lesestörungen (Alexie), wo nur das Leseverständnis oder das laute Lesen, endlich die Schreibstörungen, wo infolge von Gehirndefekten entweder nur das Spontanschreiben oder nur das Abschreiben oder nur das Diktatschreiben versagen kann (Agraphie).Anderseits darf man die Lokalisation der psychischen Vorgänge auch nicht übertreiben. Zunächst ist es durchaus unpsychologisch, so komplizierte Dinge wie Freundschaft, Vaterlandsliebe u. dgl. an umschriebene Gehirnteile bannen zu wollen, wie esGallsPhrenologie und späterFlechsigsTheorien taten. Alle Erfahrungen weisen vielmehr auf eine Lokalisation nachElementender Bewußtseinserscheinungen hin. Man hat darum auch ganz die Anschauung fallen gelassen, als ob sich die einzelnen Vorstellungen als Ganze in einzelne Zellen einschlössen. Es dürften vielmehr bei der Erneuerung einer Vorstellung ebenso wie bei dem ersten Eindruck stets eine Reihe von Hirnzellen, und zwar an entlegenen Teilen der Rinde, in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn einmal vereinigen manche Vorstellungen sowohl optische wie akustische Elemente, die bekanntlich an getrennte Regionen geknüpft sind; sodann können infolge von Erkrankungen auch einzelne Elemente wieder ausfallen, so die Farben der Vorstellungen; endlich ist gar kein Grund abzusehen, warum sich die zu den einzelnen Vorstellungen gehörigen Nervenerregungen bzw. die von diesen in der Rinde zurückgelassenen Spuren nun gerade so gegeneinander abschließen sollten, wie es den wahrgenommenen Gegenständen entspricht, — wir werden später sehen, daß die Dingauffassung durchaus noch nicht mit dem sinnlichen Eindruck gegeben ist. Würde aber stets der optische oder akustische Gesamteindruck in eine Zelle oder Zellgruppe lokalisiert, so wäre die Reproduktionserscheinung, daß wir von einem Teil eines Gesamteindruckes auf andere Gesamteindrücke geraten, die mit dem ersten sonst nichts zu tun haben, schwer verständlich. Was endlich die Lokalisation der anschaulichen Elemente betrifft, so wird man zweckmäßigerweise vorerst noch auf eine genauere Vorstellung verzichten. Auch von den heute bekannten Bewegungszentren kann man nicht mehr behaupten, als daß sie von hoher Bedeutung für das Zustandekommen der Bewegung sind und unversehrt sein müssen, damit diese erfolge.Nach dem bisher Gesagten dürfen wir mit Sicherheit erwarten, daß der Vorstellungsverbindung, auf die wir durch die Reproduktionsgesetze geführt wurden, zum wenigsten auch eine physiologische Bindungjener nervösen Elemente im Gehirn entspricht, die bei dem ersten Eindruck erregt worden sind. Das beweisen die pathologischen Fälle der Aphasie, Alexie, Agraphie, das stimmt zu dem Hauptgesetz der Reproduktion, welches gegen den Sinn der Vorstellungen indifferent ist, das geht endlich mit Wahrscheinlichkeit aus der völligen Mechanisierung eingeprägter Vorstellungsfolgen hervor. Wir nehmen also an, ein erstmaliger Eindruck lasse im Gehirn eine Spur oder Disposition zurück: die bei ihm erregten Zellen seien infolge der Erregung nicht mehr in demselben Zustand wie zuvor — wir mögen uns diese Veränderung als Erhöhung ihrer Reizbarkeit denken —, außerdem bestehe eine physiologische Verbindung zwischen den gleichzeitig einmal beanspruchten Zellen. Diese Verbindung könnte durch eigentliche Leitungsbahnen wie auch rein dynamisch hergestellt sein; der Vergleich mit der drahtlosen Telegraphie oder mit der indirekten Erregung von Stimmgabeln liegt nahe. Mit diesen Hilfsvorstellungen treten wir an die Untersuchung der besonderen Gesetze der Reproduktion bzw. der Assoziation heran.
In der Beurteilung des Zusammenhanges von Gehirn und psychischen Funktionen hat man sich vor zwei Extremen zu hüten. Es ist einerseits verkehrt, jede Zuordnung bestimmter Regionen zu bestimmten Tätigkeiten zu bestreiten. Trotz mancher Schwankungen und Unklarheiten bestätigen sich die genannten Beziehungen immer wieder. Die bisweilen zu beobachtende Stellvertretung beschädigter Gehirnpartien durch andere ist nicht durch ein freies Wandern der psychischen Funktionen über die Gehirnrinde, sondern dadurch zu erklären, daß die stellvertretenden Gebiete auch schon früher, wenngleich schwächer, an der psychischen Funktion beteiligt waren. Die Koppelungvon Hirnvorgang und seelischer Erregung scheint vielmehr eine recht enge und scharf umschriebene zu sein. Nur so versteht man, daß infolge gewisser Krankheiten sauber umgrenzte Gebiete unseres Wissens, wie einzelne fremde Sprachen, ausfallen können. Das gleiche beweisen die Abarten derAphasie, bei denen teils nur das Selbstsprechen, teils nur das Nachsprechen oder das Sprachverständnis gestört sein kann; ferner die Lesestörungen (Alexie), wo nur das Leseverständnis oder das laute Lesen, endlich die Schreibstörungen, wo infolge von Gehirndefekten entweder nur das Spontanschreiben oder nur das Abschreiben oder nur das Diktatschreiben versagen kann (Agraphie).
Anderseits darf man die Lokalisation der psychischen Vorgänge auch nicht übertreiben. Zunächst ist es durchaus unpsychologisch, so komplizierte Dinge wie Freundschaft, Vaterlandsliebe u. dgl. an umschriebene Gehirnteile bannen zu wollen, wie esGallsPhrenologie und späterFlechsigsTheorien taten. Alle Erfahrungen weisen vielmehr auf eine Lokalisation nachElementender Bewußtseinserscheinungen hin. Man hat darum auch ganz die Anschauung fallen gelassen, als ob sich die einzelnen Vorstellungen als Ganze in einzelne Zellen einschlössen. Es dürften vielmehr bei der Erneuerung einer Vorstellung ebenso wie bei dem ersten Eindruck stets eine Reihe von Hirnzellen, und zwar an entlegenen Teilen der Rinde, in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn einmal vereinigen manche Vorstellungen sowohl optische wie akustische Elemente, die bekanntlich an getrennte Regionen geknüpft sind; sodann können infolge von Erkrankungen auch einzelne Elemente wieder ausfallen, so die Farben der Vorstellungen; endlich ist gar kein Grund abzusehen, warum sich die zu den einzelnen Vorstellungen gehörigen Nervenerregungen bzw. die von diesen in der Rinde zurückgelassenen Spuren nun gerade so gegeneinander abschließen sollten, wie es den wahrgenommenen Gegenständen entspricht, — wir werden später sehen, daß die Dingauffassung durchaus noch nicht mit dem sinnlichen Eindruck gegeben ist. Würde aber stets der optische oder akustische Gesamteindruck in eine Zelle oder Zellgruppe lokalisiert, so wäre die Reproduktionserscheinung, daß wir von einem Teil eines Gesamteindruckes auf andere Gesamteindrücke geraten, die mit dem ersten sonst nichts zu tun haben, schwer verständlich. Was endlich die Lokalisation der anschaulichen Elemente betrifft, so wird man zweckmäßigerweise vorerst noch auf eine genauere Vorstellung verzichten. Auch von den heute bekannten Bewegungszentren kann man nicht mehr behaupten, als daß sie von hoher Bedeutung für das Zustandekommen der Bewegung sind und unversehrt sein müssen, damit diese erfolge.
Nach dem bisher Gesagten dürfen wir mit Sicherheit erwarten, daß der Vorstellungsverbindung, auf die wir durch die Reproduktionsgesetze geführt wurden, zum wenigsten auch eine physiologische Bindungjener nervösen Elemente im Gehirn entspricht, die bei dem ersten Eindruck erregt worden sind. Das beweisen die pathologischen Fälle der Aphasie, Alexie, Agraphie, das stimmt zu dem Hauptgesetz der Reproduktion, welches gegen den Sinn der Vorstellungen indifferent ist, das geht endlich mit Wahrscheinlichkeit aus der völligen Mechanisierung eingeprägter Vorstellungsfolgen hervor. Wir nehmen also an, ein erstmaliger Eindruck lasse im Gehirn eine Spur oder Disposition zurück: die bei ihm erregten Zellen seien infolge der Erregung nicht mehr in demselben Zustand wie zuvor — wir mögen uns diese Veränderung als Erhöhung ihrer Reizbarkeit denken —, außerdem bestehe eine physiologische Verbindung zwischen den gleichzeitig einmal beanspruchten Zellen. Diese Verbindung könnte durch eigentliche Leitungsbahnen wie auch rein dynamisch hergestellt sein; der Vergleich mit der drahtlosen Telegraphie oder mit der indirekten Erregung von Stimmgabeln liegt nahe. Mit diesen Hilfsvorstellungen treten wir an die Untersuchung der besonderen Gesetze der Reproduktion bzw. der Assoziation heran.