II.
In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, die zum hinteren Flurgang führte, und »Fräulein« trat ein, hastig, wie von der Angst getrieben. Ihrem Aeußeren sah man es an, daß sie sich nur eilig angekleidet habe, um von ihrem Zimmer, das auf der anderen Seite des Korridors lag, rasch hier hineinzuhuschen. Das üppige, braune Haar war lose aufgesteckt, und einige Strähnen davon umspielten noch den freiliegenden Hals, der übrigens weiß und verlockend aussah. Sofort fuhr die Hand an den Verschluß des Kleides, und sie wollte die Tür von draußen wieder zuziehen, als sie empfand, daß sie ihr Erscheinen mit einigen Worten rechtfertigen müsse. Und so sagte sie, noch immer die Klinke in der Hand: »Ach, Sie sind hier, Herr Kandidat. Dann bin ich beruhigt. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich hörte den Lärm und glaubte, es sei etwas passiert. Ich bin gar nicht gewöhnt, am Tage zu liegen.«
»Aber so kommen Sie doch herein, Fräulein.«
»Ich kann mich ja gar nicht so zeigen.«
»Aber ich bitte Sie — das geniert mich doch nicht,« beruhigte er sie. »Sie gehören doch hier zum Hause.«
»Nein, nein, ich will mich nicht aufhalten,« entgegnete sie wieder. »Ich fühle mich wirklich nicht recht wohl, und wenn Frau Roderich es sieht, dann glaubt sie es wieder nicht. Ich hoffe, daß es bald vorübergehen wird.«
Der Junge hatte sich aber bereits an ihr Kleid geklammert und machte ein solches Hallo, daß sie rasch die Türe schloß, um den Lärm nicht weiter dringen zu lassen. »Mausi, Du kannst immer sterben, Onkel Fröhlich kommt mit nach dem Zo,« schrie Hans sie an, umschlang sie aber so innig mit seinen Aermchen, daß dieses Sterben jedenfalls für ihn sofortiges Auferstehen von den Toten bedeutete.
»Eine liebenswürdige Range, nicht wahr?« wandte sie sich an den Kandidaten, »was sagen Sie nur zu dem Katzennamen, den man mir gegeben hat?«
Fröhlich war rot geworden und wandte sich ab, denn er befürchtete, sie könnte auch seinen Lieblingsspitznamen bereits kennen und ihn dadurch in Verlegenheit bringen. Er sah sie erst wieder an, als sie sich mit Trudchen beschäftigte und er dabei die unsinnigen Worte vernahm, die ein derartiges Fräulein für ihre Schützlinge immer bereit haben muß. Dann bat er sie auf einige Augenblicke in das Nebenzimmer hinein, und als sie ihm überrascht gefolgt war, schloß er auch die zweite Tür, die zum Schulzimmer führte, so daß sie ungestört waren.
Sie wartete auf eine Neuigkeit, die mit häuslichen Dingen zusammenhinge und die vielleicht ganz plötzlich hinter ihrem Rücken emporgeschossen sein könnte. Um so erstaunter war sie, als er eine ganze Weile schweigend vor ihr auf- und abging, wobei er nicht vergaß, sie mit raschen Blicken zu streifen. Ihre süße Liederlichkeit gefiel ihm, und so wollte er sich erst allmählich daran berauschen, erst den Menschen in sich befriedigen, bevor er diesen hinter der Maske des Pädagogen verbarg. Bisher hatte er sie nur sozusagen frisch geplättet, frisch gestärkt und frisch frisiert gesehen, wie es einem netten Mädchen in einer großen Häuslichkeit geziemte, deren Herrscherin am liebsten ihre Leute auf dem Präsentierteller gehabt hätte. Nun jedoch sah er sie ohne Aufputz, weniger auf Draht gezogen, mehr weicher und schmiegsamer, ohne den Firnis des Zurechtgemachten.
Besonders ästhetisch veranlagt, hatte er immer eine Scheu vor der Kehrseite menschlicher Gewohnheiten, und so fühlte er sich um so angenehmer enttäuscht, sie auch in diesem Aufzuge ganz appetitlich zu finden. Sein kritisches Urteil blieb unvermindert das alte: Eine gut gezogene Familienblume, die, vom Daseinssturm verweht, aufs Geratewohl ins Leben hinausgetrieben war, aber immerhin genug Vorzüge hatte, sich über der Herde ihrer Mitschwestern zu erheben.
»Nun, was gibt's, Herr Kandidat? Aber recht schnell, wenn ich bitten darf. Man könnte kommen.«
»Frau Roderich liest die Zeitung,« beruhigte er sie und bewog sie, sich zu setzen.
Trotzdem sie noch nicht lange im Hause war, kannte sie ihn nur als einen ruhigen, besonnenen Mann. Nun aber wunderte sie sich, ihn so erregt zu sehen.
Er wagte nicht gleich, auf sein Ziel loszugehen, und so erkundigte er sich nach ihrem Leiden. »Frau Roderich sprach von Fieber, das sich entwickeln könnte. Man wird doch hoffentlich den Arzt holen.«
Sie zeigte ihre hübschen Zähne und schüttelte heftig mit dem Kopf. »Dann wäre ich doch nicht aufgestanden. Ein bißchen Erkältung. Ich werde nächste Nacht tüchtig schwitzen, und dann wird es wieder gut sein. Aber wissen Sie, hier sitzt es, in den Schläfen, mir ist ganz dumm im Kopf. Ueberhaupt in allen Gliedern liegt mir's. Ich hab's mir vorgestern geholt, am letzten kalten Tage.«
»Brennt denn Ihr Kopf?« fragte er besorgt, legte seine Hand auf ihre Stirn und fühlte dann an ihrem Puls. »Ich habe zwei Semester Medizin studiert, eh' ich umsattelte,« fügte er wie zur Entschuldigung hinzu. Dann aber, als sie dazu lachte, fand er sein Verhalten etwas läppisch, und so reckte er sich, zupfte an seinem Rock (eine Angewohnheit, die ihm besonders lieb war), und wurde wieder der ernste Kandidat Fröhlich, der vorzügliche Lehrer und Erzieher, von dem Frau Roderich das schöne Wort geprägt hatte, er sei korrekt wie ein armer Leutnant, bis auf die Taille sogar.
»Hauptzweck ist mir eigentlich, es Ihnen nahezulegen, unserem jungen Herrn Roderich soviel als möglich aus dem Wege zu gehen,« sagte er mit Nachdruck. »Vermeiden Sie seine Belästigungen, wehren Sie sich dagegen mit aller Macht, ja, ich würde es sogar für richtig finden, wenn Sie in dieser Beziehung eine Unterredung mit seiner Mama nicht scheuten, falls er gegen den guten Gebrauch unschicklich werden sollte. Ich habe durch reinen Zufall davon gehört — die Kinder plappern so manches, na, und dann macht man sich ein Bild.«
»Weiter ist es nichts, Herr Kandidat? Der Zoologische Garten ist groß, und ich kann mir doch nicht die Ohren zuhalten, wenn Herr Rudi sich vor mich hinstellt und mir was vorschwatzt. Mehr können Ihnen die Kinder doch auch nicht erzählt haben.«
Ihre Harmlosigkeit ärgerte ihn ein wenig. »Mein liebes Fräulein, — Sie sind jung, unerfahren, und ich möchte nicht gern, daß die Gnädige üble Deutungen daran knüpfe, wenn man aus einem vielleicht öfteren Zusammentreffen dort unwahre Schlüsse zu ziehen sich für berechtigt hielte. Wir kennen alle die leichte Lebensauffassung des jungen Herrn.«
Sie zeigte sich durchaus nicht böse. »Wissen Sie, Herr Kandidat, es ist mir wirklich nicht lustig zu Mute, aber am liebsten möchte ich laut lachen. Er ist ja noch ein dummer Junge.«
Plötzlich trat der, von dem sie sprachen, etwas unsanft aus dem Schulzimmer herein, und ganz in der Art eines Menschen, der den Verblüfften spielt, sagte er mit steifer Verbeugung: »O, bitte tausendmal um Verzeihung. Ich hatte keine Ahnung —.«
Sie stieß einen leichten Schrei aus, erhob sich und flüchtete durch das Spielzimmer hinaus. »Aber so bleiben Sie doch, Fräulein, was soll man denn davon denken,« rief Fröhlich ihr nach, aber sein Bemühen war vergebens. Die Korridortür klappte bereits. Der Kandidat war ärgerlich, denn sie hatte seiner Ueberzeugung nach etwas Unbegreifliches getan, was dazu geschaffen war, ihrem Beisammensein eine andere Deutung zu geben, wenigstens diesem jungen Herrn gegenüber, der seine neunzehn Jahre bereits mit der Wichtigkeit eines Lebegreises herumtrug, den nichts mehr überraschen kann. Aber sofort sich beherrschend, hielt er den anderen zurück: »Sie haben durchaus nicht gestört, Herr Rudi.«
»Herr Roderich, wenn ich bitten darf, Verehrtester,« schnitt ihm der Hausherrnsohn mit der gleichen Verbindlichkeit jede Annäherung ab. »Weshalb verfallen Sie eigentlich immer in den alten Fehler? Einmal muß man Ihrem Zauberbann doch entwachsen.«
Kandidat Fröhlich hielt es für besser, denselben leichten Ton anzuschlagen. Und so erwiderte er lächelnd: »Pardon für meine Rückfälligkeit, es soll gewiß nicht wieder vorkommen, Herr Roderich. (Diese beiden Worte waren gleich stark betont.) Ich werde mich jedenfalls sehr auf den Tag freuen, wo ich Ihnen noch einen besonderen Titel anhängen kann.«
»So lange wollen Sie noch bei uns aushalten? Beneidenswerte Courage.«
»Hängt das von Ihnen ab, oder von mir?«
»Na, Sie können doch nicht als ewiger Kandidat in die Unsterblichkeit gehen. Das würde ja meiner hohen Meinung von Ihnen den Todesstoß geben.«
»Ich werde mich bemühen, mir auch fernerhin Ihr gütiges Wohlwollen zu bewahren,« gab Fröhlich heiter zurück.
Trotzdem er den Spott des andern jedesmal empfand, sobald sie in derartige Plänkeleien gerieten, fühlte er sich doch viel zu sehr als überlegener Mann, um seinen Gleichmut aufzugeben. Die kindische Herausforderung des andern erschien ihm immer nur als ein Mangel an guter Erziehung, dem er in Würde begegnen müsse.
»Mir angenehm zu hören,« schnarrte Roderich junior plötzlich von oben herab, indem er sich bemühte den Einwurf anders aufzufassen. Die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er gemütlich im Zimmer umher. Er steckte bereits in der neuesten Frühjahrsmode: in ganz engen Beinkleidern, die nach englischer Art fast trikotartig über die gelben Strandschuhe fielen, in auffallend kurzem Jackett und in oben geschlossener Weste, aus der der Sezessionsumlegekragen so hoch über der roten Sportkrawatte ragte, daß man den Eindruck gewann, er hätte aus Versehen eine steife, umgekippte Halsmanschette um den Hals gewürgt, damit den etwas zu groß geratenen Ohren die Schaustellung nicht geschmälert würde. Nur mit Anstrengung konnte sich der Kopf daraus hervorschrauben, je nachdem das Bedürfnis vorlag, der Nase eine neue Richtung zu geben. Ein dünnes Uhrkettchen, das durch das Knopfloch gesteckt war, zog sich über die schmale Brust von einer der oberen Westentaschen zur andern, und so glich er einem stilvollen Gecken, der auch niemals vergaß, die linke Hand auffallend nach unten zu schütteln, damit man das silberne Armband klirren hören könne. Ein leichtes Gähnen hinter der vorgehaltenen rechten Hand folgte seinen Worten. Er gähnte selbst am lichten Tage sehr oft, und zwar mit einer gewissen Koketterie, weil er das zum guten Ton gehörig fand, wodurch Lebewesen seiner Art die ewige Langeweile ihres jungen Daseins andeuten müßten.
»Ich finde, Sie sind etwas erregt, Herr Kandidat,« begann er wieder und holte das lose Monocleglas aus der Westentasche, das er sich mit Grazie und schiefem Gesicht ins Auge klemmte. »Schwere Arbeit heute, was? So drei Rangen auf einmal in Raison halten zu müssen — wie? Auch kein Austernschlucken, was? Mama hat mir schon von Ihrer Opferfreudigkeit berichtet. Na, einmal ist ja keinmal. Aber trösten Sie sich mit den Paukern, die eine ganze Klasse über sich ergehen lassen müssen. Habe ich auch mal mitgemacht, natürlich aktiv. Bis Quarta ist man ja immer rauhbeinig. Wir hatten da einen Ordinarius, na —! In dessen Haut hätte ich nicht stecken mögen. Werden Sie ja auch mal erleben ... In den höheren Klassen wird man vernünftiger.«
»Sind Sie nicht aus Obertertia abgegangen?« fragte Fröhlich.
Roderich junior merkte die Absicht, aber blieb kalt. Sein Hochmut war jedoch unverkennbar, als er mit Daumen und Zeigefinger sein kaum sichtbares Bärtchen teilte und mit Betonung erwiderte: »Ich habe mein Einjähriges, Verehrtester. Das dürfte Ihnen doch nicht ganz unbekannt geblieben sein — bei der Regsamkeit, mit der Sie sich für alle Vorgänge im Hause interessieren.« Dann aber schlug er wieder einen leichten Ton an, um schneller über diese Gesprächsbrücke zu kommen, dem endlichen Ziele entgegen. »Was wollte denn eigentlich Mausi? Pardon — Fräulein wollte ich sagen. Ich denke, sie ist krank, liegt im Bett und konserviert ihre Schönheit durch Vermeiden jeder Aufregung? Und nun hat sie Ihnen hier Gesellschaft geleistet alsmademoiselle sans gène? Erteilen Sie ihr etwa auch Lektionen? Herr Kandidat, Herr Kandidat!«
Im Bewußtsein seiner augenblicklichen Uebermacht drohte er Fröhlich lächelnd mit dem Finger. Dieser jedoch zeigte keine Neigung zum Scherzen, gab ihm vielmehr mit ernster Miene kurz die nötige Aufklärung. Rudi jedoch bückte sich plötzlich mit ungläubiger Miene vor dem Stuhle, auf dem Fanny Frank gesessen hatte, und hob lachend eine Haarnadel auf.
»Ei, sehen Sie doch — sie hat etwas verloren. Ihr Haar muß ja ordentlich ramponiert gewesen sein. Darf ich Ihnen das Ding zur Erinnerung an die genußreichen Minuten dedizieren?«
Eine Blutwelle schoß dem Kandidaten ins Gesicht, und sofort empfand er die Neigung, ihm die Haarnadel aus der Hand zu schlagen; aber indem er sich sofort beherrschte, sagte er mit erzwungener Verbindlichkeit: »Ich muß bedauernd verzichten. Vergrößern Sie nur Ihre Sammlung damit, die ja, wenn sie mit Ihrer Lebensauffassung gleichen Schritt gehalten hat, sehr reichlich sein muß!«
»Sie sind heute äußerst verschwenderisch in Anerkennung meiner Vorzüge,« erwiderte Rudi mit einem Kopfnicken und legte den Fund, den er zwischen den Fingerspitzen wie etwas Unangenehmes weit von sich hielt, auf ein Tischchen am Fenster. »Dann mag Mama sich den Kopf darüber zerbrechen. Die ist ja gleich bereit, sich aus allem einen Roman zu machen.«
»Vielleicht kann ich dabei mit einem Kapitel dienen, das sich hin und wieder im Zoologischen Garten abspielt.«
»Wie meinen Sie, Herr Kan—di—dat?«
Roderichs junior Lächeln war verschwunden, er erhob den Kopf aus der Kragenschraube, gab dem wackelnden Augenglas einen neuen Halt, machte einige Schritte und blieb herausfordernd vor seinem Gegner stehen.
Fröhlich empfand die Neigung im selben Tone zu erwidern, aber sogleich fiel ihm ein, daß sein Beruf in diesem Hause es mit sich bringe, auch diesem Jüngling gegenüber, der der Schule bereits entwachsen war, jene Milde zu bewahren, die die schönste Eigenschaft des Erziehers ist. Und so begann er mit seiner klangvollen Stimme:
»Herr Roderich, es ist den Kindern bereits aufgefallen, daß Sie merkwürdig oft im Zoologischen Garten zur Stelle sind, wenn Fräulein Frank ihrer Pflicht nachgeht. Sie ist jung und Sie sind jung, sie aber ist gänzlich unerfahren, während Sie in derars amandischon bedeutende Fortschritte gemacht haben. Ich höre darüber manchmal Andeutungen — Sie wissen ja, ich genieße das besondere Vertrauen Ihrer Frau Mama. Bleiben Sie meinetwegen hübsch bei Ihren Bar-Damen, poussieren Sie Ihre Konfektioneusen, mich soll's nicht genieren, mich geht's auch nichts an, — das ist Sache Ihrer Herren Eltern, sich darüber mit Ihnen abzufinden. Aber lassen Sie anständige Mädchen aus dem Spiel, die unerfahren in die Welt blicken und den Verführungskünsten der Männer nicht gewachsen sind! Solche jungen Dinger reißt ihr Blut leichter fort, weil sie sich impulsiv geben, ohne Berechnung, im Vertrauen auf den Anstand desjenigen, der da lockt und in der Leidenschaft unwürdige Beteuerungen nicht verschmäht. Die Erfahrung spricht dafür, daß diese Beteuerungen von Liebe um so williger Gehör finden, wenn die soziale Stellung des Lockenden dabei ins Gewicht fällt. Sie wissen, daß Fräulein Frank aus vortrefflicher Familie stammt; ihr Bruder ist aktiver Offizier, ihre Mutter ist eine reich mit Kindern gesegnete Witwe, deren jüngere Söhne noch im Kadettenkorps erzogen werden. Ein Vergnügen ist es für eine solche junge Dame wahrhaftig nicht, ein sogenanntes Fräulein zu spielen. Aber sie wollte zu Hause nicht länger zur Last liegen, da die älteste Schwester die Wirtschaft führt. Das sonst übliche Lehrerinnenexamen hat sie nicht gemacht, anders konnte sie sich nicht betätigen, und so verwertet sie hier ihre Kenntnisse und Liebe zu Kindern. Etwas, was heute hundert andere aus gleicher Familie tun. Ich möchte hinzufügen: tunmüssenim Vertrauen auf die Diskretion der großen Welt, die in der Regel wenig von diesem Martyrium der armen, gebildeten Mädchen erfährt. Sie treiben eben mit in dem breiten Strom, in dem die Armee der Abhängigen und wirtschaftlich Gestraften schwimmt. Man sieht die tausend Köpfe der Schwimmenden und wundert sich nicht, bis plötzlich ein besonders hübscher auftaucht, der die Aufmerksamkeit erregt. Nehmen wir z. B. an,IhreAufmerksamkeit erregt, und fügen wir hinzu, daß dieses schöne und temperamentvolle Gesicht Fräulein Fanny Frank gehört. Sie sind zu reif in allen Dingen, Herr Rudi — Verzeihung, Herr Roderich, — als daß Sie meine kleine Warnung, die aus dem Herzen kommt, nicht verstehen sollten. Und also, nicht wahr? Sie werden der guten Freundin Ihrer kleinen Geschwister den Platz hier nicht verärgern wollen. Schließlich wird sie doch weichen müssen, denn Sie sind der Sohn des Hauses, der unter allen Umständen recht behalten wird.«
Rudi hatte ihn ruhig angehört, mit jener brutal-lächelnden Miene, die der frühreife junge Mann für die Lebensbelehrungen weiser Männer bereit hat. Nur hin und wieder hatte er ein kurzes »So?«, ein spöttelndes »Meinen Sie?« und ein ebensowenig ernstes »Hübsch, sehr hübsch von Ihnen!« eingeworfen. Und um seine Gleichgültigkeit noch mehr zu beweisen, mußte das Spielen mit der silbernen Zigarettenbüchse herhalten, der er schließlich eine der Marke »High life« entnahm und sie mit großartigem Getue anzündete. Noch das Schwenken des allmählich verglühenden Zündhölzchens sollte seine erhabene Stimmung andeuten. Und als er mit vollen Backen den Dampf gegen die Decke stieß, beinahe über den Kopf des Sprechers hinweg, war das unstreitig die Illustration zu dem Gedanken, daß ihm im Augenblick alles Luft sei. Dann nahm er einen Anlauf zu einer gewaltigen Zwischenbemerkung, um dem Redestrom ein Ende zu machen, aber das Wort erstarb ihm auf der Lippe. Das Augenfeuer des andern ließ ihn den Blick allmählich niederschlagen, und so sank er zur Kleinheit herab, während der Kandidat über ihn hinauswuchs. Es lag etwas in Fröhlichs Sprechweise, das ihn bezwang, am Ende seine Aufmerksamkeit erregte und das letzte dumme Lächeln verscheuchte.
»Hören Sie, Sie hätten eigentlich Pastor werden müssen,« sagte er endlich. »Verflucht, können Sie predigen! Das kann einem ja nahe gehen. Wenn Sie's nicht wären, ich hätte längst die Flucht ergriffen. Sie haben eben eine ganz bestimmte Diktion, um in Ihrem Jargon zu reden, Sie schmücken Ihre Sätze mit Gefühlsspitzen. Geistreich, was? Eigener Einfall von mir ... Der Meinung ist auch Mama, Papa nennt es anders. Der sagt einfach: Sie griffen an die geistige Niere, Sie fixten auf Moral-Aktien. Börsenton natürlich! Aber diese Aktien haben doch inneren Wert, Sie müssen sich nur hüten, zu überzeichnen, sonst haben Sie bei raschem Kursfall die Differenz allein zu tragen. Sie imputieren mir etwas, woran ich gar nicht gedacht habe. Man wird wohl noch ein bißchen techtel-mechteln können! Das wird wohl schließlich auch Ihre Gnade finden. Darf ich mir erlauben —?«
Er hielt ihm die offene Zigarettendose hin, in die hineinzugreifen Fröhlich aber keine Neigung zeigte. Innerlich erfreut darüber, diesen angenehmen Verkehrston wieder geschaffen zu haben, lehnte er doch dankend ab mit dem Bemerken, daß er nur wenig rauche.
Und einmal im Zuge, jede Meinungsverschiedenheit über den wunden Punkt zwischen beiden ein für allemal aus der Welt zu schaffen, warf der Kandidat angeregt ein: »Nicht wahr, Herr Rudi — ich nenne Sie diesmal mit guter Absicht so — Sie versprechen mir, auch das Techtel-mechteln zu unterlassen.«
Roderich junior lachte. »Töchtermöchteln möchte ich schon,« witzelte er. »Sie kennen doch diese neueste Scherzverdrehung?«
Der Kandidat glaubte, diese gute Laune festhalten zu müssen, und so drang er aufs neue in ihn: »Sie geben mir Ihr Ehrenwort darauf, nicht wahr?«
Sofort schlug die Stimmung des andern um. »Aber, Verehrtester, ich verstehe Sie nicht! Um Lappalien gibt man doch kein Ehrenwort. Ich weiß überhaupt nicht —. Sie trainieren mich ja förmlich.«
Fröhlich ging durch das Zimmer und blieb dann wieder erregt vor ihm stehen. »Fräulein ist doch keine Lappalie,« stieß er hervor.
»Für mich aber ein Begriff. Sagen wir besser eine Art, meinetwegen auch eine Gattung.«
»Herr Roderich!«
»Aber natürlich doch. Ich kenne weder die Schwester des Aktiven, noch die Tochter der Offizierswitwe, sondern nur das sogenannte ›Fräulein‹. Ich habe Ihre Pauke mit Würde über mich ergehen lassen, aber das Bild bekommt jetzt eine andere Beleuchtung. Sie muten mir zu, hier bindende Versprechungen zu geben ... Ja, worüber denn? Ueberhaupt, ich verstehe Sie gar nicht. Tun ja gerade, als handele es sich um eine große Dame. Mit Abzug von Manko. Pauken Sie doch Ihre Moral sich selbst! Weshalb wollte ich Ihnen denn die Haarnadel dezidieren? Herrgott, ich will ja gar nicht auf fremden Revieren jagen. Beruhigen Sie sich doch!«
Einige Augenblicke schwieg der Kandidat, völlig verblüfft über diese unerwartete Wendung; dann aber hob er sich leicht auf die Zehen, wie er es oft zu tun pflegte, wenn er ganz aus sich herausgehen wollte, und sagte scharf: »Ach, Sie sind ein kompletter Narr! Ich bitte, mich nicht weiter zu stören, ich bittesehrdarum!«
Roderich junior wurde blaß. »Sie werden das Wort sofort zurücknehmen, Herr Kandidat!« schrie er ihn an.
Fröhlich zuckte mit den Achseln. »Ich bin gern bereit, Ihnen den Vorzug in dieser Beziehung zu überlassen,« sagte er ruhig.
Beide gerieten in ein Wortgefecht darüber, wobei jeder dem andern den begonnenen Satz vom Munde abschnitt. Je erregter Rudi wurde, um so gelassener blieb der andere.
Im Kinderzimmer, aus dem während der ganzen Zeit Rollen der Kugeln und das Klappern der Kegel hereingeschallt war, ertönte das laute Schreien Trudchens. Fröhlich erinnerte sich sofort wieder der übernommenen Verpflichtung und blickte besorgt hinein. Zu gleicher Zeit wurde die Tür zum Schulzimmer geöffnet, ohne daß man jemand sehen konnte. Dafür erschallte aber Walters Stimme, die schon in einem der Vorderzimmer laut wurde. »Mama, komm doch nur! Rasch! Rudi beschimpft den Herrn Kandidaten!«
»Ach, Du bist nicht recht gescheit,« ließ sich eine volle weibliche Stimme vernehmen.
Es folgte noch die heftige Gegenrede Walters; dann, nach kaum einer halben Minute, kam die Gerufene herangerauscht und füllte mit ihrer imposanten Figur fast ganz den Türrahmen aus.