VI.
Pünktlich um zwei Uhr nahm man bei Roderichs im großen Balkonzimmer das Mittagessen ein, an dem die ganze Familie teilnahm, mit Ausnahme des Bankdirektors und Fräuleins und der beiden Jüngsten, für die im Kinderzimmer besonders gedeckt wurde. Auch der Kandidat war ständiger Teilnehmer, trotzdem er hier nicht wohnte, vielmehr den täglichen Unterricht um diese Zeit schon beendet hatte. Er war in sehr gedrückter Lage ins Haus gekommen, und so hatte er diese Vergünstigung, die ihm übrigens nicht angerechnet wurde, mit Freude angenommen. Und es war wohl nur ein Zeichen der Dankbarkeit, wenn er sich noch über die Zeit hinaus mit seinem Schüler beschäftigte und dann später sein musikalisches Talent zum besten gab.
Heute war die Unterhaltung sehr frostig, denn jeder war auf seinen eigenen Ton gestimmt. Zwischen Mutter und Tochter hatte es vorher einen kleinen Krach gegeben, in dem die Grundverschiedenheit ihrer Naturen stark hervorgekehrt worden war. Frau Roderich hatte sich Korneliens Einmischung in das häusliche Regiment verbeten, was sie um so unfreundlicher tat, als der Hausarzt wirklich einen Influenza-Anfall bei Fräulein feststellte und sofort die nötigen Verordnungen erließ. Trotzdem nichts zu befürchten war, schüttelte sich Frau Agathe vor Angst, denn schon das bloße Wort »Influenza« erweckte stilles Grauen in ihr. Natürlich war sie der Meinung, daß Fräulein ihren Zustand unbedingt hätte wissen müssen und daß sie allein schuld an der anfänglichen Vernachlässigung sei. Sie malte sich bereits mit Schrecken eine Ansteckung des ganzen Hauses aus und erwog eine völlige Absperrung, nachdem man sofort die Umbettung der Kinder beschlossen hatte. Sogar das Krankenhaus tauchte dafür als winkender Schatten im Hintergrunde auf. Sie redete soviel darüber, daß selbst Rudi diesmal ihre Fahne verließ und ihre Furcht »etwas komisch« fand.
»Das kann ich Dir sagen,« fuhr sie Kornelia unsanft an, »geh' Du hinein, soviel Du willst, die Hand gebe ich Dir nicht, so lange ich nicht sehe, daß Du gesund bleibst.«
Zuletzt wagte auch Fröhlich einen sanften Einspruch. »Gnädige Frau brauchen sich aber wirklich nicht zu ängstigen. Der Herr Sanitätsrat sagte mir ausdrücklich, daß morgen eventuell schon alles vorüber sein könne.«
Sie säuselte streng: »So! Also Sie haben ihn auch noch gesprochen, Herr Kandidat? Ihre Anteilnahme für Fräulein ist ja rührend.«
»Gnädige Frau werden verzeihen, aber das ist doch rein menschlich,« wandte er etwas schüchtern ein. Er hätte ungern diese Stellung aufgegeben, und so hatte er nach dem kleinen Auftritt am Vormittag sich im stillen gelobt, alles zu vermeiden, was zu einem Zerwürfnis führen könne.
»Das ist es allerdings,« kam es gedehnt über ihre Lippen. Das weitere erstickte sie in einem Räuspern, aber ihr Unbehagen verriet sich deutlich aus ihrer sauren Miene. Ueberdies hatte sie seine Förmlichkeit noch mehr verschnupft, und so trug sie sich mit dem Gedanken, den Nachtischgenuß für heute ganz aufzugeben. Strafe mußte eben sein!
Am meisten aber war ihr Aerger darüber rege geworden, daß Kornelia sich hinter Walter gesteckt hatte und mit ihrer ungeschminkten Meinung über die schändliche Verdächtigung Fannys hervorgerückt war. Sie werde es Papa sagen, der einmal gehörig herumleuchten solle, namentlich bei dem lieben Brüderlein.
Zum Glück für sie konnte sie das hinter Rudis Rücken sagen, denn seit dem Geldhandel heute vormittag fürchtete sie die Doppelzüngigkeit des Frühreifen. Frau Roderich wurde auffallend still, da sie befürchtete, das »Herumleuchten« könne sich auch auf sie ausdehnen. Es gab Tage, wo ihr sonst gutmütiger Mann eine schlechte Laune mit nach Hause brachte und dann Dinge auskramte, an die kein Mensch mehr dachte.
So verschluckte sie denn bei Tisch ihren Groll stumm mit dem Essen und sprach nur gerade soviel, als nötig war, um den täglichen Gast nicht zu verletzen. Lautes Leben brachten nur die Kleinen hervor, die heute ausnahmsweise an der Tafel sitzen durften, rechts und links von Kornelia, die es sich nicht nehmen ließ, sie eigenhändig zu bedienen. Diese Arbeit machte ihr plötzlich Freude, denn Fanny hatte sich schon bei dem Gedanken geängstigt, wer sich nun bei den Mahlzeiten mit Hans und Trudchen beschäftigen würde. Es ging ganz gut: sie band ihnen die Serviette vor, teilte ihnen die Suppe zu, gab ihnen ein wenig von dem Fisch und zerschnitt ihnen auch den Braten mundgerecht. Als sie schließlich der Jüngsten auch das Näschen putzte, konnte Rudi nicht mehr länger schweigen.
»Na,« begann er kühn, »alles was recht ist, Neli, — Fräulein kann sich bei Dir bedanken. Eine bessere Vertretung gibt's ja gar nicht. Mama kann ganz beruhigt sein. Ersatz hätte sie auf Wochen. Als wenn Du zum Familiensklaven geboren wärest.«
Zum ersten Male war dieses Wort gefallen, das seinem augenblicklichen Einfall entsprang, und fast kindisch erfreut darüber gab er dem Mädchen, das gerade mit einer garnierten Zwischenspeise hereingetreten war, einen ablehnenden Wink und wandte sich schnodderig an die Hausherrin: »Familiensklaven ist gut, was Mamachen? Erschöpft so recht alles. Ganz neue Wortbildung von mir.«
»Ach, Dummheit, behalte so was für Dich!« fiel Frau Roderich ihm ins Wort und deutete ihm stumm an, daß sie eine derartige Bemerkung nicht verstände. Unwillkürlich hatte sie auf Fröhlich geblickt, der Rudi gegenüber saß an der anderen Schmalseite der Tafel.
Beide hatten sich bis jetzt nur mit dem Essen beschäftigt und sich mit den Blicken wie zwei Menschen gemieden, deren Beisammensein nur dem Zwange unterliegt. Da einer dem andern seine Meinung gesagt hatte, so betrachteten sie die Beleidigungen als ausgeglichen, trotzdem der Kandidat eigentlich der Ansicht war, der andere habe eine gute Hälfte zuviel eingesteckt, was mit dem »dummen Jungen« von Fräulein gut anderthalb gäbe. Nun konnte er ja hübsch den Abwartenden spielen und sich inzwischen auf den nötigen Formenverkehr beschränken.
»Ich möchte auch darum gebeten haben,« ergänzte Kornelia den Hinweis. »Man muß das wirklich Deiner Jugend zugute halten.«
»Stolze Schwester, damit kannst Du mich nicht ärgern. Es gibt Mädchen, die neidisch auf diesen Vorzug sind, ich meine nur so im allgemeinen.« Sein spöttischer Ausdruck, der von einer großen Handbewegung begleitet war, sollte aber das Gegenteil bedeuten.
Neli blieb ruhig. »Du kannst mich durchaus nicht kränken,« hielt sie ihm entgegen. »Schon aus dem Grunde nicht, weil der Herr Kandidat mein Alter genau kennt.«
Fröhlich, der mit einem gewissen rührenden Anstand Messer und Gabel handhabte, mit beinahe automatischer Bewegung der Ellbogen, drückte die Nase tiefer auf den Teller, was sich wie eine rasche Verbeugung ausnehmen sollte, und warf bedauernd-höflich ein: »Aber, mein gnädiges Fräulein —«
»Ich werde dreiundzwanzig Jahre,« fuhr Kornelia unbeirrt fort, »und ich möchte wünschen, daß Du in diesem Alter ebenso vernünftig würdest, wie ich es heute bin.«
»Darin muß ich Neli schon recht geben,« mischte sich Frau Roderich beschwichtigend ein.
Rudi glaubte über Fröhlichs Gesicht ein leises Lächeln der Anerkennung huschen zu sehen, und so platzten ihm die Worte heraus: »Wenn's bei den Mädchen zweimal genullt hat, sollen die Jahre ja doppelt zählen.«
»Rudi, ich bitte Dich —!« Strafend traf ihn der Blick der Mutter, die, wie immer, alles bereits kommen sah.
Roderich junior aber lachte, denn derartige Schraubereien erweckten stets sein Behagen.
»Aber laß ihn doch, Mama,« sagte Kornelia wieder. »Ich fühle mich nicht beleidigt. Und weil's etwa unser Hauslehrer hört? Der Herr Kandidat wird derartige Bemerkungen richtig zu würdigen wissen.«
Trotzdem Fröhlich die Empfindung hatte, zwischen zwei Feuern zu sitzen, vermochte er auch diesmal nicht, ein kurzes Nicken zu unterdrücken, wobei er in Verlegenheit immer noch an einem winzigen Stückchen Braten herumschnitt, das dieser Bearbeitung kaum noch wert war. Er empfand innere Freude über diese mutige Abwehr der Tischnachbarin und bedauerte nur lebhaft, daß Fräulein das nicht hören konnte, um eine kleine Genugtuung zu erleben. Sicher aber würde er die erste Gelegenheit benutzen, ihr eingehend diese interessante Tischunterhaltung zu übermitteln.
»Die meinigen jedenfalls auch, bei welcher Gelegenheit sie auch fallen mögen,« stieß Rudi blasiert hervor und kniff nun wieder das Monocle ein, das er beim Essen vorsichtig in der Westentasche trug, nachdem es ihm einmal in die Suppe gefallen war. Gesättigt blähte er sich in der Manier eines Menschen, der stark zu essen pflegt und plötzlich genug im Leibe hat. Vor Tisch hatte er die modefarbene Weste mit einer bordeauxroten vertauscht, in deren Armöffnungen er nun die Daumen der Hände steckte und die Finger vergnügt auf dem Brustkasten spielen ließ. Und so kam er sich wie ein junger Gott vor, der durch verhaltenes Gähnen die Langeweile auf seinem Thron andeutet. Trotzdem spitzte er die Ohren, als sein Blick zur Decke ging, denn er erwartete endlich ein Herausgehen Fröhlichs aus seiner Verschlossenheit.
Der Kandidat jedoch, der die Absicht des andern wohl merkte, tat ihm nicht den Gefallen, sondern naschte eifrig von der warmen Kuchenspeise, die er sich als letzter auf den Teller gelegt hatte. Dabei sprach er leise und eindringlich mit seinem Schüler, der ihm zur Linken saß und wiederholt schon die Neigung gezeigt hatte, sich in das Gespräch zu mischen. Ersichtlich wollte er ihn davon abhalten, worauf sein andauerndes Kopfschütteln und die Sprache seiner Augen hinwies.
Auch Frau Roderich hatte bereits das silberne Löffelchen hingelegt und zupfte nur noch an einigen getrockneten Weintrauben, mehr aus Gewohnheit als aus Appetit. Sie war mit dem Essen rasch fertig, weil sie von allem sehr wenig nahm, um nicht zu fett zu werden, wie sie sagte. Beim Nachmittagskaffee, der spießbürgerlich erst um vier Uhr eingenommen wurde, holte sie dann das Versäumte nach und vertilgte eine Unmenge Kuchen, wobei die Schlagsahne nicht fehlen durfte. Für feine Konditorware schwärmte sie ganz besonders.
Es war warm im Zimmer, denn die Maisonne hatte mit ihren kräftigen Strahlen den Weg hineingefunden, weil man versäumt hatte, die Markise über dem freiliegenden Balkon frühzeitig anzubringen. Die Glastür stand noch immer offen, und so hatten die Luftwellen freie Bewegung, die den starken Geruch der Nelken mit hereinbrachten, die in Töpfen nun draußen auf der Brüstung prangten. Auf der Tafel stand der erste Flieder, und sein frischer Duft übertäubte zeitweilig den Bratengeruch, der noch über den Tellern lag und erst langsam verdunstete. Wenn das Hausmädchen die Tür öffnete, dann durchwehte der Luftzug vom hinteren Korridor den großen Raum, trieb den Geruch der Speisereste hinaus und ließ den Duft des Flieders besonders stark erstehen.
Hin und wieder zog Frau Roderich die Majolikavase an sich und roch an dem riesigen Strauß, jedoch nur oberflächlich, ohne Berührung. Aber das starke Parfüm, das heute ihrer Seidenbluse entströmte, verdrängte den natürlichen Duft des Flieders, der wie vor etwas Unangenehmem floh. Namentlich die feine Nase des Kandidaten hatte unter diesen Anspritzungen sehr zu leiden, besonders dann, wenn der Fettgeruch der Schminke sich ihm bedenklich näherte. Ueberhaupt waren die Launen der Gnädigen in dieser Beziehung unberechenbar; dann hatte Fröhlich die Empfindung, ein Parfümerieladen habe sich aufgetan und sende seine unzähligen künstlichen Gerüche ihm entgegen.
Man trank bei Tisch nur wenig. Frau Agathe genoß schluckweise ihren Sauerbrunnen, Rudi bekam seine Flasche Bier, der Kandidat jedoch begnügte sich mit frischem Wasser. Anfangs hatte man ihm Wein vorgesetzt, den er aber verschmähte; denn, ein Feind aller alkoholischen Genüsse, behauptete er, geistige Getränke nicht vertragen zu können. Nur des Sonntags, wo er auch geladen wurde, nippte er von der dünnen Bowle, die man zusammenbraute, um wenigstens den Unterschied der Tage zu kennzeichnen.
»Wer wird denn nun heute mit den Kindern in den Zo gehen?« fragte Rudi, immer von dem bestimmten Gedanken geleitet, Fröhlich zu einer Unvorsichtigkeit zu bewegen. Durch die offene Tür sah man von drüben die Bäume des Zoologischen Gartens winken, und so war er auf diese Frage gekommen. Die Kleinen schrieen sofort durcheinander und deuteten, die Löffelchen noch in der Hand, auf den Kandidaten. »Onkel Fröhlich soll mit uns gehen, er setzt sich Fräuleins Hut auf,« sagte Hans und strampelte mit den Beinen vergnügt unter dem Tisch.
»Dann kommt Rudi zu ihm,« plapperte Trudchen und schlug mit dem Löffel vor Freude laut auf den leeren Teller.
Kornelia gab jedem einen Klaps auf den Mund, und auch die Mutter forderte sie zum Ruhigsein auf. Roderich junior aber vergnügte sich darüber im stillen, verstohlen den Blick auf Fröhlich gerichtet. Dieser jedoch zeigte sich keineswegs beschämt, er lachte vielmehr und meinte dann mit Humor, daß er den Versuch ja einmal machen könne; er habe sich vormittags ganz gut in dieser Rolle geübt. Es sollte ein kleiner Stich gegen die Gebieterin sein, aber Frau Roderich empfand das nicht, sondern lachte laut mit. Ihr Groll war schon halb verpufft, und so sagte sie beinahe herzlich: »Ich danke Ihnen sehr dafür, Herr Kandidat, daß Sie sich heute so aufgeopfert haben, aber ich wußte im Augenblick keinen anderen Rat; morgen kann sich das Stubenmädchen mit den Kindern beschäftigen.«
»Seid nur still!« rief Kornelia den Kindern aufs neue zu. »Emma kann Euch heute in den Zoologischen bringen, und dann komme ich später nach. Euer lieber Rudi soll doch sehen, daß ich auch mit Euch umzugehen verstehe. Mich wird er ja nicht belästigen. Ich bin eben keine Familiensklavin ... Sage mal, hast Du denn wirklich Fräulein damit gemeint?«
Rudi nickte gleichmütig. »Alles, was so in besserer Stellung ist.«
»Schäme Dich!«
Der Kandidat erhob sich mit einem Ruck, so daß die Frauen erschreckt aufblickten. Kerzengerade stand er da. »Verzeihung für die voreilige Störung, gnädige Frau,« sagte er mit bebenden Lippen. »Ich bitte um die Vergünstigung, mich etwas früher mit meinem Schüler zurückziehen zu dürfen. Ich möchte den Aufsatz noch durchsehen.«
Frau Roderich verstand ihn und hob sogleich die Tafel auf. Wie immer, verneigte er sich höflich vor den Damen, machte auch einen Kopfnicker zu dem jungen Herrn hinüber und ging dann hinaus, untergefaßt von seinem Schüler, der sich liebevoll an ihn geklammert hatte.
»Nun bist Du wirklich einmal beschämt,« sagte Kornelia zu ihrem Bruder, der diese Wendung nicht erwartet hatte. »Vornehmer kann man gar nicht abgeführt werden.«
Rudis Verblüffung wich. Breit lachte er auf. »Was sollte er auch erwidern?« gab er spöttisch zurück. »Er hat doch nur bewiesen, daß ich recht habe. Sklaven ducken sich, weil sie stets die Herrschaft fühlen.«
Kornelia maß ihn mit einem Blick des Mitleids. »Du möchtest am liebsten die Peitsche noch schwingen.«
Er nickte ihr freudig zu. »Möchte ich auch. Es wird immer eine Kanaille geben, die sie verdient. Weshalb steckt er so etwas feige ein? Es war nur Revanche von mir.«
»Oft ist Anstand der größere Mut,« sagte Kornelia nur noch kurz. Dann nahm sie die Kinder mit in ihr Atelier.
Kaum war Frau Roderich mit ihrem Sohne allein, als sie ihn ankeifte: »Warte nur, heute sollst Du es einmal zu hören bekommen! Dein Betragen übersteigt alle Grenzen. Gleich wenn Papa nach Hause kommt, erzähle ich's ihm.«
Das sagte sie immer, ohne es auszuführen. Und da er sich bereits an diese leere Drohung gewöhnt hatte, lächelte er nur dazu.
»Du treibst uns noch den besten Lehrer aus dem Hause,« fuhr sie erregt fort.
»Ich? Aber gutes Ma'chen, ich bitte Dich! Das kann doch Dein Ernst nicht sein. Wenn er mal flieht, tut er's gewiß vor jemand anderem.«
»Manchmal bist Du ein rechter Ekel.«
»Ach, ich bin ja doch Dein lieber Rudi. Komm, gib mir 'nen Kuß!«
»Laß mich zufrieden! Aendere Dich endlich! Du tyrannisierst uns alle.« Aber sie meinte es nicht mehr so ernst, denn sie fühlte sich bereits wieder schwach, und so eilte sie mit gemachter Entrüstung hinaus.
Rudi trat leise pfeifend auf den Balkon. Er war mit sich zufrieden, denn er hatte heute vier Menschen in die Flucht geschlagen, und das genügte ihm. Immerhinetwasvon einem »dummen Jungen«! Aber sein vergnügtes Lachen erstarb sofort im Ingrimm bei dem Gedanken an diesen Ausspruch. Das mußte seiner Meinung nach ganz besonders bestraft werden, aber mehr durch Süßigkeiten als durch Bitternisse, oder durch beides. Wie man's nehmen wollte!
Als er hinter sich das Klappern von Tellern hörte, trat er wieder ins Zimmer. Emma, das Stubenmädchen, räumte die Tafel ab. Sie war nicht mehr jung, aber recht drall, mit stets roten Wangen, die immer wie verfroren aussahen und noch röter wurden, wenn man sie daraufhin ansah. Ihr strohgelbes Haar war nicht gerade die passende Umrahmung dazu, aber da sie es glatt gescheitelt hinter den Ohren trug, bekam sie dadurch etwas Würdevolles, das ihr viel Aehnlichkeit mit einem alten Kinde gab. Schon seit vier Jahren im Hause, hatte sie Rudi vom Knaben zum Jüngling heranwachsen sehen und viel von seinen Unarten zu ertragen gehabt, die sie aber stets durch ihre mecklenburgische Derbheit erwiderte.
Er begann mit ihr zu schäkern, indem er sie in Arm und Wange kniff.
»Lassen Sie ab von mir, das machen Sie man wo anders! Jawoll doch!« sagte sie unwirsch und drohte, sämtliche Teller fallen zu lassen. Seitdem sie einen herrschaftlichen Diener in der Nachbarschaft kennen gelernt hatte, waren bestimmte Grundsätze in ihr aufgestiegen, die sie nun rücksichtslos zu erkennen geben wollte.
Die Tür zum Nebenzimmer war auf. »Rudi, was soll denn das!« schallte Frau Roderichs Stimme herein.
»Der junge Här macht ja man bloß Spaß, Gnäd'ge,« rief Emma zurück. Und sie lachte auf, ohne eigentlich zu wissen, warum, und trug ihre schwere Last davon.
»Na, fliehen tut sie doch eigentlich auch vor mir,« dachte Rudi trotzdem befriedigt. »Nummer fünf!«