XV.

XV.

Rudi hatte die Stimme des Vaters gehört und war im Hintergrunde stehen geblieben, denn er befürchtete, Walter könnte seine Klage aufs neue anbringen. Nun aber trat er zu der Mutter ins Zimmer, die sich bereits sehr gelenkig erhoben hatte, um ihren Mißmut über die fatale Ueberraschung durch ruheloses Umherrauschen austoben zu lassen. Sofort schüttete sie ihren Aerger über den Aeltesten aus. »Was hast Du denn in Fräuleins Zimmer zu tun!« fuhr sie ihn an. »Genierst Du Dich denn nicht? Das wird ja immer besser mit Dir!«

Er hatte etwas Aehnliches kommen sehen, und da er vorhin horchend an der Tür stehen geblieben war, fühlte er sich durchaus nicht eingeschüchtert. »Aber, Mama, Du gehst ja wieder ganz gut,« sagte er sorglos. Sie nahm an, daß Fröhlich über ihr Hinken gesprochen haben könne, und so fand sie nichts Besonderes in seinen Worten. Rasch gefaßt erwiderte sie: »Die Schmerzen, die ich dabei empfinde, kannst Du natürlich nicht sehen. Ich bemühe mich eben, alles sehr rasch zu überwinden. Nur mit meinem Kummer über Dich wird mir das nicht gelingen.« Und gleichzeitig biß sie die Lippen aufeinander und zog den einen Fuß etwas nach, aus Zerstreuung aber diesmal den verkehrten, was ihr übrigens auch ganz gleichgültig war.

»Natürlich hat mich Fröhlich wieder verklatscht. Er war doch bei Dir.«

»Ach, laß den Herrn Kandidaten aus dem Spiel! Wenn ich ihn nicht gehabt hätte, wäre ich umgefallen. Um mich bekümmert sich ja niemand im Hause!« Das war bei schlechter Laune ihre ewige Klage.

»Na, denn kann ich ja wieder gehen, Mama,« warf Rudi patzig ein. »Wenn Du so bist! Ich wollte Dir gerade eine große Neuigkeit mitteilen ... Na, denn nicht.«

Neugierig geworden, hielt sie ihn zurück; denn sie brachte seine Andeutung mit seinem Besuche in Fannys Zimmer zusammen und hatte sich auch nicht getäuscht.

»Hat es denn wirklich brandig gerochen?« fragte sie ängstlich.

»Aber sicher, Mama; deshalb habe ich mich ja auch nur dahin verirrt. — Denk mal an, was ich entdeckt habe. Die Photographie von Fräuleins Bruder hat große Aehnlichkeit mit dem Leutnant, der neulich mit Kornelia sprach. Ich möchte beschwören, daß er's ist.«

»Ach, Du bist nicht recht gescheit. Das setzte ja allem die Krone auf!« Sie vergaß ganz, das Leiden weiter zu heucheln, und ging mit ihren gewohnten wuchtigen Schritten vor ihm auf und ab.

Rudi hielt ihr Mißtrauen munter. »Na, weshalb denn die dicke Freundschaft zwischen Neli und Fräulein? Das hat doch etwas auf sich! Vielleicht hat die Frank das vermittelt? Natürlich purer Mitgiftjäger. Und einen kleinen Vogel hat ja Neli auch, wie alle Maleusen. Die möchte jetzt mit Gewalt einen Mann haben. Na, Du kannst Dich freuen. Die Schwester von Deinem Schwiegersohn war dann ›Fräulein‹ bei uns. Ist ja gerade keine Schande, aber angenehm auch nicht ... Ich ziehe mich dann zurück von Euch.«

»Ach, schwatze doch nicht solchen Blödsinn!« warf sie ärgerlich ein. »Den ganzen Tag beschäftigst Du Dich mit andern Leuten, statt mit Dir selbst. Es wird Zeit, daß Du auf die Presse kommst. Papa hat sich entschlossen, Dich anzumelden.«

Er hüpfte vor Freude. »Ach was! Das ist ja famos. Na, denn braucht Ihr keinen Schwiegersohn als Offizier, dann habt Ihr mich ja zur Zierde!« Sein Sprechen ging plötzlich in leichtes Schnarren über. »Uebrigens, Ma'chen, dann werde ich ja dem Belästiger Nelis mit der gehörigen Verve entgegentreten können. Natürlich suche ich mir ein Kavallerie-Regiment aus. Na, und dann kannst Du stolz sein auf mich, Ma'chen!«

Diese Aussicht bezwang sie, denn eigentlich war sie in ihn, trotz seiner Fehler, ebenso vernarrt, wie Kornelia vom Vater bevorzugt wurde. Sie trat auf ihn zu und faßte ihn scherzhaft an beiden Ohren. »Werde doch nun endlich einmal vernünftig, Rudi!« flötete sie ihn zärtlich an. »Du bist ein so schmucker Junge. Ich glaube, daß Dir die Uniform prächtig stehen wird. An Geld fehlt's ja Gott sei Dank nicht! Du wirst also alles mitmachen können. Nun bleibe aber endlich mal bei der Stange und mach uns Ehre!«

Einige Augenblicke lagen sie sich gerührt in den Armen, dann ließ sie ihn allein zurück, und er ging und holte sich Stöckchen und Hut, um nun dem Zoologischen Garten seinen Besuch zu machen, da er Fanny mit den Kindern hatte fortgehen sehen.

Trotzdem Frau Roderich seiner Mitteilung kein Gewicht beilegen wollte, ging ihr die Sache doch im Kopf herum. Der Zufall spielte ja oft merkwürdig, und bei Kornelias Starrsinn war alles möglich. Sie wollte vorsichtig zu Werke gehen, und so ging sie zuerst in Fräuleins Zimmer und sah sich die Photographie auf dem Tisch, der sie sonst keine Beachtung geschenkt hatte, gründlich an. Ein ganz hübscher Kerl, das mußte sie sagen, aber für ein anderes Mädchen geschaffen, als ihre Tochter war, die jeden Tag noch auf die Potsdamer Garde hoffen konnte. Gern hätte sie einen Blick in die Kommode geworfen, aber alles war fest verschlossen.

Dann ging sie in der Aeltesten Zimmer, um auf die Spur eines Briefwechsels zu kommen, mußte aber auch hier enttäuscht ihr Forschen aufgeben. Das hätte sie sich auch denken können: wenn man Kornelia hieß, dann ließ man so etwas nicht offen liegen. Erst im Atelierraum gab ihr zweierlei zu denken. Auf einem Stück Pappe, das auf der Staffelei stand, war mit Kohle ein männliches Profil mit eine Ansatz von Schnurrbart gezeichnet, das auffallende Aehnlichkeit mit der Photographie hinten hatte. Und dann erblickte sie eine vollerblühte dunkelrote Rose in einem hohen, getrübten Kelchglase. Einzelne Rosen im Zimmer eines jungen Mädchens waren immer verdächtig, und diese hier schien ganz besonders aufmerksam behandelt zu werden. Also konnte an der Vermutung doch etwas daran sein. Merkwürdigerweise lief ihr Rudi gleich wieder über den Weg, als sie in die untern Räume hinabstieg.

Es sei sehr schwül draußen, und da sitze es sich besser zu Hause, meinte er. Etwas schwül war ihm allerdings drüben im Zoologischen Garten geworden, denn er hatte seine Schwester bei Fanny erblickt und war in einem weiten Bogen um beide herumgegangen, bis er den Ausgang wieder aufsuchte. Die Tiere interessierten ihn nicht, nur die Menschen, namentlich, wenn sich zu einem jungen Gesichtchen auch hübsche Frauenkleider fanden. Gern hätte er aufs neue ein wenig über die Zuneigung der beiden Mädchen geschürt, aber dann hätte die Mutter seinen Besuch drüben um diese Zeit auffallend finden und abermals mit Fräulein zusammenbringen können.

Als Kornelia dann nach Hause kam, ging Frau Roderich direkt auf ihr Ziel los. »Kennst Du einen Leutnant Frank?« fragte sie ziemlich gleichgültig.

Neli, die sich auf einen derartigen Fall längst vorbereitet hatte, tat etwas zerstreut, ohne sich in ihrer Arbeit stören zu lassen. Es war noch vor Tisch, und sie legte den Hintergrund des Tierstückes aus dem Gedächtnis weiter mit Wasserfarbe an. »Frank ... Frank ... Frank ...? Warte mal. Man lernt so viele Leutnants kennen. Ach, Du meinst wohl Fräuleins Bruder? Ja, den habe ich mal kennen gelernt. Wo war es doch gleich? Richtig, bei Kroll auf dem Krippenfest; da regnet es ja immer ein Schock Freibillets für Leutnants, die zum Tanzen kommandiert werden. Ein netter Mensch, soweit ich mich erinnere. Irre ich nicht, so hat er neulich auf der Straße auch mal gegrüßt.«

Sie strich ihre Farbe ruhig weiter, und Frau Roderich fand diese Ruhe so »pomadig«, daß sie nichts Besonderes dahinter witterte. Sie hatte es ja gleich gesagt, daß von etwas Ernstem dabei nicht die Rede sein könne.

»Wie kommst Du übrigens darauf?« fragte Neli noch, bevor ihre Mutter ging.

»Du lieber Himmel, wie man so darauf kommt. Du tust ja so intim mit unserem Fräulein, daß man beinahe annehmen könnte, Du hättest bei ihrer Mutter schon Visite gemacht.«

»Deine Einfälle, Mama!« Kornelia lachte, dachte sich aber ihr Teil. Noch am selben Abend hatte sie von ihrem Vater die Zusage zum gemeinsamen Besuche des Zoologischen Garten am Donnerstag erhalten. Wenn etwas derartiges bevorstand, dann mußte er zeitig darauf aufmerksam gemacht werden; denn gerade jetzt, vor seiner Erholungsreise, hatte er große Arbeiten zu bewältigen, und so fuhr er öfters zu einer Abendsitzung ins Geschäft. Einer großen Hypothekenbank, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, war man beigesprungen, und so gab es fast täglich Verhandlungen in Gegenwart des Aufsichts- und Verwaltungsrats. Roderich hatte sogar angekündigt, daß er sein Diner in der Stadt einnehmen werde, um Zeit zu ersparen, was einen Jammerausbruch Agathes zur Folge hatte. »Nun werden wir Dich wohl gar nicht mehr zu sehen bekommen,« sagte sie. »Nächstens schläfst Du noch in Deiner Bank.«

»Na, laß nur, liebe Agathe,« erwiderte er ruhig. »Dann spielst Du fleißig vierhändig mit unserem ewig ernsten Fröhlich ... Ich weiß schon, was Du mir da vorhältst: ich gönnte Dir wieder nichts.«

Er versetzte ihr jetzt gerne hin und wieder einen derartigen Stich, denn seit der letzten Ueberraschung fing ihm die Sache an bunt zu werden. Es war Zeit, ihrer nervösen Selbsthetze den nötigen Dämpfer aufzusetzen. Im geheimen nahm er sich den Kandidaten vor und bestärkte ihn, festzubleiben und keine »Ueberstunden« mehr zu machen, wie er sich ausdrückte. Fröhlich sah sich nun zwischen zwei Feuern und fühlte jetzt schon das Brennen von der heißeren Seite, aber er nahm sich doch vor, den Rat des vernünftigen Hausherrn zu befolgen.

»Also Mama wird nicht mitkommen können,« sagte Roderich dann zu seiner Tochter. »Sie kann ja gar nicht auftreten.«

»Wart's nur ab, Papa; bis dahin wird's schon besser sein,« gab Kornelia zurück. »Du kennst Mama noch lange nicht so, wie ich.«

Sie lachte so merkwürdig, daß er stutzte und dann, neugierig geworden, sich am andern Vormittag, als er erst später fortfuhr, hinter den Hausarzt steckte, dessen Besuch er abgewartet hatte.

Sanitätsrat Siebert war ein alter schrullenhafter Herr, der seine Zylinderhüte sehr lange trug und sie vermittelst einer Bürste und eines nassen Handtuches andauernd selbst aufbügelte, bis sie verschiedene Neuheiten überstanden hatten und glücklich wieder modern geworden waren, was bei den Modetorheiten nicht lange auf sich warten ließ. Aehnlich ging es seinem verwilderten rötlichen Bart, den er sich selbst beschnitt, was manchmal etwas einseitig ausfiel, so daß sein noch auffallend junges Gesicht mit der scharfen Brille hin und wieder einen schiefen Ausdruck bekam, was ihn aber durchaus nicht genierte, in seinen Bestrebungen der Selbsthilfe fortzufahren, weniger aus Sparsamkeitsrücksichten, als aus Bequemlichkeitsgründen.

Zu seinen sonstigen Gewohnheiten gehörte auch das Tragen der Winterkleidung bis in die warme Jahreszeit hinein, weil er es für die erste Pflicht eines Arztes hielt, sich selbst gesund zu erhalten, wenn er seinen Patienten gute Lehren geben wollte. Das zu frühe Wechseln der Jahreszeitkleider hielt er für die Hauptursache aller Erkältungen, und so war sein Grundsatz: »Lieber ein bißchen zu viel, als zu wenig.« Im allgemeinen galt er als ein rücksichtsloser Herr, der plötzlich sehr grob werden konnte, wenn man seine Feinheiten, die in einem liebenswürdigen Spott bestanden, nicht mehr verstehen wollte.

»Nun, was macht der rechte Fuß meiner Frau?« fragte Roderich, als der Arzt ihn unten in seinem Kabinett begrüßt hatte.

»Der Linke ist's, der Linke, Verehrtester,« knurrte der Sanitätsrat etwas verdächtig. Den Winterüberzieher hatte er zwar endlich der zu großen Wärme wegen abgelegt, dafür trug er aber jetzt beim brennenden Sonnenschein seinen Sommerpaletot, an dem regelmäßig die Knöpfe nicht recht in Ordnung waren. In dieser Beziehung litt er stark unter seinem Junggesellentum, was aber andere nur bemerkten, denn er selbst hatte für eine derartige Vernachlässigung keine Augen.

»Hat sie sich denn beide Füße verstaucht?« fragte Roderich. »Sie sagte mir doch ausdrücklich, daß der Rechte es sei.«

»Der Linke, der Linke, lieber Freund,« wiederholte Siebert unerschütterlich. »Sie haben zuviel Zahlen im Kopf, natürlich nur siebenstellige, da vergessen Sie andere Kleinigkeiten.«

Beide kannten sich seit vielen Jahren, und so war auch ihre Unterhaltung stets von der vertraulichsten Art. Zwei ganz entgegengesetzte Naturen, stritten sie sich manchmal um Kleinigkeiten, kamen aber niemals auseinander, weil sie sich gegenseitig eingehend studiert hatten und der eine dann stets einlenkte, wenn der andere über das Ziel hinausgegangen war.

»Sie irren sich, Doktor, es ist der Rechte! Ich könnte es beschwören.«

»Dann würden Sie eben einen Meineid leisten, Direktor, und das ist doch wahrhaftig so ein dummer Fuß nicht wert. Bei allem Respekt vor seiner Kleinheit,« milderte er sogleich seinen aufsteigenden Groll. »Uebrigens, ob es nun der Rechte oder der Linke ist, Ihre Frau Gemahlin muß auf alle Fälle bald in ein Sanatorium.«

Er hatte mittlerweile den Zylinderhut, den er während des Sprechens mit dem Aermel stets liebevoll zu bürsten pflegte, beiseite gestellt und legte die ausgeblichenen grünen Handschuhe, die er niemals anzog, auf den Deckel. Den alten Regenschirm, den er Sommer und Winter mit sich führte, und niemals im Wagen zurückließ, weil er ihn als einen unzertrennlichen Freund betrachtete, dessen Stütze man bedarf, behielt er in der Linken, während er mit der Rechten an seiner Brille rückte, was er unbewußt tat, sobald er jemand scharf ansah. »Sie müssen sich dazu entschließen, sonst wird's chronisch. Mit See und Gebirge ist's diesmal nichts. Die Aerzte sind da nicht streng genug, sie können auch den Patienten nicht nachlaufen. Da geht zu viel durch die Finger.«

Roderich zeigte sich bestürzt. »Steht's denn so schlimm mit dem Fuß? Sie erschrecken mich ja. Es wird doch nichts gebrochen sein?«

»Unsinn,« knurrte der Sanitätsarzt wieder. »Dann würde ich doch kein Sanatorium vorschlagen. Das könnten wir hier im Hause kurieren. Ich meine ja auch gar nicht den Fuß, weder den rechten noch den linken. Es ist an beiden nichts zu sehen. Ich meine überhaupt den ganzen Zustand Ihrer Frau Gemahlin, daß Sie das noch nicht bemerkt haben, wundert mich eigentlich. Das macht aber, weil Sie fast den ganzen Tag über nicht zu Hause sind. Sie bekümmern sich zu wenig um Ihre Familie, mein lieber Direktor.«

Und indem er sich an dem verblüfften Gesicht des andern erfreute, machte er eine Gesprächswendung: »Uebrigens, ehe ich es vergesse —: mit den Aktien, die Sie mir im vorigen Jahre empfohlen haben, bin ich schön reingefallen. Die stehen jetzt auf vierundachtzig. Ich werde Ihnen den Verlust auf die Neujahrsrechnung setzen.«

Roderich hatte bereits seine Grobheit kommen sehen, und da er den Grund dazu kannte, lachte er, zugleich vom Schreck befreit. »Ich sagte Ihnen doch zur rechten Zeit, Sie sollten verkaufen,« erwiderte er dann.

»Sie wissen doch, daß ich ein Mensch bin, der sich nicht gern von liebgewordenen Dingen trennt,« zeterte Siebert aufs neue.

Roderich lachte abermals und tröstete ihn dann: das Unternehmen habe eine große Zukunft und die Papiere würden jedenfalls noch einmal sehr gesucht werden. Sofort war der Sanitätsrat wieder umgestimmt und nahm eine Prise, nachdem er auffallend lange nach der Dose in seiner tiefen Rocktasche gesucht hatte. Liebenswürdiger als sonst kam er auf seinen Vorschlag zurück, und Roderich verhehlte ihm nicht, daß er schon längst um seine Frau mit Besorgnis erfüllt sei. Und da er kein Geheimnis vor dem Freunde hatte, so weihte er ihn auch in das neueste »Kandidaten-Leiden« Agathes ein und schilderte ihm den letzten Vorfall in erheiternder Weise.

Der Sanitätsrat blieb durchaus ernst, denn er hörte nichts Neues. Als Hausarzt kam er öfters unverhofft, und so hatte er auch einmal am späten Nachmittag die beiden am Klavier überrascht.

»Sie sehen auch alles!« sagte Roderich ärgerlich.

»Einer von uns beiden muß es doch tun,« erwiderte Siebert spöttisch. »Sie dinieren eben viel zu lange. Das wird sich auch noch mal bei Ihnen rächen. Dann werden Sie vielleicht nach Kissingen müssen, oder irgend sonst wohin, und Ihre liebe Frau wird dann gesund sein und über Sie triumphieren.«

»Sie behandeln mich ja heute gut,« sagte Roderich wieder.

»Zu was bin ich denn Ihr Hausarzt?« warf der Sanitätsrat ein, der um so gemütlicher wurde, je mehr er andere sich ärgern sah. Im Augenblick hatte er daran gedacht, daß er den Verlust an den Aktien niemals werde einbringen können, und so hatte er wieder einen kleinen boshaften Vorstoß gewagt.

Dann aber sprach er sehr vernünftig über Frau Agathe. »Solche Nervösen bilden sich alle möglichen Leiden ein. Sie verspüren sogar einen intensiven Schmerz, trotzdem es nichts zu schmerzen gibt, und haben Geruchwahrnehmungen, die gar nicht vorhanden sind. Schließlich behaupten sie eines Tages, sie hätten keinen Kopf mehr, trotzdem der Kürbis noch ganz fest sitzt. Sie müssen immer einen Bewunderer haben. Natürlich darf's der eigene Mann nicht sein. Na, beunruhigen Sie sich nur nicht, wir werden das Schiff schon lenken. Wenn wir sie nur erst einmal aus dieser orientalischen Bucht herausbekommen könnten, in der sie den ganzen Tag sitzt und grübelt.«

»Das ist's ja eben!« rief der Bankdirektor aus und sprang erregt auf.

»So viele Oele und Salben gibt's ja in keiner Apotheke,« fuhr der Sanitätsrat trocken fort. »Man könnte den halben Balkan damit versorgen. Aber ich werde mich schön hüten, ihr diesen Rat zu erteilen. Solche Naturen hassen ebenso stark, wie sie lieben können. Da muß der Milieuwechsel helfen, die neuen Wände, die neue Tageseinteilung und die neuen Gesichter. Deshalb sage ich nochmals: raus, raus und nochmals raus! ... Das will ich nun aber selbst befolgen, sonst schläft mein Gaul draußen ein. Im übrigen kennen Sie ja meine Parole: Mensch, ärgere Dich nicht.«

Er war bereits vom Stuhle aufgestanden und hatte inzwischen die Handschuhe sehr sorgsam glatt gestrichen und den Zylinder unter dem Ellbogen gedreht. Nun verabschiedete er sich, sprach aber von der Tür aus noch einmal zurück: »Lassen Sie sich um Gottes willen nichts merken, sonst wird's noch schlimmer!«

»Ich werde mich hüten, ich will meine Ruhe haben,« rief Roderich ihm nach. Er tat denn auch gar nicht erstaunt, als Agathe ihm mitteilte, daß die verschriebene Einreibung über Nacht geholfen habe, und daß sie nicht den leisesten Schmerz mehr verspüre. Erfreut darüber, alle so hübsch getäuscht und ihr Mitgefühl erweckt zu haben, erklärte sie sich bereit, am Donnerstag mit in den Zoologischen zu gehen. Sie hatte zwar das Billet für »Die Meistersinger«, aber rasch faßte sie den Entschluß, es Fröhlich zu schenken.

Getreu der Anregung des Hausherrn folgend, hatte der Kandidat bei seinem nächsten Vormittagsbesuch sich ebenso kurz als höflich gefaßt und durchaus keine Augen für ihre verführerische Stellung gehabt. Er fühlte, daß er jetzt sozusagen ein Rückgrat habe, und so war er förmlich und würdevoll näher getreten und hatte die Angelegenheit im Stehen erledigt.

Sie war der Meinung, daß die Ueberraschung im Musikzimmer an seiner Unruhe schuld sei, und versuchte ihm diesen Gedanken zu nehmen.

»Sie brauchen durchaus nicht in Angst zu schweben,« ermunterte sie ihn, »weil mein Mann neulich dazwischenkam. Er ist sehr dafür, daß wir die musikalische Unterhaltung wieder aufnehmen. Er wollte sogar mit Ihnen darüber sprechen. Es wird sich ja leicht eine Honorarverständigung erzielen lassen.«

Fröhlich hörte nur ihre frommen Wünsche heraus und ließ lächelnd diese Frage offen. Als sie dann aber zu ganz neuen Noten griff und ihn bat, sie einmal durchzulesen, wobei sie ihm über die Hand blickte, packte ihn wieder das stille Entsetzen, daß er neulich erst empfunden hatte, und so bat er sich das Blatt aus, nur, um schleunigst fortzukommen. In Gnaden entließ sie ihn, denn sie glaubte, nun wieder die alte Anteilnahme in ihm erweckt zu haben.

Als Fröhlich das Billet angeboten bekam, wagte er nicht, es abzulehnen, um so weniger, als er wußte, daß es sonst verfallen wäre. Ueberdies erfreute ihn die Gabe wirklich, denn er hatte »Die Meistersinger« nur einmal als Student gehört, und zwar vom »Olymp« aus, wo die Götter jedenfalls neidisch auf seine Anwesenheit waren, denn sie versperrten ihm jegliche Aussicht.

Der Genuß wurde ihm jedoch schon vorher etwas getrübt, als Frau Roderich hinzufügte: »Erzählen Sie mir nur gleich morgen, wie es war. Um elf empfange ich schon.«

»Sie läßt nicht locker,« stöhnte es in Fröhlich, »mit der einen Hand streichelt sie und mit der andern martert sie mich.«

»Haben Sie nicht neulich Auslagen gehabt?« fragte sie lächelnd. »Und wie ist's denn mit den Stunden heute abend? Die werden doch wohl ausfallen. Walter sagte mir, daß Sie jetzt einen Sekundaner hätten.«

Fröhlich redete sich aus, das sei nicht so schlimm, die Stunden würde er nachgeben. Flugs eilte sie zu dem kleinen Schreibtisch an der Wand, tat eilig etwas in ein Kuvert und klebte es zu.

»So, mein Bester! Hier ist das Billet drin, damit Sie's nicht verlieren. Ich habe gleich das Personenverzeichnis mit hineingelegt, damit sie keinen Theaterzettel zu kaufen brauchen. Ich bitte mir aber aus, daß Sie das Kuvert erst heute abend öffnen.«

Mit einem harmlosen Lächeln überreichte sie es ihm.

Der Kandidat war betroffen, aber sein ahnungsloses Gemüt wurde dadurch nicht getrübt. »Gewiß wird sie Dich noch andichten,« raunte ihm sein innerer Mensch zu. »Was hast Du eigentlich getan, um dieses Uebel auf Dich zu laden?« Und er ging in das Zimmer neben der Unterrichtsstube, stellte sich vor den Wandspiegel und musterte sich wie ein Mensch, in den plötzlich die Eitelkeit gefahren ist.

Er wollte doch einmal gründlich sehen, was er eigentlich so Besonderes besäße, wodurch die Gnädige sich so andauernd bewogen fühlte, ihm ihre Gunst zu schenken. Und das Ergebnis dieser Betrachtung war die stille Anrede: »Es ist die reine Verirrung von ihr, die absolute Verirrung, oder eine Trübung ihres Sehnervs, wenn nicht gar eine Verdunklung der Gefühlswelt. Oswald Fröhlich, es muß gerade herausgesagt werden: Du kannst nicht den mindesten Vergleich aushalten mit dem Bankdirektor. Er ist nicht nur stattlicher als Du, weltkluger und energischer, — er hat auch viel mehr Geld, ist in hochangesehener Stellung und besitzt die Kraft, sechs Gänge täglich zu verdauen. Er ist also sozusagen das Muster eines Mannes. Was will sie also von Dir? Ist sie eine zweite Lukrezia Borgia, ins Moderne übertragen, die eine grausame Wonne darin findet, arme Schulamtskandidaten seelisch zu zermartern?«

Ja, was wollte dieses fürchterliche Weib?

Der Kandidat, der Frauen gegenüber ein großes Kind war, vermochte keine Antwort auf diese Frage zu geben, aber er nahm sich vor, diesem Zustande ein Ende zu machen, und sollte auch der Zorn der Hausherrin sich mit Gewitterschwere über ihm entladen. Auch Familiensklaven hatten das Recht, sich zu verschwören und zu empören, und leisteten sich zwei den Eid der Treue, so wurden sie stärker, als einer.


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