XVII.
Frau Agathes Qualen waren noch nicht zu Ende. Soeben war Fanny bei ihr gewesen, um sie zu bitten, ihr bis dreiviertel Zehn Urlaub zu geben. Sie wollte, wie ihr befohlen, zum Schuhmacher gehen und zugleich ihrer Mutter einen Besuch abstatten, die in derselben Gegend wohnte. So brauchte sie nicht erst zu schreiben und konnte von dem »Wunderbaren« selbst erzählen.
Die Witwe des Hauptmanns Frank war schwächlich und kränklich, und so ging Fanny allwöchentlich einmal zu ihr, woran man sich im Hause des Bankdirektors schon gewöhnt hatte. In voriger Woche war der Besuchstag ausgefallen, und so mußte Frau Roderich einwilligen, so schwer es ihr auch an diesem Abend wurde.
Es war nach acht, auch das Familienabendbrot war vorüber, und so hatte sie wieder Emma zu sich bestellt, damit sie die Kinder ins Bett bringe und bis zu Fräuleins Rückkehr bei ihnen bleibe. Aber schon nach zehn Minuten fuhr sie wieder empor. Ein schrecklicher Verdacht war in ihr aufgetaucht, und so brachte sie wieder mit großem Geräusch die Klingel in Bewegung, was den Dienstboten diesmal durch Mark und Bein ging. Sicher war Fräuleins Gang nach Hause heute nur eine Ausrede; sie traf sich gewiß mit Fröhlich, der sich vielleicht nur einen Akt im Opernhause ansah oder am Ende das Billet gar nicht benutzte!
Diese Einbildung wurde zu einer Wahnvorstellung, die mitten in ihre Verdauung hineinfuhr und ihr aufs neue die Ruhe nahm, die schon wohlig über sie kommen wollte.
»Ist Fräulein schon fort?«
»Jawohl, gnädige Frau.«
»Was hat sie denn angehabt?«
»Ihr neues Kostüm und die blaue Bluse dazu.«
»Das braucht sie doch nicht bis zum Schuster anzuziehen!« Sie ließ das Haupt mit der arg mitgenommenen Frisur wieder zurücksinken, denn nun erschien ihr alles »richtig«.
»Der junge Här ist auch schon fort,« fügte Emma hinzu, ohne sich etwas Besonderes dabei zu denken. »Er hat noch Krach mit Emil gemacht, denn es sollte etwas recht eilig gehen und es ging nicht. Der junge Här war wütend.«
»Was? Rudi ist gleich hinterher gegangen? Es ist gut!« Ein Seufzer der Erleichterung folgte, denn ihre Gedanken nahmen eine andere Richtung. Am liebsten hätte sie ihr Wohlgefallen darüber zu dem Mädchen geäußert, aber sie bezwang sich noch in letzter Minute. Ach, sie hatte in diesen Minuten keine liebende Seele, der sie ihre Empfindungen hätte anvertrauen können! Aber ihr Haß gegen die Freundin ihrer Kinder ging im Augenblick soweit, daß sie ihrem Sohne einen Triumph, wenn auch einen unmoralischen, gegönnt hätte, um ihre Rachsucht zu befriedigen. Und sofort bemakelte sie Fanny wieder mit etwas Häßlichem: sie könnte doch eine leichte Person sein und Rudi eine Zusammenkunft gegeben haben. Und wenn er auch ohne ihr Wissen hinter ihr her sein sollte, so war er ihr wenigstens auf den Fersen und würde seiner geliebten Mutter am andern Tage berichten, wohin Fräulein seine Schritte gelenkt habe.
Kornelia kam nicht, trotzdem es schon über neun hinaus war. Neues Stöhnen entrang sich Agathes Brust, und sie kam sich wie eine verstoßene Mutter vor, die nur Undank von ihren Kindern erntet. Gewiß flirtete die Aelteste im Zoologischen Garten und hatte keinen Gedanken an die gequälte Seele hier.
Das Haus erschien der Frau Bankdirektor wie ausgestorben, und um wenigstens nicht in all dem Luxus lebendig begraben zu sein, drehte sie das Licht der elektrischen Ständerlampe auf und ließ sich Walter kommen, der ihr aus seinem deutschen Lesebuche einfältige Geschichten vortragen mußte, was er mit hübscher Betonung tat.
Als sie den schiefen Jungen so sitzen sah, wie er sich bemühte, ihr mit seiner dünnen Stimme die Zeit zu vertreiben, packte sie das alte Weh, das sie immer bei dem Gedanken empfand, ihn so zur Welt gebracht zu haben. Was für schöne, kluge Augen er hatte in seinem zarten Gesicht, das die durchsichtige Blässe all dieser körperlich Verunzierten zeigte.
Er mußte mit dem Lesen aufhören und sich dicht zu ihr setzen. Und als sie seine schmale Hand mit den langen Fingern in ihren fetten Händen hielt, kam sie zu ihm auf Fröhlich zu sprechen.
»Hast Du denn den Kandidaten lieb?« fragte sie. »Er ist doch immer sehr streng.«
»Das ist er, Mama, aber immer gerecht. Er lehrt mich stets die Wahrheit sprechen, und darum kann ich nicht lügen, auch wenn er manchmal gar nicht nachsichtig ist. Er ist ein edler Mensch. Fast jeden Tag erinnert er mich an Dinge, die ich niemals vergessen soll, auch im späteren Leben nicht.«
Sie zeigte eifrige Neugier. »So hat er heute auch wieder etwas zum besten gegeben?«
Walter nickte vergnügt. »Gleich, als er heute bei Dir war, kam er und sagte zu mir: ›Du mußt nie Gleiches mit Gleichem vergelten, auch wenn man Dir noch so wehe getan hat! Vor allem mußt Du Deine Eltern lieben und achten, und wenn Du schon ein alter Mann geworden bist und sie sind Greise, auch wenn Du Uebles von ihnen erfährst.‹ Und dann fügte er noch hinzu, man solle sich nie über die Fehler anderer Menschen aufhalten, sondern immer an seine eigenen denken. Es gehörte gar nicht zum Thema, aber er sagte es doch. So tut er es immer.«
»Dann handle nur stets danach!«
In einem Gemisch von Gefühlen, die sie sich selbst nicht erklären konnte, weil ihr die Gemütsklarheit fehlte, entrang sich doch ihrer Seele die Sehnsucht nach einer befreienden Tat. Sie zog den Verwachsenen an sich und küßte ihn zärtlich, um darunter die Scham einer Mutter zu verbergen.
Eine Stunde später, als alles schon still im Hause war und die Kinder fest schliefen, saß Fanny an ihrem Tisch und schrieb:
»Donnerstag abend, 10 Uhr.Lieber Bruder Kurt!Ich hatte einen Gang zu machen und war zu Hause mit heran. Jetzt habe ich Zeit und Ruhe, an Dich zu schreiben. Mama fühlte sich heute ganz besonders schwach, denn sie hatte wieder einen starken Hustenanfall, der, wie Du weißt, ihre Kräfte stets mitnimmt. Heute vormittag war der Arzt da und sagte, sie müßte entschieden in diesem Sommer irgendwohin zur Erholung. Erna wollte mit Dir am nächsten Sonntag darüber sprechen. Die Gute hat viel Plage mit Mama, und ich bewundere sie, wie sie das immer noch alles fertig bekommt, trotz der vielen Stunden, die sie gibt. Gestern hat sie wieder zwei aus dem Hause bekommen, natürlich billig. Anders wollen's ja die Herrschaften nicht. Wenigstens haben sie jetzt ein fleißiges Dienstmädchen, ein junges Ding, aber Erna kann sich doch darauf verlassen, wenn sie mal nicht zu Hause ist. Schwesterlein meinte, sie sei schon ganz taub von dem vielen Klavierpauken. Otto und Egon haben heute aus Lichterfelde geschrieben und wieder gejammert, daß ihr Taschengeld alle sei. Wo die das nur alles lassen? Ich glaube, sie legen zuviel in Schlagsahne an. Und Erna, das gutmütige Schaf, schickt immer darauf los. Gestern war es wieder ein Fünfmarkschein im Brief. Es sind doch noch kleine Jungen, trotzdem sie schon Seiner Majestät Uniform tragen. Egon will sich Sonntag Urlaub nehmen, und Erna bereitet sich schon auf sein Leibgericht vor: gekochte Kirschen mit Klößen. Davon ißt er ja immer drei Teller. Wenn ich's nur einmal möglich machen könnte, so einem Sonntagsfest beizuwohnen. Aber ich habe immer nur Wochentags Zeit. Sonntags haben wir fast immer Gäste, weil der Bankdirektor dann mehr Zeit hat, und so behauptet seine Frau immer, ich sei unabkömmlich.Ueberhaupt die Gnädige! An die muß der liebe Gott in einer sehr schlechten Laune gedacht haben, denn sie besteht überhaupt nur daraus. Irgend eine Schraube muß manchmal los sein, es können auch zwei sein. Dann piesackt sie das ganze Haus und möchte am liebsten hoch gehen wie ein Luftballon. Aber sie bleibt immer unten. Leider! Sonst ist sie eigentlich eine ganz gebildete Frau, denn sie hat zweiundzwanzig Morgenröcke (natürlich Seide), ebensoviel Blusen (natürlich Seide), zwei Dutzend Diner- und Balltoiletten (natürlich Seide, Sammet und Atlas), ebensoviel Hüte, Abendmäntel und Kopfschals. Und was sonst noch ihren Konfektionsreichtum betrifft, so könnte ein kleiner Geschäftsmann sich damit etablieren, und aus ihren Brillanten könnte ein Juwelier ein Schaufenster zusammenstellen. Aber trotzdem beneide ich sie nicht, denn sie ist eine kranke Dame, die den Wert des Lebens nicht zu schätzen versteht. Sie hat den ganzen Tag über nichts zu tun, das ist ihr Unglück. Und dann hat sie einen viel zu guten Mann.Kornelia jedoch ist ein Engel, mit dem ich mich auch später gut vertragen würde. (Merkst Du was?) Sage mal, weshalb warst Du denn vorigen Sonntag bei unserem Kandidaten? (Merkst Du was?) Er wollte aber nicht heraus mit der Sprache; er ist ein sehr guter, lieber Mensch von feiner Empfindung und ehrlicher Gesinnung. (Hierbei brauchst Du aber nichts zu merken.)Ich weiß nicht, wie weit Du schon mit Fräulein Roderich bist, denn sie schweigt sich aus. Aber da sie sich verstockt gegen mich zeigt, nehme ich das Beste an; denn alle Verliebten sind verstockt. Von mir wirst Du das nicht behaupten können, denn ich bin eigentlich zu aufrichtig gegen Dich. Sei es also ebenso und schreibe mir, wie, wo und wann? Was Kornelia anbetrifft! Sei nicht so stolz zu Deinem Schwesterchen. Schließlich bin ich auch noch ein ›Fräulein‹, das man respektieren muß. Ich traue Dir schon eine reiche Eroberung zu, denn Du weißt ja, wir nannten Dich immer ›Sturm-Kurt‹. Na, und General wirst Du sicher mal, natürlich kommandierender. Halt' Dich nur immer an den Schwiegerpapa in spe, denn der hat's Wort und's Portemonnaie. Und für seine Kornelia tut er alles. Zu weiteren Auskünften gern bereit, grüßt Dich herzlichDein Nuckerchen.P. S.Eh' ich's vergesse — Erna sagte mir, daß Du letzten Sonntag abend zu Hause sehr schweigsam gewesen seist. Ich kann mir schon denken, warum. Ich habe noch meine fünfundvierzig Mark liegen vom letzten ersten, und schicke Dir vierzig davon, gleich im Brief. Vielleicht brauchst Du bald wieder ein paar Blumenräder. Und nun sei vernünftig und brumme nicht! Ich kann das Geld wirklich entbehren, denn ich gebrauche diesen Monat nichts. Später gibst Du's mir mit Zinsen wieder! Mama braucht nichts davon zu wissen, denn sie mäkelt sowieso schon über Deinen Zuschuß, der doch für die Katz ist. Reisedispositionen sind bei uns noch gar nicht getroffen, also sei beruhigt. Vor Juli wird's sicher nichts, denn der Bankdirektor kann nicht abkommen. Wenn ich etwas zu sagen hätte, wäre ich für die Nordsee. Aber auf vernünftige Menschen hört man ja nicht.F.«
»Donnerstag abend, 10 Uhr.
Lieber Bruder Kurt!
Ich hatte einen Gang zu machen und war zu Hause mit heran. Jetzt habe ich Zeit und Ruhe, an Dich zu schreiben. Mama fühlte sich heute ganz besonders schwach, denn sie hatte wieder einen starken Hustenanfall, der, wie Du weißt, ihre Kräfte stets mitnimmt. Heute vormittag war der Arzt da und sagte, sie müßte entschieden in diesem Sommer irgendwohin zur Erholung. Erna wollte mit Dir am nächsten Sonntag darüber sprechen. Die Gute hat viel Plage mit Mama, und ich bewundere sie, wie sie das immer noch alles fertig bekommt, trotz der vielen Stunden, die sie gibt. Gestern hat sie wieder zwei aus dem Hause bekommen, natürlich billig. Anders wollen's ja die Herrschaften nicht. Wenigstens haben sie jetzt ein fleißiges Dienstmädchen, ein junges Ding, aber Erna kann sich doch darauf verlassen, wenn sie mal nicht zu Hause ist. Schwesterlein meinte, sie sei schon ganz taub von dem vielen Klavierpauken. Otto und Egon haben heute aus Lichterfelde geschrieben und wieder gejammert, daß ihr Taschengeld alle sei. Wo die das nur alles lassen? Ich glaube, sie legen zuviel in Schlagsahne an. Und Erna, das gutmütige Schaf, schickt immer darauf los. Gestern war es wieder ein Fünfmarkschein im Brief. Es sind doch noch kleine Jungen, trotzdem sie schon Seiner Majestät Uniform tragen. Egon will sich Sonntag Urlaub nehmen, und Erna bereitet sich schon auf sein Leibgericht vor: gekochte Kirschen mit Klößen. Davon ißt er ja immer drei Teller. Wenn ich's nur einmal möglich machen könnte, so einem Sonntagsfest beizuwohnen. Aber ich habe immer nur Wochentags Zeit. Sonntags haben wir fast immer Gäste, weil der Bankdirektor dann mehr Zeit hat, und so behauptet seine Frau immer, ich sei unabkömmlich.
Ueberhaupt die Gnädige! An die muß der liebe Gott in einer sehr schlechten Laune gedacht haben, denn sie besteht überhaupt nur daraus. Irgend eine Schraube muß manchmal los sein, es können auch zwei sein. Dann piesackt sie das ganze Haus und möchte am liebsten hoch gehen wie ein Luftballon. Aber sie bleibt immer unten. Leider! Sonst ist sie eigentlich eine ganz gebildete Frau, denn sie hat zweiundzwanzig Morgenröcke (natürlich Seide), ebensoviel Blusen (natürlich Seide), zwei Dutzend Diner- und Balltoiletten (natürlich Seide, Sammet und Atlas), ebensoviel Hüte, Abendmäntel und Kopfschals. Und was sonst noch ihren Konfektionsreichtum betrifft, so könnte ein kleiner Geschäftsmann sich damit etablieren, und aus ihren Brillanten könnte ein Juwelier ein Schaufenster zusammenstellen. Aber trotzdem beneide ich sie nicht, denn sie ist eine kranke Dame, die den Wert des Lebens nicht zu schätzen versteht. Sie hat den ganzen Tag über nichts zu tun, das ist ihr Unglück. Und dann hat sie einen viel zu guten Mann.
Kornelia jedoch ist ein Engel, mit dem ich mich auch später gut vertragen würde. (Merkst Du was?) Sage mal, weshalb warst Du denn vorigen Sonntag bei unserem Kandidaten? (Merkst Du was?) Er wollte aber nicht heraus mit der Sprache; er ist ein sehr guter, lieber Mensch von feiner Empfindung und ehrlicher Gesinnung. (Hierbei brauchst Du aber nichts zu merken.)
Ich weiß nicht, wie weit Du schon mit Fräulein Roderich bist, denn sie schweigt sich aus. Aber da sie sich verstockt gegen mich zeigt, nehme ich das Beste an; denn alle Verliebten sind verstockt. Von mir wirst Du das nicht behaupten können, denn ich bin eigentlich zu aufrichtig gegen Dich. Sei es also ebenso und schreibe mir, wie, wo und wann? Was Kornelia anbetrifft! Sei nicht so stolz zu Deinem Schwesterchen. Schließlich bin ich auch noch ein ›Fräulein‹, das man respektieren muß. Ich traue Dir schon eine reiche Eroberung zu, denn Du weißt ja, wir nannten Dich immer ›Sturm-Kurt‹. Na, und General wirst Du sicher mal, natürlich kommandierender. Halt' Dich nur immer an den Schwiegerpapa in spe, denn der hat's Wort und's Portemonnaie. Und für seine Kornelia tut er alles. Zu weiteren Auskünften gern bereit, grüßt Dich herzlich
Dein Nuckerchen.
P. S.
P. S.
Eh' ich's vergesse — Erna sagte mir, daß Du letzten Sonntag abend zu Hause sehr schweigsam gewesen seist. Ich kann mir schon denken, warum. Ich habe noch meine fünfundvierzig Mark liegen vom letzten ersten, und schicke Dir vierzig davon, gleich im Brief. Vielleicht brauchst Du bald wieder ein paar Blumenräder. Und nun sei vernünftig und brumme nicht! Ich kann das Geld wirklich entbehren, denn ich gebrauche diesen Monat nichts. Später gibst Du's mir mit Zinsen wieder! Mama braucht nichts davon zu wissen, denn sie mäkelt sowieso schon über Deinen Zuschuß, der doch für die Katz ist. Reisedispositionen sind bei uns noch gar nicht getroffen, also sei beruhigt. Vor Juli wird's sicher nichts, denn der Bankdirektor kann nicht abkommen. Wenn ich etwas zu sagen hätte, wäre ich für die Nordsee. Aber auf vernünftige Menschen hört man ja nicht.
F.«
Sie lachte stillvergnügt, als sie den Brief noch einmal überflog, und steckte die beiden Goldstücke, die sie am andern Tage auf der Post einwechseln wollte, gleich mit ins Kuvert. Eigentlich hatte sie noch so manches andere schreiben wollen, aber sie hielt es für besser, es nicht zu tun. Mit der Enthüllung des »Wunderbaren« zu Hause war es nichts, denn Rudi hatte ihr unterwegs die Stimmung verdorben. Zu ihrem Schreck war er plötzlich vor ihr aufgetaucht und nicht von ihrer Seite gewichen. Es waren die alten Redensarten, die er führte, keck und zweideutig und zuletzt anmaßend, als sie seinen Wunsch, mit ihm noch ein Stündchen zusammen zu bleiben, nicht erfüllen wollte.
Sie hatte eine neue Abwehrungsart gefunden, indem sie ihn komisch nahm und alles mit Lachen beantwortete. Als er aber daraus andere Schlüsse zog und sich ermuntert fühlte, ihr allen Ernstes zuzumuten, sie könnten ja nach zehn ausbleiben, denn er habe seinen Hausschlüssel bei sich, hatte der Scherz für sie ein Ende.
Sie empfand das ganze Widerliche seiner Natur, und so verbat sie sich jede fernere Begleitung und drohte ihm scherzend mit seinem Vater, worauf er dann den Rücksichtslosen spielte und ganz offen erklärte, daß man ihr nicht glauben werde.
Ihre letzte Antwort war, daß sie ihm mit stiller Verachtung den Rücken kehrte und in die nächste Elektrische stieg. Er lachte hinter ihr her und warf sich in eine offene Droschke, in dem Glauben, sie werde ihn noch sehen. Als sie wirklich unvorsichtig durch die Scheiben zurückblickte, zog er in einem schwungvollen Bogen spöttisch den Hut.
Mit Befriedigung war sie nach Hause zurückgekehrt, denn nun mußte er ihre Deutlichkeit verstanden haben. Schließlich war er doch wirklich ein »dummer Junge«, der als solcher behandelt werden mußte.
Am andern Tage hatte er für die Neugierde seiner Mutter eine kleine Lüge bereit. Es sei ihm gar nicht eingefallen, den Spuren Fräuleins zu folgen, er habe denn doch »andere« Rendezvous. Er wollte einer Vernehmung Fannys vorbeugen, und so sprach eine gewisse Entrüstung aus ihm, die sich zu einer kleinen Anklage gegen Frau Roderich verdichtete.
»Aber, Mama'chen, ich bitte Dich! Solche Chosen traust Du mir doch nicht zu! Ich verabrede mich doch mit keinem Kindermädchen. Mal im Zo ein bißchen gescherzt, weil sie mit den Augen klapperte, aber seitdem sie das schief aufgefaßt hat, ist es anders.Siemöchte wohl gern so'n kleines Rendezvouschen, aber Rudi ist zu klug. Ich kann Dir gar nicht sagen, wer mir alles nachläuft, aber ich habe jetzt an ernstere Dinge zu denken.«
»Brav von Dir, mein Junge, lerne und strebe! ... Unser armer Kandidat, er kennt die Frauen so wenig!« Sie seufzte, denn sie bezog das auch auf sich. »Ich werde kurzen Prozeß machen und sie kündigen, dann bekommt er sie aus den Augen.«
»Na, Mama, das überlege Dir noch! Sie ist immer noch die beste, die wir gehabt haben. Und sie läßt sich eigentlich viel von Dir gefallen. Manchmal ist's auch schwer mit Dir auszukommen.«
»Aber Rudi!« fuhr sie wieder auf. »Ich tu doch keinem Menschen etwas! Ich bin nur wahr und gerecht.« Sie mäßigte sich aber jäh, denn es fiel ihr ein, was ihr Walter gestern von dem Kandidaten berichtet hatte, und wenn sie ihre Tugenden abwog, blieb in dieser Beziehung nicht viel für sie übrig. Die ganze Nacht hatte sie nicht schlafen können, weil ihr das Gewissen schlug. Und wenn sie wirklich ganz leiser Schlummer erfaßt hatte, war sie aufgeschreckt, und dann sah sie immer ihren verwachsenen Knaben vor sich sitzen, der ihr in diesem Stückchen Familiensumpf wie eine reine Passionsblume erschien, um die man sich zu wenig bekümmerte.
Nun hatte sie dieselbe Schwächeanwandlung und sagte nachgiebig: »Eigentlich hast Du recht. Eine bessere bekommt man doch nicht, und dann gibt's auch immer neue Aufregungen. Der Kandidat wird sich noch sehr besinnen, er kann ja auch noch gar nicht heiraten, er soll auch noch recht lange bei uns bleiben, denn Walter lernt tüchtig bei ihm.«
»Na siehst Du!« warf Rudi großartig ein. »Höre nur immer auf mich! Dieser Rat von mir müßte eigentlich etwas kosten. Aber heute gebrauche ich noch nichts, Ma'chen. Zum Sonntag aber richte Dich darauf ein, ja? Wir haben uns nach Wannsee verabredet zu einem Diner im Freien. Natürlich Sektbowle.«
»Quäl mich nur jetzt nicht damit, es ist ja noch nicht soweit.«
Regelmäßig nutzte er ihre Schwäche aus, und so erschien ihm das verhaltene Jammern bereits wie eine Zusage. Ueberdies war er froh, ihr diesen Kündigungsgedanken aus dem Kopf geschlagen zu haben, denn der Abfall gestern hatte ihn erst recht gereizt, auf krummen Wegen weiterzugehen und seine Machtstellung als bevorzugter Sohn des Hauses zu beweisen. Wenn man Rudi hieß, so gab man das Liebespürschen nicht so leicht auf.
Gleich, nachdem sie empfangsfähig war, hatte sich Fröhlich bei Frau Roderich gezeigt, um sich nochmals für das Billet zu bedanken. Er hatte wirklich einen großen Genuß gehabt, trotzdem er sich zuerst auf dem ersten Rangsitz etwas unbehaglich gefühlt hatte, denn er saß zwischen zwei tief dekolletierten Damen, deren Anblick ihn stark in Verlegenheit brachte. Die zur Rechten namentlich prangte in der ganzen Fülle ihres reifen Alters und strömte überdies ein Parfüm aus, das ihn fortwährend an Agathes Boudoir erinnerte. Neben dem großen Staat der Damen sah er nur Uniformen, Fräcke und Smokings. So kam er sich in seinem schwarzen Rock und der hohen Weste verlassen vor, ungefähr wie ein einzelner dunkler Punkt auf einer bunten Landkarte. Die dicke Dame schielte ihn in den Pausen immer seltsam an, als wüßte sie nicht, was sie aus ihm machen sollte.
Schließlich aber hatte er mit verschränkten Armen nur noch krampfhaft geradeaus geblickt und sich ganz dem Zauber der unsterblichen Musik hingegeben.
»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, wenn ich mich nicht lange aufhalte, ich bin mitten im Extemporale, aber ich wollte nur pflichtschuldigst berichten, daß der Gast außerordentlichen Beifall fand. Es war ein ganz ausverkauftes Haus.«
Beiläufig forschte sie, wie ihm die prächtige Ausstattung des letzten Aktes gefallen habe und wann es aus gewesen sei. Es stimmte alles, und sie brauchte eigentlich kein Mißtrauen zu hegen, aber seine deutliche Zurückhaltung verstimmte sie wieder. Das konnte alles auch »Mache« sein und vom Hörensagen stammen.
»Haben Sie wirklich keinen Augenblick Zeit? Gerade über die Meistersinger hätte ich gerne ein wenig mit Ihnen geplaudert. Wie war denn der Beckmesser?«
Sie lockte verschiedenes aus ihm heraus, um ihn aufzuhalten und zum Platznehmen zu bewegen, aber er wich nicht von der Türe. Auch der Hinweis, daß sie über Walter verschiedenes zu sagen habe, konnte ihn um so weniger von dem abgekürzten Verfahren abbringen, als er von seinem Schüler bereits das Nötige über den gestrigen Abend erfahren hatte.
Aergerlich ließ sie ihn gehen.
Wie bei ihr die eingebildeten Leiden wechselten, so änderte sich auch unvorhergesehen ihr Tun und Lassen. An jedem Freitag war großes Reinemachen im Hause, bei dem alles auf den Kopf gestellt wurde. Der Kandidat floh dann mit seinem Schüler in das Spielzimmer der Kinder, die er auch an diesem Tage wieder zu beaufsichtigen hatte, denn Strafe mußte sein, wie Frau Roderich sich sagte. Sie meinte es so gut mit ihm, und er wurde aufsässig, also mußte die Familiensklavenpeitsche einmal geschwungen werden. Rudi hatte recht: es gab gewisse Naturen, die sich nur unter ihrer Wirkung wohlfühlten. Die schlaflose Nacht, die hinter ihr lag, rächte sich diesmal an allen, und so wurde auch Fräulein heute zu anderen Dingen gebraucht, wofür als Entschuldigung diente, daß man das neue Kammermädchen erst in acht Tagen bekomme.
Hinter dem Pferdestall lag ein kleiner Hof, wo die Teppiche und Läufer ausgeklopft wurden. Kutscher und Diener hatten dieses Geschäft zu besorgen, wozu auch die Frau des Gärtners, der zugleich Portierdienste zu verrichten hatte, herangeholt wurde. Es dauerte lange, bis die Berge von Persern und Smyrnaern überwältigt wurden. Der Bankdirektor rückte dann frühzeitig von oben aus, nahm den Kaffee unten allein ein und benutzte an diesem Tage eine Droschke, da sein Kutscher nicht zu haben war. Da er von seiner Frau als ganz überflüssig beiseite geschoben wurde, so machte er schleunigst lange Beine.
»Ach, Fräulein, Sie könnten so freundlich sein, und die Vorleger einmal ordentlich ausstäuben, es fehlen mir heute überall Hände,« sagte sie mit ihrer ganzen Süßlichkeit, die Fanny schon an ihr kannte.
Damit waren die vielen echten Felle gemeint, die vor den Betten des Ehepaares und auch als Zierde vor den Sofas und Ruhebetten herumlagen.
Fanny war rot geworden, denn Rudi, der heute über alle Hindernisse hinwegsprang, war zufällig dazu gekommen und hatte das mit angehört, natürlich das Glas im Auge, wodurch seine schadenfrohe Miene sich noch erhöhte. Trotzdem erwiderte sie ruhig: »Schön, gnädige Frau, Emma kann wohl alles nach oben schaffen?«
»Nach oben? Die Felle können doch nicht auf dem Tisch ausgebürstet werden, das sollten Sie doch schon wissen, Fräulein. Man klopft sie unten regelrecht aus, Emma kann sie runterbringen. Der Kutscher und Emil haben heute viel zu tun.« Sie rief auch schon nach dem Hausmädchen, als wäre für sie die Sache damit erledigt.
Fanny stand wie starr da, besann sich aber nicht lange. »Das kommt mir wohl nicht zu, gnädige Frau,« sagte sie mit bebenden Lippen.
»Was kommt Ihnen nicht zu?« schrie Frau Roderich jetzt.
»Das Ausklopfen auf dem Hofe, gnädige Frau. Ich bin doch kein Dienstbote, gnädige Frau haben mich doch als Fräulein engagiert. Ich tu doch sonst wahrhaftig meine Schuldigkeit, aber das muß ich ablehnen.«
Emma war schon hinzugekommen und grinste, denn der Hinweis auf die Dienstboten hatte ihre Teilnahme für die Herrin erweckt. Frau Roderich suchte nach Worten, denn auf diesen Widerstand war sie nicht gefaßt. Dann aber zeigte sie ihre Kampfesmiene. »Gegen so ein bißchen Arbeit sträuben Sie sich? Es kann doch mal eine Ausnahme stattfinden! Es sieht Sie ja auch niemand.«
»Doch, gnädige Frau, der Kutscher und der Diener. Und ich möchte nicht gern, daß ich diesen gleichgestellt würde, schon, damit mir die Achtung der Kinder nicht geraubt werde.«
»Arbeit schändet nicht,« fauchte Frau Roderich, die beiden Arme gegen die Hüften gestemmt.
»O, das weiß ich, gnädige Frau. Ich habe schon viel in diesem Hause gearbeitet und mich allen Ihren Wünschen schon gefügt, aber meine Selbstwürde werde ich mir stets bewahren.«
»Das hätten Sie auch manchmal in andern Dingen tun sollen.«
»Gnädige Frau, ich verbitte mir diese Verdächtigung, obendrein noch vor Zeugen!«
Das Hausmädchen grinste noch mehr und zeigte keine Miene, die Hände zu rühren, bevor dieser interessante Zwischenfall nicht erledigt wäre. Rudi sah Schlimmes kommen und hielt es für besser, aus der Entfernung zuzuhören. Man stand im hinteren Korridor und fast alle Türen waren offen, so daß der angenehme Luftzug von allen Seiten wehte. Die Köchin wurde hin und wieder sichtbar und nickte, wenn niemand es sah, dem Hausmädchen verständnisvoll zu.
Frau Roderich hatte ihre guten Vorsätze vom Morgen vergessen. Noch niemals hatte sie sich in ihrer Herrscherinmacht so verletzt gefühlt, als jetzt, wo sie öffentlich ihre Hausrechte zu verteidigen hatte. Sie lechzte förmlich nach Genugtuung. Und als jetzt die Stimmen der Kinder vernehmbar wurden, glaubte sie als sicher anzunehmen, daß sich auch eine gewisse Tür geöffnet habe, hinter der ein gewisser Jemand unstreitig aufmerksam geworden war.
»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich gar nichts zu verbitten haben,« sagte sie heftig. Und plötzlich, als wieder eine Gegenrede erfolgt war, stürzte sie ihren Entschluß vom Morgen um. »Ich kündige Ihnen hiermit Ihre Stellung. Sie können schon zum fünfzehnten gehen, aber ich werde Ihnen den Monat ganz bezahlen.«
Rudi streckte wie erschreckt die Arme aus.
»Ich muß diese Großmut dankend ablehnen, gnädige Frau. Sie sind mir auf halbem Wege entgegen gekommen, denn ich hatte schon selbst den Wunsch, Ihr Haus zu verlassen. Gestern bin ich von Ihrem Herrn Sohn auf der Straße belästigt worden, so daß ich flüchten mußte, und heute werde ich von Ihnen einer ähnlichen Behandlung ausgesetzt — das macht mir das Gehen leicht.«
Das Hausmädchen tat plötzlich sehr geschäftig und ging in eines der Zimmer, um dort weiter zu horchen. Hinter der Tür links mußte der Unterricht ganz stocken, denn die Kinder, die von Fröhlich ruhig gehalten worden waren, lärmten unter ihrem Spielzeug. Frau Roderich sah und hörte nichts mehr nach diesem Ueberfall.
»Rudi, hörst Du? Was sagst Du?«
Er wollte sich gerade zurückziehen, sie sah aber noch seinen Kopf, und so mußte er wieder ganz sichtbar werden. Langsam kam er heran, mit der Miene des völlig Erstaunten, und achselzuckend näselte er: »Reagiere doch gar nicht mehr darauf, Mama! Du siehst doch selbst, wie Deine gute Absicht belohnt wird. Ich habe Dir doch schon heute früh gesagt, daß ich Fräulein gestern abend begegnet bin und nur gefragt habe, wohin sie will.«
In seiner Miene las sie den heimlichen Wink, ihm zuzustimmen, und so fiel sie ein: »Natürlich hast Du mir das gesagt, das ist doch keine Belästigung.«
»Ich habe es als solche empfunden, gnädige Frau, nachdem Ihr Herr Sohn die Zumutung an mich stellte, mit ihm in ein Restaurant zu gehen.«
»Na, was ist denn da weiter? Dann hätte er Sie doch sehr geehrt. Sie sind doch keine Hoheit.«
»Aber ein anständiges Mädchen, gnädige Frau, das sich den Herrn ansieht, der seinen unschönen Charakter zeigt. Alles übrige behalte ich für mich.«
»Ach, Ihre Phantasie geht mit Ihnen durch,« schnarrte Rudi jetzt rücksichtslos, »und daraus entstehen dann fromme Wünsche.«
»Dann muß ich sagen, daß Sie unwahrhaftig sind,« preßte Fanny hervor.
»Immer nach Ihnen, mein Fräulein.«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Kinderzimmer und der Kandidat trat heraus und mischte sich in die Unterhaltung. »Verzeihen Sie, Frau Bankdirektor, wenn ich es wage —,« begann er erregt. »Aber es wurde so laut gesprochen, daß man auch durch die Türe alles hören konnte, und da fühle ich mich verpflichtet, Fräulein Frank vor unverdienten Kränkungen zu bewahren, um so mehr, da sie völlig schutzlos ist. Ihrem Herrn Sohn gegenüber muß ich bemerken, daß die Unwahrheit jedenfalls nur auf seiner Seite zu suchen ist, denn ich hatte Gelegenheit, Zeuge einer ähnlichen Belästigung drüben im Zoologischen Garten zu sein.«
Mit einer seiner üblichen Handbewegungen fuhr er Rudi in die Gegenrede. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen, ersparen Sie sich alles! Neue Beleidigungen von Ihnen werden mich durchaus nicht tangieren, weil ich ihnen einen zu geringen Wert beimesse. Ich müßte sie also schweigend über mich ergehen lassen. Ich habe Ihnen das bereits einmal bewiesen und möchte Sie nicht aufs neue in die Verlegenheit bringen, vor Ihrem Herrn Papa zu revozieren ...«
Seine Lippen zitterten, als er sich Fanny zuwandte: »Und wenn auch Ihre augenblickliche Lage dadurch nicht gebessert werden sollte, mein wertes Fräulein — es war mir doch Herzensbedürfnis, in Ihrer Gegenwart hier mit meiner Meinung nicht zurückzuhalten.« Sein Rock stand auf, und so knöpfte er ihn zu, weil in der Erregung seine Hände immer Beschäftigung haben mußten; dann sprach er zu der Hausherrin: »Ich habe die Absicht, Ihren Herrn Gemahl morgen um Entlassung aus meiner Stellung zu bitten, und so ist mir das alles sehr leicht geworden. Aber ich hätte auch unbedingt meinen Standpunkt vertreten, selbst wenn ich nicht zu diesem Entschlusse gekommen wäre. Gnädige Frau werden wohl wissen, daß ich niemals mit meiner Offenheit zurückgehalten habe. Es deckt sich nicht mit meiner Ueberzeugung von Recht und Anstand, gebildete Menschen in einem sogenannten gebildeten Hause wie wehrlose Sklaven erniedrigt und beleidigt zu sehen, um in einem anderen Sinne Ihres Herrn Sohnes zu reden. Die wahre Bildung verpflichtet zur Gesittung, und wenn diese Anschauung nicht oben begriffen wird, dann muß sie eben unten geübt werden. Ich bitte nochmals um Verzeihung.«
Er verbeugte sich kurz und höflich und ging mit seinen gewohnten erhabenen Schritten wieder dem Schulzimmer zu, wo er die Tür hinter sich schloß.
Auch Fanny verschwand in ihrer Stube, um den neuen Schreck zu überwinden.
»Was hat er alles geschwafelt?« sagte Rudi, auffallend blaß geworden. »Hast Du gehört? Ein ›sogenanntes gebildetes Haus‹ meinte er.«
Kornelia war durch den Lärm herbeigelockt worden und stand wie sprachlos da. »Aber nur die eine Hälfte im Hause meinte er,« warf sie ein. »Mama, was hast Du wieder angerichtet! Es ist ja geradezu empörend, wie Du Fräulein behandelt hast. Was wird Papa wieder dazu sagen?«
»Ach, schweig still und behalte Deine Weisheit für Dich ... Deine Parteinahme verstehe ich schon, Du wirst uns den Brei erst recht einrühren.«
Sie ließ sie stehen und rauschte davon, denn der Aerger wühlte in ihr, etwas herbeigeführt zu haben, was sie nicht beabsichtigt hatte. Im Balkonzimmer, außer Hörweite der Dienstboten, nahm sie sich Rudi vor. »Alle Schuld trifft Dich allein,« zeterte sie ihn an. »Es wird Zeit, daß Du aus dem Hause kommst, sonst sehe ich das Ende nicht ab.«
»Na, wenn alles geht, kann ich ja auch gehen,« sagte er träge und hielt es für das Beste, gleich den Anfang damit zu machen, indem er Hut und Stock nahm und bummeln ging. Die verschobenen Möbel standen ihm schon längst im Wege.