XX.

XX.

Frank hatte das »halbe Stündchen« vergessen. Er saß nun bereits länger als eine Stunde am Tisch und dachte nicht an Ort und Zeit. Er wußte, wann der letzte Zug nach Spandau ging, und daß der Bahnhof in der Nähe lag, und das genügte ihm.

Er war im fröhlichsten Plaudern, als plötzlich einer der Hauskellner, die hier oben elegant wie die Attachés herumliefen, vorsichtig an ihn herantrat, ehrerbietig nach seinem Namen fragte und ihm ein geschlossenes schmales Kuvert überreichte. Sofort erkannte er Fannys Handschrift. Er las auf der Visitenkarte die flüchtig hingeworfenen Zeilen, steckte Kuvert und Karte ein, erhob sich und bat die Herrschaften auf wenige Minuten um Entschuldigung. Und strammen Schrittes ging er hinweg, die Rampe hinunter, der weniger hellen Seite des Gartens zu. Kornelia hatte bemerkt, daß er sich leicht verfärbte und schreckhafte Ueberraschung aus seinen Zügen sprach, und so blickte sie ihm ängstlich nach. Auch Frau Roderich führte ihr langstieliges Glas an die Augen und folgte ihm erstaunt mit den Blicken.

»Was hat er denn?« flötete sie gedehnt. »Das ist ja merkwürdig. Sicher steckt eine Dame dahinter. Er war ja ganz verlegen. Das Kuvert sah auch ganz danach aus.«

Kornelia wurde blaß und blickte schweigend noch immer nach derselben Richtung.

Der Bankdirektor jedoch fuhr launig dazwischen: »Zerbrich Dir doch nicht gleich den Kopf darüber! Das geht uns doch nichts an. Wir haben ihn doch heute erst kennen gelernt.«

»Ich ahne schon etwas.«

»Das tust Du immer, und nachher kommt's anders. Wahrscheinlich irgend ein Kamerad, der ihn in diskreter Angelegenheit zu sprechen wünscht ... Ist doch ein patenter Kerl!«

»Ein charmanter Mensch, das muß man sagen,« stimmte sie gelassen bei, strengte sich aber noch immer an, durch das Glas etwas zu bemerken. »Man sollte es kaum glauben, daß unser Fräulein so einen Bruder haben kann.« Endlich ließ sie die Lorgnette sinken, denn die Uniform war ihren Augen entschwunden.

»Ein Mensch von durchaus anständiger Gesinnung,« warf Neli langsam wie betäubt ein, denn plötzlich hatte sie der Hinweis auf Fanny in neue Unruhe versetzt. Sie kannte diese schmalen Kuverts, die sie im Zimmer Fräuleins hatte liegen sehen. Was war passiert? Weshalb ging er so wortlos hinweg, ohne zu ihr noch ein Wort zu sagen? Nur mühsam verbarg sie ihre Erregung, schwieg aber über ihre Vermutung, denn schließlich konnte sie sich doch geirrt haben. Aber ihr Herz schlug ruhiger, denn mochte es mit Fanny sein, was es wollte, — wenn die Mutter nur nicht recht behielt!

Leutnant Frank fand seine Schwester dort, wo sie ihn erwarten wollte: am Fischotterbecken. Er tat so, als wäre sie eine Dame, die er soeben erst verlassen habe und zwang sie zum Mitgehen, den Weg entlang, der zum Bahnhof führte. Nur wenige Menschen gingen hier, und so konnten sie sich aussprechen. Sie hatte ihr neues Kostüm an und den Hut auf, der aber schief saß und unter dem das Haar nur lose aufgesteckt war.

»Was ist denn los? Du siehst ja ganz verstört aus?« fragte er erschreckt.

»Entschuldige nur, aber ich wußte mir im Augenblick keinen anderen Rat. Ich konnte doch nicht an Euren Tisch kommen ... Ich kann keine Nacht mehr bei Roderichs bleiben.«

»Was sagst Du? Weshalb nicht?«

Sie bogen links ein, an dem Gehege der Hirsche vorüber, wo es dunkel und einsam war. »Ich bitte Dich, fasse Dich kurz! Ich bin in Uniform, ich muß Rücksicht nehmen.« Leichter Aerger klang aus seinen Worten, wodurch sie eingeschüchtert wurde.

Mit zitternder Stimme sprach sie mühsam weiter: »Ich sehe, Du bist böse, dann will ich selbst zu Mama. Es wird mir nur so schwer, Du weißt, sie regt sich leicht über alles auf, gerade jetzt, wo Fröhlich sich ihr vorstellen wollte.«

Sie war dem Weinen nahe, und so lenkte er in Güte ein: »Aber, mein Nuckerchen, so sprich doch! Wer hat Dir etwas getan?«

Endlich beherrschte sie sich und fand die Worte.

Es war kurz vor neun, sie hatte die Kinder zu Bett gebracht, als sie noch in das zweite Stockwerk hinaufging, um aus einer der Kammern etwas zu holen. Sie hatte gleich nach dem Abendbrot Rudi weggehen sehen, und so war sie ahnungslos, denn sie wußte nicht, daß er später wieder zurückgekehrt war und sich in seinem Zimmer befand. Diener und Mädchen waren in der Küche, und so erschien ihr alles oben still. Sie hatte das elektrische Licht im Gange aufgedreht und suchte unter den Kleidern, die in der Kammer hingen. Plötzlich, als sie, die Sachen im Arm, die Tür schon zugeschlossen hatte, fühlte sie sich von hinten umschlungen und gewaltsam geküßt. Rudi war es, der lachend sagte, sie solle immer hübsch an den »dummen Jungen« denken. Und als sie aufschrie und ihn einen gemeinen Menschen nannte, folgten Worte von ihm, die ihr die Schamröte ins Gesicht trieben. Im selben Augenblick hatte er das elektrische Licht ausgedreht, und sie stand im Dunkeln, nachdem sie laut um Hilfe geschrieen hatte. Kaum ihrer Sinne mächtig, war sie dann weiter getappt, hatte sich allmählich zurechtgefunden und war weinend in ihrem Zimmer auf das Sofa gesunken. Aus dem Lachen in der Küche entnahm sie, daß niemand etwas gehört hatte, und so bezwang sie sich allmählich. Rasch machte sie sich zum Ausgehen fertig, gebrauchte zu dem Hausmädchen die Ausrede, daß sie Frau Roderich eine Nachricht zu überbringen habe und daß die Kinder inzwischen nicht ohne Aufsicht bleiben dürften.

»Er hat mich schon immer belästigt, ich wollte es Euch nur nicht sagen. Ich habe ihn auch stets gründlich abfallen lassen, nun aber wirst Du einsehen —.« Sie konnte nicht weitersprechen, denn zuviel stürmte in diesem Augenblick auf sie ein.

Sein Entschluß war sofort gefaßt. »Geh und erwarte mich am Eingang — Kurfürstenstraße! Ich bringe Dich nach Hause.« Sein Groll war verschwunden, nur Entschlossenheit sprach aus ihm. Plötzlich drückte er ihre Hand. »Geh, Schwesterchen, Du sollst Genugtuung haben! Solche schmutzigen Burschen müssen nach ihrem Werte behandelt werden.«

Große Liebe zu ihr sprach aus seinen Augen, denn sofort fiel ihm ein, wie sie neulich wieder an ihn gedacht hatte. Trauriges Los eines armen Leutnants, der nach außen hin glänzen mußte und die Welt nie erfahren ließ, wie oft sorgsame Frauenhände bemüht waren, ihm über die Einschränkungen hinwegzuhelfen! Und diese hier war auch eine von den Schwestern, die sich mühten, die duldeten und entbehrten, um die Uniform in der Familie stets blank und rein zu halten. Und das sollte ihr heute dreifach vergolten werden, und wenn das eigene, kaum begonnene Glück frühzeitig in Trümmer fiel.

Sie sah jetzt erst, was für Folgen ihr übereilter Schritt haben würde, und so legte sie sich aufs Bitten. Sie wolle doch lieber wieder zurückgehen in ihre Stellung und morgen dem Bankdirektor alles sagen, er solle nur ruhig bleiben.

Die Tränen neuer Angst traten ihr in die Augen.

Er aber schnitt ihr jedes Wort ab. »Das ist meine Sache. Geh und warte draußen, ich befehle es Dir. In fünf Minuten bin ich da.«

Er zwang sich zur militärischen Rauheit, reichte ihr nochmals die Hand, drehte sich kurz um und ging denselben Weg, den er gekommen war.

Er nahm nicht wieder Platz bei den dreien, sondern sagte im Stehen höflich: »Ich bitte die Herrschaften sehr um Entschuldigung, wenn ich mich sofort empfehle. Zwingende Gründe rufen mich ... Gnädige Frau, ich hatte die Ehre —. ... Herr Bankdirektor, es war mir ein Vergnügen — ... Gnädiges Fräulein, ich habe mich herzlich gefreut —.« Damit verneigte er sich förmlich vor den Eltern, und mit einer Augensprache freundlicher vor Kornelia. Er hatte bereits dem Kellner gewinkt und bezahlte.

Alles geschah rasch, mit der deutlichen Absicht, nicht mehr aufgehalten zu werden. In der Bestürzung vergaßen Herr und Frau Roderich das Essen und hatten nur kurze Worte des Bedauerns. Kornelia jedoch reichte ihm ohne Zagen die Hand und sagte: »Wir hoffen auf baldiges Wiedersehen.« Sie hätte gerne noch mehr hinzugefügt, aber ihre Stimme stockte, denn etwas Fremdes sprach aus seinem Wesen, das sie nicht begriff.

Auch Frank hatte die Empfindung, daß er wenigstens zu ihr noch mehr sagen müsse, und er wollte schon ihre Hand an die Lippen ziehen, um seinen Gefühlen stumm Ausdruck zu geben, aber er bezwang sich mit Macht. Nochmals verbeugte er sich förmlich nach drei Seiten, grüßte militärisch und ging rasch aus der Halle.

Vater, Mutter und Tochter sahen sich überrascht an und suchten nach Worten. Dann endlich sagte Frau Roderich: »Das ist doch auffallend, findet Ihr nicht? Er hat ja nicht einmal seinen Wein ausgetrunken.«

Der Bankdirektor zuckte mit den Achseln und schwieg sich aus, Kornelia aber saß wie träumend da, ohne jede Bewegung. Sie hätte ihm nacheilen mögen, denn eine Ahnung sagte ihr, daß er dasselbe Bedürfnis haben würde, wie sie. Aber so etwas schickte sich nicht in dieser Welt des Scheins, wo die glatte Form den Vortritt vor den Gefühlen hatte.

Drüben schmetterte die Militärmusik. Fanfaren bliesen den Armeemarsch Friedrichs des Großen. Draußen auf der Straße hatte sich Frank mit seiner Schwester in eine Droschke gesetzt und empfahl dem Kutscher Eile.

Sie wollten noch vor zehn bei der Mutter sein.


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