ERLEBNIS

ERLEBNIS

Der Dichter an das wunderschöne MädchenEva Fârenim „Grand Gala“, Weihburggasse:

„Sie sagten den ganzen Abend zu mir: ‚Herr Professor‘. Ja, ich bin einer. Ich lehre die Menschen nämlich seit siebzehn Jahren in meinen Büchern immer dasselbe:Seelezu bekommen! Aber die meisten bekommen nie eine. Es gibt so viele unaufmerksame und untalentierte Schüler in meiner ‚Klasse der Menschheit‘. So wie in jedem Gymnasium. Nur wenige machen einem Freude, einige plappern mechanisch nach. Aber deshalb muß man dennoch es ununterbrochen versuchen, ihnen eine Seele, wenn auch sehr allmählich, beizubringen, selbst sogar, wenn sie eine solche unbequeme gar nicht besitzenwollen, und sogar es glauben, daß es sie in ihrer sonstigenernstenBeschäftigung empfindlich störe! Ihnen freilich, allerzarteste Persönlichkeit, allerlieblichsteSchönheit, braucht man nichts mehr beizubringen! Sie haben die Seele vom Schicksal mitbekommen, diesenLeitsternin denWirrsaleneines schönen Frauenlebens! Alles, alles an Ihnen ist eigentlich nichts anderes wie „verkörperte Seele“; Seele, dieein Obdach gefunden hatin einer zarten Hülle! Alles an Ihnen ist zart, fein,nobel, unirdisch; jede Ihrer Handbewegungen, Ihrer gebrechlichen Finger, jeder Blick Ihrer Augen, der Timbre Ihrer ausländischen Stimme und die kindlich-edle Art Ihres Tanzens! Sie können, Sie wollen niemanden kränken; und wenn Sie es tun, tut es Ihnen sogleich unbedingt wieder schrecklich leid. Sollten Sie mir jedoch erwidern, daß ich mich leider irre, und daß Sie die Männer nur aussackeln und ausnützen wollen, so werde ich, ohne zu zögern, es Ihnen ins Gesicht sagen: ‚Ja, abernurdie, diekein anderes Schicksalverdienen!‘“


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