MEINE SCHWESTER

MEINE SCHWESTER

So, jetzt ist also der Mann auch tot, der allein mich noch an dem Leben festhielt. Er brauchte mich, der Mann mit den vielen geliebten Silberhaaren, dieser Jüngling von fünfundachtzig Jahren.

Ich wußte es nie, daß ich mit einem Greis zusammen wohnte.

Nie spürte man ihn, nie.

Nur, wenn man lange weg war, Besuch oder Theater, sagte er: „Gott sei Dank!, daß du wieder da bist!“ Er rechtete nie mit dem Schicksal, sondern las emsig „Quatre vingt treize“ von Viktor Hugo. Nun ist er schlafen gegangen, hinterläßt mir die Gesammelten Werke von Viktor Hugo in Prachtlederband und ein ewiges Gedenken an seine Güte. Es gibt so wenig ganz wirklich gute Menschen, und einer derselben ist dahingegangen! Ich habe noch zwei Brüder und eine Schwester. Wenn ich Krankenpflegerin geworden wäre seinerzeit, als ich zum erstenmal die Niedertracht der Menschen erlitt, könnte ich sagen, ich besäße noch alle,alleMenschen, die meinerbedürfen! So aber wird der kleine Kreis immer kleiner und kleiner. Mein Bruder rät mir, mir japanische Goldflossen-Schleierfische anzuschaffen in einer Kristallwanne, ferner einen Star und Smaragdeidechsen. Ich werde es versuchen. Es ist kein Mittel, den geliebten Greis mit den vielen Silberhaaren zu verschmerzen. Aber da manvorhandenist,mußman irgend etwas versuchen so lange, bis manvereinigtist!

Mein Bruder sagt mir, daß man diese Tiere „enttäuschungslos“ liebhaben kann und daß man von ihnen nie eventuell „ins Gesicht gespuckt wird“ dafür, daß man sie gern gehabt hat! Sie können also unsere sorgfältige Pflege, die wir ihnen angedeihen lassen,gebrauchenfür ihr zartes Leben! Gebrauchen, welches schöne tiefe Wort! Von diesem fatalen einfachenUrwortean: „Er hat sie gebraucht!“, eigentlich immerderselbe Klang! Ja, wir wollen „gebraucht“ werden! Je zarter, je nobler, je rücksichtsvoller, desto besser für uns! Aber gebraucht wollen wir werden zeit unseres Lebens! Plötzlich stehen wir durch den bösen Tod da ohne jegliche Beschäftigung. Da kommt man vielleicht sogar auf die schreckliche Idee, daßdieserHut,diesesKleid,dieserPelz wichtig wären.

Unser Vater war arm, aber reich! Viktor Hugo, sein Bauernzimmer in Aussee und seine „Trabucco“ waren ihm wichtiger als die Schätze der Welt. Von meinem Bruder, dem Dichter, verstand er so viel wie nichts, oder noch weniger. Er wußte nur, daß er ihm seinerzeit das göttliche Abführmittel „Rhamnin“ empfohlen habe, das ihm tatsächlich von 59 bis 85 jugendliche Frische verschaffte. Ich selbst bin anders. Ich betrachte meinVerständnismeines Bruders als die lichte Brücke, die mich von dem althergebrachten dumpfen Leben der bürgerlichen Vorurteile hinüberführt in eine Welt, die ich verstehe, aber der ich nicht gewachsen bin! Es ist, wie wenn man sich in einBuch vertiefte, in der Alserstraße 11, 5. Stock: „Erlebnisse iminnersten Afrika!“ In unserer Familie sind viele Welten beisammen, nur nicht die des „äußeren Glanzes“! Wir alle leben immer nur unser „höchsteigenes“ Leben, zur Verzweiflung derer, die gar keines haben! Der Dichter mußnichtmit denWölfen heulen, aber wirmüssenmit den Menschensprechen!


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