Der Thurmbau zu Abelsberg.
Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Thürme, so wollten die Abelsberger an der ihren auch zwei Thürme haben.
Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte oben ein Kröpflein, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften trieben, und hatte ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, die den Schlaraffen von Abelsberg zu Lieb’ kurzen Tag und lange Nacht machte. Die Nacht aber ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind sie beim Zeug. Ihr „Zeug“, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und wieder der Schoppen, und um sechs Uhr Abends ist zu solchem Tagwerk der Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend, und Jeder geht gleich am Abend nicht gern heim, Mancher bleibt noch gern ein wenig „in die Nacht hinein“.
So schöne Zeitrechnung macht der Thurm mit seinen Glocken und mit seiner Uhr. Darum giebt es Leute zu Abelsberg, die sagen: „Wenn’s bei Einem Thurme schon so schön ist, wie müßt’s erst sein, wenn wir zwei Thürme hätten!“
Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Thurm wäre schon recht, aber nur zur Ehre Gottes.
Im Rathe aber saß ein Lästerer, der sagte: „Ich stimme nicht für zwei Thürme, jeder Ochs hat zwei Hörner.“
Der mußte auf der Stelle abdanken.
Alle Anderen wollten einen zweiten Thurm; so stand Einer auf und sprach das Wort: „Geld zusammenschießen!“
Der Mann mußte abdanken.
Endlich hielt ein Dritter eine Rede und sprach: „Wenn, meine Herren, jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird mein erster Herr Vorredner auch zwei Hörner haben —“
Der Mann wurde mit einem „nichtendenwollenden“ Applaus unterbrochen; nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: „Und wenn, meine Herren, der Thurm zur Ehre Gottes erbaut werden soll, so kann und darf das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig! (Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Thurm zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel zum Thurmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in der Kirche an jener Seite, wo der zweite Thurm sich erheben soll, ein Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag. Die Verwaltung der Opfercasse darf unbedenklich unserem ehrenwerthen Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.“
Ueber solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten allsogleich zum Burgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch nicht um.
Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Thurmes wurde in der Kirche aufgerichtet; der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch wurde zum Cassenwart gemacht — und so war der Same gelegt zum Thurme, der sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einem Köpfchen, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften treiben, mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht.
Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche Mann kam — auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für einen Thurm Gottes.
Der Küster waltete treu seines Amtes und war — nebstbei gesagt — nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen — stand ja doch der „goldene Hirsch“ offen zu jeglicher Stunde. Jener goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede verherrlicht hatte: „Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirth zum „goldenen Hirschen“ eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden. Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!“
Der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen eben nicht schwer — ihm war das Trinkenschon lieber, als das Küssen — so trank er und trank wie ein Abelsberger.
Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es — wie er so schön sagte — „vom Zechen zum Blechen kam,“ daß er sein Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem Weibe. Bevor er aber noch den „goldenen Hirschen“ um einen Credit angehen will bis auf morgen — eigentlich nur bis auf heute — bis er nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt — entdeckt er in seiner Hosentasche das Opfergeld für den Thurmbau, das er Tags zuvor erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu thun pflegt. Das reicht für die Zeche — es bleibt sogar noch etwas übrig.
Was? Uebrig bleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht nachsagen. Was nützt die Thurmspitze, wenn der Thurm versoffen ist! „He, Wirthshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.“
Und als es morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war — der letzte Knopf vom Thurmgeld — da stand der Küster Thomas Reckenschlauch auf. That aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder umfallen. Indeß, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu sehr rechts, um später ein bißchen zu viel nach links abzuschwenken. Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging und starrte auf den Kirchthurm hin und begann zu kichern. — „’s ist richtig“, stammelte er, „das Thurmgeld — er steht schon — der zweite. Ach — der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi! Zwei Thürme auf der Abelsberger Kirchen!“
Und taumelte entzückt nach Hause.
Eine angenehmere und billigere Bauart giebt’s nicht. Und nachdem nun der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch die Entdeckung gemacht hat, wie man in Abelsberg Thürme baut, so soll es nicht allzuselten geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat — und daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten Thurm neben dem ersten stehen sieht.
Und der Küster räth es Jedem, der in Abelsberg zwei Thürme haben will: „Geh’ hin und thu’ desgleichen!“