Das reiche Jahr eines Abelsbergers.
Es hat eine Zeit gegeben, da die Ober-Abelsberger Bauern über alle Maßen gescheit gewesen sind. Dann später kam die Schule, und die hat das gute Volk recht heruntergebracht. Da haben sie die Jahre her so höllisch viel gelernt, daß sie jetzt nachgerade gar nichts mehr wissen.
Oder erkennt es heute in der Sylvesternacht Einer, was für ein Jahr kommen wird? Ich glaube nicht. Die alten Ober-Abelsberger hingegen haben es aus den Zeichen erkannt, denn dazumal hat man an die Zeichen noch geglaubt und weil man daran geglaubt hat, so sind sie auch zugetroffen. Heute geschieht kein Wunder mehr, weil sich die Leute nur darüber lustig machen würden.
Einstmals hat man die Offenbarungen geehrt; und es ist nicht etwa, daß ich den schönen Namen erdichte, er hat wirklich so geheißen, der Eberhard Weisheit. Und hat den Namen verdient, denn er war der weiseste Bauer im Ober-Abelsberger Gau.
Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet und gehalten, hat in der Christnachtseine Ochsen mit Weihrauch beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Sylvesternacht auch auf den „Kreuzweg“ gegangen, um unter Gebet und frommen Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge sei.
Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser giebt, denen man die Sache des Langen und Breiten erklären soll und noch froh sein muß, wenn sie überhaupt dazu stillhalten.
Wenn man in der Sylvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann Einem auf diesem Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet, dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal um’s Geldsäcklein winden, denn es kommt ein schlechtes, armes Jahr. Wenn hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter schwerer Last daher keucht, dann soll man lustig in’s nächste Wirthshaus eilen und sich selbst zur nachtschlafenden Stund was Gutes anthun, wohl auch Anderen was zukommen lassen, denn es wird Alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches Jahr.
Also war’s in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und wo auch richtig ein hölzernes Kreuz stand, bei dem es nicht selten gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund vor die Thür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E—Eberhard Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus Schnee und Sturm gemacht.
Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern.
Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Turnierplatz gewählt hätten. — Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr — was wird es bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird’s wissen und wird still sein.
Siehe — dort kommt schon was! — Ein schwarzer Punkt im Gestöber, langsam bewegt er sich, doch kommt er näher und näher. ’s ist ein schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter großer Last tief gebeugter Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine Schultern schmiegt, und wankt vorüber.
Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen, und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin und her und entschied sich endlich für das Bachwirthshaus. Denn dort pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam, sah er vor dem Hause am Troge, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube.
„Noch spät auf?“ sagte der Wirth.
„Schon früh auf!“ antwortete der Eberhard.
„So wünsch’ ich glückselig Neujahr!“
„Hat sich schon angemeldet. Bring’ mir eine Maß auf einmal, Wirth, und da draußen vor dem Haus rastet Einer, dem schick auch einen Krug voll hinaus. Er hat’s wohl verdient, und ich bin der Zahler.“
Wenn er der Zahler ist, so wird er an seinem Tisch nicht allein sitzen bleiben müssen. Lustig geht’s her und draußen trinkt Einer den Krug aus und denkt: Das neue Jahr hebt nicht schlecht an, der Wein hat mich wieder rechtschaffen stark gemacht und jetzt, meine liebe Sau, jetzt gehen wir’s wieder an.
Lud frisch auf und hastete weiter.
Am nächsten Morgen, als der Eberhard Weisheit endlich nach Hause kam, trat ihm nichts Erfreuliches entgegen. Die Knechte stöberten in der Umgebung des Hauses herum und suchten im Schnee nach Spuren; die Hausmutter weinte, und schrie: „Meine Alte! ’s ist noch keine so feist gewesen, seit ich im Haus bin, und just die muß er mir holen. Aber wart’, wart’, Dieb, wenn ich Dich unter die Finger krieg’! Ich will Dir sagen, was im Weisheithof eine Sau kostet.“
Da fragte der Eberhard etwas befangen und unsicher, was denn los sei?
„Ja!“ rief das Weib, „mit Dir habe ich auch was zu reden! Was hast Du in den Nächten außer Haus herumzustromern? Aus dem Wirthshaus kommst, merk’ ich! So! da hast einen Denkzettel dafür! Und jetzt laß Dir sagen, daß sie uns heut’ über Nacht die beste Sau im Stall gestochen und fortgeschleppt haben. Die Spur geht über die Steinheide gegen den Kreuzweg und weiter hin hat sie der Schnee verweht. Was willst jetzt, wenn der Fasching kommt, für ein Fleisch essen, möcht’ ich wissen! Wo wirst den Speck nehmen! Na, ich sag’s: das neue Jahr hebt schön an!“
Jetzt hat der Eberhard sich einen schlichten, zweisilbigen Namen gegeben, hat sich vor die Stirne geschlagen und hat weiter kein Wort mehr gesprochen. Es ist dazumal nicht laut geworden, daß der Eberhard Weisheit in jener Sylvesternacht am Kreuzwege seinen Schweinsdieb für das reiche Jahr gehalten hatte und ihn beim Bachwirth mit Wein tractiren ließ. Aber, wenn seither die Rede ist vom Kreuzweg und was man auf demselben für Offenbarungen haben könne, schlägt sich der Eberhard sachte seitab. Nach wie vor hält er der Väter Glauben in Ehren, bleibt in der Sylvesternacht aber hübsch daheim und sperrt den Schweinstall zu.