Das Mirakelkreuz.

Kopfstück SommerabendeDas Mirakelkreuz.

Kopfstück Sommerabende

Eine dramatische Idylle.

Personen:

Brandsteiner, Besitzer eines Bauernhofes.

Rosel, seine Tochter.

Peter, Großknecht bei Brandsteiner.

Abendliche Gebirgsgegend. Rechts ein dichtverzweigter Baum, an dessen Stamm ein Marienbild in Form der Martertafeln hängt. Im Hintergrunde Wiesengelände, ganz rückwärts Hochgebirge.

1. Scene.

Rosel

(kommt von rechts in schmucker, aber nicht zu bunter Bauerntracht, Kittel von blauer Farbe, Schürze braun und weiß gesprenkelt, mit Kopftuch, in Hemdärmeln, welche über den Ellenbogen zurückgestreift sind. Einen Heurechen über der Achsel.)

Wär’s halt in Gott’snamen wieder Samstag und Feierabend. Und für mich schon gar, für mich hat die Werktagszeit jetzt ein End’ und der Feierabend, der anhebt, dauert wer weiß wie lange.

(Man hört einige jauchzende Töne einer Flöte).

Ja, da steht er beim Zaun und bläst die Seitenpfeifen.

Peter

(aus dem Hintergrunde rechts. In Gebirgstracht: Hohe Bundschuhe, grüne Strümpfe, Lederhosen hellrothen Brustfleck mit grünem Hosenträger, grünem Hut, in Hemdärmeln, eine Heugabel über der Achsel, die Flöte in der Hand).

Mein tausendliebs Pfeiferl, wenn du einmal jodelst, so tanzen alle Heuschöber, so fangen alle Engel im Himmel zu hupfen an.

(Auf den Baum spähend.)

Meine Drosselschlingen da oben. Leer ist sie. Meinetwegen, der Vogel gehört ja in die freie Luft, dazu hat er die Flügel. Unsereins hat eh’ keine Federn. Unsereins — bei meiner Treu, wenn ich der lieb’ Herrgott wär g’west, wie wollt’ ich aus so einer ellenlangen Wochen kamod sechs funkelnagelneue Sonntäg g’macht haben und den siebenten hätt’ ich als Draufgab geben. — Jegerl, die Rosel! Was guckst denn alleweil in’s Gras hinein? Weißt heut’ kein saubers G’sangl?

Rosel.

Sollst es gleichwohl wissen, daß es mir die Stimm’ verschlagen hat.

Peter(lustig).

Stimm’ verschlagen!

Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n,So thät ich blasen und Zithern schlag’n,Die Samstagnacht, die Samstagnacht,Wo jede Grill’ ihr Liedel singt,Wo jeder Bua zum Dirndl springt,Wo jeder Heuschreck Musi macht!

Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n,So thät ich blasen und Zithern schlag’n,Die Samstagnacht, die Samstagnacht,Wo jede Grill’ ihr Liedel singt,Wo jeder Bua zum Dirndl springt,Wo jeder Heuschreck Musi macht!

Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n,

So thät ich blasen und Zithern schlag’n,

Die Samstagnacht, die Samstagnacht,

Wo jede Grill’ ihr Liedel singt,

Wo jeder Bua zum Dirndl springt,

Wo jeder Heuschreck Musi macht!

Rosel.

Ich bitt’ Dich gar schön, hör’ mir auf, ich kenn’ mich nit aus und ich mag auch Dein’ Seitenpfeifen nit leiden; ’s thut mir davon der Kopf so weh und ’s hebt mir die Brust zu zittern an. (Für sich:) Mein Herz möcht’ zerspringen, hör’ ich ihn spielen!

Peter.

Nu halt ja, wenn Du schon wehleidig bist, kann’s ja lassen!

(Steckt die Flöte in den Hosenträger.)

Aber jetzt in gescheiter Weis, Dirndl, hast Dir’s überlegt? Schau, laß mich nit mehr lang’ fragen und warten, beim Warten kriegt gar der ewige Jud weiße Haar. Schau, Roserl, für was wären wir denn zusammen aufg’wachsen, für was thät ich dienen in Dein’ Vater sein’ Haus, für was thät ich mein klein derspart Sachel nit glei vertrinken und verspielen, wenn ich nit alleweil auf was G’scheiter’s thät warten. Wenn ich Dich nit wüßt’, wär’ ich schon lang’ ein Lump! Schau, Roserl!

Rosel.

Red’st aber heut’ wieder unbesinnt daher. Hast ’leicht geschlafen seit Peter und Pauli?!

Peter.

Nu, ich glaub’ nit!

Rosel.

Und hast es nit g’hört singen von den Spatzen auf dem Dach? Sollst es wohl wissen, ich geh’ in ein Haus, wo alleweil Sonntag ist.

Peter(lustig).

Du, Roserl, da nimm’ mich mit!

Rosel.

Ja, Du Hupfinsfeld, Du thätst just passen hinein. — Daß ich Dir’s sag’, Peter, wir haben nichts miteinander zu schaffen — ich muß in’s Kloster.

Peter(ironisch).

Geh! In’s Kloster willst! Hast Recht, dort brauchst nit zu schwitzen im Heu’n und beim Kornschnitt, dort hast ein’ Schatten.

Rosel.

Wärst ’leicht Du auch mein Feind, der mir das noch schwerer machen möcht’, was ich so schon kaum ertragen kann. —

Peter.

Wer mehr tragt, als er mag, der ist ein Narr, hat mein Vater gern g’sagt. Wirf’s ab, was Dich druckt, gleich ist Dir leichter. — In’s Kloster, bei meiner Treu, was die Leut’ heutzutag’ für närrische Gedanken kriegen! — Schau, Roserl, daß ich Dir’s sag’, Du bist eine saubere, eine rechtschaffene Dirn, Du arbeitest für Drei und denkst für Zehn. Wie der lieb’ Herrgott Deine Händ’ erschaffen hat, da hat er nit gemeint, daß Du mit denselben alleweil den Rosenkranz wutzeln sollst und wie er Dir den Kopf aufgesetzt, hat er an eine rührsame Hauswirthin denkt, und wie er Dir Dein Herzerl eingelegt — Roserl, denk nach, was mag ihm dabei eingefallen sein? — Bei meiner Seel’, schad’ wär’s um Dich!

Rosel.

Meinst ich hätt’s nit auch schon bedacht? Aber es bleibt mir kein Ausweg — ich bin verschenkt. Mein Vater hat mich in einer bösen Stund versprochen in’s Haus Gottes hinein; wenn er jetzt sein Wort wieder zurücknehmen wollt’, so könnt’ er ’leicht Schaden nehmen an seiner armen Seel’. Ich selber will mich nicht fragen, will mir denken, die Kirchenglocken klingen tausendmal schöner, als die Kühglocken — — freilich wohl, meine lieben Küh auf der Weid’, und gar du, meine Schecklo — wie ich dich vergeß, das weiß ich nicht. Wer bringt dir den Klee, wer wird’s bedenken, daß du den Sauerampfer nit magst, wer legt dir die Streu, wie’s dir recht ist!

Peter.

Und meinetwegen schaust ’leicht gar nit um? ’s kann sein, ’s hätt’ mich mein Vater auch verschenkt — und Roserl, ich geh’ mit Dir!

Rosel.

Möcht’ wissen, für was Eins Dich brauchen thät!

Peter.

Weißt, Dirn, ’s gibt kein Käferl auf der Gassen und kein Steindl auf der Straßen, das kein Anwerth hätt’. — Zu was Eins mich brauchen thät? — Die Meßnerei studir’ ich! Du singen und beten in Deiner Zellen, ich dazu den Glockenstrick reißen von Früh’s Morgen bis in die späte Nacht hinein — Du, wir thäten was ausrichten! Spaß und Ernst, Roserl, mich bringst nimmer weg von Dir! So schau, magst mich denn gar nit?

Rosel.

Wennst wegen dem meinst, grad feind will ich Dir nit sein. Wennst kein dalkerter Bub wärst — ein anderer statt Dein thät das recht Steigl ’leicht gar noch finden.

Peter.

Blind bin ich auch nit, Gott sei Dank, und Dein Sperreden kunnst justament lassen.

Rosel.

Ein Anderer thät statt mit der armen Dirn — mit’m Vater reden.

Peter(jauchzend).

Das hab’ ich ja gewußt, daß Du mein Herzkäferl bist! Mit dem Alten komm’ ich schon auf gleich!

(Rechts ab.)

Rosel(allein).

(Ihm nachblickend.) Wenn er zu früh schreit, so fürcht’ ich, er wird zu früh heiser. (Sinnend.) Sauber gewachsen ist er — na, da steh’ ich und hab’ närrische Gedanken und vergeß’ auf meine Küh. Ich seh’s schon, ich taug’ nimmer auf d’Welt. — Die Schecklo wird freilich wohl dreinschauen! Will ihr’s schon auseinandersetzen, sie ist a g’scheit’s Vieh, wird’s einsehen. Je, heut’ sind meine Küh noch all’ oben im Waldschlag. Soll ich ’leicht wieder ’s Heimgang-Liedl singen, daß sie mir kommen? Hart ankommt’s mir heut’, das Singen, aber na:

Das Landleb’nHat Gott geb’nSo heiter und froh,Darum preisenDie WeisenDas Landleb’n so hoch!Auf den Bergen,In den Thälern,Auf den Wiesen im Grün,Da fliegenKleine EngleinMit Röselein hin.Sie kommenWohl her ausDem himmlischen Paradeis,Sie bringenDie BlümleinDem Landleb’n zum Preis.

Das Landleb’nHat Gott geb’nSo heiter und froh,Darum preisenDie WeisenDas Landleb’n so hoch!Auf den Bergen,In den Thälern,Auf den Wiesen im Grün,Da fliegenKleine EngleinMit Röselein hin.Sie kommenWohl her ausDem himmlischen Paradeis,Sie bringenDie BlümleinDem Landleb’n zum Preis.

Das Landleb’nHat Gott geb’nSo heiter und froh,Darum preisenDie WeisenDas Landleb’n so hoch!

Das Landleb’n

Hat Gott geb’n

So heiter und froh,

Darum preisen

Die Weisen

Das Landleb’n so hoch!

Auf den Bergen,In den Thälern,Auf den Wiesen im Grün,Da fliegenKleine EngleinMit Röselein hin.

Auf den Bergen,

In den Thälern,

Auf den Wiesen im Grün,

Da fliegen

Kleine Englein

Mit Röselein hin.

Sie kommenWohl her ausDem himmlischen Paradeis,Sie bringenDie BlümleinDem Landleb’n zum Preis.

Sie kommen

Wohl her aus

Dem himmlischen Paradeis,

Sie bringen

Die Blümlein

Dem Landleb’n zum Preis.

(Links singend ab.)

2. Scene.

Der Brandsteiner

(tritt von links auf. Hohe Bundschuhe, weiße, grobwollene Strümpfe, verblaßte Lederhose, braune Weste mit grünem Hosenträger, blaues Barchentjäckchen, auf dem schon halb ergrauten Haar eine buntgestreifte Zipfelmütze, deren Quaste über die Achsel herabgeht. Der ganze Anzug muß abgeschossen aussehen, weil er das Werktagskleid ist. Der Mann ist eine rauhe, derbe Gestalt, die Bewegungen sind ungelenk und sehr langsam. — Er hat ein kurzes Pfeiflein im Munde und schlägt mit Stein und Schwamm Feuer.)

(Murmelnd.) Schon eine sakrische G’schicht das! Sein Lebtag zu früh soll sich Eins nichts vornehmen. Wie wenn er mir’s z’Fleiß thät, der dort oben! Von morgen ist der reich’ und angesehen Brandsteiner allein auf sein’ Hof. — ’s Weib liegt im Freithof, die Dirn ist davon. — Wennst nit brennen willst, so laß’s bleiben, bitten werd’ ich dich nit!

(Schleudert Stein und Schwamm von sich.)

Die Dirn sagt mir nit ja und nit nein. Irr kunnt Einer werd’n. — Aber er hat Recht, mein Bruder, der Pfarrer, was a Schickung ist, ist a Schickung; gegen unsern Herrgott kommt Einer nit auf, der geht sein’ eigenen Kopf nach — alleweil sein’ eigenen — und ’s wird schon ’s Beste sein.

(Man hört von rechts auf einer Flöte ein lieblich-melodisches Lied.)

Blast mir der Bua schon wieder das G’sangl — er kann’s halt nit lassen. Weil — (bewegt) weil mir ’s Wasser in die Augen kommt — was ich einmal nit will. Ich muß mein’ Mann stellen. Aber Gott tröst’ Dein’ Seel’, mein lieb’s Weibl, ’s ist halt Dein G’sangl, hast es alleweil gar so, gar so gern g’sungen.

(Peter tritt auf.)

Hab’ nichts dagegen, Bua, wannst das Stückl blast,kannnichts dagegen haben, aber in Ehren halt mir’s und nit zum Gspaß und Zeitvertreib brauch mir’s! Weißt, Peter, Du wurd’st mir’s nit glauben, aber richtig ist’s: Das Stücklund Liedl hat mich und mein Weib z’sammbracht vor fünfundzwanzig Jahren und wie oft, wie oft haben wir’s nachher gesungen miteinand, bis der Schaufelmann den Takt dazu geschlagen hat und — (unwillig) ei, geh’ mir weg, mag gar nit d’ran denken!

Peter(für sich).

’s Eisen wär warm.

Brandsteiner.

In so weit recht, daß D’ da bist. (Vertraulich.) Laß was red’n mit Dir, Peter! Hab’ Dir sagen wollen, daß Du morgen um eine neue Dirn umschaust.

Peter.

Dirn? Für wen?

Brandsteiner.

Bei wem bist denn? Ich brauch’ eine Dirn für’s Haus, für den Stall. Frag’ um, morgen auf dem Kirchplatz!

Peter(trotzig).

Das thu’ ich nit.

Brandsteiner.

Um eine handsame, fleißige, kennst Dich ja aus bei dem Weibervolk. — Was schaust denn so sauer, hast ein Wespennest g’schluckt?

Peter.

Acht Jahr hab’ ich Euch gedient, Bauer, und Ihr seid zufrieden mit mir gewesen. Ich weiß recht gut, was einem Knecht ansteht, heut’ aber — Brandsteinbauer, ich verlang’ meinen Feierabend, und für den Sonntag laß’ ich mir nichts schaffen. Daß ich Euch um eine Dirn umschau, das thu ich nit!

Brandsteiner.

Du Tollpatsch, was hast denn?

Peter.

Weil ich keine find’ für die Rosel, weil keine gewachsen ist in der Pfarr’ für die Rosel, weil auf der Welt keine mehr aufsteht für die Rosel, weil es eine Sünd’ und Schand’ ist, Bauer —

Brandsteiner(heftig).

Bist mir still!

Peter.

Nein, ich red’. O, jetzt ist Feierabend, jetzt bin ich mein eigener Herr und nicht Euer Knecht und ich trau’ mich wohl, daß ich Euch sag’: Wenn Ihr die Rosel in das Kloster schickt, so habt Ihr kein Gewissen und kein Herz im Leib, so betrügt Ihr den Herrgott im hohen Himmel oben, so raubt Ihr Euch selber aus, so bringt Ihr auf eine saubere Manier Eure Tochter um’s Leben. Und ich bleib’ kein’ Stund’ mehr in Eurem Haus und ich geh’ zum Gericht und verklag’ Euch, und ich geh’ zum Pfarrer, daß er Euch nit losspricht bei der Beicht, und ich bitt’ meinen Namenspatron, den heiligen Petrus, daß er Euch zur letzten Stund’ die Himmelsthür versperrt und ich — bei Gott und allen Heiligen, das größte Unrecht ist’s auf dem weiten Erdboden!

Brandsteiner.

(mit den Händen seinen Kopf haltend).

Sie verfluchen mich! Und ich kann’s nit ändern, bei meiner armen Seel’, und wir wissen uns All’ miteinander nit zu helfen!

Peter(dumpf).

’s ist mir so herausbrochen, Bauer, und wenn Ihr mich niederschlagt und wenn wir zu Grunde gehen All’ miteinander — mir schon alleseins. Sagen hab’ ich Euch’s müssen.

Brandsteiner(milder).

Kunnst ’leicht mein bester Freund sein, Peter, meinen thät’st es nit schlecht, aber versteh’n thust es nit. Ich versteh’s ja selber nit, ’s ist Keiner auf der Welt, der ’s wenden kunnt. Schau an dieses Kreuz auf dem Eichbaum, da hab’ ich’s gelobt, vor fünfundzwanzig Jahren, daß die Rosel in’s Kloster geht.

Peter.

So eine Lug reden, Bauer, das steht Euch gar nit gut an. Vor fünfundzwanzig Jahren habt Ihr noch gar keine Rosel gehabt. Ich weiß ihr Alter recht gut!

Brandsteiner.

Schreist auch gleich so herrisch dazwischen, wie ein Unhold. — Weil wir schon reden, laß’ Dir’s erzählen. Steht Dir gut an, wennst ihm zuhörst, dem alten Mann, hast ja selber noch nichts erfahren. Zu derselben Zeit, wie ich im heiligen Brautstand gewesen bin, da ist unten auf der Bachwiesen, wo Ihr heut’ das Heu habt geschöbert, noch der finstere Wald gestanden und die ganze Gegend herum ist eine halbe Wildniß gewesen. Rechtschaffen gern bin ich gangen zu meiner Braut in’s Dörfel hinab und oft ist schon die stockfinster Nacht da, wie ich heraufsteig zu mein’ Haus. Da ist einmal, kannst mir’s glauben, Peter, dieselbe Stund’ geht mir mein Lebtag nit aus dem Kopf — ist einmal, wie ich so daher trott, hinterrücks ein ketzermäßiges Pfnausen gewesen— saust mir ein großmächtiger Bär nach. Ich, das weißt, heb’ Dir an zu laufen, verlob’ mich in der Geschwindigkeit auf den Luschariberg, aber das Haus mag ich nit mehr derreichen. Just, daß ich noch zu rechter Zeit den Baum dort derlang — mich hinaufstemm, ist das Schindvieh schon da. Morgen zeig’ ich Dir den Schuh, Peter, wo er hineingebissen hat; aber nit grad den Schuh, den Fuß hätt’ er auch gern noch dazubeißen mögen. Ich in der Todesangst mach’ das heilige Vornehmen: Ein geweihtes Kreuz laß’ ich aufrichten auf diesem Baum, daß Jeder, der vorbeigeht, sein Vaterunser betet. Aber der Bär, wild wie ein höllisches Thier, hat brummt und brüllt und seine Augenräder haben gefunkelt, daß es ein Graus war. Gewühlt hat er im Erdboden und gescharrt an der Baumrinden, daß die Fetzen sind geflogen und — Jesus, Peter, wenn Du das gesehen hätt’st! Zu steigen hat er ang’hebt hinauf nach dem Stamm und ich hab’ sein gluthheißes Schnauben schon g’spürt in allen Gliedern. Ich wohl gleich dem Wipfel zu, aber die Bestie mir nach und alle Aeste haben sich bogen. Herrgott in Dein’ Reich! schrei ich, wenn ich Dir schon die heilige Kirchfahrt verricht’ auf den Luschariberg, wenn ich Dir schon das Kreuz aufstell’ zur Ehr Deines bittern Leidens — was willst Du noch! Was soll ich Dir geben, daß Du mich errettest aus dieser Noth! — Sterben, mein Peter, sterben will halt kein Mensch, und doch gar zu bitter wär’s im glücklichen Brautstand! Da fällt mir’s ein in der höchsten Bedrängnuß: Mein Kind, meinen Erstgebornen schenk’ ich Dir, Du himmlischer Herr! — — (Ruhiger): Und schau, wie ich das Wort so hab’ ausgerufen, da hör’ ich schon die Leut’ vom Haus, wie sie herbeieilen und es blitzt schon der Schuß und das wilde Ungeheuer kugelt zusammen. — Das ist der letzte Bär gewesen, den siein unserer Gemein erschossen haben. — Die Kirchfahrt hab’ ich verrichtet, das Kreuz hab’ ich aufgestellt am Baum — jetzt hab’ ich noch das Letzt’ zu thun.

Peter.

Ihr seid gut an mit unserem Herrgott, Brandsteinbauer, und ich halt, es läßt sich ein vernünftig Wörtl mit ihm reden. Bin der Meinung, daß, wenn Ihr ihm sagen thät’s, ’s wär’ Euer einzig Kind; Ihr hättet ihm den Erstgebornen versprochen und nit den Letztgebornen — so wär’ ich der Meinung — —

Brandsteiner.

Ja, Peter, wenn ich’s wissen thät, daß er nit etwa Unrecht verstund’. — Wenn’s ein Bübel gewesen wäre, mein Erstgeborner, nu, so hätt’ ich ihn in die Studie geben, wäre ein geistlicher Herr worden, wie mein Bruder, der Pfarrer; das hätt’ sich geschickt und hätt’ uns Ehr’ bracht. Weil’s aber ein Dirndl hat sein müssen, so heißt’s mit ihm in’s Kloster hinein. Weiß mir keinen andern Weg.

Peter.

Nu, halt ja. Weil wir denn schon so von der Rosel reden, ’leicht geht sie ungern fort von heim und von ihrem Vater — leicht ist sonst auch noch wer da, den sie nicht gern verläßt — weil’s in so einer G’mein allerhand Leut’ giebt. ’s kunnt sich wunderlich schicken, daß ich selber so Einen wissen thät.

Brandsteiner.

Bist ein herzensguter Bursch, Peter!

Peter.

Gelt! Nu, nachher kunnt ich ihn ja nennen.

Brandsteiner.

Aber zeitweis steckst Du Deine Nasen ein wenig weiter, als sie lang ist. Die Rosel weiß, wie’s steht, ist ihr Lebtag ein frommes Kind gewesen und thut’s vom Herzen gern.

Peter.

Nu ja, Bauer, hab’ halt gemeint, weil ich just dabei bin, daß ich mich ausred’ —

Brandsteiner.

Gar nit vonnöthen, Peter. Wenn ich in der Wirthschaft Deinen Rath brauch’, so laß’ ich Dich schon rufen. Was ich aber mit mir und mein’ Kind abzumachen hab’, dafür weiß ich meinen Bruder, den Herrn Pfarrer. Der versteht’s. ’s ist ein Glück für die Rosel, sagt er, wenn sie so der Welt Gefahr entflieht. Und Gottes Braut zu sein, da kann kein Mensch auf Erden höher steigen. Freilich wohl wird’s richtig sein. Unsereins hat nit studirt und kann sich die Sach’ nit so auslegen.

Peter.

Und Ihr wollt Eure alten Täg in der Einschicht verleben und der große alte Brandsteinerhof soll in fremder Leut’ Händ’ kommen?

Brandsteiner.

Der Mensch hat sein Leben vom Herrn, hat seine Kinder vom Herrn, hat sein Vermögen und Alles vom Herrn. Ich opfer’ das meine wieder auf zu seiner Ehr’. Dieselb’ Meinung hat auch mein Bruder, der Herr Pfarrer. — Du aber, Peter, laß’ Dir kein graues Haar wachsen, wir führen derweil die Wirthschaft fort und das Korn wird geschnittenauch ohne die Dirn. Vergiß’ auf morgen nit, was ich g’sagt hab’!

(Neigt sich, aber nicht auffällig, vor dem Kreuz, rechts ab.)

Peter(allein).

Das Korn wird geschnitten auch ohne die Dirn. — (Sich auf die Stirne schlagend.) Warum, du dalkerter Bub’, hast ihm’s nit gesagt, wasnitsein wird, ohne die Dirn! Warum, du Blödling, hast ihm’s nit g’sagt, daß du morgen vom Haus gehst und zu den Soldaten, daß du dich niederschießen laßt auf dem weiten Feld, weil du ja so kein Heimatland hast und keinen Werth, weil keine Glückseligkeit mehr sein soll auf der Welt, weil der Mensch nur z’weg ist, daß das Korn geschnitten wird! (Auf das Kreuz hinblickend.) Das Mirakelkreuz! Weil’s dahier einen Bären niederbrennt haben. Soll ’leicht gar noch ein Vaterunser beten davor? Ich brauch’ Dich nit! (Spöttisch.) Und boshaft ist er auch noch! Nit nur, daß er das kindisch’ Gelöbniß nit hätt’ sollen annehmen, schenkt er dem Bauer nur ein einzig’ Kind, und ein Dirndl dazu, damit nur Alles recht zuwider hergehen soll. Ah, meinetwegen! Mag mit dem Herrgott keine Händel anfangen; er wird’s schon einmal einsehen. (Ein Geräusch auf dem Baum.) Aha, jetzt hat’s Einen! Armes Flederl, g’rad zum Feierabend hat’s Dich erwischen müssen. ’s mag Eins aus dem Erdboden kriechen oder in den Lüften fliegen, vom Unglück, vom Unglück ist halt Kein’s frei. ’leicht hast gar wollen Dein’ Schatz aufsuchen im Laub. Nu wart, Kleiner, für heut’ schenk’ ich Dir’s. Und ein andermal sei gescheit und geh’ nimmer in die Fallen.

(Steigt auf den Baum.)

3. Scene.

(Es beginnt zu dunkeln. Im Hochgebirge des Hintergrundes dämmert nach und nach ein Alpenglühen auf. Man hört von der Ferne das Geschelle der heimziehenden Heerde.)

Rosel

(tritt links auf mit einem Blumenstrauß).

(Gegen die Coulissen gewendet.) Geh’, Schecklo, geh’, Alles mußt auch nit haben. Das Sträußl kriegst mir heut’ nit, das kriegt wer Anderer. (Zu sich:) Hart genug kommt’s mir an, und bei meiner Treu’, ich bin eine kindische Gredl! Aber probirn thu ich’s doch. Zu der ich jetzt geh’, die hat einen heiligen Namen. Die Trösterin der Betrübten will ich sie heißen, ’s kunnt sein, es ging doch gut aus. Für Uebel nehmen kann sie mir’s nit. — Schecklo, ’leicht bleiben wir nachher beinand’. — (Zagend gegen das Kreuz.) Wenn ich wissen thät! — Das Mirakelkreuz ist’s freilich wohl; Herrgott ist auch keiner d’ran. Ja, wenn ich wissen thät! — All’ mein Lebtag hab’ ich die Red’ g’hört, vor einem Kreuz ohne Herrgott thät auch ein sündhaft Gebet was derlangen. — Beim Herrgott richt’ ich nichts aus mit meiner Bitt’, dem hat’s mein Vater versprochen. So schleich ich jetzt zu unserer lieben Frau. — Nein, aber — wenn ich wissen thät! —

(Tritt ganz zum Bilde und beginnt es langsam mit den Blumen zu zieren.)

Weil heut’ die heilige Samstagnacht, so hätt’ ich Dir die Blümlein bracht, Nagerln sind’s und Rosmarin und Herzenstrost und Immergrün und Vergißmeinnicht zur schönsten Zier, Du liebe Jungfrau Maria! Nit, daß ich’s sag’, aber wie Du bist, giebt’s gar keine schönere Frau im Himmel und auf Erden. Und die Röselein stehen Dir gar so gut; wer wird sie bringen und wer wird Dich zieren, wenn ich nimmer bin? Ich hätt’s gethan mit Sorgen und Freuden,aber ich muß ja fort in’s Kloster gehen. Ich hoff’ Dich wohl auch dort zu finden, aber so finster ist dasselbige Haus, daß ich mein’, ’s kunnt Dir leicht lieber sein in der schönen guldenen Welt, unter dem grünen Baum. Wie wollt’ ich dableiben bei Dir und zu jeder Samstagnacht ein Kränzlein winden. — Nachher, wenn ich’s bedenk’, daß mit der Zeit auch mein Vater alt wird und schwach — möcht’ wissen, wer ihm beistünd’ in seiner Mühsal! — Und deswegen, in’s Kloster will ich halt nit gehen. Mein’ Vater getrau ich’s nit zu sagen, der hat’s mit dem lieben Herrgott schon Alles ausgemacht. Und weil mir so angst und bang ist, so komm’ ich zu Dir, Maria rein, und thät Dich bitten zu tausendmal, daß Du meinetwegen redest mit Deinem Sohn. Du, wenn Du willst, bringst es leicht zuweg, daß der Handel wieder zurückgeht. Und das soll er bedenken, Dein lieber Sohn Jesus, wenn er schon einmal sovielgethan hat, daß er den Leuten zu Lieb’ am Kreuz gestorben ist, so wird er sich wegen meiner Bitt’ schon auch nit aufhalten. Er steht auf mich nit an. Ich bin eine einfältige Dirn, beim Beten schlaf’ ich ein und bin gar sündhaft noch dazu, und in’s Kloster, ich sag’s rund heraus — in’s Kloster taug’ ich nit. Du Maria rein, bist die Himmelskönigin und hast das größte Recht; Dein göttlicher Sohn ist ein gutes Kind, der wird Dir Deine Fürbitt’ gewiß nit abschlagen. (Stürzt nieder auf die Knie.) ’s ist ja nit von Stein, Dein Herz, und Du wirst mich nit verlassen in meiner Noth!

(In der Ferne läutet das Abendglöcklein. Alpenglühen.)

(Leise.) Ist das schon Deine Stimm’, Dein Jawort? So bedank’ ich mich viel hundertmal, und sag’ vergelt’s Gott bis in den Himmel hinauf! (Zutraulicher.) Und nachher, Du liebe, gnadenvolle Mutter Maria, weil wir so weit richtigund bekannt sein thäten, so hätt’ ich halt noch eine schöne Bitt’. ’s ist nur z’weg’n dem, weil ich — wenn ich’s auch meiner Tag nit will sagen — die Seitenpfeifen gar so von Herzen gern hör’ — und — aber für übel nehmen mußt mir’s einzig nit, schau, Du unsere liebe Frau; daß ich eine kindische Gredl bin, das weißt gleichwohl schon lang’ — und Dein lieber Sohn auch. Und ich hätt’ g’meint, weil ich schon einmal ein Dirndl bin, und weil’s schon heißt, daß der Herrgott ’s Büaberl z’wegen Unsereins g’macht, so wurd er’s nit verlangen, daß — ’s ist halt just so eine Sach’ und ich red’ mich rechtschaffen hart! Uh mein, uh mein! (Leise zum Bilde.) Der Peter liegt mir im Sinn! — ’s ist nur z’wegen dem, weil ich mich allein nit ausweiß. Treusein, dasselb’ thät ich versprechen von Herzen gern —

4. Scene.

Brandsteiner

(der gehorcht hatte, sichtlich bewegt, aber schmollend).

Immer eine Andere thät zu dieser Stund’ den englischen Gruß beten! Aber versteht sich, Du mußt extra was haben. Kannst ein saubers Gebetl da, wer hat Dir’s denn g’lernt?

Rosel

(nach einem kurzen Kampf mit sich, dem Vater an die Brust fallend).

Mein Vater, zu tausend Gott’swillen, ich weiß mir nimmer zu helfen! Die Brust möcht’ mir auseinander springen vor lauter Angst und Weh!

Brandsteiner.

Du kindisch, Du kindisch, jetzt hebst mir auf einmal so an! Was hast es nit gleich gsagt? Wenn ich weiß, daß Du nit willst fort von heim, ja so knie ich halt nieder vordiesem Kreuz und bettel dem lieben Herrgott mein Wort wieder ab. Wenn er denn schon meint, es müßt gelöst werden, mein Leben kunnt er ja nehmen dafür. Wenn nur Eins wär’, daß ich im Frieden leben und sterben kunnt, wenn er nur ein Zeichen thät geben bei diesem Baum, bei diesem Kreuz, daß er einverstanden wär’ mit meiner Bitt’!

(Ein kurzes Rauschen auf dem Baum.)

Rosel(lebhaft).

Vater, ein Vogel ist geflogen!

Brandsteiner

Sei still’, es ist schon dämmerig, ’s kunnt eine Fledermaus sein g’west.

Rosel

(gegen das Alpenglühen).

Was das für Zeichen sind, Vater, meiner Tag hab’ ich den hohen Steinkogel nit so rosenroth brennen gesehen.

Brandsteiner(für sich).

’s ist grad, wie wenn sich das Felsengebirg für mich schämen thät, daß ichdemdort oben mein Wort nit will halten. O, wenn zu dieser Stund’ nur Eins von Allen, die heimgegangen sind vor mir, zurückkommen thät auf ein Wörtl, nur auf ein Sterbenswörtl, mit der Botschaft, wie ich d’ran bin!

(Von dem Baume hört man leise das lieblich-melodische Lied auf der Flöte.)

Brandsteiner(jauchzend).

Jessas, Jessas, mein G’spiel und mein Brautliedl! Mein herzgetreu’s Weib giebt mir ’s Zeichen! Hast mich denn doch noch verstanden und giebst mir mein Wort wieder z’ruck, Dugütiger Herrgott im Himmel. (Lachend, eine Thräne im Auge). Hab’ Dich schon g’seh’n, der Peter ist oben! Ist ja allseins, meiner Seel, ’s ist ja allseins —wieder Bot’ heißt! Geh, geh, so steig aba, bist schon sicher, heut’ ist kein Bär nimmer da!

Peter

(hüpft vom Baum herab).

Hätt’s auch nimmer ausgehalten länger da oben; ist gar ein verzauberter Baum, jed’s Astl fangt zu plaudern an, schier g’freuliche G’schichten. Das ist a Baum!

Rosel

(schämt sich, zu sich).

Mein Eid, jetzt hat er Alles g’hört. Alles hat er g’hört!

Peter.

Und weil das schon so ein närrischer Baum ist, auf dem allerhand Gelöbnisse wachsen, so hab’ ich mir selber gleich auch lustig ein’s ababeutelt. Wenn ich die Rosel zum Weib krieg’, hab’ ich g’sagt, bei meiner armen Seel’, so zünd’ ich alle Samstag zur Feierabendzeit ein gluthrothes Amperl an, da beim Mirakelkreuz. Ja, ein g’weicht’s Lichtel muß unsere liebe Frau dennoch wohl haben. Und das werd’s einsehen, Brandsteinbauer, mit der lieben Frau kann Ein’s kein’ Feindschaft anheben und das Nachtlichtl könnt’s ihr nit nehmen!

Brandsteiner(für sich).

Bin selber so gewesen; im Liedl von ihr steht meine ganze Jugend geschrieben.

Rosel(verlegen).

Dasselb’ wär völlig auch mein Gedanken, ’s wär’ eine Schand’ und ein Spott und ’leicht auch eine großmächtigeSünd’, und ich denk’, das Nachtlichtl muß man ihr freilich wohl zukommen lassen.

Brandsteiner(lustig).

Nachher ging’s aus, nachher wär’ ich nimmer allein und — — ich kenn’ mich selber nit vor lauter Freud’! — Jetzt muß der Jung’ schon gescheiter sein wie der Alt’; ich will kein’ Schuld haben und Du magst selber schau’n, Peter, wie Du mitDemdort oben auf gleich kommst!

Peter.

Ich komm’ auf gleich, dasselb’ fürcht ich mich nit. (Gegen Rosel.)DerErstgeborne taugt für die Leut’: aber ich denk’, die Rosel ist nicht der letzt’ Erstgeborne auf dem Brandsteinerhof; ’leicht ist später einmal Einer dabei, der sich besser schickt in’s Haus Gottes hinein.

Rosel

(ihm den Mund verhaltend).

Ich bitt’ Dich gar schön, thu’ nichts versprechen; ’s kunnt auch keiner dabei sein — ging die z’widere G’schicht von vorn’ wieder an.

Brandsteiner.

’s ist vorbei — sie geben nimmer nach. In Gott’snam’, weil’s denn schon ist! Nachher hätt’ All’s seinen Theil; — aber mein Bruder, der Pfarrer —?

Peter.

Der kommt auf den Ehrenplatz bei der Hochzeitstafel!

(Vorhang fällt.)

Kapitelende


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