Die guldene Grethe.
E
„Es begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer desvulgoSeesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger, katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.“
So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen Papierbogen der Gemeinde vor.
Es war das Fest der heiligen drei Könige.
Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen „Krippel“ — der bildlichen Darstellung von unseres Heilandes Geburt — brannten zwei Wachskerzen, die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme.
Wenn plötzlich die Thür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die heiligen drei Könige mitsammt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und ihren Mohren und Kameelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel Aufsehen gemachtunter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein Bursche stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum, dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß wenn neun Jäger in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier Alles unterthan war weit und breit. Wenn Dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und Du stelltest Dich unter eine buschige Tanne, so standest Du unter einem Seesteiner’schen Schirmbaum; und wäre auf dem Seesteinergrunde keine Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die hunderttausend Forellen im See dazu.
Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.
Und Maria Haldegger war die blutarme Dienstmagd, im Sommer auf der Alm, wie hundert Andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel, hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.
Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hat, daß sie ihn in der halben Welt hören, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria Haldegger auf der Alm gesehen, hatte sich schauerlich in sie verliebt, und hatte ihr einen Ring geben wollen, der zweimal so viel werth war, wie das ganze Bauernhaus an der Wand. — Die Maria Haldegger aber hatte gesagt: „Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt’, aber für Guld und Geld und alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen. Wollt Ihr’s aber redlich meinen, so fragt bei meinem Pathen an; ich kann nichts versprechen.“ Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber die junge Magd hat ihm’s rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig davon gegangen bis zur nächsten Almhütte.
Zwei alte Seesteiner’sche Jäger, die hinter der Hütte gestanden, haben den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirthshause der Seeau, und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.
Da hat denn Alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen, und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt, wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und Rechenschaft abgelegt hat über Alles was sie auf der Alm zu verwalten gehabt.
Es kam der kalte Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der See. Es war stetiges Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz,vom Himmel im Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.
Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde mit dem festlichen Weihrauch und dem feierlichen Orgelklang, betete kein Mensch ein andächtig Vaterunser, und der Pfarrer am Altare selbst berechnete, was bei der Trauung des Großbauers wohl für ihn abfallen könne.
Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und die Sprenge — das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den Priester — zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines Weges.
Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: „Laß’ Zeit, Herr Bräutigam! Hast aber eilig.“
Die „guldene Greth“ war’s, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets gerötheten, zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln, wie gar Keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen, zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder gutmüthig in hohem Grade. Man nannte sie die „guldene Greth“, weil sie goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie manch’ Andere auf der Alm, „die sich im Bettlerstolz aufbläst, daß eine halbe Welt von ihr spricht“.
Die Greth ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm, aber ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen. —
Der junge Mann blieb nun auf den Ruf unwillkürlich stehen.
„Magst mich heut’ nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?“ sagte das Mädchen, ihm näher kommend.
„Der See ist gefroren,“ entgegnete Michael kurz.
„Aber ich bin’s nicht,“ rief sie, „ich weiß noch recht gut eine warme Kirchweihnacht —“
„Wo ich Dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.“
„Wo Du mich an Deine Brust gezogen hast —“
„Weil Du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.“
„Wo Du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast —“
„Weil er leichtsinnig ist und sein Lebtag Weib und Kind nicht ernähren kann.“
„Du hast damals gesagt, daß Du meine alte Mutter unterstützen wolltest.“
„Das thue ich, weil sie eine arme Frau ist.“
„Michael, Du hast gesagt, daß Du heiraten wollest, und daß Dir kein Mädchen zu arm und zu gering sei —“
„Das hab’ ich nicht vonnöthen, ich schau nur auf die Bravheit.“
„Und daß Du redlich seiest und keine betrügen wollest!“
„Das hab’ ich gesagt und gehalten.“
„Aber Du hast mich an der Hand genommen, an Deine Brust gedrückt, und ich habe den Franzl fahren lassen, undhab’ Keinen mehr angeschaut, und hab’ gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an Dich hab’ ich gedacht. — Michael, Du bist ein Falscher, hast mich betrogen. Der Teufel soll in Deine Maria fahren!“
Die Greth lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte, weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten.
Michael war aufgeregt, aber er schritt nun ruhig weiter, sein Gewissen warf ihm nichts vor. Er stieg über die Leiter die Loserwand hinan und ging über den Hochboden hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg ab, der zum Bauer an der Wand führt.
***
Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen geschüttelt. Da war es umgekehrt, wie im Sommer; die Waldwipfel waren dunkelschwarz und die Gründe waren lichtweiß. Aber da kam ein Nebel, der legte sich hin über das ganze Waldland, nur die höchsten Berge ragten aus ihm hervor und standen in der Sonne, während unten Alles versunken war in die feuchte Trübe und in die frostige Winterlichkeit. Darüber grämte sich der Wald, und er bekam einen grauen Bart, und allen Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte Ränder von unzähligen, glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte, wenn Mensch oder Thier darüber hinschritt.
Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze Waldland sei versilbert, oder sei aus weißemCandiszucker geformt. Die Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch nicht frischkalt, und es werde zu thauen anheben noch weit vor der Zeit.
Im großen Seeauer Wirthshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war eine Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau, und selbst für die Thiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die übrig gebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des Lebens freuten. Der Wirth ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß aufspunden.
Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein des Wirthshauses liebliche, blaue Rauchwölkchen auf, und ein hocherfreulicher Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber.
Der Pfarrer hatte seine Sache schier gethan; er hatte das löbliche Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzuthun pflegt, wenn einer davon sich ein Weib nimmt.
In der Kirche arbeiteten zwei Meßner, und schmückten den Altar mit allen vorräthigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom Ende des Dörfchens, die Mutter der Greth, half auch mit; sie saß in der Sacristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem Reisig einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die „guldene Greth“ aber saß daheim im Häuschen, und starrte in die verlöschende Herdgluth hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren schauderhaft verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit denFingern in die losen, geschlängelten Locken und riß und zerrte wüthend an ihnen. Dann ließ sie ab, sah auf die ausgerauften zarten Haarfäden in ihrer Faust, that einen wilden Athemzug aus der wogenden Brust und murmelte: „Was soll ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären es die von der Haldeggerin, dann wohl! Pfui, Greth, mit den Haaren fängst nicht an, das thut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig — aber in der Leut’ Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl hat er mich gebracht. Was schert mich der dalkert’ Michael mit seiner vornehmen Lahmleidigkeit — aber Seesteinerin hätt’ ich mögen sein, und sie haben mich gar schon so geheißen. Jetzt hab’ ich die Schande und den Spott, jetzt kommt Keiner mehr um mich. Jesus, ich weiß nicht, was ich thu’; wenn nur ein schwer Unglück wollt’ niederfallen, und thät’ uns All’ miteinander erschlagen! Aber ihn und sie um drei Minuten früher als mich, daß ich’s noch kunnt sehen! — —“
***
Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller loslassen, so sieht man’s von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht. Der Knall fliegt wohl über die glatte Fläche hin, doch er prallt an zahllosen Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern zahllose Echos auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt.
Heute aber hört man hier nur den dumpfen Knall, sieht aber kein Aufblitzen. So dicht liegt der Nebel über dem See, daß man ihn — wie die Leute sagen — mit einem Messer könnte in Stücke schneiden.
Es ist ein Januarmorgen. Ein großer Theil der Seeauer steht am Ufer und guckt und horcht. Jetzt fallen drüben drei Schüsse rasch nach einander, jetzt gehen die Hochzeiter ab. In einer halben Stunde sind sie da, denn über das Eis gleitet sich’s leichter mit behendigen Schlitten, als mit Kähnen zur Sommerszeit.
Eine Weile ist es still, daß man völlig den Nebelthau könnte rieseln hören; hüben kein Lärm und Laut, drüben kein Schuß. Dann flüstern die Leute wieder; sie haben dem Brautpaare alle mögliche Ehre vorbereitet. Der Schulmeister rückt mit seinen Musikanten aus, gar die große Frohnleichnamstrommel mit den mächtigen Klingscheiben wird mitgeschleppt. Keiner versucht mehr sein Instrument, es ist Alles schon gestimmt. Die Meßner in der Kirche zünden alle Kerzen an, und das ist am düsteren Morgen ein feierlicher Schein in dem festlich gezierten Raum. — Drei Jungen stehen unter dem Thurm und haben die Glockenstricke in den Händen. Sie warten nur noch auf das Zeichen.
Das Wirthshaus steht still da, aber in der großen Küche schießt ein Rudel Weiber umher, und die Herdflammen knattern wie ein wildes Schlachtfeuer.
Endlich dringt ein Jauchzen her über den See und ein Schellenklingen. Da fächelt ein Mann gewaltig mit seinem Hut. In demselben Momente klingen alle Glocken. Dunkle Massen treten auf der Seefläche aus dem Nebel hervor — rasch werden sie zu Gestalten; die Rosse traben heran, die Schlitten fliegen nach, und auf den Schlitten jauchzend und johlend und hüteschwingend die Hochzeiter.
Bums! fällt die große Trommel ein, und die Trompeten schmettern auf, und die Pfeifen jodeln drein, und von der Loserwand knallen Pöller, daß die Kirchenfenster schrillen.
Der Hochzeitszug ordnet sich rasch, und in der Mitte das schöne, schmucke Brautpaar, so zieht er zur Kirche hinan.
***
Sie knieten am Altar, und der Pfarrer legte die Stola um die Hände. In demselben Augenblick huschte die Greth an der offenen Kirchenthür vorüber, und that einen Fluch, und eilte davon.
Sie watete durch den Schnee hinaus in den Wald; die fallenden Eisnadeln strichen ihre gluthheißen Wangen. — Jetzt werden sie getraut, dann ist diese Haldegger Seesteinerin. Ist sie reicher, vornehmer, besser wie ich? — Mir hat er’s verheißen, ihr hält er’s; jetzt reicht er ihr den Ehering. Dann ist lustige Hochzeit den ganzen Tag, und sie heben die Gläser und Trinken zum Gutleben, und sagen Ehrensprüche für das Brautpaar, und singen Spottlieder auf die guldene Greth. — Und wenn der Abend kommt, da fahren sie wieder über den See, fahren ein in den Hof —
Eine unbeschreibliche Gewalt wüthete im Busen der Dirne. Sie eilte am Ufer des Sees dahin; dann rief sie laut: „Und wär’ das Wasser auch nicht zugedeckt, hineinspringen thät’ ich nicht! Ja, wenn ich sie mitreißen kunnt, All’ miteinander — nachher mit Freuden — mit Freuden!“
Sie raste fort. Sie kam in Gefälle und auf wüste Gründe; Rehe und Füchse und wildes Geflügel spürte sich im Schnee. „Jetzt gehe ich und zünde den Seesteinerhof an,“ sagte sie und eilte weiter. Sie lief über den See, sie war gehüllt in Nebel, kein Mensch konnte sie von der Ferne sehen.
Sie kam an’s Ufer. Der Hof lag still da; die Eiszapfen der Dächer troffen rings umher, oder fielen klirrend zu Boden; das war die ganze Wache.
Seitab stand ein Fischerhäuschen. Der alte Fischer Wolf saß davor auf einem Bänklein. Er rauchte eine Pfeife, und zog jedes hervorgeblasene Wölkchen fast gierig mit der Nase wieder an sich. Das ist ein Tabak, wie ihn sonst kein Fischer raucht; der Kaiser raucht ihn. — Der Seesteiner hatte dem Alten zur Hochzeitsfreude eine ganze Schachtel davon bringen lassen. So ein Kraut! Das ist dem Alten das höchste Ereigniß in seinem Leben; die Eisdecke möchte er aufreißen und es den Fischen zurufen: „Laufet, laufet, laufet euere guten Wege; ich rauche Kaisertabak!“
Die Greth schritt rückseits des Häuschens vorüber und schlüpfte durch ein Thürchen in die Stallungen. Kein Mensch war da; Alles ruhig und verlassen. Große Heu- und Strohvorräthe waren hier aufgehäuft; ganze Wände von Hafer- und Roggengarben, noch theilweise mit den Fruchtähren, waren geschichtet und darüber spannte sich das mächtige Gebälke des Dachstuhls und das weite, hohe Schindelgedache. An diese Stallung schließen sich andere Scheuern, Fruchtkammern bis hin zu dem weitläufigen Wohngebäude. — „Das ist Dein Hof, Du schöner, stolzer Seesteiner Michael. Wenn die Brautleute heimkommen, wird’s recht warm eingeheizt sein. Aber so viel finsterer Nebel wird sein, daß sie gar das Haus nicht mehr finden. Morgen stellt Dir der Pfarrer einen Brief aus: ‚Brandsteuerschein für Michael Rehling.‘“ —
Die Greth sucht aus ihren Taschen Zündzeug hervor, da hört sie unter ihren Füßen poltern. Sie erschrickt, legt sich auf den Boden und guckt durch die Bretterfugen hinab. Da unten stehen und kauern an den Barren die Rinder in ganzen langen Reihen. Dort steht eine Kuh und daneben hüpft ein junges, falbes Kälbchen flink umher und legt seinen Kopf anden Hals der Mutter, um den die Hängekette liegt, und macht große, kluge Augen.
Das stoßt der Greth an’s Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger Strich mit dem Zündhölzchen ist nöthig, und es prasselt und schmettert das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Thiere brüllen, sie hängen an der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum Ausgang, es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken nieder — —
Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine Magd sah zum Fenster heraus: „Uh, da läuft die guldene Greth vorbei, ist die denn heut’ nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken? Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem bösen Feind!“
Die Greth eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.
Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.
Grethe fühlte, daß sie unsäglich einsam war. — Ueber dem Haupte die dichte graue Hülle; der Himmel hat seine finstersten Wolken auf sie niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluthen — ist das eine trübe, kalte Welt!
Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das aufwallende Blut.
So floh sie über die Oede dahin, sie war das einzige Menschenwesen hier, über und unter den Gewässern. Dastand sie plötzlich still, sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe, zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder Alles still. So still und lind war’s auch in jener Sommernacht gewesen, da sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte: „Margarethe, schlag’ Dir den Franz aus dem Kopf, der bringt Dich nur in’s Unglück. Schau gut auf Deine alte Mutter; leidet sie Noth, so stehe ich Euch gern bei.“ Später sagte er das vom Heiraten, und daß ihm Keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. — Jetzt sitzen sie im Wirthshaus bei der Hochzeitstafel. —
Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen, und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und Zack fliegt eine dunkle Linie — ein Riß — — es berstet das Eis.
Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken; sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich aufthun.
Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.
Die Greth geht noch eine gute Strecke dahin — der See ist breit — und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des Wirthshauses ziehen breite, röthliche Bänder hinaus in den Nebel. Die Greth hat Hunger und Durst, und da oben ist Ueberfluß, da oben ist Pracht und Stolz. Die große Seesteiner-Hochzeit!
Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser Wintertag. — Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder flattern in der Nacht — der Boden kracht — wankt. — Glückliche Fahrt, Seesteinerleut’! — Es muß so sein, der Himmel will es selbst so haben. Der Michael hat ein Herz gebrochen, nun will er mit einer Andern in die Brautkammer gehen; aber das Brautbett ist im See, im tiefen, kalten Seegrund. Sie, die Greth, thut nichts dazu, Gott hat’s gestellt — sie weiß es nur um eine Stunde früher. —
Hunger und Durst ist vergessen. Die Greth schleicht durch die Dorfgasse und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte Fischer ist’s; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht aber nicht.
„Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,“ murmelt er, „’s ist wohl wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen aber den Kahn; der Weg um den See herum ist zu weit und toll verschneit.“
Der Greth fährt’s durch den Kopf: Der Alte geht geradewegs in’s Wirthshaus, verräth die Sach’ und kehrt Alles um. — Sie eilt auf ihn zu: „Gut, Wolf, daß Ihr da seid, hätt’ hinüberlaufen sollen zu Euch, Ihr sollt geschwind aber geschwind zum Bauer an der Wand hinauf, und schrecket Euch nicht, ich denk’ ’leicht gar, Eure Schwester liegt im Sterben!“ Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte dem Rachegefühl.
Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon jahrelang krank.
„Ei schau, die Kath,“ sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden, „will’s Dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist schon allweg so übel gewesen auf Dich, ist der lieb’ Herrgott doch so gut, und nimmt Dich zu sich. — Ja, ja, ich komm’ schon. Dank Dir Gott, Greth!“ — Er steckte die Pfeife in den Sack, und holperte hastig die Dorfgasse entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der Loserwand hinan und ging hin über die Höhe.
Die Greth eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das Mädchen lief seitab.
***
Es war nicht so arg mit der alten Kath; es hatte auch kein Mensch nach dem Bruder geschickt. — „Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu lügen auch schon an! — Na, weil Du nur nicht schlecht bist, Kath; jetzt geht der Winter vorbei, ich mein’, Du stehst mir wieder auf.“ So sagte der alte Fischer, dann ging er bald wieder davon.
Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, es zog ein frisches Lüftchen. — Die Hochzeiter werden doch nicht schon abfahren? dachte der Alte, sie wissen es etwa nicht, daß draußen von der Hirschwand herüber der See einbricht. — Ei, ja, die bleiben heut’ schon noch eine Weil’ beisamm’; ’s ist nur, daß ich mich völlig nit in’s Wirthshaus trau’, sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein Glasel sollen einschenken. Thun wird er’s gern, der Seesteiner, thät’s aber nicht verlangen; ich hab’ schon meinen Theil und bin zufrieden. — Der Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte recht hastig dahin.
Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter.
Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig spät in das Dorf hinab.
Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen. Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rothschimmernde Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer.
Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt.
Den alten Fischer erfaßt eine fürchterliche Angst. — Sie rennen in ihr Verderben und er kann nicht hinab, um sie zu warnen. Er läuft über der Felswand hin und her, und weiß es doch, es giebt keinen Abstieg. Er hebt an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik, schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen, er hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da trennen sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den See.
Der Alte ist in Verzweiflung. Er brummt über das rasche Heimfahren heute, wo man doch sonst die halben Nächte im Wirthshause verschwärmt, er flucht über den Leichtsinn der jungen Leute, die außer ihrem Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie haben kein Thauwetter wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im letzten Jahr das Eis erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch so sein.Die merken’s nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht, Jesus, und nachher ist Alles vorbei! —
Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln waren wie zwei Sternchen.
Der Alte starrte hinaus und hielt den Athem an, als wäre sein warmer Hauch im Stande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden, ja siemüßtenstehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen glitten weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände zusammen und rief wild aus: „O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel für sie! Ist der Seesteiner nicht allweg ein braver, wohlthätiger Mensch gewesen, und sein junges Weib von Herzen gut und rechtschaffen! O Gottesmutter Maria rein, so nimm sie Du in Deinen heiligen Schirm!“
Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten verschwunden.
In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutrother Schein auf. — —
***
In den zwei größten Stuben des Wirthshauses war die Hochzeitstafel abgehalten worden. Lust und Frohlocken war überall, und Alle sahen in dem jungen Brautpaar ihren König und ihre Königin.
Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners und seiner anmuthigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem lächelnden Ehepaare anstieß,ging sein Glas in Scherben, und der Wein löschte gar eine Kerze aus und ergoß sich über den Tisch.
Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im Vorhause gellte ein wildes Auflachen.
Die Grethe war’s, die eine Weile an der Thür gestanden und durch das Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie in Ueberfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie auch.
Die Wirthin sah sie wirklich stehen im Vorhause, und sagte: „Geh’ her, Greth, magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.“
Im selben Moment aber zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die Greth auf, und verließ das Haus.
Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die Eisdecke krache. Sie hörte nichts — ja, das Wirthshaus hörte sie, und den Jubel, und immer nur das.
Da kamen sie endlich gar mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden, da duckte sich die Greth hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse Alles auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja keine Verbrecherin, sie war unschuldig — der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das Eis bricht selber ein. — Laut war’s am Ufer, aber zum erstenmal war’s, daß die Greth das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen in’s Fleisch.
Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten nach rückwärts, wie blutrothe Fähnchen.
Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und that einen heiseren Schrei. — —
Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine Augen.
Die Greth lief durch die Dorfgasse und rief: „Eilet, eilet zu Hilf’, das Eis bricht ein!“ Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenthurm war gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten. „Kein Mensch holt sie mehr ein!“ schrie das Mädchen und schlug sich in’s Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen schwebten die zwei glühenden Aeuglein.
Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und that einen fiebernden Athemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor, eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimst. Die Grethe kehrte um. Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit unter das Strohdach.
Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte, leuchtete.
Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände oben war ganz roth, auf der Seefläche spiegelten sich die Flammen.
Während die Leute herbeieilten, und die Achseln schüttelten, weil nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habewahrten, irrte die Greth draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, sie standen auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen. Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken.
Was da hinter ihr vorging in der Noth des Feuers, in der Verwirrung des Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst die zwei Aeuglein auf dem See. — Und siehe, endlich leuchteten sie heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Greth auf, und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.
Sie waren gerettet.
Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden in die Zügel. „Was ist’s, wo brennt’s?“ rief der Seesteiner aus dem Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.
„Dasist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!“ sagte ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen Weibe den Arm zum Aussteigen gab.
„Nu, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist wohl vorüber, der Gstettnerin ihr Häusel ist halt niedergebrannt. — Eine Närrische haben wir auch im Dorfe. Ist’s denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?“
Die Brautleute sahen sich an, und sagten kein Wort. — Das Eis bricht ein auf dem See! — Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie erbleichten.
Die alte Gstettnerin hatten sie in’s Wirthshaus zurückgebracht; sie verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie mit kläglicher Stimme.
Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andermal: „Das Eis bricht ein!“ Und dann lächelte sie. Flämmchen wollten emporhüpfen in ihr goldiges Haar. Es war ihr aber kühl, ach, die Welt war für sie so kalt. Dort stand der kleine Feuerherd — jetzt dachlos in der Nacht; die Grethe kletterte über kohlende Trümmer zu ihm hin.
Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von der rauchenden Brandstätte entfernen.
„Gehet, gehet Eures Weges,“ rief sie ihm zu, „und wollet Ihr zum Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis. — Ich habe geschwind das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.“ Sie sagte ihm noch ein Wort, darob der Alte das Haupt schüttelte. Er eilte zum Wirthshaus und rief schon zur Thür hinein: „Gebt, Leute helft mir die Greth von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!“
Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am Herde kauern — erstickt und verbrannt.
***
An dem Tage, als die arme Grethe begraben wurde, schnalzte und krachte es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.
Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine gesicherte, warme Stubebereitet war. Auf dem Landwege ging der Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem jungen Ehepaar, und wie es die heitersten Tage des Lebens begehe.
Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem schönen sonnigen und lebendigen Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt, ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.
Heute noch steht dort das hölzerne Kreuz, und folgende Worte sind darauf geschrieben:
„Hier ruht die guldene Grethe,Geläutert hat sie erst der Tod;Sie starb in Lieb’ und FeuersnothGedenk’ an sie und bete!“
„Hier ruht die guldene Grethe,Geläutert hat sie erst der Tod;Sie starb in Lieb’ und FeuersnothGedenk’ an sie und bete!“
„Hier ruht die guldene Grethe,Geläutert hat sie erst der Tod;Sie starb in Lieb’ und FeuersnothGedenk’ an sie und bete!“
„Hier ruht die guldene Grethe,
Geläutert hat sie erst der Tod;
Sie starb in Lieb’ und Feuersnoth
Gedenk’ an sie und bete!“
Kapitelende