Eine mit Geld.
D
Der Junge, der Samuel, trieb’s, — er trieb die Ziegen auf die Weide und hütete sie.
Er suchte sich Himbeeren auf und Brombeeren, und aß, und war er satt, so pflückte er sie in einen Korb, und war der Korb voll, so aß er wieder, und war er das anderemal satt, so legte er sich in den Schatten und schlief. Schlief und träumte von Roß und Reiter, oder von der Marianka, oder von seinem Vater mit den Silberlingen.
Diese Silberlinge!
Diese sollen noch von dem dreißigjährigen Krieg hergerührt haben — vielleicht eines braven oder schlimmen Söldners Sold; den Besitzer wechselt das Geld, aber es ist ihm niemals anzusehen, in wessen Händen es gewesen ist; und so weiß man auch von der Geschichte der Silberlinge nichts Rechtes. So viel steht fest: aus jener kriegerischen Zeit stammend, waren sie gewohnt, vergraben zu sein. Und so hielt sie der Sammel — der alte — denn begraben, nicht in einem ehernen Sarge, sondern in einer eisernen Wiege, denn nicht todt waren sie, sondern im Schlafe lagen sie und einer glorreichen Urständ schlummerten sie entgegen. Doch sollten sie — wie Kaiser Rothbart — so lange als möglich schlummern und nur zur Zeit der größten Noth gewecktwerden. Das war der für den alten Graben-Sammel alleinseligmachende Glaube und diese Religion lehrte er auch seinem Sohn.
Und als der Alte starb, sagte er zum Jungen: „Mich — thust am besten — grabst ein, aber den Schatz — wenn Du einmal auf ihn anstehst — grabst aus. Er liegt oben unter der Söllertann’ vom Stamm gegen Sonnenaufgang fünf Schuh tief vergraben. Thu’ ihn grüßen!“
Der junge Sammel that’s, legte den Vater in die Kühle und sah sich nach dem Schatz um. Es war in der Richtigkeit, in einem eisernen Topf wohl verwahrt, verdeckt mit Stein, verklebt mit Harz, ruhten friedlich neben einander und über einander die lieben Silberlinge, die Bildnisse jener Fürsten und Feldherren, die voreinst so mörderisch gegen einander Krieg geführt hatten. Der junge Erbe dachte nicht sowohl daran, wer sie waren, sondern weit mehr daran, wie viele ihrer sein mochten im Topfe. Er zählte die Silberhäupter, so ehrwürdig alt, und wieder so jugendlich glatt und klingend. Es war eine große Heerschaar; der junge Sammel hätte damit ohne Blutvergießen einen siegreichen Feldzug halten können. Aber er beschloß, den schweren Eisentopf wieder in die fünf Schuh tiefe Rast zu legen, und nach des Vaters Wort die Recken erst zu rufen zur Zeit der Noth.
Er konnte demnach fröhlich die Ziegen weiden und sorglos unter dem Schatten ruhen — zuweilen sogar bei den Seinen in der Nähe der Söllertanne.
Unter ihr selbst aber nie — schon um keinen Verdacht zu erregen. Die Tanne stand nicht auf seinem, sondern auf des Söllerbauers Grund. Der Graben-Sammel hatte keine Scholle zu eigen. Doch war der Schatz unter der Tanne gut geschirmt, selbst wenn der Baum zusammenbrechen sollte,selbst wenn — kurz in allen Fällen. Der Boden war steinig und unfruchtbar und nur von wilden Büschen bewachsen; da konnte es Niemandem einfallen, zu pflanzen, zu ackern — und selbst in diesem Falle lag die eiserne Wiege so tief, daß sie nicht entdeckt werden konnte.
Es hätte sich Alles fein geschlichtet — wäre nur die Marianka nicht gewesen.
In den ersten Jahren ging’s ja noch. Da gesellte sich der Sammel — wollte er sich überhaupt gesellen — gern zum Förster, der oft durch den Wald kam und Verschiedenerlei zu erzählen wußte von Hirschen, Rehen und Raubvögeln. Je größer der Sammel wurde, desto reizender beschrieb der Förster das Pürschen und desto nachdrücklicher warnte er den Jungen vor dem Wildern. Das verdroß den Sammel, und er ging dem Jäger nicht mehr zu, er lag im Waldschatten und dachte an die Marianka.
„Was lobt er mir denn die Jägerei, wenn sie mir verboten ist! Bei der Marianka hat er nichts zu loben und nichts zu verbieten. Die Marianka, das istmeinRevier.“
Die Marianka war die Tochter des rothen Fok, eines Einwanderers aus dem Böhmerlande, der seit etlichen Jahren beim Söllerbauer wohnte, das Teichgraben, Pechsammeln und Branntweinbrennen betrieb, rothe Haare, einen rothen Bart, ein rothes Gesicht, einen rothen Namen und eben auch die blühende Tochter Marianka hatte.
Die Marianka war beim Söllerbauer als Schafhalterin, und kam schon die Zeit heran, wo die Hirtin weniger sicher ging vor den Burschen, als die Schafe vor den Wölfen.
’s war kein Wunder — bei meiner Treue! Wenn sie stand auf dem Hügel und Schelmenliedchen sang, oder wenn sie saß, gelehnt an einen Stein und sann und im Sinneneinschlummern wollte, da war sie werth, daß man sie lieb hatte, da war sie werth, daß man sie herzte, und da war sie im Stande, daß sie Einem eine kecke Ohrfeige gab.
Das war’s ja! Wem’s passirt ist, der denkt nicht gern daran, wem’s nicht passirt ist, wie etwa dem Sammel, der denkt an’s Mädchen im Walde, an sein Weilen bei ihr — aber spricht nicht gern davon.
Der Sammel und die Marianka — nun, Ihr mögt Euch’s ja denken. Am liebsten hätte der Grabenbursch auchdiesenSchatz vergraben — so eifersüchtig war er. Ihr erging es nicht besser, und wären wir jetzt mitten in der Liebesgeschichte.
Da sagte der rothe Fok eines Tages zum Graben-Sammel: „Na, junger Kerl, willst sie nehmen, die Marianka?“
„Was giebst d’rauf?“ fragte der Bursche.
„Was ich d’rauf geb’? So groß ist Deine Lieb’?“ begehrte der Fok auf. „Was ich d’rauf geb’? Nicht einen Knopf. Erstens hab’ ich nichts, und hätt’ ich was, so thät’ ich’s zweitens selber brauchen. Mein Alles ist die Marianka, und was sie kostet, das muß sie werth sein.“
Schlich der Sammel davon. Aber nach etlichen Tagen erhielt der Fok durch den Schulbuben des Söllerbauers folgenden Brief:
„Lieber Fok!Ich liebe die Marianka von Herzen und mit Schmerzen, und sie heiraten ist mein ernstlicher Willen, aber umsonst thue ich’s nicht. Ein Weib, das Geld hat, bleibt lang’ schön, hat mein Vater gesagt. Ich weiß Keine, aber ich such’ Eine mit Geld; denn ich habe auch nichts. So lang’, bis ich eine Rechte finde, werde ich die Marianka noch lieb haben. Dein aufrichtigerSammel.“
„Lieber Fok!
Ich liebe die Marianka von Herzen und mit Schmerzen, und sie heiraten ist mein ernstlicher Willen, aber umsonst thue ich’s nicht. Ein Weib, das Geld hat, bleibt lang’ schön, hat mein Vater gesagt. Ich weiß Keine, aber ich such’ Eine mit Geld; denn ich habe auch nichts. So lang’, bis ich eine Rechte finde, werde ich die Marianka noch lieb haben. Dein aufrichtiger
Sammel.“
So ein Brief da!
Aber der Fok war nicht einmal sehr überrascht. Er gewann Achtung vor dem Burschen. Was der Sammel wollte — war es nicht ganz ehrenwerth? Die reichsten Leute thun’s, Vernunftheirat nennen sie’s. — Die Armen haben um so mehr Grund dazu. Eine mit Geld!
Anders ging’s dem Liebhaber. Der war dem Schulbuben eine lange Strecke nachgelaufen, um ihm den Brief wieder abzunehmen. Der Knabe aber meinte, der Sammel wolle den Botenlohn wieder zurück haben; er lief daher, was er konnte, um sich und den Botengroschen in Sicherheit und das Schreiben an den rechten Mann zu bringen. Der Grabenbursche war nun in Verzweiflung; denn plötzlich war ihm jetzt das — was man Herz nennt — rebellisch geworden und rief: Jetzt hast Alles verdorben. Ist mir die Marianka hin, so lauf’ ich Dir auch davon, häng’ Du an meinerstatt den Geldbeutel in die Brust!
Den Geldbeutel? Die Silberlinge?
In einer Mondnacht ging der Sammel hinauf zur Söllertanne, grub den Topf aus, zählte die Münzen, ob er’s denn wagen dürfe, mit ihnen den kostspieligen Ehestand anzutreten. Jammerschade wär’s wohl um dieses schöne Geld! — Er grub es noch tiefer ein und murmelte: „Wird’s wie der Will’, ihr bleibt da drin liegen. —Ichhab’ zwei Hände,siehat zwei Hände, sind deren vier, der Mägen dieweilen nur zwei. Mit Gotteshilf’ dürft’s gehen auch ohne Topf.“ —
Freilich hat er nicht bedacht, daß Tannenbäume Ohren haben können, insonderheit wenn Pechschaber sitzen im Geäste. Pechschaber, die in der Nacht schaben, weil es ihnen beim Tag nicht immer erlaubt ist.
Zur selbigen Zeit — er wurde gesehen — ging der Fok einmal wie gewöhnlich mit seinem Pechsack aus — und hatte auch eine großmächtige Kraue bei sich.
Und der Sammel ließ es nun ein Weilchen anstehen, spähte aber an Sonntagen nach den Mädchen der Gegend aus. Die Wohlhabenden waren meist schon versprochen, weil die Mehrzahl der Burschen so liebt, wie der Sammel. Die Reichen waren hochmüthig, weil die Mehrzahl der Mädchen so denkt, als wie die Burschen: Lieb’ ohne Geld ist kein Schick auf der Welt. — Zudringlich und fügsam waren nur die Armen, die Häßlichen und die Alten. Die Marianka — die arme — wurde ganz blaß und tiefäugig vor Kränkung, und alle Gedankensünden, die sie am Osterfeste zu beichten hatte, betrafen den Grabenburschen.
Oft und oft ging sie hinaus in den finsteren Wald und hatte fromme Vorsätze und bekränzte das alte Muttergottesbild, welches an einer Eiche hing, auf die gute Meinung, daß ihr der liebe, verteufelte Sammel nicht sollte verloren gehen.
Der Sammel hütete stets seinen Schatz unter der Tanne. Nun eben ja, warum nicht?
Da sah er eines Tages im Frühling, wie der Söllerbauer auf seinen Feldern die ausgeackerten Steine sammeln und dieselben unter der Söllertanne zusammenführen ließ. — Da haben sie gut liegen, wenn sonst auch nichts will wachsen.
Bald war über den vergrabenen Silberlingen des Sammel ein breiter, hoher Steinhaufen geschichtet. Im ersten Augenblick entsetzte sich der junge Mann darüber, im zweiten dachte er: Was denn? Um so besser geschützt ist das Geld; und mir soll das ein Zeichen sein, daß ich einer Heirat wegen die schönen, alten Silbernen nicht heben werde.
Er litt Liebesnoth, schien aber an das Freien nicht mehr zu denken.
Da kam eines Tages der Fok zu ihm: „Na, Bärenhäuter, hast denn keine Schneid’ mehr? Willst die Marianka?“
„Zahlst die Hochzeit? Zahlst die Kinderschuh’?“
„Die Hochzeit, bei meiner Seel’, die zahl’ ich. Und die Kinder verliebter Leut’ gehen barfuß. Aberst — daß ich Dir’s schon sag’ — zubind’ ich ihn nicht, den Geldbeutel, vor meiner Tochter! Ist auch nichtvield’rin, etlich’ Gulden des Jahr’s — so lang mir der Herrgott die Gesundheit schenkt — etlich’ Gulden fallen schon aus. Ein Hunderter zum Anfangen — was meinst?“
Ein Hunderter zum Anfangen, da kann man schon was meinen!
„Ist eine Red’, Fok,“ sagte der Sammel, „ich pack’ sie zusamm’!“
„Eine Red’!“
Ein Wort — ein Mann. Das Wort war für den Fok, der Mann für die Marianka.
Bald darauf wurde das Kirchenthor bekränzt. Das waren die Kränze, welche das Muttergottesbild im Walde der Marianka zurückerstattete — die Hochzeitskränze.
Am Tage nach der Hochzeit legte der Fok einen nagelneuen Hunderter auf den kleinen Tisch im Grabenhäuschen, dabei drückte er das eine Auge zu, so daß die Marianka sagte: „’s wird nicht der letzte sein, Sammel, so oft er ein Auge zuthut, ist allemal was dahinter.“
Da hat der Mann das Weib in Freuden umfangen. Mitunter ist die Liebe ein Feuer, das mit Geld genährt werden muß. Gar manche wärmende Herthaflamme in Stadt und Land würde ohne solche Nahrung verlöschen.
Um dieselbe Zeit war’s, daß sich der Fok das unfruchtbare Stück Boden an der Söllertanne erwarb, sich hart am Steinhaufen eine Hütte aufrichtete und eine kleine Branntweinbrennerei anlegte. Auf den nahen Wildflächen wuchsen so viele Vogel-, Heidel- und andere Beeren und allerlei wilde Baumfrüchte, aus denen der gescheite Fok mit seiner Retorte den guten Geist hervorzubeschwören verstand, der in ihnen stak.
Der Schwiegersohn wußte wieder nicht, sollte er sich ärgern oder freuen darüber, daß der Alte seinen Silberschatz gewissermaßen in Belagerungszustand versetzt hatte, doch kam der Sammel auch hierin wieder folgendermaßen in’s Reine: Der Schatz ist sicher unter dem Steinhaufen, aber er ist noch sicherer, wenn neben dem Steinhaufen wer wohnt. Nur zu wissen braucht er nichts davon, mein lieber Schwiegervater, der Branntweinbrenner. — Der Sammel fürchtete nur Eins: es könnte der Fok auf dem Steinhaufen einmal ein blaues Flämmlein sehen, oder ein geisterhaftes Winseln hören, wie derlei an Stellen, wo Geld vergraben liegt, gern vorkommt. Er fragte daher den Branntweinbrenner einmal: „Glaubt der Vater Fok an Geister?“
„Freilich,“ antwortete Jener, „ich leb’ ja davon, und — nimmt man’s recht, Du auch.“
„Und was denkt Er über der Leut’ Reden von vergrabenen Schätzen?“
„Narr!“ rief der rothe Fok, „wer wird denn seinen Schatz vergraben! Vor Zeiten hat man’s gethan; heutzutag braucht Jeder den seinen im Haus.“
Der Sammel war beruhigt. — Der Alte weiß nichts von seinen Silbernen in der Erde. — Er, der Sammel, kam zwar auch nicht zu ihnen, denn der Fok ist fast immer zuWeg und der Steinhaufen läßt sich heimlich nicht so leicht abtragen. — So mag das Geld in Gottesnamen ruhen bis auf spätere Zeiten. Der Graben-Sammel braucht’s jetzt ja nicht; er verdient sich, sie verdient sich und jedes Jahr kriegen sie ein Sümmchen vom Schwiegervater.
’s ist eine prächtige Ehe. Ein paar Kindlein rücken an, sie brauchen nicht barfuß zu gehen. So lieb ist’s, wenn sie mit ihrer Mutter auf’s Feld trappeln, und sie weist ihnen die Frucht, die aus der Erde herauf steigt, wo sie vor Monaten begraben worden war. Das Vöglein pickt noch Korn auf. Die Marianka ahnt nichts von einem zu tief vergrabenen Korn, das ein schlauer Vogel ausgehoben und auf fruchtbares Erdreich gebracht hat. Des Sonntags, wenn das Ehepaar in die Kirche geht, sieht es ganz stattlich aus und der Pfarrer stellt es als Muster allen Eheleuten auf. Zu einem guten Theil war es wohl der jährliche Geldbetrag, der das Glück in’s Grabenhäuschen brachte, indem er davon die Noth und den Kummer verbannt hielt. Die Leutchen arbeiteten und sparten, sowie es der Sammel gewohnt war und die Marianka gelernt hatte, und wäre das insoweit eine ganz moralische Erzählung.
Im neunten Jahre ihrer Ehe sagte der Sammel einmal zu seinem Weibe: „Was ich ein Narr war, daß ich Dich ohne Geld nicht hab’ nehmen wollen! Du bist ein treues Weib, ein arbeitsames, ein häusliches Weib, eine rechtschaffene Mutter. Du bist mein Schatz und einmal will ich Dir noch eine rechte Freude machen. Marianka, ich habe ein Geheimniß — noch von meiner Junggesellenschaft her.“
Die Marianka erschrak. Aus seiner Junggesellenschaft? Das kann was Sauberes sein. —
Der Fok war betagt geworden. Stundenlang saß er auf dem Steinhaufen und sein rothes Haar wurde fahl, und seine Wangen waren noch roth, wenn die Enkelkinder spielten am Steinhaufen zu seinen Füßen.
„Ihr Kinder,“ sagte er einmal, „was wird’s sein, wenn Euer Aehndl (Großvater) nicht mehr dasitzt auf der Wacht, wenn Euer Vater die Steine auseinanderwirft?“
Einige Tage nachher war er gestorben, war todt gefunden worden draußen im Walde und auf der Bahre heimgetragen und begraben.
Gestorben, begraben — und von dieser Zeit an blieb das Jahrgeld aus. Der Fok hatte nichts hinterlassen, als die Bretterhütte, die armselige Schnapsbrennerstätte und ein paar alte Plutzer.
Da dachte der Sammel: Wie gut es ist, wenn man sein Erspartes hat! Jetzt will ich meinem braven Weibe die Freude machen.
Und eines Abends nahm er den Spaten und den Korb und sagte zu ihr: „Also jetzt geh’ ich!“
„Wo willst denn heut noch hin?“
Da war er schon davon. In der Vollmondnacht ging er zur Söllertann’, warf den Steinhaufen auseinander, grub die Erde auf — sie lag nicht allzufest, doch gab’s ein schweres Stück Arbeit. Schon klang der Finkenschlag aus der Tanne und der Sammel war noch immer nicht beim Topf. Er verdoppelte seine Hast, bohrte tiefer und tiefer — und wenn er durch die ganze Weltkugel ein Loch graben muß — der Sakermenter wußte, daß sie rund ist — er giebt’s nicht auf, bis er den Schatz gefunden. Endlich, als über dem fernen Waldessaum das Morgenroth glühte, war der Schatz erreicht.
Dieser fand sich gut verwahrt und mit Harz verklebt, aber als ihn der Sammel hob, war er schreckhaft leicht. Mit zitternder Hand riß er den Deckel herab, und siehe — siehe — alles Silber war dahin.
Hingegen aber!
Hingegen lagen im Topfe nagelneue Banknoten — nagelneue, die erst vor wenigen Monaten in Umlauf gekommen waren. — Und als sie der Sammel in wirrer Aufregung zählte und wieder zählte, da gaben sie eine bedeutend höhere Summe, als jene des Silbers gewesen war. Und tief unten auf dem Boden des Topfes lag ein beschriebener Zettel:
„Mußt mir schon verzeihen, Schwiegersohn, daß ich von den Jahreszinsen Deines eigenen Geldes die Aussteuer meiner Tochter bestritten habe. Ich selbst bin arm wie eine Kirchenmaus, und Euch Zwei hätte ich doch gern glücklich gesehen. Ganz sind die Zinsen darauf nicht hingegangen, den Rest lege ich hier in den Topf zum Capital, das durch den Austausch des Silbers um’s Papier selbst eine größere Ziffer bekommen hat. Der Topf ist neun Jahre lang leer gewesen. Ich hätte anstatt der Banknoten auch das Sparkassebüchel hineinlegen können, aber Du weißt etwan gar nicht, was das ist, und hättest es im Zorne können vertilgen. — Schwiegersohn, treib’s fort, wie ich’s getrieben habe, laß’ das Geld wachsen, es arbeitet für Dich und Deine Kinder, und sei nicht übel auf den alten Fok, der es gut mit Euch gemeint hat.“
„O, du alter, siebendoppelter Fuchs! Hast Du mich aber was zum Narren gehalten!“ brummte der Sammel, und in demselben Athem: „Na, vergelt’ Dir’s Gott, vergelt’ Dir’s Gott!“
Das Loch warf er mit Steinen voll; die Banknoten trug er heim zu seinem Weibe: „Siehst Du, daß ich mein Erspartes hab’!“
„Jeses und Josef, wiesodenn?!“
„Verliehen war’s!“
Und hat sie in dem guten Glauben belassen, als wäre ihre Aussteuer die heilige Ersparniß ihres Vaters gewesen.
Wer heute freien mag, ich rathe ihm des Graben-Sammel’s älteste Tochter an, eine Brave, Saubere — Eine mit Geld!
Kapitelende